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06NOV2021
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Leon ist acht Jahre alt. Er sagt: „Ich glaube nicht an Gott. Aber ich spüre, dass das echt ok ist für dich. Dann mach ich im Religionsunterricht gerne mit.“ Leon will nicht abgewertet werden, weil er nicht an Gott glaubt oder gar überredet werden, es doch zu tun. Seitdem ich angefangen habe, Religion zu unterrichten, hat sich viel verändert. In meiner Klasse sind von den 27 Kindern sieben christlich getauft, 15 nicht getauft und fünf Kinder gehören einer anderen Religion an. Das ist anspruchsvoll. Gerade auch bei Elternabenden. Über den Sinn von Religionsunterricht wird oft heiß diskutiert. Ich muss erklären, warum Religion ein ordentliches Schulfach ist wie Mathematik und Deutsch. In der deutschen Verfassung verankert.

Für viele Eltern sind die Kirchen heute weit weg. Sie haben in ihrem Alltag kaum eine Bedeutung. Ethikunterricht statt Religion fordern viele auch für die Grundschule. Gleichzeitig erlebe ich, was Kinder im Religionsunterricht alles fragen und was sie beschäftigt. „Glaubst du an Gott?“ wollte ein Junge zu Beginn einer Relistunde einmal von mir wissen. „Ja, ich habe schon oft gespürt, dass er mich begleitet,“ habe ich geantwortet. Und schon waren wir mitten in einem spannenden Gespräch darüber, wie ich das spüren kann.

Ich kann intensiv mit Kindern darüber nachdenken kann, was geschieht wenn wir sterben. Oder darüber wie das war mit der Entstehung der Welt. Ob alle Menschen gleich viel wert sind, egal woher sie kommen oder wieviel Geld sie haben. Dafür spielt keine Rolle, ob die Kinder getauft oder nicht getauft sind. Davon erzähle ich auch an Elternabenden. Kinder haben ein Recht darauf, solche Fragen zu stellen und darüber nachdenken zu lernen wie über Mathe oder Deutsch. Sie haben ein Recht darauf, dass ich mit ihnen nach Antworten suche und aufrichtig sage, was ich selbst glaube. Wenn ich das tue, merke ich, dass die Kinder besonders neugierig sind. Ich mache sie mit christlichen Antworten vertraut. Und staune, wie viel sie über andere Religionen wissen. Vor allem nehme ich sie ernst mit ihren Überzeugungen. So wie Leon. Egal wie alt sie sind.

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05NOV2021
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Toni Edo ist ein mutiger Mann. 44 Jahre alt und in Nigeria geboren. Seit 2017 lebt er mit seiner Familie in Deutschland. Ich habe über ihn in der Tageszeitung gelesen. Anfang September hat in Rottenburg ein Mann mit einem Messer mehrere Passanten bedroht. Toni Edo hat beherzt und klug eingegriffen. Es ist ihm gelungen, den Angreifer zu überrumpeln und ihm das Messer wegzunehmen. Zwei Wochen später war Toni Edo noch einmal in der Zeitung. Er ist für seinen Mut geehrt worden. Bei beiden Zeitungsberichten hab ich gedacht… Gott sei Dank. Dieses Mal ist der Einwanderer mit afrikanischen Wurzeln der Gute und nicht der Böse. Wie gut, dass es auch mal andersrum ist. Der dunkelhäutige Mann nicht der Täter.

Dass ich so jemals denken würde, hätte ich vor fünf Jahren noch nicht für möglich gehalten. Die Stimmung gegenüber fremden Menschen in Deutschland hat sich verändert. Das merke ich an mir selbst. Es irritiert mich, wenn im Bus niemand außer mir deutsch spricht, obwohl ich eigentlich fremde Sprachen mag. Ich traue mich kaum, das laut zu sagen. In die Ecke der fremdenfeindlichen Menschen gehöre ich nämlich sicher nicht. Ich habe auch keine Angst vor Überfremdung.

