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25JUL2021
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Vöglein im hohen Baum, klein ist’s, man sieht es kaum, singt doch so schön!  Ein altes Lied, das ich noch aus meiner Schulzeit kenne. Wie viel wir damals gesungen haben, denke ich immer wieder! Was ich aber erst vor Kurzem festgestellt habe: Das eingängige Volkslied mit der fröhlichen Melodie von Friedrich Silcher ist auch ein geistliches Lied. In den ersten Strophen ist das allerdings nur zwischen den Zeilen zu hören:

Musik

Der kleine Vogel, der hoch oben im Baum singt. Kaum zu sehen ist er – aber sein Lied ist überall zu hören. Ich verstehe die Strophen, die der Thüringer Pfarrer Wilhelm Hey im 19. Jahrhundert gedichtet hat, als Aufforderung. Schau hin! Hör zu! Fühle, rieche und schmecke, was um dich herum geschieht. Geh nicht achtlos an den kleinen Wundern in der Natur vorbei.

Musik

Und noch eine Botschaft höre ich aus den Kinderlied heraus: Es sind nicht nur die großartigen Dinge, es ist nicht das Außergewöhnliche, das unsere Welt lebenswert macht. Es ist das scheinbar Selbstverständliche: Der kleine Vogel, die unscheinbare Wiesenblume, das Bächlein im Tal – davon gibt es unzählige. Aber jedes einzelne trägt zur Schönheit bei.
Sicher, in den letzten Wochen haben wir auch gespürt: Die Natur ist nicht harmlos. Auch das kleinste Bächlein kann, durch Wassermassen unter Druck geraten, zu einem gefährlichen, zerstörerischen Strom werden.

Letztlich, glaube ich, ist das Lied auch ein Hinweis an alle Kinder und Erwachsenen, die es singen: So wie mit den Vögeln und den Blumen und den Bächlein ist es auch mit dir selbst: Auch du bist eigentlich nichts Besonderes. Menschenkinder wie dich gibt es unzählige. Und ja: Auch du kannst, zu sehr unter Druck gesetzt, destruktiv wirken. Aber genau du bist es auch, deine unverwechselbare Stimme, deine ganz eigene Schönheit, deine Lebendigkeit, die die Welt reicher macht.

Eigentlich ist auch das schon eine geistliche Botschaft. Und vielleicht hätte es die letzte Strophe gar nicht mehr gebraucht, um zu verstehen: Das Lied vom Vöglein im hohen Baum ist ein geistliches Lied.

Aber der Dichterpfarrer wollte es auch noch mal ausdrücklich sagen, in der vierten Strophe, die wir gleich hören: Die Vögel, die Blumen, die Bäche sind Gottes Geschöpfe. Gott hat euch all das geschenkt, was ihr um euch seht. Und warum? Gott der Herr machte sie, dass sich nun spät und früh jedes dran freu!

Mich freuen, an den Vögeln, an den Blumen, an den Bächen – und an den Menschen, die mir begegnen. Gerade auch, weil ich gesehen habe, dass es nicht selbstverständlich ist, dass sie unversehrt sind. Ich hoffe, das gelingt mir heute.

Musik

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10JUL2021
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Morgen ist Endspiel. Haben Sie mitgefiebert bei der Europameisterschaft? Ich hatte den Eindruck: Dieses Jahr hat es ziemlich lange gedauert, bis ein wenig Fußball-Begeisterung zu spüren war. Ob es vor allem an Corona lag – oder auch daran, dass die meisten Jogis Jungs nicht viel zugetraut haben? Keine Ahnung. Auf jeden Fall war erst mal wenig los.

Nur eine einzige Familie in unserem Dorf hat gleich zu Beginn der EM eine lange Girlande aus Deutschland-Wimpeln in ihren Vorgarten gehängt. Die Familie wohnt erst seit einigen Jahre hier – sie sind aus Syrien nach Deutschland geflüchtet, denn der Krieg hat ihre Heimat in Schutt und Asche gelegt.

Ich finde, die Wimpel sind ein schönes Zeichen: Wir sind jetzt hier, haben sie damit gesagt – und wünschen Deutschland Glück.

