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19NOV2021
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Sie ist jetzt umgezogen – in den Himmel. Mit diesen Worten hat mich neulich eine Frau empfangen. Ihre Mutter war gestorben. Deshalb ist sie umgezogen in den Himmel. Das war ihr fester Glaube, dass wir hier auf der Erde unser Leben leben und gestalten können. Dass aber auch das Leben hier nur eine Station ist. Danach geht es weiter. Bei Gott.

Das hat mich beeindruckt, weil es dem Tod ein bisschen was von seinem Schrecken nimmt. Sicher, einen lieben Menschen zu verlieren, ist nie leicht. Das kenne ich auch. Und das haben auch in diesem Jahr schon viele Menschen erleben müssen. Deshalb feiern wir am Sonntag den Ewigkeitssonntag.

Viele Kirchengemeinden laden Menschen in den Gottesdienst ein, die im vergangenen Jahr jemanden verloren haben. Es kann gut tun, gemeinsam an die Verstorbenen zu denken, ein Gebet zu sprechen, ihre Namen noch einmal zu hören und vielleicht auch eine Kerze anzuzünden.

„[…] und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein […].“  Das ist ein Vers aus der Bibel, der in diesem Gottesdienst oft gelesen wird. Denn er bringt auf den Punkt, was ich als Christ glaube. Und das gleich doppelt:

Ich glaube und ich hoffe, dass wenn ein Mensch stirbt, er oder sie dann ganz bei Gott ist. Alles, was ihn oder sie belastet hat, spielt dann keine Rolle mehr. Krankheiten, Alter, Schmerzen – das alles ist dann vorbei. Keine Tränen mehr. Kein Schmerz mehr.

Und ich vertraue Gott, dass dieser Vers auch denen gilt, die weiterleben, die traurig sind und ihre Verstorbenen schmerzlich vermissen. Gott wird auch ihre Tränen abwischen. Nicht gleich und sofort. Aber nach und nach. Nicht von heute auf morgen. Auch nicht immer. Aber Gott begleitet Menschen, wenn sie traurig sind. Wenn sie fröhlich sind und, wenn sie sterben.

Gott lässt uns nicht allein und wir merken: das Leben geht weiter. Für diejenigen, die zurückbleiben und für diejenigen, die zu Gott „umgezogen“ sind. Deshalb finde ich den Namen des kommenden Sonntags auch so passend: Ewigkeitssonntag. Weil es weitergeht. Wie der Sonnenaufgang nach einer dunklen Nacht ganz sicher kommt. Und wie es auch nach dem dunklen Herbst und dem kalten Winter ganz sicher wieder Frühling wird.

[…] und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein […]. Und das nicht nur, wenn jemand umgezogen ist – in den Himmel.

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18NOV2021
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Ein Sandkorn und noch ein Sandkorn und noch eins – meine Schwester hat mir eine Sanduhr geschenkt, die zehn Minuten läuft: „Lass sie jeden Tag laufen.“ Meinte sie: „Zehn Minuten. Zeit für Dich.“ Ich finde Sanduhren wirklich toll. Weil man da so ganz deutlich sieht, wie buchstäblich die Zeit verrinnt. Sandkorn für Sandkorn. Ich habe das anfangs wirklich probiert und habe mich an den Esszimmertisch gesetzt und die Sanduhr umgedreht. Das waren vermutlich die längsten zehn Minuten meines Lebens.

Was mache ich denn, wenn ich Mal zehn Minuten einfach nichts machen soll? Eigentlich mache ich doch immer irgendwas. Und, wenn ich nichts mache, dann läuft entweder Musik, ich lese oder beschäftige mich mit meinem Handy. Also mache ich ja doch wieder was. Während ich da so vor mich hinphilosophiert habe, musste ich an einen Satz aus einem alten Gebet in der Bibel denken: Meine Zeit steht in Deinen Händen […].

