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10NOV2021
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Was haben Gorillas und Menschen gemeinsam? Sie sind in jungen Jahren glücklich, in der Lebensmitte eher unzufrieden und im Alter wieder fröhlich und ausgeglichen. Große Studien haben gezeigt: Diese drei Phasen gelten für Menschen und Affen überall auf der Welt. Natürlich gibt es Ausnahmen von dieser Glücksregel. Doch ganz allgemein lässt sich sagen: Glück hängt stark vom Alter ab.

Die Wissenschaft erklärt es so: Kinder und Jugendliche sind in der Regel neugierig und optimistisch. Nur so trauen sie sich an neue Aufgaben und lernen dazu. In der Lebensmitte stellt sich der Körper um: Ich will nicht mehr jeden Baum hochklettern, ich denke eher an das Risiko. Vielleicht spüre ich auch, wie die Kräfte nachlassen.

Ich bin jetzt Anfang 40 und könnte einfach darauf warten, dass in 10 Jahren mein Lebensglück wieder steil ansteigt. Doch so einfach will ich es mir nicht machen. Ich habe eine Vorstellung davon, was ich selbst für mein Glück tun kann.

Als erstes denke ich mir: Warum sollte ich mir meine Lust daran nehmen lassen, Neues auszuprobieren? Ein Freund lädt mich immer wieder dazu ein, einen Segelschein mit ihm zu machen. So weit ist es nicht bis zum Bodensee. Zwar habe ich vom Segeln keine Ahnung, aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Mein zweiter Glücks-Tipp besteht darin, mich mit Gott verbunden zu fühlen. Wie für viele andere ist für mich die Spiritualität ein Schlüssel zu Glück. Einige Zeit habe ich hier auch neue Dinge ausprobiert und wollte möglichst viel über die verschiedenen Religionen und ihre Mystik lernen. Seit Corona entdecke ich wieder mehr von dem, was ich schon längst kenne. Da ist das alte Kirchenlied, das ich schon als Kind mitgesungen habe. Da ist die Kapelle am Wegrand, in der ich in die Ruhe genieße und still werde. Wenn ich Glück habe, spüre ich dann, dass ich mit etwas Größerem verbunden bin. Egal wie glücklich oder unglücklich ich gerade bin, beten kann ich immer.

Vielleicht kommt das Glück im Alter von ganz allein. Schön, wenn die Wissenschaft dafür viele Belege hat. Ich habe trotzdem Ideen dafür gesammelt, was ich selbst unternehmen kann. Neues ausprobieren und meine Spiritualität pflegen. Mich interessiert, was Ihnen zu mehr Lebensglück verhilft. Gern können Sie mir schreiben. Sie finden meine Adresse unter Kirche-im-SWR.de.

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09NOV2021
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Immer mehr junge Menschen träumen davon, mit 40 Jahren in Rente zu gehen. Kein Witz. Das funktioniert so: Möglichst früh in den Beruf einsteigen und gut verdienen. Dann für einige Jahre sparen, sparen, sparen und viele Aktien kaufen. Dank eiserner Disziplin und etwas Glück an der Börse soll es mit Anfang 40 so weit sein: Das kleine Vermögen reicht, um den Beruf an den Nagel hängen zu können.

Dieses Lebensmodell hat auch einen eigenen Namen: Frugalismus. Frugalismus leitet sich vom Wort „frugal“ ab. Das bedeutet so viel wie genügsam oder einfach. Als Frugalist hinterfrage ich radikal, was ich wirklich zum Leben brauche. Keine teuren Abos, keine Fernreisen, auch nicht das neuste Handy. Außerdem sollte ich gut rechnen können: Wie viel kann ich über die nächsten Jahre ansparen? Und ab wann habe ich genug, um sorgenfrei leben zu können?

