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18NOV2020
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Wenn möglich, bitte wenden! Das Navi ist schonungslos. Wenn es auch auf Umwegen keine Möglichkeit mehr findet, zum Ziel zu gelangen, dann heißt es: Umdrehen. Was schon beim Autofahren die Nerven strapaziert, ist im sonstigen Leben erst recht eine schwierige Übung: Zu erkennen, dass der eingeschlagenen Weg nicht weiterführt. Und dann tatsächlich die Richtung zu ändern.

Umkehren, die Richtung korrigieren: Darum geht es am Buß- und Bettag, der heute in den Evangelischen Kirchen gefeiert wird. Die Worte für Buße bedeutet in der Bibel genau das: Umkehr, Umdenken.

Wenn möglich, bitte wenden! Manchmal verrennt man sich in etwas – im Großen wie im Kleinen: In Ideen zum Beispiel, wie das Leben zu sein hat. Was man sich für die Kinder oder Enkel wünscht, was man beruflich unbedingt erreichen oder sich materiell leisten können will. Irgendwann wird deutlich: Das wird nichts – oder zumindest nicht auf diesem Wege. Manchmal sind es Beziehungen, die so verfahren sind, dass es einer innerlichen Kehrtwende bedarf, um Abstand zu finden – und dann vielleicht eine Versöhnung, einen Neuanfang zu schaffen. Es kann auch ein Lebensstil sein, von dem man merkt: So weiterzumachen ist schädlich: für mich, für meine Umgebung – oder sogar für die Zukunft der Welt insgesamt.

Der Buß- und Bettag ist für mich Anlass, mir genau anzuschauen, wohin ich eigentlich unterwegs bin – und warum. Wo es vielleicht gerade nicht weitergeht. Und ob es da besser wäre, umzukehren. Das ist nicht angenehm. Anhalten, umkehren, zurückrudern – mir fällt das enorm schwer. Den meisten von Ihnen vermutlich auch. Weil ich ja eigentlich Gründe habe, meinen bisherigen Weg zu gehen. Oder denke: Das steht mir zu. Andere machen das doch auch. Weil ich manchmal nicht sehe, was ich falsch gemacht habe. Oder mir schwerfällt, es einzugestehen.

Die gute Botschaft des Buß- und Bettags ist aber: Umkehren ist keine Schande, sondern zeugt von Einsicht. Und: Es gibt die Möglichkeit, einen neuen Weg zu gehen. Davon erzählen viele Geschichten der Bibel. Zum Beispiel die ganz bekannte vom Sohn, der abhaut und das Erbe seines Vaters verjubelt. Und der dann vor die Hunde geht – oder im seinem Fall eher: zu den Schweinen, die er hüten muss. In seiner Not entschließt er sich, als Knecht zu seinem Vater zurückzukehren. Und wird dort trotz allem mit offenen Armen empfangen.

Für mich heißt das: Gott lässt ich nicht im Stich, wenn ich umkehren muss. Und ich glaube: selbst wenn ich feststecke und die Kehrtwende nicht schaffe, bleibt bei er mir.

Im Prinzip so wie das Navi. Wenn möglich, bitte wenden, sagt es. Mehr nicht. Und führt mich dann geduldig zurück auf den richtigen Weg.

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17NOV2020
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Manchmal mache ich Mist. Sie vermutlich auch. Zur Zeit vielleicht besonders: Der graue November, die Sorge um die Gesundheit, die Kontaktbeschränkungen – das trägt nicht gerade dazu bei, die Stimmung und die Leistungsfähigkeit zu heben. Da rutscht schnell eine spitze Bemerkung raus, die jemanden verärgert – oder es passieren Fehler, unter denen andere zu leiden haben. Und das Schlimme ist: Manchmal sieht man es kommen – und kann es trotzdem nicht verhindern.

