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„Ich will das, was du willst, ohne mich zu fragen, ob ich es kann. Ohne mich zu fragen, ob ich Lust darauf habe. Ohne mich zu fragen, ob ich es will.“  

Diese Sätze von der französischen Schriftstellerin Madeleine Delbrél bedeuten mir viel. „Ich will das, was du willst“, schreibt Delbrél. Da ist jemand, der offen sagt: ,Ich bin bereit, den Willen eines anderen ganz zu meinem eigenen zu machen. Ohne Wenn und Aber. Aber mit der größten Freiheit.“

Dieses Du, von dem Delbrel spricht, ist für mich Gott. Dadurch bekommt ihr Satz einen besonderen Klang:

Ich will, was Du willst, Gott, ohne mich zu fragen, ob ich es kann, ob ich Lust dazu habe und egal ob ich es will oder nicht. Aber du Gott, willst es, und deshalb lasse ich mich darauf ein.

Man braucht viel Mut dazu, weil es heißt, anzupacken, loszugehen, etwas Neues zu beginnen. Ich verlasse mich dabei  ganz auf Gott. Mich fasziniert, wenn Menschen diesen Mut, dieses Gottvertrauen aufbringen und zum Beispiel alles hinter sich zu lassen und komplett neu anfangen.

Auch die Flüchtlinge, die zu uns kommen, sind für mich solche Menschen. Sie bringen den Mut auf, aufzubrechen und von Terror und Gewalt wegzugehen, weil sie sich um ihr Leben und das ihrer Lieben sorgen. Es gehört Mut dazu, seine Heimat zu verlassen und loszugehen, ohne zu wissen, ob man einen guten Ort, eine neue Heimat findet oder nicht. Auch wenn das manche in Deutschland so nicht sehen können oder wollen.

Ich gebe zu: Es gehört auch Mut dazu, diese Menschen mit offenen Ohren und offenem Herzen aufzunehmen, auf sie zuzugehen und ihnen etwas zuzutrauen. Es ist mutig, wenn Menschen helfen, Vorurteile und Ängste abzubauen.

Und es gehört auch Mut dazu, sich für fremde Menschen aus anderen Ländern und ihren Glauben zu interessieren und nachzufragen. „Wie feiert ihr Feste, was verbindet uns, wie können wir gemeinsam gut miteinander leben.“ Das Aufeinander zugehen ist für mich der Beginn von Frieden. Es ist an der Zeit, gerade jetzt, wo Gewalt und Terror kein Ende zu nehmen scheinen, noch mehr Liebe zu säen. Dann haben Vorurteile, Ängste und Fremdenfeindlichkeit vielleicht irgendwann keinen Nährboden mehr.  

Damit Krieg endlich ein Ende hat. Aber wird das jemals so sein?

Ich wünsche mir noch viel mehr mutige Menschen, die aufstehen, wenn Menschen Kritik am Fremden und an den Fremden üben. Mehr Anerkennung und Dankbarkeit wünsche ich mir für die vielen ehrenamtlichen Mutigen, die sich trauen beherzt anzupacken, wo ihre Hilfe gebraucht wird. Danke dafür und weiter so!

 

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Das Schild an der Wand leuchtet hell und ich kann deutlich lesen: Chaldäisch-katholische Kirche in Stuttgart. Der Pfarrer der Gemeinde begrüßt mich und erzählt: „Das Schild ist noch ganz neu und hängt auch ein wenig schief, aber es ist jetzt unsere Kirche“, und er strahlt dabei genauso hell wie das Schild an der Kirchenmauer. Er heißt Sizar Happe und kommt aus dem Irak. Er  leitet seit acht Jahren die chaldäisch-katholische Kirchengemeinde in Stuttgart.  „Wir hatten bisher keine eigene Kirche. Vor einem Jahr hat uns der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart diese hier geschenkt“, erzählt er strahlend.