Für einen richtigen Frugalisten tauge ich wohl nicht. Die 40 habe ich schon überschritten, und ein großes Aktienpaket habe ich nicht aufgebaut. Mich fasziniert aber der Gedanke vom einfachen Leben. Frugalisten verzichten auf viele Dinge, weil sie meinen: Das brauche ich nicht, um glücklich zu sein. Der Coffee to go aus dem Pappbecher fällt weg, auch bei der Kleidung wählen sie genau aus. Junge Menschen berichten, wie sie sich so freier und zufriedener fühlen. Sie wollen auch später nicht mehr Geld ausgeben. Ihnen geht es vor allem darum, selbst entscheiden zu können, ab wann ihr Leben jenseits der Arbeit beginnt.

Wem die Frugalisten noch nicht weit genug gehen, dem empfehle ich die Geschichten von Frauen und Männern, die in der Kirche als Heilige verehrt werden. Allen voran der heilige Franziskus aus Assisi, der vor 800 Jahren gelebt hat. In seiner Generation hat er einen Trend gesetzt: arm und bedürfnislos zu leben, frei vor Gott und den Menschen. Franziskus ist noch viel weitergegangen als die Sparfüchse heute: Das Erbe seiner Familie hat er in den Wind geschossen. Ein einfaches Gewand war alles, was er besessen hat.

Franziskus hat es auf die Spitze getrieben: Wie viele andere Heilige hat er seinen Besitz komplett abgegeben und weggeschenkt. Ein Frugalist muss hoffen, dass es an der Börse weiter aufwärts geht und ihn keine großen Ausgaben überraschen. Franziskus hat diese Sorge nicht gekannt: Irgendjemand wird ihm schon ein Stück Brot zustecken. Ansonsten fastet er eben.

Wie gesagt besteht wenig Hoffnung, dass aus mir noch ein echter Frugalist wird. Ein Leben wie Franziskus habe ich auch nicht im Sinn. Doch beide Lebensweisen fordern mich heraus: Schau, was Du wirklich brauchst.

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08NOV2021
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Ein Szenario, das gar nicht mehr so weit in der Zukunft liegt: Ein selbst fahrendes Auto ist kurz davor einen Unfall zu bauen. Es hat nur die Wahl, ob es nach links in eine Menschengruppe oder nach rechts auf einen Kinderwagen zusteuert. Wie soll so ein Auto reagieren, wenn es um Leben und Tod geht?

Erst einmal gilt: Das selbstfahrende Auto wird so entscheiden, wie es der Hersteller programmiert. Wissenschaftler wollen nun herausfinden, welche Regeln dabei gelten sollen. Dafür haben sie eine weltweite Umfrage gestartet. Auf der Homepage moralmachine.net können Sie mitmachen. Der Name passt: Moralmachine heißt auf Deutsch Moralmaschine. 40 Millionen haben bereits an der Umfrage teilgenommen. Ich bin einer von ihnen. Bei den Fragen musste ich zum Beispiel entscheiden, ob bei einem Unfall eher ein Hund oder ein Mensch sterben soll. Oder ob das Roboterauto bei einem Unfall 3 oder 5 Menschen überfahren soll. Schon diese Fragen sind heikel. Doch es geht noch weiter: Sollen eher junge oder alte Menschen sterben, eher Frauen als Männer?

Auch wenn ich diese Fragen mit einem Mausklick am Bildschirm beantworten kann, beschleicht mich ein mulmiges Gefühl. Ich bin nur froh, wenn ich niemals in eine Situation gerate, in der ich so etwas entscheiden muss. Egal welche Antwort ich anklicke: richtig oder falsch kann es hier nicht geben.

Bei der Moralmaschine kann ich nur zwischen zwei Optionen unterscheiden: Stirbt bei dem Unfall ein obdachloser, alter Mann oder eine junge Sportlerin? Als Christ tue ich mich sehr schwer damit, jemandem den Vorzug zu geben. Ich will nicht entscheiden, welches Leben einen höheren Wert besitzt. Vielleicht ist es ein bisschen feige, wenn ich mich nicht festlegen möchte.

Auch andere scheinen Probleme damit zu haben, hier über Leben und Tod zu entscheiden. Denn die Umfrage lässt sich noch erweitern. In einem Experiment konnten Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine dritte Option wählen. Die dritte Antwort lautet: Alle Verkehrsteilnehmer sollen gleich behandelt werden. Die große Mehrheit, rund 80 %, haben diese dritte Antwort gewählt.