Die schwarz-rot-goldene Girlande im Vorgarten der geflüchteten Familie hat mich an eine Erzählung aus der Bibel erinnert. Damals, vor rund 2500 Jahren, ging es den Menschen aus Israel ähnlich wie unseren syrischen Nachbarn: Ein Krieg hatte ihre Heimat zerstört, und nun lebten sie unfreiwillig in einem fremden Land mit einer anderen Sprache, Kultur und Religion. Die Lage war schwierig. Wie sollten sie sich verhalten? Der Prophet Jeremia hatte damals eine klare Botschaft von Gott für seine Leute in der Fremde: Sucht das Beste für die Stadt! Betet für die fremde Stadt, in der ihr jetzt wohnt. Denn wenn es der Stadt gut geht, dann geht es auch euch gut.

Ob die syrische Familie auch für unsere Stadt betet, das weiß ich nicht. Aber mit ihren Wimpeln zeigen sie: Wir fiebern mit -  mit dem Ort und dem Land, in dem wir leben. Wir grenzen uns nicht ab, sondern wir wollen dazu beitragen, dass das Zusammenleben gelingt.

Sucht das Beste für die Stadt! Ich finde, das ist nicht nur ein gutes Motto für Menschen, die ursprünglich woanders herkommen. Sondern für uns alle. Egal, wie lange wir schon da wohnen, wo wir gerade sind. Dass es unserer Nachbarschaft, unserem Dorf oder unserer Stadt gut geht, dafür kann jeder und jede sich einsetzen. Ob im Sportverein, im Ortschaftsrat oder in der Nachbarschaftshilfe. Oder vielleicht auch einfach mit ein paar schönen Blumen auf dem Fensterbrett oder einigen freundlichen Worten für die Nachbarin.

Sucht das Beste für die Stadt – unsere syrischen Nachbarn machen das. Ich hoffe, sie haben morgen einen schönen Fußballabend!

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09JUL2021
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In einen Verein eintreten, Parteimitglied werden, zur Kirche gehören – wie halten Sie es damit? Ich merke: Viele Leute tun sich heute eher schwer damit, zu sagen: Ja, da bin ich dabei, da mache ich mit – auch langfristig. Sicher, Gründe dagegen gibt es immer genug: Im Sportverein mischt auch der Nachbar mit, dem man lieber aus dem Weg gehen würde. Bei der SPD oder CDU vor Ort treffen sich nur noch Senioren. Und um sich über die Kirche zu ärgern, reicht oft ein Blick in die Zeitung.

Ich finde es gut, irgendwo dazu zu gehören! Das sagen mir manchmal Eltern, die ihr Kind taufen lassen möchten. Sie wünschen sich, dass ihr Kind nicht alleine dasteht in der Welt. Sondern sein Leben lang in der Kirche ein Zuhause hat. Ich kann das gut verstehen. Auch für mich ist es wichtig, dass ich an ein paar Stellen das Gefühl habe: Hier gehöre ich dazu. Nicht nur in der Familie, sondern auch darüber hinaus – zum Beispiel in der Kirchengemeinde.

Ganz am Anfang der Bibel, in der Schöpfungsgeschichte, steht der Satz: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist“. Die Geschichte erzählt von Adam und Eva, den beiden ersten Menschen. Auch sie sollten nicht allein sein. Ich glaube aber: Der Satz gilt nicht nur für Paare oder Familien. Er gilt für uns Menschen ganz allgemein. Wir brauchen Gemeinschaft. Auch über den engen Rahmen der Familie hinaus. Die Kirchengemeinde ist für mich so eine Gemeinschaft.

Klar: Auch in der Kirche ist nicht alles Friede-Freude-Eierkuchen. Wo Menschen zusammen sind und verschiedene Meinungen aufeinandertreffen, geht es oft nur mit Kompromissen. Und manchmal passt das, was entschieden wird, mir gar nicht. Trotz allem: Mir tut es gut zu wissen: Ich gehöre dazu.

Und ich glaube: Es ist lohnend, sich einen Ruck zu geben und zu sagen: Doch, ich bin dabei. In der Partei, im Sportverein oder anderswo. Manches gefällt mir vielleicht nicht. Aber es gibt immer auch die Chance, es besser zu machen und etwas auf die Beine zu stellen.

In der Kirche ist es die Taufe, mit der deutlich wird: Ja, du gehörst dazu. Zu einer sehr großen, sehr vielfältigen Gemeinschaft. Sie ist nicht immer so, wie sie sein sollte. Aber du bist Teil davon und kannst dich einbringen. Wenn Eltern ihren Kindern das mit auf den Lebensweg geben wollen – ich finde das gut.

