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Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.
Ein starkes und berührendes Bild, das Geborgenheit vermittelt. Bilder kommen mir aus der Kindheit in den Sinn, an frühkindliche Tränen, wenn ich schlecht geträumt oder Angst bei Gewitter hatte und wie mich meine Mutter getröstet hat. Es ist die Ursituation des Trostes, zählt zu den elementaren Grunderfahrungen des Lebens. So wie es Erich Kästner einmal ausgedrückt hat: Vierzig, nicht fünfzig spätere Jahre des Lernens und Erfahrens können den seelischen Feingehalt des ersten Jahrzehnts aufwiegen. Ich kann mich selbst nicht trösten. Die Erfahrung mütterlichen Trostes ist ein Trost, der bis heute in all der schrecklichen Untröstlichkeit der Welt trägt.

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Dieses Wort – die diesjährige Jahreslosung in den evangelischen Kirchen - stammt aus dem Buch Jesaja. Der Prophet erzählt von der Deportation und Gefangenschaft der jüdischen Oberschicht durch die Babylonier, wie demütigend und schrecklich das Leben in der Fremde war. Tröstet, tröstet mein Volk, spricht Gott! Im Exil war Trost und damit die Hoffnung auf Veränderung immer schon ein großes Thema.

Und heute? Ich weiß nicht, wie viele Tränen Menschen in den Kriegsgebieten dieser Welt und auf der Flucht geweint haben - um ihre Angehörigen, ihre Heimat und um ihre hoffnungslose Zukunft. Man lässt den Auszug aus der Heimat nicht unbeweint, hat Christa Wolf im Roman Kindheitsmuster geschrieben.

Wenn ich die abendlichen Bilder aus den Kriegsgebieten dieser Welt sehe, an die furchtbaren Einzelschicksale flüchtender Menschen denke, frage ich mich, wer tröstet sie? Auch wenn es schwierig ist zu trösten, brauchen diese Menschen besonderen Trost und reale Hoffnung in den Herausforderungen ihres Alltags. Trost kann das Verlorene nicht aus der Welt schaffen. Verlust und Schmerz bleiben. Aber vielleicht könnte es trösten und Hoffnung geben, wenn sie das Gefühl haben könnten: Wir lassen sie nicht allein. Dazu braucht es Menschen, die nicht vertrösten, sondern sie ankommen lassen und den weiteren Weg mit ihnen teilen. Dazu braucht es Menschen, die sich vom Leid des anderen nicht vertreiben lassen, sondern die spezielle Lage dessen, der leidet, mitdenken. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Wenn Trost in unserer Welt im Sehen, Hören und Tun erfahrbar werden soll, dann muss es konkret geschehen. So wie es  Meister Eckhart sagt: Immer ist der wichtigste Mensch der, der dir gerade gegenübersteht.

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Johanna gehört zu den Frauen der Bibel, über die wenig bekannt ist. Sie unterscheidet sich aber von anderen Frauen im Neuen Testament durch ihren politischen Hintergrund. Sie ist eine Dame der Hofgesellschaft, lebt in wohlhabenden Verhältnissen, denn ihr Mann Chusa ist ein hoher politischer Beamter des Herodes.
Herodes Antipas und sein Hof haben in den biblischen Erzählungen keinen guten Ruf. Der Landesherr Jesu lebte in der Residenz Tiberias am See Genezareth, wo er ein herrschaftliches Leben mit Macht und Willkür führte. Das musste auch Jesus erfahren.

Johanna begegnet Jesus (Lukas 8,3), hört seine Botschaft, erlebt eine Gemeinschaft von Männern und Frauen ohne Macht und Willkür. Das lässt sie einen anderen Blick auf ihr Leben werfen. Sie ahnt: es muss mehr als alles geben. Ich stelle mir vor: Johanna begehrt auf, hat die Vision von einem anderen Leben. Dieses Lebendig-sein-wollen lässt sie aufbrechen. Sie fragt sich vielleicht: Was ist mir wesentlich? Wo bin ich ich selbst?Sie verlässt ihren Mann, gibt ein gesichertes Leben auf, um Jesus nachzufolgen. Eine Dame der Hofgesellschaft des Herodes im Gefolge Jesu! Ein Skandal für die damalige Zeit. Lukas erzählt, dass Johanna Jesus nachfolgt, ihn mit ihrem Vermögen unterstützt und bei der Kreuzigung dabei ist. Aber ihre Geschichte ist eine Randnotiz geblieben, obwohl sie beim Evangelisten Lukas so häufig erwähnt wird wie Maria Magdalena.