Ich weiß nicht, welche Moral Autos und Maschinen in Zukunft haben werden. Es wird auch weiterhin tödliche Unfälle geben. Vielleicht führt die Frage in die Sackgasse, wer dann bevorzugt werden soll. Darum finde ich es richtig, eine dritte Antwort anzubieten: Alle Menschen sollen gleichbehandelt werden. Am besten sollten die Maschinen diese Lektion als aller erstes lernen: Denn jedes Leben ist einzigartig und Wert, es zu schützen.

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18SEP2021
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Der Jurist Thomas Galli hat viele Jahre Gefängnisse geleitet. Als Gefängnisdirektor in Bayern und Sachsen hat er gesehen: Wer lange weggesperrt ist, hat hinterher nur noch mehr Probleme. Gewalt, Drogen, Einzelzelle – daraus werden keine besseren Menschen.

Thomas Galli argumentiert ganz praktisch mit Kosten und Rückfallquoten. Er schlägt vor: Statt viele Jahre hinter dicken Mauern zu verschwinden, sollen die Straftäter in kleineren Gruppen zusammenkommen. Es braucht viel mehr offenen Vollzug und sozialen Einsatz, um später wieder gut in der Gesellschaft leben zu können. Wer anderen geschadet hat, soll jetzt etwas für andere tun. Das Ziel lautet: Den Fehler ein Stück weit wieder gut zu machen.  

Von solchen Ideen höre ich nur selten. Häufiger ist davon die Rede, Verbrecher hart zu bestrafen. Das schafft angeblich Gerechtigkeit und Sicherheit. Doch weder im Großen noch im Kleinen scheint es mir klug, so rigoros vorzugehen.  

Die Alternative lautet vereinfacht gesagt: Ehrlich die Schuld zugeben und Ideen entwickeln, wie es besser laufen kann. Wie schwer das sein kann, sehe ich gerade bei meinem Freund Marco. Sein Sohn hat die Schule abgeschlossen und will sich eine schöne Zeit machen: Party, Reisen, neue Schuhe. Dafür hat er in den letzten Wochen immer wieder Geld bei seinen Eltern stibitzt. Marco ist richtig wütend. Er sagt: „Jetzt muss ich meinen Geldbeutel schon vor meinem eigenen Sohn verstecken! Am liebsten würde ich ihn rauswerfen.“

Da werbe ich mit Engelszungen für andere Ideen. Harte Strafen will ich Marco ausreden: „Dein Sohn könnte sich einen Job besorgen und das Geld zurückzahlen. Oder mehr im Haushalt helfen. Wenn er sich tagelang in seinem Zimmer einschließt, hat niemand etwas davon. Gib Deinem Sohn eine Chance, seinen Fehler wieder gut zu machen. Zeige ihm, wie er sich neues Vertrauen erarbeiten kann.“

Für mich gilt im Großen wie im Kleinen: Entscheidend ist, was langfristig weiterhilft. Die Strafe ist kein Selbstzweck. Klar geht es darum, sich ohne Wenn und Aber der eigenen Schuld zu stellen. Statt die Schuld danach nur abzusitzen, sollen Taten folgen: Anpacken und sich für andere einsetzen – umso wieder gut zusammen leben zu können.

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17SEP2021
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Mein Kollege Andreas hat einen der schwierigsten Jobs, die ich kenne: Seit einem Jahr begleitet er Kinder, die bald sterben. Offiziell heißt seine Aufgabe: „palliativer Lebensbegleiter für Kinder und Jugendliche und ihre Familien“. Andreas hat einige Jahre als Krankenpfleger gearbeitet, danach hat er Theologie studiert. Nun ist er Seelsorger in Tübingen und besucht Familien mit schwerkranken Kindern. Er hat sich diese Aufgabe ausgesucht und geht in seiner Arbeit auf. Denn er spürt, wie gut es den Familien tut, wenn jemand vorbeikommt, der Zeit hat und zuhört.

