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Das Kloster von Taizé in Frankreich. Für viele Jugendliche war das ein Ort, an dem sie mit anderen Jugendlichen über ihren Glauben reden und ihn feiern konnten. Der Tod des Leiters, der Tod von Frère Roger, war für viele ein Einschnitt.

Wir sind sehr dankbar über die Kontinuität, und wie es weitergeht nach dem Tod von Frère Roger und das ist ein Geschenk.

Frère Alois, der Nachfolger von Frère Roger freut sich über die vielen Jugendlichen, die sich auch gerade jetzt in den Ferien wieder in das Kloster von Taizé aufgemacht haben.

 

Teil I
Gerade jetzt in den Sommerferien haben sich viele Jugendliche - auch aus unserem Sendegebiet - wieder in das kleine Dörfchen Taizé in Burgund aufgemacht, um dort zur Ruhe zu kommen, mit anderen über ihren Glauben nachzudenken und vielleicht für den eigenen Lebensweg Weichen zu stellen. Auch Lukas, 20 Jahre alt, nutzt die Zeit zwischen Schulabschluss und Studienbeginn, um noch einmal dort aufzutanken. Für ihn ist Taizé ein ganz besonderer Ort. Er kennt Taizé seit seiner frühen Kindheit.

Ich war mit 5 Jahren das erste Mal in Taize und dort gab es immer ein großes Programm für Kinder. Dort war ich dann auch in der Kindergruppe, hab dort gespielt, viele Leute kennengelernt, z.b. jemanden aus Südafrika. Und bei den Gottesdiensten konnte man dann immer bei Frère Roger sitzen, einfach bei ihm sein und dort die Gottesdienste miterleben, als ein kleines Kind. Das war natürlich etwas ganz Besonderes, wo man heute immer noch dran denkt.

Die Nähe zu Frère Roger, dem Gründer und charismatischen Leiter der Gemeinschaft der Brüder von Taizé hat viele Jugendliche in Taizé immer wieder neu fasziniert. Aber nicht nur das, meint Lukas:

In Taizé kommen halt viele Leute hin, die einfach glauben, und das ist heute nicht mehr so ganz selbstvertändlich. Und es macht einfach Spaß, mit Leuten zusammenzusein, die vielleicht gleiche Ansichten haben, mit denen man reden kann über Glauben, Gott und so weiter.

Ähnlich sieht es auch Sandra, 30 Jahre und Erzieherin. Auch sie war schon oft in Taizé und ist begeistert davon, ...

... dass jeder so angenommen wird, wie er ist; dass es ganz verschiedene Menschen gibt und die sich alle irgendwie verstehen können.

Aber da gibt es noch etwas für sie, was für sie zum Wesen und zur Mitte von Taizé gehört. Und das sind die Gottesdienste:

Also von mir aus hätte der Gottesdienst den ganzen Tag gehen können. Nicht nur morgens, mittags und abends. Das war wirklich so zur Ruhe kommen und sich 'was Gutes tun.

2005 wurde Frère Roger im Abendgottesdienst von einer geistig verwirrten Frau ermordet. Viele machten sich Sorgen, wie es weitergehen würde mit der Bewegung von Taizé.

Teil II
Fünf Jahre ist es nun her, seit Frère Roger, der Prior und Gründer des Klosters von Taizé in Burgund. Im Abendgottesdienst ermordet wurde. Viele haben sich damals Sorgen gemacht, wie es weitergehen würde, gerade auch die vielen Jugendlichen, die Jahr für Jahr dorthin gehen, um über ihren Glauben nachzudenken. Aber auch die vielen Erwachsenen, die dort vor vielen Jahren als Jugendliche einmal waren und nun in den Kirchengemeinden hier engagiert sind. Wie sehr der Tod von Frère Roger die Brüder dort immer noch bewegt, erzählt Frère Alois. Mit ihm habe ich Mitte der 70er Jahre dort Jugendliche empfangen, nun ist er selbst der Nachfolger von Frère Roger.

Zunächst muss ich sagen, dass Frère Roger uns fehlt, er fehlt uns immer noch, denn durch seine Art, als er noch da war, selbst als er alt war, einfach seine Gegenwart, seine Präsenz hat unser Zusammenleben geprägt. Und für mich ist es natürlich eine große Veränderung gewesen, als ich dann nach ihm diese Verantwortung des Priors übernommen habe. Aber andererseits bin ich auch sehr dankbar, weil alle Brüder das mittragen. Ich sehe es nicht so sehr, dass ich der Nachfolger von Frere Roger bin, sondern wir alle, wir Brüder.

Und das heißt: er besucht junge Christen in der ganzen Welt, die unter schwierigsten Bedingungen ihren Glauben leben. Dafür ging er schon bis nach China, Kenia und in viele andere Länder. Eine ganz wichtige Aufgabe und ein Herzensanliegen bleibt es ihm aber, Menschen in Taizé zu empfangen und sie ein Stück auf ihrem Glaubensweg zu begleiten.

Es ist sicher wichtig, dass in Taizé die Jugendlichen weiterhin spüren, wir haben hier den ersten Platz. Aber das bedeutet überhaupt nicht, dass Erwachsene hier nicht willkommen sind. Im Gegenteil. Es ist ganz wichtig, dass Jugendliche hier auch auch in den Gesprächen, auch in der Kirche deutlich sehen, dass wir nicht einfach nur eine Jugendkirche machen. Wenn wir das Gespür für Gemeinschaft, für Kirche wecken wollen, dann gehört auch dazu Gemeinschaft über die Generationen hinweg.

Und solch eine Gemeinschaft wird in vielen Kirchengemeinden hier vor Ort gelebt. Erwachsene hier, die vielleicht als Jugendliche in Taizé waren haben verstanden, was den Brüdern von Taize von Anfang an eines der wichtigsten Anliegen war und bleibt. Frère Alois beschreibt es so:

Es stimmt schon, Mitte der 70er Jahre hat Frère Roger und haben wir diesen Weg ganz deutlich eingeschlagen, den Jugendlichen zu sagen, geht in eure Ortskirchengemeinde. Der Bezugspunkt im Glauben kann nicht in Burgund in Taizé sein, sondern muss vor Ort sein, sucht dort nach Gemeinschaft.

Teil III
Allein zwölf Melodien im Evangelischen Kirchengesangbuch zeugen davon, wie stark die berühmten Gesänge aus dem Kloster von Taizé in die Gottesdienste unserer Kirchengemeinden hineinwirken. Und es sind nicht nur die Gesänge. Gerade auch das Moment der Stille, das Ausruhen wird in der Liturgie immer wichtiger. Viele Kirchengemeinden bieten mittlerweile ein Gebet nach der Liturgie von Taizé an.
In der Gemeinde, in der ich Pfarrer bin, in Winzenheim bei Bad Kreuznach, treffen sich  seit 20 Jahren Menschen aller Generationen jeden Mittwoch zum Taize-Gebet. Günther Maltzan, Hauptkommissar bei der Polizei, ist wenn es geht, immer dabei.

Ja, das Taizegebet hier Mittwoch abend ist für mich der Ruhepol der Woche. Da kann ich abschalten, kann Gott nahe sein, meinen Gedanken nachhängen und gute Gedanken kommen auf.

Günther Maltzan kommt immer mit seiner Familie. Auch für seine Tochter Sandra, die 30 jährige Erzieherin, ist dieser Mittwochabend ein ganz wichtiges Datum in der Woche.

Es ist genau die Mitte der Woche, es ist Zeit zum Kraft schöpfen. Man hat Mut für den Rest der Woche für alles, was vor einem liegt und es kommt immer der Wunsch hoch, mal wieder nach Taize zu fahren.

Diesen Wunsch hatte lange auch Marga Feld. Sie war noch nie in Taizé. Nun ist sie 85 Jahre alt, und weiß, dass sie wohl nicht mehr dorthin fahren wird. Sie kennt Taizé aber aus aus vielen Büchern, aus vielen Erzählungen und sie hat es einfach im Herzen. Auch sie findet für ihren Glauben etwas ganz Besonderes in diesen Gebeten.

Taizegebet am Mittwochabend ist für mich Oase der Woche. Ich komme hierhin ziemlich beladen, und gehe weg und habe viel, viel losgelassen und bin wieder befreit und freue mich, dass es diese Abende gibt. Ich freue mich, das ich hier singen kann und zwar die Lieder, die ich von Herzen, im wahrsten Sinnne des Wortes von Herzen singe und die Worte, die mich wieder auch im Herzen berühren und zur Freude bringen.

Und vielleicht ist es ja genau dass, was die Brüder von Taizé von Anfang an wollten. Menschen die Freude des Glaubens, die Freude, die Gott an ihnen hat, nahebringen.
Ich selbst bin seit über 40 Jahren immer wieder in Taizé gewesen. Und ich weiß, dass man Taizé in unseren Kirchengemeinden nicht einfach kopieren kann und darf. Aber die eigenen Erinnerungen und die Lieder wie Marga Feld im Herzen tragen, das darf ich schon.

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Philipp Melanchthon war einer der brillantesten Gelehrten des 16. Jahrhunderts und ihm verdankt die Reformation seinen großen Erfolg. Denn aus ganz Europa strömten damals junge Studenten nach Wittenberg, um ihn zu hören. Er starb vorgestern vor 450 Jahren

Teil 1
Es gibt Menschen, die stehen immer im Schatten eines anderen. Franz Beckenbauer zum Beispiel hätte in den siebziger Jahren niemals so vor der Abwehr bei Bayern München brillieren können, wenn nicht Katsche Schwarzenbeck ihm den Rücken frei gehalten und den Gegnern das Fürchten beigebracht hätte. Thomas Anders ist uns nur noch wegen der vielen Hits, die Dieter Bohlen schrieb, als ein Modern Talking im Gedächtnis. Und selbst Johannes Paul II. profitierte von einem Menschen in seinem Schatten, der als sein Denker galt - Kardinal Ratzinger als damaliger Präfekt der Glaubenskongregation in Rom und jetziger Papst Benedikt XVI.
Und auch Martin Luther hätte mit seinen Gedanken nie einen solchen Durchbruch erlebt ohne seinen Kollegen Philipp Melanchthon. Luther kennt heute jeder, aber Philipp Melanchthon - kennt den noch einer?

Keine Ahnung, ich weiß es nicht.  - Das ist ‚ne gute Frage. Ich weiß leider keine Antwort darauf. - Das war ein Maler, ein Kirchenmaler. - Das weiß ich auf Anhieb nicht.

Das waren die häufigsten Antworten, die ich bekam. Und wenn sich jemand an ihn erinnerte, dann als der im Schatten eines anderen.

Ich bringe ihn mit Martin Luther, mit der Reformation in Verbindung. - Das war der, der zur Zeit Luthers gelebt hat. Das war eigentlich sein Nachfolger, mit dem hat er zusammengearbeitet zunächst. - Das war ein Mitstreiter vom Martin Luther.

Melanchthon, der im Schatten von Martin Luther, der Mensch im Hintergrund. Dabei war er viel mehr. Ohne Philipp Melanchthon sähe unser gesamtes Schulsystem heute wohl anders aus. Die Bildung des Menschen war sein Herzensanliegen. Nicht ohne Grund gibt es deshalb unzählige Schulen, die seinen Namen tragen, von Bautzen bis Würzburg und rauf in den hohen Norden, natürlich auch in seiner Heimatstadt in Bretten. „Praeceptor Germaniae" - „Lehrer Deutschlands" diesen Ehrentitel bekam Melanchthon in späteren Jahren verliehen, weil er das deutsche Universitätswesen reformierte.

Ohne Philipp Melanchthon wäre auch die Reformation wohl anders ausgegangen. Er vertrat Martin Luther bei wichtigen Verhandlungen, war Schreiber wichtiger reformatorischer Schriften und ein brillianter Redner, gefeiert von den Protestanten, hochgeachtet von den Katholiken. Schon damals - im unruhigen 16. Jahrhundert - galt er als ein großer Ökumeniker, weil ihm neben den trennenden Unterschieden auch die Gemeinsamkeiten zwischen den Konfessionen am Herzen lagen. Viele Kirchengemeinden tragen seinen Namen und setzen sein Erbe in ihrer Arbeit fort.

Für Martin Luther selbst war Philipp Melanchthon viel mehr als sein Schatten. In seiner deftigen Art zu reden ist seine Wertschätzung für seinen Freund Melanchthon so überliefert:

„Wer Melanchthon nicht als Lehrer anerkennt, der muss ein rechter Esel sein, den der Dünkel gebissen hat. - Darum lasst uns den Mann groß achten. Wer ihn verachtet, der muss ein verachteter Mensch vor Gott sein!".