Aufzubrechen aus einem fremdbestimmten Leben, der Wunsch nach Sinn, ist zeitlos: Auszuziehen aus überholten Rollen, zerbrochenen Beziehungen, aus fremdbestimmten Arbeitsformen. Es meint: Neues zu wagen, die Suche nach dem eigenen Weg. Johannas Mut aufzubrechen ist ansteckend, wenn ich erkannt habe, dass ich im Heute nicht lebendig lebe. Frage ich nicht auch oft: Was suche ich in meinem Leben?Welche Sehn-sucht bestimmt mich? Ist es Erfolg, Anerkennung, Reichtum? Oder ist es ein Leben, das sich aussetzt, das sich den Herausforderungen des Lebens stellt? Es sind Fragen danach, wie ich leben will, was Leben ausmacht, Fragen nach dem Grund meines Hoffens, Handelns und Glaubens. Denn es gibt keine Existenz ohne die Suche nach Sinn, sagt Dorothee Sölle. Johanna begreift in ihrer Nachfolge Jesu die Liebe als jene Kraft, die die Welt zum Guten verwandelt. Für die Liebe in der Welt hat Jesus Menschen in seine Nachfolge gewonnen – damals wie heute.

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Was machen Sie? Nichts. Ich lasse das Leben auf mich regnen.
Das schreibt Rahel Varnhagen, eine Dichterin der Romantik, in ihren Tagebüchern. Es ist ein Leben ohne Schirm, ein Leben, das weniger macht als zulässt, das sich aussetzt: dem Unerwarteten und Unplanbaren, im Wahrnehmen und Erleben, im Lieben, in der Stille und im Tun. Das Zulassen hat ihr viel an Leben zu-geregnet, an Begegnungen mit Persönlichkeiten des europäischen Geisteslebens wie auch über Brieffreundschaften.    

Das möchte ich auch: das Leben auf mich regnen lassen.
Mein Leben über den Tag hinaus zu bedenken und eine Vorstellung von der eigenen Zukunft zu haben, heißt nicht, den Blick für das Wesentliche im Jetzt verlieren, denn ich kann das Leben verfehlen, wenn ich nicht offen bin für den Augenblick.

Davon erzählt Jesus ein Gleichnis (Lukas 12,13-21).
Ein reicher Kornbauer  hat eine übergroße Ernte eingefahren und hat damit seinen Besitz sehr vermehrt. Naheliegend wäre, jetzt etwas mit seinem Leben anzufangen. Aber er verschiebt es auf später, wenn er auf noch größere Scheunen blicken kann: Dann, dann hast du einen Vorrat für viele Jahre.

Der Bauer sucht nach einem sorglosen Leben, aber verwechselt offenbar das Haben mit dem Sein, den vermehrten Besitz mit einem erfüllten Leben. Sein Besitz schenkt ihm Sicherheit, aber kein Leben. Er verschiebt das Leben auf später. Erst muss er noch die Scheune bauen, erst noch das tun, dann jenes. Wenn das erreicht ist, ja dann.

Aber der Tod kommt ihm in die Quere. Du Narr! In dieser Nacht wird man dein Leben von dir nehmen – heißt es im Lukasevangelium.
Was fehlt dem Bauern? Es fehlt ihm das Heute, er kommt nicht ins Leben, weil ihn die Sorge um seine Zukunft verschlingt. Es fehlt ihm die Dankbarkeit gegenüber dem Geschenkten, das Innehalten, das Sich-Freuen und Feiern mit anderen, mit denen, die am Erfolg beteiligt waren.