Andreas hat selbst vier Kinder. Seine Kinder sind gesund. Er sagt: „Wenn ich früher nach Hause gekommen bin, habe ich oft tausend Probleme gesehen: Macht endlich die Hausaufgaben, räumt die Spülmaschine aus. Nun erscheint mir mein Leben einfach und leicht. Weil ich jeden Tag auf Familien treffe, in denen der Alltag viel härter ist: Kinder, die bald sterben, müssen intensiv gepflegt werden. Da relativieren sich meine Sorgen.“

Rund 25 Familien begleitet Andreas zusammen mit einem Team aus Ärztinnen und Sozialarbeitern. Kommen sie in eine Wohnung, dann ziehen sie die Schuhe aus. Sie zeigen damit: Wir sind hier nur Gäste, hier beginnt das Leben einer Familie. Die Kinder haben meist schwere Krankheiten, zum Teil von Geburt an. Die Eltern haben ihr ganzes Leben umgekrempelt, um sich um sie kümmern zu können. Doch nicht nur das: Sie müssen zum Beispiel entscheiden, wie viele Operationen sie ihrem Kind zumuten. Was hilft dem Kind? Wie kann es sich noch am Leben freuen, was können wir ihm Gutes tun? Auch Andreas kann da keine perfekten Lösungen präsentieren. Aber er weiß, was anderen Familien geholfen hat. Und er kann den Eltern Mut zusprechen, wenn sie die Kraft verlieren.  

Andreas beschönigt nichts, wenn er mit den Eltern oder Kindern spricht. Der Tod steht vor der Tür. Die Kinder brauchen oft Schmerzmittel, um den Tag zu überstehen. Trotzdem bedeutet es ihm viel, dass er so arbeiten kann. Andreas kann die Kinder segnen, wenn sie es wünschen. Er kann ihnen zeigen: Auch ihr seid von Gott geliebt. Indem er für sie betet oder mit ihnen zuhause einen Gottesdienst feiert.   Er sagt: „Ich lerne hier viel: Was es heißt, voller Respekt für den anderen da zu sein. Ich lerne etwas über die fast grenzenlose Liebe in den Familien. Diese Liebe zeigt sich besonders in den Momenten, in denen sich das Leben und der Tod so nah kommen.“

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16SEP2021
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Heute steht in Israel alles still: niemand ist auf der Straße unterwegs, kein Baulärm, alle Straßencafés sind dicht. Nicht einmal Radio und Fernsehen senden ein Programm. Und das nicht etwa wegen Corona, sondern wegen des höchsten Feiertags der Juden: Jom Kippur. Er steht dafür, dass sich die Menschen untereinander und mit Gott versöhnen.

Die Frage, wie sich die Menschen mit Gott versöhnen können, ist in der jüdischen wie in der christlichen Tradition sehr wichtig. Dabei geht es immer auch darum, wie wir Menschen einander vergeben können. An Jom Kippur  zeigt sich: Versöhnung gibt es nicht zum Nulltarif. Es ist ein Tag an dem die Menschen fasten und Ruhe halten, sich auf sich selbst besinnen.

Auch mir als Christ ist klar: Ich kann mich nicht mit Gott versöhnen, wenn ich ständig mit meinen Mitmenschen streite. Doch wie kann das gelingen? Ein guter Bekannter von mir geht zum Beispiel jeden Sonntag in die Kirche und lebt friedlich in einem schönen Schwarzwalddorf.  Ich war richtig geschockt, als er mir eines Tages erzählt hat, dass er mit seiner Schwester seit 20 Jahren kein Wort gewechselt hat. Ein alter Streit, der einfach kein Ende nimmt. Weil keiner auf den anderen zugeht.

Ein Tag wie Jom Kippur könnte in solchen Situationen helfen. Von diesem Feiertag lerne ich, dass Versöhnung nicht allein geht. Ein ganzes Volk will sich versöhnen. Alle schauen auf ihren Anteil und bitten um Versöhnung. Und diese Versöhnung findet nicht irgendwann statt, sondern es braucht einen Termin. Einen Tag, der sich nicht weiter aufschieben lässt. Heute geht es für alle um Versöhnung. Punkt.

