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17AUG2021
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Ich bin beruflich und persönlich mit den Land Äthiopien verbunden und jetzt, wenn dieser Beitrag gesendet wird, bin ich auch gerade wieder hier in diesem Land am Horn von Afrika. Leider muss man sich dieser Tage große Sorgen um Äthiopien und seine Menschen machen. Die Gefahr ist groß, dass es den gleichen Weg geht wie einst der Vielvölkerstaat Jugoslawien. Dass auch hier Identitäten sehr viel höher gehängt werden, als der Wille, friedlich zusammen zu leben und dem nachzugehen, was man Gemeinwohl nennt. Im Norden Äthiopien hat diese ethnische Abgrenzung schon zu einem schrecklichen Krieg geführt. Er wächst sich gerade zu einem Bürgerkrieg aus, der immer mehr Milizen-Gruppen hineinzieht und immer mehr dazu führt, dass Menschen sich voneinander abgrenzen, sich gegenseitig hassen.

Ich erinnere mich an meine Besuche in der alten Königsstadt Aksum in der letzten Zeit. Nach alter Überlieferung ist dort die Bundeslade Israels aufbewahrt. Die Kronen der äthiopischen Kaiser habe ich dort bewundert und Stelen, die von ungeheurer kultureller Fertigkeit und einem großen geschichtlichen Erbe zeugen. Und nun musste ich erfahren, dass dort im Zuge einer brutalen Eroberung die Straßen voller Leichen lagen.
Wie ist das zu erklären innerhalb so kurzer Zeit? Die Suche nach Identität zeigt sich einmal mehr als vergiftete Suche. Nicht als tröstende Heimat, sondern als Grund „die Anderen“ entweder nicht als Menschen oder als minderwertige Menschen zu betrachten. Im Äthiopien ist dies gerade zu beobachten, aber es gibt so viele andere Beispiele auf allen Kontinenten, die zeigen, wie daraus unglaubliche Brutalität werden kann und jede Menschlichkeit auf der Strecke bleibt.

Ist der Glaube eine Hilfe, diese Raserei aufzuhalten? Sollten Christen nicht aufgrund der Lehre ihrer Religion weniger geneigt sein, zu hassen und zu töten? Leider scheint die Geschichte nicht dafür zu sprechen, dass dem so wäre….

In Äthiopien, in Ex-Jugoslawien und überall gilt: Wenn Christsein nichts dazu beizutragen hat, wie das friedliche Zusammenleben gelingen kann, dann kann man diese Religiosität vergessen! Mein Glaube hat etwas damit zu tun, dass unsere erste und wichtigste Identität das Menschsein ist. Daraus erwächst, dass jeder andere Mensch ebenso wie ich ein Geschöpf Gottes ist. Es kann nicht sein, dass das Christsein an den Haken gehängt und die Kampfmontur angezogen wird. Ich denke, dass es Jesus darum ging, genau diese Logik zu durchbrechen, die uns hassen und eskalieren lässt. Er sagte das in einem eigentlich naiv und töricht wirkendenden Satz, aber er sagte es sehr bewusst: „Liebt eure Feinde und tut denen Gutes, die euch hassen.“

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16AUG2021
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Kürzlich bin ich 50 geworden und wie das dann so ist: ich kam ins Nachdenken über das, was in dem halben Jahrhundert so alles mit mir passiert ist. Und natürlich auch, was da wohl noch kommen mag.

Da ist zunächst einmal ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit für das schöne und gute, interessante und spannende, das mir in diesen fünf Jahrzehnten widerfahren ist. Und ich frage mich das, was viele andere gläubige Menschen auch umtreibt: wieviel davon habe ich Gott zu verdanken und was ist mein eigener Beitrag dazu, wenn es gut geworden ist?