Manchmal bauen wir Mist – und können nichts dagegen tun. Sehr tröstlich ist für mich deshalb das, was der Mystiker Johannes Tauler im 14. Jahrhundert geschrieben hat. Auch er hat sich Gedanken über den Mist gemacht, den wir Menschen produzieren. Und ist dabei zu einer schönen Erkenntnis gekommen: „Das Pferd macht den Mist in dem Stall“, schreibt Tauler, „und obgleich der Mist Unsauberkeit und üblen Geruch an sich hat, so zieht doch dasselbe Pferd denselben Mist mit großer Mühe auf das Feld; und daraus wächst der edle schöne Weizen und der edle süße Wein, der niemals so wüchse, wäre der Mist nicht da.“

Denk dran, meint Tauler also: Mist hat auch etwas Gutes. Auf den Menschen gewendet heißt das für ihn: „Nun, dein Mist, das sind deine eigenen Mängel, die du nicht beseitigen, nicht überwinden noch ablegen kannst, die trage mit Mühe und Fleiß auf den Acker des liebreichen Willens Gottes in rechter Gelassenheit deiner selbst.“

Der Mist – das ist für Tauler nicht nur ein einzelner Ausrutscher, ein Fehler oder Versehen. Es geht um etwas Tieferes: Um unsere körperlichen und seelischen Grenzen, an die wir stoßen. Um das, was wir vielleicht gerne besser machen würden – aber es nicht können. Um die Veranlagungen, die Schattenseiten, mit denen wir immer wieder kämpfen, aber die wir nicht loswerden.

Der Mystiker Tauler empfiehlt, gelassen zu bleiben. Nicht etwa resigniert, weil nichts zu machen ist. Sondern, im Gegenteil, hoffnungsvoll: Weil ich meinen Mist – meine Mängel, die ich nicht überwinden kann – bei Gott abladen, ja „mit Fleiß und Mühe“ zu ihm tragen soll. Zum Beispiel im Gebet. Damit verschwindet der Mist nicht. Im Gegenteil, ich muss mich meinen Mängeln sogar nochmal stellen – und mit den Folgen weiter klarkommen. Aber ich muss mich nicht mehr ständig daran abarbeiten – und kann trotz meiner Schattenseiten befreit weiterleben. Aus dieser Freiheit, glaube ich, kann Neues entstehen. So wachsen bei Gott, aus Gottes „liebreichem Willen“, wie Tauler sagt, aus meinem Mist vielleicht sogar neue Früchte. Wie auf dem Feld. Ja, so möchte ich mir das vorstellen!

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16NOV2020
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„Wir sind alle Bürger einer Welt, ja alle ein Blut. Einen Menschen hassen, weil er anderswo geboren ist, weil er eine andere Sprache spricht, weil er anders über die Dinge denkt - welche Gedankenlosigkeit!“  Verblüffend aktuell sind die Worte von Johann Amos Comenius. Vor 350 Jahren, am 15. November 1670, ist er in Amsterdam im Alter von 78 Jahren gestorben. Comenius war Theologe und Philosoph, besonders aber ist er als Pädagoge bekannt geworden.

Ich finde, es lohnt sich, zu diesem Jahrestag an Comenius zu erinnern. Denn er war einer, der auch in düsteren Zeiten daran geglaubt hat, dass es möglich ist, etwas zu verbessern in der Welt – und zwar durch Bildung!

Das Leben des in Mähren geborenen Protestanten war geprägt von den blutigen konfessionellen Auseinandersetzungen und den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges: Über zwei Drittel seines Lebens lebt Comenius im Untergrund, ist auf der Flucht oder im Exil. In ihm wächst die Sehnsucht, durch bessere Bildung dafür zu sorgen, dass ein friedliches Zusammenleben möglich ist. „Es könnte dies nicht anders geschehen“, schreibt er, „als dass die jungen Leute über alle Dinge besser unterrichtet und dadurch aus den Labyrinthen der Welt herausgeführt würden.

Comenius‘ Anspruch ist gewaltig. Er schreibt die „Große Didaktik“ – die „vollständige Kunst, alle Menschen alles zu lehren“. Er fordert Unterricht für alle Kinder und Jugendlichen, egal, aus welchem Elternhaus sie kommen und welche Begabung sie mitbringen. Er macht sich Gedanken über gute Unterrichtsmethoden, die heute noch Bestand haben – etwa das Lernen mit allen fünf Sinnen. Und nicht zuletzt: Er sieht das gesamte Leben als Lernprozess – beginnend mit der „Schule des vorgeburtlichen Werdens" im Mutterleib bis zur hin "Schule des Todes", die zu einem würdigen und seligen Sterben führt.