Wenn ich mit jemandem über Kreuz liege, geht es mir selbst nicht gut. Ständig kreisen meine Gedanken darum, wer Recht hat und warum der andere sich entschuldigen müsste. Da bin ich richtig erleichtert, wenn wir es schaffen, uns zu versöhnen. Ich kann endlich wieder frei atmen und schaue nach vorne. Es ist ein Grund zu feiern, wenn es mir gelingt, reinen Tisch zu machen. Danach kann der Tisch festlich gedeckt werden. So wie an Jom Kippur: Nach diesem Fastentag wird eine Woche lang gefeiert.

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12JUN2021
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Die Tage während der Corona-Pandemie können schnell eintönig werden. Bis zur Herdenimmunität werden wohl noch ein paar Monate vergehen. Manchmal wünsche ich mir da eine Zeitmaschine, um Corona einfach zu überspringen. Doch mit solchen Wünschen sollte ich vorsichtig sein. Das zeigt folgende Geschichte:

Eine junge Frau hat sich für einen Spaziergang verabredet. Sie ist frisch verliebt und fiebert ihrem Rendezvouz schon seit Tagen entgegen. Jetzt sind es nur noch drei Stunden bis dahin.

Da entdeckt sie auf ihrem Handy eine neue App. Sie heißt „Zeitsprung“. Sie gibt den Tag und die Uhrzeit ein und schon springt sie in der Zeit dorthin.

Der erste Test ist auch gleich erfolgreich: Im nächsten Augenblick geht sie mit ihrem Schatz am Fluss spazieren. Der jungen Frau gefällt die Zeitsprung-App und sie nutzt sie bald häufiger. Erst überspringt sie nur die Wartezeit auf den Bus, später die Monate bis zur Hochzeit. Sie erlebt nur noch die schönen Tage, denn auch den Streit im Büro oder die Grippe im Bett kann sie einfach überspringen.

Erst an ihrem 70. Geburtstag entschließt sie sich, die App zu löschen. Die Jahrzehnte sind wie im Flug vergangen. Wenn sie auf die vielen Jahre zurückblickt, hat sie das Gefühl, etwas verpasst zu haben.

Ich erkenne mich in dieser Geschichte wieder. Ständig gibt es diese nervigen Wartezeiten. Oft lebe ich in gedanklich in der Zukunft. Aber selbst wenn es die App „Zeitsprung“ gäbe, verzichte ich darauf gerne. Denn es gibt eine bessere Lösung. Entscheidend ist, ob ich selbst darüber bestimmen kann, wie ich meine Zeit gestalte. Dafür gibt es sogar ein Fachwort aus der Arbeitsorganisation: Zeitsouveränität. Je souveräner ich mit meiner Zeit umgehen kann, desto zufriedener werde ich. Fühle ich mich fremdbestimmt, empfinde ich bald Langeweile oder Stress. Das gilt im Beruf und in der Freizeit: Es nervt, wenn ich am Gleis auf den Zug warte, der schon wieder verspätet kommt. Viel besser geht es mir, wenn ich vorher ein gutes Buch einpackt habe und einfach anfange zu lesen. Und anstatt nur auf das Wochenende zu warten, kann ich mir nach Feierabend noch etwas Schönes vornehmen.

Ich kann meine Tage wie eine ungeliebte Schulstunde erleben, die ich irgendwie absitzen muss. Oder ich sehe in jedem Tag ein Potential, das ich nutzen und gestalten kann. Für mich als Christ, ist meine Zeit wie ein Geschenk. Und die will ich möglichst kreativ und aktiv nutzen. Das Zauberwort lautet: Zeitsouveränität.