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08JUL2021
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Ja, ich will! Das klingt nach Hochzeit. Man kann diese Worte aber auch bei anderen Anlässen hören. Neulich zum Beispiel, als unsere Gemeinde Gottesdienst am Baggersee gefeiert hat – und dort auch eine Konfirmandin getauft wurde. Ich finde es beeindruckend, wenn Jugendliche oder auch Erwachsene selbst ihr Ja zum christlichen Glauben sagen. Ja, ich will getauft werden.

Auch vielen Eltern ist es wichtig, dass ihre Kinder über weitreichende Fragen selbst bestimmen können. Sie warten deshalb mit der Taufe ab, bis die Kinder eine eigene Entscheidung treffen können. Ich kann das nachvollziehen. Aber ich muss zugeben: Für mich selbst bin ich froh, dass ich als kleines Kind getauft wurde – ohne, dass ich zuerst eine eigene Entscheidung treffen musste.

Für mich ist die Taufe nämlich vor allem ein Zeichen dafür, dass Gott zu mir Ja sagt: Er hat mich gewollt hat, so wie ich bin, und begleitet mich in meinem Leben.

Ob das für mich wichtig ist und wie ich später damit umgehe, bleibt mir überlassen. Und das muss es auch. Denn Glauben, also Vertrauen auf Gott, kann sowieso niemand erzwingen. Nicht bei anderen und auch nicht bei sich selbst.

Gerade deshalb ist mir meine Taufe, über die ich nicht selbst entschieden habe, so wichtig. Weil sie zeigt, dass Gott zuerst Ja sagt. Martin Luther hat es einmal so gesagt: „Ich danke Gott und bin fröhlich, dass ich als Kind getauft bin. Ich habe nun geglaubt oder nicht, so bin ich dennoch [...] getauft. An der Taufe fehlt nichts; am Glauben fehlt’s immer.“

Natürlich ist es schön, wenn Jugendliche, die als kleine Kinder getauft wurden, dann später bei der Konfirmation oder bei der Firmung auch selbst sagen: Ja, ich will.

Noch schöner aber finde ich die Zuversicht: Gottes Ja gilt für alle – auch für die, die sich schwer tun mit Kirche und Religion. Und es gilt immer. Auch für mich, wenn ich mal wieder mehr Zweifel habe als Gottvertrauen. Wie Luther es eben sagt: „An der Taufe fehlt nichts; am Glauben fehlt’s immer“.

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07JUL2021
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Kleider machen Leute, heißt es. Und in der Tat: Ich staune manchmal, wenn ich vor dem Spiegel stehe. Was für einen Unterschied es macht, ob ich meine schlabbrige Jogginghose anhabe, einen leichten Sommerrock oder einen dunklen Hosenanzug. Ich sehe nicht nur anders aus, ich stehe irgendwie auch anders da – und sogar meine Stimmung verändert sich.

Was ich anziehe, macht einen Unterschied – nicht nur äußerlich. Daran erinnert auch eine alte christliche Tradition: das Taufkleid. Von Anfang an wurden Menschen mit der Taufe in die Kirche aufgenommen. Ganz und gar sind sie ursprünglich ins Wasser eingetaucht und anschließend wurde ihnen ein neues, weißes Gewand angezogen: Ich bin jetzt quasi ein neuer Mensch, sollte das zeigen. Was ich vorher anhatte spielt keine Rolle mehr – egal ob es ein Königsgewand war oder ein einfaches Leinenkleid: Gott macht keinen Unterschied. Bis heute gibt es in den Kirchen Anklänge an diese Tradition. Zum Beispiel die langen weißen Taufkleidchen, in denen manche Eltern ihr Kind zur Taufe bringen.

Spannend finde ich, was der Apostel Paulus in der Bibel dazu schreibt: Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Christus anziehen – ich verstehe das so: Gott umhüllt mich wie ein unsichtbares Kleid. Damit bin ich immer gut angezogen – was auch immer im Leben auf mich zukommt.

Und dieses Kleid macht einen Unterschied! Egal, ob ich sonst Jogginghose trage, Hosenanzug oder Blümchenrock: Das Taufkleid verbindet mich mit anderen Menschen. So sieht es zumindest Paulus: Ihr alle ... habt Christus angezogen.Jetzt ist es nicht mehr wichtig, ob ihr Juden oder Griechen seid, Sklaven oder Freie, Männer oder Frauen: In Jesus Christus seid ihr alle eins.

