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Morgen kommt ein Esel in unseren Gottesdienst. Wir feiern Familiengottesdienst und erinnern uns an den Einzug von Jesus nach Jerusalem. Die Bibel erzählt davon, dass er dort mit seinen Freunden ein Fest feiern wollte, obwohl das nicht ungefährlich für ihn war. Die Religionsbehörde war auf ihn aufmerksam geworden und hat ihn verfolgt. Trotzdem reitet er auf einem Esel mitten hinein in die Hauptstadt, die von Spitzeln und Soldaten wimmelt.

Damit brechen die letzten Tage im Leben von Jesus an. Aber zunächst ist noch alles voller Hoffnung! Fröhlich und erwartungsvoll stehen die Leute am Straßenrand. Eigentlich sind sie auch gekommen, um das jüdische Passafest zu feiern. Aber dann haben sie gehört, dass Jesus kommen wird. Jesus – der große Gelehrte. Wunder soll er tun, Menschen soll er heilen. Ist er der von Gott geschickte Retter, ist er der neue König, auf den sie schon so lange warten?

Aber nicht die Leute am Straßenrand sind die Hauptpersonen in unserem Gottesdienst, sondern zwei Pferde und ein Esel. Auch sie haben schon von Jesus gehört. Die Spatzen pfeifen es von den Dächern. Auch dass Jesus ein Reittier braucht, um in Jerusalem einzuziehen. Die stolzen Pferde sind überzeugt: Eines von ihnen wird es sein! Sie sind schließlich schön und stark – genau richtig für einen König! Über den kleinen Esel neben ihnen lachen sie nur. Auch weil der ganz anders von Jesus erzählt – der gute Hirte soll der sein, gut zu Menschen und Tieren – so ein Quatsch! Mächtig ist Jesus und stark – und deshalb braucht er ein stattliches Reittier, um in Jerusalem einzureiten – eben eines von ihnen.

Aber in unserem Anspiel kommt dann alles anders, als die Pferde es sich gedacht haben. Die Jünger von Jesus gehen einfach an den stolzen Pferden vorbei – auf den kleinen Esel zu. Denn den hat sich Jesus als Reittier ausgesucht. Die Pferde verstehen die Welt nicht mehr.

Aber Jesus ist eben nicht nur für die Schönen und Mächtigen auf die Welt gekommen, sondern für alle Menschen. Er will für alle da sein, vor allem für die, denen es schlecht geht. Die von anderen ausgelacht werden. Die sich allein oder einsam oder traurig oder hässlich fühlen. Er kommt auch zu den Schwachen und Armen und nicht Besonderen.

Um das zu zeigen, hat Jesus sich den Esel ausgesucht für seinen Einzug nach Jerusalem. Damit alle gleich sehen: Jesus ist der gute Hirte für die ganze Welt. Der kleine Esel in unserem Gottesdienst weiß das. Er ist der Schlaue in dieser Geschichte. Er kennt Jesus wirklich!

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„Die traut sich was“, wurde vor 500 Jahren in Straßburg getuschelt. Die, die sich was getraut hat, das war Katharina Zell. Eine mutige Frau, die Geschichte geschrieben hat.
Katharina Zell hat den Prediger des Straß­burger Münsters geheiratet. Martin Luther gratuliert herzlich. Aber nicht alle freuen sich mit. Denn noch galt in Straßburg der alte Glaube. Priester durften also nicht heiraten. Katharinas Mann verliert deshalb sein Predigtamt. Und Katharina greift zum ersten Mal zur Feder und schreibt dem Bischof einen deutlichen Brief. Sie schreibt eine Verteidigungsschrift für die Priesterehe. Sie als Frau! Dass sich das nach den Maßstäben ihrer Zeit nicht schickt, weiß sie genau. Aber sie hat von Luther gelernt, dass alle Menschen die Bibel auslegen können – auch Frauen. Und dass jeder öffentlich seine Meinung dazu sagen darf.

