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14NOV2021
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Louis Armstrong Strophe 1 Sword and Shield

Eine tiefe Sehnsucht nach Frieden kommt in dem alten Gospelsong zum Ausdruck: I ain’t gonna study war no more. Und die Erkenntnis: Frieden fängt bei mir selbst an. Ich werde nicht mehr lernen, Krieg zu führen

Das Lied sangen vor 150 Jahren die Sklaven auf den Plantagen der Südstaaten Nordamerikas – so hielten sie ihre Hoffnung wach und damit sich selbst am Leben. Die Worte der Hoffnung auf Frieden aber sind noch viel älter – sie finden sich beim biblischen Propheten Micha. Eines Tages, so war seine Vision, wird kein Volk mehr wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. (Micha 4,3b) Eine uralte Hoffnung – und gleichzeitig sehr aktuell heute, am Volkstrauertag. An vielen Orten wird heute der Opfer von Krieg und Gewalt gedacht. Und weiterhin lernen Menschen, Krieg zu führen.

Golden Gate Quartet Strophe 1 Burden

Das Lied steckt mich an mit seinem befreienden Schwung – nicht nur durch die beschwingte Melodie. I’m gonna lay down my burden, down by the riverside. So beginnt der Text in den meisten Versionen. Ich werde meine Last ablegen, unten am Fluss. Für mich steckt darin eine tiefe Weisheit: Wenn ich Frieden haben will mit anderen, muss ich zuerst selbst Frieden finden. Ich muss loswerden, was mich lähmt und beschwert – im übertragenen Sinne, aber auch ganz konkret. Für diejenigen, die den Gospel zuerst gesungen haben, war der Weg durch den Grenzfluss Ohio auch der Weg aus den Südstaaten in den Norden der USA, aus der Sklaverei in die Freiheit. Wer unterdrückt ist und belastet, ist schnell im Kampfmodus. Wer sich frei fühlt und sicher, kann seine Waffen ablegen.

Mahalia Jackson Strophe 3 Long white robe

I’m gonna put on my long white robe down by the riverside. In den seltener gesungen Strophen des Liedes wird deutlich: Die Hoffnung auf Frieden, die das Lied besingt, reicht noch weiter: Ich werde mein langes, weißes Kleid anziehen, unten am Fluss. Da ist der Fluss nicht nur der Ohio, sondern auch der Jordan. Das weiße Kleid ist das Taufkleid. Und es zeigt: Es ist Jesus, der da unten am Ufer wartet. Jesus nimmt die Last ab – und die Schuld auf sich. So schenkt er Freiheit. Mitten im Leben – und auch am Ende. Wenn man, wie es im Lied weiter heißt, unten am Fluss „die Sternenkrone aufsetzt“ und „die liebe alte Mutter wiedersieht“, „der ganzen Welt die Hand reicht“ und dann alle Kriege endgültig hinter sich lässt.

Bourbon Street Stompers Instrumental

Noch dauert die Suche nach Frieden an. Was dabei hilft? Mir hilft es, darauf zu vertrauen, dass jemand meine Sorgen hört und mir Lasten abnimmt. Dass Jesus da ist – aber auch andere Menschen. Und ich glaube: Es hilft auch, wenn ich versuche, die Last anderer mitzutragen. Wenn ich mich für Gerechtigkeit einsetze. Und die alte Hoffnung wachhalte: Dass irgendwann niemand mehr lernen muss, Krieg zu führen. Und die Freude alle erfasst. In der Musik spüre ich das schon jetzt.

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16OKT2021
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Klimaschützerinnen haben oft graue Haare. Davon bin ich seit ein paar Jahren überzeugt. Das klingt erst einmal überraschend, weil bei Fridays for Future ja eher die Jüngeren unterwegs sind.

Aber ich habe gemerkt: Die beste Klimabilanz, die man sich hierzulande denken kann, haben viele unserer älteren Nachbarinnen – und auch Nachbarn – im Dorf:

Obst und Gemüse ziehen sie im Garten – als Saft, Marmelade oder eingeweckt halten die Vorräte bis zum Frühjahr. Das Auto, wenn überhaupt vorhanden, wird selten aus der Garage geholt, das meiste geht zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Der Urlaub findet oft im eigenen Garten statt, da gibt es ja im Sommer viel zu tun. Viel kaufen müssen sie auch nicht: Die soliden Möbel halten lange, und wenn ein Loch im Strumpf ist, wird es gestopft. Überhaupt werden Dinge, die kaputt gehen oder übrig sind, nicht weggeschmissen, sondern repariert oder wiederverwendet: Als Putzlappen, Einkaufszettel, Bastelmaterial und so weiter.

