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„Mensch, wo bist du“ – das ist die Losung, das Leitwort des Evangelischen Kirchentags. Heute Abend beginnt er in Bremen.
Über 100.000 Menschen sind auch in diesem Jahr zusammenkommen. Menschen, die nach Orientierung und Sinn suchen, nach Freundschaft und Gemeinschaft, aber auch nach glasklarer Diskussion und Stellungnahme.
Mensch, wo bist du. Das Leitwort des Kirchentags ist aus der Bibel. Sie kennen es vielleicht aus der Geschichte von dem Sündenfall: Adam und Eva im Paradies. Und da ist die Schlange und die Frucht vom Baum der Erkenntnis, und beide essen davon und sie erkennen ihre Blöße und schämen sich und verstecken sich.
Und die Geschichte erzählt weiter, wie Gott in der Abendkühle wandelt. Und weil er die beiden nicht sieht wie sonst, sucht er sie. Adam, wo bist du? Mensch, wo bist du? Das ist die Frage, die alles offenlegt.
Was hast du getan?, fragt Gott. Warum hast du die Grenze überschritten?
Die Geschichte erzählt vom Anfang der Sünde. Bei Sünde geht es nicht um die kleinen (oder auch großen) Vergehen, die wir uns zuschulden kommen lassen. Sünde, das heißt: gesondert, getrennt sein von Gott.
Wenn wir getrennt sind von Gott, sind wir in der Lage und fähig, dem Anderen und uns selbst zu schaden. Ja, wir können heute sogar die ganze Welt in den Abgrund stürzen.
Sünde, das ist, wenn ein Mensch in seinem Gewissen oder mit seinem Herzen nicht gebunden ist, sondern beziehungslos. Sünde drückt sich aus in Gier, in Herrschsucht, in Maßlosigkeit, in Gedankenlosigkeit. Seit der Wirtschaftskrise wissen wir, wie so etwas ausgehen kann.
Mensch, wo bist du? Was hast du getan?
Auf dem Kirchentag in Bremen fragen Christinnen und Christen nach unserer Verantwortung. Was können wir tun angesichts der Klimaveränderung, wozu sind wir verpflichtet angesichts des Hungers in der Welt und der ungerechten Verteilung des Reichtums. Was ist unsere Verantwortung beim ganz alltäglichen Umgang miteinander.
Wir können nicht mehr zurück in Paradies – höchstens davon träumen – aber wir können danach fragen, wie wir die Pfade auf dem Weg der Sünde verlassen können.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=6032
Der Wald meiner Kindheit, gleich hinter unserem Haus. Ich erinnere mich noch genau: Tür auf, und schon war ich draußen. Schnell außer Sichtweite.
Geh nicht weiter als bis zu der Eiche dort oben, hat mir meine Mutter gesagt. Das war die Grenze.
Aber das Unerforschte lockt. Der verbotene Wald. Das fremde Territorium.
Meine Wege führten über die Grenze hinaus. - Nach und nach lernte ich den Wald kennen.
Das ist Entdeckungslust. Die Faszination, die von dem Verbotenen ausgeht. Als erlebten wir ein Stück aus der Bibel am eigenen Leibe.
Sie kennen die Geschichte von Adam und Eva und dem Baum der Erkenntnis, der mitten im Paradiese steht? Esst nicht von diesem Baum, hat Gott gesagt! „Denn wenn ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist“ – Doch das Verbotene lockt. „Und das Weib sah, dass es gut war, von dem Baum zu essen.“ Die Geschichte endet nicht gut. Zitternd stehen die beiden am Ende da, Adam und Eva. Sie sind nackt und sie schämen sich. Und sie haben Angst.