Am meisten aber beeindruckt mich die brennende Sehnsucht nach einer besseren Welt, die hinter Comenius‘ Bildungsbemühungen stand. Für mich ist er ein Vorbild. Er macht mir Mut, auch 350 Jahre später die Hoffnung nicht aufzugeben. Auch heute entstehen Hass und Gewalt oft durch fehlendes Verständnis für andere oder werden durch bewusste Falschinformation geschürt: Trotzdem – oder gerade deshalb – lohnt es sich, weiter zu lernen und zu lehren, für eine bessere Welt und ein friedliches Miteinander. Denn, so sagt es Comenius: „Wir sitzen alle in dem großen Welttheater: Was gespielt wird, geht uns alle an, alles Licht erhalten wir von der Sonne, und Gott verdanken wir es, der uns das Auge dazu gegeben hat."

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04OKT2020
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So weiß ich, vor Bewunderung voll, nicht, wie ich dich erheben soll, mein Gott, mein Herr, mein Vater!

Ich kenne solche Momente. Das Staunen und die Dankbarkeit, die das Lied beschreibt: Als ich im Sommer beim Wandern in den Bergen oben auf der Passhöhe stand und zu beiden Seiten ins Tal geschaut habe. Oder als ich in neulich diesen perfekten Apfel an unserem Apfelbaum gesehen habe – strahlend rot und rund und glänzend. Ich weiß: Man muss darin nicht unbedingt einen Hinweis auf Gott sehen. Aber das Gefühl, überwältigt zu sein von Größe und Schönheit – das kennen wohl viele. Christian Fürchtegott Gellert, der das Lied „Wenn ich, o Schöpfer, deine Macht“ 1757 gedichtet hat, ist als Professor und Moralphilosoph der Aufklärung der frommen Schwärmerei eher unverdächtig. Doch bei der Betrachtung der Schöpfung geriet auch er ganz und gar in Begeisterung.

Musik

Das Erntedankfest, das heute in den Kirchen gefeiert wird, ist auch ein Ausdruck dessen, was das Lied beschreibt: Das Gefühl, dass die Natur, die uns umgibt und von der wir leben, keine Selbstverständlichkeit ist. Sondern ein Grund zur Dankbarkeit. Und ein Wunder Gottes für den, der es sehen kann – und hören: Mich, ruft der Baum in seiner Pracht, mich, ruft die Saat, hat Gott gemacht – so drückt es Gellert in seinen Versen aus. Ganz im Sinne der Aufklärung lobt er auch den Menschen und seine Fähigkeiten überschwänglich:

Musik

Der Mensch, der Schöpfung Ruhm und Preis? Wenn ich daran denke, was Menschen immer wieder einander und vor allem der übrigen Schöpfung antun, fällt es mir schwer, diese Zeile fröhlich mitzusingen.

Aber vielleicht kann ich die Worte aus einer anderen Zeit auch als Ermutigung sehen, die guten Möglichkeiten in jedem Menschen zu erkennen. Ob als Landwirte, die das Land so bearbeiten, dass es fruchtbar wird und bleibt. Oder als Lehrerinnen und Lehrer, die – im Moment unter schwierigen Bedingungen – Kindern nicht nur Wissen vermitteln, sondern ihnen auch Vorbilder und Begleiter sind. Manchmal liegt das Wunder auch gar nicht in dem, was Menschen tun. Sondern einfach darin, dass es sie gibt: Das neugeborene Baby. Oder der gute Freund.

Ja, auch über Menschen kann ich mich freuen und staunen – heute am Erntedankfest. Gott sei Dank.

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23SEP2020
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Palau – ein Inselstaat im Pazifik. Schneeweiße Strände, türkisblaues Wasser – die Fotos, die ich davon gesehen habe, begeistern auch mich. Eine Traumlandschaft in der Südsee. Aber auch ein bedrohtes Paradies: Die Sonnencreme der badenden Touristen schädigt die Korallenriffe – und die Inseln, nur wenige Meter über dem Meeresspiegel gelegen, könnten in Folge des Klimawandels schlicht untergehen.