Erfülltes Leben – wie sieht es aus?
Für mich heißt das, nicht nur für das Morgen zu arbeiten und zu leben. Es meint, Leben nicht aufzuschieben, sondern Zeit und Ruhe finden, sich auch im Jetzt aufzuhalten und das bewusst wahrzunehmen, was der Augenblick mir an Besonderem bietet, um das Leben auf mich regnen zu lassen.

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Sie hatten keinen Platz in der Herberge.
Diese Erfahrung aus der Weihnachtsgeschichte des Lukasevangeliums werden viele Menschen in den letzten Monaten gemacht haben, die aus den Krisengebieten dieser Welt geflohen sind. Viele haben nur ihr Leben gerettet, sind traumatisiert von dem Entsetzlichen, was sie erleben mussten. Alles, was ihr Leben bisher ausgemacht hat, gibt es nicht mehr.
Im Exil zu sein, heißt: fremd sein, die Sprache nicht sprechen, keine Arbeit haben, auf Andere angewiesen sein. Viele stoßen an Grenzen, erleben einerseits Willkommenskultur, andererseits Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung. Sie müssen erfahren, unerwünscht zu sein.
Auch die Weihnachtsgeschichte erzählt, dass Maria und Josef keinen Platz in der Herberge fanden, dass Jesus im Stall geboren wurde, unten, am Rand der menschlichen Gesellschaft. Aber von diesem Kind in der Krippe wird gesagt: Gott ist Mensch geworden. Mensch unter Menschen. So steht es im Johannesevangelium, in der Übersetzung von Walter Jens:
Gott aber, das Wort, Er wurde Fleisch: Mensch unter Menschen war er bei uns.
Wo würde er heute geboren? Wo geschieht Menschwerdung heute?
Solange Mitmenschen das Leben bei uns erschwert wird, begegnet mir Gott nicht im Anderen. Gott bei uns wohnen lassen, ihn Mensch werden zu lassen, heißt: dem Anderen, dem Fremden, offen und menschlich zu begegnen, ihn nicht draußen stehen zu lassen. Er braucht Schutz, Hilfe und Zuwendung. Dies wird aber in jedem Einzelfall anders aussehen: hier materielle Hilfe, dort das offene Ohr, hier Ermutigung und Trost, dort Fürsorge, Grenzsetzung oder Widerspruch. Gott im Anderen zu erkennen, kann Menschen zusammenführen, die einander fremd oder vertraut, gleich oder ungleich sind.
Die jüdisch-christliche Überlieferung ist ein einziger großer Traum, dass ganz unterschiedliche Menschen geschwisterlich zusammenleben können. An diesem Traum will ich gegen alle Schwierigkeiten festhalten, für ihn arbeiten, damit die Welt und das Leben nicht bleiben müssen, wie sie jetzt sind. In einer Strophe aus einem Weihnachtsgedicht von Dorothee Sölle heißt es:
In dieser nacht  
liefen die rosen der erde davon 
und fingen das blühen an
im schnee
Das ist ein glühendes Bild für das neue Leben, das mit der Geburt Jesu, der Menschwerdung Gottes unter den Menschen begonnen hat.