Viele der Gemeindemitglieder sind aus dem Irak geflohen und es werden täglich mehr. „Wir werden als Christen brutal verfolgt im Irak“, erzählt er mir. „Aber hier ist es anders. Hier fühlen wir uns sicher und geborgen. Und wir sind so dankbar, dass wir hier sein können.“

Wir gehen in die Kirche und er zeigt mir stolz den großen Gebetsraum. „Das ist wie der Himmel auf Erden für uns. Wir feiern hier jeden Sonntag Gottesdienst auf Aramäisch, in der Sprache Jesu, erzählt er. Wir beten für den Frieden im Irak und für die Opfer und Angehörigen der Terror-Anschläge in Paris. Die Kirche ist immer bis auf den letzten Platz besetzt.“

Viele der Gemeindemitglieder sind erst vor kurzem angekommen. Er kennt sie alle und ist für sie da, egal wo sie ankommen oder wo sie untergebracht sind.  „Ich will ihnen hier eine neue Heimat schenken“, erklärt er mir. Und er meint es ernst. Wir gehen in die Sakristei. Er zeigt mir das große Holzkreuz auf dem Tisch. „Das ist ein orientalisches Kreuz aus unserer alten Heimat im Irak“, sagt er wehmütig. „Uns ist es wichtig, so ein Kreuz hier zu haben. Das schenkt uns Hoffnung und macht uns Mut“. Das Kreuz kann man in der Mitte auseinanderklappen. Dort steht der Name Gottes in aramäischer Sprache mit drei roten Punkten: „Die stehen für Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist“, erklärt er mir. 

„Wir haben das Kreuz erst letzte Woche hierher gebracht. Und das war nicht einfach.“ Religiöse Symbole sind im Irak verboten und im Flugzeug sowieso. Aber er lächelt verschmitzt, „Wir haben es irgendwie geschafft. Dann erzählt er mir auch von dem Sparschwein, das jetzt im Advent an den Gottesdiensten vor dem Ausgang aufgestellt wird. „Jeder gibt, was er kann und wir freuen uns über jede Gabe“, sagt er. Er selbst bringt die Spenden in den Irak, zu den   Familien und Freunden dort. Mit dem Geld werden Schulen und Bildungscamps vor Ort im Irak gebaut.

Wir gehen aus der Kirche, draußen ist es schon dunkel. Nur das Schild auf der Kirchenmauer strahlt besonders hell.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20943

„Ach bin ich glücklich“, seufzt Markus zufrieden. Er hat eben einen kleinen Spielhund auf dem Wochenmarkt in Heiligenbronn ergattert. Der Hund hat ein braunes Fell und eine blaue Sonnenbrille. und er kann bellen. Für Markus ist das entscheidend: Weil Markus blind ist. Aber dafür sehr gut hören kann. So wird der Hund für ihn fast lebendig. In Heiligenbronn ist Markus schon seit Jahren zu Hause. Er wohnt hier in einer Einrichtung für Menschen mit Sehbehinderungen. Dass es Markus hier gut geht, merke ich bei ihm auf Schritt und Tritt an.

Ich hab noch selten jemanden erlebt, der so fröhlich lachen kann, wie er. Er kann sich zum Beispiel riesig über Kleinigkeiten freuen. Wie über diesen kleinen Stoffhund, der laut bellen kann.

Es ist für mich jedes Mal ein Geschenk mit Markus zusammen sein zu können. Weil er sich so am Leben freut. Obwohl er es nicht leicht hatte. Als Kind hat er sein Augenlicht verloren. Seine Mutter hat das sehr traurig gemacht, hat er mir erzählt. Weil man es wohl hätte retten können, wenn man es zu einem früheren Zeitpunkt operiert hätte. „Ich habe meine Mama dann einfach getröstet und gesagt schau: Ich kann dafür noch wunderbar sprechen“, erzählt Markus. Und da hat er wirklich Recht.