Eine schöne Vorstellung, finde ich. Meine Lebens-Sanduhr steht nicht irgendwo auf einem Tisch oder einer Kommode. Gott hat sie ihn seinen Händen. Und obwohl er ganz viele Sanduhren in seinen Händen hat, passt er auf jede einzelne auf. Also auch auf mich.

Das zweite, was ich so passend finde ist: Dass auch in der größten Sanduhr irgendwann der komplette Sand von oben nach unten gerieselt ist. Dann ist ganz wortwörtlich meine Zeit gekommen. Leben und Tod, beides gehört zum Menschsein dazu. Und beides ist bei Gott gut aufgehoben. Denn Gott wirft die Sanduhr dann nicht weg. Er dreht sie auch nicht einfach nur nochmal um und alles geht wieder von vorne los.

Der Blick auf die Sanduhr hilft mir, ein bisschen bewusster mit meiner Zeit umzugehen. Irgendwann geht sie zu Ende, aber sie bleibt geborgen bei Gott.

Zugegeben, ich schaffe es immer noch nicht jeden Tag mal zehn Minuten einfach nichts zu tun. Das muss ich aber vielleicht auch gar nicht. Die Sanduhr steht bei uns daheim neben der Kaffeemaschine und jedes Mal, wenn ich mir einen Kaffee hole, dann muss ich an dieses Gebet denken. Danke Gott, dass meine Zeit in Deinen Händen steht. Und dieser Moment gehört dann ganz mir.

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17NOV2021
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„Der ist dir doch viel zu groß“ – das sage ich manchmal zu meiner Hündin. Wenn wir gerade im Wald unterwegs sind und sie dann voller Stolz ein Zwei-Meter-Stöckchen anschleppt. Sie schwankt dann bedenklich hin und her und stößt natürlich überall an. Aber hey – sie ist glücklich. Neulich hat mich das zum Nachdenken gebracht. Denn manchmal ist es doch bei mir genauso. Dass ich was haben oder stemmen will, was mir viel zu groß ist. Ein Job. Ein neues Projekt. Oder einen Anspruch an mich selbst, weil ich das eben können will.

Wenn das Stöckchen meiner Hündin zu groß ist, dann probiert sie es so lange, bis er entweder bricht oder sich so verkeilt, dass es nicht weitergeht. Manchmal tut sie sich dabei auch weh. Und ich glaube, dass das bei mir auch so sein kann.

Heute ist Buß- und Bettag. Der Name klingt ein bisschen negativ.  Nach Bußgeld zahlen. Aber es geht gar nicht um eine Strafe für irgendwas. Sondern es geht an diesem Tag darum, dass ich mir einen Moment Zeit nehmen soll. Für mich. Um selber einen Blick auf mein Leben zu werfen. Was ist mir denn wirklich wichtig in meinem Leben? Was für Stöckchen trage ich denn da so mit mir rum? Und welche sind mir auch viel zu groß? Bringt mich vielleicht auch irgendwas in Schieflage? Und wo stecke ich denn vielleicht schon fest?

Das hat auch Jesus immer Mal wieder gemacht. Wenn es ihm zu viel geworden ist, dann hat er sich rausgenommen. Manchmal ist er auf einen Berg gestiegen.  Hat die Perspektive gewechselt. Von oben hat man einfach den besseren Überblick. Sieht Sachen, die man von unten nie sehen würde.

So in meinem Alltag hat das meist keinen Platz. Da muss es einfach laufen. Kinder versorgen und durch die Gegend fahren. Haushalt schaukeln, einkaufen und zwischendurch natürlich arbeiten. So eine ähnliche Liste kann vermutlich jede und jeder für sich füllen. Und deshalb ist es gut, dass es sowas wie den Buß- und Bettag gibt. Ein Tag an dem ich mir Zeit nehmen kann, einen Blick auf mein Leben zu werfen. Ob im Gottesdienst, zu Hause oder beim Spazieren gehen. Und vielleicht lass ich die Zwei-Meter-Stöckchen dann doch fallen oder trage ein kleineres nach Hause.