Es wird nicht das letzte Mal sein, dass Katharina sich etwas traut. Straßburg wurde zwar bald evangelisch. Aber in vielen Gebieten Deutschlands wurden die Evangelischen noch verfolgt und mit ihnen die Schwärmer und Wiedertäufer. Katharina macht ihr Pfarrhaus zur Herberge für alle, die ausgestoßen und verfolgt sind. Und sie setzt sich ein für Verständigung und gegen Gewalt. Nicht immer mit Erfolg. Als die Bauern für ihre Rechte kämpfen, werden sie von den Fürsten grausam niedergemetzelt. In Straßburg sorgt Katharina dafür, dass die überlebenden Frauen und Kinder in die Stadt gelassen und versorgt werden. Und sie kämpft für ihre Rechte.

Bis zu ihrem Tod mit 65 Jahren hat Katharina Zell so gewirkt. Auch ihren letzten Dienst erweist sie einer Aus­ge­grenz­ten: einer religiös andersdenkenden Frau, die kein Pfarrer beerdigen wollte. Schon zu schwach, um selbst gehen zu können, lässt Katharina sich zum Friedhof fahren und hält den Trauergottesdienst. Im Rückblick auf ihr Leben schreibt sie: „Ich habe mich vieler Leute angenom­men, für sie geredet und geschrieben. Alle haben sie zu uns kommen dürfen. Denn die größte Sünde wäre es, die Liebe zu verweigern, zu der Christus aufgefordert hat.“

Erst vier Jahr­hun­derte nach Katharina Zell konnten die ersten Frauen auf evangelischen Kanzeln predigen. Und heute können Frauen in der evangelischen Kirche gleichberechtigt mitgestalten und mitbestimmen. Katharina Zell hat diesen Traum schon vor 500 Jahren gelebt.

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Das könnte mir nie passieren. Manchmal denke ich das, wenn ich von den Fehlern höre, die andere machen. Eine Frage, von der die Bibel erzählt, macht mich da unsicher. „Bin ich es?“ (Mt 26,22) – fragen die Jünger Jesus, als sie mit ihm am Tisch sitzen. Jesus hatte seinen Jüngern gerade gesagt, dass einer von ihnen ihn verraten wird. Und das Ver­blüf­fende: keiner der Jünger wehrt ab, keiner beteuert, dass er das auf keinen Fall sein könnte.

Nicht der Lieblingsjünger von Jesus, der bei Tisch immer neben ihm sitzen durfte. Nicht Johannes und Jakobus, die Jesus mit in den Garten Gethsemane nehmen wird, um mit ihm zu wachen und zu beten. Nicht Petrus, der sich doch sonst immer für den Vorzeigejünger hält. Alle fragen sie: „Bin ich es?“ Ob sie alle tatsächlich angefangen haben, an sich zu zweifeln? Hat es tatsächlich jeder der Zwölf für möglich gehalten, dass er es ist, der Jesus verraten wird? Für mich ist die Geschichte des letzten Abendmahls eine Geschichte über uns Menschen. Darüber, wie wir sind – jeder von uns.

In meiner Konfirmandengruppe hatten wir letzte Woche Besuch: von einem Mann, der straffällig geworden ist. In einem Moment des Blackouts hat er einen Menschen schwer verletzt. Er weiß, dass er schuldig geworden ist und er übernimmt dafür die Verantwortung. Er redet sich nicht heraus, er versucht seine Tat nicht zu erklären oder die Schuld auf andere zu schieben. Er steht zu seiner Schuld. Und er will jungen Menschen davon zu erzählen, wie schnell es gehen kann: Plötzlich machen die schlechten Gefühle, die in jedem von uns schlummern, das ganze Leben kaputt.

Nie könnte ich so etwas machen, hätte dieser Mann vor seiner Tat gesagt. „Ich bin es auf jeden Fall nicht“ – hätte er als Jünger wahrscheinlich zu Jesus gesagt. Aber Jesus hätte ihm das nicht abgenommen. Denn Jesus weiß, dass hilflose Wut, wütende Verzweiflung, Neid oder Hass einen Menschen überfallen können. Und dass es niemandem gelingt, ohne Schuld durchs Leben zu gehen. Jesus ist gekommen, um uns zu sagen, dass Gott uns trotzdem nicht fallen lässt. Deshalb hat er mit allen gegessen und getrunken. Auch mit dem, der ihn später wirklich verraten hat.
Mir sagt das: Meine Fehler trennen mich nicht von Gott. Er hält trotzdem zu mir. Wenn ich im Gottesdienst Abendmahl feiere, erinnere ich mich daran. Und das tut mir gut.