Teil II
Geboren wurde er am 16. Februar 1497 in der kurpfälzischen Handels- und Handwerkerstadt Bretten. Sein Vater, der Rüstmeister und Waffenschmied Gerog Schwarzerdt und seine Frau Barbara freuen sich sehr über ihr erstes Kind und nennen es Philipp. Philipp Schwarzerdt. Philipp entdeckt schon als kleiner Junge sein Interesse an fremden Sprachen. Doch schon mit sieben Jahren trifft ihn ein erster Schicksalsschlag. Sein Vater stirbt. Auf dem Sterbebett verabschiedet er sich von seinem Sohn so:

„Ich habe manche Veränderungen des Gemeinwesens erlebt, aber es werden noch schwerere kommen, und ich bete, dass dich Gott in ihnen leite. Dir aber gebiete ich, mein Sohn, fürchte Gott und führe ein ehrbares Leben".

Und genau so ein Leben beginnt er. Sein Großonkel Johannes Reuchlin, einer der führenden Gelehrten seiner Zeit - fördert den kleinen Philipp nach dem Tod des Vaters. Er ist auch verantwortlich dafür, dass wir ihn bis heute unter dem Namen Melanchthon kennen. Denn nach einem guten humanistischen Gelehrtenbrauch der damaligen Zeit übersetzt er den Namen „Schwarz - erdt" einfach ins Griechische und so wird daraus eben „Melan - chthon". Das war so etwas wie die Aufnahme in den Gelehrtenkreis. Und so muss das Wunderkind, das Philipp von früh an ist, einfach Karriere machen. Heute hätte er bestimmt Schulen und Förderkurse für Hochbegabte durchlaufen. Denn schon mit zwölf Jahren schreibt sich der Junge an der Universität in Heidelberg ein. Mit 16  macht Melanchthon sein Magisterexamen in Tübingen. Und natürlich war seine Karriere vorgezeichnet.
Sein Großonkel Johannes Reuchlin hatte ihn dem Kurfürst Friedrich dem Weisen als Professor nach Wittenberg empfohlen. Da  war Melanchthon gerade erst 21 Jahre alt. So ein „Jungspund" - schmal und klein von Statur, gerade mal 1,50 m groß - wurde da keineswegs mit offenen Armen empfangen. Die meisten Gelehrten protestierten lautstark. Unter ihnen war einer besonders laut - Martin Luther. Er wollte lieber einen erfahrenen Wissenschaftler an seiner Seite, keinesfalls einen jungen Berufsanfänger, gerade in diesen unruhigen Zeiten. Doch schon für seine Antrittsvorlesung gab es von Studenten und Kollegen wahre Beifallsstürme. Da war seine brilliante Art zu reden, vor allem aber das, was er sagte. So sagte er in seiner Antrittsvorlesung:

Denn das ist allerdings meine Meinung, dass niemand sich in der Gottes- oder Rechtsgelehrtheit, in der Kirche oder vor Gericht, wird auszeichnen können, der sich nicht zuvor eine gründliche allegmeine Bildung - und nichts anderes bedeutet die Philosophie - angeeignet hat. ... Sucht euch vom Besten das Beste heraus, und nutzt es für die Kenntnis der Natur und der Bildung eurer Sitten! ... Lest die Dichter! ... Vor allem aber lernt die Geschichte kennen. Sie lehrt euch, was schön ist und was schimpflich, was Nutzen bringt und was nicht!"

Mit solchen Gedanken beginnt Melanchthon sein Bildungsprogramm, reformiert die deutschen Universitäten, wird zum Reformator der Bildung und des Glaubens.

Teil III
Lesen lernen - das war das Hauptanliegen Philipp Melanchthons. Voraussetzung für die Mündigkeit des Menschen, Voraussetzung für seine Bildung war und ist bis heute die Fähigkeit, lesen zu können. Mit diesem „Lesen lernen" startete Philipp Melanchthon sein Bildungsprogramm, dessen Erben wir heute immer noch sind. Deshalb gründete er Schulen, Universitäten erhielten neue Lehrpläne, Lehrer wurden ermahnt, auch Mädchen zu unterrichten. Ja, Melanchthon war wirklich ein Reformator, aber ein Bildungsreformator.

Theologe wollte er eigentlich nie sein, Pfarrer schon gar nicht. Und doch gab es da die ganz besondere Nähe zu Martin Luther. „Von ihm", so schrieb er es später in seinem Testament, „habe ich das Evangelium gelernt." Was Martin Luther an seinem Freund Melanchthon hatte, wusste er spätestens seit 1519. In diesem Jahr gab es das berühmte Streitgespräch mit dem katholischen Theologen Johannes Eck. Und das ging so: Zwei brilliante kluge Köpfe streiten. Und in der Ecke sitzt ein junger Melanchthon, notiert sich während der Reden von Johannes Eck eifrig Bibelstellen, mit denen Luther später seinen Gegner in seinen Antworten in arge Bedrängnis bringt. „In meinem ganzen Lehramt achte ich nichts höher als den Rat Philipps!", sagt Martin Luther dann nach diesem Gespräch erleichtert.

Doch bald schon blieb es dann nicht mehr beim Sitzen in der Ecke.  Auf dem Reichstag in Augsburg 1530 vertrat Melanchthon die Protestanten und verlas die gemeinsam mit Martin Luther verfasste Confessio Augustana - das bis heute wichtigste Bekenntnis der Protestanten. Pfarrerinnen und Pfarrer werden noch heute bei ihrer Ordination darauf verpflichtet. Zu Recht, denn diese Schrift Melanchthons ist aktuell wie eh und je. Für mich als Pfarrer ganz persönlich ist es der Artikel 7. Da schreibt Melanchthon:

Das genügt zur wahren Einheit der christlichen Kirche, dass das Evangelium einmütig im rechten Verständnis verkündigt und die Sakramente dem Wort gemäß gefeiert werden. Für die wahre Einheit der christlichen Kirche ist es daher nicht nötig, überall die gleichen, von den Menschen eingesetzten kirchlichen Ordnungen einzuhalten.

Eine Kirche, verbunden durch denselben Glauben, aber aufgeteilt in verschiedene Formen der Glaubenspraxis und Liturgie. Einheit in der Vielfalt - wie wir heute sagen. Das ist seit 1530 das Programm der Protestanten, dafür bin ich Philipp Melanchthon dankbar.
Und in noch etwas anderem ist er für mich Vorbild und tröstet mich. Kurz vor seinem Tod am 19. April 1560, also vergangenen Montag vor 450 Jahren, schreibt er in zwei Spalten auf einen Zettel seine Gedanken zu seinem bevorstehenden Tod. In der linken Spalte steht:

Du wirst von den Sünden erlöst - und von den Sorgen und von der Wut der Theologen.
Und rechts daneben schreibt er:
Du kommst zum Licht, du wirst Gott schauen und seinen Sohn, du wirst die wunderbaren Geheimnisse erkennen, die du in deinem Leben nicht begreifen konntest!"

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Jesus Christus spricht: Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich! Dieser erste Vers aus dem 14. Kapitel des Johannesevangeliums ist die diesjährige Jahreslosung für das Jahr 2010.

Teil 1
Sie hängt in vielen Gemeindesälen, in fast allen Schaukästen evangelischer Kirchengemeinden. Sie ist Titelblatt vieler christlicher Abreißkalender und meistens Predigttext für die erste Predigt im neuen Jahr: die Jahreslosung. Die gab es zum ersten Mal offiziell im Jahr 1934. Evangelische Jugendverbände, Frauenhilfe und die Ausbildungsstätten von Diakonen- und Diakonissenhäusern kamen in einem Textplanausschuss zusammen und veröffentlichten zum ersten Mal zentral einen Spruch. „Des Herren Wort aber bleibet in Ewigkeit“. Worte aus dem 1. Kapitel des ersten Petrusbriefes waren dafür gewählt. Mit dieser Jahreslosung erschienen auch erstmals die Monatssprüche, auf gelben Blättern gedruckt und daher auch „gelbe Sprüche“ genannt. Damit kämpfte in den 30er Jahren eine kleine Gruppe der evangelischen Kirche um Gottes Wort in der Öffentlichkeit. Diese „gelben Sprüche“ wurden so etwas wie Losungen im Kirchenkampf und erreichten schnell eine Auflage von über 500.000 Stück. Natürlich gefielen die den Nationalsozialisten nicht und wurden prompt wieder verboten. Und doch: es gab sie trotzdem weiter – die Jahreslosungen. Und sie wurden zu einem Bekenntnissatz in schweren Zeiten. Sie waren wie Leuchtfeuer in dunkler Zeit. Wie eine Antwort auf politische Abläufe und Geschehnisse. „Des Herren Wort aber bleibet in Ewigkeit“ - diese Worte aus dem 1. Petrusbrief waren 1934, kurz nach der Machtergreifung von Hitler und seiner Vision von einem „ewigen Reich“ wie eine Kampfansage. Als sich abzeichnete, dass Hitler auf einen Krieg zusteuerte, war die Jahreslosung von 1939 ein Trostwort gegen den bevorstehenden Schrecken: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!
Mit diesem Wort aus dem Buch des Propheten Jesaja zogen viele evangelische Männer im September dieses Jahres 1939 in den Krieg. Nach der Katastrophe dieses Krieges 1945, als sein vernichtendes Ende absehbar war, verhieß die Jahreslosung aus dem Hebräerbrief Hoffnung auf einen neuen, einen friedlichen Anfang. „Lasset uns aufsehen auf Jesum, den Anfänger und Vollender des Glaubens; welcher, da er wohl hätte mögen Freude haben, erduldete das Kreuz und achtete der Schande nicht und hat sich gesetzt zur Rechten auf den Stuhl Gottes.“ (12,2)
Wenn im Jahr 1945 der Krieg auch vorbei war, das Elend vieler Menschen dauerte an. Ein Neuanfang brauchte Zeit, brauchte Kraft und brauchte Ermutigung. Welchen Weg sollen wir gehen? Gibt es für uns überhaupt einen neuen Weg? Viele haben im Hungerwinter 1945 so gefragt. Und eine erste Antwort darauf gab ihnen dann die Jahreslosung für das erste Nachkriegsjahr 1946 aus dem Johannesevangelium. Dort heißt es im 14. Kapitel im Vers 6: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.

Teil 2
Von Anfang an sprechen die Jahreslosungen mit einer ganz eigenen Deutlichkeit in ihre jeweilige Zeit. Und in den letzten Jahren haben sie für mich einen besonderen seelsorgerlichen und auch missionarischen Charakter bekommen. Ich weiß noch gut, wie mich die Bilder des fürchterlichen Tsunamis in Asien in den Tagen nach dem Weihnachtsfest des Jahres 2004 bewegten. Meine Frage war damals die von vielen anderen auch: Wie kann Gott so etwas zulassen? Und ich habe gebetet: Gott, wo warst du?
Und in all mein Zweifeln, in all meinem Nicht-verstehen begegnete mir damals die Jahreslosung für das Jahr 2005 aus dem 22. Kapitel des Lukasevangeliums. Dort steht im Vers 32: „Christus spricht: Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.“ Ich weiß noch gut, wie mich das berührt hat. Diese Vorstellung: Christus betet für mich, wenn ich es mal nicht kann. Die hat mich sehr beruhigt.
Und seitdem achte ich viel stärker auf die Worte am Jahresanfang, die Jahreslosungen. Ich sehe die Menschen in meiner Gemeinde. Denke z.B. an eine alleinerziehende Mutter mit ihren drei Kindern, wie sie alles so schafft, großartig. Obwohl sie ziemlich müde aussieht und es vielleicht auch ist, hat sie eine ganz unglaubliche Energie. „Gott spricht: Ich lasse dich nicht fallen, und verlasse dich nicht!“. So hieß es in der Jahreslosung 2006. Christus spricht diese Worte auch für sie.
Da habe ich einen Mann in den fünfzigern vor Augen. Er war lange arbeitslos und verarmt. Vor einiger Zeit hielt ein Auto neben mir. „Hallo, Herr Pfarrer, stellen sie sich mal vor, …“ Und er erzählte eine Geschichte von einem Neuanfang in einer kleinen Firma. „Gott spricht: Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr's denn nicht?“
Die Botschaft der Jahreslosung 2007 war für diesen Mann ganz konkret geworden.
Mit einer alten Frau habe ich diese Worte der Jahreslosung 2008 am Krankenbett gebetet. „Jesus Christus spricht: Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“ Sie hatte Krebs und nicht mehr viel Zeit. „Wissen Sie, Herr Pfarrer“, sagte sie, „ich habe hier auf Erden so ein schönes Leben gehabt, ich habe so wunderbare Töchter. Wenn das Leben beim lieben Gott nur halb so schön wird, dann darf ich mich auch auf diesen Lebensabschnitt freuen, der soll ja lange dauern.“
Natürlich sind Jahreslosungen immer auch Antwort auf die Zeit, in die sie sprechen. Wertvoller werden sie für mich aber, wenn ich sie als Wegweisungen für den eigenen Glauben verstehe. Sie geben Halt, Orientierung, sind wie ein kleiner Schubs auf dem eigenen Glaubensweg, der im Laufe eines Jahres immer mal wieder nötig wird. Und als solchen möchte ich auch die Worte für das Jahr 2010 hören.