Ich habe mich immer gefragt, warum diese Geschichte so ausgeht. Warum dieser Apfel, warum die Schlange, warum die Verführung? Wäre es nicht viel besser gewesen, wenn die Menschheit im Paradies geblieben wäre? Gemütlicher wäre es doch. Und wärmer. Und friedlicher. – Aber alles andere, was uns Menschen zum Mensch macht, gäbe es das auch?
Die Freiheit zum Beispiel. Die gibt es doch nur, wenn ich die Erfahrung mit ihrem Gegenteil gemacht habe, der Unfreiheit. Die Sehnsucht nach Frieden, sie wächst aus der Erfahrung von Leid. Und Mitgefühl kenne ich doch nur, weil ich weiß, wie weh das tut, was meinem Nächsten da passiert ist.
Der Wald meiner Kindheit. Als die Tür auf war, war ich bald außer Sichtweite. Als Adam den Apfel gegessen hatte, jagte Gott ihn aus dem Paradies. – Doch dieser Rauswurf, der macht uns Menschen erst zu dem, was wir sind: Menschen, die wissen, was gut ist und was böse. Wir können unterscheiden, das eine von dem anderen, und wählen können wir – das Gute oder das Böse.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6031
Die ersten Menschen im Garten Eden waren nackt.
Im Paradies brauchst du dich nicht vor dem anderen zu verbergen. Da bist du frei. Da tut niemand dir ein Leid an. Im Paradies gehörst du nur dem lieben Gott und dir selbst. So erzählt es die Bibel.
Stell dir vor, es wäre das Paradies. Du bist frei, ganz du selbst und schämst dich deiner Nacktheit nicht. Du schämst dich nicht, dass du so unvollkommen und verletzbar bist.
Stell dir vor, du kannst zu deiner Kleinheit stehen, zu deinen Fehlern. Kannst dazu stehen, dass du zu dick, zu dumm, zu langsam und vor allen Dingen: zu unbedeutend bist. Dass du vielleicht einfach ‚normal’ bist.
Deine Wunden können heilen, du hast keine Komplexe oder Minderwertigkeitsgefühle mehr. Du hast kein schlechtes Gewissen und machst auch anderen kein schlechtes Gewissen. - Stell dir vor, du bist schön: Ein Lichtstrahl, Gottes Licht, ruht auf dir und seine Wärme hüllt dich wohltuend ein. Du bist getröstet.
So muss es sich anfühlen, das Paradies. Das ist es, wonach Menschen sich sehnen, nach Hause kommen, vollkommen zu Hause sein.
Ja, ich weiß. Der Weg zurück, ins Paradies, ist versperrt. Aber, man kann in diese Richtung gehen. Jetzt. Sich selbst sein lassen, wie man ist, und den Nachbarn so sein lassen, wie er ist.
Gar nicht so einfach. Das kann kein Mensch allein. Da brauchst du Hilfe. Aber vielleicht findest du sie, wenn du auf dein Herz hörst. Da, wo Gott wohnt. Wo Gott mit dir spricht.
Und langsam lernst du, tastend und vorsichtig, zu hören: Wer du wirklich bist. Und vielleicht entdeckst du auch, wie nah Gott ist und wie ernst er es mit dir meint. Stell dir vor: dein Herz als Tempel Gottes. Erwärmt und erhellt von dem Licht, das Gott dir schenkt.
Dann kannst du vom Frieden träumen, von Lachen und Liebe. Von Lust und Leichtigkeit. Körper und Geist in inniger Umarmung. Und ganz unverstellt und nackt. Wie im Paradies.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6030
Jubiläen gibt es in diesem Jahr viele zu feiern – 20 Jahre Mauerfall, 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland, 250. Geburtstag von Friedrich Schiller, um nur einige zu nennen. Was aber bedeutet eigentlich das Wort „Jubiläum“ oder „Jubeljahr“? Wissen Sie es?