 

Viel mehr fürchte ich mich vor Menschen, die andere hassen ohne sie zu kennen. Nur weil sie eine andere Sprache sprechen und in einem anderen Land geboren sind. Solche Verallgemeinerungen gehen mir gegen den Strich. Die Flüchtlinge, die Syrer oder Afghanen gibt es nicht. Immer sind es Menschen mit einer Geschichte, oft mit einer schweren Geschichte. Ein Beispiel aus meinem Lebensumfeld ist im Vergleich zur Geschichte von Toni Edo harmlos. Es zeigt aber sehr klar, was ich meine. Als Lehrerin in einer Grundschule erlebe ich mit syrischen Kindern auch ganz Unterschiedliches. Hiba ist schwer traumatisiert. An Lernen in der Schule ist nicht zu denken. Raya hat Schlimmes auf der Flucht erlebt. Trotzdem findet sie sich gut in Tübingen zurecht, spricht sehr gut Deutsch und lernt neugierig. Da bin ich nicht anders gefordert als mit deutschen Kindern. Ich muss jedes Kind genau kennenlernen und herausfinden, wer was braucht. Alle haben unterschiedliche Voraussetzungen. Bringen unterschiedliche Fähigkeiten mit und haben das Recht so gesehen zu werden. Jeder ist einzigartig. Dafür ist Toni Edo aus Nigeria ein wunderbares Beispiel.

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04NOV2021
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Moritz sitzt im Rollstuhl. Immer schon. Er ist 30. Seine Eltern haben die Behinderung von Moritz akzeptiert, ohne ihr zu viel Gewicht zu geben. Sie haben getan was sie konnten. Als Kind und Jugendlicher hat Moritz erlebt, wie seine Behinderung ihn einschränkt. Dass er nicht spielen und Sport machen kann wie alle anderen. Dass Partys und Clubs außerhalb seiner Reichweite liegen. Aber er hat gelernt, wie er mit seiner Behinderung leben kann. Selbstbewusst, meistens ohne sich schlecht zu fühlen oder zu schämen. Moritz hat Abitur gemacht. Latein und Mathematik studiert. Sein Referendariat als Lehrer erfolgreich abgeschlossen. So dass er inzwischen an einem Gymnasium unterrichtet. Über ein Dating Portal hat er eine Freundin gesucht und gefunden. Vor wenigen Wochen haben die beiden geheiratet.

Ich kenne Marla, die Frau von Moritz. Auch sie behindert eine Spastik.

Durch die Art und Weise wie Moritz lebt, sagt er:

„Ja, ich bin behindert. Die Spastik schränkt mich in vielem ein. Aber andere Menschen müssen mit anderen Einschränkungen zurechtkommen. Wenn Eltern sich trennen ist das auch nicht leicht für die Kinder. Meine Eltern haben mir immer das Gefühl gegeben, dass mein Leben absolut wertvoll ist. Dass sie mich so lieben wie ich bin. Dass ich mit den Einschränkungen leben lernen werde. Und außerdem ganz viel kann. Ich bin klug. Lerne gerne. Kann singen. Habe Freunde und eine tolle Familie. Ich kann lieben. Ich kann mit meiner Frau alleine in einer Wohnung leben und mir helfen lassen, wo es nötig ist. Ich habe sehr gut gelernt, andere um Hilfe zu bitten ohne mich schlecht zu fühlen. Und zeige jedem, der mir begegnet, dass ich mit meiner Behinderung ein kostbarer Mensch bin. Mich nicht verstecken muss. Dass ich zu dieser Gesellschaft gehöre, wie alle anderen auch. Und meinen Beitrag dazu leiste, dass wir eine menschfreundliche Gesellschaft sein können.“

Die Biographien von Moritz und Marla berühren mich. Ich habe erlebt, wie schwer es für Marla war, einen angemessenen Platz in unserer Gesellschaft zu finden. Mit Moritz ist mir noch klarer geworden, was dafür notwendig ist.

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03NOV2021
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Jona und Ali haben sich gehasst. Rumpeln, schubsen, brüllen, beißen und kratzen waren normal. Auf dem Pausenhof und im Klassenzimmer. Kein Gespräch hat geholfen. Irgendwann hatte die Klasse genug von der ewigen Streiterei. Viele haben geglaubt, es sei die einzige Lösung, wenn einer von den beiden verschwindet.