Für alle, die dieses Kleid tragen, spielt es also keine Rolle mehr, welches Geschlecht sie haben, aus welchem Land sie kommen, oder ob sie sich sonst schicke Kleider leisten können. Alle habe dieselbe Würde und gehören zusammen. Zur Zeit von Paulus war diese Gedanke revolutionär. Aber auch heute ist das alles andere als selbstverständlich.

Kleider machen Leute! Wenn ich vor dem Spiegel stehe, denke ich manchmal daran, was Paulus sagt: Ihr habt Christus anzogen. Dann wird mir klar: Egal, wie du gerade aussiehst, egal, wie du dich gerade fühlst – Gott umgibt dich wie ein unsichtbares Kleidungsstück. Du bist immer gut angezogen. Wie die anderen auch.

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06JUL2021
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Unsere Tochter wird immer auf Hilfe angewiesen sein. Das hat mir ein älteres Ehepaar gesagt. Ihre Tochter hat eine Behinderung – und sie machen sich Sorgen, was aus ihr wird, wenn sie sich nicht mehr um sie kümmern können. Ich kann das gut verstehen. Aber nach dem Gespräch ist mir der Satz noch einmal durch den Kopf gegangen: Unsere Tochter wird immer auf Hilfe angewiesen sein.

Das stimmt. Die junge Frau wird ihren Alltag tatsächlich alleine nicht meistern können. Sie wird Unterstützung brauchen. Im Haushalt, mit dem Papierkram und für manches andere. Aber dann ist mir aufgefallen: Eigentlich gilt das doch für uns alle! Jeder und jede von uns wird immer auf Hilfe angewiesen sein.

Klar, wie viel und für was genau wir Hilfe brauchen – das ist unterschiedlich. Wer nie lesen und schreiben gelernt hat, braucht ganz andere Unterstützung als zum Beispiel eine Rollstuhlfahrerin. Als ich ein Säugling war, musste sich rund um die Uhr jemand um mich kümmern, heute kann ich mehr alleine. Aber das kann sich schnell ändern – spätestens im Alter. Und: Für ganz viele Dinge brauche ich eben auch jetzt Hilfe. Ich kann meine Gangschaltung am Fahrrad nicht alleine reparieren. Ich habe Probleme, alleine einen Biertisch in den Garten zu tragen. Und ich kann auch auf Dauer nicht alleine mit meinen Sorgen klarkommen. Ich bin darauf angewiesen, dass ich jemandem davon erzählen kann – der mir zuhört, und vielleicht auch einen Rat gibt.

Ja, auch ich brauche ständig Hilfe. Wie wir alle. Der Apostel Paulus hat das auch so gesehen: Helft einander, die Lasten zu tragen, schreibt er in einem Brief, der in der Bibel zu finden ist. Helft einander, die Lasten zu tragen. Denn jeder wird seine eigene Last zu tragen haben.

Wir alle werden immer auf Hilfe angewiesen sein. Ich glaube: Wenn das allen klar wäre, wäre das Leben einfacher. Es wäre einfacher für Leute, die viel Hilfe brauchen, egal ob vom Pflegedienst, vom Jobcenter oder von ihrer Familie – weil sie merken: das darf so sein. Und es wäre auch einfacher für die Menschen, die denken, sie müssten alles allein schaffen – weil sie merken: das stimmt nicht. Es ist normal, um Unterstützung zu bitten. Sie haben dann vielleicht auch größeres Verständnis für andere, die mehr Hilfe brauchen. Und greifen ihnen unter die Arme, wenn sie können.

Helft einander, die Lasten zu tragen! Dem Aufruf aus der Bibel kann ich mich nur anschließen. Weil keiner ohne Unterstützung klarkommt. Ich auf jeden Fall nicht.

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05JUL2021
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Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich theoretisch immer dasselbe: Augen, Nase, die vertrauten Gesichtszüge… Klar, das bin ich selbst.

Praktisch aber sehe ich jeden Morgen etwas anderes. Manchmal erscheint da ein Gesicht, das mir gefällt – mit freundlicher Ausstrahlung, einem unternehmungslustigen Blitzen in den Augen und der grauen Haarsträhne genau an der richtigen Stelle. An anderen Tagen erschrecke ich. Müde Augen, fahle Haut, hängende Haare… Soll das etwa ich sein? Vermutlich kennen Sie dieses Gefühl auch.