Mit seinem Humor unterhält er alle, die ihn kennen. Er erzählt am liebsten positive Nachrichten, die er im Radio gehört hat weiter. Und er bedankt sich für jede Kleinigkeit von Herzen. Meistens mit einem fröhlichen „Vielen Dank, das hat mich sehr gefreut.“ Bei soviel Lebensfreude geht mir jedes Mal das Herz auf.

Wir kaufen auf dem Wochenmarkt noch eine E-Gitarre aus Plastik und eine Reihe von lustigen Hörkassetten. An einem Stand gibt es auch kleine Spielzeugwaffen zu kaufen. Die machen auch Krach. Aber Markus will die nicht. „Sowas kaufe ich nicht,“ sagt er laut und bestimmt, „denn wir wollen ja Frieden auf der Welt, oder?“ Ich bin beeindruckt. Dann will er noch auf einen Sprung in die Kirche gehen. Für die Flüchtlinge beten, wie er sagt. „Mögen Sie gut ankommen und bei uns ein zu Hause finden“, sagt er laut in der Kirchenbank. „Pass gut auf sie auf“, flüstert er noch am Schluss.

Ja, obwohl Markus blind ist, sieht Markus klar und deutlich, was wichtig ist im Leben. Für mich ist er wie ein Augenöffner. Markus sieht mit dem Herzen, und das gefällt mir. Bevor wir aus der Kirche rausgehen sagt er noch: „Und danke für den Hund“. Ich staune. „Hast du dich nun beim lieben Gott für den Hund bedankt?“, frage ich nach. „Na klar, das ist doch ein Mega-Geschenk für mich“, lacht er.

Was für ein schöner Tag, Markus. Danke.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20649

In der Bibel werden ungefähr 160 Tiere erwähnt. Der Löwe, der Adler, das Kamel, der Wal oder die Heuschrecke.

Meistens stehen sie da für bestimmte Eigenschaften – für gute und auch für weniger gute. Wie ich sie eben auch an mir kenne. Weil ich diese Eigenschaften neu entdecken wollte, habe ich einen Ausflug in die Wilhelma gemacht. Und da waren dann auch die Tiere, die ich aus der Bibel kenne und einige andere. Und sogleich habe ich mich auf die Suche nach Eigenschaften gemacht, die ich von diesen Tieren lernen kann. Zum Beispiel sind mir die Flughunde aufgefallen - wie zärtlich sie miteinander umgehen. Sie haben unter ihren Flügeln richtig nah beieinander gekuschelt. Sogar bei der Futteraufnahme waren sie nur im Doppelpack zu sehen.

Oder der schöne bunte Schmetterling im Schmetterlingshaus. Ich habe zugesehen, wie er aus seinem Kokon geschlüpft ist. Das hat ewig gedauert. Und dann hat er seine Flügel ausgebreitet und hat so lange gewartet mit dem Wegfliegen, bis seine Flügel trocken waren. Er hat das Fliegen sozusagen im Trockenen geübt. Ich lerne vom Schmetterling, Geduld zu haben und den richtigen Moment zu finden, loszulassen und etwas Neues in Angriff zu nehmen. Ach ja, die Gelassenheit eines Kamels wünsche ich mir manchmal auch für meinen Alltag. Wie ruhig und langsam ein Kamel sich bewegen kann, staunenswert. Leider ist es für mich nicht so einfach ist, die Eigenschaften der Tiere umzusetzen, also, denke ich, wäre so ein Tiersegen doch genau das Richtige für mich. Ich habe einen entdeckt, den ich besonders schön finde. Dieser Tiersegen lautet so[TS1] :

Guter Gott, segne mich und alle deine Geschöpfe, die Tiere. Lass mich immer wieder dankbar auf die Schöpfung schauen. Wie schön du alles geschaffen hast um mich herum.

Gib mir die Gelassenheit eines Kamels. Schenke mir die Stärke eines Bären und den Mut, wie der Löwe ihn hat. Den Weitblick einer Giraffe und das dicke Fell eines Elefanten. Gib mir die Vorsicht eines Hasen und die Aufmerksamkeit wie Hunde sie für andere haben.