Das Wort stammt aus dem Alten Testament und meint: Der generelle Erlass aller Schulden und Freilassung aller Sklaven. Alle 50 Jahre sollte das so geschehen: „Erklärt dieses 50. Jahr für heilig und ruft die Freiheit für alle Bewohner aus! Es gelte euch als Jubeljahr“, heißt es im 3. Buch Mose.
Und so ist die zurückliegende Schuld ein für alle mal getilgt, ob bezahlt oder nicht bezahlt. Ja mehr noch: Die entlassenen Sklaven dürfen nicht mit leeren Händen nach Hause geschickt werden, damit der Teufelskreis aus Armut und Neuverschuldung nicht von neuem beginnt. So ist ein wirklicher Neuanfang möglich: Niemand soll auf Dauer in Not bleiben und von anderen abhängig leben müssen.

Heute gibt es wahrscheinlich nicht wenige, die sich sehnlich solch ein biblisches „Jubeljahr“ herbeiwünschen. Damit die unermesslichen Schulden, die jetzt auf uns lasten, endlich ausgelöscht werden. Und damit sich niemand mehr an der Not der Schwachen und Schuldner auf so unglaubliche Weise bereichern kann, wie es jetzt offenbar geworden ist. Ein „Jubeljahr“, das deutlich macht, dass es eben nicht das Geld sein darf, das die Welt regiert, sondern dass es Gerechtigkeit, Mitmenschlichkeit, Solidarität mit den Schwachen sind. So hat das Gott gewollt.
Es scheint utopisch zu sein, ein solches „Jubeljahr“, aber dennoch ist es eine Richtschnur für unser Handeln: Es kann nicht sein, dass man der Macht des Geldes und seiner Händler das gesamte Feld überlässt. Zu deutlich ist, dass das unglaubliche Ungerechtigkeit nach sich ziehen kann und dass Generationen von Menschen dafür zu zahlen sollen, dass sich einige wenige so maßlos bereichert haben.
2009 soll ein Jubeljahr sein. Und ich wünsche, dass neben dem Jubel über den Fall der Mauer oder das 60jährige Bestehen des Grundgesetzes oder manchen großen Geburtstag auch der Jubel darüber erschallt, dass es die Politiker verstanden haben, der Geldgier eine Grenze zu setzen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=5381
„Habseligkeiten“, vor vier Jahren wurde es zum „schönsten Wort“ gekürt. Habseligkeiten.
Seither hat es keinen solchen Wettbewerb mehr um das „schönste deutsche Wort“ gegeben. Ein bisschen bedauere ich das. Denn die Sprache ist ungeheuer reich an Erfindungen. Sie lassen uns spüren, wie sich das Leben damals anfühlte und halten die Erinnerung daran wach.

Vor ein paar Tagen ist mir dieses Wort wieder begegnet, „Habseligkeiten“. Das war im Fernsehen. Zu sehen waren Flüchtlinge im Gaza-Streifen. Auto um Auto fuhr aus der Stadt, angefüllt bis unters Dach und darüber hinaus. Mit Hausrat, Töpfen, Kleidern, Spielzeug. Als die Bomben fielen, flohen die Menschen. Nahmen alles mit, was sie zum Leben brauchen. „Die Flüchtlinge - unterwegs mit ihren Habseligkeiten“, hieß es. Damit das Leben weiter gehen kann.

„Habseligkeiten“ ein bescheidenes, ein manchmal auch trauriges Wort. Und dennoch malt es liebevolle Bilder. Das Wort umschließt das Glück des Armen ebenso wie das der Reichen, erzählt von der Trauer eines gescheiterten Lebens wie von der Erinnerung an eine gute Zeit. Und es lässt innehalten und danach fragen, wer wohl morgen die Hand über mich hält.

Wenn ich überlege, was denn heute als „Habseligkeiten“ bezeichnet werden mag, dann sehe ich jenes wunderschöne Sammelsurium vor mir, das kleine Kinder um sich sammeln: Bunte Steine, eine zarte Vogelfeder, Spielkarten und vielleicht einen Lutscher. Doch ich sehe auch die Besitztümer eines Obdachlosen vor mir: eine Decke, Schuhe und ein paar Hemden, Jacken und Hosen, vor sich hergeschoben in einem Einkaufswagen. Habseligkeiten. Oder ich sehe den Schmuck einer wohlhabenden Frau vor mir, eingeschlossen in einer Schatulle. Oder jenes Kästchen mit den Briefen, die uns unsere Oma hinterlassen hat. Schön geordnet und zart umwickelt mir einem blauen Band. Ihr Mann starb viel zu früh.

„Habseligkeiten“ – Liebevoll zaubert dieses Wort. Als wollte es sagen: Ich nehm’ dich so wie du bist. Mit allem, was dir wichtig und heilig ist. Mit all deinen Schrulligkeiten, mit deiner Armut, ebenso wie mit deinem Stolz. Ich lasse dich. Auch in deiner Not auf der Flucht vor dem Krieg bin ich bei dir, halte die Hand über dich und die Deinen. Auch wenn’s ganz schwer ist.