Die Klassenlehrerin war anderer Meinung. Sie hat sich mit den Kindern in den Kreis gesetzt und sehr ernst gesagt: „So kann es nicht weitergehen. Der Streit macht die Klasse kaputt.“ Alle haben gespürt, wie ernst die Lehrerin genommen hat, was jeden Tag passiert ist. Sie hat Jona und Ali gebeten, sich in der Mitte des Kreises mit einem Meter Abstand gegenüberzusetzen und sich genau anzuschauen. Die Klasse war solange still und hat die beiden in Gedanken mit guten Wünschen für eine friedliche Lösung begleitet. Dann hat die Lehrerin Jona und Ali gefragt, ob sie bereit wären, einige Übungen genau zu befolgen. Sie haben genickt. Zuerst haben sie eine typische Tätigkeit des anderen nachahmen müssen. Schon da wären die beiden am liebsten abgehauen. Aber sie hatten zugestimmt und die Erwartung der ganzen Klasse hat sie im Kreis gehalten. Mit Müh und Not haben sie das geschafft. Danach sollte jeder dem anderen sagen, was er gut an ihm findet. „Mir gefallen deine neuen Jeans“, hat es Ali schnell hinter sich gebracht. Jona ist stumm und regungslos im Kreis gesessen bis er Tränen in den Augen hatte. Dann hat er ganz leise gesagt: „Du hast ein sehr schönes Bild gemalt.“

Ab jetzt hat die Klasse jeden Morgen Jona und Ali in die Kreismitte genommen. Die beiden haben sich die Hand gegeben und sich gegenseitig etwas Gutes für den Tag gewünscht. Außerdem hat die Klasse darauf geachtet, dass die beiden sich in der Pause nicht zu nahe gekommen sind. Sich gegenseitig auf diese Weise zu achten und sich zu versöhnen, das ist ihnen richtig schwer gefallen. Ali und Jona haben Zeit dazu gebraucht. Nach einem halben Jahr haben sie es geschafft, gemeinsam ein Referat zu schreiben. Heute sind sie Freunde.

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02NOV2021
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Die Mutter von Larissa hat Depressionen und liegt manchmal den ganzen Tag im Bett. Aber darüber redet Larissa lieber nicht. Frau Maier wird von ihrem Mann geschlagen, wenn er getrunken hat. Außer ihr und ihren Kindern weiß das aber keiner. Max ist 13. Er sitzt nur noch am Computer. Seine Eltern wissen sich nicht zu helfen und fühlen sich schuldig. Deshalb unternehmen sie nichts.

Oft ist nicht sichtbar, was hinter verschlossenen Haustüren alles passiert. Aber es passiert. Daran besteht kein Zweifel. Familienbeziehungen sind gnadenlos ehrlich. Ich weiß, wovon ich rede. Als ich Kind war, ist bei meiner Mutter Diabetes diagnostiziert worden. Wie das für mich war, hat damals keiner gefragt. Dass meine Mutter mit drei kleinen Kindern überfordert war, hat kaum jemand interessiert. Heute als Lehrerin erlebe ich die andere Seite. Ich sehe oft wenn Kinder und Eltern offensichtlich überfordert und in Not sind. Wenn sie sich anvertrauen, kann ich versuchen, mit ihnen Lösungen zu finden.

Das Thema ist nicht neu. Schon in der Bibel finden sich ganz konkrete Anweisungen für den Umgang in Familien. Auf sogenannten Haustafeln. Dort werden z.B. Väter aufgefordert, ihre Kinder nicht einzuschüchtern, damit sie nicht mutlos werden. Diese Haustafeln hatten die Aufgabe, Menschen dabei zu helfen, achtsam und respektvoll miteinander zu leben.[1] Einander verzeihen zu lernen, sich mit Schwächen aushalten zu können. Was damals hilfreich war, können wir zum Teil übernehmen. Manchmal reichen konkreten Anweisungen allerdings nicht aus. Dafür gibt es heute Beratungsstellen, die Paaren, Eltern und Kindern helfen, ihr gemeinsames Leben zu meistern. Trainingsangebote, bei denen man üben kann hilfreich miteinander zu sprechen.

Immer gilt: Menschen brauchen Mut, um zu sagen, dass Sie Hilfe brauchen. Das ist nicht leicht. Ich kenne selbst die Angst, versagt zu haben und mich deshalb schuldig zu fühlen. Vor allem als junge Frau haben mich Angst und Schuldgefühle so gelähmt, dass ich diesem Teufelskreis kaum entkommen bin. Dann hat auch geholfen, wenn mich andere ermutigt haben.

Heute weiß ich: wer diesem Teufelskreis entkommen will, braucht viel Mut. Manchmal hilft auch, wenn Menschen von außerhalb mutig sind. Wenn sie offen sagen, was sie sehen. Und was vielleicht helfen könnte.