Denn auch meine Hündin rennt und springt viel entspannter und freier durch die Gegend, wenn das Stöckchen ein bisschen kleiner ist.

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16NOV2021
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„Du wirfst ihn hoch und ich renne los“ – das ist der Standard-Satz unserer Tochter, wenn wir Drachen steigen lassen. Gesagt getan. Ich werfe ihn hoch und sie rennt los. Dummerweise war jetzt neulich so gar kein Wind. Das hat sie aber nicht gestört. Sie ist über die komplette Wiese gerannt und dann gleich noch über die nächste. Aber klar – sobald sie stehen geblieben ist, kam er natürlich runter. Dann ist sie zurückmarschiert. Kurze Pause und von vorn.

„Kommt zu mir, die ihr euch abmüht und belastet seid! Ich will euch Ruhe schenken.“  An diesen Satz musste ich da zwischendurch denken. Jesus hat ihn gesagt und ich glaube, dass er gewusst hat, dass es mir in meinem Leben manchmal auch so geht, wie unserer Tochter mit ihrem Drachen. Dass ich das Gefühl habe, dass ich rennen und rennen muss – damit was läuft. Hier noch ein Termin und da noch eine Besprechung und hier noch was fertig bekommen. Und sobald ich stehen bleibe, kommt der Drachen runter. So verschieden das Leben von uns Menschen ist, dieses Gefühl kennen vermutlich alle. 

Genau deshalb hat Jesus diesen Satz gesagt: „Kommt zu mir, die ihr euch abmüht und belastet seid! Ich will euch Ruhe schenken.“ Ich finde gut, dass er nicht gesagt hat: Lass es sein. Oder: Hör auf Dich abzustrampeln. Vermutlich, weil er gewusst hat, dass das nicht immer so einfach ist. Es ist ihm um einen Moment Ruhe gegangen. Um eine Pause, wenn man so will. Wie das kurze Durchschnaufen unserer Tochter.

Manchmal hilft es mir in solchen Situationen, wirklich kurz durchzuatmen. Die Augen zuzumachen – vielleicht ein kurzes Gebet zu sprechen. Und dann geht es weiter. Denn nur so merke ich, dass ich im Moment vielleicht gar nicht rennen muss. Mir geht doch nur die Puste aus. Und irgendwann wird wieder ein Wind aufkommen und meinen Drachen steigen lassen.

Dieser Satz von Jesus macht mir Mut. Ja, es gibt immer wieder Phasen in meinem Leben, da muss ich rennen und ziehen. Es gibt aber auch Zeiten, da läuft es einfach rund und ich kann mich zurücklehnen. Pause machen. Und vielleicht mit unseren Kindern Drachen steigen lassen.

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15NOV2021
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In zwei Wochen haben wir schon Advent. Eigentlich habe ich mich immer sehr auf diese Zeit gefreut. Weihnachtsmärkte, Plätzchen backen, Glühwein und die vielen schönen Lieder.

Aber irgendwie ist mir in diesem Jahr nicht so richtig danach. Eigentlich mache ich mir eher Sorgen. Weil schon wieder niemand so richtig weiß, wie sich diese Pandemie entwickelt. Und, weil ich mir mittlerweile echt Sorgen mache, wie wir miteinander umgehen. Und das meine ich nicht nur mit Blick auf die Pandemie. Da schimpfen die einen auf die anderen und umgedreht. Da wirft man sich irgendwelche Sachen an den Kopf. Und schimpft vor allem über die da oben, die doch eh keinen Plan haben, wie es uns hier unten geht.

