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Teil I
„Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. (...) Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden" (Ruth 1, 16f.).

Bei Trauungen ist dieses Wort oft zu hören.
In den Augen sammeln sich Tränen der Rührung und des Glücks.
Eltern und Großeltern haben einen Kloß im Hals. Wie schön das ist: Da wollen zwei zusammenbleiben; komme, was mag.
Die Verse, die Sie eben gehört haben, stammen aus der Bibel, dem Buch Rut.
Dort aber flüstert das kein Bräutigam seiner Braut ins Ohr. Dort sagt das eine junge Frau, Rut, zu ihrer Schwiegermutter.
Und die Lage, in der die beiden sind, ist alles andere als romantisch.
Beide haben ihren Mann verloren. Und das weit weg von ihrem Zuhause. Weit weg von dem, was ihnen Sicherheit und Geborgenheit geben könnte. Sie sind in der Fremde.
Und fremd fühlen sie sich auch auf dieser Welt.
Noomi, so heißt die Schwiegermutter, sagt zu Rut:
„Am besten, du kehrst wieder zurück in die Familie, aus der du stammst."
„Am besten, du läßt dir von deiner Familie und deiner Verwandtschaft helfen. Die können das auch.
Es wird für dich, meine Schwiegertochter, schon alleine schwer genug. Da musst du dich nicht auch noch um eine alte Frau wie mich, um deine Schwiegermutter, kümmern".
Aber Rut will nicht.
Sie fühlt: Das Einfache ist nicht immer das Richtige.
Außerdem: Für Rut gibt es kein Zurück mehr. Denn da, wo Rut herkommt, ist kein Zuhause mehr. Kaum jemand dort weiß, was sie seitdem erlebt hat. Kaum jemand dort teilt mit ihr, was seitdem mit ihr geschehen ist; was sich seitdem in ihr verändert hat.
Dort ist sie immer noch die kleine Rut - so, wie sie die meisten in Erinnerung haben: als das sorglose und verträumte kleine Mädchen.
Aber dieses sorglose und verträumte Mädchen gibt es schon lange nicht mehr. Sie ist eine erwachsene Frau geworden.
Noch immer hat sie Träume. Und noch immer liebt sie das Leben - vielleicht mehr als jemals zuvor. Aber jetzt liebt sie das Leben am meisten dort, wo es Gewicht hat, wo es ihr etwas abverlangt und sie fordert - nicht dort, wo es besonders einfach ist.
Ich kenne Menschen, denen es das Leben wie Rut nicht immer leicht gemacht hat. Denen es zuweilen schwerfiel, ihren Weg zu gehen.
Für die es Zeiten gab, in denen sie sich fremd gefühlt haben auf dieser Welt - da, wo sie gerade waren und bei den Menschen, mit denen sie gerade zusammen waren.
Und die sich dann entschieden wie Rut, nicht zurückzugehen, sondern vorwärtszugehen - gemeinsam.

Teil II
„Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. (...) Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden" (Ruth 1, 16f.).