Teil 3
Jahreslosungen sprechen in die Zeit mit all ihren Themen und Problemen. Sie wollen uns helfen in unserem Glauben und uns neu auf den Weg bringen. In diesem Jahr stammt die Losung aus dem 14. Kapitel des Johannesevangeliums. Da heißt es: Jesus Christus spricht: Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!
Ich muss an die Leute in meiner Gemeinde denken. Da sind junge Menschen. Sie werden in diesem Jahr die Schule verlassen. Einige wissen sehr genau, wohin ihr Weg gehen soll. Andere ahnen, dass das Leben „draußen“ vor der Schule doch härter wird als gedacht. Sie haben ihre ersten Bewerbungen geschrieben und schon erste Absagen bekommen. „Euer Herz erschrecke nicht!“ sagt Jesus. „Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ Und ich möchte dem gern hinzufügen: „Glaubt an euch!“
Jesus verabschiedet sich mit diesen Worten von seinen Freunden. Und man spürt, dass er seinen Freunden Mut machen möchte, sie stark machen möchte, auf eigenen Füßen zu stehen. Und genau so möchte ich diese Worte auch jungen Leuten weitergeben. Ganz besonders für sie gesagt.
Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich! Bei diesen Worten Jesu habe ich aber auch Menschen vor Augen, die in diesem Jahr aus dem Berufsleben ausscheiden. Manche von ihnen haben sehr genaue Vorstellungen, was dann sein soll. Manche gehen dieser Zeit mit ganz gemischten Gefühlen entgegen. Was wird werden? fragen sie. Wie soll’s wohl werden? Was auch immer kommt, sagen viele, Hauptsache gesund! Und ich möchte dem hinzufügen: Und selbst wenn dieser Wunsch nicht erfüllt wird: Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich! Jesus erinnert uns mit diesen Worten daran, dass er ja unsere Wege mitgeht und vieles mitträgt, was wir vielleicht nicht mehr so tragen können wie wir es wollen.
Was wird das Jahr wohl alles bringen? Vielleicht haben Sie auch wieder viele Ideen und Vorsätze und wissen doch wie ich: am Ende des Jahres 2010 wird wieder vieles anders gekommen sein als gedacht.
Deshalb wünsche ich Ihnen und mir die Gelassenheit eines fröhlichen Christen, den ich sehr bewundere und dessen Worte ich mir immer wieder gern ins Gedächtnis rufe. Hanns Dieter Hüsch, der Kabarettist und fröhliche Gottesstreiter, hat uns dazu ein Gebet hinterlassen, mit dem ich schließen möchte:

Herr, wir sind schon tief im Januar
Hilf mir, dass ich meinen Sätzen treu bleibe
Das Jahr der Güte soll es sein
Und der Geduld
der Zukunft und der Zuversicht
Wir teilen die Zeit ein und machen Pläne
Und wünschen allen ein gesundes Wiedersehen
Du aber bist die Zeit
der Wahrheit und der Wirklichkeit
Hilf mir, dass ich deinen Plan erkenne
Dass kein böses Blut in mir
Und der Friede mein Herz beseelt.
Danke.
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Mein Sohn ist als Jugendlicher losgefahren und ist als Erwachsener wieder zurückgekommen.

Das sagte der Vater eines Schülers, der mit einer Gruppe das Konzentrationslager von Auschwitz besucht hat.

Teil 1
Wir waren zuerst in Ausschwitz im Stammlager. Und das Eingangstor in Ausschwitz ist dieses Tor mit der Überschrift „Arbeit macht frei“. Und das war schon ein sehr bedrückendes Gefühl. Es ist so unvorstellbar, wie das auf einen wirkt.

Alexander Ubl erinnert sich noch gut an seine Gefühle, als er vor einem Jahr Auschwitz besucht hat. Paula Minnameier ist in diesem Jahr das erste Mal dabei. Sie fürchtet sich ein wenig vor dem, was sie da erwartet.

Also ich erwarte, dass ich Erfahrungen sammeln kann und zwar nicht nur aus Texten oder aus Bildern, sondern dass ich es miterleben kann, dass ich selber die Wege gehen kann, die damals von den Häftlingen gegangen worden sind.

Und wie bedrückend das sein kann, weiß Pfarrer Marcus Harke, neuer Superintendent des Kirchenkreises an Nahe und Glan sehr genau. Er hat die Jugendlichen im vergangenen Jahr bei dieser Begegnung begleitet. Über eines hat er sich dabei gefreut, nämlich dass sich.

…Jugendliche sich überhaupt dafür interessieren, das fand ich sehr spannend und zeigt auch, dass wir die Geschichte nicht verdrängen können oder liegen lassen können.

Dabei beginnt die Geschichte der Juden, die Bibel nennt sie- das Volk Gottes- mit einer Verheißung. Gott verspricht ihnen:

„Ich will euch als mein Volk annehmen und will euer Gott sein. Dann werdet ihr erkennen, dass ich der HERR bin, euer Gott, der euch aus dem Frondienst für die Ägypter befreit.

So verkündet es Gott vor langer Zeit dem Moses. Damals hat sich das Volk Israel aufgemacht aus der Knechtschaft in Ägypten. Der Weg zum gelobten Land war lange, endlos lange. Und führte durch eine Wüste. Und so verheißungsvoll der Weg begann, bis heute ist der Weg mit viel Leid verbunden. Damals und durch alle Zeiten hindurch bis heute.
Im Dritten Reich endete der Weg vieler Juden unbeschreiblich grausam. Stätten wie das ehemalige Konzentrationslager Ausschwitz sind heute deren stumme Zeugen.
Deshalb wird heute wieder eine Gruppe aus Bad Kreuznach in Auschwitz sein. Superintendent Markus Harke wünscht den Jugendlichen, die heute durch die Tore des Stammlagers Auschwitz gehen werden,

… dass sie die Albträume danach doch relativ gut verarbeiten können, denn ich glaube das war bei unserer Gruppe durchgängig, dass jeder also 14 Tage, drei Wochen nach dieser Fahrt immens mit diesem Erleben gekämpft hat und verarbeiten musste.

Damit das möglich sein wird, werden alle auf diese Reise gut vorbereitet. Andreas Duhrmann, Diakon und Leiter des Ökumenischen Kinder- und Jugendhauses in Winzenheim, hat sich darum gekümmert.

Teil 2
Am heutigen Abend, während ich zu Ihnen spreche, wird eine Gruppe aus Bad Kreuznach und Umgebung das ehemalige Konzentrationslager in Ausschwitz besuchen. Sie stellen sich einem Kapitel der Menschheitsgeschichte und besonders der deutschen Geschichte. Das ist gerade bei jungen Menschen nicht selbstverständlich. Deshalb hat sich Diakon Andreas Duhrmann dafür engagiert, dass die Jugendlichen diese Fahrt unternehmen konnten.

Ich denke, es ist wichtig, dass junge Menschen heute nicht vergessen, was heute vor 65 Jahren passiert ist. Wenn man heute sich die ältere Generation vorstellt, die erzählen sehr ungern, was damals im 2. Weltkrieg passiert ist. Und die jungen Menschen erzählen auch, dass in der Schule sehr sehr wenig über diese Zeit im Geschichtsunterricht behandelt wird. Und so haben wir gesagt, wir müssen da mal hin und gucken, was ist damals passiert und vor allen Dingen, warum ist das damals passiert.

Auch für ihn war dieses Projekt im vergangenen Jahr erst einmal Neuland. Und so waren auch seine Gefühle sehr gemischt, gerade auch die, als Deutscher dorthin zu fahren. Aber die beglückendste Erfahrung die er in Auschwitz gemacht hat, waren die Menschen auf die er dort traf.

Also ich bin mit sehr beklemmten Gefühlen das erste Mal letztes Jahr nach Polen gefahren und wusste überhaupt nicht, was mich da erwartet. Und ja umso erstaunter war ich über diese Gastfreundschaft, die mir dort begegnet ist. Das machte die ganze Begegnung etwas leichter, denn ein beklemmendes Gefühl war da, gar keine Frage, vor allen Dingen als wir auf dem Rückweg waren und mussten alles verarbeiten, was wir die letzten Tage dort erlebt hatten.

Und dabei lässt Andreas Duhrmann die Jugendlichen nicht allein. Fünf Vortreffen hat er für diese Reise organisiert. Zeitzeugen wurden eingeladen und befragt. Ein Jugendbeauftragter der Polizei dokumentierte eindrücklich, wie nah die Gewalt von rechts bei uns in Deutschland noch immer ist. Aber all die Arbeit und Mühe hat sich für ihn gelohnt, wenn alle …

… mit dem Gefühl nach Hause kommen, so etwas darf niemals mehr passieren und dass sie die Kraft und den Mut haben, dass sie dafür eintreten, dass so etwas nie wieder passieren wird.

Durch die Vorbereitung und die vielen Gespräche von Jugendlichen auch mit älteren Menschen bekam diese zweite Fahrt der Kreuznacher einen anderen Charakter. Auch die Eltern- und Großelterngeneration wollte sich dem Vergangenen noch einmal neu zu stellen. Und so machte sich eine Reisegruppe auf den Weg nach Auschwitz, deren Teilnehmer zwischen 16 und 72 Jahre alt waren.

Teil 3
Eigentlich wollte er eine Fahrt in das ehemalige Konzentrationslager nach Auschwitz noch einmal mit Jugendlichen wiederholen, Andreas Duhrmann, Leiter des Ökumenischen Kinder- und Jugendhauses in Winzenheim bei Bad Kreuznach. Dazu hat er ein schönes Programmheftchen gestaltet und ausgelegt: junge Mitreisende gesucht. Aber dieses Programmheft bekam auch die 71 jährige Safina Viron in die Hände. Sie ist Jüdin und lebt seit vielen Jahren in Bad Kreuznach. Safina Viron entdeckte in dem Programmheft zwei Bilder mit Häftlingen von Ausschwitz. Und erkannte in ihnen Menschen aus ihrem Dorf in Transkarpatien.

Wenn ich erste Mal geguckt diese Programme, es heißt „Zukunft ohne rechts – mach mit“, dann ich habe gesehen zwei Bilder. Ohne Unterschrift, ohne nix. Aber ich weiß, dass diese Bilder von meine Gemeinde, wo ich mehr als vierzig Jahre gewohnt habe, und diese Bilder von meine Gemeinde, das ist sehr schwer, aber ich war glücklich, dass ich habe diese Bilder gesehen.

An die Namen der Frauen und Männer auf dem Foto kann sie sich nicht mehr erinnern. Auch unter dem Foto standen sie nicht. Aber niemand darf ohne Namen sterben, sagt sie. Deshalb muss sie die Namen dieser Häftlinge herausfinden. Erst dann kann sie ein Kapitel ihrer eigenen Lebensgeschichte besser abschließen. Safina Viron freut sich deshalb, diese für sie schwere Reise zusammen mit Jugendlichen machen zu können. Von den Vorbereitungstreffen, an denen sie teilgenommen hat, ist sie schon jetzt fasziniert.

Ich meine, dass diese Junge ich habe gesehen, sie sehr interessieren sich über diese Geschichte, das ist wunderbar, nicht nur tanzen, nicht nur junge Sache mache. Aber diese schwierige Geschichte, das ist wunderbar. Ich fühle mich sehr gut mit diese Jungen.

Wenn sie nach dieser Reise wieder in Bad Kreuznach ist, möchte sie öffentlich über ihre Erfahrungen in der Bad Kreuznacher Synagoge reden und andere dazu einladen. Denn sie weiß jetzt schon – wie auch die anderen Teilnehmer dieser Fahrt, dass sie verändert wiederkommen wird.
Als im vergangenen Jahr die jugendlichen Teilnehmer der Reise zurückkamen, haben sie sich alle verändert, weiß Diakon Andreas Duhrmann. Eine Erfahrung hat ihn dabei besonders berührt.