Diese Woche habe ich mir vorgenommen, jeden Tag bewusst an etwas zu denken, wofür ich dankbar bin – anderen Menschen und auch Gott.

Heute sind es die „Klimaschützerinnen“ und „Klimaschützer“ in unserem Dorf – und in vielen anderen Orten. Sie würden sich nicht selbst so nennen – aber ich finde, von ihrem Lebensstil kann ich mir in Sachen Umweltfreundlichkeit eine Scheibe abschneiden. Und andere aus meiner und der jüngeren Generation, die sich um die Zukunft unseres Planeten sorgen, auch. Und das Beste ist: Ich habe nicht das Gefühl, dass die Älteren darunter leiden, dass sie auf manches verzichten, was uns Jüngeren selbstverständlich scheint. Im Gegenteil – sie wirken ziemlich zufrieden.

Klimaschutz ist also keine Frage des Alters. Viele Jüngere engagieren sich vorbildlich und suchen neue Wege, um unser Klima zu schützen. Aber von den Lebensgewohnheiten der Älteren lässt sich auch etwas lernen. Es lohnt sich, wenn die Generationen besser über das Thema ins Gespräch kommen.

Ich bin froh und dankbar, dass es Menschen aus der älteren Generation gibt, die zeigen: Es geht auch mit weniger. Es ist möglich, zufrieden zu leben, ohne viel zu konsumieren oder ständig unterwegs zu sein.

Gott hat den Menschen die Erde anvertraut, heißt es ganz am Anfang in der Bibel, um sie zu „bebauen und zu bewahren“ (1. Mose 2,15). Genau tun viele, die mit großem Einsatz ihre Streuobstwiesen pflegen und ihre Gärten bewirtschaften – und sonst wenig verbrauchen.

Die Erde nutzen, aber nicht ausbeuten: für jeden und jede, die so lebt, bin ich dankbar. Und versuche, es auch zu tun – auf meine Weise und so gut ich eben kann.

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15OKT2021
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Eine Woche Zeltlager, das ist für mich Entspannung pur. Da denke ich keine Minute an meine Arbeit. Das hat mir ein Familienvater gesagt. Jeden Sommer betreut er eine Woche lang eine Kinderfreizeit. Ehrenamtlich, in seinem Urlaub.

Er macht es total gerne, sagt er. Trotzdem: Ich habe große Hochachtung vor seinem Einsatz. Und vor dem vieler anderer, die diesen Sommer wieder mit Kindern und Jugendlichen auf Freizeiten unterwegs waren: Auszubildende und Studierende, ältere Schülerinnen und Schüler und Erwachsene. Sie haben in harten Feldbetten übernachtet, Geländespiele zur Not auch im Regen gespielt, Heimwehtränen getrocknet und aufgeschürfte Knie verpflastert. Sie haben sich die Nächte bei Teambesprechungen um die Ohren geschlagen und ständig zu wenig Schlaf bekommen, stundenlang Zwiebeln geschnitten und Pudding gekocht. Und das alles freiwillig und unentgeltlich. An Urlaubstagen, die sie auch im Liegestuhl verbringen könnten. Oder in ihren Ferien, statt einem gutbezahlten Ferienjob.

Dass es solche Menschen gibt, dafür bin ich wirklich dankbar. Diese Woche habe ich mir vorgenommen, jeden Tag danke zu sagen. Für etwas, das selten zur Sprache kommt – aber nicht selbstverständlich ist. Das Engagement der ehrenamtlichen Freizeitmitarbeiterinnen und Freizeitmitarbeiter gehört für mich definitiv dazu.

Ohne sie wären auch unsere Kinder in diesem Sommer wieder um viele Erfahrungen ärmer gewesen: Eine Nacht am Strand unter dem Sternenhimmel, lange Abende am Lagerfeuer, neue Freunde. Die Betreuerinnen und Betreuer haben dabei nicht nur ein Programm organisiert und aufgepasst, dass nichts aus dem Ruder läuft. Sie waren auch Vorbilder, Ansprechpartnerinnen, Impulsgeber. Sie haben eine Zeitlang ihr Leben mit den Jugendlichen geteilt – und auch ihre Überzeugungen; auf christlichen Freizeiten auch ihren Glauben. Sie haben sich als Christin oder als Christ gezeigt.