Auf den weiteren Plätzen für das „schönste Wort des Jahres“ folgten damals übrigens die Worte: „Geborgenheit“, „Lieben“ und „Augenblick“. Worte, die eine Welt schaffen. Für jeden.
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Können Wörter eigentlich sterben? Wenn sie nicht mehr ausgesprochen werden, nicht mehr geschrieben… wenn sie allmählich in Vergessenheit geraten?

Vor einem Jahr wurde in einem Wettbewerb nach dem „schönsten bedrohten Wort“ gefragt. Rund 3.000 Vorschläge wurden von überallher eingereicht. Begriffe wie Labsal, Backfisch oder Lichtspielhaus. Worte wie Sommerfrische, Dreikäsehoch und Augenstern. Auch so wunderschöne Ausdrücke wie hanebüchen, blümerant und hold.

Auf den ersten Platz wählte die Jury das Wort „Kleinod“. Für diese Einsendung gab es als Trophäe, den gläsernen „Käseigel“ (Übrigens auch ein Wort, das vom Aussterben bedroht ist.)
Wörter schmecken nach Heimat, riechen nach Erde, erzählen vom Wind in den Zweigen, klingen nach Zuhause. Sie sind sinnlich und zart, zerbrechlich und scheu. Gerade aussterbende Wörter verdienen Aufmerksamkeit, denn sie erzählen Geschichten. Erzählen, wie sich die Welt damals anfühlte, als sie in aller Munde waren. Haben eine Erinnerung daran, wie die Welt ohne Autos und Flugzeuge aussah und kannten noch den gemeinsamen Feierabend auf der Maaje-Bank unter der Dorflinde, und sonntags den Kirchgang.

Die Zeiten ändern sich, und oftmals wissen wir gar nicht mehr, was die Worte bedeuten. Wer weiß noch, dass „Kleinod“ einstmals ein Schmuck am Helm einer Ritterrüstung war?

Was kann man tun, um solche sprachlichen Schätze wie Gänsewein, Nasenfahrrad oder Ratzefummel zu retten?

Man kann sich eins oder mehrere aussuchen. Sie – wenigstens für eine Zeit – zu seinen Lieblingsworten erklären und sie weitergeben: Im Munde führen und weitersagen. Damit unsere Sprache bunt, reich und vielgestaltig bleibt und damit solche sprachlichen Kostbarkeiten weiter zu unseren Habseligkeiten gehören.

Und es gibt noch einen Grund, weswegen man sie pflegen soll, diese kleinen, aussterbenden Juwelen: In ihnen spiegelt sich die Liebe wider, mit der wir unserer Welt begegnen. Die Liebe zu einer Welt, von der wir wissen, dass sie Gottes zerbrechliche Schöpfung ist. Jedes dieser Worte ist eine liebevolle Verneigung vor unserem Schöpfer.

