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03DEZ2021
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Jetzt in den Dezembertagen wollen wir fleißig proben für das Krippenspiel an Heiligabend in der Kirche. Wir planen alles, so gut es geht, obwohl wir befürchten, dass am Ende die Coronasituation die Gottesdienste noch einmal sehr kompliziert machen wird und manches zuletzt vielleicht sogar wieder ganz ausfällt. Neben den Kindern, die Rollen fürs Krippenspiel einstudieren, haben jetzt auch andere Helferinnen und Helfer viel zu tun: Die Leute, die fürs Bühnenbild zuständig sind, die Mikrophone vorbereiten und Liedblätter schreiben, damit die Gemeinde an Weihnachten mitsingen kann, oder wenigstens mitlesen; die Leute, die Engelsgewänder nähen und Flügel basteln. Mich berührt es in jedem Jahr wieder neu, wenn ich erlebe, wie sich so viele Menschen dabei einbringen, dass es an Weihnachten ein schönes Krippenspiel gibt. Sie alle gehören für mich zur Adventszeit und zur Weihnachtsgeschichte dazu. Daheim werden Rollentexte einstudiert, und der Opa kann die Rolle des Verkündigungsengels aus der Weihnachtsgeschichte bald mindestens genauso gut wie die Enkeltochter, denn er hat ja mitgeübt.

Und der Konfirmand, der niemals auf der Bühne stehen will, aber sich mit dem Mischpult für die Lichtsteuerung auskennt, auf dessen Technik verlassen sich alle Mitwirkenden genauso wie einst die Sterndeuter sich auf den Stern von Bethlehem verlassen haben.

Ich überlege mir, welche Rolle ich heutzutage gerne spielen würde, wenn plötzlich eine Rolle frei würde und ich einspringen müsste. In meiner Fantasie gehe ich die Rollen durch. Da ist die Rolle des Wirtes, der im Krippenspiel immer zu sagen hat, dass er kein Zimmer mehr frei hat für Maria und Josef. In der Zeit der Coronakrise werde ich diese Rolle leider wahrscheinlich übernehmen müssen, wenn die Plätze in der Kirche an Heiligabend nicht ausreichen.

Und die Rolle des Verkündigungsengels, der den Leuten erzählt, dass Jesus in Bethlehem geboren wurde, naja, ein bisschen bin ich das als Pfarrerin ja sogar von Amts wegen.

Eine der schönsten Rollen ist für mich die von den Hirten, die bei ihrer Arbeit überrascht wurden von einer Botschaft der Hoffnung aus dem Himmel.

Die Botschaft, dass Gott in schwierigen Zeiten ganz nah bei seinen Menschen ist, die bekommen die Hirten zu hören. Und gerade in der Coronakrise ist das nicht etwas nur für Krippenspielkinder sondern für mich und für alle Menschen – und nicht nur für Weihnachten.

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02DEZ2021
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Vor kurzem habe ich ein neues Wort gelernt: Das Ende eines Films oder eines Buchs zu verraten; das nennt man spoilern. Und das ist etwas, was heutzutage gar nicht gut ankommt.

Spoilern – das ist eine verhältnismäßig junge Sache. Das Ende eines Films konnte man immer schon verraten, aber früher hatten die Filme selten ein wirklich überraschendes Ende. Dass John Wayne am Ende des Westerns siegreich in die Weite der Prärie reiten wird, wissen wir eigentlich schon von Anfang an; dass Pretty Woman und ihr reicher Arbeitgeber nach vielen Komplikationen doch noch zusammenfinden, ebenfalls. In vielen alten Filmen gibt es nichts zu spoilern, das wirklich von Belang wäre, da das Ende ohnehin feststeht: Happy End. Aber neuerdings lebt eine ganze Filmsorte davon, dass für die Zuschauer am Ende des Films noch ein paar Rätsel ungelöst bleiben und man deshalb gespannt auf die Fortsetzung wartet. Wer aber die Lösung verrät, wer das Ende „spoilert“, der verdirbt nicht nur andern den Spaß, sondern den Filmemachern auch das Geschäft.

Dabei gibt es Spoiler schon sehr lange. In unserer Kirche habe ich ein Beispiel gefunden, in einer mittelalterlichen Figurengruppe: Sie zeigt, wie der Engel Gabriel zu Maria kommt und ihr die Botschaft überbringt, dass sie Gottes Sohn zur Welt bringen wird.