Um darauf aufmerksam zu machen, hat Palau vor ein paar Jahren eine besondere Idee gehabt: The Palau Pledge – das Versprechen von Palau. Seit einigen Jahre wird es jedem in den Pass gestempelt, der nach Palau einreist – und der Passinhaber muss es unterschreiben:

An die Kinder von Palau, so beginnt der Text – tatsächlich haben Schulkinder bei der Formulierung geholfen. Und weiter heißt es:

Als euer Gast gebe ich euch das Versprechen,
eure einzigartigen und wunderschönen Heimatinseln zu bewahren und zu schützen.
Ich gelobe,
behutsam aufzutreten,
freundlich zu handeln und
achtsam zu entdecken.

Ich werde nichts nehmen, was mir nicht gegeben wird.
Ich werde nichts verletzen, das mich nicht verletzt.
Die einzigen Fußabdrücke,
die ich hinterlasse, werden die sein, die das Meer wegspült.

Mich beeindruckt dieses Bekenntnis zur Behutsamkeit. Ich finde, der Text ist mehr als eine Verpflichtung für Touristen, die einen fernen Südseestaat besuchen. Eigentlich, so denke ich, könnte jeder Mensch dieses Versprechen jeden Tag neu abgeben. Egal, wo er oder sie sich gerade aufhält. Denn ich glaube: Auch in unserem eigenen Land bewegen wir uns in einem Raum, der nicht unser Eigentum ist – oder höchstens für die kurze Zeitspanne unseres Lebens. Wir leben mit anderen Menschen, Tieren, Pflanzen, die uns nicht gehören, sondern höchstens für eine Weile anvertraut sind.

„Ich bin ein Gast auf Erden“, so heißt es in einem alten Kirchenlied. Ich finde, es ist hilfreich, wenn ich mir das ab und an deutlich mache. Dann könnte ich das Versprechen auch als Gebet sprechen – zu dem, auf dessen Welt ich zu Gast bin. Vielleicht so:

Gott,
als Gast auf Erden verspreche ich,
diese einzigartige und wunderschöne Welt zu schützen und zu bewahren.
Ich möchte,
behutsam auftreten,
freundlich handeln und
achtsam entdecken.

Ich möchte nichts nehmen, was mir nicht gegeben wird.
Ich möchte nichts verletzen, das mich nicht verletzt.
Hilf mir dabei. Amen.

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22SEP2020
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La mascherina – der italienische Begriff für die Gesichtsmaske gefällt mir. Das klingt deutlich leichter und fröhlicher als der deutsche Wort „Maske“. Und „la mascherina“  - der beschwingte Name - hat, seit wir im Urlaub waren, weiter dazu beigetragen, dass sich mein Verhältnis zu dem neuen Kleidungsstück entspannt. Inzwischen vergesse ich meine Maske kaum noch – und merke, was alles damit geht: lange Zugfahrten, Singen im Gottesdienst... schon lästig, klar – aber möglich!

Weil ich mich mit der Zeit an die Mund-Nasen-Bedeckung gewöhnt habe, kann ich schwer nachvollziehen, dass sich an ihr so emotionale Diskussionen entzünden. Und dass sie für manche Menschen zum Symbol der Unfreiheit geworden ist. Vermutlich haben sie einen anderen Freiheitsbegriff als ich.

Ich halte mich in dieser Frage gerne an Martin Luther. In seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, hat der Reformator eine, wie ich finde, sehr hilfreiche Unterscheidung getroffen: Im Glauben – im Vertrauen auf Gott – so sagt er, ist der Christ „ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan“. In der Liebe aber – wenn es die Mitmenschen und den Umgang mit ihnen betrifft – da ist der Christ „ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan.“

In der Maskenfrage heißt das für mich: Ob ich gerade eine Maske trage oder nicht – ich bin und bleibe ein freier Mensch und habe das Recht, gehört und respektiert zu werden. Aber aus Rücksicht auf meine Mitmenschen, besonders auf die, die vom Corona-Virus besonders gefährdet ist, setze ich die Maske auf. Anderen zuliebe kann ich mein Bedürfnis nach unbehindertem Sprechen und frischerer Luft zurückstellen – ohne dadurch meine Freiheit zu verlieren.