Wie gehen wir miteinander um? Gerade im Advent finde ich diese Frage wichtig. Denn im Advent warten wir darauf, dass Gott selbst zu uns kommt. Gott wollte es ganz genau wissen, wie es ist als Mensch zu leben. Deshalb ist er Mensch geworden. Deshalb wurde Jesus in diesem kleinen Stall in Bethlehem geboren, weil er ganz Mensch sein wollte. Und einfach wissen wollte: Wie gehen die Menschen miteinander um? Wie gehen sie mit denen um, die viel haben? Und mit denen, die nichts haben?

Genau deshalb dieser Stall. Er wollte ganz unten anfangen. Auch später, als er erwachsen war, war ihm das wichtig. Er hat keine Unterschiede gemacht. Er hat mit Leuten gegessen, mit denen sonst niemand gegessen hat. Er hat kranke Menschen besucht, die man gar nicht in der Stadt haben wollte. Er hat Bettlern geholfen und Krankheiten geheilt. Dabei hat er immer wieder betont: Es ist nicht wichtig was jemand hat oder kann. Sondern es ist wichtig, wie jemand mit seinen Mitmenschen umgeht. Wie ich mit meinen Mitmenschen umgehe. „[…] Christ ist erschienen, uns zu versühnen […]“ , so heißt eine Zeile in einem meiner Lieblingsweihnachtslieder. Versühnen ist ein altes Wort für versöhnen. Und ich glaube, das ist es gerade, was wir in unserer Gesellschaft ganz dringend brauchen. Weil ich im Moment an so vielen Stellen genau das Gegenteil erlebe

Deshalb glaube ich, dass ich nur bei mir in meinem kleinen Umfeld anfangen kann. Mich immer wieder fragen kann, wie gehe ich mit den Leuten um, denen ich begegne. Wird bei mir was davon spürbar, warum es den Advent gibt? Und Weihnachten?

Das jedenfalls möchte ich in den Advent mitnehmen dieses Jahr. Dass es darum geht, wie wir miteinander umgehen – egal, was uns dieses Jahr noch bringt. Und dass niemand geholfen ist, wenn wir die Pandemie in den Griff bekommen – aber dabei unser Miteinander verlieren.

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27AUG2021
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Morgen ist es wieder so weit. Morgen schlagen die Herzen aller Hobbygärtnerinnen und Rasenliebhaber wieder höher. Samstag. Jeden Samstag stehen bei uns auf einem Parkplatz zwei Grüngutcontainer: Sammelpunkt für alle leidenschaftlichen Gärtnerinnen und Gärtner. Ab und zu bin ich da auch dabei. Und das schöne ist: Wenn ich da meine Säcke mit Grüngut mit anderen Menschen ausleere, fühlt sich das richtig nach Gemeinschaft an. Alle, die das machen verbindet das. Wir haben für diesen einen, kurzen Moment ein gemeinsames Interesse.

Dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit gibt es öfter, wenn Menschen für einen Moment etwas verbindet. Bei einem Konzert. Im Fußballstadion oder auch bei einem Gottesdienst. Für diesen einen kurzen Moment spielt es dann keine Rolle, wer ich bin. Oder welchen Beruf jemand hat.

Bei den Freunden von Jesus war das auch so. Jesus hatte sie im Prinzip von ihrer alltäglichen Arbeit weggeholt.  Das waren ganz unterschiedliche Menschen. Fischer und Handwerker. Aber sie alle sollten ihn begleiten und das haben sie gemacht. Sie müssen gespürt haben, dass dieser Jesus ein ganz besonderer Mensch ist. Ich glaube nicht, dass sie so richtig gewusst haben, worauf sie sich da einlassen. Aber sie sind mitgegangen. Waren gemeinsam unterwegs. Das hat sie verbunden.

Und dabei war das genau das, was Jesus den Menschen erklären und zeigen wollte: So unterschiedlich wir Menschen auch sind – was wir beruflich machen, wie wir aussehen oder was wir schon falsch gemacht haben – wir sind alle zusammen unterwegs durchs Leben. Das sollte uns verbinden. Das hat er auch immer wieder versucht, seinen Freunden vorzuleben. Er hat mit Leuten gegessen, mit denen freiwillig niemand essen wollte. Er hat sich mit Leuten abgegeben, die man sonst eher gemieden hätte. Ja sogar um kranke Menschen hat er keinen Bogen gemacht, wie alle anderen.