Umgekehrt geht es genauso, also bei den belastenden und schmerzhaften Dingen. Meine Eltern sind beide in den letzten Jahren viel zu jung verstorben. Das war schwer und oft auch sehr tragisch. Hätte Gott das verhindern können und habe ich vielleicht nicht genug dafür gebetet, dass es gut wird?

Ich wohne ganz in der Nähe der Ahr und der Erft und auch dort gibt es viele, die durch die Flutkatastrophe einen geliebten Menschen verloren haben, zumindest aber Hab und Gut haben wegschwimmen sehen. Sie werden sich diese Frage vielleicht auch stellen? Ich frage mich: wenn ich an ihrer Stelle wäre, wie würde ich dann Gottes Rolle in meinem Leben sehen?

Wenn ich meinen Glauben behalten und an diesen Fragen nicht irrewerden möchte, bleibt mir nur, diese Ungewissheit anzunehmen: Gott ist da in meinem Leben, aber ich weiß nicht genau wie und an welchen Stellen, weder in den leidvollen Momenten noch in Zeiten, an denen es gut läuft. Glauben heißt für mich dankbar sein zu können, zu beten und zu bitten, trotz der offenen Fragen und des offenen Ausgangs. Und wenn es nötig ist, heißt es auch mit Gott zu hadern und ihm mein Leid zu klagen.

In diesem Sinn wird er für mich immer mehr und vornehmlich zu einer Haltung, die wichtiger ist als einzelne Inhalte. Es ist eine Haltung des Beschenktwerdens und des Verneigens davor, dass ich nicht alles machen und herstellen kann. Ich bin nicht alleine Herr über mein Schicksal, meine Erfolge und Rückschläge. Ob das vielleicht nicht ein bisschen ungenau ist? Ist das zu wenig, um wirklich zu begründen, warum ich als gläubiger Mensch durchs Leben gehe?

Kann schon sein, aber da spielen dann wieder meine fünf durchlebten Jahrzehnte mit hinein. Ich muss nicht mehr krampfhaft genau wissen, wie Glauben und Leben geht. Ich kann jetzt eher Widersprüche integrieren und mit Unsicherheiten leben. Der Glaube ist mir dabei ein Geschenk und das darf gerne noch viele Jahre so bleiben.

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27APR2021
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Wir wollen unser altes Leben zurück! Wir sind Pandemie-müde und wollen einfach wieder Normalität. So geht’s mir jedenfalls und ich sehe die Impfungen als einzige Chance, wie wir als Gesellschaft und sogar als Menschheit endlich wieder rauskommen aus dieser Geiselnahme durch ein Virus.

Aber Moment: Was macht denn diese „Normalität“ aus, die ich mir zurückwünsche? Heißt das, wir verabschieden uns von diesen Utopien einer gerechteren Gesellschaft und kehren wieder zurück zu den Gesetzmäßigkeiten von Profit und Ausbeutung? Eigentlich hatte doch die Pandemie-Situation so viele neue Ideen hervorgebracht und die Hoffnung, dass so vieles doch anders gehen kann!

 

Die Schriftstellerin Sibylle Berg hat mich dieser Tage beeindruckt mit einem Beitrag zu dieser Frage. Sie schreibt: „Die »Normalität« meint oft die Rückkehr von einer unbekannten zurück in die bekannte Angst – die man als Motor des Wachstums bezeichnen kann. Die Angst vor dem Verlust der Wohnung, des Arbeitsplatzes, die Angst vorm Scheitern im sogenannten Wettbewerb, im Rennen um das Überleben in einem System, das außer Bedrohung und Belohnung wenig für seine User zu bieten hat.“

Mich hat dieser Text zum Nachdenken gebracht, weil ich in diese „Normalität“ nicht zurückkehren will.