 

[1] Schweizer, Eduard: EKK, Der Brief an die Kolosser. S. 159-164

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22MAI2021
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Fanny ist 25 und studiert Jura. Sie gehört zu den Menschen, die gerne alles planen. Ihre Veranstaltungen fürs Studium, Etappen auf Reisen, ihren Speiseplan für die Woche. Seit dem Frühjahr letztes Jahr erlebt sie, dass sie ihre Pläne ständig über den Haufen werfen muss.

Fanny bemerkt, wie sie reagiert auf das, was sich alles verändert hat. Manchmal ist sie wütend, weil sie ihr Leben gemocht hat, wie es war. Manchmal ist sie auch überrascht. Weil es ihr leichter fällt als sie dachte, wenn sich Pläne ändern. Sie fängt wieder an zu stricken und erinnert sich, dass sie das als Jugendliche schon gerne gemacht hat. So entsteht ein Pullover, den sie selbst entworfen hat. Aber manchmal überfällt sie auch große Angst. Selbst schwer krank zu werden. Berichterstattungen im Fernsehen zu Covid 19 kann sie fast nicht mehr sehen. Und oft vermisst sie, dass sie sich nicht einfach mit ihren Freunden treffen kann. Dafür geht sie jetzt öfter raus und freut sich, dass sie mehr in der Natur ist. Und sie ruft ihren 80jährigen Großvater regelmäßig an. Das hat sie davor auch nicht gemacht. Die Gespräche mit ihm tun ihr gut. Er hat noch das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt und erzählt ihr, dass der Krieg als Kind für ihn schlimmer war als die Krise jetzt. Er ist froh, dass er ein Dach überm Kopf hat, essen kann, was ihm schmeckt und dass er keine Angst vor Bombenangriffen haben muss.

Fanny‘s Leben hat sich verändert. Ja. Sie ist wütend. Und traurig. Und überrascht. Und sie hat Angst. Und ist genervt. Und sie freut sich, erinnert sich an Dinge, die sie früher gern gemacht hat und entdeckt Neues. Das alles tut sie nicht entweder oder. Sondern nacheinander, manchmal gleichzeitig.

Ich frage Fanny, wie es ihr geht. Jetzt, nach einem Jahr Corona. Es beeindruckt mich, was die junge Frau sagt: Ich habe richtig viel gelernt. Über mich selbst. Und über meinen Großvater. All diese Veränderungen sind nicht entweder schlecht oder gut. Es gibt von allem etwas. Ich stelle fest, dass es mir gefällt, weniger zu planen. Ich weiß jetzt, dass ich noch nie in meinem Leben auf irgendetwas wirklich verzichten musste. Es ist gut für mich, dass ich das erlebe. Ich merke, dass ich auch anders leben kann.

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21MAI2021
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Taizé ist ein kleines Dorf im Burgund. Normalerweise treffen sich dort Woche für Woche Jugendliche aus der ganzen Welt. Das ist auch jetzt möglich. Eingeschränkt, wie überall.

Überwiegend kommen nach Taizé Christen. Welcher Kirche sie angehören spielt keine Rolle. Sie kommen, weil sie an diesem Ort Gemeinschaft erleben. Im Mittelpunkt steht, was sie verbindet und nicht, was sie trennt. Dreimal am Tag treffen sie sich zum Gebet.

Freitag abends bleiben sie noch lange nach dem Gebet in der Kirche. Als Erinnerung an den Todestag von Jesus liegt ein großes Holzkreuz in der Mitte der Kirche flach auf dem Boden. Etwas erhöht auf ein paar Backsteinen wie ein Tisch – 10 / 12 Leute passen drum herum. Wer dort Platz nimmt, legt seinen Kopf auf dem Kreuz ab. Es ist sichtbar, worum es geht. Menschen zeigen, dass sie belastet sind. Sie legen ihren Kopf auf dem Kreuz ab und bringen so ihre Last zu Gott. Sie fühlen sich von ihm getragen. Und sie erleben, dass sie nicht alleine sind. Neben ihnen sitzen andere, die dasselbe tun. Ohne voneinander zu wissen, welchen Kummer sie haben. Obwohl sie schweigen sind sie verbunden.

Als Menschen und durch ihren Glauben an Gott.

Das Kreuz ist im Christentum ein starkes Zeichen dafür, dass Gott die Menschen liebt. Auf den ersten Blick kann man das nicht sehen. Denn im Grunde ist es einfach grausam, wie Jesus am Kreuz gestorben ist. Es erklärt sich nicht von alleine, warum das sein musste. In Taizé kann man etwas davon ahnen. Dort entlastet das Kreuz Menschen sichtbar und fühlbar. Das habe ich selbst oft erlebt bei meinen Besuchen dort.