Ich glaube, dass er damit zeigen wollte, wie das Leben auch funktionieren könnte. Wenn Menschen füreinander da sind. Wenn wir merken, dass wir irgendwie verbunden sind. Nicht nur bei Katastrophen, sondern auch in meinem Alltag. Verbunden aber auch mit Gott selbst. Dann kämen wir der Welt, wie Gott sie sich für uns gewünscht hat, einen kleinen Schritt näher.
Mal schauen, wen ich morgen alles am Grüngutcontainer treffe.

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26AUG2021
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„Wir müssen einen Regenwurm retten“ – mit diesen Worten stand ein kleiner Knirps vor mir. Wir hatten in der Gemeinde gerade Kinderferienwoche und da hat es mal wieder geregnet. In einer Pfütze lag ein Regenwurm, der sich irgendwie verirrt hat. Den wollten sie gerne retten, damit er nicht ertrinkt. In dem Moment dachte ich: Wie schön wäre es, wenn alle Menschen so denken würden, wie diese Kinder.

Helfen statt zuschauen. Den Moment nutzen, genau das zu tun, was gerade dran ist. Jedes Lebewesen für so wichtig erachten.
Jesus hat das auch Mal in der Bibel gesagt: Ihr müsst euch ändern und wie die Kinder werden.
Nein, ich glaube nicht, dass man pauschal sagen kann, dass Kinder die besseren Menschen sind. Kinder können untereinander auch ganz schön gemein sein.

Aber ich glaube schon, dass Kinder manchmal besser wissen, was jetzt gerade dran ist. Und sie werden nicht müde uns das zu sagen. Mama ich habe jetzt Hunger! Papa spiel jetzt mit mir! Dabei überlegen sie nicht, ob das jetzt richtig ist oder man dabei jemandem vor den Kopf stößt. Wenn man einen Regenwurm retten muss, dann muss man halt einen Regenwurm retten.

Kinder können noch nicht das Große und Ganze im Blick haben. Das ist klar. Dafür leben sie viel mehr im hier und im jetzt. Ich glaube, deshalb hat Jesus das gesagt: Ändert euch und werdet wie die Kinder. Versucht nicht, ständig alles im Blick zu haben und zu kontrollieren. Nur Gott hat die ganze Welt im Blick. Konzentriert euch auch einmal auf das Hier und Jetzt. Ich kann mir den Moment herausnehmen jetzt in Ruhe ein Eis zu essen oder eine Tasse Kaffee zu trinken, weil es gerade jetzt dran ist. Ich kann mir jetzt Zeit nehmen, weil mich gerade jemand braucht. Ich muss dabei nicht immer alles im Blick behalten. Mich entlastet das im Alltag. Denn ich glaube, dass es beides braucht. Zeit das große Ganze in den Blick zu nehmen. Und Zeit das Hier und Jetzt zu nutzen. Und so haben wir eben mitten in der Kinderferienwoche einen Regenwurm aus der Pfütze gerettet. Vor allem jetzt gerade in der Urlaubszeit, habe ich mir das vorgenommen. Hier und jetzt den Moment zu genießen. Der ganze Rest kommt später wieder dran.

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25AUG2021
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Es gibt sie in rot, weiß. Gelb und blau. Duftend und nützlich. Lecker und giftig. Blumen. Wenn ich mit unserem Hund unterwegs bin, bin ich immer wieder erstaunt, was da alles wächst und blüht. Wie langweilig und einfarbig wäre unsere Welt, wenn nichts wachsen und blühen würde. Schade, dass sie so schnell verblühen…

In der Bibel stehen Blumen zum einen dafür, dass das Leben vergänglich ist. Blumen werden welk, und das Leben vergeht. So bitter das auch sein mag, sind Blumen trotzdem bunt und wunderschön! Deshalb sind sie in der Bibel auch ein Zeichen für die Schönheit der Schöpfung.