Ein Vater hat gesagt nach der Fahrt im letzten Jahr: Mein Sohn ist als Jugendlicher dorthin gefahren und als Erwachsener wieder zurückgekommen. Und ich denke, einen stärkeren Satz gibt’s gar nicht. https://www.kirche-im-swr.de/?m=6911
Liebe und Hinwendung zum Nächsten- dieses Thema zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibel. Schon dem alten Vater Abraham wird das von Gott ganz am Anfang seiner Geschichte mit auf den Weg gegeben. „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein!“


Teil 1
„Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein!“ So sagt es Gott zu Abraham. Abraham soll losziehen mit seiner Familie, seinem ganzen Stamm und soll noch einmal neu anfangen. An einem anderen Ort, mit einem ganz anderen Auftrag. Und das alles zu einer Zeit, zu der er selbst damit gar nicht mehr gerechnet hatte. Er war nämlich, so sagt es die Bibel, schon 75 Jahre alt, als er von Gott so aufgefordert wurde. Abraham ließ sich darauf ein und zog einfach los. Was werden würde, wusste er nicht. Ob alles gut gehen würde, da vertraute er ganz auf Gott. Wenn wir im Alten Testament weiter lesen erfahren wir: es wurde gut! Abraham ließ sich ganz auf Gottes Zusage ein. Und er wurde mit seinem Leben und Engagement zum Segen für viele andere.
Die Geschichte von Abraham gibt es auch heute. Ich finde sie immer wieder auch mitten unter uns. Nämlich da, wo Menschen spüren: Da ist noch etwas, was ich tun kann. Gott hat noch eine Aufgabe für mich. So nutzen viele Menschen ihre Zeit und ihre Erfahrungen, um sie für andere einzusetzen. Viele tun das ehrenamtlich. Bei manchen Menschen aber bekommt das eigene Leben manchmal eine ganz andere Wendung.

So zum Beispiel bei Viktor Bebekh. Heute sagt er:

Natürlicherweise, ich habe nie gedacht, hier in Deutschland werde ich als Altenpfleger arbeiten mit alte Menschen. Aber zurzeit ich bin stolz für meine Beruf, für meine Arbeit, weil Altenpflege ist ganz besondere Beruf.

Früher in der Sowjetunion war er Lehrer für Weltliteratur und Rechtsanwalt. Hier hat er noch einmal einige Jahre die Schulbank gedrückt. Und heute geht er ganz in seinem neuen Beruf auf. Als Altenpfleger im Elisabeth-Jäger-Haus der kreuznacher diakonie ist er bei allen sehr beliebt.
Ganz anders war es bei Otmar Steeg. Früher war er Vorstandsmitglied einer großen Sparkasse. Dann brachte ihn ein ganz persönliches Erlebnis dazu, seinem Leben eine ganz neue Richtung zu geben. Da war eine schwere Krankheit. Schwere Zeiten – auch mit dem beruflichen Ende - liegen seit einigen Jahren nun hinter ihm. Die Krankheit ist überwunden und heute setzt er sich in einer Sozialstation ehrenamtlich für andere ein. Was ihn dazu beflügelt, das weiß Otmar Steeg sehr genau. Es ist …

… Dankbarkeit, weil die Hand Gottes zu einem Zeitpunkt über mir lag, ohne die gäb’s mich gar nicht mehr. Und ich will mich revanchieren für seine schützende Hand.

Teil 2
„Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein!“ Mit diesen Worten schickte Gott vor langer Zeit den alten Abraham noch einmal los, um neu anzufangen. Und genau so macht er es auch heute noch mit vielen von uns. So war es bei Viktor Bebekh. Als Lehrer für Weltliteratur und Rechtsanwalt kam er vor einigen Jahren aus der Sowjetunion hierher nach Deutschland.

Meine erste Gedanke hier in Deutschland war: ich muss bisschen näher zu Gott sein.

Und weil seine Eltern nicht die Möglichkeit hatten, ihn taufen zu lassen, sollte und durfte ich ihn vor einigen Jahren taufen. Und seitdem staune ich, wie er diese Taufe wie er seinen Glauben lebt. Er möchte für andere Menschen da sein. So ging er mit fast 50 Jahren noch einmal auf die Fachschule der kreuznacher diakonie und begann im August 2007 seinen Dienst als Altenpfleger im Elisabeth-Jäger-Haus der kreuznacher diakonie. Und diese Tätigkeit ist für ihn – genauso wie für viele andere, die in diesem harten Beruf Menschen begegnen – eben viel mehr als nur ein Beruf:

Arbeit mit alten Menschen bedeutet für mich mehr als nur Arbeit oder Beruf. Ich habe großen Respekt vor alten Menschen, weil was haben wir jetzt in Deutschland mit ihre Hände, mit ihre Herzen, mit ihre Wissen ist gebaut worden. Unabhängigkeit, Demokratie, Wissenschaftserfolg. Deswegen ich habe großen Respekt, und ich habe gedacht, ich muss alle meine Möglichkeiten, alle meine Wünsche von meinen Herz, zu Herz, Seele und Geist zu alten Menschen bringen.
Und dieser Respekt, den er den Menschen entgegenbringt, ist es wohl auch, der ihn im Haus so beliebt macht.

Aber Viktor Bebekh gibt nicht nur, er lernt von den alten Menschen auch viel für sich:

Unsere Mitbewohnerinnen haben große Lebensgeschichte: zweite Weltkrieg, neue Deutschland, Bundesrepublik Deutschland, wissenschaftliche Erfolg. Deswegen, sie wissen mehr, sie kennen mehr als andere Leute, sie erzählen mir ihr Leben, über ihre Familien, Angehörige, Kinder, Enkel. Deswegen jeden Tag bei mir ist neue Tag.

So werden sich Bewohnerinnen und Mitarbeiter gegenseitig zum Segen. Und darüber freut sich Viktor Bebekh eben jeden Tag neu.

Ich bin ganz andere Mensch, als bei andere Beruf, weil jeden Tag öffnet für mich etwas Neues. Deswegen: Ich warte meine Arbeitstag, ich warte meine Dienst. Deswegen warte ich mit große Vergnügung meine Arbeitsdienst.

Viktor Bebekh gibt Gottes Segen in seinem Beruf an andere weiter. „Liebe, und sag es durch dein Leben“, sagte einmal Kirchenvater Augustin. So tut es Viktor Bebekh in seinem neuen Beruf. Etwas anders tut es Otmar Steeg. Er hat im Pensionsalter zu einem Ehrenamt gefunden, das ihn nun ganz ausfüllt.

Teil 3
Liebe und sag es durch dein Leben. – Dieser Satz des Kirchenvaters Augustin ist unbewusst Antrieb für viele, sich für andere Menschen einzusetzen. Und so etwas geschieht nicht immer ganz spektakulär in der ersten Reihe. Manchmal geschieht es auch fast im Verborgenen. So ist es bei Otmar Steeg. Früher war er Vorstand einer großen Sparkasse. Aber seit seiner Pensionierung hat er eine Leidenschaft gefunden, die seinem Leben und seinem Blick auf das eigene Leben eine Wende gab. Als er gebeten wurde, sich mit seinem Fachwissen für die Sozialstationen einzusetzen, hat er nicht gezögert. Etwa 50 bis 60 Stunden pro Woche hat er in den vergangenen Jahren eingesetzt, um die Sozialstationen des Landkreises Bad Kreuznach in eine gute Zukunft zu führen. Dabei muss er lachen, wenn er sich an seine frühere Einstellung erinnert.

Ich habe oft lachend erklärt, wenn früher überall Forderungen an mich kamen: Unterstütz mal, unterstütz mal! Dann habe ich in meinem Büro den Führungskräften schon mal gesagt: wir sind doch nicht die Sozialstation. Heute bin ich’s! So in etwa!

Um zu wissen, womit er es eigentlich zu tun hat, ist er bei so mancher Tour über Land mitgefahren.

Ja, ich habe Unglaubliches erlebt, wobei ich meinte, dass es hier bei uns auf den Dörfern das gar nicht gibt. Dass man beispielsweise völlig allein lebt, völlig in der Isolation lebt, dass Vereinsamung fortgeschritten ist, dass man enorm viel Verwirrungsprobleme hat und auch leider Gottes Verwahrlosung.
Dagegen wollte Otmar Steeg etwas tun und gründete 2006 die „Aktion füreinander“. Mehr als vierhundert Unterstützer hat er mittlerweile gefunden und auch viele Ehrenamtliche, die einfach ihre Zeit mit anderen Menschen teilen. Das würden viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Pflegediensten auch gerne tun, können es aber nicht, weil sie so viele Menschen zu versorgen haben.
Ein Beispiel seiner Aktion erzählt Otmar Steeg gerne. So hat er einen Kreuznacher Unternehmer gefunden, der bereit war an drei Vormittagen einem alten sehbehinderten Menschen aus der Zeitung vorzulesen.

Und die zwei verstehen sich so gut, dass aus dem dreimal eine Stunde vormittags, zum Teil vier fünfmal zwei Stunden vormittags geworden ist. Also jeder bekommt was und jeder gibt was. Und die zwei sind eigentlich sehr froh.

So geht es heute vielen, die sich ehrenamtlich für andere einsetzen. Viele, die jetzt zuhören, können davon auch erzählen. Wir können viel für andere tun und bekommen immer etwas zurück. Und das sind ganz verschiedene Dinge.
Früher waren es ausgeglichene Bilanzen und ausgewiesene Gewinne seiner Bank, die ihm Freude bereiteten. Heute lässt Otmar Steeg etwas ganz Anderes das Herz übergehen. Etwas, das er immer wieder empfindet, wenn er mit in die Häuser geht, um Menschen zu begegnen.

Es macht Freude, Menschen zu helfen Und für mich gibt es heute nichts Schöneres oder Rührenderes als dankbare alte Augen.https://www.kirche-im-swr.de/?m=6490
Teil I
Wie gehen wir mit Menschen der älteren Generation um? Dieses Thema hat zu allen Zeiten Menschen beschäftigt. Auch in der Bibel nimmt es einen breiten Raum ein. Und in meinem Alltag als Pfarrer begegnet mir diese Frage oft. Drei Anstöße gibt die Bibel dazu. Gedanken, die mir selbst wichtig geworden sind. Da ist zuerst das vierte der zehn Gebote, aufgeschrieben im 1. Buch Mose:

„Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, wie dir der HERR, dein Gott, geboten hat, auf dass du lange lebest und dir's wohlgehe in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.“

Als Kind dachte ich immer, man wollte mir mit diesem Satz Gehorsam eintrichtern, denn nur brave Kinder, die stets ehren und befolgen, was Eltern sagen, seien gute Kinder. Aber gemeint ist dieser Satz ganz anders. Gott schreibt den Menschen hier einen Satz ins Herz. Und der meint: ehrt und das heißt, versorgt eure alten Eltern. Begleitet sie bis in den Tod. Diese Verantwortung legt Gott den Menschen ans Herz. Und daran haben alle Kinder seitdem manchmal ganz schön zu tragen. Von einer Frau des Alten Testamentes, die dieses Gebot gelebt hat, möchte ich kurz erzählen. Rut heißt sie.
Ihr Mann war mit seiner Mutter Noomi wegen einer Hungersnot aus Bethlehem nach Moab gekommen und hatte sie geheiratet. Doch bald schon starb er, und Rut wurde Witwe. Und so saß sie als Witwe mit ihrer ebenfalls verwitweten Schwiegermutter Noomi da. Anstatt sich allein durchzuschlagen beschließt sie, sich nach Israel aufzumachen, und sie besteht sogar darauf, ihre Schwiegermutter mitzunehmen. Als diese sie drängt allein loszuziehen, da sagt Rut zu ihrer Schwiegermutter einen der schönsten Sätze der ganzen Bibel. Sie sagt:

„Dränge mich nicht, dich zu verlassen und umzukehren. Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe auch ich, da will ich begraben sein. Der Herr soll mir dies und das antun - nur der Tod wird mich von dir scheiden.“

Viele Paare wählen sich diese Sätze als Trauspruch. Und wenn ich als Pfarrer dann darauf hinweise, dass hier eine Tochter zu ihrer Schwiegermutter spricht, sind viele erstaunt und müssen erst einmal lachen.
Wo du hingehst, da gehe auch ich und wo du bleibst, da bleibe auch ich- ein starker Satz einer starken Frau. Und ein starkes Beispiel für ein gelebtes viertes Gebot. Menschen halten zusammen.
In meinem Alltag erlebe ich oft auch das Andere. Menschen sind im Alter allein. Aber zum Glück sind sie dann wenigstens versorgt. Von Ärzten, Sozialstationen, Nachbarn und Freunden. Auch so wird das Alter geehrt. Besonders fasziniert es mich, wenn alte Menschen ihr Leben und ihre Art zu leben selbst in die Hand nehmen. Manche tun es, weil sie auf Gottes Verheißung vertrauen, wie sie im Buch des Propheten Jesaja steht- eine Zusage Gottes an uns alle:

Auch bis in euer Alter bin ich derselbe, und ich will euch tragen, bis ihr grau werdet. Ich habe es getan; ich will heben und tragen und erretten.