Zurzeit hilft es mir, mich an dieses Gefühl zu erinnern. An manchen Tagen kann ich kaum aushalten, wie viel sich in der Pandemie verändert hat. In der Schule gibt es fast jede Woche neue Maßnahmen. Logisch ist daran vieles nicht. Zu Impfstoffen kreisen widersprüchliche Informationen. Ein Ende der Pandemie ist nicht in Sicht. Die Auswirkungen sind nicht berechenbar. Oft gelingt es mir, das Beste aus der Situation zu machen. Manchmal fühle ich mich nur ohnmächtig.

Für mich ist es gut zu wissen, dass in Taizé Menschen gemeinsam um das Kreuz sitzen wie um einen Tisch, ihren Kopf ablegen und entlastet werden. Wenigstens in Gedanken setze ich mich zu ihnen.

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20MAI2021
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Ich habe Alex im Januar bei einer Rehamaßnahme getroffen. Er hat mir geholfen, das Gepäck in mein Zimmer zu bringen. Ein aufmerksamer und freundlicher Mann. Wir sind ins Gespräch gekommen. Und dabei habe ich ihn auch gefragt, was er beruflich macht. „Ich arbeite bei der Müllabfuhr“, hat er geantwortet und gelacht. Ich habe Hochachtung davor, dass er diesen Job macht und habe ihm das gesagt. Darüber hat er sich gefreut, weil er das nicht oft hört. Die meisten Menschen finden, dass er einen üblen Job hat. Ich habe mich gewundert. Eigentlich müssten doch alle froh sein, dass es Leute gibt, die unseren Müll abholen. Das stimmt zwar. Trotzdem behandeln ihn viele von oben herab, erzählt er. Sie halten Müllmänner für minderwertige Menschen ohne Ausbildung. Mich hat interessiert, wie Alex zu diesem Job gekommen ist und was ihm an seiner Arbeit gefällt. Er hat super Arbeitszeiten. Die erlauben ihm, seine Tochter aus der Kita abzuholen und am Nachmittag viel Zeit mit ihr zu verbringen. Außerdem wird er gut bezahlt. Er ist immer draußen und er mag seine Kollegen. Tolle Kumpel auf die er sich verlassen kann. Und, fügt er noch hinzu: meine Arbeit ist sinnvoll. Superwichtig.

Mich beeindruckt, wie selbstbewusst er das sagt.

Wie gut, wenn jemand weiß, dass er mit seinen Gaben wichtige Arbeit leistet für andere. Dafür verdient jeder Anerkennung.

Zurück aus der Reha habe ich Frau Kara getroffen. Mit ihr habe ich etwas Ähnliches erlebt wie mit Alex. Sie ist Reinigungskraft und putzt erst seit kurzem in unserer Schule die Klassenzimmer. Mir fällt auf, wie sauber die seither sind. Ich sage ihr, wie froh ich darüber bin. Strahlend antwortet sie mir: „Ich weiß! Meine Arbeit ist wichtig und ich mache sie gerne und gut. Gerade für Kinder muss es überall sauber sein.“

So ist es, wenn Menschen spüren, dass sie wichtig sind. Dass ihre Arbeit wichtig ist und auch, wie sie dabei anderen Menschen begegnen. Natürlich tut es gut, wenn andere das bemerken, und auch sagen, dass jemand seine Arbeit gut macht. Aber es ist noch wertvoller, das selbst zu wissen. Nicht abhängig zu sein von der Anerkennung anderer.

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19MAI2021
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„Gottes Liebe bewahrt nicht vor allem Leid, sondern in allem Leid“. Dieses Glaubensbekenntnis von Hans Küng hat mich tief geprägt. Ich habe während meinem Studium Seminare bei ihm gemacht.

Vor kurzem ist der große Theologe und Denker gestorben.

Sein Tod hat mich daran erinnert, was ich ihm verdanke. Wie kann ich an Gott glauben bei all dem Leid, das es gibt? Das war eine meiner wichtigsten Fragen während des Studiums. Not und Elend gibt es überall. Auch ganz in meiner Nähe. Vieles, was geschieht, kann ich nicht verstehen und kann mir niemand erklären. Und trotzdem kann ich an Gott glauben, der da ist. Der mit mir und in der Welt das Leben aushält, mit gestaltet und bewahrt.