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11JUN2021
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Kinderarbeit ist immer noch ein großes Problem, zum Beispiel bei der Kakaoernte. Allein in Ghana arbeiten hunderttausende Kinder auf Kakaoplantagen. Doch wer genau ist schuld daran, wenn so viele Kinder ihre Gesundheit aufs Spiel setzen müssen? Verstrickt in das Problem sind viele: Da sind die Kleinbauern, denen das Geld nicht zum Überleben reicht. Oder die großen Süßwarenhersteller, die riesige Mengen Kakao zu Dumpingpreisen aufkaufen. Hersteller und Supermärkte nehmen am liebsten die Verbraucher in die Pflicht: Wer günstige Schokolade haben will, nimmt eben Kinderarbeit in Kauf.

Weil nicht eindeutig zu klären ist, wer in solchen Fällen verantwortlich ist, nutzt die Theologie den Begriff der „strukturellen Sünde“. Gemeint ist eine Sünde, in die ich verwickelt bin, weil ich mich in Wirtschaftsstrukturen bewege, aus denen ich kaum aussteigen kann. Denn ähnliche Beispiele könnte ich für die Rohstoffe in meinem Smartphone sammeln oder wenn es darum geht, wie meine Kleidung hergestellt wird. Hinter der strukturellen Sünde steht ein komplexes System, das ich als Kunde oft nur wenig beeinflussen kann.

Nun hat die Bundesregierung endlich ein neues Gesetz auf den Weg gebracht, das hier ansetzt. Das Lieferkettengesetz. Die Idee dahinter: Für Unternehmen reicht es nicht mehr, sich hinter der Logik der Weltmärkte zu verstecken. Jedes Unternehmen soll jetzt überprüfen, wo seine Rohstoffe und Vorprodukte herkommen. Wenn zum Beispiel Kinder dafür arbeiten müssen oder die Natur großen Schaden nimmt, kann das Unternehmen verklagt werden.

Für mich ist das Lieferkettengesetz ein großer Schritt zu mehr Gerechtigkeit. Hier unternimmt die Politik endlich etwas, um die Menschenrechte weltweit besser zu schützen. Die Unternehmen und ihre Lobbyisten haben vieles versucht, um dieses Gesetz zu verhindern. Viele Punkte darin wurden entschärft. Und doch ist es ein Anfang. Ich kann als Kunde nur selten überblicken, wann und wie ein Unternehmen davon profitiert, dass Menschen ausgebeutet werden. Bei Schokolade stehen die Chancen noch ganz gut, da sehe ich, was aus dem fairen Handel kommt. Doch es geht auch um Fernseher, Möbel oder Fahrräder. Da weiß ich als Kunde nichts über die Lieferketten. Nur die Politik kann den Rahmen schaffen, um mich aus dieser strukturellen Sünde zu befreien. Darum hoffe ich, dass das Gesetz auch im Wahlkampf für den Bundestag zur Sprache kommt. Hier geht es um Menschenrechte und Umweltschutz weltweit. Wenn Länder wie Deutschland hier faire Regeln einführen, kommt das allen zugute.

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06MRZ2021
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Papst Franziskus hat ein Jubiläumsjahr zu Ehren des Heiligen Josephs ausgerufen. Alle Welt soll sich in diesem Jahr an Joseph erinnern, der das christliche Ideal eines guten Vaters verkörpert. Maria ist er ein treuer Ehemann, er sorgt sich um das Wohl seiner Familie. Früher konnte ich mit diesem heiligen Joseph nicht viel anfangen. Denn er hat auf mich immer sehr brav und bieder gewirkt.

Seit ich Kinder habe, denke ich viel darüber nach, wie ich ein guter Vater sein kann. Den heiligen Joseph habe ich auf einmal besser verstanden. Ich habe bei ihm eine einfache Wahrheit entdeckt: Als Vater muss ich mich zurücknehmen können. Ich suche nicht ständig meinen eigenen Vorteil, meinen eigenen Spaß. Stattdessen Windeln wechseln, kochen und Schulaufgaben nachsehen.

Doch auf Dauer ist das auch kein Rezept für einen guten Vater: Wenn ich ständig auf meine eigenen Wünsche verzichte, bin ich irgendwann nur noch genervt. Dazu ist das Leben zu vielseitig. Da braucht es auch Zeit für Gespräche mit meiner Frau, Zeit für mich oder für Sport. Nur so kann ich Kraft sammeln, um ein fröhlicher Vater zu sein.