Die Darstellung verrät dem Betrachter noch mehr: Das Kind, das in der Botschaft des Engels abgebildet ist, trägt ein Kreuz. Wer diese in Stein gemeißelte Geschichte betrachtet, erfährt, wie die Geschichte von diesem Kind endet: mit der Kreuzigung. Die Darstellung spoilert: wer genau hinschaut erkennt, wie es weitergehen wird.

Erst als ich jetzt diesen neuen Begriff gelernt habe, spoilern, da habe ich diese mittelalterliche Darstellung von Maria und dem Engel noch einmal ganz neu gesehen. Für den Bildhauer war die Kreuzigung etwas, was schon von Anfang an festgestanden hat.

Uns hat der Bildhauer es verraten. Und genau wie bei den Spoilern von heute wäre der Engel Gabriel vermutlich nicht einverstanden gewesen, dass jemand Maria das En

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01DEZ2021
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Man sollte mir keine Gutscheine schenken!

Ich habe eine ganze Schublade mit Gutscheinen darin. Beim Aufräumen fallen sie mir wieder in die Hand. Und machen mir gleich ein schlechtes Gewissen. Ein Gutschein für eine Massage. Ein Gutschein für ein Essen in einem Lokal. Ein Gutschein für einen Theaterbesuch.

Manche Gutscheine sind schon etwas älter. Ich habe sie mal zum Geburtstag bekommen oder beim Abschied aus einem Amt. Und dann hatte ich keine Gelegenheit, sie gleich einzulösen. Mittlerweile sind sie wahrscheinlich wertlos. Und bei einigen habe ich auch vergessen, von wem ich den Gutschein einmal geschenkt bekommen habe.

Gutscheine sind so etwas wie in die Zukunft verlagerte Geschenke. Eigentlich sogar nur Teilgeschenke: Der Geber hat schon dafür bezahlt. Nun muss die Beschenkte ihren Teil dazu beitragen und sich irgendwann drum kümmern, dass der Gutschein eingelöst wird.

Auf den ersten Blick sieht es nach sehr viel Freiheit aus. Ich kann mir aussuchen, wann ich das Geschenk einlöse. Und ich habe mich auch jedes Mal sehr über den Gutschein gefreut.

Aber jetzt liegen sie fast alle ungenutzt in der Schublade, und ich merke: Mich macht das nicht frei, so wie es die Schenker einmal geplant hatten, sondern es engt mich ein.

Angesichts meiner Schublade mit den vielen Gutscheinen denke ich an das Bibelwort aus dem Buch der Prediger. Darin heißt es: Alles hat seine Zeit.

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit.

Der Prediger zählt noch eine ganze Reihe Dinge auf – immer in solchen Gegensatzpaaren. Und mir sagt das, dass es für viele Dinge den richtigen Zeitpunkt gibt, Und wenn der Zeitpunkt verstrichen ist, dann ist etwas anderes dran.

Ich denke, das gilt auch für Gutscheine, und der Bibeltext könnte weitergehen: Schenken hat seine Zeit. Beschenkt werden hat seine Zeit. Ich nehme mir vor, Gutscheine nicht mehr aufzuheben, sondern immer so bald wie möglich einzulösen, weil ich sie dann – zu ihrer Zeit – auch wirklich genießen kann.

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30NOV2021
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Jeder Mensch hat einen Namen. Und wenn Menschen nicht mit ihrem Namen angesprochen werden, dann kann das sehr verletzend sein. In Amerika gibt es seit ein paar Jahren eine Bewegung, deren Motto ist: „Nennt sie beim Namen!“ Es geht um die Opfer von Gewalt. Es sind nicht einfach irgendwelche Namenlose, die getötet werden, entführt, verletzt, missachtet oder gedemütigt, sondern es sind echte, lebendige Menschen, denen das angetan wird; sie haben ein Gesicht, eine Geschichte und eine Familie. Und sie haben einen Namen.

Wie war noch gleich der Name? Während ich in der Bäckerei mit der Frau geplaudert habe, die neben mir gewartet hat, habe ich mir den Kopf zerbrochen:

Wie war noch gleich der Name von ihr?

Ich habe genau gewusst: Ich kenne sie. Aber mir ist partout der Name nicht eingefallen.

Als Pfarrerin habe ich schon viele Menschen kennengelernt. Oft waren das sehr eindrückliche Situationen: Wenn ich ein Kind in der Familie getauft habe oder einen Verwandten beerdigt habe. Und wenn mir diese Leute dann ein paar Monate später wieder begegnen, dann erwarten sie, dass ich mich daran erinnere und natürlich auch an ihren Namen.

