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Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
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27FEB2021
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Was mit dem großen Wort Nächstenliebe gemeint sein kann? Der Schriftsteller Saša Stanišić beschreibt es so:

„Sei heldisch in der Gemeinschaft. Biete Hilfe an und nehme Hilfe an (wisse, wem und von wem).
Gib acht auf die Schwachen in Not, fordere die Starken auf, gegen Not zu handeln. 
Gibt es Streit, so denke nicht über Schuld nach, sondern über das Schlichten und Lösen. Bring dich selbst in Not, wenn es bedeutet, anderen aus der Not zu helfen (kenne einen Ausweg). 
Sei heldisch zu deiner Erinnerung, indem du ehrlich zugibst, was gewesen ist. 
Sei heldisch und wisse: Helden können nicht immer Helden sein, es gibt auch sonst viel zu tun.“

Saša Stanišić, Vor dem Fest

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26FEB2021
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Was haben Tierschutz und Bibel miteinander zu tun? Der Publizist Eduard Kopp erklärt es:

„Konsequenter Tierschutz ist kein Nischenthema für Träumer. Es ist ein Gradmesser dafür, wie Menschen mit sich selbst und untereinander umgehen. Gott hat die Tiere nicht der Willkür der Menschen übergeben, sondern in ihre Obhut.

Was die Bibel als anfängliche Harmonie der Schöpfung ausmalt, soll am Ende der Zeiten wiederkehren.

Das ist nicht nur als schöner Traum gemeint. Sondern auch als religiöses Leitbild für das, worauf Menschen hoffen und hinarbeiten sollen.“

Eduard Kopp: Darf man Tiere wie Dinge behandeln? In: Chrismon, 2/2021

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25FEB2021
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„Anders Amen“ heißt ein Youtube Kanal auf dem ein zwei Pfarrerinnen aus dem Norden miteinander plaudern. Über ihren Alltag und was sie bewegt. Zum Beispiel dass sie ein Paar sind. Dazu sagt Ellen:

„In der Kirche sind wir damit herzlich willkommen. Das glauben uns viele gar nicht. Aber wir wollen es laut und deutlich sagen.“
Und ihre Frau Stefanie ergänzt: „Es gibt kein normal. Wir sind beide lesbisch, und noch ist das etwas Besonderes. Unser Ziel ist es aber, dass das ‚anders‘ irgendwann wegfällt.“

S. Przybilla, Zwischen Altar und Samenspende, in: Badische Zeitung vom 2.2.21

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24FEB2021
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Der Philosoph Holm Tetens war mal Atheist. Inzwischen findet er, dass es vernünftig ist, an Gott zu glauben. Was hat ihn zu dieser Kehrtwende in Glaubensfragen gebracht?  Er erzählt:

„die Idee der Verzeihung und der Vergebung.
Eine der ganz tiefen Einsichten des Jesus von Nazareth betrifft die Frage, wie die Übel und die Leiden (…) zwischen Menschen (…) endgültig überwunden werden können. Ohne neue Übel und neues Leid zu erzeugen.
Das gelingt nur durch ehrliche Reue, die Bitte um Verzeihung und das Gewähren der Verzeihung.
Es scheint mir alles andere als zufällig zu sein, dass im wichtigsten Gebet, dem Vaterunser, die Bitte um Vergebung und die Bereitschaft dazu im Mittelpunkt stehen.“

Frank Hofmann, „Für den Atheisten ist die Welt nicht vernünftig“, in: Anders Handeln, 1/2020

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32624
23FEB2021
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Gestern keinen guten Tag gehabt? Die Präses der westfälischen Landeskirche Annette Kurschus hat ein Rezept für den heutigen. Sie schreibt:

„Gottes Güte ist jeden Morgen neu, heißt es in der Bibel. Für Menschen wie mich ist das eine gute Gewissheit. Jeder Tag ist ein neuer Anfang, den Gott mir schenkt.
Da muss nicht alles anders werden, nicht alles neu, erst recht nicht alles ‚Sehr gut‘.
Aber ich stehe auf und bin in ein neues Heute gestellt. Mit allem, was mir heute  - vom Morgen bis zum Abend – mit meinen begrenzten Kräften möglich sein wird.
Das klingt, als sei es zu schaffen!“