Teil II
Im Alten Testament erfahren wir von einer Frau mit Namen Rut. Die übernahm Verantwortung für ihre Schwiegermutter, als die allein nicht mehr konnte. Verantwortung übernehmen für die Elterngeneration, das gibt es auch heute noch in vielen Familien. Viele können sich das erst einmal gar nicht vorstellen. So eine Verantwortung übernehmen zu können. Und doch wachsen sie dann irgendwie in sie hinein. Bei Gudrun Beyer war das so. Ihre altgewordenen Eltern lebten bei ihr im Hause mit. Dann wurde bei ihrer Mutter „Demenz“ festgestellt

Im Moment ist man sehr erschrocken, man muss erst mal lernen, damit umzugehen, dass da ja eine Krankheit ist, die auch nie mehr besser wird, es wird halt immer schlimmer. Aber in dem Moment, in dem ich es akzeptiert hatte, dann ging es auch gut.
Gudrun Beyer weiß noch gut, wie schwer es ihrem Vater fiel, die Krankheit der Mutter anzunehmen. Und sie erinnert sich, wie sie selbst in diese Aufgabe hineinwuchs.

Ja, am Anfang denkt man, man schafft es gar nicht. Aber man lernt so peu à peu immer dazu, und irgendwann war es ganz normal. Ich bin morgens zur Mutter, später zum Vater, hab alles gemacht, was zu machen war, war tagsüber auch oft bei ihnen, hab viel gesungen in der Zeit, weil ich mit der Mutter nicht mehr sprechen konnte, ja und dann war das Normalität für mich.

Zwölf Jahre lang hat sie ihr eigenes Leben auf die Pflege der Eltern abgestellt. Hat sie eigentlich etwas in dieser Zeit vermisst? Und wie war das mit der eigenen Familie im Stockwerk über den Eltern.

Ich hab eigentlich nichts vermisst. Im Gegenteil, das hat mich sehr bereichert und ich konnte auch dann gut abschalten. Ich kam von den Eltern hoch in meine Wohnung, dann war wieder volles Leben. Da waren die Kinder, da waren die Enkelkinder, ja, vermisst habe ich gar nichts in der Zeit.

Für solch eine Lebensaufgabe brauchte die damals fast 50jährige Gudrun Beyer viel Kraft. Und auch hier weiß sie sehr genau, woher sie diese Kraft bekam.

Der Glaube hat mir ganz viel geholfen. Ich wusste immer genau, ich muss nicht mehr machen, wie ich auch tragen kann, also mehr wird mir nicht auferlegt. Sonntags in der Kirche habe ich wieder aufgetankt und dann ging das die Woche über. Und wenn es mal gar nicht ging, dann habe ich gebetet. Und dann war es wieder alles okay.

Die Eltern sind nun seit einem Jahr verstorben. Mittlerweile sind die nächsten Generationen ins Haus gezogen. Mit welchen Gedanken sieht Gudrun Beyer nun in die Zukunft.

Ich möchte natürlich auch gern zu Hause bleiben, wenn es mir irgendwann mal so geht, dass ich Pflege brauche. Aber ich glaube, wenn mein Sohn, die Schwiegertochter dazu keine Zeit hätten, würde ich mich auch nicht schwer damit tun, in eine Pflegeeinrichtung zu gehen.

Teil III
Auch bis in euer Alter bin ich derselbe, und ich will euch tragen, bis ihr grau werdet. Ich habe es getan; ich will heben und tragen und erretten.
So lässt Gott es den Propheten Jesaja verkünden und ich stelle mir vor, wie alte Menschen damals es hörten und ermutigt wurden, auch diesen Abschnitt des Lebens noch einmal selbst zu gestalten, noch einmal sich neu aufzumachen und neu anzufangen. Das galt auch für Marga Feld. Ihr Mann ist vor vielen Jahren verstorben. Sie lebte in einer Dreizimmerwohnung und hätte das durchaus auch noch eine Weile tun können. Aber sie entschied sich anders und machte vor zwei Jahren den Schritt in ein betreutes Wohnen. Noch gut erinnert sie sich an die erste Zeit im Elisabeth-Jäger-Haus in der kreuznacher diakonie. Und auch an das Heimweh, das sie natürlich packte.

Es war schon nicht ganz einfach aus meinem schönen gewohnten Bereich auszuziehen, aber ich dachte, es ist wohl das Richtige. Zuerst war ich hier ja im Grunde durch das Umziehen und das Einleben stark beschäftigt. Da habe ich also auch noch kein Heimweh gehabt. Das kam erst später, nachdem ich hier erst wirklich Fuß gefasst hatte, hab ich hier eigentlich noch mehr an früher gedacht und ein Stück Heimweh gehabt. Und man kann auch in einer großen Gemeinschaft einsam sein. Aber dazu muss man selber einiges tun, um die Einsamkeit wieder zu verändern.

Für sie ist das Leben im Elisabeth-Jäger-Haus der kreuznacher diakonie ein Wenig wie ein Nachhausekommen. 27 Jahre war sie hier “Schwester Marga“ beruflich tätig. Und genauso wie es damals ihr Entschluss war, die Diakonie zu verlassen, so war es nun ihr Entschluss, wieder dorthin zurückzukehren. Und damals wie heute war es der gleiche Gott, von dem sie sich bei diesem wichtigen Schritt begleitet wusste.

Also ich glaube, im wahrsten Sinne des Wortes, dass Gott mir sehr geholfen hat in dieser schwierigen Zeit. Die aber jetzt nicht mehr so schwierig ist. Und ich habe felsenfest darauf vertraut, dass Gott mir hilft und immer wieder dafür gebetet.

Ich sehe Marga Feld oft, wenn sie zu unserem wöchentlichen Taizé-Abendgebet in unsere, in ihre frühere Gemeinde nach Winzenheim kommt. Und ich freu mich immer sehr, wenn es ihr dabei sichtlich gut geht. Alles Heimweh ist überwunden und ein Neuanfang geschafft. Rückblickend nach zwei Jahren findet sie in ihren Entschluss noch immer richtig.

Was ich hier genießen kann ist eine gewisse Freiheit und dieses Gefühl: Du bist jetzt versorgt, du brauchst dir keine Gedanken zu machen, wie das wird, wie musst du einziehen, oder ausziehen, das ist vorbei. Hier kann ich bleiben, in dem sogenannten „Betreuten Wohnen“, bis ich wirklich sozusagen am Ende bin. …Darum bin ich jetzt froh und dankbar, dass der Weg so gelaufen ist. Es hat sich gelohnt, ja! https://www.kirche-im-swr.de/?m=5947
„Vertraut den neuen Wegen“ heißt es in einem unserer Kirchenlieder zum neuen Jahr. Wie können solche neue Wege aussehen? Zu welchen Aufbrüchen und Neuanfängen lädt Gott bisweilen Menschen ein?

Teil
„Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag.“ Dieses Lied von Dietrich Bonhoeffer singen wir in Winzenheim immer am Silvesterabend. Es hilft uns, das vergangene Jahr in Gottes Hand zu legen. Am ersten Tag im Neuen Jahr wendet sich dann unser Blick nach vorn. Dann singen wir das Kirchenlied „Vertraut den neuen Wegen“. Damit machen wir uns Mut, alles anzunehmen, was ein neues Jahr bringen wird.
Und da singen dann die Zufriedenen, die darauf hoffen, dass alles so weiterläuft wie bisher und die keine Veränderung erwarten.
Da singen die, die noch gar nicht wissen, wie es weitergehen wird, weil – zum Beispiel - Krankheit ihr Leben bestimmt.
Da singen die, die um ihren Arbeitsplatz fürchten. Und da singen auch diejenigen, die jetzt schon genau wissen: 2009 wird alles anders.
Ganz verschiedene Menschen, und doch haben sie eines gemeinsam: In allen ist eine ganz persönliche Hoffnung, wenn sie die letzte Liedstrophe singen: „Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt! Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land. Wer aufbricht, der kann hoffen, in Zeit und Ewigkeit. Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.“
Lena, zum Beispiel ist 15 Jahre alt, verlässt in diesem Jahr die Schule und bricht in einen neuen Lebensabschnitt auf.

Ich gehe auf die Alfred-Delp-Schule in Hargesheim, in die 10f also Realschule und ich bin im Sommer 2009 fertig und beginne dann eine Ausbildung als Krankenschwester.

Und sie tut das trotz all ihrem Optimismus mit durchaus gemischten Gefühlen.

Auf der einen Seite bin ich da traurig drüber, dass ich meine Klasse und so nicht mehr sehe, das ist ja auch eine Umstellung mit dem Beruf und so. Für mich ist das ein sehr beruhigendes Gefühl, dass ich jetzt eine Ausbildungsstelle bekommen hab, weil es einfach etwas neues ist, weil man jetzt einen neuen Lebensabschnitt hat und sich keine Gedanken mehr machen muss.
Lena brauchte nicht lange überlegen, wie sie einmal arbeiten möchte. Sie möchte mit dem, was sie tut, anderen Menschen helfen. Das war schon immer ihr Berufswunsch. Sie freut sich darauf, ahnt aber auch, dass es dabei schwere Tage geben wird. Doch ihr Vertrauen ist groß, dass Gott sie auf diesem Weg in einen neuen Lebensabschnitt begleiten wird und versteht ihren Beruf auch als einen Auftrag.

Also, ich helfe ja den Kranken und Jesus sagt das ja, und da fühlt man sich auch erleichtert. Man arbeitet ja mit dem Glauben, man hat Jesus immer im Kopf; man lebt das ja mit den Händen, was Jesus sagt.

So möchte sie ihren Beruf als Krankenschwester verstehen – als gelebten Glauben, von Jesus begleitet. Lena steht dabei ganz am Anfang ihres neuen Weges. Und so wie sie wagen in diesem Jahr ganz viele andere junge Menschen ebenfalls ihren Neubeginn. Aber auch im Alter machen sich Menschen noch einmal neu auf, aus ganz anderen Gründen.

Teil SWR 4
Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist! – Hätte es dieses Lied aus dem Kirchengesangbuch schon vor dreitausend Jahren gegeben, der alte Abraham hätte es sicher gesungen. Brich auf, hat Gott ihm gesagt, verlass dein Vaterhaus. Geh in ein Land, das ich dir zeigen werde. Im Alter noch einmal alles steh’n und liegen lassen, daran hätte Abraham niemals von allein gedacht. Und dass seine Frau sogar im Alter noch ein Kind bekommen sollte, darüber musste er – so erzählt es die Bibel - laut und herzlich lachen. Und doch kam es so.
Ein Kind lässt auch Vera Brandt in ihrem Ruhestand noch einmal neu aufbrechen. Vor drei Jahren zog sie aus der Großstadt Berlin aufs Dorf, in unsere Kirchengemeinde Winzenheim bei Bad Kreuznach. Hier wollte sie ihren Lebensabend verbringen. Doch jetzt wird sie Winzenheim wieder verlassen. Warum?

Meine Tochter hat im September ein Baby bekommen und nun möchte ich auch ein bisschen mitbekommen, wie mein Enkelkind groß wird, sie etwas begleiten und meine Tochter auch ein bisschen unterstützen, soweit ich es noch kann.

Und deshalb zieht sie in der nächsten Zeit wieder in eine Großstadt - nach München, in die Nähe zu ihrem Enkelkind. Sie geht obwohl sie sich in Winzenheim sehr wohl fühlt. Sie hat hier Heimat gefunden, in ihrer Kirchengemeinde und in ihrem Glauben. Sie hat sich hier für andere engagiert, hat das Gemeindemittagessen gekocht, viele Freunde gefunden. Eigentlich könnte alles so bleiben, wie es ist. Wenn da nicht die innere Unruhe und die Liebe zur Familie in ihr wäre.
Natürlich ist ihr dabei auch nicht ganz wohl, denn ein Aufbruch, ein Neubeginn im Alter ist immer auch ein Wagnis. Aber sie kann und will dieses Wagnis eingehen, weil sie viel Trost und Hilfe in ihrem Glauben an Gott findet.