Corona hat uns gezwungen, vieles anzuhalten und auszuhalten. Das ist eine große Chance, unsere Bilder vom angeblich Normalen im Kopf zu hinterfragen, denen wir doch alle fast nie gerecht werden. Sibylle Berg schreibt, dass in diesen Bildern keiner ist, der „schwarz, zu klein, zu groß, zu dick, zu traurig, weinend oder erschöpft, versoffen oder verzweifelt ist – so wie wir alle aber sind.“

 

Nur wenn wir nicht möglichst schnell wieder in alte Normen zurückfallen, sind wir fähig, neue Ideen wirklich umzusetzen. Ideen, die uns gekommen sind, als die Pandemie uns ausgebremst und zum Stillstand gezwungen hat.

Natürlich ist es anstrengend, neue Wege jenseits des „normalen“ zu suchen. Es ist unbequem und aufwendig. Aber wäre es weniger anstrengend, im „normalen“ Trott dann in die nächste Pandemie oder die nächste globale Krise zu schlittern?

Im Wörtchen „normal“ steckt eine Versuchung, totalitär zu werden, weil es dazu führen kann, dass Unterschiede eingeebnet und Menschen „normiert“ werden. Ich will es in Zukunft so wenig benutzen wie nur möglich.

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26APR2021
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Die Suche nach Identität ist die Suche nach dem, was ich bin, wo ich hingehöre, wo ich mich zuhause fühle. Dazu gehören für mich auch mein Glaube, die Rituale der Kirche, die Gerüche und Farben und Formen. Sie geben mir das Gefühl, zuhause zu sein.

Und dann meine südbadische Herkunft, mein Dialekt, die Mentalität, Landschaft, die hiesigen Spezialitäten. Ach wie schön ist es, zu wissen, wo man herkommt und wo man hingehört.

Je mehr ich mich aber mit diesem Thema beschäftige, desto mehr werden mir auch die Schattenseiten dieser Suche nach Heimat und Identität bewusst. Nur dann, wenn ich positiv bestimmen kann, was mich ausmacht, ist es auch für meine Mitmenschen, die Gesellschaft eine gute Suche. Wenn ich dagegen meine Identität negativ definiere, indem ich mich abgrenze, wird leicht eine vergiftete Suche daraus. Dann kommt dieses aggressive Gefühl dazu und diejenigen außerhalb meiner gefühlten Gruppe werden „die da“, „die Anderen“. Die Soziologen sagen uns, dass alle Identitäten immer sogenannte „konstruierte“ Identitäten sind. Wir bauen uns irgendwie zusammen, was uns ausmacht. Es kommt darauf an, wem wir im Leben begegnen und ob wir uns wohl in unserer Haut fühlen oder nicht.

Wenn das aber stimmt, dass zugehören immer irgendwie konstruiert ist, dann wirkt es doch geradezu lächerlich, welchen Identitäts-Popanz wir so häufig aufbauen. Die Welt scheint ja geradezu an der Nadel dieses Popanz zu hängen, wenn die sogenannten „Identitäre Bewegung“ eine völkisch einheitliche „europäische Kultur“ propagiert, wenn Volkgruppen oder Gruppen unterschiedlicher Religion so voneinander reden, als seien „die Anderen“ entweder gar keine Menschen oder minderwertige Menschen. So viele Beispiele auf allen Kontinenten gibt es, die zeigen, dass daraus unglaubliche Brutalität werden kann und jede Menschlichkeit auf der Strecke bleibt.

Entspannt Euch doch alle mal! Was bleibt denn übrig von dieser Identität, wenn wir doch alle „zum Staub zurückkehren“ (ganz am Anfang der Bibel, im Buch Genesis zu lesen)? Entspannt Euch doch mal Ihr Gläubigen der verschiedenen Religionen! Wie sollte das denn zu unserem Schöpfer passen, dass er manche Menschen mit mehr Würde und Wert geschaffen hätte als andere? Wir sind alle zuerst und vor allem Menschen. Das ist unsere wichtigste Identität.

