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16OKT2021
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Wenn ein Mensch eine Schusswaffe aus seinem Auto holt und einen anderen Menschen erschießt, nur weil der sich an die Spielregeln hält, dann ist etwas in unserer Gesellschaft kaputt. Natürlich möchte ich hoffen und glauben, dass das, was in Idar-Oberstein letzten Monat passierte, ein Einzelfall ist. Vor allem, wenn ich sehe, wie viele Menschen hilfsbereit sind und einander beistehen, gerade wenn so etwas passiert. Wie viele Menschen solidarisch sind. Aber trotzdem bin ich alarmiert. Aggression und Intoleranz, das sind nicht nur Einzelfälle. Ich frage mich: woher das kommt, dieser ganze Hass. Nicht nur im Internet, sondern auch ganz öffentlich wie an dieser Tankstelle.  Vielen Menschen geht es in unserem Land gut - besser als fast überall auf der Welt.  Natürlich ist auch bei uns nicht alles gut, es gibt auch hier Ungerechtigkeit und manche Not.  Und viele sind verunsichert. Aber man kann diesen Hass damit nicht erklären. Viele haben genug und sind trotzdem aggressiv und wütend. Menschen, die sich ihr eigenes Weltbild zurechtmachen und Andere übertönen wollen, mit allen Mitteln, und Unschuldige in Gefahr bringen. Ich glaube, daher müssen alle, die besonnen sind, noch deutlicher sagen: SO NICHT. Ich will nicht mitansehen, wie mein Umfeld roher wird und sich viele nicht mehr sicher fühlen. Als Tankstellenwart oder Einsatzkraft, als Pförtnerin und Verkäufer, als politisch Aktive oder Flüchtling. Ich will mit anderen daran arbeiten, diesen Hass zu überwinden. Dazu gehört das  Aushalten von anderen Meinungen. Im Gespräch zu bleiben. Unterschiede zu ertragen.

Jesus hat gesagt:  Selig sind die Friedfertigen - und das sind in meinen Augen die wirklich Mutigen. Die, die sich trauen, friedlich zu widersprechen, wo sie Unrecht erleben. Die den Hassbotschaften im Internet etwas entgegensetzen und an Stammtischen oder auf der Straße nicht mitmachen, wenn andere angegriffen oder kleingemacht werden. Das ist nicht immer einfach, das weiß ich. Aber je mehr Menschen da zusammenhalten, desto eher können alle sich wieder sicherer fühlen: Selig sind die Friedfertigen!

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15OKT2021
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Nur wenn es ganz dunkel ist, leuchten die Sterne.  Das hat der Menschenrechtskämpfer, Pfarrer und  Friedensnobelpreisträger Martin Luther King gesagt. Im Moment hadern manche mit der Dunkelheit - die Zeitumstellung kommt bald, aber der Herbst ist schon längst da. Morgens ist es oft noch dunkel und abends kommt die Nacht auch jedes Mal so plötzlich, dass ich denke: Was, schon so spät? In der Stadt sehe ich die Sterne manchmal gar nicht gut. Umso schöner ist es, wenn man weit draußen in der Natur ist, weit weg von Städten und Dörfern, und die Sterne sieht. Wenn keine Wolken da sind, kann das ein überwältigender Anblick sein. Es stimmt, was King sagt: Je dunkler es ist, desto heller sind sie, die Sterne.

Martin Luther King hat viel Dunkelheit erlebt, bin hin zu seiner Ermordung 1968.  Er hat selber erfahren, was Menschen einander antun durch Intoleranz und Diskriminierung, Hass und Gewalt. Wie Menschen einander das Leben verdunkeln. Aber wie ein Stern hat er nicht laut und gewaltsam dagegen gehalten, sondern mit der leuchtenden Kraft seiner Hoffnung Licht in die Dunkelheit gebracht. Für mich wird dieser Mann immer ein leuchtender Stern bleiben. Gerade dann, wenn das Leben dunkel ist. Wenn intolerante und hasserfüllte Menschen versuchen, den Ton zu bestimmen. Gerade dann will ich mich an diesem Stern orientieren. Und  auch die kleinen Sterne im Alltag wahrnehmen. Ein Anruf, der mir guttut, leuchtet viel heller, wenn es ansonsten zu still ist. Eine Pause - eine Zeit für mich - leuchtet besonders, wenn mein Leben mit Terminen oder vielen Aufgaben ganz dicht ist. Und ein mutiges Wort, ein Akt der Zivilcourage und der Toleranz leuchtet heller und kräftiger, wo sonst nur Feigheit und Vorurteile herrschen.