Aber leider ist mein Gedächtnis kein Computer. Und nicht jeder Name ist auf Knopfdruck abrufbar. Manchmal ist mir das peinlich. Ich weiß, dass es Leute als Kränkung empfinden, wenn sie das Gefühl haben, dass man sie vergessen hat. Dabei ist das meistens gar nicht der Fall.

Ich erinnere mich an unsere Begegnung, ich weiß, worüber wir gesprochen haben. Bloß der Name, der ist jetzt grad…

Munter plaudert meine Gesprächspartnerin weiter und erzählt von ihrem letzten Arztbesuch. Und dann berichtet sie: „Also, da sagt doch dieser Arzt zu mir: Frau Müller, sagt er, Sie haben alles richtiggemacht.“

Natürlich, Frau Müller – so heißt sie. Wieso ist mir das nicht gleich eingefallen?! Ich bin sehr erleichtert, dass der Name wieder da ist und auch, dass ich meinen Aussetzer nicht zugeben musste. Andererseits: Wäre es so schlimm gewesen, einfach zu fragen?

Menschen beim Namen zu nennen, das ist wichtig. Bei den Opfern von Gewalt und bei allen anderen Menschen genauso. Und es ist auch erlaubt, zu sagen: Mir fällt Ihr Name gerade nicht ein, bitte helfen Sie mir weiter.

Weil es zeigt: Ich möchte Sie beim Namen nennen, denn das ist mir wichtig.

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29NOV2021
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„Sie können darauf warten“, sagt die Mitarbeiterin des Autohauses zu mir. Ich habe einen Termin zum Reifenwechsel ausgemacht. Das musste nun auch noch sein. Jetzt in der Zeit, die so vollgepackt ist mit Terminen, die alle noch dran sein sollen in diesem Jahr. Die Adventszeit hat angefangen, Hochsaison für die Weihnachtsvorbereitungen. Und auch höchste Zeit, endlich die Winterreifen aufziehen zu lassen. „Es dauert nicht sehr lange. Sie können drauf warten.“ Bekomme ich zu hören.

„Hoffentlich hat sie recht!“ denke ich mir. Ich bin nicht sehr begabt im Warten. Immer ist so viel zu tun. Wenn ich weiß, dass ich irgendwo mit Wartezeit rechnen muss, nehme ich mir immer etwas mit: etwas zum Lesen oder zum Schreiben. Bloß nicht warten müssen. Bloß keine Zeit verschwenden.

Ich weiß, dass es vielen Menschen so geht, dass sie Wartezeit als verlorene Zeit empfinden. Und die Adventszeit jetzt, von der es oft heißt, dass sie eine besinnliche Zeit sein sollte, die ist für viele Menschen eher das Gegenteil. Die, die jetzt auf etwas warten müssen, die warten ungeduldig. Wir Christen erzählen uns in der Adventszeit Bibelgeschichten vom Warten.

Vom Warten der Eheleute Elisabeth und Zacharias, dass sie Eltern werden. Oder davon, wie Maria von einem Engel besucht wird, und dann wartet, ob sich seine Verheißungen erfüllen werden.

 

Das ist natürlich ein ganz anderes Warten als ich es in der Autowerkstatt verbracht habe. In diesen Geschichten lässt Gott die Menschen warten, bis er sein Versprechen erfüllt: Zacharias und Elisabeth werden Eltern, obwohl sie beide schon so alt sind. Maria erlebt, wie Gott seine Versprechen nach und nach einlöst und der Messias in Bethlehem geboren wird. Das passiert nicht urplötzlich wie ein Blitzeinschlag. Nein, darauf müssen sie sich vorbereiten, warten – und diese Zeit bekommen sie.

Aber heute starte ich in die Adventszeit nicht nur mit frisch aufgezogenen Winterreifen, sondern auch noch mit einer kleinen Lektion in Warten. „Sie können darauf warten.“ Der Satz klingt gut. So habe ich einfach gewartet. Ich konnte meine Gedanken schweifen lassen ohne Hetze und ohne neues Programm. Eine gute Art mich vorzubereiten auf das, was als nächstes kommt.

