Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


01DEZ2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Meine kleine Nachbarin gab mir zu verstehen, dass sie mich besuchen wollte. Die Mama hat es erlaubt und schnell noch einen Schal geholt. Dann nahm sie meine Hand und ich ging mit ihr über die Straße  in meine Wohnung. Im Flur blieb sie zögernd stehen und überlegte, wohin sie jetzt gehen sollte. Ich machte die Tür vom Wohnzimmer auf.

Elanur ist drei, sie kommt aus Syrien und lernt grade im Kindergarten die ersten deutschen Wörter verstehen und sprechen. Tschüss kann sie schon, und dazu winken, wenn jemand geht. Normalerweise spricht sie kurdisch. Das verstehe ich leider nicht, auch wenn sie es immer wieder versucht.

Sie spazierte durchs Wohnzimmer. Zeigte auf die Lampe, fand den Schalter und knipste sie an. Ich sagte „Lampe“. Sie nickte und sagte nichts.

Dann zeigte sie auf das Sofa, so etwas kennt sie von zuhause. Ich sagte „Sofa“. Sie nickte verständig. Sagte aber nichts. Auf dem Couchtisch sind in einer Schale ein paar Schokolädchen. Die erkannte sie sofort, zeigte darauf und probierte. Es schmeckte ihr offensichtlich. Wir gingen dann ins Bad, um die Hände zu waschen, dazu brauchte sie den Hocker. Aber es klappte. Dann fand sie die Fernbedienung im Wohnzimmer, drückte darauf, der Fernseher ging an. Offenbar kannte sie das; es interessierte sie nicht weiter und sie machte ihn wieder aus.

Die Leiter fand sie gut. Auf der obersten Stufe stand sie über mir und lächelte überlegen auf mich herab.

Bisher hatte sie das Klavier noch nicht gesehen. Ich klappte den Deckel hoch und zeigte ihr, wie man vorsichtig mit dem Finger die Tasten herunterdrückt. Erst versuchte sie es auch so, dann nahm sie die ganze Hand und später beide. Sie war glaube ich erstaunt, wie viel Krach sie so machen konnte, aber es gefiel ihr.

Dann reichte es ihr und sie sagte klar und deutlich: Mama.

Ok, ich brachte sie nach Hause. Die Mama war glaube ich stolz auf den ersten Ausflug ihrer Tochter in die Nachbarschaft. Eine deutsche Frau und ein kurdisches Kind – es kann so einfach sein, sich zu verständigen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34375
30NOV2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Immer das Gleiche morgens. Der Wecker schellt, ich gehe nach nebenan ins Bad, koche Kaffee, dusche und such mir was zum Anziehen – typisch Frau, Kleiderschrank voll aber nix zum anziehen da...aber irgendwann findet sich doch was.

Dann ins Auto und zur Arbeit fahren. Nichts besonderes eigentlich, so ist es heute Morgen vielen gegangen.

Nicht den Menschen aus dem Ahrtal, die ich als Seelsorgerin im Containerdorf in Mendig treffe. Die überlegen gründlich, ob sie wirklich aufstehen sollen aus dem warmen Bett. Im Nachthemd ins Bad geht hier nicht, denn Toilette und Dusche erreicht man nur in den Extra-Containern. Also Tagesklamotten anziehen, dicke Jacke drüber, ein Weg über die Wiese, durch den Matsch, Schuhe dreckig, hilft ja nichts. In den Sanitärcontainern ist geheizt, aber wenn jemand die Tür nicht zugemacht hatte, merkt man das nicht mehr. Und den Matsch trägt man ja trotzdem rein, auch wenn täglich geputzt wird.

Zurück im Wohncontainer. Zwei Betten, dazwischen etwas Platz für ein Leselämpchen.

Ein Tisch mit 2 Stühlen. Zwei Spinde aus Plastik oder Metall. Ein Kühlschrank. Und die Elektroheizung. Eine Grundausstattung. Manche haben es sich etwas gemütlich gemacht, aber bei manchen sieht es auch nach 4 Monaten noch so aus. Und die Langeweile zermürbt die Menschen.