Ich weiß auch: Für manche Menschen sind die Alltagsmasken wirklich eine Belastung. Wenn jemand sowieso schon schlecht atmen kann. Oder wenn er wegen seiner Schwerhörigkeit darauf angewiesen ist, die Mundbewegungen des Gesprächspartners zu sehen, um ihn zu verstehen. Da wird der Mundschutz zum Problem. Und da müssen Lösungen gefunden werden.

Allen anderen aber, meine ich, sollte die Maskenpflicht keine große Sorge bereiten. Denn so eine mascherina ist nur ein kleines Stück Stoff. Und ich bin überzeugt: Die Würde und die Freiheit, die Gott uns schenkt, kann sie uns ganz sicher nicht nehmen.

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21SEP2020
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„Bei uns macht einfach jeder das, was er kann!“ Eine Bekannte von mir spielt voller Begeisterung in einer inklusiven Theatergruppe. Obwohl sie mit Job und anderen Ehrenämtern wirklich genug zu tun hat, lässt sie sich immer wieder gerne auf die zeitintensiven Proben ein. Und sie schwärmt von der besonderen Stimmung im Ensemble, in dem Menschen mit verschiedenen Behinderungen zusammen Theater spielen. Sehr eindrückliche Inszenierungen entstehen dabei – das habe ich auch schon erleben dürfen.

 „Jeder und jede hat Fähigkeiten – und die werden genutzt“, so sieht sie, die selbst auf den Rollstuhl angewiesen ist, das Geheimnis ihrer Theaterarbeit. „Die einen übernehmen längere Textpassagen, andere die Stellen, an denen Beweglichkeit gefragt ist.“ Und sie meint: „Eigentlich würde ich mir wünschen, dass das in unserer Gesellschaft insgesamt mehr so läuft. Dass zuerst die Fähigkeiten gesehen werden. Aber gerade als Mensch mit Behinderung erlebe ist das noch oft anders. Oft wird von Positiv, also von den Begabungen her zu denken, das leuchtet eigentlich ein. Das ist eine Haltung, die schon in der Bibel empfohlen wird. Aber anscheinend müssen wir sie uns immer wieder neu erarbeiten. Im 1. Petrusbrief der Bibel ermahnt der Verfasser die christlichen Gemeinden in Kleinasien, an die er schreibt: „Dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat.“ Vermutlich hatte der Absender nicht so unterschiedliche Menschen vor Augen wie die, die in der inklusiven Theatergruppe zusammenarbeiten. Aber auch er hat gesehen: Es gibt Menschen in den Gemeinden, die besser darin sind, mitreißend von Gottes Liebe zu erzählen – und andere, die sie lieber praktisch werden lassen. Beides hat den gleichen Wert. Aber es wird besser, wenn jeder und jede das übernimmt, was er oder sie gut und gerne macht.

Schade, dass es heute immer noch so schwerfällt, diese uralte Erkenntnis in die Praxis umzusetzen. Dass oft immer noch nicht gesehen wird, welche Begabungen Menschen haben. Und schade auch, dass verschiedene Fähigkeit und Tätigkeiten weiterhin so extrem unterschiedlich wertgeschätzt werden – ideell und finanziell.

 „Bei uns macht jeder das, was er kann!“ Für mich ist die inklusive Theatergruppe ein Vorbild, wie es zumindest im Kleinen anders sein kann. Und ich denke: Auch ich kann dazu beitragen. Wenn ich selbst so oft wie möglich einfach das tue, was ich wirklich kann und was mir Freude macht – unabhängig davon, welches Ansehen diese Tätigkeit genießt. Und wenn ich versuche, bei anderen zuerst die Fähigkeiten zu sehen, die sie haben – und nicht die Defizite. Denn wir alle sind Könnerinnen und Könner – auf je eigene Weise.