Das war ihr Trauspruch.
Der Pfarrer hatte ihn für sie und ihren Mann, Hans, ausgesucht - über 50 Jahre ist das inzwischen her.
„Wo du hingehst, da will ich auch hingehen". So hatte sie damals wirklich gefühlt. Die Welt stand ihnen offen - egal, was die anderen gesagt hatten. Da gab es warnende Stimmen, sie würde alles übereilen. Gerade mit der Lehre als Schneiderin fertig und schon heiraten! Und außerdem war er doch fast zehn Jahre älter als sie selbst.
Warum keinen aus ihrem Jahrgang nehmen? Den Fritz aus dem Nachbarhaus etwa, der ihr schon in der Volksschule einen Heiratsantrag gemacht hatte.
Aber als dann der Hans sie auf der Fastnachtsfeier zum Tanzen aufforderte, war alles anders als mit den übrigen. Ihr war völlig klar, dass kein anderer kommen würde, der so gut zu ihr passt wie Hans. Den und keinen anderen wollte sie.
Der Alltag war anders als die Träume. Aber damit lernte sie umzugehen. Denn der Alltag war nicht grau, sondern nur anders schön als gedacht.
Sie verstand: in der Liebe ist man nicht am Anfang der Partnerschaft schon am Ziel angekommen, so als stünde nichts mehr aus, das es miteinander zu entdecken gibt.
Die Liebe ist eher wie ein Kompass, dessen Nordpol ein Gefühl ist, das einen zueinander hinzieht, unwiderstehlich - und dann mal sehen, was unterwegs am Wege liegt und wo man zusammen ankommt.
Es gab schwere Zeiten, es gab Tränen, es gab Streit, es gab das sich anschweigen. Ihre eigenen Eltern machten ihnen das Leben schwer. Immer war sein Alter unterschwellig ein Thema: da gab es spitze Bemerkungen und verletzendes Gerede bei Familienfeiern. Wenn er wenigstens besonders gut verdienen würde; aber nicht einmal das konnte er vorweisen.
Mit den vier Kindern gab es immer mal wieder Sorgen. Wo soll man nachgeben und wo soll man fest bleiben? Was tut ihnen gut und was engt sie zu sehr ein?
Es war kein Märchenschloss, ihr Mietshaus - immerhin mit einem großen Garten dahinter. In Urlaub gefahren sind sie auch erst, als die Kinder größer waren, die Ältesten schon aus dem Haus und nur noch der Jüngste daheim.
Ihre Schulfreundin schickte ihr Postkarten aus Bayern, aus Italien und einmal sogar aus Las Vegas. Die hatte später geheiratet und nur einen Sohn. Da kann man sich natürlich mehr leisten.
Aber all diese Gedanken verflogen auch wieder. Warum? Sie fühlte sich bei ihrem Mann geborgen. Sie konnte sich auf ihn verlassen - und er auf sie. Und das hat alles aufgewogen.

Teil III
Das Glück kommt nicht mit einer großen Fahne daher. Das Glück zeigt sich oft erst im Kleinen über die Jahre hinweg, wenn zwei Menschen einander zugewandt bleiben und füreinander da sind. Und davon will ich nun erzählen.
Sieben Enkel und zwei Urenkel sind Hans und ihr geschenkt worden. Beim ersten Enkelkind war sie gerade mal Ende Dreißig.
Ihre schwangere Schwiegertochter bekam ihre Wehen ausgerechnet in jener Nacht, als alle vor dem Fernseher saßen, um zu sehen, wie der erste Mensch den Mond betrat.
Keiner wollte weg vom Bildschirm und alle sagten, nur nichts überstürzen, es würde sicher noch eine Weile dauern. Bis es dann fast zu spät war. Und im Krankenhaus standen ja auch alle um einen Fernseher herum und fanden den Mann auf dem Mond wichtiger als das Kind, das auf der Erde geboren werden sollte.
Wenn sie heute bei Familienfeiern davon erzählen, gibt es immer viel Gelächter.
Ganz eng haben sie sich in solchen Momenten aneinander gelehnt, ihr Mann und sie. Haben sich angeschaut und gedacht: „Wir beide, du und ich".
In solchen Momenten spielten all der Kummer und all die Sorgen keine Rolle mehr. Sie waren aufgefangen in ihrer Liebe. Einer Liebe, die über die Jahre eine Tiefe gewonnen hatte, die sie selbst überraschte.
Und wer sie ansah, spürte etwas von dem Glück, das sie teilten.
Als die Schulfreundin bei ihrem 75ten Geburtstag dabei war, hat sie zum Abschied gesagt: „Wie gut du es doch hast mit deiner großen Familie. Wenn ihr feiert, habt ihr so viel zu erzählen. Bei uns kommen immer bloß die Kollegen. Unsern Sohn sehen wir nur noch zu Weihnachten, seit er in Australien lebt".
Das Kompliment hat ihr gut getan. Und ihr wurde klar: Manchmal weiß man erst nach vielen Jahren, dass eine Entscheidung richtig war. Manchmal erfährt man erst im Nachhinein, wofür eine schwere Zeit gut war, was das für einen Sinn hatte: die durchwachten Nächte, die Streitereien.

 „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. (...) Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden" (Ruth 1, 16f.).

Er hat sie begleitet, dieser Trauspruch. Und es ist in Erfüllung gegangen, wonach sie sich damals gesehnt hatte.
Dafür ist sie Gott dankbar.
Zusammen alt werden, einander beistehen und das Leben teilen in guten und in schlechten Tagen; eine Liebe, die trägt und sich bewährt. Wenn das zwei Menschen möglich ist, dann ist das oft so unscheinbar, dass man es fast übersieht.
Aber wenn es gelingt, dann ist es ein großes Geschenk.

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