Es ist nicht so einfach, das alles unter einen Hut zu bekommen. Meinen Tagen scheinen oft ein paar Stunden zu fehlen. Zum Glück habe ich festgestellt, dass sich die verschiedenen Wünsche manchmal auch verbinden lassen. Ich kann zum Beispiel auch mit meinen Kindern eine Fahrradtour unternehmen – so komme ich zu meinem Sport. Ich kann mit meiner Frau Arbeit und Beruf gut absprechen, so dass es nicht jeden Tag neu verhandelt werden muss.

Ich weiß nicht, wie es damals dem heiligen Joseph ging. Hoffentlich hat er nicht nur für andere verzichtet, sondern hatte auch Zeit für sich und seine Freunde. Mein Wunsch, ein guter Vater zu sein, ist die schwerste und schönste Aufgabe meines Lebens. Da lerne ich jeden Tag dazu. Und wenn ich mal wieder mit meinen Nerven am Ende bin, dann seufze ich und sage: „Guter Gott, ich habe getan, was ich konnte. Bitte bleibe bei uns, so dass meine Kinder wachsen und fröhlich sind. Segne meine Familie und alle Eltern und Kinder dieser Welt.“

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05MRZ2021
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Dieses Land ist so klein, dass ich seinen Namen noch nie gehört habe. Das Land heißt Vanuatu. Vanuatu besteht aus 83 Inseln im Pazifischen Ozean. Irgendwo zwischen Australien und Neuseeland.

Heute schauen viele Menschen auf dieses kleine Land. Denn heute feiern Christinnen in über 100 Ländern den Weltgebetstag der Frauen. Immer am ersten Freitag im März treffen sich Frauen und beten für den Frieden und die Schöpfung. Dabei steht jedes Jahr ein anderes Land im Mittelpunkt: Wie leben die Frauen dort? Womit haben sie zu kämpfen? Wie feiern sie ihren Glauben?

In Vanuatu geht es den Frauen auf den ersten Blick gut. Schließlich leben sie in einem Südseeparadies, mit Palmen und langen Sandstränden. Doch dieses Paradies ist in Gefahr. Im letzten Jahr hat ein Wirbelsturm viel zerstört. Und die Menschen wissen, was der Klimawandel bedeutet: Wenn der Meeresspiegel steigt, werden viele ihre Dörfer verlassen müssen.

In ihrem Alltag beschäftigt Frauen in Vanuatu oft auch das Thema Bildung und Beruf. Etwa Rhetoh, eine Frau Anfang 50. Die Schule musste sie ohne Schulabschluss verlassen. Ihre Familie konnte das Schulgeld nicht mehr zahlen. Dabei wollte sie so gern weiter lernen, um für ihre Familie sorgen. In ihrer Kirchengemeinde hat Rhetoh sich dann doch noch weiterbilden können. Sie hat einen Nähkurs besucht. Heute verkauft sie auf dem Markt stolz ihre Stoffe und Kleider.

Bildung bleibt für junge Frauen auf Vanuatu wichtig. Viele Schulen sind weit von den Dörfern entfernt. Deswegen bleiben die Mädchen häufig im Haushalt und nur die Jungen gehen zur Schule. So haben es die Frauen später schwer, wenn sie sich nach einer guten Arbeitsstelle umschauen.

Der Weltgebetstag gibt diesen Frauen ein Gesicht und eine Stimme. Sie leben am anderen Ende der Welt, doch ich erfahre etwas über ihr Leben, ihren Mut und ihren Glauben. In Vanuatu sagen viele: Long God yumi stanap. Das heißt: Mit Gott bestehen wir! Und die Frauen von Vanuatu freuen sich, dass sich viele mit ihnen verbunden fühlen. In Gedanken bekommen sie heute viel Besuch. Auf einer der vielen kleinen Inseln weit draußen im Pazifischen Ozean.

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