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22SEP2021
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Wer Freundschaft halten will, verzeiht Unrecht; wer es immer wieder auftischt, macht Freunde uneins.“ – das steht so in der Bibel und das hat mich ins Nachdenken gebracht. Ich wusste sofort, was gemeint ist. Jede Freundschaft lebt auch von Vergebung. Je näher sich Menschen kommen, desto leichter und desto tiefer können sie sich verletzen.

Und deshalb brauchen wir alle es, dass Freundinnen und Freunde zueinander sagen: „Ich vergebe dir!“ – „Wer Freundschaft halten will, verzeiht Unrecht.“ Das leuchtet ein. Und das kenne ich.

Doch das andere, das beschäftigt mich: „Wer Unrecht immer wieder auftischt, macht Freunde uneins.“ Es passiert so oft, dass sich befreundete Menschen zwar vergeben, aber die Familie, andere Freunde oder auch Kolleginnen und Kollegen sind sehr viel nachtragender. Immer wieder fangen sie davon an, immer kratzen sie den Schorf von der Wunde. Eltern wollen gern, dass ihre Kinder mit den „Guten“ unterwegs sind, dass sie Partner finden, die verlässlich sind. „Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden“, hat Udo Jürgens gesungen – und ich kenne nur wenige, die nicht sofort wissen, was gemeint ist.

Ganz klar, ich denke auch manchmal, ich müsste die, die mir wichtig sind, beschützen und sie daran erinnern, dass sie von jemandem schon einmal enttäuscht wurden. Ganz selten nur ist das richtig: Wenn jemand zum Beispiel wirklich bösartig ausgenutzt wird.

Meistens ist es richtig, die Menschen zu beglückwünschen, wenn sie bereit sind, zu vergeben. Wie gut ist es, wenn unsere Lieben die Größe haben, selbst gute Freundinnen und Freunde zu sein. Das Leben ist so kurz und es ist ein Glück, wenn wir auf unserem Weg Freundinnen und Freunde finden. Und „wer Freundschaft halten will, verzeiht Unrecht“.

Warum sollte ich dem im Wege stehen? Ganz ehrlich: Mir fallen nur sehr egoistische Gründe ein. Also will ich jemand sein, der andere darin bestärkt, zu vergeben und zu verzeihen. Ich will jemand sein, der anderen Mut macht, auch das Risiko einzugehen, verletzt zu werden. ich will jemand sein, der anderen gönnt, dass sie mit verziehenem Unrecht und vergebener Schuld immer wieder neu anfangen. Denn Freundschaft ist etwas sehr Kostbares, das will ich bewahren.

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21SEP2021
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„Ich bin trotz allem noch am Leben – das allein ist schon ein Wunder!“ – die Dame, die das zu mir gesagt hat, hatte gerade nach langer und anstrengender Pflege ihren Mann beerdigt. Und ich wusste einiges aus den mehr als 70 Jahren ihres Lebens. Von den Misshandlungen in ihrer Kindheit angefangen hätte sie ihr Leben erzählen können, indem sie einfach die Wunden hätte aufzählen können, die ihr das Leben und die Menschen darin zugefügt hatten.

Doch sie zählte nicht die Wunden, sondern die Wunder. Sie erzählte, wie eine Tante sie gerettet hatte aus ihrem Elternhaus mit der unterdrückten Mutter und dem cholerischen und gewalttätigen Vater. Es war ein Wunder, dass sie in eine funktionierende Familie hineinkommen konnte.

Sie erzählte nicht, wie schrecklich die Krankheit gewesen ist, unter der sie als junge Frau lange gelitten hatte. Für sie war es ein Wunder, dass ein Arzt einen Geistesblitz hatte und eine sehr seltene Krankheit bei ihr erkannte.

Der Mann, den sie fand und heiratete, starb nach nur 5 Jahren völlig unerwartet. Der gesamte Freundeskreis ließ die junge Frau damals im Stich. Aber sie sagt: „Ich war so allein. Ich wollte nicht mehr leben. Heute sehe ich darin ein Wunder, dass ich meinem Mann in diesem Schmerz nicht einfach in den Tod gefolgt bin.“

Erst viele Jahre später hat sie wieder einen Weggefährten gefunden und fast zwei Jahrzehnte mit ihm leben können. Ein Wunder für sie. Und als er dann nach langer Krankheit starb und sie sich in der Pflege völlig aufgerieben hat, da war es ein Wunder für sie, dass sie trotz allem noch am Leben war…

Vieles habe ich ausgelassen aus dem Leben dieser Dame, die mit ihrer ruhigen, aber bestimmten Art sagt, dass sie irgendwann erkannt hat, dass sie selbst die Macht hat, zu entscheiden, wie sie ihr Leben verstehen will.

Ist es eine Aneinanderreihung von Wunden oder eine lange Reihe von Wundern? Hat Gott immer wieder eingegriffen in ihr Leben? Waren da Schutzengel? Waren es Menschen, die wie ihre Tante damals Wunder vollbracht haben, weil sie einfach das Richtige getan haben?

Sie sagt einfach: „Es gibt einen Gott. Und er tut Wunder. Mal so und mal so, aber es sind Wunder. Dafür bin ich dankbar.“ Und so erzählt sie ihr Leben.