Zuhause könnte man sich im Haushalt zu schaffen machen oder im Garten winterliche Ordnung herstellen. Man könnte einkaufen fahren oder fernsehen oder walken gehen. Hier kann man ins große Zelt gehen, sich aus den Kühlschränken Brot und Aufschnitt holen und im eigenen Container frühstücken. Das Essen und die Container wurden den Menschen kostenlos zur Verfügung gestellt. Mein Nachbar, der aus Pakistan hierher kam, findet die Verhältnisse im Containerdorf durchaus erträglich: in seiner Heimat müsste nach einer Katastrophe wie im Juli im Ahrtal jeder selbst für sich sorgen, da greift keine Versicherung ein und kein Staat und es gibt nicht die Aufbauhilfen und Spendengelder, die die Menschen hier bekommen oder die zumindest bereitgestellt wurden. Ich verstehe, was er meint: gemessen an vielen Gegenden in der Welt wird das Unglück, das Menschen in Deutschland trifft, besser aufgefangen. Aber ich bin wirklich für jeden froh, der eine andere Wohnung findet.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34374
29NOV2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Hinterher ist man immer schlauer und weiß, was man hätte sagen sollen. Aber in der richtigen Sekunde fällt einem keine schlagfertige Antwort ein. Jedenfalls ging es mir so. Wenn ich dann im Nachhinein drüber nachdachte, hatte ich viele gute Ideen, aber leider zu spät. Deshalb habe ich mittlerweile in meinem Kopf eine Schublade für schlagfertige Antworten angelegt. Wenn mich heute jemand in Verlegenheit bringen will, ziehe ich da schnell die passende Antwort raus und hab die Lacher auf meiner Seite. Seitdem werde ich auch nur noch selten rot.

Letztens stand ich auf einem Fest mit ein paar Herren und ein paar Bier herum und die Rede kam auf Hamburg und ob ich schon mal in der Herbertstraße gewesen sei. „Ja“, sagte ich, „ein trostloser Ort. Traurige Gestalten, die da nach den Damen Ausschau halten. Die richtig guten Männer müssen nicht zahlen, zu denen kommen die Frauen freiwillig.“     1:0 für mich.

Heutzutage wird man ja bei kurzen Begegnungen immer gefragt, ob alles gut sei: „Na, alles gut?“ Und die richtige Antwort ist: „Ja, klar, bei dir auch?“ – und dann ist die Kommunikation am Ende.

Ich habe mir angewöhnt, auf diese Frage mit „Das Meiste“ zu antworten. Darauf stutzt dann mein Gegenüber kurz und prüft und stellt fest: „Ja, bei mir auch das Meiste“. „Und das ist ja schon viel“, ergänze ich dann und ich finde, das ist schon fast wie ein richtiges Gespräch.

Schlagfertige Gedanken finde ich auch immer mal wieder bei Albert Schweitzer. „Man wird kein Christ, wenn man in eine Kirche geht. Man wird ja auch kein Auto, wenn man sich in eine Garage stellt.“ Das kennen viele und es regt zum Nach-Denken an.

Albert Schweitzer erzählte von einem Bauern, der in die Stadt kam und im Gasthaus zu Mittag aß. Er betete kurz vor dem Essen. Die Städter lachten und einer fragte: „Na, bei euch oben auf dem Berg beten wohl noch alle?“

„Ne,“ sagte der Bauer, „nicht alle, Ochs und Esel gehen ohne Dank an den Trog.“ Der hatte dann auch die Lacher auf seiner Seite und bestimmt hat der eine oder andere darüber nachgedacht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34373
28NOV2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Seit ich im Krankenhaus arbeite, bin ich notgedrungen ein „earlybird“, eine Frühaufsteherin geworden. Man gewöhnt sich daran, um 6.00 aufzustehen und ich will nicht meckern, andere müssen noch viel früher raus. Samstag ist schon besser, aber da liegen meistens private Sachen an, da steh ich dann auch auf, weil es Zeit ist. Und dann kommt Sonntag. Kein Wecker. Aus Gewohnheit werde ich wach, mache mal die Vorhänge auf, je nachdem öffne ich das Fenster weit oder mache es fest zu. Koche Kaffee. Leg mich wieder ins Bett und trinke diesen Kaffee, der besser schmeckt als der in der Woche: weil Zeit ist, ihn zu genießen.

Der Nachbar hat nicht schon um 5 Uhr sein Fahrzeug anlaufen lassen. Keine Schulkinder auf dem Weg zum frühen Bus. Um 7.00 läuten die Glocken von der Kirche.  Ich liege im Bett und freue mich und denke an die Menschen früher ohne Uhr, die vom Läuten der Glocken durch die Pflichten des Tages bis in den Feierabend geleitet wurden. Es ist ganz besonders still am Sonntag. Ich wohne ja auf dem Land, da ist es fast nie richtig laut, aber diese sonntägliche Ruhe hat etwas Andächtiges.