Gott sei Dank gibt es solche Sternstunden. Und jeder Stern, den ich sehe, erinnert mich: wir können einander das Leben heller machen. Auch ich kann auf meine Art leuchten und Licht ins Dunkle bringen. Und ich bin sicher, wenn jeder von uns sein Licht beiträgt , dann können wir unter Gottes Sternenhimmel friedlicher, gerechter und mit mehr Toleranz und Liebe zusammenleben. 

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14OKT2021
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Ich hab´s früher echt geglaubt, die Sache mit Popeye und dem Spinat. Popeye, der Seemann aus der Zeichentrickserie, der musste nur eine Dose Spinat essen und gleich wuchsen ihm Muskeln. Und mit denen wurde er stärker als alle. Ich esse immer noch gerne Spinat, aber damals als Kind war es wohl nicht wirklich der Geschmack, den ich toll fand. Ich war davon überzeugt: Davon werde ich unglaublich stark, vielleicht noch stärker als mein großer Bruder.  Meine Kinder habe ich später leider nicht damit überzeugen können.

Aber bis heute glaube ich, dass dieser  kindliche Glaube an Wunderspinat und Zaubertrank, an Unsichtbarmantel und Beschütz-mich-Hund eine Wahrheit in sich trägt. Kinder wissen, dass die Wirklichkeit nicht ausgeschöpft ist mit dem, was sichtbar und erklärbar ist. Natürlich wird der Wunderglaube immer wieder enttäuscht und auch am Spinat habe ich irgendwann gezweifelt. Ich habe ja gemerkt, dass meine Arme immer noch nicht so wurden wie die von Popeye. Später lernt man, dass man viel mehr braucht, um durchs Leben zu kommen, als nur Spinat zu essen oder ein magisches Kuscheltier zu haben. Trotzdem ist da eine tiefe Weisheit im kindlichen Wunderglauben. Es geht im Leben nicht nur ums Funktionieren, um Verstehen und Erklären. Es geht um viel mehr.

Ein Vers aus der Bibel lautet: Alle Dinge sind möglich dem, der glaubt. Ich weiß, dass der Spruch nicht einfach ist, denn auch Menschen mit tiefen Glauben an Gott werden krank oder erleben Krisen und werden enttäuscht. Oft bitte ich Gott, dass etwas möglich wird, und dann sehe ich Sterbende im Krankenhaus oder Menschen, denen die Flut das Haus weggerissen hat und denke: Warum muss das so kommen?

 Und mein Glaube hat auch mich selber nicht zu Herkules werden lassen oder unverletzlich gemacht. Trotzdem ist der Glaube für mich ein tägliches Wunder. Eine andere Stärke als die von Muskeln oder immerwährender Gesundheit. Das Wunder, dass Menschen auch in schweren Krisen nicht aufgeben. Das Wunder, dass es in größter Not auch Menschen gibt, die handeln und anpacken, beten und hoffen. Und so einander helfen, auch schlimme Zeiten zu überstehen. Keine Wunderkraft, aber eine gute Kraft!

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13OKT2021
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Ich habe immer gewusst, dass Gott bei mir ist. Diesen Satz höre ich nicht oft. Viel häufiger fragen Menschen mich:  Wie spüre ich Gott? Wo ist Gott denn? Aber hier der Satz: „Ich habe immer gewusst und gespürt, dass Gott bei mir ist.“ Der Mann, der mir das sagt, ist gar nicht christlich oder religiös erzogen worden. Ein Mann, der zu Hause eine schwere Kindheit erlebt hat. Einer, der dann in jungen Jahren krank wurde und bis heute mit einer chronischen Krankheit zu kämpfen hat. Von seinem Gesicht, das von seinen Erfahrungen gezeichnet ist, geht etwas Besonderes aus. Vielleicht ist es das, was man Gelassenheit oder Weisheit nennen könnte.