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Ein Freund hat es mir gemailt – aus Amerika. Das Foto einer Heiligenfigur auf einer Restaurant-Theke. Eine Frau mit Schürze und Kochlöffel. Schon in drei Gaststätten habe er solche Figuren gesehen. Ich als Pfarrerin sollte ihm mal sagen, was das für eine Frau sei und was die auf den Theken zu suchen habe.
Ich musste eine Weile suchen, bis ich der Heiligen auf die Spur gekommen bin. Aber dann habe ich sie gefunden: Die Frau mit Schürze und Löffel ist Martha, eine Freundin von Jesus.

In den Jesusgeschichten wird an mehreren Stellen von ihr erzählt. Sie wohnt mit ihren Geschwistern Maria und Lazarus zusammen. Jesus kehrt mehrfach bei ihnen ein. Wahrscheinlich hat Martha in den ersten christlichen Gemeinden eine führende Rolle gespielt, getreu ihrem Namen, der „Herrin, Gebieterin“ bedeutet. Aber davon ist nichts mehr bekannt. Schließlich hat Jesus Maria gelobt und nicht Martha. Maria hat nämlich zu seinen Füßen gesessen und seinen Worten gelauscht, während Martha sich um das Essen gekümmert hat.

Seitdem gilt Martha als Dienstmagd und Hausfrau, ihre Schwester Maria als religiös interessierte Frau. Deshalb ist Martha die Schutzheilige von Dienstbotinnen und Kellnerinnen. Deshalb sind Arbeiterinnen-Wohnhäuser und Pflegeheime nach ihr benannt worden, aber kaum Kirchen. Dabei überliefert die Bibel von Martha ein entschiedenes Bekenntnis zu Jesus Christus: »Ja, Herr, ich glaube fest: Du bist der Christus, der Sohn Gottes, der in diese Welt kommen soll!«  (Joh 11,27). Von Maria wird so etwas nicht berichtet, auch von keiner anderen Frau.

Später sind viele Legenden von Martha entstanden. Mit ihrer Schwester soll sie nach Frankreich gezogen und dort ein Kloster für Frauen gegründet haben. Dort soll sie dann Menschen zu Hilfe gekommen sein, deren Dorf von einem Drachen terrorisiert wurde. Martha erweist sich auch hier als starke Frau, erzählt die Legende. Sie besiegt den Drachen ohne Gewalt. Sie tötet ihn nicht, sondern bändigt seine bösen Kräfte – ganz allein mit ihrer Glaubenskraft.

Schade, dass heute nicht diese Stärke Marthas in Erinnerung ist, sondern nur ihr liebevolles Dienen. Dabei macht doch beides zusammen erst den Glauben aus, den Jesus uns vorgelebt hat.
Auf den amerikanischen Theken soll die Martha-Figur die Gäste übrigens zu einem großzügigen Trinkgeld für die Bedienungen animieren. Aber vielleicht erkennt der eine oder andere in ihr ja auch die Frau, die so entschlossen und mutig geglaubt hat. Verdient hätte Martha es.

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Welches ist das richtige Bild von Jesus? Jede Zeit hat andere Bilder von ihm gezeichnet und gemalt. Manche Jesusbilder finde ich ansprec­hend, andere sind mir fremd. Aber welches ist das richtige Bild?Ein Theologieprofessor hat dazu eine Geschichte erzählt, die will ich Ihnen weitergeben:[1]

Als immer mehr Jesusbilder auf der Erde erschienen, hat der Himmel eine Kommission eingesetzt und Engel auf die Erde geschickt, um unter den vielen Bildern das richtige Jesusbild zu finden. Aber die Engel kehrten erfolglos zurück. Sie konnten nur berichten: Jedes Bild von Jesus erzählt etwas Anderes. Jedes erkennt ein bisschen von ihm. Aber keines sieht ihn ganz.
Die Engel überlegen hin und her: Wie können sie es anstellen, dass die Menschen zu einem Jesusbild – zum richtigen Jesusbild kommen? Aber keiner von ihnen hat eine zündende Idee.

Nach Rücksprache mit Jesus legen die Engel schließlich ihren Abschlussbericht vor und halten fest: Solange es auf Erden menschlich zugeht, wird es immer verschiedene Jesusbilder geben. Und diese Vielfalt will der Himmel nicht unterdrücken. Denn gerade die Vielfalt zeigt, wie viel Jesus den Menschen bedeutet.