Die Vögel zwitschern, viele Krähen dabei. Jetzt im November singen sie  nicht mehr, um Weibchen anzulocken, sondern nur noch aus Spaß. Oder mir zur Freude?

Es gibt ja viele Leute, die Sonntage doof finden. Langweilig, nicht genug los, shoppen geht nur im Internet, zu wenig Zerstreuungsmöglichkeiten.

Aber ich bin Gott total dankbar, dass ER selber auch nach 6 Tagen Arbeit am 7. Tag geruht hat, wie es die Bibel erzählt. Natürlich glaube ich nicht, dass ER mit 6 Mal Fingerschnipsen die Welt erschaffen hat. Die Evolution war SEINE Methode. Aber diese Ordnung der Tage, die verdanken wir wahrscheinlich IHM. Napoleon hat mal versucht, eine 10-Tage-Woche einzuführen.  Er wollte mit der christlichen Zeitrechnung brechen; es gab dann zwar Monate mit 3 mal 10 Tagen, aber keinen Sonntag, sondern nur alle 10 Tage das „Fest der Vernunft“ als Ruhetag. Hat nicht lange funktioniert.

6 Tage arbeiten, ein Tag Pause. Das passt zu uns.

Ich hole mir noch einen Schluck Kaffee, aber dann drehe ich mich nochmal um und mach die Augen zu: Dankeschön, für diesen schönen freien Tag!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34372
28AUG2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Mist, wieder ein Knöllchen. Normalerweise stecken die ja hinter dem Scheibenwischer an der Windschutzscheibe. In diesem Fall war es um den Fahrradlenker gewickelt.

Christoph Kleeberg aus der Gegend von Mannheim ist ein überzeugter Fahrradfahrer. Mal bringt er die Tochter im Kinderanhänger zum Kindergarten, oder er schleppt  mit dem Lastenanhänger Möbel. Dann hat er irgendwann seinen Lastenanhänger für den Sommer mit Blumen bepflanzt. Wo er das Rad abstellt, freuen sich die Bienen über den unerwarteten kleinen Garten in der Stadt.

Das Knöllchen hatte er bekommen, weil er mit Rad und Anhänger den Autos den Parkplatz wegnimmt.

Manchmal denke ich, wir Deutschen identifizieren uns komplett mit unseren Autos. Wir sagen zum Beispiel: „Ich stehe auf dem oberen Parkdeck“. Nein, stimmt nicht, das Auto steht da. Oder: „Ich brauche neue Winterreifen“. Nee, das Auto braucht die. Ich vielleicht eher neue Schuhe. Mein Auto, das ist für viele Menschen ein Stück ihrer Persönlichkeit. Es gibt genug Witze darüber, wie zärtlich manche Männer ihr Auto polieren, statt sich Frau und Kindern zuzuwenden.

Deshalb gibt es auch so viele, auch Frauen natürlich, die gegen Tempolimits protestieren.

Oder die sich  „Freie Fahrt für freie Bürger“ auf die Fahne geschrieben haben.

Ob Fahrradfahrerinnen  und Fußgänger mit Kinderwagen oder Rollator genug Platz in den Städten haben, ist ihnen möglicherweise egal.

Natürlich habe ich auch ein Auto, auf dem Land braucht man das, und natürlich nehme ich auch Parkplätze weg. Aber seit ich gesehen habe, wie schlecht man mit Kinderwagen oder Rollator an meinem Auto vorbei kommt, wenn ich mit zwei Rädern auf dem Bürgersteig stehe, parke ich auf der Straße. Bei uns bekommt man auch ein Knöllchen, wenn man auf dem Bordstein steht.

Der Mann mit dem fahrbaren Blumengarten hat etwas Wichtiges in Erinnerung gerufen: ohne Autos könnte die Menschheit schon leben, aber nicht ohne die Natur. Deshalb ist es richtig der Natur nicht zu schaden, sie zu schützen und sie hochzuschätzen, und sei es in Gestalt eines kleinen Gartens auf einem Fahrradanhänger.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33741
27AUG2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

So doof. So langweilig! Ich musste im Frühsommer für 14 Tage in Quarantäne. Morgens noch in einer Besprechung im Krankenhaus, dann kam die Stationsleitung der Palliativstation mit ernstem Gesicht zu mir und sagte: „Wir schicken dich jetzt nach Hause. Du hast mit Herrn Schmitz gesprochen und der ist positiv getestet. Pack deine Sachen, das Gesundheitsamt schreibt dir dann.“ Ich war echt schockiert. Mal grade so um halb elf morgens aus dem Alltag rausgerissen.