Und Jugendliche sind gut im Beobachten. In aller Freiheit können sie die Älteren fragen und auch kritisch nachhaken. Ich glaube: Es tut Jugendlichen immer gut, wenn sie Menschen treffen, die offen sind für Diskussionen. Und bereit, ihnen von dem zu erzählen, was ihnen wichtig ist und was sie trägt. Dann passiert bei allem Freizeitspaß auch gleichzeitig so etwas wie Herzensbildung.

Deshalb habe ich großen Respekt vor dem Einsatz der vielen Ehrenamtlichen, die das möglich machen. Ich finde, man kann da nicht oft genug „Danke“ sagen. Ihnen selbst für ihren Einsatz. Und auch Gott: Dafür, dass es so tolle Menschen gibt. Und dafür, dass sie selbst Freude haben bei dem, was sie tun. Danke!

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14OKT2021
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Die Vögel sind meine Haustiere. Die kommen mich immer besuchen – da habe ich so eine Freude dran! Der alten Dame, die ich besucht habe, fällt das Laufen schwer. Aus dem Haus kommt sie kaum noch. Oft ist sie allein.
Umso wichtiger sind ihr das Vogelhäuschen und die Tränke, die sie auf dem Balkon aufgestellt hat. Und die Spatzen und Amseln und Rotkehlchen, die den ganzen Tag kommen und gehen, picken, trinken und baden, pfeifen und singen. Die Vögel sind meine Haustiere. Sich ständig um ein Haustier zu kümmern, das würde die alte Dame nicht mehr schaffen. Die Vögel aber sind trotzdem da.
Eine andere ältere Frau, die alleine wohnt, hat mir erzählt, dass sie gerne auf ihrer Mundharmonika spielt. Und oft hat sie den Eindruck, dass die Vögel ihr mit ihrem Pfeifen antworten.

Seit ich mit den beiden Frauen gesprochen habe, nehme ich die Vögel, die bei uns zu Hause sind, wieder bewusster war. Das Gezwitscher vor meinem Fenster war vorher eher Nebensache. Die beiden Frauen haben mich darauf aufmerksam gemacht, wie schön und wertvoll es ist, dass es diese Tiere gibt: bunte, singende Flugakrobaten - ein Wunder der Natur. Wieder ein Grund, dankbar zu sein!
Jeden Tag finde ich diese Woche etwas, für das ich dankbar sein kann – obwohl es vielleicht auf den ersten Blick selbstverständlich scheint.

Auch Jesus hat übrigens einen Blick für die Vögel gehabt: Seht euch die Vögel an! hat er seine Zuhörerinnen und Zuhörer aufgefordert. Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln keine Vorräte in Scheunen. Trotzdem ernährt sie euer Vater im Himmel. (Matthäus 6,26) Am Beispiel der Vögel hat Jesus Mut gemacht, auf Gott zu vertrauen.

Ja, auch das habe ich neu entdeckt, seit ich wieder auf die Vögel bei uns aufmerksam geworden bin: Dass die Vögel leben können, dafür sorgen nicht wir. Wir kümmern uns meist nicht groß um sie, füttern sie nur, wenn wir Lust dazu haben, und bringen sie auch nicht zum Tierarzt. Dass die Vögel leben können, dafür sorgt die Natur. Sie sind Teil von Gottes Schöpfung. An uns ist es nur, ihren Lebensraum nicht zu zerstören.

Schaut euch die Vögel an, hat Jesus gesagt. In den letzten Wochen habe ich die Vögel in den Gärten und Wiesen neu gesehen. Und mich über sie gefreut.

Und ich habe wieder gemerkt: Es gibt viel Grund zur Dankbarkeit – wenn ich meinen Blick schärfe und die Augen und Ohren offenhalte für das Gute mich herum.

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13OKT2021
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Es interessiert mich nicht, wer angefangen hat – es interessiert mich, wer aufhört! Den Satz habe ich von einer erfahrenen Lehrerin gehört. Das hat sie zu Kindern gesagt, als sie Streit schlichten musste. Die Wirkung war beeindruckend. Die Kinder waren überrascht – und das übliche anklagende „aber der hat..., aber die hat“ war sofort beendet.