Woher hat er diese Gewissheit, dass er nicht allein ist?  Er erzählt mir: „Ich hatte in manchen Jahren niemanden, der mir wirklich geholfen hat. Vieles musste ich mit mir alleine ausmachen. Aber in mir drin spürte ich: Du schaffst das und bist dabei nicht allein.“ Wenn man kritisch ist, könnte man einwenden, das hat der sich eingebildet. Aber man könnte auch sagen: Das ist doch wie ein Beweis, dass es Gott gibt. Einer, dem das nicht anerzogen wurde, der hat so etwas erlebt. Egal, ob man es kritisch oder wohlwollend hört: Ich war berührt von dieser Geschichte. Und davon, dass dieser Mensch trotz aller Startschwierigkeiten in seinem Leben das fand, was viele sich wünschen: Eine Beziehung zu Gott und eine Beziehung zu Menschen, die ihm heute guttun. Die Gewissheit, dass Gott immer bei ihm war – das hat diesem Manne geholfen, nicht verbittert oder misstrauisch zu werden. Er lebt kein großes Leben, ist nicht berühmt geworden, aber er geht mutig und voller Gottvertrauen durchs Leben. Und das Schönste daran: Er kann andere Menschen verstehen, die auch Schweres durchmachen. Er kann verstehen, wenn Menschen an Gott zweifeln oder wenn sie sich im Leben nur stolpernd vorantasten. Er kennt beides: wie gut und wie schlimm Menschen sein können.

Und hat in sich gespürt, dass Gott einen nicht fallen lässt. Trotz aller schweren Erfahrungen  ist er zu einem echten Menschenfreund geworden. Und so etwas braucht es doch: Menschen, die Schweres überwinden durch Gottvertrauen und Menschlichkeit.

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12OKT2021
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„Dieses Fenster scheint beschäftigt zu sein“, meldet mir mein Computer und macht einfach nichts mehr. Er will mir damit wohl sagen, dass er überlastet ist und daher nicht das öffnen kann, was ich jetzt gerne hätte. Ich bin immer wieder erstaunt über die Kommunikationsformen meines Computers. Meine Mutter ist noch deutlicher. Sie sagte neulich, als sie eine Auseinandersetzung mit ihrem Computer verloren hatte: „Ich glaube, Computer sind einfach bösartig". Mir fehlt schlicht die Phantasie, womit ein Fenster beschäftigt sein könnte. Ich muss es akzeptieren und etwas Anderes machen, bis das Fenster wieder Zeit für mich hat und sich öffnet. Meine Bibel liegt neben dem Computer, da wollte ich ohnehin noch etwas nachschlagen für die nächste Predigt. Was mich gerade beschäftigt, mein Computer, der kommt in der Bibel nicht vor.  Da hatten die Menschen eher mit Dürren oder Ernteausfall zu kämpfen. Manche haderten mit Krankheiten, andere mit Feinden. Ärger über Computer, Baustellen oder Bürokratie, das war noch nicht auf dem Schirm. Und trotzdem erlebten die Menschen damals viele Situationen, in denen sie warten mussten und erst einmal nichts verändern konnten. So wie ich mit meinem Computer.

Deshalb war es auch ein kleiner Weckruf für mich zu lesen, was der Prophet Jesaja zu den Menschen damals gesagt hat: „Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein“. Wie ein Spiegel, den er mir vorhält, kommt mir dieser Satz vor. Einer der sagt: Nun gib doch mal Ruhe! Hab doch etwas Geduld. Aber Geduld ist nicht so meine Stärke. Lieber will ich reparieren, schnell weitermachen, die Kontrolle behalten. Der Computer macht mir einen Strich durch die Rechnung, wie so oft.

Und erinnert mich gleichzeitig an viele Situationen, in denen ich mit hektischer Geschäftigkeit nicht weiterkomme. Die Bibel erklärt: Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein! Nicht immer, aber in vielen Situationen ist es gesünder und stärker, einfach ruhig und gelassen zu bleiben. Einfach zu warten, weil sich dann manches löst. Das habe ich an dem Tag neu gelernt.