Wenn wir uns in dieser Hinsicht entspannen, können uns die Machthungrigen dieser Welt auch nicht mehr aufpeitschen, manipulieren, instrumentalisieren.
Dann kann ich wieder entspannt in meinen Heimatgefühlen baden.

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02MRZ2021
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„Der Glaube schützt die Vernunft, da er fragende und forschende Menschen braucht. [...] Er zerstört die Vernunft nicht, sondern bewahrt sie und bleibt sich dadurch selbst treu.” So sagte einst Papst Benedikt XVI., als er sein Lehrschreiben „Fides et Ratio“ vorstellte. Ihn beschäftigte zeitlebens die Frage, wie vernünftige Menschen glauben können und wie gläubige Menschen vernünftig sein können.

Letzteres treibt mich in diesen Tagen immer wieder um, wenn es um den Kampf gegen das Coronavirus geht und um Impfungen und Masken und andere Gegenmaßnahmen. Immer wieder stelle ich fest, dass religiöse Menschen mitunter eher Teil des Problems sind, als Teil der Lösung. Immer wieder gibt es Nachrichten von religiösen Gruppierungen, die sich bei Gottesdiensten nicht um Abstand und die Gefahr, sich anzustecken kümmern. Sie gehen davon aus, dass die Kraft des Heiligen Geistes bestimmt, ob jemand krank wird und nicht das Verhalten von Menschen. Oder ich begegne Anhängern esoterischer Religion, die ebenfalls glauben, dass es nicht an konkreten Maßnahmen liegt, ob wir uns mit einem Virus anstecken. Für sie gibt es vielmehr mystische Vorstellungen, wie Immunsysteme durch verschiedene Energien gestärkt werden – dadurch kommt man weit weg von dem, was Virologen und andere Wissenschaftler erforschen. Im Judentum sind es ultraorthodoxe Gläubige, die sich komplett gegen Corona-Hygienemaßnahmen stellen und in der katholischen Kirche glauben ein paar ultra-konservative Kardinäle, die Corona-Pandemie solle genutzt werden, um eine Weltregierung zu schaffen, die sich angeblich „jeder Kontrolle entzieht".

Ich bin überzeugt davon: Ohne einen Bezug zur Vernunft, wird Glaube und Religion zum Fundamentalismus. In einer schwarz-weiß gezeichneten, vereinfachten Welt, in einer eigenen Realität, die sich nicht um Wissenschaft schert, gedeiht kein Glaube, der rational verantwortet werden kann.

Und ein weiterer Punkt, der mir momentan in der Impf-Diskussion wichtig ist: Es kann und darf bei religiösen Gefühlen und Überzeugungen nicht darum gehen, sich im eigenen Glauben von der Welt abzuschotten. Eine gläubige Haltung ist nur dann für Menschen dienlich, wenn sie auch eine solidarische Haltung ist. Sonst werden Glaube und Religion egoistisch und rein ideologisch. Wenn religiöse Menschen darüber nachdenken, was der Gemeinschaft helfen kann die Pandemie zu überwinden, können sie eine andere Haltung zu Corona-Impfungen entwickeln, als wenn Sie nur auf dem beharren, wovon sie selbst so fest überzeugt sind.

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01MRZ2021
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„Und muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, / ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, / dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.“ Das sind Worte aus dem berühmten Psalm 23 – Durchhalteparolen aus der Bibel sozusagen.

Ich habe gerade Durchhalteparolen nötig, denn ich kann nicht mehr. Ich gehe, was den Lockdown betrifft, wirklich auf dem Zahnfleisch. Wie soll man das nur aushalten so lange und ohne zu wissen, wie lange es noch so weitergeht? So vieles fehlt mir vom „normalen“ Leben und Zusammenleben und dabei bin ich mit meiner Arbeit noch gesegnet, weil ich Sie weitgehend normal weitermachen kann. Ich habe nur eine vage Vorstellung, wie es sein muss als Selbständiger, Kneipenwirt, Künstler … Und die ganzen Probleme der Schülerinnen und Schüler, die so lange ohne die sozialen Kontakte ihrer Klasse sein müssen … Meine Tochter ist Erstsemester an der Uni und hockt seit Monaten in der Bude, alleine mit ihrem Computer. Sie leidet sehr darunter und mit ihr unzählige andere Studienanfänger und Studentinnen.