Und das Gesundheitsamt hat mir geschrieben, sie würden mein Grundrecht auf Freiheit und Unversehrtheit einschränken und wenn ich mich nicht an die Auflagen hielte, könne ich bestraft werden. Das klang ziemlich bedrohlich.

Ich wohne auf dem Land, hab ein Haus mit Garten, meine Nachbarin hat mir sieben Bücher ausgeliehen, mein Partner konnte einkaufen, an manchen Tagen schien die Sonne, ich konnte mit Freunden telefonieren und in Videokonferenzen an manchen dienstlichen Terminen teilnehmen.

Und trotzdem: ich konnte nicht einfach kurz in die Stadt fahren, um mir eine neue Salatschüssel zu kaufen, als ich die alte zerdeppert hatte. Ich konnte nicht zum Orgelkonzert in Maria Laach, nicht zur Nachbarin oder beim Bäcker ein paar Brötchen besorgen. Ich durfte nicht wandern gehen, was ich gern tue.  Ich durfte fast alles. Und dieses FAST hat mich geärgert, hat mich gestört, hat mich eingeschränkt. Ich wollte nicht eingeschränkt sein, ich wollte ALLES. So wie sonst auch.

Dazu fiel mir die Geschichte aus dem dicken alten Buch von Adam und Eva ein. Die hatten auch fast alles, aber sie wollten unbedingt noch das haben, was Gott verboten hatte. Es ging ihnen super, sie durften von allen Früchten des Paradieses essen, nur einen Baum hat Gott sich vorbehalten, davon durften sie nichts essen. Wenn Adam und Eva sich mit „fast alles“ zufriedengegeben hätten, wären sie vielleicht heute immer noch im Paradies.

Und vielleicht ist es überhaupt schon das Paradies, zumindest das Paradies auf der Erde, wenn man FAST alles hat.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33740
26AUG2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Machen Sie mal was über Tiere, sagen mir Leute oft. Ok. Da hab ich was Witziges im Radio gehört. Die Geschichte spielt in zwei Zoos in Tschechien im März dieses Jahres. Da wegen Corona keine Besucher kommen konnten, machte sich bei den Tieren Langeweile und Einsamkeit breit. Das Mittel dagegen: Videokonferenzen, und zwar für die Schimpansen. In deren Gehege wurde ein großer Bildschirm aufgestellt, auf dem sie im Livestream ihre Artgenossen aus einem anderen Zoo sehen konnten.

Die Tierpflegerinnen und -pfleger sagten, die Ablenkung sei bei den Affen gut angekommen. Besonders das jüngste Weibchen hätte sehr interessiert beobachtet, was die Schimpansen in dem anderen Zoo machen.  Und in diesem anderen Zoo, 150 km entfernt, war die Zufriedenheit auch groß:

 „Unsere Schimpansen gehören schon zu den Senioren, aber jede Neuheit ist für sie interessant“, sagte Schimpansen-Pflegerin Mariana Hubikova. Manchmal würden die Menschenaffen vor ihren Artgenossen mit ihrem Essen angeben – oder den Pflegerinnen und Pflegern im anderen Zoo beim Saubermachen zusehen. „Für diese sehr intelligenten Tiere ist das ein neuer und interessanter Impuls“.*

Wenn ich mir so anschaue, was manche Leute in den sozialen Netzwerken posten, sind wir Menschen von den Affen ja nicht so verschieden. Auch wir zeigen Teller mit leckeren Mahlzeiten oder sehen unseren Mitmenschen bei ihren Wanderungen oder Urlauben zu. Der Mensch stellt sich oft in den Mittelpunkt von allem.

Deshalb finde ich es richtig, dass wir nicht mehr von unserer Umwelt sprechen, der Welt um uns herum, sondern von unserer Mitwelt. Es ist nicht die Welt um uns Menschen herum, sondern es ist die Welt, in der wir mit Affen und mit Fischen und Sonnenblumen und Gewittern und Steinen leben. Ich finde es schön zu glauben, dass Gott uns nach seinem Bild geschaffen hat. Aber die ganze Schöpfung ist sein Werk, die Evolution, und wir Menschen sind auf diesem blauen Planeten und im Universum ein winziger Teil.