Klar, wie ich gerade aussehe hängt davon ab, ob ich genug geschlafen habe und wann ich das letzte Mal beim Friseur war. Eine andere Frage ist vermutlich aber noch wichtiger: Wie fühle ich mich gerade? Was ich im Spiegel sehe, hängt auch davon ab, welches Bild ich von mir selbst habe. Ob ich mit mir und meinem Leben zufrieden bin – oder mich gerade selbst nicht leiden kann. Meine Kinder, meine Kollegin oder mein Mann sehen mich vielleicht ganz anders - und auch das bin ja ich. Auch so sehe ich aus.

Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir: Im Spiegel sehe ich immer nur einen Teil der Wahrheit. Wie ich „wirklich“ aussehe und bin – das kann ich nicht wissen. Das hat auch der Apostel Paulus in der Bibel so beschrieben – und dazu auch das Bild vom Spiegel gebracht: Jetzt sehen wir nur ein rätselhaftes Spiegelbild, schreibt er in einem Brief.

Aber Paulus hat die Hoffnung, dass das einmal anders sein wird: Jetzt sehen wir nur ein rätselhaftes Spiegelbild. Aber dann sehen wir von Angesicht zu Angesicht zu Angesicht, schreibt er weiter. Jetzt erkenne ich nur Bruchstücke. Aber dann werde ich vollständig erkennen, so wie Gott mich schon jetzt vollständig kennt.

Mich so sehen, wie ich wirklich bin – für Paulus heißt das: Mich so sehen, wie Gott mich sieht. Aber was heißt das? Wie sieht mich Gott? Ich glaube, er sieht tatsächlich alles an mir: auch das, was ich selbst übersehe – und andere Menschen auch. Gott sieht mich ganz und gar. Und ich bin – wie Paulus – überzeugt: Gott schaut mich freundlich an. Und uns alle. Mit liebevollem Blick.

Manchmal versuche ich, mir das ganz praktisch vor Augen zu führen: Wenn mir mein Spiegelbild auf den ersten Blick nicht gefällt, gebe ich ihm eine zweite Chance. Mit einem zweiten Blick – einem freundlichen. Wenn Gott mich freundlich ansieht, warum sollte ich es dann nicht tun? Das Schöne daran ist: Der freundliche Blick verändert etwas. Immer.

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03JUN2021
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Karoline Rittberger-Klas im Gespräch mit Stuttgarter Sternekoch Vincent Klink.

Rittberger-Klas: Den Feiertag Fronleichnam begehen katholische Christen in vielen Orten mit feierlichen Prozessionen. Auch wenn dieses Jahr manches anders ist – der Sinn der Feiern bleibt derselbe: Das Fest erinnert an die Gegenwart Jesu in Brot und Wein in der Eucharistiefeier – und damit an das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern. Letztlich geht es also auch um Essen und Trinken. Deshalb spreche ich heute mit jemanden, der sich damit besonders gut auskennt: Vincent Klink, Sternekoch und Wirt in Stuttgart. Guten Morgen, Herr Klink! Sie sind „gut katholisch“ aufgewachsen, haben Sie mir gesagt – welche Bilder sehen Sie vor sich, wenn Sie an das Fronleichnamsfest denken?

Klink: Also, da muss ich vorausschicken, ich bin in einer Klosterschule aufgewachsen, über die ganze Pubertät weg, bis zum Abschluss, und stamme aus Schwäbisch Gmünd. Und bei alten Schwaben heißt dieser Ort auch „Schwäbisch Nazareth“. Es ist sicher der schwärzeste Ort damals gewesen in ganz Württemberg und der Katholizismus in Schwäbisch Gmünd war in gewisser Hinsicht eine Extremform, weil diese freie Reichsstadt Gmünd umgeben war vom protestantischen Württemberg. Und meine Erinnerung an Fronleichnam ist ein Eindruck von wahnsinniger Konfusion. Man hat also gucken müssen, dass man als Kind aus dem Weg gegangen ist, weil die Königsturmstraße, wo wir gewohnt haben, das elterliche Haus war ein großes Jugendstilhaus mit Türmchen, das musste geschmückt werden. Es war sowieso schon ein schönes Haus, fast wie ein Schlösschen, und links und rechts auch an der Türe waren Birkenbäumchen. Die kamen dann in so Dosen rein, manchmal stand auch „Libby’s Ravioli“ drauf, und da war Wasser drin, und da hat man die Birken, die waren mehr als mannshoch, reingestellt. Und ich erinnere mich noch gut, dann hat man Akazienzweige – wir haben so einen Baum hinter dem Haus gehabt – die hat man wie Weihnachtsgirlanden von Fensterladen zu Fensterladen unterm Fenster rum gehängt. Und dann war ich Ministrant in St. Franziskus und da musste man helfen, Blumengemälde zu machen auf dem Boden, am Altar. Es gab da verschiedene Altare, so fünf oder sechs, die wurden mit der Prozession abgewandert und da musste man diesen Klosterschwestern, das waren Marchtalerinnen -  denen hat man geholfen als Bub: Weiße Rosen, wo es weiß war, also vorher eingezeichnet, was wo war – und es war schon sehr, sehr schön. Also ich muss vielleicht sagen, dass ich nahezu restlos ungläubig bin, aber ich liebe die Rituale bis heute noch, und man sagt ja auch: Man kann aus der katholischen Kirche nicht austreten, nicht einmal Luther hat es geschafft, seine katholische Prägung wirklich loszuwerden, das ist nicht so einfach. Und es ist wahrscheinlich umgekehrt genauso.