Der Mensch ist wie eine Blume auf dem Feld.  Das ist ein Satz aus einem alten Gebet in der Bibel. Er sagt mir: Ich als Mensch bin vergänglich. Er sagt mir aber auch, dass Gott mich bunt und wunderschön geschaffen hat! Das finde ich sehr schön: Mein Leben kann bunt sein. Andere Menschen können es noch bunter machen. Und auch ich kann Farbe ins Leben der anderen bringen.

Mit Menschen ist es wie mit den Blumen: Es gibt Blumen, die ich sehr mag und welche, die ich nicht so schön finde. Blumen, die wunderbar duften, an denen man sich aber auch ganz schön piksen kann. An manchen laufe ich gedankenlos vorbei, und wieder andere muss ich ganz schön suchen.

Wenn ich das auf Menschen übertrage, merke ich, dass es sich lohnt aufmerksam durchs Leben zu gehen. In meinem Alltag mal nach links und rechts zu schauen, was für bunte Menschen mich da auf meinem Lebensweg begleiten. Ich muss auch nicht alle Menschen mögen. Auch die Menschen, auf die ich vielleicht allergisch reagier, machen mein Leben bunter.

Das Beste ist aber: Ich kann auch das Leben von anderen Menschen ein bisschen bunter machen. Einfach dadurch, dass es mich gibt. Dass ich da bin, wo ich bin. Und das mache, was ich mache.

Für die einen bin ich vielleicht eine duftende Blume, für die anderen vielleicht ein stacheliger Kaktus. Wenn ich aussuchen müsste, dann wäre ich gerne ein Gänseblümchen. Irgendwie alltäglich und doch besonders. Grün, weiß und gelb. Drei schöne Farben in einer Blume. Aber das ist eigentlich auch nicht so wichtig. Hauptsache bunt.

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24AUG2021
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Neulich wäre mir um ein Haar ein Fußgänger ins Auto gelaufen. Ich war auf dem Weg nach Hause. Es war an einer normalen Kreuzung. Da war kein Zebrastreifen, keine Ampel und auch sonst kein Fußgängerüberweg. Ich konnte also nichts dafür, habe ihn aber wild schimpfend im Rückspiegel gesehen. Deshalb habe ich angehalten. Aber er hat mich nur beschimpft. Und dann streckt der mir noch den Mittelfinger hin. Wie aggressiv dieser Mann war!

In letzter Zeit habe ich öfters das Gefühl, dass der Ton in unserer Gesellschaft immer rauer wird. Einsatzkräfte werden beschimpft und auch so im Alltag fällt mir das auf. An der Kasse im Supermarkt, geht es nicht schnell genug, auf der Straße geht es herzhafter zu und auch der Ton zwischen jungen Leuten wird rauer.

Was für ein wahnsinniger Unterschied zu dem, was Jesus in der Bibel fordert.
Er sagt: Wehrt euch nicht gegen Menschen, die euch etwas Böses antun! Sondern wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm auch deine andere Backe hin!

Und später geht Jesus sogar noch einen Schritt weiter. Ich soll sogar meine Feinde lieben.  Was für eine Herausforderung. Ich glaube zwar nicht, dass ich in dem Sinne Feinde habe. Aber es gibt natürlich immer Menschen, mit denen ich nicht klarkomme oder die mir das Leben schwer machen. Und jetzt soll ich sie lieben?

Ich glaube: Was Jesus eigentlich damit sagen wollte ist: Stell dich nicht auf die gleiche Stufe mit demjenigen, der dich gerade beschimpft oder dich auf die Backe schlägt. Wenn du zurückschlägst, kann es nur Verlierer geben. Mach nicht den gleichen Fehler. Beende die Aggression.