Allerdings gibt es dann doch eine Einschränkung: erzählt die Geschichte:
Dem wirklichen Bild von Jesus widersprechen dürfen die verschiedenen Jesusbilder nicht. Sie sollen zeigen, was die Bibel von Jesus sagt: Jesus hat gelebt, hat Menschen in die Nachfolge gerufen, hat von Gottes Liebe erzählt, hat gelitten und ist seinen Jüngern nach seinem Tode als Lebendiger erschienen.
Aber wenn sich die Jesusbilder in diesem Spielraum bewegen, dann kann man alle Bilder von Jesus akzeptieren – auch wenn sie einseitig sind, auch wenn sie zeitge­bun­den sind, auch wenn man ihnen anmerkt, dass sie immer nur eine bestimmte Sichtweise wiedergeben.

Ein Bild zeigt vielleicht Jesus den Kinderfreund. Eines zeigt ihn als Arzt und Helfer. Eines zeigt den Mann, der auch mit Frauen, der auch mit Ausgegrenzten spricht: für die damalige Zeit war das unerhört. Viele Bilder zeigen den leidenden und sterbenden Jesus am Kreuz. Und wenn ein schwar­zer Künstler Jesus mit schwarzer Hautfarbe malt, dann sagt er damit: Jesus ist auch einer von uns!
So verschieden sie sind: alle Jesusbilder dienen dazu, dass die Menschen Jesus näher kommen – und dadurch Gott. Ich finde: dem ist nichts hinzuzufügen.


 

[1] Stark gekürzt und leicht verändert aus dem Vortrag „Über die Menschlichkeit der Jesusforschung“ von Gerd Theißen beim Katholikentag 2000, abzurufen unter: http://www.muenster.de/~angergun/theissen-jesusforschung.pdf.

 

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Das Kreuz – Symbol des christlichen Glaubens. Aber viele Menschen haben Schwierigkeiten damit!
Für Juden und Muslime ist es wie eine Gotteslästerung: Der allmächtige Gott braucht doch keinen Sohn, der am Kreuz stirbt, um die Menschen zu erlösen! Menschen, die nach Beweisen für Gott fragen, finden einen Gott, der am Kreuz stirbt, völlig unlogisch. Und selbst für manche Christen ist das Symbol eine Zumutung. Warum sollte Gott seinen Sohn sterben lassen – und dann auch noch für mich? Ich habe keine solche Schuld auf mich geladen, dass ein Mensch für mich sterben müsste! Das sagen viele.

Neu ist solche Kritik nicht. Schon die ersten christlichen Gemeinden mussten sich damit herum­schla­gen. Auch der Apostel Paulus. Er schreibt: „Die Botschaft vom Kreuz erscheint denen, die verlo­ren gehen als eine Dummheit. Aber für uns, die wir gerettet werden, ist sie eine Gotteskraft“ (1 Kor 1,18). Paulus weiß: Im Kreuz Christi geschieht etwas, das quer steht zur gesamten Welt.

In einem Buch bin ich auf ein Bild gestoßen, das das eindrucksvoll zum Ausdruck bringt. Es ist ein Foto der Dortmunder Reinoldi-Kirche vom Kriegsende 1945. Die Innenstadt ist völlig zerbombt. Auch die Kirche ist stark geschädigt. Wände sind eingebrochen, die Turmhaube und das Dach sind weggefegt, die Glasfenster sind zerborsten.
Aber über den Trümmern konnte man Unglaubliches sehen: ein riesengroßes Triumphkreuz, das völlig unversehrt über dem Bild der Zerstörung schwebt.

Ich stellte mir vor, wie nach Kriegsende immer wieder Menschen über den Schutt in die Reinoldikirche geklettert sind und auf das Triumphkreuz mitten in der Zerstörung geblickt haben. Manche haben vielleicht mit Gott gehadert und ihn gefragt: „Wo warst Du? Warum hast Du nicht eingegriffen?“ Aber viele Menschen sind gekommen, weil sie genau dort Gott gesucht haben – mitten in der Zerstörung, mitten im Leid, mitten in der Hoffnungslosigkeit.