Hilf mir, alle Hindernisse des morgigen Tages gut zu überwinden wie ein Känguruh es macht - mit einem leichten Sprung. Lass mich andere eine Freude machen wie verspielte Äffchen es gerne tun. Gib mir die Fröhlichkeit eines Spatzen und die Ausdauer eines Esels.

Schenke mir die Verspieltheit eines Kätzchens und die Sanftheit eines jungen Zickleins. Und manchmal wünsche ich mir, so schlau zu sein wie ein alter Fuchs.  Segne mich, guter Gott, und alle Tiere, die mir lieb sind. Amen.

 

(Tiersegen nach Hanna Günther. In: Ich höre das Herz des Himmels pochen. Ostfildern 2005).


 [TS1]Bitte auch hier den Vortrag gut vorbereiten!

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Wenn keine Züge fahren oder mein Zug Verspätung hat, dann weiß ich jetzt, wo ich warten kann: Bei der Bahnhofsmission in Stuttgart. Denn dort am Gleis 16 arbeitet Schwester Mechta. Von 6 bis 22 Uhr täglich. Zurzeit ist auf dem Bahnhof viel los. Wenn Schwester Mechta ihren Dienst morgens um 6 Uhr beginnt, warten schon ein Dutzend Menschen auf sie. Meistens Asylbewerber, wie sie mir erzählt. „Ich mache erst mal die Tür auf und dann trinken wir gemeinsam einen warmen Tee.“ Das tut gut, denn die Menschen sind oft die ganze Nacht unterwegs, erzählt sie. „Ich möchte, dass die Menschen hier bei uns spüren, dass sie willkommen sind. Und ihr warmes Lächeln zeigt mir, dass sie es ernst meint.

Sie weiß zum Beispiel, dass die Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan am liebsten süße Stückchen essen. Viel lieber als Käsebrötchen. „Natürlich finden das manche nicht gut, wenn Flüchtlinge Ansprüche stellen und wählerisch sind“, murmelt sie. Aber Schwester Mechta kann das verstehen. Also besorgt sie süße Stückchen von den umliegenden Bäckern am Bahnhof. „Alles Spenden,“ erklärt sie mir zufrieden. „In Afghanistan gibt es vielleicht keinen Käse auf Brötchen“, schmunzelt sie. Sie hat ein weites Herz, denke ich mir.

Bevor die Asylbewerber weiter nach Karlsruhe oder Tübingen reisen, kaufen die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Bahnhofmission für sie ein Zugticket, begleiten sie zum Zug und fragen Mitreisende, ob sie ihnen zeigen können, wo sie dann wieder aussteigen sollen.

„Bei uns können sie auch die Sorgen loswerden, die sie belasten“, erzählt Schwester Mechta. Dann zeigt sie mir das Gebetbuch, das auf dem Tisch im Warteraum liegt. Hier kann jeder, der mag, eine Bitte oder ein Gebet reinschreiben. Ein Kind aus Syrien war mit seiner Familie in der Bahnhofsmission und hat Kriegsszenen gemalt, viel Blut, zerstörte Häuser, getötete Menschen und daneben ein großes Herz. Und da steht Gleis 16 drin. „Das sind die schönen Momente“, schmunzelt Schwester Mechta. „Wir bekommen hier viel zurück geschenkt“. Erst gestern ist ein ehemaliger Flüchtling vorbeigekommen, erzählt sie. „Er war vor einem Jahr hier bei uns in der Bahnhofsmission. Alleine, ohne Papiere und ohne Zukunft. Heute wohnt er in Mannheim und ist endlich angekommen“, strahlt Schwester Mechta. Fast im gleichen Moment kommt die Polizei mit zwei jungen Männern in den Warteraum. Sie sehen ziemlich mitgenommen aus. „Möchten Sie einen warmen Tee?“, fragt Schwester Mechta. Die beiden jungen Männer nicken und Schwester Mechta verschwindet eilig in der Teeküche.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20647

So viele Menschen sind auf der Flucht. So viele fliehen vor Krieg und Not aus ihren Heimatländern. Das Drama scheint kein Ende zu nehmen. Der Winter steht bevor. Viele Menschen sind noch unterwegs auf der Strecke, ohne zu wissen, ob sie jemals ankommen werden.