Annette Kurschus, Es muss nicht alles neu werden, Chrismon 1/2021

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32623
22FEB2021
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Toni Elijah ist Behindertenrechtsaktivistin. Sie kennt sich aus: mit dem Leben im Rollstuhl und mit Stolperfallen in der Kirche. Da ist sie auch aktiv, in der Kirche. Und bringt dort beides zusammen. Toni erzählt:

„Ich habe in dieser Woche Fürbitten gemacht und gesagt: Okay, es gibt einen highway to hell und einen stairway to heaven – aber hat dabei mal jemand an die Rollis gedacht?

Ich bin mir relativ sicher, dass es im Himmel eine Rampe gibt. Wenn nicht dort, wo dann? Es gibt so viele Stufen in den Köpfen der Menschen …“

Frauke Petersen: Nicht aus Mitleid und Barmherzigkeit, in: leicht&Sinn. Evangelisches Magazin für Frauen- und Gemeindearbeit

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32622
21FEB2021
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Wozu bin ich auf der Welt? Gerade jetzt? Die Schriftstellerin Gioconda Belli antwortet:

Man sucht sich die Zeit nicht aus, in der man die Welt betritt, aber muss Spuren hinterlassen in seiner Zeit. Seiner Verantwortung kann sich niemand entziehen.
Niemand seine Augen verschließen, nicht seine Ohren, stumm werden und sich die Hände abschneiden.
Es ist die Pflicht von uns allen zu lieben, ein Leben zu leben, ein Ziel zu erreichen.
Wir suchen den Zeitpunkt nicht aus, zu dem wir die Welt betreten, doch gestalten können wir diese Welt, worin das Samenkorn wächst, das wir in uns tragen.

Gioconda Belli, Wenn du mich lieben willst, Gesammelte Gedichte.

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16JAN2021
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Manchmal stelle ich mir vor, ich könnte Maria auf einen Kaffee einladen. Also, DIE Maria. Die Mutter von Jesus. Als Protestantin fehlt sie mir ein bisschen in meiner Kirche.

Sie würde bestimmt einen Kaffee mit mir trinken. Vielleicht mit gemahlenem Kardamom drin. Meine Linzer Torte findet sie richtig gut. Hat sie noch nie gebacken, aber macht sie jetzt vielleicht auch mal.

Wir unterhalten uns über Backrezepte. Und den Vorteil von modernen Backöfen. Obwohl – sie findet, dass darin die Fladenbrote nicht so richtig gut werden.

Schließlich frage ich sie, wie sie es findet, dass ich Pfarrerin bin.
„Was machst du als Pfarrerin?“, fragt sie.
Na ja, Leuten von Gott erzählen und von Jesus. Gottesdienste feiern. Konzepte erarbeiten, wie Traditionen und moderne Ansichten über Gott zusammengehen. Menschen zuhören, denen es nicht gutgeht. Mit anderen darüber nachdenken, wie die Welt besser werden kann.

„Hm“, überlegt Maria, „warum fragst du, wie ich das finde?
Was soll man denn sonst tun in dieser Welt?“ „Kuchen backen?“, schlage ich vor.

Maria lacht: „Warum nicht? Aber vorher unbedingt den Leuten von Gott erzählen und von Jesus. Und Konzepte erarbeiten, wie Tradition und Moderne zusammengeht. Und Menschen zuhören, denen es nicht gutgeht. Und mit anderen nachdenken, wie die Welt besser werden kann. Und dann gerne auch noch Kuchen backen. Vielleicht Linzer Torte. Aber Apfelkuchen geht auch.“

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15JAN2021
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Die Demut ist zurück! Noch vor ein paar Jahren hätte ich gewettet: das Wort Demut ist am Aussterben.