Rittberger-Klas: Ein schönes Ritual an Fronleichnam und ich höre heraus, dass es vor allem um den Schmuck ging. Um die Schönheit, auch den Blumenschmuck. Ich höre heraus, dass Essen an Fronleichnam nicht so eine große Rolle gespielt hat – anders als etwa an Ostern oder Weihnachten, wo das doch sehr im Zentrum steht. Oder gibt es doch ein typisches „Fronleichnamsessen“?

Klink: Haben wir eigentlich nicht gehabt, das war eher karg – aber immer das gleiche. Also in gewisser Hinsicht gab es doch ein Fronleichnamsessen: Das waren Nürnberger Würstle, gebraten – das hat der Vater gemacht und noch extra Majoran drangeschmissen in die Butter in der Pfanne – mit Kartoffelsalat. Und das war schon ein Wahnsinnsact, also da ging es mit dem Kartoffelsalat um Leben und Tod...

Rittberger-Klas: Inwiefern?

Klink: Ja, dass der wirklich so ist, wie der Vater sich das vorstellt. Und der hat zu diesen Zeiten, als ich Kind war oder Pubertierender, in den sechziger Jahren, schon bei Paul Bocuse gegessen und wo weiter, das war ein unglaublicher Gourmet...

Rittberger-Klas: Theologisch gesehen steht an Fronleichnam ja tatsächlich die Mahlfeier, das Teilen des Brots im Mittelpunkt. Deshalb wir ja bei den Prozessionen auch die Monstranz mit der geweihten Hostie umhergetragen. Historisch ist das Fronleichnamsfest wohl deshalb entstanden, weil der Gründonnerstag, der eigentliche Erinnerungstag an das letzte Mahl Jesu mit seinen Jünger, ja in der Karwoche liegt und man ihn deshalb nicht festlich begehen kann, sondern nur still und nachdenklich. Es ist ja eigentlich Grund zur Freude, dass Jesus in Brot und Wein gegenwärtig für Christen. Und deshalb hat man das Bedürfnis gehabt einen Feiertag zu finden, der das noch einmal richtig festlich begeht. Und ja, die Mahlfeier steht in jedem Gottesdienst in der Eucharistiefeier im Mittelpunkt. Und auch in evangelischen Gottesdiensten, wenn das Abendmahl gefeiert wird. Man kann auch sagen: Christsein heißt im Kern: gemeinsam Mahl halten. Das klingt einfach – und könnte Ihnen als Koch sympathisch sein?

Klink: Auf jeden Fall, mir hat man damals schon beigebracht, dass das Wort Leichnam, also Fron-leichnam, eigentlich falsch ist. Es geht das Leben. Es geht um die Freude, und tatsächlich auch ums Essen und Trinken – und zwar wird nicht Wasser zu Wein, sondern es gibt wirklich Wein, oder so ähnlich. Und ich wusste damals übrigens sehr genau, wie dieser Leib Christi schmeckt, diese Hostie, denn die Marchtaler Schwestern haben das gegenüber unserer Volksschule St. Loretto gebacken. Das sind ja Oblaten. Und ich muss sagen: Es ist wohl das fadeste Gericht, was ich in meinem Leben je gegessen haben. Also da ist es schon wichtig, dass da eine ordentliche Portion Spiritualität hineinkommt in dieses Brot – nennen wir mal den Leib Christi ein Stück Brot.