Es interessiert mich nicht, wer angefangen hat – es interessiert mich, wer aufhört! Ich finde, der Satz kann auch uns Erwachsenen guttun. Immer wieder treffe ich Menschen, die tief in Konflikte verstrickt sind. Zum Beispiel mit ihren Geschwistern – beim Erbe hat es angefangen, und jetzt hört es einfach nicht mehr auf. Oder mit dem Nachbarn – am Anfang standen unterschiedliche Vorstellungen, wie es im Garten auszusehen hat. Am Ende redet man nur noch über den Anwalt miteinander.

Es interessiert mich nicht, wer angefangen hat – es interessiert mich, wer aufhört! Klar, manchmal ist es schon wichtig, noch einmal genau zu schauen, wie sich ein Streit entwickelt hat. Und ja – auch, wer an was schuld ist.

Aber ich habe den Eindruck: Konflikte sind häufig so festgefahren und unübersichtlich – da ist es gar nicht mehr möglich, genau zu klären, wie es angefangen hat und was alles in der Vergangenheit schiefgelaufen ist. Da hilft nur ein Neuanfang. Jemand muss den Mut haben aufzuhören. Also auch: dem Gegenüber nicht mehr nachzutragen, was war. Im besten Fall: zu verzeihen.

Jesus hat das auch so gesehen. Wie oft muss ich einem Menschen vergeben, der mir Unrecht tut, hat sein Freund Petrus ihn gefragt. Und vorsichtig dazugefügt – wohl   wissend, dass Jesus in dieser Sache hohe Ansprüche hat: Bis zu siebenmal? Nein hat Jesus geantwortet, siebenundsiebzigmal! (Ich denke, das heißt im Klartext so etwas wie andauernd. Ständig haben wir anderen Menschen etwas zu verzeihen – und sie uns.

Leicht ist das nicht. Manchmal muss man ganz schön schlucken. Der Sprung über den eigenen Schatten kostet Mut. Aber immer wieder gelingt es. Dass Menschen anfangen aufzuhören mit dem Streit. Nach langer Zeit wieder auf den Nachbarn zugehen. Ohne wieder von vorne anzufangen mit den Vorwürfen.Die Schwester doch wieder zum runden Geburtstag einladen, als Zeichen für einen Neuanfang – trotz allem, was war.

Auf jeden Fall: Wenn zwei es schaffen, sich wieder die Hand zu reichen, macht es das Leben für alle viel leichter. Das ist ein großes Geschenk. Und ich finde: Ein Grund dankbar zu sein. Für alle.

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12OKT2021
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Wir passen gut auf ihn auf! Dazu ein freundliches Nicken und ein ermutigendes Lächeln unter der OP-Haube.
Eine Blinddarmoperation ist ja kein Drama – trotzdem war ich dankbar für die beruhigenden Worte der Ärztin, die meinen Sohn in den OP geschoben hat. Kurz zuvor hat sie mit ihm noch entspannt über das neue Schuljahr geplaudert und von ihren Söhnen erzählt. Das hat gutgetan.

Auch wenn es definitiv Schöneres gibt als einen durchgebrochenen Blinddarm: Für die Erfahrungen, die ich neulich machen konnte, als unser Sohn im Krankenhaus war, bin ich tatsächlich dankbar.

Diese Woche habe ich mir vorgenommen, jeden Tag von etwas zu erzählen, wofür ich dankbar bin – anderen Menschen und auch Gott. Weil es nicht selbstverständlich ist. Wenn ich ans Krankenhaus denke, fällt mir da viel ein:
Zuerst mal bin ich dankbar, dass es in unserer Nähe überhaupt eine Klinik mit bester medizinischer Versorgung gibt. Wo innerhalb von wenigen Stunden präzise Ultraschallbilder gemacht werden und Laborwerte da sind, ein Bett auf der Station bereitsteht und eine Operation angesetzt wird. Anderswo auf der Welt hätte schon der Transport ins Krankenhaus vielleicht Stunden gedauert. Und dann wäre es vielleicht gefährlich geworden.