Ja, also ich habe das schon, dass ich sage: Lieber Gott hilf mir, es ist ein großer Schritt, denn ich jetzt wage. Gut, ich folge meinem Herzen, das stimmt schon. Aber ich frag mich oft abends und sage: Mensch, lieber Gott, hilf mir, das alles zu überstehen.

Trotz aller Fragen und Selbstzweifel wird sie also gehen. Und sie kann es, weil sie hier in Winzenheim immer wieder erfahren hat: Gott geht all ihre Wege mit. Und so vertraut sie auch darauf, dass Gott in München schon auf sie wartet. Denn eines wird sie auf jeden Fall machen:

Ich werde dort auch in die Kirche gehen, auf jeden Fall, was ich ja in Berlin überhaupt nicht hatte. Aber das werde ich mitnehmen. Ich werde dort auch ein bisschen Fuß fassen, hoffe ich, und auch in die Kirche gehen und meinen Glauben so weiter führen, wie ich das hier auch gemacht habe - also dass auf jeden Fall!

Vertraut den neuen Wegen. Über jemanden, den dieses Lied viele Jahre durch seine Arbeit begleitet hat und der nun darauf vertrauen muss, dass es wahr ist, was er so oft gesungen hat, wird es gleich im dritten Teil gehen.

Teil 3
Vertraut den neuen Wegen, die Gott der Herr uns weist. So heißt es in einem Lied in unserem Gesangbuch. Es erinnert daran, dass Gott schon immer Menschen in seinen Dienst genommen hat. sogar die, die ihm gar nicht folgen wollten. Wie zum Beispiel der Prophet Jona, der vom Walfisch verschluckt wurde und der endlich dort ankam, wohin Gott ihn geschickt hat. Oder wie zum Beispiel ein Saulus, der zuerst Christen verfolgte und dann nach seiner Bekehrung als Paulus zu ihrem eifrigsten Missionar wurde.
Keine biblische Gestalt, aber doch ein Mensch, der sich in besonderer Weise von Gott in Anspruch hat nehmen lassen, ist Hartmut Eigemann. Seit 1973 ist er im Pfarrdienst und seit 1988 leitet er als Superintendent den evangelischen Kirchenkreis An Nahe und Glan.

Angefangen habe ich einige Jahre als der jüngste Superintendent der Rheinischen Kirche und bin seit sechs Jahren schon der dienstälteste. Bei einer Fortbildung für Superintendenten ist das besonders anschaulich geworden. Da sollten wir uns aufstellen nach unseren Dienstjahren und ich stand dann einsam entfernt in einer Ecke und dann kam lange Jahre nichts.

Als Superintendent hat er Synoden geleitet, Kolleginnen und Kollegenordiniert und eingeführt. Er war Seelsorger und Dienstherr für alle Pfarrerinnen und Pfarrer seines Kirchenkreises. Und so ganz nebenbei aber mit ganzen Herzen – war er auch noch 27 Jahre Pfarrer in Bad Sobernheim. Damit ist nun in diesem Jahr Schluss. Mit seiner Frau bricht er seine Zelte hier ab.

Es geht jedenfalls weg aus dieser wunderschönen Gegend, weil meine Kinder sich überall auf die Bundesrepublik verteilen und wir werden in den Norden ziehen.
Von dort wird er dann mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf seinen Dienst zurückschauen.

Das weinende wird sein, dass man natürlich Dinge, die man gerne gemacht hat, nicht weiter begleiten kann, aber mir ist immer deutlich gewesen, dass das Aufgaben sind, die mir auf Zeit übertragen werden und diese Zeit auch irgendwann einmal endet.

Das lachende Auge schaut auf eine über ganz Deutschland verstreute Familie und auf das Enkelkind, dem jetzt mehr Aufmerksamkeit zukommen wird. Und auch ein neues Hobby zeichnet sich für den Ruhestand schon ab:

Ein Hobby wird anstehen müssen. Ich muss mich einfinden, dass ich meine e-mails lesen und selbst verschicken kann. Das kann ich immer noch nicht.

Vertraut den neuen Wegen. Dieses Lied begleitet Hartmut Eigemann in seinem Dienst als Pfarrer. In den letzten Jahren sogar besonders. „Die Zukunft ist sein Land“ so heißt es in der letzten Strophe. Und dies ist auch der Titel eines Konzeptpapieres, das für den Umbau der Kirchengemeinden in den kommenden Jahren gilt. So hat er es oft singen und zitieren müssen. Kann er es eigentlich noch hören?

Ich mag dieses Lied ehrlich gesagt nicht, weil ich zu sehr darunter leide, wie sehr wir an den alten Wegen festkleben. Aber als Verheißung brauchen wir solche Sätze, denn in der Tat, unsere Zukunft liegt nicht in uns selbst. Wir sind auf einem neuen Weg, nicht weil wir ihn gehen würden, sondern weil Gott ihn für uns bereithält.https://www.kirche-im-swr.de/?m=5324
Almut Schwab hat mit ihren Geschwistern den eigenen Vater im Sterben begleitet. Das ist heute nicht selbstverständlich. Deshalb wissen viele nicht, welcher Reichtum sich eröffnet, wenn man einen Menschen auf seinem letzten Weg begleitet.
So war es auch bei Almut Schwab:

Ich hab noch in meinem ganzen Leben nie ein so’n zufriedenes, seliges Gesicht gesehen. Seelenruhe hab ich gesagt!

1. Teil
Und Gott wird abwischen alle Tränen

Vor einiger Zeit war sie wieder einmal ins öffentliche Gerede gekommen – die Hilfe zum Sterben, die Hilfe beim Sterben. Ein sensibles Thema, das mich nicht loslässt. Es lässt mich nicht los in meinem Dienst als Pfarrer. Dort begegne ich dem Sterben von Menschen oft, manchmal öfter als mir lieb ist. Und es lässt mich nicht los, weil ich meine eigene Unsicherheit, meine eigene Angst vor dem Sterben spüre. Sie macht mich unruhig. Ich denke, da geht es mir wie vielen anderen.
Für mich sind es dann aber auch immer ganz besondere Momente, wenn ich dabei sein darf, wenn das Sterben eines Menschen gelingt. Dann werden nämlich alle Beteiligten dabei getröstet.
Vor wenigen Tagen starb ein guter Freund. Und er starb so, wie es sich viele Menschen wünschen. Ohne Schmerzen, im Kreise der Familie. Alle Kinder waren da, auch die Enkelkinder. Ich habe mit ihnen direkt nach der Beerdigung gesprochen. Und sie haben mir erzählt wie sie waren, die letzten Wochen mit dem Vater, dem Opa. Eine der Töchter erinnert sich, wie es in ihr aussah, als feststand, dass nun bald der Vater sterben wird:

Mein erster Impuls war Angst. Ich hatte Angst, das zu erleben, dass mein Vater stirbt, weil ich das auch noch nie erlebt habe, einen sterbenden Menschen und den Vater da so liegen zu sehen, der immer so ein mächtiger Mensch war in meinem Leben, den so ohnmächtig zu sehen, das war erschütternd für mich.

Auch ihre Tochter Katharina erinnert sich noch sehr gut an den Moment, als sie das erste Mal an das Sterbebett ihres Großvaters kam. Sie fühlte sich- ja ganz erleichtert:

… , nicht weil ich gedacht habe, ihm geht’s gar nicht so schlecht wie gedacht, sondern einfach weil ich jetzt bei ihm war und es ging mir dann auch die folgenden Tage so, dass es mir besser ging, wenn ich bei ihm war.

Beide, Mutter und Tochter haben in dieser Zeit ganz wichtige Erfahrungen gemacht. Erfahrungen, die ihnen für das eigene Leben Mut machen:

Ich war unendlich dankbar, das miterleben zu dürfen, das war wie ein Geschenk für mich und ich hab soviel Angst verloren. Auch davor, dass ich ja selber mal sterben muss. Und ich hab in meinem ganzen Leben noch nie ein so zufriedenes, seliges Gesicht gesehen. Seelenruhe, hab‘ ich gesagt.

Allerdings: jetzt, direkt nach der Beerdigung fühlt sich Almut Schwab müde. Und vieles fällt von ihr ab wie eine schwere Last. Ähnlich und doch ein bisschen anders geht es ihrer Tochter Katharina:

Ich bin irgendwie ganz aufgedreht und müde gleichzeitig, also, es war für mich nicht so schlimm wie ich gedacht habe. Es war für mich nur noch der Körper, der da runter gelassen wurde. Und es war irgendwie so rührend - die ganzen Menschen, die teilgenommen haben, der familiäre Zusammenhalt, den zu spüren, das ist schön, aber man merkt richtig die körperliche Erschöpfung nach der Beerdigung.

Katharina und Almut Schwab haben ihren eigenen Vater in seinem Sterben begleitet. Ich kenne andere, die einen Teil der eigenen Zeit dafür einsetzen, andere, fremde Menschen bei ihrem Sterben zu begleiten. Sie helfen in einem Hospiz. Wie sie ihren Dienst erleben, darum soll es im zweiten Teil gehen.

2. Teil
Auf dem Gelände der kreuznacher diakonie, einer großen Einrichtung für Kranke und Menschen mit Behinderungen, gibt es ein besonderes Haus: das Eugenie- Michels- Hospiz.
Geht man auf dieses Haus zu, dann spürt man förmlich, wie man alle Geschäftigkeit auf dem Gelände hinter sich lässt. Die Ruhe, die dieses Haus ausstrahlt, ist außen genauso zu spüren wie innen.
Menschen kommen hierher, um in Ruhe und Würde sterben zu können. Alles Fachpersonal, das dazu nötig ist, kümmert sich um die Bewohnerinnen und Bewohner. Aber nicht nur sie. Viele Ehrenamtliche unterstützen sie dabei. Menschen, die im eigenen Leben auch einen Sinn darin sehen, für andere in ihrem Sterben da zu sein. So gut es ihre Zeit und Kraft erlaubt, übernehmen sie alle möglichen Dienste – vom Kaffeekochen über Vorlesen bis zum einfachen Dasein im Zimmer eines Sterbenden. Bernd Butzbach engagiert sich ehrenamtlich in vielen politischen Ämtern, ist eigentlich „immer auf Achse“ und hat dann vor vier Jahren versucht, sich ganz anders zu engagieren, denn:

Ich hatte in meinem Leben schon sehr viel Glück gehabt und wollte immer schon für andere Leute etwas geben. Ich hatte geglaubt, dass ich da den Menschen etwas bringen kann. Ich habe erlebt, dass ich das nicht kann. Ich habe von denen sehr viel bekommen, egal in welcher Form.

Und das erlebt er regelmäßig, wenn er in das Hospiz kommt und seine freiwilligen Dienste tut. Natürlich möchte er da sein, um anderen helfen zu können. Mittlerweile versteht er diesen Ort aber auch als einen Ort, wo er täglich neu lernen darf.

Im Hospiz lernt man, mit Menschen ganz anders umzugehen. Da gibt’s keine Lüge, da geht es ganz ehrlich zu. Und etwas ganz Wunderbares ist die Gestik, die Mimik und die Augensprache. Die hab ich dort gelernt und das ist etwas ganz Wunderbares.

Mit dem Dienst im Hospiz hat sich seine Einstellung zum Leben, auch zum eigenen Leben und zum eigenen Sterben verändert. Die tiefen Erfahrungen in diesem ehrenamtlichen Dienst haben ihn tief geprägt. Das Sterben ist für ihn kein Tabuthema mehr. Ein Ritual, das fester Bestandteil im Hospiz ist, beeindruckt ihn jedes Mal neu:

Eine ganz wunderbare Erfahrung ist, wenn ein Bewohner in das Haus kommt, dann kommt er in der Haupteingangstür in das Haus. Wenn der Bewohner verstirbt, wird in überwiegenden Fällen eine Aussegnung vorgenommen, das ist etwas ganz Persönliches. Und wenn dann der Verstorbene das Haus verlässt, dann verlässt er es durch den Haupteingang wie gekommen und die Ehrenamtlichen wie die Hauptamtlichen stehen an der Tür bis man den Leichenwagen nicht mehr sieht.