Das Kreuz ist ein Symbol dafür, dass Gott da ist – mitten in unserem Leben. Auch da, wo es schwer ist. Der große Gott lässt sich herab auf die Erde. Er lässt seinen Sohn Leid, Trauer und Tod erleiden. Weil er uns zeigen will, dass er stärker ist als alle Mächte des Todes und der Zerstörung und dass er uns zur Seite steht, mir und Ihnen – gerade in den Unglücken und Mauereinstürzen unseres Lebens. Beweisen kann ich das nicht. Aber spüren auf viele Weisen: tröstlich und aufrüttelnd, heilsam und ermutigend – eben als Gotteskraft in mir.

 

 

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Zu einer Beerdigung oder ins Krankenhaus geht niemand gern. Ein Besuch im Altersheim oder bei Trauernden, das ist eine anstrengende Sache. Viele drücken sich da, so gut es geht. Dem Leiden zu begegnen macht einem Angst. Das verstehe ich. Dabei gibt es viele Menschen, die leiden. Ich kenne sie aus meiner Gemeinde oder meinem Bekanntenkreis. Sie stehen machtlos vor dem Leiden und haben auf ihre Frage nach dem „Warum?“ keine Antwort. Genauso geht es mir manchmal auch.

Wenn ich auf dem Weg bin zu ihnen, denke ich manchmal an Jesus. Der musste auch leiden am Ende seines Lebens. Die Bibel erzählt zum Beispiel, wie er vor seiner Verhaftung im Garten Gethsemane voll Angst kniet und seinen Vater bittet: „Erspare es mir, diesen Becher auszutrinken!“ (Mt 26,39). Und später ruft er, schon am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Mk 15,34).

Wenn ich selbst eine Leidenszeit durchleben muss, dann werden diese Worte zu meinen Worten. Ich kann sie dann aus tiefstem Herzen nachsprechen. Wenn die Situation aussichtslos erscheint und ich an meine Grenzen stoße, dann frage auch ich mich manchmal, wo Gott ist.

Ich bin schon Menschen begegnet, die in solchen Situationen das Gefühl hatten, dass sie unter der Last zusammenbrechen müssen. Voller Verzweiflung haben sie zu Gott geklagt, mit ihm gehadert und gerungen. Viele hatten anfangs das Gefühl: An einen Gott, der mir so wehtut, kann ich nicht glauben. Wenn er es zulässt, dass mir das Leben so weh tut, kann ich ihm nicht mehr vertrauen. Aber merkwürdig: Die wenigsten haben dann tatsächlich mit Gott gebrochen. Wie das kommt?

Ich glaube: gerade weil sie es sich erlaubt haben, Gott anzuklagen. Denn ihr Klagen und Hadern hat sie nicht weggebracht von Gott. Im Gegenteil: es hat sie gehalten. Sie haben dadurch auf einmal doch Gott spüren können – mitten im Leiden, mitten in der Verzweiflung.

Ich denke, so ist es auch Jesus im Garten Gethsemane gegangen und später am Kreuz. Und vielleicht hat er sich an das erinnert, was er selbst seinen Jüngern zum Abschied mit auf den Weg gegeben hat: „Ich lebe und ihr werdet auch leben“ (Joh 14,19).

Diese Worte sind für mich keine billige Vertröstung – sie sind wirklicher Trost. Denn sie bedeuten: Gott ist stärker als das Leiden. Er wird mich auch durch das Leiden führen, durch die Trauer und irgendwann auch durch den Tod. Er lässt mich nicht los. Jesus hat das erlebt. Und mich daran zu erinnern, tut mir gut – nicht nur in schweren Zeiten.

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Ein Baby in der Futterkrippe – das ist das Bild, das mir zuerst in den Sinn kommt, wenn ich an das neugeborene Jesuskind denke. Aber vor ein paar Wochen ist ein neues Bild dazu gekom­men: Das Bild vom „Jesuskind mit Knoten“. Ich habe es in einer Online-Ka­pel­le entdeckt.[1] Ja, das gibt es tatsächlich: eine virtuelle Kapelle, in die ich durchs Inter­net gelange, in der ich online Gebete an Gott hinterlassen, online sogar Kerzen anzünden kann.