                                                                                                                  

 

* https://www.berliner-zeitung.de/news/gegen-die-einsamkeit-schimpansen-halten-videokonferenz-ab-li.146450

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33739
22MAI2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Manchmal haben die Anderen die besten Ideen. Eine Kollegin hatte das Projekt „Farbe ins Krankenhaus“ erfunden. Sie arbeitete mit dem Kindergarten am Ort zusammen und bat darum, Bilder für kranke Leute zu malen. Die hängte sie in den Krankenhausfluren an die Wände.

Das kann ich auch, dachte ich mir, und fragte in meinem Heimatort im Kindergarten und in der Grundschule, ob die Kinder Bilder malen könnten für kranke Menschen. Kinder sind oft mitfühlende Seelen und dazu waren viele gern bereit.

So hatte ich bald 30 Bilder, die ich im Krankenhaus verteilen konnte. Ich gab den Schwestern ein paar dieser Kunstwerke, die sie Patientinnen oder Patienten schenken konnten. Die Grundschulkinder hatten sogar kleine Botschaften aufgeschrieben. Gute Besserung. Wir unterstützen dich. Die Schreibweise war teilweise etwas abenteuerlich, aber die Botschaft kam an. Und es gehört ja auch etwas Einfühlsamkeit beim Betrachter dazu, sich aus Kringeln und Linien in verschiedenen Farben die Aussage der kleinen Künstler zu erschließen.

Bunt ist meine Lieblingsfarbe, sagte mal der Architekt Walter Gropius, der Gründer des Bauhauses.  Das geht glaube ich vielen Kindern auch so: bunt ist eine super Farbe und was dann bunt gemalt ist, ist egal. Kringel, Linien, Gekritzel. Aber viele schaffen auch den Regenbogen, Farbreihenfolge frei gewählt und das sieht wunderschön aus.

Der Regenbogen ist ein besonderes Zeichen. In der Bibel ist er schon seit alter Zeit der Hinweis auf den Bund zwischen Gott und den Menschen. Gott hatte ihnen gesagt: ich setze meinen Bogen in die Wolken als Zeichen für euch, dass ich auf eurer Seite bin. Wir können uns heute die Entstehung des Regenbogens erklären, aber für mich bleibt er ein zauberhaft schönes Zeichen zwischen Himmel und Erde. Deshalb haben mir die Regenbogenbilder der Kinder besonders gut gefallen.

Und ich hatte mir genau vorgestellt, wie die Lehrerin oder die Erzieherin mit den Kindern über das Krankenhaus sprechen und wie blöd es ist, da so allein zu sein. Und wie die Kinder dann Blumen und Tiere und Bäume und Häuser gemalt haben und wer schon etwas schreiben konnte, der schrieb aufmunternde Worte dazu. Fast alle haben sich wirklich sehr gefreut, wenn sie so ein Bild geschenkt bekamen. Und ich glaube, man wird schneller gesund, wenn man die schönen großen ungeübten Buchstaben der Kinder liest: komm bald wieder nach Hause!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33173
21MAI2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Meine Schulzeit liegt echt lange zurück. Aber wenn ich heute mit dem achtjährigen  Nachbarsjungen Hausaufgaben mache, dann fällt mir wieder ein, wie schlecht ich in Rechnen und später in Mathe war. Beta war die beste in Mathe. Wer bei ihr abschrieb, konnte sich drauf verlassen, keine Fehler zu haben.

Das war auch bei Klassenarbeiten so. Wenn wir die abgegeben hatten, fragten die „5er- Kandidaten“ Beta nach den Lösungen und es war klar: wenn ich zu anderen Ergebnissen gekommen bin, hab ich wieder eine 4 oder 5. Ich hab aber auch immer nur die Hälfte verstanden von dem, was unsere Lehrerin uns erklärte. Und manchmal nur Bahnhof. Und im Lauf der Zeit bekam ich richtig Angst vor dem Unterricht und vor der Lehrerin. Eine Serie von Misserfolgen.

Glücklicherweise nahmen meine Eltern es mir nicht übel; von denen war auch keiner ein Mathe-Ass gewesen.

Dann bekamen wir Herrn Jacoby. Der unterrichtete Mathe und Musik. Musik fand ich prima, auch wenn es manchmal peinlich war, sich zu ihm an den Flügel zu stellen und mit seiner Klavier-Begleitung der Klasse ein Lied vorzusingen.