So wird das Gehen genauso gewürdigt wie das Kommen. „Der Herr segne deinen Ausgang und deinen Eingang“, heißt es im 121. Psalm dazu. So will es Gott selbst, den Menschen begleiten von Anfang an bis zu seinem Ende – und weit darüber hinaus. Wie Gott das schon in der Bibel tut - einen Menschen beim Sterben zu begleiten - darum soll es gleich im dritten Teil gehen.

3. Teil
Ich finde es immer wieder beeindruckend, wenn ich das sehe: Menschen begleiten andere in ihrem Sterben. Das macht mir Mut. Aber da ist noch etwas ganz anderes, was mir auch Mut macht. Ganz oft erlebe ich in solchen Momenten, wie nahe Gott selbst dann da ist. Und wie er allen Beteiligten weiterhilft. Gott stärkt die Trauernden und ist bei den Sterbenden. Der Friede, der auf einmal geradezu greifbar, spürbar wird – diese geheimnisvoll friedvolle Atmosphäre in einem Sterbezimmer- für mich ist sie die immer wieder neu geschenkte Nähe Gottes.
Sehr eindrucksvoll erzählt die Bibel, wie der alte Moses nach seiner langen Wanderung durch die Wüste stirbt. Vieles finde ich darin wieder in dem, das mir heute in einem Sterbezimmer begegnet und was ich mir selbst wünsche.
Moses ahnt, dass er bald sterben wird. Er schreibt noch einmal ein Lied, sein letztes Werk. Und in diesem Lied sagt er noch einmal deutlich, was schief gelaufen ist, aber auch, dass Gott sein Volk niemals verlässt. Das Lied ist fertig und nun kündigt Gott ihm sein Sterben an. Auf einmal ist Moses sicher, dass alles wahr ist, dass Gott bis zuletzt mitgeht, ja sogar noch über seinen Tod hinaus weitergeht mit ihm - und mit seinem Volk. Moses darf auf einen Berg steigen, darf das Land sehen, in dem das Volk Israel nun leben wird. Gott beruhigt ihn also mit einem Blick in die Zukunft. Da spürt Moses, dass er nun loslassen kann. Und er möchte das im Kreise der Menschen, die ihm so wichtig waren. Sie kommen noch einmal zusammen und Moses segnet alle zwölf Stämme Israels. Trotz aller Wirrungen und Verirrungen, die er mit dem Volk Israel auf dem Weg ins gelobte Land erlebte, am Ende schaut Moses beruhigt auf sein Volk zurück, wenn er sagt:

Nun wohnst du in sicheren Grenzen, ausgesondert aus den übrigen Völkern. Tau und Regen schenkt dir der Himmel, Korn und Wein bringt die Erde in Fülle hervor. Wie glücklich bist du, Israel! Kein anderes Volk kann sich mit dir vergleichen, denn der HERR ist dein Helfer. Du kannst dich auf ihn verlassen.

Dann geht Gott mit Moses auf den Berg und schaut mit ihm auf das gelobte Land. Und Moses stirbt. Gott selbst begräbt ihn im Tal. Diese Geschichte hat mich schon immer beeindruckt.
Wenn es zu Ende geht, noch einmal ein Lied schreiben, geliebte Menschen um sich haben und dann mit Gott an der Hand gehen, dahin, wo er es will – ja, das wär’s! Das hilft mir jetzt schon in meinem Leben.
Die Geschichte vom sterbenden Moses steht im 5. Buch Mose, also ziemlich am Anfang der Bibel.
Ziemlich am Ende der gleichen Bibel, im Buch der Offenbarung, dem letzten Buch des neuen Testamentes steht etwas, was ich allen wünsche, die um einen lieben Menschen trauern. Dort heißt es:

Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu.https://www.kirche-im-swr.de/?m=4616
Menschen ziehen zu – aus anderen Ländern, aus anderen Orten. Vera Brandt kam von Berlin auf’s Dorf, nach Winzenheim bei Bad Kreuznach.

Ich hatte es auch schwer das erste Jahr in Winzenheim. Die Leute sind völlig anders. Man muss da sich schon sehr bemühen, um Kontakt zu haben.


1. Teil

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. (Eph 2,19) So einladend werden schon im Epheserbrief des Neuen Testamentes Menschen angesprochen, in einer neuen Umgebung heimisch zu werden. überall wo christliche Gemeinden entstanden, gab es Fremde, die aus fremden Ländern, Religionen und Kulturen dazukamen. Das ist bis heute so geblieben. Und deshalb ist es von den Anfängen bis heute ein Kennzeichen christlicher Gemeinden, offen und einladend zu sein. In unserem Ort Winzenheim bei Bad Kreuznach gilt das in ganz besonderer Weise. Denn über 3000 neue Einwohner kamen in den vergangenen vier Jahrzehnten in unserem Ort dazu – mehr als ein Drittel aus ganz verschiedenen Ländern. Andere kommen aus der näheren Umgebung, um ihren Ruhestand am Hunsrückrand zu genießen oder sie kommen aus gesundheitlichen Gründen. Damit hat sich die Zahl der Einwohner vervierfacht.
Sicher ist es für eine Kirchengemeinde nicht einfach, sich einer neuen Zeit zu stellen und solche Veränderungen mitzutragen. Die Anfänge waren schwierig. Aber mit der Zeit haben sich doch sehr schöne und mutmachende Initiativen verfestigt und bestimmen das Leben in der Gemeinde mit.
Wie zum Beispiel das Ökumenische Kinder- und Jugendhaus der Gemeinde. Täglich treffen sich die Kinder, dort und da spielt die Herkunft nun wirklich keine Rolle mehr. Gemeinsam entdecken die Kinder dort ihre Heimat neu. Gerade Kinder, die aus Osteuropa oder aus dem Nahen Osten zu uns kamen, haben mit besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen, z.B. in der Schule. Nadine Kistner ist 15 Jahre alt, wurde im vergangenen Jahr konfirmiert und hat ihr Engagement in dieser Arbeit gefunden.

Mir macht die Arbeit in der Hausaufgabenhilfe total viel Spaß, da ja man auch sieht, dass die Kinder sich freuen. Es sind hauptsächlich Kinder mit Problemen mit der deutschen Sprache, da sie zu Hause wenig deutsch sprechen, fast gar kein deutsch sprechen. Ich find das total wichtig, weil man da merkt, dass man auch gebraucht wir.

Eine andere Initiative der Kirchengemeinde versucht Frauen aus verschiedenen Ländern und Kulturen mit Einheimischen zusammenzubringen. Im gemeinsamen Tun und in gemeinsamen Gesprächen lernt man sich hier besser kennen und lernt voneinander. Freundschaften entstehen. Helga Feilen, Mitglied dieses interkulturellen Kreises, erinnert sich an den Anfang:

Es versammelten sich 30 bis 40 Frauen, die Interesse an solch einem Kreis hatten. Frauen haben sich getroffen, haben für andere gekocht, Rezepte ausgetauscht. Der Fastnachtsverein stellte sich vor, der Musikverein stellte sich vor, die Kirchen stellten sich vor. Frauen jeden Alters und jeder kirchlichen Orientierung konnten sich dort treffen. Es war ein ganz niederschwelliges Angebot, so dass alle Frauen Zugang finden konnten, wenn sie es wollten.

So versucht die evangelische Gemeinde von Winzenheim, den neu Zuziehenden entgegenzukommen. Auch die Bibel erzählt von Wegzügen und Neuanfängen.


2. Teil

Vertreibung, Flucht und Suche nach einer neuen Heimat. Das ist für viele Menschen in der Welt heute Alltag. Ein Blick in die Bibel zeigt: auch dort gibt es viel Bewegung.
Adam und Eva fliehen aus dem Paradies. Kain flüchtet aus Angst vor Rache. Der alte Noah flieht vor dem Regen. Abraham und Sara müssen sich im Alter noch einmal aufmachen und woanders neu anfangen, weil Gott es will. Jakob flieht, weil er seinen Bruder Esau betrogen hat. Josef will gar nicht weg, wird aber von seinen Brüdern verkauft. Aber er bringt es in der Fremde zu etwas. Später muss das ganze Volk Israel hin und her. So geht`s im Alten Testament immer weiter. So richtig ruhig scheint niemand zu leben. Und im Neuen Testament ist es auch nicht viel anders. Maria und Josef sind unterwegs. Jesus sowieso, seine Apostel mit ihm. Paulus ist ein ruhelos Reisender. In der ganzen Bibel herrscht ein einziges Kommen und Gehen.
Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Immer noch sind Menschen unterwegs. Fluchtgeschichten, Familienzusammenführungen, die Sehnsucht nach einem besseren Leben – auch die Gründe sind immer noch die gleichen. Und mittlerweile sind die Menschen längst in unseren Dörfern und Kirchengemeinden angekommen. Viele Orte, viele Gemeinden verändern sich dadurch. Manchen macht das Angst. Andere nehmen diese Aufgabe an. Sie arbeiten daran, wahr zu machen, was schon im Epheserbrief dazukommenden Gemeindemitgliedern angeboten wird, wenn es dort heißt:

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. (Eph 2,19)

Bernd Butzbach ist Ortsvorsteher von Winzenheim, einem Stadtteil von Bad Kreuznach. Hier werden die Weintraditionen hoch gehalten. Aber aus einem kleinen Dorf von 900 Einwohnern ist in vier Jahrzehnten ein Stadtteil von 4400 Einwohnern geworden. Viele Nationen kommen nun in diesem Ort zusammen. Bernd Butzbach ist es eine Herzensangelegenheit geworden, dass es ein friedvolles Miteinander zwischen den Alteingesessenen und den Zuwanderern gibt. Gemeinsam sollen sie die Zukunft des Ortes gestalten.

Ich bin der Meinung, dass man nur miteinander auf den Weg kommen kann. Alleine kommt man auf jeden Fall nicht weiter.

Und für solch ein Miteinander lässt er sich einiges einfallen. So wandert er einmal im Jahr mit jungen Familien aus ganz verschiedenen Ländern und Religionen durch den Ort, besucht mit den Kindern die Feuerwehr, geht mit ihnen in die zum Weinmuseum ausgebaute Dorfscheune. Ihm ist es wichtig, dass alle die Ortstraditionen kennenlernen. Und als evangelischem Gemeindeglied ist es ihm auch ein Anliegen, dass gerade Menschen – und hier besonders die Kinder aus anderen Ländern und Kulturen - die evangelische Kirche zumindest kennenlernen. Und so endet seine jährliche Wanderung mit dieser buntgemischten Schar in der evangelischen Kirche.

Da gibt es für mich was ganz Faszinierendes. Da sitzen dann die Eltern, die Kinder können an die Orgel, der Pfarrer stellt die Kirche vor, da läuten die Glocken, die können mit allem umgehen, dürfen alles anfassen, bekommen alles erklärt. Ich muss die Kirche zu den Kindern bringen und nicht umgekehrt. Kinder ist für mich das höchste Gut. Wenn man die Kinder auf dem Weg hat, hat man die Eltern, die Großeltern und die ziehen dann da alle mit.

Schön, wenn Menschen sich so für andere einsetzen. Aber es geht auch anders herum. Fremde finden den Weg in eine Kirchengemeinde.


3. Teil

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. (Eph 2,19) So werden Menschen im Epheserbrief angesprochen, die an einem anderen Ort neu anfangen müssen. In unsere Gemeinde kommen Menschen aus ganz verschiedenen Ländern und aus ganz verschiedenen Gründen. Manche kommen von sehr weit her und finden auch von allein ihren Weg in die Kirchengemeinde. Herta Neumann kam vor fasst zwanzig Jahren aus Tadschikistan mit ihrer Familie hierher. Sie erinnert sich.

In der Schule wurde es uns gesagt, es gibt keinen Glauben. Die älteren Leute haben sich ja immer zusammengefunden, in einem Haus irgendwo und haben geglaubt. Der Glaube war immer da, war stark da bei unseren Eltern. Wo ich noch in Tadschikistan war, habe ich mir fest vorgenommen, dass ich, wann ich nach Deutschland komme, das erste was ich mache, gehe ich in die Kirche. Die Kirche gibt mir viel Mut, viel Geduld, viel Verständnis mit meiner Familie, ich kann anders mit der Familie umgehen.

Ganz anders war der Weg von Vera Brandt. Aus der Großstadt Berlin folgte sie der Tochter und ihrer Familie auf’s Dorf, nach Winzenheim. Die Kirche hatte sie dabei eigentlich gar nicht im Blick.

Ich bin nie in die Kirche gegangen, Kirche war für mich nie ein Thema. Es war die Arbeit, hatte nie Zeit, hab das immer auch als Ausrede genommen. Also mit der Kirche hatte ich nicht viel am Hut.