Besonders eindrücklich waren für mich auch die Begegnungen mit Menschen, die ihre Arbeit in der Klinik mit Herzblut machen: Eben die Narkoseärztin, die nicht nur fachlich fit ist, sondern sich auch einen Blick dafür bewahrt hat, was Patienten und Angehörigen vor einer OP guttut. Aber auch die Verwaltungsmitarbeiterin, die schon am nächsten Tag gut gelaunt mit ihrem Laptop am Krankenbett stand und das Handy – Lebensader für einen Zwölfjährigen – mit dem WLAN verbunden hat. Die Pflegerinnen und Pfleger auf der Station, die auch an stressigen Tagen ein freundliches Lächeln im Gesicht hatten. Und der junge Arzt, der den jugendlichen Patienten bei der Ultraschalluntersuchung mit seinem trockenen Humor fast zum Lachen gebracht hat.

Für sie alle und für ihre Arbeit bin ich dankbar. Und dafür, in einem Land zu leben, in dem das möglich ist. Weil ich weiß: Das ist nicht selbstverständlich! Ich finde es wichtig, sich das bewusst zu machen. Weil es dabei hilft, immer wieder ausdrücklich Danke zu sagen – denen, die im Gesundheitswesen ihr Bestes geben. Weil es daran erinnert, ihnen mit Respekt zu begegnen und dafür einzutreten, dass sie faire Arbeitsbedingungen haben.
Und weil es zeigt: Überall brauchen Menschen Zugang zu medizinischer Versorgung. Wir können uns dafür einsetzen – und sei es mit einer Spende. Am meisten tut die Dankbarkeit aber mir selbst gut. Weil sie mich froh macht. Und deshalb freundlich.

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11OKT2021
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Sind Sie schon ausgeschlafen so früh am Tag? Ich gebe zu: Ich schlafe morgens gerne ein bisschen länger, wenn ich kann. Um ehrlich zu sein: Ich schlafe überhaupt gerne. Abends ins weiche Kissen sinken und gemütlich einschlummern – wunderbar.

Ich bin froh, dass ich meist gut einschlafen kann und in der Nacht erholsamen Schlaf finde. Das war aber auch schon anders. Und ich weiß, wie viele Menschen schwer in den Schlaf finden und immer wieder lange wach liegen. Unruhige Gedanken kreisen im Kopf – wie quälend das sein kann, habe auch ich schon erlebt.

Eine ältere Frau hat mir erzählt, was ihr hilft, dass die Unruhe des Tages sie nicht bis in den Schlaf verfolgt. Vor dem Einschlafen blickt sie ganz bewusst noch einmal auf den Tag zurück. Sie betet – und sortiert dabei ihre Gedanken. Beim Beten kann sie das loswerden, was sie belastet. Und sie erinnert sich auch jedes Mal ganz bewusst daran, was gut war, damit sie es nicht vergisst. Und dankt Gott dafür. Am Ende des Tages stehen dann die positiven Gedanken. Mir hilft das, hat sie mir gesagt. So werde ich ruhig. Und kann leichter in den Schlaf finden.

In der Bibel gibt es ein Gebet von einer Frau, die mit Gott eine ganz ähnliche Erfahrung gemacht hat: Meine Seele konnte zur Ruhe kommen, sagt sie, wie ein gestilltes Kind bei seiner Mutter. (Psalm 131,2) Ruhig werden und friedlich wie ein satter Säugling – mir gefällt das Bild, auch für die Nachtruhe.

Diese Woche habe ich mir vorgenommen, jeden Tag ganz bewusst an etwas zu denken, wofür ich dankbar sein kann. Etwas, über das ich sonst nicht groß nachdenke. Weil ich es für normal halte – und vergesse, dass es eben nicht selbstverständlich ist. Diese Art von Vergesslichkeit ist offenbar kein neumodisches Phänomen: Lobe den Herrn, meine Seele, heißt es schon in einem alten Gebet aus der Bibel, lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. (Psalm 103,2)

Diese Nacht habe ich gut geschlafen und bin erholt aufgewacht. Das ist ein Geschenk. Ich merke, es tut mir gut, mir das bewusst zu machen – und dankbar zu sein. Denn nur dann freue ich mich darüber.

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Das ist ein guter Rat. Denn Dankbarkeit macht mich glücklich. Und hilft manchmal sogar, gut zu schlafen.

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03OKT2021
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Irgendetwas fehlt immer. Es kommt nicht oft vor, dass ich sagen kann: Ich habe alles, was ich brauche – für Leib und Seele. Es fehlt immer etwas – aber gibt es einen Weg, wie ich trotzdem gut leben kann? Ein altes Lied spricht davon. Philipp Friedrich Hiller hat es vor über 250 Jahren gedichtet.