Rittberger-Klas: Essen ist eigentlich eine sehr grundlegende sinnliche und physische Erfahrung, aber im Gottesdienst ist das sehr ritualisiert. Trotzdem sage ich bei der Einladung zum Abendmahl in meinen Gottesdiensten immer: „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist.“ Wird das im Gottesdienst erlebbar?

Klink: Also, der Gottesdienst, den ich erlebt habe – und ich war ja sechs Jahre im Kloster jeden Tag zweimal in der Kirche – da schleicht sich natürlich eine Routine ein. Aber auch das Gefühl, dass richtig essen und trinken etwas anderes ist, also für Kinder jedenfalls. Gegen einen Schweinsbraten kommt so eine Hostie einfach nicht an, muss ich sagen.

Rittberger-Klas: Gut essen gehen, fein essen, sich etwas gönnen als eine Art „Ersatzreligion“ – können Sie damit etwas anfangen?

Klink: Ja, diese Spinner gibt es auch, muss ich sagen. Die brauchen – vor allem hier in der Stuttgarter Gegend –immer für ihr schlechtes Gewissen einen guten Grund, warum sie essen gehen. Und dafür braucht es eigentlich keinen Grund. Ich kann das überhaupt nicht verstehen. Ich bin mal aus meinem Beichtstuhl raus, in Donauwörth, in meiner Klosterschule. Und der einzige Fehler, den ich habe beichten müssen, war: Ich habe mich unsittlich berührt. Und dann hat der Pater gesagt: Dann gehst du zum Bahnhof und trinkst ein Bier zur Buße. Also das finde ich großartig, das war ein Wahnsinnstyp. Und in diesem Sinne bin ich natürlich großzügig aufgewachsen. Und ein gutes Essen, da heißt es manchmal hinterher: Jetzt haben wir gesündigt. Dagegen kämpfe ich schon mein ganzes Leben an.

Rittberger-Klas: Das Thema Gemeinschaft – in Pandemiezeiten ist es ja auch in der Kirche schwierig mit der Eucharistiefeier, das ist kompliziert, in evangelischen Kirchen wird das Abendmahl oft ganz weggelassen. Aber viele vermissen das, weil es eigentlich für das steht, was in diesen Zeiten in der Gesellschaft fehlt: Das ist für viele schmerzlich, weil es ja gerade das ist, was derzeit in der Gesellschaft fehlt: Gemeinschaft – lateinisch: communio. Kommunion – da steckt es ja schon im Namen drin – die Gemeinschaft untereinander. Welche Rolle spielt in Ihren Augen das Essen für die Gemeinschaft – oder auch: die Gemeinschaft für das Essen?

Klink: Ich finde eine äußerst große Rolle. Denn Essen ist so ziemlich der friedlichste Akt, den es überhaupt gibt. Und nicht umsonst werden Politiker – trifft man sich auch beim Essen. Das wird zwar manchmal diffamiert, nach dem Motto: Die Großkopfeten schlagen sich wieder den Ranzen voll. Aber für die Völkergemeinschaft ist das Essen extrem wichtig. Und ich möchte sagen: Wenn man in Syrien, Afghanistan und so weiter statt Bomben Hamburger als Fallschirmchen abgeworfen hätte, da hätte jeder Soldat sein Gewehr weggeschmissen und hätte sich den Bauch vollgeschlagen.

Rittberger-Klas: Essen als Zeichen des Friedens – das ist auch ein alter biblischer Gedanke. Herr Klink, ich danke Ihnen für das Gespräch und wünsche uns allen einen friedlichen und genussvollen Fronleichnamstag.

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19MAI2021
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In diesen Tagen ist irgendwie alles verschwommen. Nichts hat mich richtig erreicht – das hat mir eine Frau erzählt, deren Mann überraschend gestorben ist.
Aber dass die Nachbarn immer wieder gekommen sind und einen Hefezopf oder was zum Mittagessen vorbeigebracht haben – das hat mit gutgetan.

Wenn jemand sehr traurig ist, macht das andere oft ratlos. Man kann ja nicht wirklich helfen – und alles, was man sagt, scheint irgendwie unpassend. Aber ich glaube: Es braucht oft auch keine großen Worte. Es sind die kleinen, einfachen Gesten, die gut tun. Etwas zu essen und zu trinken, eine Stärkung für den Körper – das hilft auch der Seele.