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26JUL2020
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Haben Sie heute gut geschlafen? Vielleicht gehören Sie ja zu den glücklichen Menschen, denen meist ein ruhiger Schlaf geschenkt ist. Die abends bald zur Ruhe finden, viele Stunden durchschlafen und dann morgens frisch und munter aufwachen. Vielleicht geht es Ihnen aber auch anders – und die Nacht ist für Sie eher eine schwierige Zeit.

 „Wach auf, mein Herz, und singe“, so ermutigt die erste Strophe eines Morgenliedes, das Paul Gerhardt 1647 gedichtet hat: Wie auch immer deine Nacht gewesen ist, jetzt ist es Morgen. Das Leben beginnt wieder neu: „Wach auf, mein Herz, und singe“

Musik

Die Erfahrung, die hinter dem Lied steht, ist nicht die einer sorglosen Nachtruhe. In den Versen kommt viel mehr ein Mensch zu Wort, der in der Nacht schwere Stunden erlebt hat.
Viele von Ihnen kennen das sicher auch: Wenn man wachliegt, und es in der Stille der Nacht keine Ablenkung mehr gibt von Sorgen oder Schmerzen. Wenn die Probleme sich im Kreis drehen, die Lösungen sich im Dunkel verlieren – und die Schatten der Angst bedrohlicher scheinen als bei Tag,

Davon sprechen die folgenden Strophen des Morgenlieds von Paul Gerhard – aber auch von einer befreienden Erfahrung:

Musik

Offenbar hat da einer in der Nacht ein Gegenüber gefunden. Ist nicht allein geblieben mit dem, was ihn belastet, sondern in eine Art Gespräch gekommen, das den dunklen Nachtgedanken etwas entgegenzusetzen hatte.  Wie dieser Zuspruch von Gott genau erlebt wurde – ob im Gebet oder einfach dadurch, dass der Schlaf zurückgekehrt oder die Sonne aufgegangen ist – das schildert das Lied nicht genau. Aber die nächtliche Erfahrung, dass mit einem Mal wieder Frieden einkehrt, die Ängste schwinden und die dunkle Gedankenspirale sich auflöst – die kenne ich auch.

Musik

Mit Gottes Hilfe kann der neue Tag doch noch gut beginnen. Mit neuer Energie und dem Blick auf das, was jetzt zu tun ist. Was aber bleibt von der Nacht, ist die Erfahrung, nicht unverwundbar zu sein. Sondern angewiesen auf Schutz und Begleitung – und eine Kraft, die ich mir nicht selbst geben kann. In der Bibel heißt das: Segen.

Musik

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18JUL2020
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Ich staune über Menschen, die eine genaue Beobachtungsgabe haben. Die schon nach einer kurzen Begegnung präzise beschreiben können, wie jemand aussieht. Denen bei einem Spaziergang auch unscheinbare Blumen oder besondere Steine auffallen. Ich selbst bin dazu oft zu sehr in Gedanken oder in Eile.

Als Kind war das anders. „Davon braucht man kein Foto machen“, habe ich zur Verblüffung meiner Eltern wohl als kleines Kind einmal verkündet. „Das habe ich doch alles in meinem inneren Bilderbuch.“

Das „innere Bilderbuch“ – der Begriff ist in unserer Familie hängen geblieben. Und er gefällt mir bis heute. Ansichten, Ereignisse und Begegnungen so intensiv ansehen und aufnehmen zu können, dass man sie nachher im Kopf hat, das ist eine schöne Gabe. Denn so bleiben sie präsent - und man kann sie zu anderen Zeiten und in jeder Situation wieder aufleben lassen. Der Blick ins „innere Bilderbuch“ kann dann auch durch schwierige Zeiten helfen, in denen es wenig zu sehen gibt, in denen man wenig erlebt und wenige Kontakte hat.

In der Bibel ist der wache, aufmerksame Blick ein Zeichen für Lebendigkeit. Erleuchte meine Augen, dass ich nicht im Tode entschlafe, so bittet der Beter Gott in Psalm 13. Ich finde, das ist ein sprechendes Bild. Oft kann man es ja tatsächlich an den Augen sehen, ob jemand gerade wirklich am Leben teilnimmt, die Welt um sich herum intensiv wahr- und aufnimmt. Dann leuchten die Augen. Erleuchte meine Augen – das heißt auch: Mach mich innerlich lebendig, gib mir neue Lebensenergie.