Steckenpferd, Groschen, Augenweide – Obacht, Mumpitz, Firlefanz – Bandsalat, Schabernack, fürderhin – Anmut, Demut, Kaltmamsell.
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Nachher, wenn es hell geworden ist, sind sie wieder unterwegs, wie jedes Jahr: Gruppen von meist jungen Männern mit Rucksack und häufig genug mit einem Bierwägelchen. Heute ist im Hunsrück „Bündelchestag“.
Der „Bündelchestag“, das ist eine Männerwanderung. Man wandert gemeinsam mit seinen Freunden. Und manchmal geht’s dabei recht feucht und fröhlich zu.
Dieser Tag hat seinen Ursprung darin, dass die Handwerksburschen noch vor nicht allzu langer Zeit „zwischen den Jahren“ den Herren wechselten: Wenn das Lehr- oder auch Abhängigkeitsverhältnis mit dem einen Herren sein Ende gefunden hatte, dann packten sie ihr Bündel, machten sich auf den Weg und suchten sich einen neuen Herrn.
Den Herren wechseln. Das ist das Thema dieser Wanderungen. Sein Bündel nehmen und sich auf den Weg machen. Sich einen neuen, einen besseren Herren suchen.
Gut, manche würden jetzt am liebsten den Chef wechseln oder gar die ganze Arbeitsstelle. Aber, meist geht das nicht. Die meisten von uns sind froh, dass sie überhaupt Arbeit haben.
Aber wir können uns einmal fragen: Was ist es eigentlich, das mich innerlich beherrscht? Welche Ideale, welche Ziele und Träume lenken und leiten mich?
Wer ist eigentlich der „Herr“ in mir?
Ist das der, der mich immer antreibt und sagt: Du musst Leistung bringen. Denk zuerst an die Arbeit… und ganz zuletzt kommst du?
Bin ich zufrieden mit diesem „inneren“ Herrn?
Es gab - und es gibt - Menschen, die sagen von ihrem Herren: Er sei so etwas wie ein Hirte. Und sie sagen über ihn: „Bei ihm wird es mir an nichts mangeln…“
Sie fühlen sich beschützt, auch in den finsteren Tälern, und behütet fühlen sie sich.
Das ist so etwas wie eine Einladung, sein Bündel zu packen. Und sich dem Herrn anzuvertrauen, der schützt, und satt macht, und der die anderen Herren unwichtig werden lässt. (Die anderen, von denen wir uns manchmal gar nicht lösen können.)
Das ist die Gottesnähe, von der die Bibel spricht.
Und die wünsche ich Ihnen und mir, im Neuen Jahr.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=5135
Der zweite Weihnachtstag, das ist Besuchstag. In meiner Kinderzeit kam am zweiten Weihnachtstag immer Tante Elfriede und brachte Geschenke mit, einen ganzen Waschkorb voll. Und Oma wurde abgeholt. Das brauchte immer ein bisschen, denn sie war nie rechtzeitig abreisefertig, und wir Geschwister fühlten uns fast so wie das Christkind, das da in der Krippe lag: Weihnachten stehen wir im Mittelpunkt und alle kommen zu Besuch: Die Hirten auf dem Felde, Oma und Tante und manchmal kam auch ein selten gesehener Onkel aus der Ferne.
Und dann wurde zuerst noch einmal gesungen und die Weihnachtsgeschichte wurde erzählt – und zwar ab der Stelle, wo es heißt: „Da sprachen die Hirten untereinander: ‚Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist…“ und dann wurden die Geschenke ausgepackt.
An Weihnachten kommt Besuch, jedenfalls früher war das so. - Und heute?
Ich muss ehrlich gestehen, dass ich mich freue, wenn ich in diesen Tagen viele Menschen sehe, die unterwegs sind. Unterwegs, um Besuche zu machen. Und ich hoffe, dass das ein bisschen so ist wie früher: Ein volles Haus, voller fröhlicher Menschen, auch wenn das heute keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Und da werden auch die aufgesucht, mit denen man sonst im Jahr vielleicht nicht so viel zu tun hat oder haben will: Die bucklige Verwandtschaft und die, mit denen man sich vor langer Zeit entzweit hat.
Heute soll dieser Streit ruhen. Da soll auch mal vergessen sein, was dich und mich trennt, und da wird Kaffee getrunken und Plätzchen werden gegessen und es wird erzählt.
Und mehr noch: Ich hoffe, dass auch die Besuch bekommen, die vielleicht ganz einsam sind: Im Pflegeheim, im Krankenhaus oder einfach vergessen, weil die Verwandten zu sehr mit sich selber beschäftigt sind. Dass auch sie etwas davon erleben, von der Liebe Gottes, die mit diesem Kind in der Krippe in die Welt gekommen ist.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=5134
Die Tiere im Stall haben mich schon immer interessiert: Ochs und Esel sollen es gewesen sein, damals in Bethlehem. Sie spielen zwar nicht die Hauptrolle an Weihnachten, aber wichtig sind sie schon.
Maria und Joseph sind hier untergekommen, und sie legen ihren neugeborenen Sohn mitten bei den Tieren in dieser ärmlichen Behausung ab.
Wahrlich, das war keine gute Adresse für eine Übernachtung. Und erst recht nicht für eine Geburt. Und mehr noch: Die Familie ist unterwegs! Sie sind fremd hier! Doch, weil sie keinen anderen Platz gefunden haben, bleibt ihnen eben nur diese ziemlich raue und kalte Wirklichkeit.
Sollte das Gottes Plan gewesen sein, dass gerade in einer solchen Umgebung Christus das Licht der Welt erblickt?
Ja, wahrscheinlich schon. Dieser Stall lässt uns nämlich besser als jeder andere Ort spüren, dass Gott zu uns kommt, zu uns herunter kommt, – und nicht wir zu ihm aufsteigen müssen. Gott sucht seinen Platz an der untersten Stelle in unserer Rangordnung. Hier, zwischen Ochs und Esel, zwischen Mist und Spinnweben, wird Christus geboren. Bei den Armen und Kranken, bei den Hoffnungslosen und Enttäuschten, den Einsamen und Ausgestoßenen. Da ist Christus geboren. Und nicht oben im Palast.
Die ersten, die sich ein Bild von dieser Szene machen, sind die Hirten. Sie kommen vom Feld herüber. Und ich denke, diese Hirten waren es, die so etwas wie einen Glanz in dem Stall bemerkt haben: Gespürt haben, dass das nicht nur eine Notsituation war, sondern dass hier Licht in die Welt gekommen ist. Die Hirten erzählen hernach aller Welt, was sie gesehen haben. Und sie erzählen, wer das Kind in der Krippe ist.
Seither hat diese Geschichte von der Geburt im Stall die Herzen der Menschen bewegt. Die ganze Welt erinnert sich an Weihnachten an das Licht, das ausgerechnet in einem Stall zu leuchten beginnt. Bis heute.
Gott segnet diese Nacht. Segnet alle, die schwer zu tragen haben an eigenen und an fremden Lasten. Gott segnet mit diesem Kind von Maria und Josef seine ganze Schöpfung.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=5133
Welches der 10 Gebote kennt ihr eigentlich noch? Meine Tochter warf die Frage kürzlich mal in die Runde ihrer Freundinnen, alle so 16, 17 Jahre alt. Allesamt in der Runde hatten in der Schule Religionsunterricht gehabt und die meisten waren konfirmiert.