Musik

„Überschlagen, was da ist“ und „ins Gedränge kommen“, also in Bedrängnis, das trifft für uns heute auf andere Weise zu als zu Hillers Zeiten. Damals ging es ums Essen Darum, dass in vielen Vorratsschränken nicht genug da war, um die Familie zu ernähren.
An Nahrung mangelt es in unseren Breiten den meisten nicht mehr. Und doch hat es in diesem Sommer Menschen auch mitten in Deutschland plötzlich am nötigsten gefehlt. Da standen Menschen fassungslos vor dem, was vor kurzem ein Tisch war, ein Kühlschrank, ein Zuhause – weil die Flut alles weggespült hatte.
Und ich habe den Eindruck: Auch ohne große Katastrophen kommt jeder und jede von uns immer wieder ins Gedränge, wie Philipp Hiller sagt. In Situationen, wo wir das Gefühl haben: Das kann nicht gut gehen. Wer schon älter ist, erlebt, dass es mit der Kraft eng wird. Mir selbst fehlt es oft an Zeit.
Aber dann gibt es auch die andere Erfahrung: Dass die Zeit doch ausreicht – auch wenn es unmöglich schien. Dass ich genügend Kraft habe – auch wenn ich nicht weiß, woher. Dass ich Hilfe bekomme, mit der ich nicht gerechnet habe.
Ich hoffe auch für die Menschen in den Hochwassergebieten, dass sie das erleben. Niemand kann ihnen zurückgeben, was sie verloren haben. Aber es gibt Helferinnen und Helfer – auch über den Augenblick hinaus.
Für Philipp Hiller ist die Erfahrung, trotz Mangel zu bekommen, was ich brauche, eine Begegnung mit Gott. Ein geheimer Segen, wie er sagt:

Musik

Wie dieses mag geschehen, das kann man nicht verstehen. Ja, im Nachhinein wundert man sich oft, wie man eine Notlage überstanden hat. Damit konnte man zuvor nicht rechnen. Nein, sagt Philipp Hiller. Mit Gott kann man nicht rechnen. Aber ihm Vertrauen schenken.

Musik

Das Erntedankfest, das heute in den Kirchen gefeiert wird, erinnert daran: Nichts von dem, was wir haben, ist selbstverständlich. So wie die kleinen Wunder im Alltag – wenn wir im Gedränge sind und es dann doch reicht, für uns und andere. Gerade da, wo wir miteinander teilen.

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Musik 1
Strophe 1 und 3, Solistenensemble (gesungen), Die ihr bei Jesus bleibet

Musik 2
Strophe 4-5, Solistenensemble (gesungen), Die ihr bei Jesus bleibet

Musik3
Instrumental Hufeisen, aus: Was gut ist. Lieder zum Kirchentag

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25JUL2021
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Vöglein im hohen Baum, klein ist’s, man sieht es kaum, singt doch so schön!  Ein altes Lied, das ich noch aus meiner Schulzeit kenne. Wie viel wir damals gesungen haben, denke ich immer wieder! Was ich aber erst vor Kurzem festgestellt habe: Das eingängige Volkslied mit der fröhlichen Melodie von Friedrich Silcher ist auch ein geistliches Lied. In den ersten Strophen ist das allerdings nur zwischen den Zeilen zu hören:

Musik

Der kleine Vogel, der hoch oben im Baum singt. Kaum zu sehen ist er – aber sein Lied ist überall zu hören. Ich verstehe die Strophen, die der Thüringer Pfarrer Wilhelm Hey im 19. Jahrhundert gedichtet hat, als Aufforderung. Schau hin! Hör zu! Fühle, rieche und schmecke, was um dich herum geschieht. Geh nicht achtlos an den kleinen Wundern in der Natur vorbei.

Musik

Und noch eine Botschaft höre ich aus den Kinderlied heraus: Es sind nicht nur die großartigen Dinge, es ist nicht das Außergewöhnliche, das unsere Welt lebenswert macht. Es ist das scheinbar Selbstverständliche: Der kleine Vogel, die unscheinbare Wiesenblume, das Bächlein im Tal – davon gibt es unzählige. Aber jedes einzelne trägt zur Schönheit bei.
Sicher, in den letzten Wochen haben wir auch gespürt: Die Natur ist nicht harmlos. Auch das kleinste Bächlein kann, durch Wassermassen unter Druck geraten, zu einem gefährlichen, zerstörerischen Strom werden.