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10SEP2021
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„Kein Interesse an der Goldenen Konfirmation.“ Ganz enttäuscht hat das eine Frau aus meiner Gemeinde zu mir gesagt. Sie hat sich auf die Suche gemacht nach den Adressen der Menschen, die vor 50 Jahren zusammen mit ihr zur Konfirmation gegangen sind. Und sie hat lauter Absagen bekommen. Kein Interesse an der Goldenen Konfirmation.

Mich macht das sehr nachdenklich. Seit vielen Jahren feiere ich mit den Jubilaren meiner Gemeinde ihre Goldene Konfirmation. Und ich beobachte: Das Interesse dafür hat nachgelassen. Wahrscheinlich gibt es dafür mehrere Gründe: Vielleicht liegt es daran, dass sich die 64-jährigen von heute nicht wie 64 fühlen. Jedenfalls nicht wie Leute, denen es gefällt, ein Fest zu begehen, bei dem es um Erinnerung und ums Zurückschauen geht. Viele sind voller Unternehmungslust und schauen nach vorne, haben Pläne und Projekte. Bei der Goldenen Konfirmation schaut man ja eher zurück, und das Zurückschauen wird lieber auf später verschoben. Vielleicht weil es auch traurig stimmt.

„Altwerden ist nichts für Feiglinge“, hat der Schauspieler Joachim Fuchsberger sein Buch genannt, das er mit 84 Jahren geschrieben hat. Ein humorvoller Satz für einen 84jährigen. Stimmt er auch schon für 64jährige? Ich merke selbst, dass es mir manchmal einen Stich versetzt, wenn andere über berufliche Pläne sprechen, die sie in den nächsten Jahren verwirklichen wollen und ich dann einräumen muss, dass meine Pläne eine ganz andere Richtung nehmen.

Bis in euer Alter bin ich derselbe, sagt Gott in der Bibel zu seinen Menschen (Jes 46,4a). Das finde ich ermutigend: Dass sich in allem, was sich in meinem Leben verändert, Gottes Gegenwart nicht verändert. Ich erlebe Gott immer anders, in jedem Lebensalter entdecke ich neue Seiten an ihm. Das schon. Aber es wird nicht weniger, was ich von ihm erfahre, sondern im Gegenteil: immer mehr. Derselbe Gott, der nicht weggeht, sondern immer für mich da ist.

Das würde ich gerne feiern mit den Menschen, die beim Erwachsenwerden mit 14 Gottes Segen zugesprochen bekommen haben: Wie ermutigend es ist, diesen Segen mit 64 wieder zugesprochen zu bekommen und ihn zu erkennen im nach vorne Schauen und bei einem – mutigen – Blick zurück.

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09SEP2021
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Haben Sie auch eine Übergangsjacke? Ein Kleidungsstück für Septemberabende: nicht zu dick und nicht zu dünn, wenn es tagsüber nicht mehr so drückend heiß ist und in der Dämmerung schon ganz schön kühl werden kann? Eine Übergangsjacke, das ist etwas Praktisches. Sie ist so leicht, dass man sie einfach über den Arm hängen und vorsichtshalber mitnehmen kann, weil man fürchtet: Nachher wird es vermutlich kühler, und dann werde ich sie brauchen, die Übergangsjacke.

Manchmal wünsche ich mir auch für meine Seele so eine Übergangsjacke. Eine Hülle, die ich vorsichtshalber immer dabei habe und die mich warm hält, wenn es kühler wird, wenn sich ein Problem als schwieriger herausstellt, als ich gedacht hatte.

Für Josua aus der Bibel hat es so etwas wie eine Übergangsjacke gegeben: Eine schützende Hülle. Er ist mit Mose und dem Volk Israel unterwegs gewesen. Josua ist aufgewachsen in der Wüste. Er kennt nichts anders als das Nomadenleben. Doch dann wollte Mose ihn zu seinem Nachfolger machen. Auf einmal sollte Josua verantwortlich sein für ein ganzes Volk, und er sollte es in eine neue Heimat bringen. Ich kann mir gut vorstellen, wie dem Josua da erst mal mulmig geworden ist und wie er sich gefragt hat, ob er der Aufgabe überhaupt gewachsen ist.

Und dann hat Mose ihn gesegnet und ihn beauftragt, nun das Volk Israel über den Fluss zu führen in das neue Land. Die Bibel hält fest, was Gott nun zu Josua gesagt hat: Sei getrost und unverzagt. Wie ich mit Mose gewesen bin, so will ich auch mit dir sein. Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen.

Josua hat nicht nur den Auftrag bekommen, den vorher Mose gehabt hat, sondern auch die Ausstattung dazu: Gottes Beistand.