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Lebenswahrheiten verstecken sich in großen Bildern. Sie finden nicht Platz genug in sagbaren Worten, sagt Fulbert Steffensky. Solche Bilder zeichnet auch Lukas am Anfang seines Evangeliums im Lobgesang der Maria, im Magnificat:
Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter…   Großes hat der Mächtige an mir getan… Gewaltiges hat er vollbracht mit seinem Arm, zerstreut hat er, die hochmütig sind in ihrem Herzen, Mächtige hat er vom Thron gestürzt und Niedrige erhöht, Hungrige hat er gesättigt mit Gutem und Reiche leer ausgehen lassen...
Maria singt das revolutionäre Lied vom Ende des Hungers und der Kriege, von gelebter Gerechtigkeit auf der ganzen Erde. Sie singt von der Umkehrung der Verhältnisse, vom machtvollen Handeln Gottes, der Mächtige vom Thron gestoßen, Niedrige erhöht, Hungrige gespeist hat und Reiche leer ausgehen ließ. Dieses Lied ist einer der großen Texte der christlichen Überlieferung.
Diese Lebenswahrheiten, dievon der Hoffnung auf Veränderung der Verhältnisse sprechen, sind größer als jede menschliche Vorstellungskraft. Sie loben das Leben, sagen Nein zu Gewalt und Unterdrückung, Nein zu Hunger und Armut. Welche Kraft geht von diesen Worten aus!
Es ist die unbedingte Zuversicht, die sagt: Gott ist nicht bei den Gewaltigen, nicht bei den Mächtigen zu finden. Gottes Gerechtigkeit ist anders zu begreifen.
Wenn ich diese Worte höre, muss auch ich
mich nicht abfinden mit Krieg und Terror, mit Unrecht und Ausgrenzung, mit Egoismus und Besitz auf Kosten anderer. Ich muss nicht schweigen zu unserer aus den Fugen geratenen Welt.
Ich will mit einstimmen in dieses große Hoffnungslied, will es weiterschreiben, wie es Dorothee Sölle getan hat: Meine Seele erhebt den Herrn / und mein Geist freut sich Gottes meines Heilands / Meine Seele sieht das Land der Freiheit / und mein Geist wird aus der Verängstigung / herauskommen…
Dieses Land der Freiheit zu sehen, richtet auf, es schenkt Mut, gegen Angst und Verzweiflung anzugehen. Es sind Worte, die mir Kraft geben, mich da einzusetzen, wo ich helfen kann und mich nicht von Widerständen entmutigen zu lassen oder mich resigniert abzuwenden.
Das ist das Geschenk des Advents. Und so hoffe ich dennoch auf Frieden, der höher ist als alle Vernunft. Allein solches Hoffen bewahrt mich vor der täglichen Verzweiflung über die fatale Gegenwart von Terror und Krieg, von Hunger, Armut und Leid.

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Adventszeit. Vorweihnachtszeit. Für die einen: Zeit der alten Bräuche und Heimlichkeiten – für die anderen: Zeit der Atemlosigkeit, der Hektik – für dritte: Höhepunkt von Resignation, Überdruss und Ablehnung – was soll denn der ganze Zauber? Ein sogenanntes Fest der Liebe macht unsere Welt auch nicht besser.
Wenn ich an meine Jugendzeit zurückdenke, dann war die Zeit vor Weihnachten eine Zeit des Hoffens. Davon bin ich heute weit entfernt. Was erhoffe ich denn? Was könnte zum Beispiel zu der Hoffnung beitragen, dass Terror, Krieg und Gewalt aufhören? Die Katastrophen des vergangenen Jahres und der letzten Wochen belegen die Ohnmacht politischer Strategien gegenüber Macht und Gewalt, die Ohnmacht gegenüber Profit- und Machtstreben.
Und dennoch kann ich nicht leugnen: Ungebrochen ist meine Sehnsucht nach friedlichem Leben, und unumstößlich ist für mich der Satz: Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Aber diesen Satz kann ich doch nur aussprechen, wenn ich mich nicht in die Hoffnungslosigkeit fallen lasse. Es scheint paradox zu sein: Nur wer heute davon spricht, dass er keine Hoffnung mehr hat, hat die Hoffnung auf Veränderung doch nicht aufgegeben. Mit diesem Widerspruch habe ich es auch im Advent und an Weihnachten zu tun.
Vielleicht hilft ein Blick in die Geschichte des Volkes Israel, an seinem Tiefpunkt. Jerusalem ist zerstört, die Bewohner sind verschleppt und leben im Exil. An diesem Tiefpunkt sagt der Prophet Jeremia:
Siehe es kommt die Zeit, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Sein Name wird sein: Der Herr ist unsere Gerechtigkeit. (Jer. 23, 5f.)
Das sind ebenfalls Worte der Hoffnung in hoffnungsloser Zeit. Denn diese Worte beinhalten auch eine Verheißung: Es kommt die Zeit. Sie ist noch nicht da. Jeremia verkündigt gegen alle Realität seiner Zeit: Gerechtigkeit ist keine Phantasie; ihre Zeit kommt noch. Alles wird neu werden. Das ist Jeremias Vision. Die Zeit kommt, wo trotz Dunkelheit etwas licht und hell wird.