Letztlich, glaube ich, ist das Lied auch ein Hinweis an alle Kinder und Erwachsenen, die es singen: So wie mit den Vögeln und den Blumen und den Bächlein ist es auch mit dir selbst: Auch du bist eigentlich nichts Besonderes. Menschenkinder wie dich gibt es unzählige. Und ja: Auch du kannst, zu sehr unter Druck gesetzt, destruktiv wirken. Aber genau du bist es auch, deine unverwechselbare Stimme, deine ganz eigene Schönheit, deine Lebendigkeit, die die Welt reicher macht.

Eigentlich ist auch das schon eine geistliche Botschaft. Und vielleicht hätte es die letzte Strophe gar nicht mehr gebraucht, um zu verstehen: Das Lied vom Vöglein im hohen Baum ist ein geistliches Lied.

Aber der Dichterpfarrer wollte es auch noch mal ausdrücklich sagen, in der vierten Strophe, die wir gleich hören: Die Vögel, die Blumen, die Bäche sind Gottes Geschöpfe. Gott hat euch all das geschenkt, was ihr um euch seht. Und warum? Gott der Herr machte sie, dass sich nun spät und früh jedes dran freu!

Mich freuen, an den Vögeln, an den Blumen, an den Bächen – und an den Menschen, die mir begegnen. Gerade auch, weil ich gesehen habe, dass es nicht selbstverständlich ist, dass sie unversehrt sind. Ich hoffe, das gelingt mir heute.

Musik

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10JUL2021
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Morgen ist Endspiel. Haben Sie mitgefiebert bei der Europameisterschaft? Ich hatte den Eindruck: Dieses Jahr hat es ziemlich lange gedauert, bis ein wenig Fußball-Begeisterung zu spüren war. Ob es vor allem an Corona lag – oder auch daran, dass die meisten Jogis Jungs nicht viel zugetraut haben? Keine Ahnung. Auf jeden Fall war erst mal wenig los.

Nur eine einzige Familie in unserem Dorf hat gleich zu Beginn der EM eine lange Girlande aus Deutschland-Wimpeln in ihren Vorgarten gehängt. Die Familie wohnt erst seit einigen Jahre hier – sie sind aus Syrien nach Deutschland geflüchtet, denn der Krieg hat ihre Heimat in Schutt und Asche gelegt.

Ich finde, die Wimpel sind ein schönes Zeichen: Wir sind jetzt hier, haben sie damit gesagt – und wünschen Deutschland Glück.

Die schwarz-rot-goldene Girlande im Vorgarten der geflüchteten Familie hat mich an eine Erzählung aus der Bibel erinnert. Damals, vor rund 2500 Jahren, ging es den Menschen aus Israel ähnlich wie unseren syrischen Nachbarn: Ein Krieg hatte ihre Heimat zerstört, und nun lebten sie unfreiwillig in einem fremden Land mit einer anderen Sprache, Kultur und Religion. Die Lage war schwierig. Wie sollten sie sich verhalten? Der Prophet Jeremia hatte damals eine klare Botschaft von Gott für seine Leute in der Fremde: Sucht das Beste für die Stadt! Betet für die fremde Stadt, in der ihr jetzt wohnt. Denn wenn es der Stadt gut geht, dann geht es auch euch gut.

Ob die syrische Familie auch für unsere Stadt betet, das weiß ich nicht. Aber mit ihren Wimpeln zeigen sie: Wir fiebern mit -  mit dem Ort und dem Land, in dem wir leben. Wir grenzen uns nicht ab, sondern wir wollen dazu beitragen, dass das Zusammenleben gelingt.

Sucht das Beste für die Stadt! Ich finde, das ist nicht nur ein gutes Motto für Menschen, die ursprünglich woanders herkommen. Sondern für uns alle. Egal, wie lange wir schon da wohnen, wo wir gerade sind. Dass es unserer Nachbarschaft, unserem Dorf oder unserer Stadt gut geht, dafür kann jeder und jede sich einsetzen. Ob im Sportverein, im Ortschaftsrat oder in der Nachbarschaftshilfe. Oder vielleicht auch einfach mit ein paar schönen Blumen auf dem Fensterbrett oder einigen freundlichen Worten für die Nachbarin.

Sucht das Beste für die Stadt – unsere syrischen Nachbarn machen das. Ich hoffe, sie haben morgen einen schönen Fußballabend!

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