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11OKT2021
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Meine Bekannte in Bad Kreuznach, die traut sich was. Als ein Mann vor der Bank sitzt, zusammengekauert, zerrissene Klamotten, noch recht jung, geht sie auf ihn zu, gibt ihm was und fragt: „Wie sind Sie denn in diese Situation gekommen, darf ich das überhaupt fragen?“ Und der Mann, verwundert, aber sichtlich auch berührt meint: „Na klar! und beginnt zu erzählen.

Eine lange Geschichte, voller Pech, Schmerzen und Zusammenbrüchen, die man keinem Menschen wünschen möchte. Wir hören ihm aufmerksam zu und haben beim Abschied das Gefühl, dass wir einander nicht mehr fremd sind.  Ein Obdachloser von rund 40.000. Und weit höher ist noch die Zahl der sogenannten Wohnsitzlosen. Wir leben in einem reichen Land.  Zum Glück gibt es Zeichen der Solidarität und Hilfe. Und es gibt staatliche, kirchliche und anderweitige Bemühungen für Obdachlose.

Aber daneben gibt es unzählige Hürden und oft die Haltung – das geht mich nichts an. Ich glaube, es kann manchmal schneller gehen, als man denkt, so ein Strudel, der einen nach unten reißt. So wie der Mann es uns erzählt hat. Trotz aller Vorsorge – für manche Menschen gibt es psychische, private oder berufliche Krisen, die sie zugrunde richten. Ganz sicher ist man davor nie. Dann braucht man Solidarität. Meine Bekannte lebt nach dem Grundsatz: Das könnte mein Bruder sein. Und warum sollte ich nicht mit dem reden? Was auch immer er vielleicht mit beigetragen hat zu seinem Schicksal oder was auch passiert ist – Schweigen macht das nicht besser. Sie hat ihn an- und ernstgenommen. Und hat im Leben des Mannes einen Unterschied gemacht. Sein Gesicht hat sich verändert nach dem Gespräch. Nicht, dass er danach mehr Geld oder eine Wohnung gehabt hätte, aber er hat an diesem Tag erlebt: Da sieht und hört mich jemand.

Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan! So sagt es Jesus. Für mich heißt das: Bei Gott ist niemand „gering“ - weder Bettler noch Bankchef.
Wer aber in der Gesellschaft geringgeschätzt wird, der ist für Gott besonders wichtig.

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10OKT2021
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Nie wieder auf ein Geröllfeld! Das hat meine Freundin verkündet. Sie war wandern in den Bergen. Dort ist sie auf einem Geröllfeld ins Rutschen gekommen und hat sich am Knie verletzt. Ich kann sie gut verstehen. Zum einen, weil auch mir Geröllfelder im Gebirge nie geheuer waren. Nirgendwo kann man sich festhalten. Und zum anderen, weil ich auch im Leben das Gefühl kenne, ins Rutschen zu geraten. Ähnlich wie auf einem Geröllfeld. In solchen Momenten habe ich oft gedacht: Nun bin ich so weit gekommen und fast am Ziel und auf einmal tauchen jede Menge Probleme auf. Fast am Ziel - das heißt eben nicht ganz. Fast heißt: Alles ist noch offen, viel kann noch passieren. Auch, dass die Steine unter meinen Füssen sich bewegen und ich ins Rutschen komme. So habe ich es erst kürzlich wieder erlebt: Ich stand vor dem Abschluss einer Weiterbildung. Fast geschafft. Ein Prüfungstag lag noch vor mir. Gut zu schaffen, aber ich war eben erst fast am Ziel. Am Tag vor der Prüfung war ich echt aufgeregt, ich bereitet was vor und  verhedderte ich mich in Formulierungen und Papieren. Es war, als fingen die Steine unter meinen Füssen an, sich zu bewegen. Kann ich das morgen schaffen, fragte ich mich. Ich glaube, so ist es im Leben oft: es wird nicht immer ohne aufgeschlagene Knien oder Rutschpartien gehen.