„Gottes Liebe bewahrt nicht vor allem Leid, sondern in allem Leid.“

Ich glaube wirklich, dass mich Gottes Liebe in den schlimmsten Krisen gehalten und bewahrt hat. Krisen haben mich nicht zerstört. Ich bin gewachsen daran. Es hat mir geholfen, glauben zu können, dass Gott mir nah ist.

Gerne teile ich mit ihnen weitere Sätze aus dem Glaubensbekenntnis von Hans Küng, so wie er es am Ende seines Lebens formuliert hat.

Ich vertraue ihm als einem Vater meines Glaubens

und schließe mich ihm an.

„Unser Leben ist kurz. Unser Leben ist lang. Voll Staunen stehe ich vor einem Leben, das seine unerwarteten Wendungen und doch seine Geradlinigkeit hatte. In den vielen Tagen meines Lebens hat es schöne und trübe gegeben. Wechselnde, die so vieles an Erfahrungen mit sich brachten im Guten und im Bösen.

Ich danke dir unfasslicher, alles umfassender und alles durchwaltender Urgrund, Urhalt, Ursinn unseres Seins – den wir Gott nennen.

Ich danke dir, dem großen unsagbaren Geheimnis unseres Lebens.

Ich danke dir für dieses Leben mit allem Unerklärlichen und Seltsamen. Für all die Erfahrungen. Die Hellen und die Dunklen.

Den Plan, nach dem unser Leben verläuft mit all seinen Irrungen und Wirrungen erkennst nur du allein. Und dein Angesicht können wir in dieser Welt nicht sehen. Aber wir dürfen deine Hand in unserem Leben im Rückblick erkennen. Und dürfen erfahren, dass du uns getragen und geführt hast. Ich danke dir mein Gott.“

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18MAI2021
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Felix ist glücklich. Seit er Melanie kennt, weiß er, wovon er immer geträumt hat. Von einem Menschen, mit dem er über alles sprechen kann. Die beiden sind unzertrennlich. Sie machen alles zusammen. Das geht soweit, dass Felix abends nicht mehr ins Bett geht, wenn er müde ist. Sondern erst, wenn Melanie mitgeht. Sie fängt das an zu nerven und spricht mit ihm darüber. So kommen sie darauf, dass sie sich oft einsam gefühlt haben, bis sie sich kennengelernt haben. Obwohl sie beide in einer großen Familie aufgewachsen sind. Einsam deshalb, weil sich niemand dafür interessiert hat, was in ihnen vorgeht. Zum Beispiel erinnert sich Melanie noch gut daran, wie ihre Mutter schwer krank wurde. Niemand hat gefragt, wie es ihr geht. Dabei hatte sie schreckliche Angst um ihre Mama. Sie hätte gebraucht, dass jemand mit ihr darüber spricht und dass sie ihre Angst zeigen kann. Felix versteht nur zu gut, wovon sie spricht.

Melanie und Felix wollen sich gegenseitig das geben, was sie bisher vermisst haben. Das ist etwas, das sie als Paar besonders verbindet. Sie sprechen sehr viel zusammen. Merken dabei aber auch, wie sie an ihre Grenzen kommen.

Was sie einander geben können, heilt die alten Wunden nicht.

Die Situation ist nicht einfach für das junge Paar. Zum Glück können sich die beiden erzählen, wie sie sich fühlen. Sie verstehen immer besser, dass sie nicht verantwortlich sind für ihre Verletzungen in Kindertagen. Trotzdem müssen sie sich gegenseitig aushalten und damit umgehen, wenn Tränen fließen. Wenn sie wütend aufeinander sind, sich gegenseitig nerven.

Damit sie ihre Liebe nicht verlieren, hat das Paar eine kluge Entscheidung getroffen. Beide haben sich in einer Beratungsstelle Menschen gesucht, mit denen sie über ihre alten Wunden sprechen können. Weil sie wissen, dass sie als Ehepartner dafür nicht verantwortlich sind. Aber auch, dass gerade in einer Partnerschaft diese alten Verletzungen aufbrechen, weil die Beziehung so nah ist.

Melanie und Felix hoffen, dass so wenigstens manches heilen kann.

Und, dass sie so ihr Versprechen halten können: Füreinander da zu sein in guten und in schlechten Zeiten. Sich zu lieben und zu achten bis der Tod sie scheidet.

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