Eine schützende Hülle, wenn es schwierig werden sollte. Josua hat jetzt gewusst, dass es nicht nur an ihm selbst liegt, ob er die Führung des Volkes hinbekommt, sondern dass er Gottes Beistand – wie eine wärmende Jacke – bei sich hat.

Ich denke mir, dass es an allen Übergängen hilft, sich das klarzumachen: Da kommt neues auf mich zu, aber Gott geht mit mir. Wie mit einer Jacke für kühlere Zeiten bin ich ausgestattet mit Gottes Schutz.

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08SEP2021
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Im Wäschekorb türmt sich die unerledigte Bügelwäsche. Aber es ist ein heißer Tag, und mir ist so gar nicht nach bügeln. Und während ich mich mit einem Buch in ein schattiges Plätzchen verziehe, denke ich an einen anderen, der sogar berühmt geworden ist für seine Aufschieberei: der Prophet Jona aus der Bibel. Gott hatte ihm den unangenehmen Auftrag gegeben, in die Stadt Ninive zu gehen und den Bewohnern ordentlich die Leviten zu lesen. Jona tut aber genau das Gegenteil. Er drückt sich um seinen Auftrag und flieht auf ein Schiff, das ihn möglichst weit weg bringt von Ninive.

Es war also schon immer so: Wir wollen uns um unangenehme Aufgaben drücken – sei es um die Bügelwäsche oder auch um große Herausforderungen wie die von Jona. Es ist offenbar ein altes Menschheitsproblem. Und wir schieben eine Anstrengung manchmal selbst dann vor uns her, wenn das schlimme Konsequenzen hat. Mir ist das bewusst geworden, als ich vor kurzem auf die Internetseite der Anonymen Alkoholiker gestoßen bin. Hier findet man Informationen zu einem 12-Punkte-Programm, mit dem Alkoholkranke aus ihrer Sucht herausfinden sollen.

In der Einleitung heißt es:
„Vor manchen Schritten scheuten wir zurück. Wir dachten, wir können einen einfacheren, bequemeren Weg finden. Aber das ging nicht. Ernsthaft und eindringlich bitten wir Sie, von Anfang an furchtlos und gründlich zu sein. Einige von uns hatten versucht, an alten Vorstellungen festzuhalten: Das Resultat war gleich Null, bis wir kapitulierten.“

Am Anfang steht die Erkenntnis, dass Alkoholkranke meistens vor ihrer Sucht davon laufen. Sie müssten sich der Krankheit stellen, aber sie schieben die Konsequenzen vor sich her. Wer das erkennt, ist noch nicht gerettet. Aber ohne die Erkenntnis „Ich habe mich bislang vor der Wahrheit gedrückt“, hat niemand eine Chance auf dem Rettungsweg voranzukommen. Die anonymen Alkoholiker sind davon überzeugt.

Die Erfahrung gibt ihnen Recht. Und es ist auch die Erfahrung von Jona aus der Bibel.
Aufschieben bringt manchmal nur eine kurze Entlastung. Aber keine Lösung. Das gilt für große Herausforderungen, es gilt aber auch für mich und meine Bügelwäsche. Während ich seufzend mein Buch beiseitelege und das Bügelbrett aufbaue, danke ich Jona in Gedanken, dass ich von ihm lernen kann.

 https://www.anonyme-alkoholiker.de/unsere-idee/wie-es-funktioniert/

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07SEP2021
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Vor kurzem habe ich mich auf Anraten meiner Ärztin einer Gymnastikgruppe angeschlossen. Eigentlich macht es Spaß. Aber nach einer halben Stunde geht mir meistens die Puste aus, und ich schaue neidvoll auf die Mitturnerinnen, die anscheinend mühelos und sehr viel gelenkiger als ich die Knie beugen und die Arme strecken und die Muskeln anspannen und den Hals verdrehen. Und dann fällt mein Blick auf Ulla, und sie zeigt mir quer durch den Saal mit einer aufmunternden Geste: „Noch 20 Minuten“ und macht ein Gesicht dazu, dass ich schmunzeln muss: Für sie ist es genauso anstrengend, und sie zählt wie ich die Minuten.

Und genau das macht es mir plötzlich wieder leichter, weiterzumachen. Die letzten Reserven zu mobilisieren, den inneren Schweinehund zu überwinden. Gemeinsam verdrehen wir die Augen und raffen uns für die letzten 20 Minuten auch noch auf.
So eine aufmunternde Geste tut auch sonst gut, wenn es darum geht, die Mühen des Alltags zu überstehen.