Ich denke an die vielen Familien, die Kinder, die älteren Menschen, die unterwegs nach Deutschland sind. Es ist so eine große Not. Gott sei Dank schauen viele nicht nur zu, sondern helfen und packen mit an, wo immer sie nur können.

Wenn ich die Nachrichten zur Flüchtlingspolitik sehe, spüre ich so eine Hoffnungslosigkeit in mir. Es gibt keine einheitliche Hilfelinie, stattdessen werden Mauern und Kontrollen eingeführt, ja sogar Züge gestoppt. Wo soll das hinführen? Es geht doch um Menschen in Not.

Was mir hilft, ist es, meine Wünsche für die Menschen als Bitte an Gott zu richten. In der Hoffnung, dass die vielen Menschen endlich ankommen können und Geborgenheit und eine neue Heimat finden hier bei uns.  

Guter Gott,  so viele Menschen sind auf dem Weg. Viele hoffen auf ein besseres Leben in einer besseren Welt. Hier bei uns. Manche verunsichert das. Das kann ich verstehen. Mich beeindrucken Menschen, die trotzdem ein offenes Herz haben und in der Not helfen. Es ist so wichtig, jetzt auf das Gemeinsame zu schauen und nicht auf das, was uns trennt. Um des guten Friedens willen.

Es tut gut zu sehen, wie viel geholfen wird, wieviel Gutes getan wird.

Das alles macht mir Mut, dass ein besseres Leben für die vielen Menschen auf der Flucht möglich ist. Besonders für die, die es bitter nötig haben.

Ich glaube, so magst du uns sehen: Wie wir füreinander einstehen. So hätte Jesus es doch auch getan. Jesus ist zu denen gegangen, die am Rand sind, die an den Zäunen stehen. Er hat sie berührt, ihre Not gesehen und ihnen zugehört. Das ist schon mal ein Anfang, denke ich.

Das möchte ich auch, auf fremde Menschen zugehen, ohne Vorurteile, ohne Ängste. Egal, was andere sagen.

Ich vertraue darauf, dass du es gut meinst mit allen Menschen.

Guter Gott, stehe uns bei, wenn wir einander helfen, gib uns die Kraft, den Mut und die Ausdauer einander auf Augenhöhe zu begegnen. So dass wir sehen, was der andere jetzt gerade dringend braucht.

Vielleicht ein offenes Ohr, eine warme Schlafstelle, ein Kleidungsstück oder jemanden, der ihn tröstet. Lass mich da sein, wenn mich jemand braucht. Amen.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20646

„Wenn wir bei Schwester Marlene sind, dann vergessen wir, wo wir hier eigentlich sind,“ – erzählt mir einer der Männer, mit denen ich am Tisch sitze und Kaffee trinke. Ich bin zu Besuch bei Schwester Marlene. Sie ist Gefängnisseelsorgerin in der Justizvollzugsanstalt Stammheim in Stuttgart.