Wenn er dann zum Matheunterricht kam, war ich positiv eingestellt. Und er erklärte die Themen so, dass ich alles verstanden habe. Dann kam die erste Arbeit, er gab sie korrigiert zurück und war entsetzt, wie schlecht wir alle in Mathe seien. Es gebe viele Fünfen und sogar ein paar Sechsen. Nur eine einzige Eins. Klar, Beta, das wussten wir sofort.  „Die 1 hat Mechthild Peters“ – ich bin fast umgefallen und habe den Satz heute noch in den Ohren. Und Beta war genauso fassungslos über ihre 2 Minus.

Ich habe damals gelernt: nichts ist für immer. Ich habe kein Abo auf die 5 in Mathe und auch sonst kann sich alles mal ändern. Aus einer mangelhaften Schülerin kann eine ausreichende werden und aus einer sehr guten eine gute. Aus einem Pechvogel kann ein Glückspilz werden und aus einer Glückssträhne eine Pechsträhne. Ich kenne auch Leute, die Angst haben vor zu viel Glück, weil sie sich nicht vorstellen können, dass das so bleibt. Sie warten dann quasi schon auf das Unglück. Aber auch wenn das kommt, ist es ja nicht für immer. Und ein guter Trick ist es, im Schlechten noch die kleinen Spuren des Guten zu entdecken. Ein Regentag, der mich nervt, ist gut für meinen Garten. Und dann bin ich solidarisch mit meinem Garten und freu mich einfach auch.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33172
20MAI2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Wenn meine Mutter früher ein frisches Brot anschnitt, machte sie immer mit dem Messer ein kleines Kreuz auf die Unterseite des Brotes. Möglicherweise dachte sie dabei an ihre Familie und dass das Brot allen gut bekommen sollte. Oder sie dankte, dass genug Brot für alle da war. Jedenfalls segnete sie das Brot und ich hatte nie einen Zweifel daran, dass Gottes Segen auf dem Brot ruhte.

Während des Theologie-Studiums habe ich mich natürlich auch mit dem Segnen befasst. Wir haben eine besondere Art des Segnens „erfunden“, den sogenannten „Münsteraner Taschensegen“. Wenn ich in Münster über den Markt schlenderte, segnete ich fröhlich und freigebig so vor mich hin: ich machte in der Jackentasche ganz unauffällig ein kleines Kreuz mit dem Daumen in der hohlen Hand und schwupps: waren Menschen gesegnet, die es vielleicht nicht merkten. Vielleicht haben sie aber doch etwas gespürt, so hoffte ich, weil ja letzten Endes Gott es ist, der segnet. Diese Gewohnheit habe ich später mitgenommen in mein Heimatbistum Trier. Ganz sicher haben in meinen ersten Berufsjahren in der Kinder- und Jugendarbeit viele junge Leute den Münsteraner Taschensegen empfangen und viele haben ihn weitergegeben. Das Spielerische dabei machte ihnen Freude. Wo jetzt so ernsthaft und kritisch darüber diskutiert wird, wer wen segnen darf und wen nicht, kommt mir das Leichte, Fröhliche dieses Münsteraner Taschensegens wieder in den Sinn.

Eine ganz alltägliche Art des Segnens ist der Gruß Tschüss – oder im schwäbischen Ade. Geht beides zurück auf das französische Adieu, was mit „ Gott befohlen“ übersetzt werden kann: Gott möge seine Hand über dir halten.

Und in der Woche vor Palmsonntag kam der Krankenhausgärtner zu mir und sagte: „Ich bringe Ihnen wieder einen Korb mit Palmzweigen, die stelle ich in die Kapelle. Dann können sich die Leute Palmzweige mitnehmen und sie zuhause ans Kreuz stecken. Das machen ja viele, auch wenn sie nicht dauernd in die Kirche rennen.“

Ich fand das prima, bat ihn aber, ob er die Zweige am Anfang der Woche bringen könnte, damit ich sie vom Pfarrer segnen lassen kann. Nee, sagte der Gärtner, ich segne sie selbst. Ich fand das in Ordnung. Dieser Mann bewegt sich hochachtungsvoll und kenntnisreich in der Natur, er erfreut sich an der Schöpfung Gottes. Das qualifiziert ihn ganz besonders, die Palmzweige zu segnen. Und ich bin zuversichtlich, dass es Gottes Segen ist, der auf diesen Zweigen liegt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33171