Hier in Winzenheim hat sich ihr Glaubensleben von Grund auf geändert. Auf einmal hatte sie wieder Lust, ihren Glauben auch aktiv zu leben. Sie erinnert sich, an den Tag, als sie zufällig vor dem Schaukasten der Evangelischen Lukas-Gemeinde stand. Dort traf sie die Pfarrerin.

Und die sagte: Was suchen Sie denn? Ach, sagte ich, eigentlich suche ich gar nicht, ich wollte mich nur mal kundig machen, wo man hier so hingehen kann. Na kommen Sie doch mal, sagte sie, und schauen sie sich doch an, was wir so machen. Und das habe ich dann auch so gemacht. Sie hat mich richtig hingezogen. Und jetzt frage ich mich, warum hast du das nicht schon früher gemacht?

Mittlerweile ist Vera Brandt aus der Gemeinde nicht mehr wegzudenken und überaus aktiv.

Komm doch erst mal in den Frauenkreis. Gut, da bin ich Mitglied. Komm doch mal in den Seniorenkreis, dann bin ich auch in den Seniorenkreis. Dann brauchten sie jemand für die Küche, da wird gekocht, einmal im Monat mittwochs. Ach, da dachte ich, das ist auch mal ‘ne Abwechslung. Und das mach ich jetzt auch, da koch‘ ich jetzt mit, gefällt mir alles wunderbar.

Für mich als Pfarrer sind das immer ganz besondere Momente, wenn ich erlebe, wie meine Gemeinde einfach so wachsen kann. Dennoch ist klar: wir dürfen nicht nur auf Menschen warten, bis sie zu uns kommen. Für mich ist zu einem persönlichen Gemeindeprogramm geworden, was Clemens Bittlinger singt: „Wir wollen aufsteh’n, aufeinanderzugeh’n, voneinander lernen, miteinander umzugeh’n!“
Ja, ich denke, genau so könnt’s gehen! https://www.kirche-im-swr.de/?m=4100
I. Teil

Wir Christen feiern unsere Feste so, als wären sie mit dem Fest immer auch schon wieder vorbei. Das ist bei Weihnachten so. Das ist bei Ostern so. Dabei ist Jesu Geschichte mit seinem Tod und seiner Auferstehung noch lange nicht zu Ende. Die Bibel erzählt uns spannende Geschichten aus der Zeit danach. Diese Geschichten zeigen, dass es nach der Auferstehung spannend weitergeht. Sie zeigen auch, wie schwer sich die Menschen damals schon damit taten, an diese Auferstehung zu glauben.
In den Gottesdiensten am vergangenen Osterfest standen die Geschichten im Mittelpunkt, in denen die Frauen das leere Grab finden und nach ihrem ersten Schrecken dann die freudige Nachricht zu den Freunden Jesu bringen. Aber was war eigentlich mit den anderen, z.B. mit den Wächtern am leeren Grab? Auch von ihnen ist in dem gleichen Evangelium die Rede. Und auch von den politisch Verantwortlichen, die Angst vor dieser Nachricht hatten. Von ihnen erzählt das 28. Kapitel des Matthäusevangeliums so:

Sprecherin:
Während die Frauen noch auf dem Weg waren, liefen einige von den Wächtern in die Stadt und meldeten den führenden Priestern, was geschehen war.
Diese fassten zusammen mit den Ratsältesten einen Beschluss: Sie gaben den Soldaten viel Geld und schärften ihnen ein:
»Erzählt allen: In der Nacht, während wir schliefen, sind seine Jünger gekommen und haben den Toten gestohlen.
Wenn der Statthalter von der Geschichte erfährt, werden wir mit ihm sprechen. Ihr habt nichts zu befürchten!«
Die Wächter nahmen das Geld und taten, wie man sie gelehrt hatte.


Netter Versuch, könnte man sagen. Nun wissen wir aber längst, wie es weiterging. Die Nachricht von der Auferstehung konnte nicht verheimlicht werden. Sie ging herum wie ein Lauffeuer. Und sie erreicht uns bis heute.
Und eines ist sicher - ohne die Auferstehung da am Ostermorgen gäbe es unseren Glauben nicht. Frère Roger, der verstorbene Prior des Klosters von Taizé, sagte es in einfachen Worten einmal so: „Wäre Christus nicht auferstanden, wären wir nicht hier!“ Und selbst Wolf Biermann, bekennender Nichtchrist, verteidigte diese Auferstehung Christi einmal mit ganz eindringlichen Worten. Er hatte – noch zu DDR-Zeiten – in Ostberlin Besuch von jungen Pfarrern. Und einer von ihnen behauptete doch tatsächlich: das mit der Auferstehung sei alles dummes Zeug. Damals musste Wolf Biermann erst einmal tief durchatmen:

Sprecher:
„Ich geriet in einen gedämpften Wutanfall über diesen Menschen. Ich geriet ins Predigen. Vielleicht war die Anwesenheit so vieler Pastoren schuld daran. Ich hielt ihm eine Predigt darüber, warum nach meiner unchristlichen Meinung die Auferstehung Jesu der wichtigste Teil der Leidensgeschichte ist. Wer die Auferstehung preisgibt, der ist von Gott und allen guten Geistern verlassen!“

In der Tat. Nur weil etwas schwer zu verstehen ist, sollten wir es nicht einfach abtun. Und weil wir offensichtlich etwas Hilfe und Unterstützung brauchen, um das zu verstehen, hat Gott sich etwas einfallen lassen. Damit die Nachricht von der Auferstehung zu einer wirklich frohen Botschaft wurde. Wie er das getan hat, darüber mehr nach der Musik.



II. Teil

„Wenn ich das damals gesehen hätte“, so sagte es ein Konfirmand vor kurzem im Unterricht, „ja dann könnte ich das auch glauben!“ Über den Tod hatten wir gesprochen. Sehr tief war dieses Gespräch, weil viele ihre Erfahrungen damit in den Familien gemacht hatten. Über die Auferstehung wollte ich mit ihnen reden. Da war plötzlich ein großes Schweigen. Wer etwas sagte, äußerte Zweifel. Aber das ist ja nicht neu.
Davon erzählt schon die Bibel. Diese Zweifel, die hatten sogar die engsten Freunde Jesu. Einer hat es stellvertretend für andere ausgesprochen. Thomas, einer der Jünger. So weiß es das Johannesevangelium:

Sprecherin:
Als Jesus kam, war Thomas, genannt der Zwilling, einer aus dem Kreis der Zwölf, nicht dabei gewesen.
Die anderen Jünger erzählten ihm: »Wir haben den Herrn gesehen!«
Thomas sagte zu ihnen: »Niemals werde ich das glauben! Da müsste ich erst die Spuren von den Nägeln an seinen Händen sehen und sie mit meinem Finger fühlen und meine Hand in seine Seitenwunde legen – sonst nicht!
Eine Woche später waren die Jünger wieder im Haus versammelt und Thomas war bei ihnen. Die Türen waren abgeschlossen. Jesus kam, trat in ihre Mitte und sagte: »Frieden sei mit euch!«
Dann wandte er sich an Thomas und sagte: »Leg deinen Finger hierher und sieh dir meine Hände an! Streck deine Hand aus und lege sie in meine Seitenwunde! Hör auf zu zweifeln und glaube!«
Da antwortete Thomas: »Mein Herr und mein Gott!«
Jesus sagte zu ihm: »Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Freuen dürfen sich alle, die mich nicht sehen und trotzdem glauben!«


Ich finde es wunderbar, dass Jesus seine Freunde mit diesen Zweifeln nicht allein lässt. Er ist da, tritt mitten unter sie. Und nach einer kurzen Begrüßung stillt er erst einmal die Sehnsucht des Thomas. Die Sehnsucht danach zu erfahren, ob es wahr ist. Ob er wirklich auferstanden ist.
Und Jesus gibt ihm und uns darauf eine Antwort. Oder besser, er gibt uns einen Hinweis, wie er sich anfühlt, dieser Glaube an die Auferstehung. Eine 96jährige Frau liegt in meiner Gemeinde im Bett, sterbensalt, war lange nicht ansprechbar. Als ich das letzte Mal kam, lachte sie mich mit wachen Augen an: „Ach, der Herr Pfarrer!“ Als ich mich verabschiedete, scherzte ich: “Beim nächsten Mal tanzen wir Walzer!“ „Ja“, lachte sie, „das machen wir!“ Hoffnung, Osterlachen – ich habe es erlebt!
Mir helfen manchmal einfache kurze Geschichten, um das zu verstehen. Wie zum Beispiel die Geschichte von der Bärenraupe.

Sprecherin:
Weiter und immer weiter geht sie, die Bärenraupe. Auf der anderen Seite ahnt sie herrliches Grün; jenseits der Straße wächst, was sie satt machen kann. Aber sechs Meter Asphalt liegen dazwischen! Und dann ihre Stummelfüße! Und die Autos jagen hin und her! Zwanzig in der Minute. In einer Stunde über tausend! Aber sie geht. Die Bärenraupe geht los. Ohne Hast. Ohne Furcht. Zwanzig Autos in der Minute. Und sie geht und geht und geht – und kommt an!


III. Teil

Die Frauen hatten sich damals alle Mühe gegeben, die Nachricht von der Auferstehung Jesu auszubreiten. Aber die Jünger Jesu taten sich schwer damit. Zwei hatten sich nach dem Tod Jesu wieder nach Hause aufgemacht. Zurück nach Emmaus, einem Dorf, ein Tagesmarsch von Jerusalem entfernt.
Als sie sich traurig dahinschleppten, war da auf einmal jemand an ihrer Seite. Sie erzählten ihm alles, was sie bedrückte. Sie erzählten dem Fremden sogar von der Auferstehung Jesu, von der die Frauen berichteten, ohne doch daran glauben zu können. Der Fremde aber überlässt sie nicht einfach ihrem Gefühlschaos. Er gibt ihnen ein Zeichen. Denn es ist Jesus selbst, der Auferstandene, wie das Lukasevangelium berichtet:

Sprecherin:
Als er dann mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, sprach das Segensgebet darüber, brach es in Stücke und gab es ihnen.
Da gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten ihn. Aber im selben Augenblick verschwand er vor ihnen.
Sie sagten zueinander: »Brannte es nicht wie ein Feuer in unserem Herzen, als er unterwegs mit uns sprach und uns den Sinn der Heiligen Schriften aufschloss?«
Die Geschichte begleitet mich seit meiner Kindheit - im Kindergottesdienst, in der Jugendgruppe habe ich sie gespielt und sie in Liedern besungen. Wie mich hat diese Geschichte viele in ihrem Glauben geprägt.
Diese Geschichte lehrt mich: Jesus geht unsere Wege mit. Meistens erst einmal als der Fremde, der Andere, der überraschend dazukommt und durch den alles anders wird.
Und noch etwas: Jesus bleibt nicht fremd. Er gibt sich zu erkennen. In der Emmausgeschichte erkennen das die Jünger in dem Augenblick, in dem der Fremde das Brot bricht. Das erinnert sie an früher, als sie noch zusammen waren. Und es erinnert sie an sein Versprechen: ich bin immer bei euch.
Deshalb erinnern wir uns bis heute in jedem Abendmahl daran, wie nahe er uns ist. Nahe auch im Alltag. Ich begegne ihm immer wieder. Ich erkenne ihn im Gespräch mit alten Menschen, wenn sie von ihren ganz unglaublichen Wegen erzählen, die sie in ihrem Leben gehen mussten.
Ich erkenne den Auferstandenen in den Trauernden, die ich begleite und eines Tages wieder lachen sehe. Ich habe seine Nähe gespürt, als ich einen Klassenkameraden im Sterben begleiten durfte, Bruder Wilhelm, im Kloster von Taizé. Wir hatten uns um ihn versammelt, waren traurig und er lächelte uns an. Und er starb – lächelnd. Und wir lächelten auch. Damals habe ich verstanden, was Hanns-Dieter Hüsch eindrücklich so gesagt hat:
Sprecher:
Ich habe den Herrn gesehen
Ruhiger denn je
Gelassener denn je und freier als alle Freiheit
Alle Großzügigkeit war um ihn versammelt
Alle Liebe in ihm
Und so hat er uns verlassen
Um Tag und Nacht bei uns zu sein
Ich habe den Herrn gesehen
Möchten wir sagen
Seht welch ein Mensch
So möchten wir sein
Fürchtet euch nicht
Die Tür steht offen
Der Stein ist verschwunden
Wir können mit IHM in alles hinein
Aus allem heraus und durch alles hindurchgehen https://www.kirche-im-swr.de/?m=3391