 

Im Mittelpunkt dieser Kapelle steht ein Bild des Jesuskindes auf dem Schoß seiner Mutter. In den Händen hält es ein langes weißes Band mit großen und kleinen, einzelnen und gehäuften Knoten.

 

Zwei Engel stehen rechts und links von ihm mit den Enden des Knotenbandes in der Hand. Sie stehen für die Besucher der Kapelle. Für Menschen, die das vor Gott bringen, was in ihrem Leben ver­knotet ist: Ihre Sorgen im Familienleben, im Beruf, die Ängste und Erlebnisse, die ihre Seele verknoten und ihr Leben schwermachen.

 

Der rechte Engel hält das Ende des verknoteten Bandes in den Händen. Er blickt zu Boden. Es sieht so aus, als ob er sich für das schämt, was im Leben verdreht oder verknotet ist. Ich weiß, wie das ist. In meinem Leben könnte er auch so manchen Knoten finden.

 

Der linke Engel hält das Ende des Bandes mit den schon gelösten Knoten in der Hand. Er schaut mir in die Augen. Als ob er mir sagen will: „Schau, das ist dein Lebensband! Es ist etwas zerknittert. Es waren ja auch viele Knoten darin! Aber Jesus hat es entwirrt. Und er wird immer wieder entwirren, was sich in deinem Leben verknotet.“ Denn Jesus sitzt tatsächlich ruhig auf dem Schoß seiner Mutter, schaut mich freundlich an und löst geduldig Knoten für Knoten in dem Lebensband.

 

Ich finde dieses Bild vom Jesuskind mit den Knoten wunderbar. Denn es zeigt mir, wie Gott durch die Augen des Jesuskindes auf mich schaut. Mit einem liebevollen Blick. Und das, obwohl er alle meine Fehler und Schwächen und Verknotungen kennt.

 

Aber genau dafür ist Gott ja in diesem Kind auf die Welt gekommen: Und um mir zu sagen: ich bin für dich da, egal, wie viele Verwirrungen es in deinem Leben gibt, egal was du falsch gemacht hast, egal was dich traurig macht und was dich bedrückt. Ich kann die Knoten deines Lebens lösen, ich möchte dich trösten, wenn du traurig bist, ich kann dir Wege zeigen, wenn du nicht mehr weiterweißt. Ich steh dir zur Seite – immer!“

 

Ich finde: Das bedeutet Weihnachten! Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest!

 


 

[1] Die Online-Kapelle der Weitnauer Brüder kann man hier betreten: http://www.heilig-blut.com/virtuelle-kapelle-knotenloeserin.

 

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Alt und unauffällig steht er da – der Josef in unserer Krippe. Die „unwichtigste Figur der Krippenszene“ hat ihn einmal eine Zeitung genannt. Dabei hätte es ohne Josef die Weihnachtsgeschichte nicht gegeben!

Wir wissen wenig von Josef. Bei der Geburt von Jesus ist er dabei. Dann eine kurze Notiz noch, als Jesus 12 Jahre alt war. Danach schweigt sich die Bibel über Josef aus. Vielleicht wird er deshalb meist als alter Mann dargestellt, der bald gestorben ist.

Aber wahrscheinlich war Josef bei der Geburt von Jesus im besten Alter. Er hat sich in seiner Heimatstadt Nazareth mit viel Fleiß eine Existenz aufgebaut, eine gut gehende Werkstatt als Zimmermann und Architekt. Und er hat mit Maria eine Frau gefunden, die er liebt und die ihn liebt. Josefs Zukunft scheint vorgezeichnet: ein ruhiges Leben voll Arbeit und Zufriedenheit liegt vor ihm – im Kreis seiner Familie, die er mit Maria gründen will.

Aber dann das: Maria wird schwanger, aber nicht von ihm! Und sie verlangt von Josef, das Unglaubliche zu glauben: dass sie Gottes Sohn zur Welt bringen wird! Die ganze wohlgeordnete Zukunft zerplatzt vor Josefs Augen. Gott hat seine Pläne durchkreuzt. Was soll er tun? Die Verlobung sofort lösen, Maria in Spott und Schande stellen, oder doch bei ihr bleiben? Josef ist hin- und hergerissen. Er hat unruhige Nächte. Und in einer dieser Nächte dringt Gottes Stimme zu ihm und Josef hört darauf und beschließt: Er wird sich auf die Situation einlassen. Er wird auf Gott vertrauen und zu Maria stehen.