Jede Woche lädt sie zur Bibelstunde ein. Rund 10 Männer kommen meistens. Heute bin ich auch als Gast dabei. Ich gebe zu: Anfangs ist mir etwas mulmig zumute. Sicherheitshalber setze ich mich etwas weiter weg von der Runde. Der Reihe nach erzählen die Männer von ihren Erlebnissen die Woche über. Ob da viel passieren kann, denke ich mir, wenn man 23 Stunden in der Zelle hockt und nur eine Stunde Freigang hat. Einer der Männer beginnt zu weinen, als er erzählt, dass er schon seit Monaten keinen Kontakt mehr zu seiner Familie hat. Ein anderer freut sich, dass er nun endlich einen Anwalt bekommen hat und seine Chancen rauszukommen 50 zu 50 stehen. Ein anderer hat diese Woche das erste Mal seine Frau anrufen können. Das ist schon was, sagt er, zu wissen, wie es daheim geht. All diese Erzählungen haben mich sehr berührt. Ich denke darüber nach, was übrig bleibt, wenn man weggesperrt ist. Und dann sagt einer laut: „Das Positive hier ist, ich habe im Gefängnis Gott gefunden“. Schwester Marlene schmunzelt. Sie kennt ihre Männer, obwohl sie gar nicht weiß, warum sie hier einsitzen. „Ich lese keine Akten“, erklärt sie mir später. „Für mich sind sie alle hier ganz normale Menschen. Sie verdienen genauso viel Würde und Respekt, wie alle anderen auch.“ Dass Schwester Marlene im Herzen und im Kopf keine Mauern hat, beeindruckt mich. „Ich will den Männern hier vermitteln, dass Gott jeden so annimmt, wie er ist, egal was er auf dem Kerbholz hat.“ Schwester Marlene denkt gut über diese Männer und sie hat keine Berührungsängste. Das gefällt mir. Auch ich bin den Männern innerlich etwas näher gerückt. 

Danach gehen wir in Schwester Marlenes Büro, die Männer setzen sich brav um den Tisch herum und knüpfen Rosenkränze. „Das ist der Renner hier im Gefängnis“, erklärt sie. Sie hat viele bunte Perlen mitgebracht. Einer fragt nach, ob er noch einen zusätzlich machen darf, als Geschenk für seine Frau. Schwester Marlene nickt und erklärt, was die drei Perlen am Rosenkranz bedeuten: „Die stehen für Glaube, Liebe und Hoffnung. Und das wünsche ich euch hier besonders.“ Sie lächelt. In der Zwischenzeit sitze ich auch schon am Tisch mit dabei. Schwester Marlene hat Recht, es tut gut, einander anzunehmen ohne Vorurteile. Die Stunde geht schnell vorüber, die Wache klopft an die Tür und holt die Gruppe wieder ab. Einer bedankt sich bei Schwester Marlene für die schöne Stunde und sagt ganz laut: „Wenn ich wieder draußen bin, gehe ich jeden Sonntag in den Gottesdienst.“ Schwester Marlene nickt: „Versprochen. Bis nächste Woche“. Und dann ist die Gruppe auch schon im Aufzug verschwunden.

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Schwester Sigrid kocht Woche für Woche literweise Ringelblumensalbe ein - für die vielen Kranken im Hospital der St. Anna Schwestern in Ellwangen. Für Schwester Sigrid ist das normal. Oder besser gesagt: Das ist ihre Lebensaufgabe, die sie glücklich macht. „Selbstverständlich mache ich das gerne. Wenn es den anderen gut geht, dann geht es mir auch gut“, erzählt sie mir, als ich sie besucht habe.

Sie verteilt die Ringelblumensalbe immer bei ihren Krankenbesuchen. Und wenn sie von Bett zu Bett geht, teilt sie nicht nur gute Wünsche und viele gute Worte aus, sondern verschenkt immer auch ihre Salben in den weißen Dosen und dem roten Deckel drauf. Schwester Sigrid glaubt an die Kraft der guten Worte. Und sie glaubt daran, dass Menschen gesund werden, wenn sie viel Gutes von anderen empfangen. Und natürlich glaubt sie auch an die Heilkraft ihrer selbstgemachten Salben.