Außer in der Kirche war es nirgends mehr zu hören. Demut kommt eigentlich aus dem Althochdeutschen Wort „Dienmut“. Es meint die Einsicht, dass der Mensch an sich weit weg davon ist vollkommen zu sein. Doch für solche Bescheidenheit war in den letzten Jahren kein Platz. Kein Platz für Demut in einer Welt, in der es darum geht, noch toller, noch wichtiger, noch relevanter zu sein.

Doch jetzt ist das Wort wieder da!
Ausgerechnet beim Profifußball ist es mir zum ersten Mal aufgefallen. Angesichts der Diskussionen um Spitzengehälter, Mauscheleien und der Frage, ob die Liga trotz Corona weitergeht, haben Verantwortliche plötzlich öffentlich von Demut gesprochen. Und damit deutlich gemacht, dass sie verstanden haben: Auch im Spitzensport ist man abhängig von etwas, was man nicht in der Hand hat: die Reaktionen der Fans, deren ethische Urteile und – ja – auch von den Auswirkungen eines globalen Virus.

In den letzten Wochen habe ich das Wort ‚Demut‘ auch immer wieder in der Politik gehört. Anstatt der üblichen Besserwisserstatements sprechen Politiker*innen neuerdings auch über eigene Fehler und geben offen Unsicherheiten zu.  

Ich finde, Demut macht uns menschlicher. Im Spitzensport, in der Politik, im ganz normalen Alltag. Demut heißt: Ja, mein Wissen ist begrenzt. Ich bin abhängig bin von anderen, von der Natur, ja auch von Gott. Aber all das macht mich nicht kleiner. Es gehört zu unserem Menschsein. Ich finde: im Mut zur Demut steckt unsere wahre menschliche Größe.

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14JAN2021
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„Nee, an Gott glaube ich nicht.“ Leni, Oberstufenschülerin, schüttelt entschieden den Kopf. „Dass da irgendeiner sein soll, der bestimmt, was passiert, das kann ich mir nicht vorstellen“, erklärt sie.

„Also,“, sage ich, „ich glaube auch nicht, dass Gott alles bestimmt, was passiert. Ich denke, wir haben völlige Freiheit.“

„Nein. Auf keinen Fall.“ Leni ist schon wieder uneins mit mir. „Es gibt das Schicksal. Das Schicksal ist die Macht, die darüber bestimmt, was passiert. Das ist so eine Art Buch, wo alles schon aufgeschrieben ist. Und ich lebe jetzt, was da geschrieben wurde.“

„Das finde ich eine schreckliche Vorstellung, Leni“, antworte ich. „Da haben Sie du doch Ihre Vorstellung von einem Bestimmer-Gott nur durch ein anderes Wort ersetzt!“

„Aber es ist wenigstens keine Person verantwortlich. Das Schicksal ist unpersönlich“, antwortet sie. Lasse mischt sich ein: „Aber wenn ich einen Menschen umfahre, ist doch nicht das Schicksal verantwortlich, sondern ich!“
„Ja, das finde ich auch, Lasse“, sage ich. „Wir sind verantwortlich für das, was wir tun.“

 „Aber was bringt es Ihnen dann, dass Sie an Gott glauben?“, fragt Leni.
„Dass ich um Vergebung bitten kann. Und dann hoffentlich erfahre, dass ich als Mensch mehr bin als meine Schuld.
„Hm“, macht Leni, „aber das macht den Menschen, der umgefahren ist,
auch nicht wieder heil.“
„Stimmt. Aber es hilft mir hoffentlich dabei, verantwortlich weiter zu leben.
Als Mensch unter Menschen.“
„Und Gott?“, fragt Leni. Lasse dreht sich zu ihr um: „Gott macht es wie Jesus: liebt mit, leidet mit, stirbt mit und ermöglicht dadurch Neuanfänge.“ Leni ist skeptisch: „Dann wäre ja alles möglich, dann wären alle völlig frei!“ „Ja“, sage ich, „genau, dann wären wir frei!“

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