Die Bibel erzählt davon in der Geschichte vom Propheten Elia. Elia hat mit seinem religiösen Eifer die Königin gegen sich aufgebracht, die nun droht, ihn umzubringen. Müde von den harten Auseinandersetzungen hat Elia nicht mehr die Kraft, sich in Sicherheit zu bringen. Er geht in die Wüste und will nur noch sterben. Regelrecht lebensmüde ist er. Und schläft ein. Aber er bleibt nicht allein. Ein Engel, so erzählt die Bibel, kommt zu ihm, bringt ihm ein geröstetes Brot und einen Krug mit Wasser und weckt ihn auf: „Steh auf und iss!“ Elia isst – und schläft erschöpft wieder ein. Dreimal geht das so. Beim dritten Mal legt sich Elia aber nicht wieder schlafen. Er hat neue Kraft bekommen und macht sich auf den Weg.

Steh auf und iss! Was mich an dieser Geschichte besonders berührt, ist die Geduld, die der Engel hat. Er scheint zu wissen, dass Elia Zeit braucht und Ruhe. Der Engel lässt ihn schlafen. Aber eben nicht nur. Er kommt auch immer wieder, weckt ihn auf, bringt eine Stärkung. Nichts Besonderes, einfach nur geröstetes Brot und Wasser. Aber so holt er Elia allmählich zurück ins Leben. Nicht nur sein Körper erholt sich, sondern auch seine Seele.

Ich glaube: Auch wir können andere auf diese Weise stärken. Mit viel Geduld und ein wenig Nahrung für Körper und Seele. Die Nachbarin tut das, die einen Hefezopf vorbeibringt. Die Schwester, die einen Tee kocht und einfach danebensitzt und wartet, bis er getrunken ist. Der Freund, der einen Wurstsalat und ein Brötchen einpackt und einfach mal klingelt.

Ich finde, die Geschichte von Elia macht Mut, auf andere zuzugehen, wenn sie traurig sind und keine Kraft haben. Denn ich glaube, es ist wie bei Elia: Manchmal genügt es, zu kommen und ein Brot und etwas zu trinken zu bringen, um für andere ein Engel zu sein.

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18MAI2021
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Was soll ich denn da sagen? Oft ist es schwer, die richtigen Worte zu finden, wenn es einem Freund schlecht geht oder eine Kollegin eine schwere Zeit durchmacht. Besonders dann, wenn ich ihn oder sie, wie derzeit oft, nicht persönlich sehen kann, sondern wir nur am Telefon oder am Bildschirm miteinander reden. Kann ich Worte finden, die in so einer Situation helfen, trösten? Das habe ich mich oft gefragt. Inzwischen habe ich aber eine Entdeckung gemacht, die mich dabei entlastet. Inzwischen glaube ich: Es kommt gar nicht so sehr darauf an, was ich sage. Sondern eher darauf, wie ich zuhöre.

Die Geschichte von Momo hat mich auf die Spur gebracht. Viele kennen das Buch von Michael Ende, in der es das kleine Mädchen Momo mit den „grauen Herren“ aufnimmt, die den Menschen die Zeit stehlen. Die Stelle mit dem Zuhören habe ich allerdings erst entdeckt, als ich das Buch noch einmal als Erwachsene gelesen habe:

Gleich am Anfang der Geschichte wird erzählt, dass viele Menschen zu Momo kommen, um mit ihr zu reden. Nicht, weil sie besonders klug ist und guten Rat geben, weise Urteile fällen oder trostreiche Worte finden kann. Momo hat eine andere Gabe, so beschreibt es Michael Ende: Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war: Zuhören. [...] Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte, nein, sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und Anteilnahme.

Momo kann so zuhören, dass dabei erstaunliche Dinge passieren. Ratlosen und unentschlossenen Leuten hört sie auf bestimmte Weise zu, dass sie plötzlich wissen, was sie wollen. Schüchternen hört sie auf einfühlsame Weise zu – so dass sie sich am Ende frei und mutig fühlen. Und allen gibt Momo das Gefühl, ein wertvoller Mensch zu sein – einfach, indem sie zuhört.

Und wenn jemand meinte, so heißt es im Buch weiter, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen, einer, auf den es überhaupt nicht ankam [...] – und er ging hin und erzählte das der kleinen Momo, dann wurde ihm, noch während er redete, auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irrte, dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war.

Zuhören können wie Momo – das ist bestimmt nur sehr wenigen Menschen gegeben. Aber ich glaube: Aufmerksam sein, uns Zeit nehmen, genau hinhören und uns einfühlen, das können wir alle. Deshalb: Wenn es schwer fällt die richtigen Worte zu finden – öffnen wir die Ohren und das Herz und hören zu.

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