Jetzt im Sommer sammelt sie alle zwei Tage einen ganzen Eimer voll mit den gelben Blüten der Ringelblume. Besser gesagt: Sie zupft sie zärtlich von den Stielen. Und dann kocht sie diese mit viel Vaseline und Bienenwachs und anderen wohlriechenden Kräutern ein. Arnika, Zitronenmelisse oder Kamille zum Beispiel. Sie macht das mit viel Liebe und, was mich begeistert, ganz ohne Rezept. „Ein Rezept habe ich nicht“, erzählt sie mir. „Ich mache das intuitiv, rein aus dem Bauch heraus, aber es stimmt immer.“ Sie zählt 12 Hände voll Blüten in den Kochtopf und nickt dabei mit dem Kopf. „Das ist ganz einfach“, sagt sie. Ob sie denn auch ein Rezept für ein gelingendes Leben habe, frage ich sie. „Ja natürlich. Mein Glaube“, sagt sie strahlend. „Denn ohne meinen Glauben an Gottes gute Worte geht bei mir im Leben gar nichts. Und übrigens: Im Sterben hilft es auch, wenn man einfach loslassen und sich hingeben kann.“ Das hat sie herausgefunden bei den vielen kranken Menschen hier im Krankenhaus, erzählt sie mir. „Ich glaube, wenn Menschen glauben können, dass alles wieder gut wird, dann tun sie sich leichter im Leben und vor allem dann, wenn es nicht mehr weitergeht.“  

Ob Sie denn selbst nie krank gewesen sei? „Oh doch“ sagt sie, sie sei schon zweimal im Garten gestürzt. Beim Pflücken der Ringelblumensalbe. Ausgerechnet!  „Ach was“, sagt sie, „ich habe zwei OPs hinter mir. Aber wissen Sie, womit ich die Wunden täglich einschmiere?“ Ich grinse: „Ja, mit Ihren eigenen Salben.“ „Richtig“, sagt sie. „Und es hilft. Es hilft immer wieder. Jetzt wird alles wieder gut. Wissen Sie, die Kranken brauchen mich.“

Voll beladen mit einem Pfund Salben und reich beschenkt im Herzen mit vielen guten Gedanken verabschiede ich mich von Schwester Sigrid. Einige der Salben habe ich auch dann gleich weiterverschenkt. Denn ich glaube, darum geht es Schwester Sigrid: Gutes miteinander teilen. Denn das tut mir gut und anderen auch. Danke, Schwester Sigrid.

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der Welt wäre

„Ja, wissen sie denn überhaupt, wo Sie da anrufen?!“, fragt mich am anderen Ende des Telefons eine Männerstimme. Ich bin ziemlich verdutzt. Ich habe nach Ordensgemeinschaften im Internet gesucht und den Kartäuserorden gefunden. Eine Telefonnummer in Leutkirch. Hach, da rufe ich einfach mal an.

„Wo genau bin ich denn nun rausgekommen?“ frage ich ein wenig ahnungslos. Die Männerstimme antwortet: „Bei den Kartäusern. Wir sind Eremiten. Wir leben mitten im Wald. Sie finden uns nie. Um unser Kloster ist eine dicke Mauer herum. Wir sind total versteckt.“ Und ich höre ihn schnaufen.

Ich bin wirklich überrascht. Einsiedler bei uns in Württemberg. „Ja, wir sind die einzige deutsche Niederlassung hier.“ Warum weiß ich das nicht, frage ich mich? Als ob er Gedanken lesen könnte, antwortet er mir: „Wir machen halt keine Werbung für uns. Wir brauchen das auch nicht. Wir haben genügend Nachwuchs. Gott schickt uns immer wieder neue Mitbrüder. Wir sind zur Zeit 36 hier.“

„Und was machen Sie den ganzen Tag so“, bohre ich weiter. „Ja, - beten“, antwortet er. Als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. „Wir beten für die Menschen da draußen.“ „Kurz vor Mitternacht ist der erste Gottesdienst. Und dann folgen im Laufe des Tages noch zwei weitere“, erzählt er mir. Den Rest des Tages arbeiten die Mönche in der Bäckerei, in der Wäscherei, in der Werkstatt, in der Bibliothek oder im Garten. „Wir versorgen uns komplett selbst“, erzählt er weiter.