„Und muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, / ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir“ An dieser Stelle kann sich der Glaube derjenigen bewähren, die ihn haben. Glaube, Bibel, Kirche, wann soll sich das als beständig und hilfreich erweisen, wenn nicht in einer solchen Situation? „Resilienz“, so heißt das Schlagwort, was die Psychologen benutzen, um zu beschreiben, dass Menschen fähig sind, durch Krisen heil hindurchzukommen und dem Verzweifeln zu widerstehen. Und viele Studien haben gezeigt, dass es gläubigen Menschen leichter fällt, auf eine gute Zukunft zu vertrauen. Glaube, Vertrauen und Hoffnung sind sogenannten „Ressourcen“. Dann hätte Glaube also doch einen ganz praktischen und leicht verständlichen Sinn in einer Zeit, in der psychische Probleme überhandnehmen und Psychiater und Therapeuten sich vor einem riesigen Berg voller Aufgaben sehen. Hier sehe ich den Auftrag der Kirche in dieser Krise: Menschen stark und widerstandsfähig zu machen – das Gegenteil von abhängig und klein.

Der ZDF-Chefredakteur Peter Frey hat kürzlich kritisiert, dass die Kirche deshalb wenig Halt in der Corona-Krise bieten könne, weil sie sich selbst in einer Zeit größter Verunsicherung befinde, vor allem angesichts des Umgangs mit Missbrauchsfällen und hoher Kirchenaustrittszahlen. Da hat er sicher Recht, aber es ist dennoch lohnenswert, andere durch den Glauben stark zu machen und ihnen von dem Gott zu erzählen, der stützt und Mut gibt. Diese Botschaft hat einen wertvollen Platz im Leben vieler Menschen.

„Dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.“ Ich kann mir momentan wenig vorstellen, was ich mehr brauchen würde als Glaube und Halt. Ich brauche die Hoffnung auf ein besseres morgen, in dem wir das Leben wieder gemeinsam feiern können, einander begegnen können ohne Angst vor Ansteckung und vor zu viel Nähe.

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03OKT2020
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„Ut unum sint“, auf dass sie eins seien, so nannte Papst Johannes Paul II 1995 sein Lehrschreiben über die Ökumene. Die Trennung der christlichen Konfessionen ist ein Zeichen der Schwäche und was für ein kraftvolles Signal wäre es, hier zur Einheit zu gelangen.

Einheit ist es auch, was wir heute in Deutschland feiern – im Gedenken an den 3.10.1990, dem Tag also vor 30 Jahren, an dem Ost- und Westdeutschland wieder zusammenkamen. Die Mauer und der eiserne Vorhang wurden zwar abgebaut und doch ist bis heute leider zurecht von der Mauer in den Köpfen die Rede. Es ist längst Zeit, auch diese endlich verschwinden zu lassen!

Warum ist es nur so schwer, Einheit zu leben, aufeinander zuzugehen?
Es scheint tief in unserer menschlichen DNA verankert zu sein, dass wir auf unsere eigene Gruppe, unseren Clan, Stamm oder diejenigen aus unserer Region und Sprache zurückgreifen, wenn wir eine sichere Gemeinschaft, eine Kollektiv zum Wohlfühlen suchen. Vor allem dann, wenn es kompliziert, schwierig und gefährlich wird. So alt wie die Menschheit ist dieses Prinzip und es scheint tatsächlich aus längst vergangenen Zeiten zu stammen, als es noch zum Alltag gehörte, von wilden Tieren und von Raubzügen fremder Horden bedroht zu sein. Doch wenn man sich zurückzieht in die eigene Gruppe ist der Schritt leider nicht mehr weit, die anderen als minderwertig, dumm oder arrogant zu brandmarken. Aus Bürger unseres wiedervereinten Landes wurden Wessis und Ossis, aus Belgiern werden Flamen und Wallonen und die Katholiken und Protestanten in Nordirland könnten bereit sein, die Waffen wieder herauszuholen, wenn der Brexit die harte Grenze zur Republik Irland wiedererrichtet.