„Die 10 Gebote? Gute Frage! Waren es wirklich 10? Könnten es nicht auch drei, oder sieben, oder vielleicht sogar 12 gewesen sein, fragten sie. Na gut, also 10. Welches kennen wir?
Ja, das eine: „Du sollst nicht töten“. So ging das Gespräch.

Ich fand das merkwürdig - da erinnern sich die Mädchen an fast nichts mehr von den ganzen Geboten. Aber das eine kennen sie: „Du sollst nicht töten“. Das ist ihnen hängengeblieben. Und ich vermute, dass es vielen so geht.

Was mich zu der Frage veranlasst: Warum bloß hat sich die Menschheit an dieses Gebot so wenig gehalten? All die Kriege im Namen derer, die sich Christen nennen. In manchen christlichen Ländern gibt es heute noch die Todesstrafe, und derzeit wird wieder das Recht auf aktive Sterbehilfe bei unheilbar Kranken und alten Menschen diskutiert – fünftes Gebot hin oder her.

Du sollst nicht töten - ich finde, dieses Gebot ist wie ein Spiegel: Es hält uns vor, was Leben bedeutet. Und wie verletzlich Leben doch ist. Bei jedem Selbstmordattentat, bei jeder Gewalttat junger Menschen gegen einen alten Menschen, bei jeder Tötung eines Kindes – rückt es ins Bewusstsein: Du sollst nicht töten.

Wie können wir dazu beitragen, dass sich Menschen daran halten?

Vielleicht folgender Gedanke: Das 5. Gebot sagt: Leben ist ein Geschenk. Das Wichtigste, wovon du lebst, das Wichtigste von dem andere leben, das Wichtigste, von dem wir alle leben – es ist ein Geschenk! Anvertraut von Gott, dir und mir zur Pflege und Bewahrung gegeben.
Und das heißt, da ist eine Grenze, die ich nicht überschreiten darf – Leben hat etwas Heiliges, etwas, das nicht angetastet werden darf. Das eigene wie auch das Leben ganz fremder oder gar ganz ferner Menschen. Um unser aller Schutz willen.

Darum ist das 5. Gebot der Bibel wie die Stimme des Menschheits¬gewissens: „Achte menschliches Leben. Es ist das Geschenk, von dem du selber lebst.“

Es gab übrigens noch ein weiteres Gebot, welches die jungen Leute fast alle zuordnen konnten: Wissen Sie welches?
Es ist das sechste Gebot: Du sollst nicht ehebrechen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=4247