So ein Leben als Einsiedler in der Abgeschiedenheit kann ich mir kaum vorstellen. Obwohl es auch irgendwie verlockend klingt. In meiner Welt, wo alles schnell gehen muss, und ich mir kaum Ruhe und Stille gönne, klingt das Leben hinter der Klostermauer wie ein entspanntes Gegenprogramm. Diese 36 Kartäuser in Leutkirch machen es irgendwie richtig. Sie leben ihr Leben ganz mit - und für Gott. 

Sie haben kein Internet, kein Radio, kein Fernsehen, keine Medien. Und nur zweimal im Jahr gibt es Besuch. Am Sonntag gehen alle gemeinsam vier Stunden lang in den Wald spazieren. Da dürfen sie dann auch miteinander reden.

Eine Frage hatte ich dann noch: „Und warum haben Sie dann überhaupt ein Telefon?“ Der Kartäusermönch antwortet freundlich: „Ja, um unsere vielen Mitbrüder anzurufen. Es sind rund 500 - in Italien, Frankreich, Spanien zum Beispiel und ein paar in Amerika.“

Mich fasziniert, dass Menschen alles hinter sich lassen können und ein neues Leben beginnen, eines, das sie glücklich macht, auch wenn dicke Mauern drum herum sind.  „Alles Gute Ihnen“, „Gottes Segen für Sie“, wir verabschieden uns voneinander. „Und danke, dass Sie für uns beten“, rufe ich ihm noch nach. Aber er hat schon aufgelegt.

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Heute morgen fürchte ich mich vor den Unglücksmeldungen, die vermutlich gleich in den Nachrichten wieder auf mich zukommen werden. Wie viele Flüchtlinge sind diese Nacht wieder im Mittelmeer gestrandet oder ertrunken? Die Hoffnung auf ein besseres Leben ist mit ihnen im Friedhof der Meere untergegangen.

Wie viele Menschen sind in Nepal bei den Erdbeben verschüttet worden und gestorben. Viele werden noch in den Trümmern gesucht oder sind bis heute vermisst. Ich denke an den Überlebenskampf der Menschen im Katastrophengebiet. Wie viele junge und alte Menschen kommen bei Unglücken, Naturkatastrophen oder Gewaltakten ums Leben. Unschuldig. Verzweifelt. Dem Schicksal hilflos ausgeliefert. Das ist für mich so schwer zu begreifen oder zu verstehen. Und es bereitet mir großen Kummer.

Was mir aber in meinem Kummer hilft, ist ein Text aus meinem Gebetsbuch. Dieses Gebet trägt den Titel: Hoffen wider alle Hoffnung. Dennoch macht mir dieses Gebet unglaublich viel Mut. Den Mut zu hoffen, dass das Leben weitergeht und wieder gut wird. Ich spüre wie gut es ist, zu hoffen und Hoffnung zu haben. Zum Leben. Für mich ist das ein richtig schöner Mutmachtext, denn er gibt mir Kraft und schenkt mir Trost. Ich wünsche mir, dass alle von Unglück betroffenen Menschen spüren können, dass das Leben lebenswert ist. Trotzdem.

Ich möchte hoffen, wider alle Hoffnung

Ich möchte glauben, dass es dennoch weitergeht

Ich möchte leben und lieben, dort,  wo es beinah nicht mehr möglich ist,

damit die Welt auch morgen noch besteht.

Ich will fühlen, dort, wo Gefühle sterben,

Ich will Licht sehn, da wo alles dunkel scheint.

Ich will handeln, anstatt tatenlos zu trauern,

Ich möchte trösten auch die, die ohne Tränen weinen.

Ich will wach sein, Zeichen klar erkennen,

Ich will helfen, auch wenn es mir selbst nicht gut geht,  

Ich will aufstehen gegen das Unrecht, gegen Mord und Lüge,

ich will nicht einfach schweigen, wo die Welt bedroht ist.

Ich will dem trauen, der zu mir gesagt hat,

Schau, ich bin bei dir allezeit.“

nach Heinz Martin Lonquich

 

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