Es kommt die Zeit. Dafür zu leben lohnt sich. Licht in der Nacht ist der beginnende Tag. Vielleicht wird dann auch eine neue Richtung des Denkens und Hoffens anbrechen. Leid, Not, Ungerechtigkeit und Unterdrückung werden nicht das Letzte sein. Das ist Advent. Das kann Hoffnung geben, trösten und dazu auffordern: Fürchtet euch nicht.

 

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In Mozarts Oper ist Don Giovanni der Lebemann und Wüstling par excellence. Er lügt, mordet, verspricht viel und hält nichts. Ohne Regeln zu leben, hält er für Freiheit. Er kennt weder Mitleid noch Solidarität noch Schuldgefühle. Er sucht das Leben im sexuellen Genuss, ist unfähig zur Bindung, unfähig zu wahrer Liebe. Es ist ein Leben ohne Achtung, ohne Respekt vor dem Anderen. Er scheitert und geht zugrunde.
Mich erinnert diese Geschichte an die vom verlorenen Sohn im Neuen Testament. Der lässt sich von seinem Vater sein elterliches Vermögen auszahlen, um sich in der Fremde eine eigene Existenz nach seinen Vorstellungen aufzubauen. Er sucht nach einem selbstbestimmten Leben, aber er verspielt es. Er lebt zügellos wie Don Giovanni, bemisst wie dieser den Wert des Lebens im Habenwollen und im Besitz. Er verprasst sein Vermögen, gerät auf die schiefe Bahn, scheitert und muss ein würdeloses Dasein fristen.
Scheitern ist eine schlimme Erfahrung. Danach wieder aufzustehen und neu anzufangen, fällt schwer. Wie soll es weitergehen? Bekomme ich eine Chance zum Neuanfang, im Beruf, in einer zerrütteten Beziehung, nach Versagen?
So  fragt auch der Sohn. Er wollte ja, schreibt der Philosoph Peter Bieri, Subjekt im eigenen Leben werden, wollte in Einklang mit seinen Gedanken, Gefühlen und Wünschen leben, wollte über sich selbst bestimmen, aber er muss sich jetzt sein Scheitern eingestehen. Am Tiefpunkt seines Lebens begreift er, dass es möglich ist, umzukehren.  Er erinnert sich an sein Zuhause und hofft, dass er als Tagelöhner seines Vaters besser leben würde als jetzt und entscheidet sich für den Weg zurück.
Und der Vater? Er ist voller Freude, läuft seinem Sohn entgegen, umarmt und küsst ihn und zeigt ihm, dass Umkehr möglich ist. Er gibt ihm die Chance zum Neuanfang, weil er ihn liebt und will, dass er im eigenen Leben ankommt.
Für Jesus ist dieses Verhalten des Vaters ein Bild für die Güte Gottes. Er zeigt damit, was es heißt, wieder lebendig zu werden:
Dieser, mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden.
Und die scheinbar Verlorenen unserer Tage? Kommen auch sie irgendwann  im eigenen Leben an? Die im Studium oder Beruf Gescheiterten, die Verzweifelten, die Süchtigen oder Ausgeflippten. Die Geschichte vom wiedergefundenen Sohn gibt allen Gescheiterten  unserer Tage Hoffnung. Vielleicht treffen auch Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, auf solche „Verlorenen“, denen sie etwas Gutes tun, damit auch sie im eigenen Leben ankommen können.