Und das macht Josef – ohne viel Worte. Er bringt seine Maria sicher nach Bethlehem. Er ist bei der Geburt im Stall dabei. Ich stelle mir vor, er hat das Jesuskind als erster in den Armen gehalten, hat es gewaschen, ihm die Nabelschnur durchtrennt und es liebevoll Maria in den Arm gelegt. So, wie viele Väter das heute machen. Und er hat nach ihrer Rückkehr nach Nazareth treu für seine Familie gesorgt bis zu seinem Tod.

Für mich ist Josef der stille Held der Weihnachtsgeschichte. Nicht wegen irgendwelcher Heldentaten, sondern weil er Gott vertraut und weil er so sehr liebt. Josef hat darauf vertraut, dass Gott es gut mit ihm meint. Und er hat auf sein Herz gehört, auf die Liebe, die er zu Maria empfindet und auf sein Verantwortungsgefühl.

Dieser Josef in der Weihnachtsgeschichte zeigt mir: Gottvertrauen und Menschenliebe – mehr braucht es nicht um vor Gott ein Held zu sein. Und ich denke: Männer wie Josef verdienen es, dass wir sie ein bisschen mehr in den Vordergrund rücken!

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Ochse und Esel stehen ganz hinten im Stall! Da gehen sie in unserer Weihnachtskrippe fast unter! Schließlich sind da auch noch Maria und Josef und das Jesuskind in der Krippe. Die Hirten mit ihren Schafen und dem Hütehund. Und die drei Könige sind mit Kamel, Elefant und Zebra auch schon im Anmarsch. Da ist kaum noch etwas zu sehen von Ochse und Esel.

Und dabei sind sie doch die eigentlichen Hauptfiguren der Weihnachts­geschich­te. Mit dem Jesuskind. So sehen es zumindest die ältesten Krippendarstellungen, die wir kennen. Sie zei­gen nur den Ochsen und den Esel neben dem Kind in der Krippe. Von Maria keine Spur – die zieht erst im frühen Mittelalter in die Weihnachtskrippen ein und Josef noch viel später.

Warum war es den Christen der ersten Jahrhunderte so wichtig, dass Ochse und Esel bei Jesu Geburt dabei waren? Sie kommen doch in der Weihnachts­geschichte der Bibel gar nicht vor! Die Antwort ist ganz einfach: Weil gerade diese unscheinbaren, trägen und angeblich dummen Tiere am besten zur Weihnachtsbotschaft passen. Weil sie für die Menschen stehen, denen die Weihnachtsbotschaft etwas bedeutet. Für mich also! Vielleicht auch für Sie? Ich Esel, Sie Ochse! Und das ist nicht als Beleidigung gemeint, im Gegenteil!

Die Christen der ersten Jahrhunderte haben den Ochsen und den Esel aus dem Alten Testament in die Weihnachtsgeschichte hineingedeutet. Denn beide tauchen beim Propheten Jesa­ja auf – lange vor Jesu Geburt. Da heißt es in einem Vers: „Ein Ochse kennt seinen Besitzer und ein Esel die Krippe seines Herrn, aber mein Volk versteht es nicht.“ (Jes 1,3)

Diese scheinbar trägen, dummen Tiere stehen in der Weihnachtskrippe also für die Menschen, die die Weihnachtsbotschaft verstehen. Sie sind die „Klugen“. Sie sind klüger als die Menschen, denen Weihnachten zu süßlich ist. Oder die meinen, das kann ich alles nicht glauben.

Und der Ochse und der Esel, die beiden Arbeitstiere, stehen auch für die Menschen, die sich am Rand fühlen, nicht geachtet, nicht wertgeschätzt. Und gerade sie finden sich in der Weihnachts­krippe auf den besten Plätzen wieder – direkt neben dem Jesuskind, direkt in Gottes Nähe.

Damit ich zu Gott kommen darf, brauche ich nichts Besonderes darstellen, heißt das für mich. Ich brauche nichts Besonderes zu können oder zu machen. Gott ist bei denen, die ihn brauchen. Nicht bloß bei denen, die vornedran stehen und einen guten Eindruck machen.
Ich Esel, Sie Ochse! Gott ist ganz nahe bei uns!

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