Dagegen spricht die alte englische Weisheit „Unity is Strength“, gemeinsam sind wir stark. Der Brexit ist aber genau das Gegenteil: eine Abkehr von der Einheit, von einer Union, die einst verfeindete Völker zusammengebracht hat. Viele Gründe gibt es dafür, die wohl darin begründet sind, dass Menschen der Vergangenheit nachtrauern, Angst haben, ihre Identität zu verlieren. Aber Gott hat uns Menschen auch einen Verstand gegeben, der uns helfen kann, innezuhalten und uns leiten zu lassen von Vernunft und Solidarität.

Im biblischen Epheserbrief lesen wir: "Setzt alles daran, dass die Einheit, wie sie der Geist Gottes schenkt, bestehen bleibt. Sein Friede verbindet euch miteinander.“ Hier geht der Autor also davon aus, dass der Geist Gottes die Einheit längst geschenkt hat und wir sie bewahren sollen – ein Gegengewicht zur Idee, dass Menschen in feindlichen Gruppen leben und Einheit erst mühsam herstellen müssen.

Das erinnert mich daran, wie es in den Jahrzehnten nach den Weltkriegen immer mehr gelang, Staaten und Menschen zusammenzuführen. Der Völkerbund wurde gegründet, später die UNO und die Europäische Union. Es macht mich traurig und wütend, wenn dieses Rad heute immer mehr zurückgedreht wird durch Parolen wie „Amerika first“, sich nationale Egoismen anscheinend wie Lauffeuer auf dem Globus verbreiten. Von den sogenannten „Rechtspopulisten“ in fast jedem Land Europas bis zu den Staatenlenkern in den USA, den Philippinen, Russlands oder Brasiliens.

Ich will mich nicht mit dem aktuellen Zustand zufrieden geben – die globalen Herausforderungen sind viel zu groß und grenzenlos und können nur gemeinsam und global angegangen werden!

Zum Glück gibt es viele Menschen, die auch so denken und auch keine Lust auf dieses ständige Aus- und Abgrenzen haben. Es ist nicht nur schädlich sondern zerstört auch die Freude am Leben. Es macht so viel mehr Spaß, als unterschiedliche Kulturen und mit vielfältigen Prägungen zusammen zu kommen und zu spüren: Wir atmen alle die gleiche Luft, wir alle sind Menschen, vom gleichen Schöpfer gemacht. Wir können uns kennenlernen, immer besser verstehen, uns gegenseitig bereichern – trotz oder gerade wegen der kulturellen Unterschiede.

Zurück zum dritten Oktober: Ut unum sint möchte ich heute auch in unserem Land sagen – auf dass wir eins seien, wir Deutschen und die restlichen Mauern in unsern Köpfen endlich einreißen mögen.

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02OKT2020
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Kennen Sie die „Jerusalema Challenge“? Es ist der Tanz, der in diesem Jahr vielen Leuten durch die Corona-Zeit geholfen und der Afro Beats, die aktuelle afrikanische Tanzmusik auf dem ganzen Globus bekannt gemacht hat. Der Song hat Hoffnung aus Afrika in die Welt gebracht – wo es doch in den Köpfen vieler Menschen meist so ist, dass sie aus Afrika das Gegenteil von Hoffnung erwarten.