Leicht gesagt – aber gar nicht leicht, das auch zu beherzigen! Als mich der Fußgänger an der Kreuzung so beschimpft hat, habe ich gemerkt, dass mich das auch aggressiv macht. Ich habe mir kurz überlegt auszusteigen, um ihm meine Meinung zu sagen. Aber was hätte ich damit erreicht? Garantiert nur immer neue Beleidigungen.

Deshalb glaube ich hat Jesus versucht uns eine andere Möglichkeit anzubieten. Seine Botschaft: Eine oder einer muss anfangen den Kreislauf der Aggression zu durchbrechen.

Ich möchte eigentlich gerne in einer Gesellschaft leben, in der wir uns nicht die ganze Zeit beschimpfen und gegenseitig Beleidigungen an den Kopf schmeißen. Deshalb versuche ich ruhig zu bleiben. Meinen eigenen Ärger öfter einmal herunterzuschlucken, wenn mir jemand dumm kommt. Ich hoffe, ich trage meinen Teil dazu bei, dass der Ton auf der Straße wieder freundlicher wird.

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23AUG2021
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„Sie brauchen sich für Ihre Füße nicht zu schämen“ – das hat die Fußpflegerin gesagt, als ich das erste Mal bei ihr war. Mir war ein Brett auf den Fuß gefallen. Seitdem ist mein großer Zeh etwas lädiert. Weil ich sie wohl etwas verwundert angeschaut habe, hat sie mir erklärt, dass sich die meisten Leute zuerst für Ihre Füße entschuldigen.
Schade eigentlich. Ich kann es zwar verstehen. Ich finde meine Füße jetzt auch nicht besonders hübsch. Aber Füße sind etwas ganz Tolles! Sie tragen mich überall hin. Bringen mich überall rauf und machen eigentlich so ziemlich alles mit.

Gott, Du stellst meine Füße auf weiten Raum. Das ist ein Satz aus einem alten Gebet in der Bibel. 
Der Mensch, der dieses Gebet geschrieben hat, hat sich in seinem Leben umgeschaut und hat wohl gemerkt: Wie viele Möglichkeiten das Leben bietet. Aber auch wie viele Wege man in diesem weiten Raum gehen kann. Da gibt es die breiten Wege, die angenehm für unsere Füße sind: Dann läuft es im Leben gerade rund. Im Job, in der Beziehung oder im Urlaub ist dann alles ganz leicht. Da geht buchstäblich alles ganz leicht. Und dann gibt es die kurvigen und anstrengenden Wege. Da muss ich mich wahnsinnig anstrengen, um meine Ziele zu erreichen. Weil irgendwas nicht so klappt, wie ich es mir vorgenommen habe.

Und es gibt die schweren Wege, auf denen ich kaum weiß, wie ich meine Füße setzen soll. Sie vielleicht auch irgendwann nicht mehr wollen, weil sie müde und kaputt sind. Und manchmal auch ihren Dienst ganz verweigern. Dann zwingen sie mich umzudenken und den weiten Raum anders zu gestalten.

Du stellst meine Füße auf weiten Raum. Das empfinde ich für mich heute genauso.
Deshalb schäme ich mich auch nicht für meine Füße. Nur, weil sie vielleicht nicht ganz gerade sind. Oder manchmal nicht nach Veilchen duften.

Sie gehören zu mir. Sie tragen mich. Lassen sich geduldig Strümpfe und Schuhe anziehen und helfen mir damit mein Leben zu leben und zu gestalten.

Und dafür bin ich sehr dankbar. Deshalb denke ich oft schon morgens an diesen Satz: Du stellst meine Füße auf weiten Raum. Wenn ich meine Füße aus dem Bett schwinge und sie mich ganz automatisch auf dem schnellsten Weg zur Kaffeemaschine bringen.

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