Aber an dem Tag meiner Prüfung habe ich die Erfahrung gemacht: Man landet manchmal weicher, als man denkt. Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig, wird von Gott in der Bibel gesagt. Eine Kraft, die manchmal eine wackelige, rutschige Angelegenheit ist. Nicht immer feste Tritte ermöglicht. Aber die da ist - und manchmal genau dort, wo ich schwach werde, wo ich rutsche. Die Prüfung wurde zu einem besonderen Moment, irgendwann fühlte ich mich sicherer  und habe wieder Tritt gefasst. Am Ende  hörten sich die Rückmeldungen für mich an, als hätte ich einen Gipfel erklommen – trotz Geröllfeld davor. Nicht wissen, wie und ob man ankommt, aber dennoch weitergehen.

Das Knie von meiner Freundin ist auch wieder heil. Sie wird Geröllfelder in Zukunft meiden, wenn es möglich ist. Aber auch wissen: wenn es nicht anders geht, werde ich auch das schaffen: notfalls auf allen Vieren. Manche Wege wählen wir, manche werden uns zugemutet. Aber immer dürfen wir auf Gott an unserer Seite hoffen - auch im Geröll.

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10JUL2021
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„Hier – für Sie!“: Ein Fünfeuroschein wird mir freundlich wedelnd entgegengestreckt, von einem fremden Menschen. Ich bin fassungslos. Es ist in meiner Lieblingsbäckerei und ich habe erst beim letzten Schritt an der Kasse gemerkt, dass meine Geldbörse fehlt. Ich krame und suche. In manchen Taschen tuen sich ja ungeahnte Möglichkeiten auf, in dieser aber leider nicht.

Nehmen oder nicht? So spontan jemand Fremden zu helfen, nicht zu zögern, einfach so. Unglaublich. Erstmal bedanke ich mich sehr.  Und schaue auf die Stückchen, die ich ausgesucht habe, auf die Verkäuferin und stammle noch einmal „vielen, vielen Dank“  - aber es anzunehmen, das schaffe ich dann doch nicht. 

Nach einem inneren Hin- und Her, da habe ich lieber einen Teil des Einkaufs zurückgehen lassen. Warum? Ich hab´s nicht genommen, weil es mir irgendwie peinlich war. Einfach so etwas anzunehmen. Das fällt nicht nur mir schwer. Ich glaube, anderen geht es auch so. Es ist einfacher, die zu sein, die verteilen kann, als die, die annimmt. Dabei hätte der Mann sich bestimmt gefreut. Ich glaube, oft ist es für den Anderen schön, wenn etwas angenommen wird. In der Bibel steht die Goldene Regel, die es in vielen Religionen gibt. Wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch. Jesus hat das gesagt und mir ist jetzt klar: Sicherlich meint er damit, an andere zu denken, die etwas brauchen, und auch etwas abzugeben. Aber vielleicht meint er damit andererseits auch, dass man genauso etwas annehmen darf. Von Gott und von dem fremden Menschen in der Bäckerei, der mir mit einem Fünfeuroschein meine Freude am Kuchenkauf retten wollte. Ich hätte mich an seiner Stelle auch gefreut, wenn jemand etwas annimmt, was ich gerne hergebe. Wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch! Ich will das neu beherzigen: im Geben und im Nehmen. In jeder Bäckerei denke ich jetzt daran, wie schön es doch ist, dass manche Menschen das einfach tun: Was sie für sich wollen, anderen tun.  Eine Goldene Erfahrung!

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09JUL2021
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Schau Dir mal Deine Sorgen an. Und wirf sie in Meer! Eine geistliche Begleiterin in England hatte mir das als Aufgabe gegeben. Ich sollte meine Sorgen, die ich damals hatte, anschauen. Einen Stein für jede Sorge, hatte sie gesagt, und dann weit weg ins Meer damit. Eine schöne Vorstellung. Sehr praktisch und sehr befreiend!