Der junge südafrikanische Künstler Master KG hat im Text seines überraschenden Superhits um den Schutz und die Führung Gottes gebeten und hat damit wohl weltweit unzählige seelische Saiten zum Klingen gebracht, - gerade in diesen Corona-Zeiten. Die Sängerin Nomcebo Zikode sagt, dass mit Jerusalem ein spiritueller Ort gemeint sei, "an dem man Frieden findet, an dem es keine Sorgen, sondern nur Glück und fröhliche Menschen gibt." Das Besondere dabei ist, dass der Song eine globale Dance Challenge ausgelöst hat. Der dazugehörige Gruppentanz wird von allen erdenklichen Gruppen getanzt, weltweit mit den gleichen Bewegungen und sogar mit dem angemessenen Abstand. Kürzlich in meiner Nachbarschaft bei einer Gartenparty zum Beispiel, in Italien bei Marinesoldaten und auch bei einer Kommunität von Ordensschwestern und Mönchen. Schwedische Ärzte und Krankenschwestern tanzen dazu, Sportler in China und Bauarbeiter in Österreich – auf Schulhöfen, Feuerwachen, vor Kirchen und Supermärkten.

Eine nach den Weltkriegen aufgebaute globale Solidarität droht heute immer mehr in nationale Interessen und regionale Identitäten zu zerfallen. Da ist es mehr als erfrischend, wenn Schwarz und Weiß, Alt und Jung, Arm und Reich zur gleichen Melodie tanzen und dies jeweils an ihren Lebensorten und in ihrer typischen Kleidung tun. Wir brauchen mehr von dieser Solidarität im Tanzen.

Vor einigen Jahren verboten religiöse Fanatiker im afrikanischen Mali das Tanzen. Damals wurde die berühmte Stadt Timbuktu eine Zeitlang von der Islamistengruppe Ansar Dine beherrscht. Als diese wieder vertrieben war, fand nach langer Zeit vor der berühmten Moschee wieder ein Konzert statt. Und eine Frau, die von den Milizen brutal behandelt und eingesperrt worden war, stand auf und tat das afrikanischste, was ich mir vorstellen kann: sie schwang ihre Hüften zum Takt und zeigte ihre Freiheit und ihre Freude im Tanz. Mir kamen die Tränen.

Afrika, Lebensfreude und Tanzen gehören zusammen. Und das ist mehr als ein Stereotyp. Wenn daraus globale Solidarität wird ist das für mich ein Stück Himmel auf Erden.

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22AUG2020
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Der Zufall stand und steht zu allen Zeiten und in allen Kulturen unter dem Verdacht, dass da eigentlich etwas Tieferliegendes verschleiert wird. So wollen wir die Situation verarbeiten und für uns selbst weniger komplex machen. Wer also sagt, dass es nur ein unglücklicher Zufall war, dass das neuartige Coronavirus vom Tier auf den Mensch übergesprungen ist, muss damit rechnen, dass dies für viele Menschen schwer verdaulich ist. Es ist eben schmerzlich und schwer auszuhalten, dass all dieses Leid und die Probleme keinen Sinn haben sollen.

Worauf es jetzt ankäme, wäre aber, etwas Sinnvolles aus der jetzigen Situation zu machen. Dann kann die Sinnfrage zu einem positiven Impuls in der Krise werden. Die Coronakrise hat uns ausgebremst und uns gezwungen, eine globale Pause zu machen. Diese kann aber sinnvoll genutzt werden. Wir können mit neuem und schärferem Blick auf die Welt schauen, die um uns herum ist und deren Teil wir sind. Wollen wir nach der Krise weiter so wirtschaften, dass der Planet auf den Abgrund zuläuft? Wie kann Wirtschaften und der Schutz der Lebensgrundlagen zusammengehen? Wie können wir mit Tieren und Pflanzen so umgehen, dass es für alle gut ist, inklusive uns Menschen?