Kostet eure Sinne aus, so appellierte auch die 1880 geborene Schriftstellerin Helen Keller, die in ihrer frühen Kindheit Augenlicht und Gehör verloren hat: „Ich, die ich blind bin, schrieb Helen Keller, kann den Sehenden nur dies eine ans Herz legen: Gebraucht eure Augen so, als ob ihr morgen erblinden müsstet. Nutzt all eure Sinne aus, soviel ihr könnt; freut, freut euch der tausendfältigen Schönheit der Welt, die sich euch durch eure Sinne offenbart. Von allen Sinnen aber, das glaube ich bestimmt, muss das Augenlicht das köstlichste sein.“ So Helen Keller.

Erleuchte meine Augen! So einen lebendigen und aufmerksamen Blick auf Menschen, Natur und Dinge wünsche ich mir auch. Die Muße, sie genau zu betrachten. Auf Kleinigkeiten zu achten – und mir die schönen, die berührenden oder überraschenden Bilder einzuprägen. Und so mein „inneres Bilderbuch“ wieder mehr zu füllen.

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17JUL2020
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Was ich am Sommer besonders mag, sind die Farben. Das strahlende Himmelblau, das Grün der Wiesen und Bäume, die bunten Sommerkleider und farbenfrohen Blumensträuße. Wenn die Welt in der Sonne so bunt leuchtet, kann ich das richtig genießen.

Farben wirken auf uns. Fast jeder und jede hat eine Lieblingsfarbe – und oft, finde ich, passt die zum Charakter. Ob jemand eher zartes Gelb oder knalliges Rot mag, ist auch eine Frage des Temperaments. Meine Lieblingsfarbe ist Blau. Aber auch für mich passt Blau nicht immer und überall. Unterschiedliche Farben stehen für verschiedene Stimmungen, wecken unterschiedliche Gefühle.

Nicht umsonst ist auch in der Kirche das Jahr in Farben eingeteilt, die sich in Altarbehängen, Stolen und teilweise auch Gewändern wiederfinden. Ein tiefes Violett im Advent und in der Fastenzeit vor Ostern regt zum Nachdenken an über sich und die Welt. Grün begleitet einen durch den Sommer und erinnert an die Schönheit der Schöpfung. Die Signalfarbe Rot sieht man an Pfingsten und an Festen wie Kirchweih oder der Konfirmation – Rot steht für die Kirche und damit für die Verbundenheit mit Menschen in aller Welt und durch alle Zeit. Nur am Karfreitag, dem Todestag Jesu, verschwindet alle Farbe.

Ich finde, es tut gut, diesen Wechsel der Farben und Stimmungen über das Jahr nachzuvollziehen – auch wenn er nicht immer identisch ist mit der eigenen Gefühlslage. Denn ich habe den Eindruck: Nur wer sich Zeit nimmt zum Nachdenken, auch zum Traurigsein, kann wann anders wieder aufleben und sich unbeschwert freuen.

An den Festen, die mit Jesus zu tun haben, an Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt, ist in der Kirche alles in Weiß gehalten. Die Farbe Jesu ist Weiß – die Farbe, die sich aus allen anderen, aus dem gesamten Farbspektrum, zusammensetzt. Mir gefällt der Gedanke: Bei Jesus, bei Gott, sind alle unterschiedlichen Farbtöne unserer Gefühle und Stimmungen aufgehoben. Und auch die bunte Vielfalt unserer Persönlichkeiten und Charakterzüge. Nur zusammen genommen strahlen sie hell.

Vielleicht kann man auch sagen: Gottes Farbe ist bunt. Mit dieser Idee durch die Sommerwelt zu gehen, die farbenfrohe Natur zu betrachten und die bunte Mischung an Menschen zu sehen, die mir begegnen – mir macht das Freude. Und auch wenn meine Stimmung gerade dunkler gefärbt ist, finde ich den Gedanken tröstlich: Auch dieser Farbton gehört bei Gott dazu.

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