Ich bin damals in der Nähe vom Meer gewesen und konnte das tun. Eine heilsame Natur– die Weite, der Horizont, das Licht, der Wind, all die Wellen und ich kleiner Mensch am riesigen Meer. Und so habe ich Steine gezählt – natürlich nicht alle an diesem Steinstrand in England. Aber ich habe die gezählt, die ich ins Meer werfen wollte: Einen für jede Sorge. Und in jenem Sommer waren es einige Sorgen. So waren es auch eine ganze Menge Steine. Ich warf und warf. Mir hat das damals unglaublich gut getan. Nicht, dass nach der Zeit am Meer alle Probleme gelöst waren. Aber ich konnte neu drauf schauen. Manche Sorge fühlte sich leichter an, und ich habe etwas wiedergefunden, was ich im Steinehaufen der Sorgen fast verloren hatte: Das Vertrauen, dass ich in all den Sorgen nicht untergehe. Ein Vertrauen auf Gott, der mir beisteht, auf eine Liebe, die Sorgen erleichtern kann, und ein Vertrauen in mich selber, dass ich mich durch Glauben, Hoffnung und Liebe auch tragen lassen kann. In der Bibel heißt es von Jesus:  All Eure Sorgen werft auf ihn, denn er sorgt für Euch. Da spricht ein riesiges Vertrauen daraus. Sorgen auf ihn werfen, nicht als Steine, aber als Gedanken, Lasten, Fragen – ich kann sie Jesus anvertrauen und erfahren: meine Sorgen finden einen Ort und ich komme innerlich zur Ruhe. Manchmal wenigstens. Sorgen können viele sein wie Sand oder Steine am Meer. Aber eins kann helfen – zu erfahren: Das Meer ist größer. Gottes Liebe ist größer. Und es gibt keine Sorge, die zu groß wäre, sie Gott anzuvertrauen und als Last ins Meer zu werfen. Der Rat meiner Begleiterin damals war goldrichtig. Und ich will ihn nicht vergessen. Wer weiß, ob nicht bald auch ein Fluss oder ein See mich dazu einlädt, eine Sorge bildlich weit wegzuwerfen und Gott anzuvertrauen.

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08JUL2021
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„Ich habe mein ganzes Leben umgekrempelt!“ Ich staune nicht schlecht, denn das sagt mir eine 81-jährige Frau. Sie erzählt weiter: „Für mich ist Autonomie alles gewesen. Ich will es immer selber schaffen. Ich habe es die ganze Zeit total abgelehnt mit diesem Ding, mit diesem Rollator. Wie alt man dann wirkt! Dann bin ich in mich gegangen. Und habe mir gedacht – warum eigentlich? Das haben doch viele… und jetzt bin ich so froh. Das ist mein Lieblingsutensil geworden. Der Rollator und ich, ich hab´s jetzt so viel einfacher und fühle mich auch nicht mehr komisch dabei!“

Kurze Zeit später treffe ich wieder jemanden mit der Botschaft: Schau mal, wie ich mich verändert habe! Das ist ein jüngerer Mann. Der hat beschlossen, vom Auto ganz aufs Fahrrad umzusteigen. Er wohnt stadtnah genug, das zu tun, und ob es jetzt der Umwelt zuliebe ist oder für das Plus an Bewegung, egal. Ich  bin fasziniert, wie so etwas gelingt – mich und mein Leben an einem entscheidenden Punkt zu verändern. Ein passionierter Autofahrer steigt um aufs Fahrrad, eine rüstige Rentnerin freundet sich mit dem Rollator an, den sie nie wollte.  Veränderung ist allerdings nicht leicht, das habe ich schon selber erlebt. Wie oft wollte ich mich verändern, meinen Kalender besser im Griff haben, ordentlicher schreiben oder jeden Morgen Gymnastik machen … Pustekuchen!  Ich bin doch nur ein Mensch, sage ich wie viele andere. Oder wie die Bibel es beschreibt: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“ Veränderung, das ist viel leichter gesagt als getan.  Was hat den beiden geholfen, es trotzdem zu schaffen?   Sie haben sich beide Gedanken darüber gemacht, was sie alles gewinnen, wenn sie die alten Gewohnheiten aufgeben. Was alles besser wird durch die Veränderung. Eine ganze Menge. Das immer wieder zu bedenken, auch mit dem Körper zu fühlen, so wie die beiden, das hilft. Spüren, wie gut manche Veränderung sein kann und auch Gott zu bitten, dass er mir Kraft schenkt für Veränderung! Dafür ist es nie zu spät, selbst mit 81  nicht. Und ich werde nicht eine ganz Andere, sondern eigentlich die, die ich sein kann. Mit kleinen Schritten, vielleicht heute schon.

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