Wenn wir diese Fragen mit Nachdruck stellen, kann sich etwas verändern in der Gesellschaft und dann hätte dieses sinnlose Virus doch etwas Positives bewirkt, nämlich dass wir im Innehalten klarer erkennen, was anders werden muss. Die immer schnellere Ausrottung von Tierarten hängt eng damit zusammen, dass Viren von Tieren auf den Menschen überspringen, denn die für Tiere an sich harmlosen Viren haben immer weniger Wirte, in denen sie leben können. Diese Erkenntnis muss uns dazu bringen, mit den anderen Geschöpfen anders umzugehen.

Es gibt schon viele solcher positiven Ansätze und Diskussionen. Philosophen und Theologen finden Gehör mit Themen, die bisher oft im Lärm der wirtschaftlichen Produktion untergegangen sind. Zukunftsforscher sehen Chancen, jetzt umzukehren. Matthias Horx ist ein sehr bekannter von ihnen und in seinem Buch "Die Welt nach Corona" schreibt er: "Die Corona-Krise legt offen, was vorher schon faul war, und sie hat das Zeug, uns zum Besseren zu verändern". Ist das zu optimistisch? Ich glaube nicht. Seien wir mutig, sinnvolles aus der Krise zu lernen – für eine bessere Zukunft für uns Menschen und für die ganze Schöpfung.  

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21AUG2020
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Lieber Gott, was für ein Sinn soll das bitte haben? Die Welt steht Kopf, die Zahl der Toten steigt auf fast 800.000 und kein Ende der Corona-Krise in Sicht. Überall bricht die Wirtschaft ein und die Folgen für die Armen dieser Welt sind herzzerreißend. Und dann auch noch diese Unsicherheit! Ständig gibt es neue Meldungen über das Virus, die durch eine andere Studie ein paar Tage später scheinbar widerlegt werden. Ich finde das schwer zu ertragen und kann gut verstehen, dass diese Lage vielen Menschen gehörig auf’s Gemüt schlägt. Nicht zu wissen, wer schuld ist und was der Sinn von alledem eigentlich sein soll ist wirklich schwierig.

Gerade gläubige Menschen – und zu denen zähle ich mich – suchen nach Sinn. Aber leider glaube ich, dass es überhaupt keinen Sinn hat, dass dieses Virus aufgetaucht ist und so viel Unheil anrichtet. Es ist eine harte Realität, mit der wir leben müssen und sinnlos ist sie obendrauf auch noch.

Was ich gleich gar nicht glaube, ist, dass die Pandemie eine Strafe Gottes ist, die er uns für was auch immer geschickt hat. Das widerspricht fundamental dem Bild, das ich von Gott habe. Was bleibt also? Ein biologischer Zufall? Ein Virus, was von Tieren auf Menschen übergegangen ist und dieses hätte genauso gut auch lassen können? Leider ja.

Wenn wir diese schwierige Realität akzeptieren, können wir im Übrigen auch der Versuchung widerstehen, geheime Mächte und Interessen dahinter zu vermuten. Wie schwer ist es, damit umzugehen, dass so ein kleines, mit dem bloßen Auge nicht erkennbares biologisches Ding so einen großen Schaden anrichten kann? Wenn man einen Menschen oder eine geheime Gruppe dahinter erkennt, ist die Situation zwar immer noch beunruhigend, aber wenigstens nicht mehr unerklärbar.

Vielleicht kann mir mein Glaube helfen, mich nicht in dieses destruktive Denken zurückzuziehen, das so viel Un-Sinn produziert. Vielleicht kann er mir dabei helfen, zu akzeptieren, dass die Wirklichkeit eben so kompliziert wie unerklärlich ist.

Dann nämlich, wenn ich all das schwere und schwierige in Gottes Hand legen kann; wenn ich ihm das Leid klagen kann, das die ganze scheinbare Sinnlosigkeit mir bringt und wenn ich mich damit trösten kann, dass der Sinn, den ich nicht verstehe, bei ihm aufgehoben ist.

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