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Ich will mich erinnern an Gelesenes, an Gehörtes, Gesehenes. Deshalb schreibe ich Tagebuch. Es begleitet mich, lässt Erinnerungen nicht verblassen. Es behält im Gedächtnis, was mir wichtig ist: Begegnungen, Orte, Texte.
So ist es mir mit der dreibändigen Autobiografie All das Vergangene des Schriftstellers und Philosophen Manès Sperber gegangen. Sie hat mich tief beeindruckt und begleitet mich. Hier schreibt ein Mensch über die Gegenwärtigkeit des Vergangenen, verarbeitet, was er erlebt hat. 
Manès Sperber - geboren 1902, gestorben 1984 - war seiner Herkunft nach Ostjude, so hat er sich selbst bezeichnet, aber hinzugefügt ...und trotzdem der deut­schen Kultur in schmerzlicher Untrennbarkeit verbunden. Gesagt hat er das in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Frie­denspreises des deutschen Buchhandels im Jahre 1983.  Er hat die Grausamkeiten des Ersten Weltkriegs erfahren, musste vor Verfolgungen als Jude fliehen, erlebte Armut, Ausgrenzung und Heimatlosigkeit.  So belastend diese Erfahrungen waren: Im Verlust war immer auch Auferstehung. Vielleicht weil ihn etwas bestimmte: die Liebe und der Glaube an den Menschen, an eine menschengerechtere Welt.
Nachdem er so viele Brüche in seinem Leben erfahren musste, sagt er: Ich bin ein alter Revolutio­när, der den Hoffnungen, die er begraben musste, treu geblieben ist. Ja, ich glaube nach wie vor, dass die Welt verändert werden kann...  Und ich glaube an die Botschaft meiner Ahnen: an das Kommen des ewigen Friedens, an die Wandlung der Schwerter zu Pflugscharen.
Manès Sperber wollte sich erinnern, wollte weitergeben, was er im Leben erlebt, was er erlitten und auch, was ihn bewahrt hat. Das war sein Antrieb zu schreiben. Seine Lebensgeschichte zeigt, dass sich ein Mensch seiner Geschichte mit allen schmerzlichen Verlusten stellt, sie nicht beschönigt und Gegenwärtiges im Vergangenen spiegeln kann.

Es ist wichtig, sich seiner Geschichte zu stellen, sich zu erinnern. So kann ich meine Gegenwart, den eigenen Ort im Leben besser verstehen. Wer ich bin, erschließt sich mir durch die Geschichte, die zu mir gehört, die mich geprägt hat. Sich damit auseinanderzusetzen, ist Aneignung des Gewesenen.
Auch die Bibel  ist erinnerte Geschichte. Martin Buber nennt sie eine erinnerte Gotteslehre. Diese Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament  wollen erinnert und immer wieder neu bedacht werden, um sie vor dem Vergessen zu bewahren.

 

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Je älter ich werde, umso öfter frage ich mich: was ist wesentlich? Wo bin ich lebendig? Wie lebe ich authentisch - auch unter erschwerten und vielleicht oft auch aussichtslosen Bedingungen? Bleibe ich die, die ich bin oder sein will?
In ihren Büchern hat Christa Wolf oft von der Suche nach Sinn gesprochen und von der Hoffnung auf ein authentisches Leben.
Ihr Briefwechsel mit Franz Fühmann Monsieur – wir finden uns wieder von 1968 bis 1984 ist geprägt von der Hoffnung auf Veränderung der kulturpolitischen Einengungen und Repressionen in der DDR. Die beiden Schriftsteller sprechen von ihrer Sehnsucht, in  einer Gesellschaft zu leben, die dem einzelnen Freiheit und Würde  ermöglicht.
Christa Wolf schreibt:  In mir ist seit einiger Zeit eine große Sehnsucht nach dem Positiven, nach dem, was bleibt… Dazu schreibt Fühmann: Christa, wie die Dinge jetzt liegen, wird es wohl an uns beiden liegen, eine Würde der Literatur zu repräsentieren, die nicht verloren gehen darf.
Die Literatur, die Kunst und auch die Religion haben die Aufgabe, in Zeiten von Unfreiheit, von Überwachungen und Repressalien, die Widersprüche in der Gesellschaft zu thematisieren, Konflikte aufzudecken und Veränderungen einzuklagen, auch wenn es oft auf verlorenem Posten geschieht.
Am Ende ihres Nachworts zum Briefwechsel schreibt Christa Wolf:
Auf verlorenem Posten ‘Würde’ wahren, um Selbstbehauptung kämpfen, es lernen, ohne Perspektive und ohne sichtbare Alternative zu leben, darum (geht) es… vielleicht (geht)  es ja darum, einen Platz nicht zu verlassen, und wenn es auch ein Platz (ist) mit dem Rücken an der Wand.
Was hier anklingt, ist der Wunsch, sich die eigene Würde zu bewahren.
Für mich ist das eine wichtige Frage. Es zeigt Größe und Rückgrat, wenn ich mich nicht verbiegen lasse, wenn ich das lebe und sage, was wesentlich ist, und nicht das, was andere mir vorschreiben. Ich will in Tun und Denken ich-sagen können. Eingedenk eines Wortes in der Bibel, das Paulus
im  Brief an die Epheser treffend formuliert: Achtet genau darauf, wie ihr euer Leben führt. Sehet zu, wie ihr lebt, was der Wille Gottes ist.
Das heißt für mich, identisch mit mir zu leben und in Verantwortung vor Gott und den Menschen nach Lebensmöglichkeiten zu suchen, auch wenn ich mit dem Rücken zur Wand stehe. Es gibt eine innere Stärke, die mir trotz aller Widerstände nicht genommen werden kann. Das meint: Lebendig zu bleiben.