Auch die Bibel erzählt von Menschen, die das Gefühl hatten, dass ihnen die Puste ausgeht. Aber mitten in ihren Sorgen und Mühen haben sie die Entdeckung gemacht, dass Gott ihnen weitergeholfen hat. Da war ein Fingerzeig in ihrem Leben, ein mutmachender Blick und eine aufmunternde Geste, und das hat den Menschen die Kraft gegeben, durchzuhalten. Gott hat ihnen geholfen, die Hoffnung nicht zu verlieren. „Lass den Herrn deinen Weg bestimmen! Vertrau auf ihn! Er wird es schon machen.“ (Ps 37,5 Basisbibel)

Im Falle meiner Turnschwester Ulla sind es dieser Blick, diese Geste, die mir sagen: Ich weiß, wie es sich für dich gerade anfühlt. Und ich halte mit dir zusammen durch.

Im Glauben ist es Gott, der mir mit vielen solchen kleinen und großen Zeichen sagt: Ich weiß, wie es dir geht, was für dich mühsam ist und dich fast verzweifeln lässt. Und ich, dein Gott, halte mit dir aus. Ich gebe dir Kraft und Hoffnung und Zuversicht zum Durchhalten, und ich zeige dir einen guten Weg, den du weitergehen kannst.

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06SEP2021
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Sorglos spielen können, manchmal beneide ich kleine Kinder darum, dass sie das hinkriegen. Vor kurzem hatte ich eine wichtige dienstliche Besprechung. Es ist um Baumaßnahmen an unserer Kirche gegangen. Unsere kleine Arbeitsgruppe hat sich dort unter freiem Himmel getroffen, wir haben über die Finanzierung diskutiert und uns die Köpfe dabei heißgeredet. Es war ein warmer Sommertag. Eine Kindergartengruppe ist mit den Erzieherinnen vorbeigekommen und hat im Schatten der Kirche eine Pause eingelegt. Ein Kind hat sich auf den Kiesweg gesetzt und mit den Händen Kreise in den Kies gezogen. Ganz in sich gekehrt, ganz vergnügt und ganz bei sich. Voller Geduld hatte es seine Freude daran, dass seine kleinen Arme so wundervolle Kreise hinbekommen. Was für ein beruhigendes Bild! Und was für ein Gegensatz zu den heftigen Diskussionen und Überlegungen und Bedenken, die wir Erwachsenen im selben Moment ausgetauscht haben.

Ich denke mir, mindestens unsere Seele kennt dieses Gefühl von Sorglosigkeit. Und unsere Seele erkennt es wieder in den Bildern, die Jesus vom Paradies zeichnet, vom Reich Gottes: Ein Reich ohne Sorge und ohne Misstrauen und Missgunst, ein Reich ohne Finanzierungsfragen und Geldnot. Ein Reich, in dem wir sorglos sein können wie die Vögel unter dem Himmel und die Lilien auf dem Feld. Ein Reich, in dem die Dinge so wie sie sind, in Ordnung sind.

Jesus lädt uns ein, daran zu glauben: an die Vision vom sorglosen Sein in Gottes Reich. Aber – Ist das nur Kinderkram?
Sind wir Erwachsene dafür nicht viel zu abgeklärt? Mir geht es so: Ich bin oft viel zu sehr vom Alltag ernüchtert, viel zu sehr mit Kleinkram beschäftigt, viel zu sehr mit den Malaisen des täglichen Lebens befasst, um den Blick frei zu halten, den Kopf frei zu kriegen für solche verrückten Ideen, solche köstlichen Verheißungen von einem Sein ohne Sorge.

Strebt nach Gottes Reich. Trachtet nach seiner Gerechtigkeit. Dann kommt alles, was ihr sonst noch braucht, ganz von selbst, sagt Jesus.

Meistens denke ich umgekehrt: Erst mal für alles sorgen, was mir wichtig ist: Pflichten, Kinder, Gesundheit, Arbeit. Wenn dann noch Zeit ist, kommt auch die Seele noch dran.
Aber von diesem Kind auf dem Kiesweg lerne ich, wie gut es tut, im Alltag immer mal wieder und wenigstens einen Augenblick lang Kreise der Sorglosigkeit zu zeichnen und daraus zu lernen fürs große Ganze.

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