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Liebe war für Marc Chagall die Quelle seines Lebens. In seinem Werk  ist es besonders die Liebe zu seiner Frau Bella.
Für mich ist ein Doppelporträt besonders faszinierend, in dem Chagall diese Liebe spiegelt: es ist ein Bild, in dem zwei Menschen in einem Gesicht vereint sind, so ähnlich, wie er es über seine erste Begegnung mit seiner Frau Bella geschrieben hat: Ihre Augen sind meine Augen. Es ist, als ob ich sie schon lange gekannt hätte… als ob sie mich durchschaute, mein Innerstes erriete.
Es ist, als ob Chagall an diesen Satz gedacht hat, als er David, den großen König in Israel malt, der zugleich mit den Augen von Batseba sieht, der Frau, die er begehrt und liebt. David wird schuldig: sie ist die Frau seines Feldherrn Uria, und er sorgt dafür, dass dieser im Krieg umkommt.
Im Doppelgesicht links das männliche Auge, hart und durchdringend und auf den Betrachter gerichtet, rechts das seitwärts gerichtete sinnliche weibliche Auge. Auffallend ist der Mund in der Mitte, der das Zusammengehören verstärkt.
Warum malt Chagall David und Batseba auf diese Weise?
Ich denke, dass Chagall diese schwierige Geschichte nicht einfach abbilden, sondern ihren tieferen Sinn zeigen wollte. Er sagte einmal in einem Interview: Seit meiner frühen Jugend hat mich die Bibel gefesselt. Sie … erscheint mir heute als die größte Quelle der Poesie aller Zeiten. Stets habe ich ihre Spiegelung im Leben gesucht.
Chagall spricht von Spiegelung der Bibel im Leben. Und so hat er biblische Themen in unsere Welt übertragen. Mit dieser Bildgeschichte von David und Batsebawill er vielleicht zeigen, dass Macht und Sinnlichkeit, Härte und Verletzlichkeit in jedem Menschen durchaus widersprüchlich angelegt sind.
So interpretiert Chagall mit der Doppelgesichtigkeit einerseits David, den großen und starken Herrscher Israels, aber auch den David, der Sünde und Schuld auf sich geladen hat und dennoch ein Angewiesener auf Liebe ist. Das wird im Doppelgesicht durch Batseba ausgedrückt, die ein Teil von ihm geworden ist. Chagall zeigt in diesem Bild, wie Ich und Du zusammen gehören.
Dieser zwiespältige Mensch ist grundsätzlich auf Vergebung angewiesen. Chagall deutet dies im Bild an durch zwei Gestalten, die über dem Doppelgesicht zu sehen sind: Der Prophet Nathan hält die Tora in der Hand und drückt damit Wort und Gebot Gottes aus. Der Engel über Batseba zeigt, dass wir trotz Verfehlung behütet und bewahrt werden.

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