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20SEP2021
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„Könnten Sie bitte langsam und deutlich sprechen? Ich höre sehr schlecht. Ich wäre Ihnen sehr dankbar.“ – Die Frau, die mir das sagte, war etwa 80 Jahre alt. Ich hatte gerade begonnen, bei einer Veranstaltung für Senioren einen Vortrag zu halten. Und sie unterbrach mich mit ihrer etwas brüchigen Stimme: „Könnten Sie bitte langsam und deutlich sprechen? Ich höre sehr schlecht. Ich wäre Ihnen sehr dankbar.“

Ich bin dieser Aufforderung gern gefolgt. Erst später habe ich dann darüber nachgedacht, was genau mich so beeindruckt hatte. Es war die Art, wie sie es gesagt hatte. Da war kein Vorwurf an mich. Da war auch keine Entschuldigung von ihrer Seite. Diese Frau mit ihren weißen, lockigen Haaren und ihrem hinter sich geparkten Rollator war einfach klar und zugleich höflich. Sie ist mit mir genauso umgegangen, wie sie sich das für sich selbst auch gewünscht hat: Mit Respekt.

Sie hat „bitte“ gesagt. Sie hat erklärt, was sie will und warum sie es will. Und sie hat deutlich gemacht, dass sie dankbar dafür ist, wenn ich ihrer Aufforderung nachkomme.

Ob sie sich das vorher genau überlegt hatte? Ich erlebe es ab und zu bei Veranstaltungen, dass von irgendwo einfach „Lauter!“ gerufen wird oder jemand einfach nur vor sich hinschimpft, auch im kleineren Kreis. Sie hat das anders gemacht.

Ich habe diese Frau später noch etwas näher kennengelernt und ich habe gemerkt, dass sie etwas verinnerlicht hatte, das Jesus einmal gesagt hat und das als „Goldene Regel“ bekannt ist: „Geht mit euren Mitmenschen so um, wie ihr selbst wollt, dass sie mit euch umgehen“ (Matthäus 7,12).

Tatsächlich hat diese Frau mich an diesem Tag davor bewahrt, einen bestimmt sehr wichtigen Vortrag zu halten, den die Hälfte der Anwesenden dann gar nicht verstanden hätte, weil ich zwar laut, aber zu schnell gesprochen hätte. Und sie hat es mir sehr leicht gemacht, auf sie zu hören, weil sie diese einfache Regel befolgt hat: „Geht mit euren Mitmenschen so um, wie ihr selbst wollt, dass sie mit euch umgehen.“

Ein Vorbild für mich.

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12AUG2020
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Manchmal habe ich einen verrückten Traum. Ich träume, dass alle, die Gott Vater nennen tatsächlich glauben, dass er ihr Vater ist. Wir alle haben einen Vater im Himmel. Ich träume, dass all die Milliarden von Menschen, die das Vaterunser beten, das glauben. 

Ich träume, dass die von ihren Vätern Verlassenen entdecken, dass sie einen ewigen Vater haben, der sie liebt und will und zu ihnen steht für immer.

Ich träume, dass die, die von ihren Vätern geprügelt und missbraucht wurden, heil werden, weil es diesen göttlichen Vater wirklich gibt, der sie achtet und wieder zurückholt ins Leben.

Ich träume, dass wir zu ihm kommen, wenn wir selbst Mist gebaut haben, weil wir wissen, wenn wir als seine verlorenen Töchter und Söhne zu ihm kommen, dann läuft er uns in Liebe entgegen und feiert mit uns den Neuanfang. 

Ich träume davon, dass die ungeschriebenen Gesetze der Familien, aus denen wir kommen, ihre Bedeutung verlieren. In der Familie unseres Vaters gelten die Gesetze der Liebe und der Mitmenschlichkeit. Hier lernen wir, ehrlich zu sein und gnädig zugleich, klar und wahr und ebenso barmherzig, weil wir alle Kinder eines Vaters sind. 

Ich träume, dass wir das wirklich glauben, dass wir alle Kinder eines Vaters sind. Ich träume, dass wir es endlich als die Wahrheit leben, dass das unsere Abstammung ist, egal wie wir aussehen und welche Geschichte wir mitgebracht haben und ob wir unseren Vater im Himmel schon kennen.

Ich träume, dass wir es nicht aushalten, wenn andere Kinder unseres Vaters auf der Flucht sind vor den Waffen, die wir gebaut haben, vor dem Unrecht, das wir unterstützt haben, vor der Ungerechtigkeit, die uns reich macht. Sie sind unsere Geschwister! 

Manchmal habe ich diesen verrückten Traum. Ich träume, dass alle, die Gott im Vaterunser Vater nennen, / ich träume, dass all die Milliarden von Menschen weltweit das tatsächlich glauben: Wir sind Kinder eines Vaters, der barmherzig mit uns ist – und uns bittet: Seid barmherzig miteinander! (Henning Rauhut)

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11AUG2020
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Einfach einen Tag nach dem anderen – anders geht es oft nicht, wenn man seine Lieben im Alter oder in einer schweren Krankheit pflegt. Das verdient Respekt. Michaela zum Beispiel hat ihre Mutter gepflegt, viele Monate. Am Ende ging es sehr schnell, ein Schlaganfall, zwei Tage noch im Krankenhaus, wo sie dann verstorben ist. 

Harald hat zwei Jahre lang seinen Mann gepflegt und der hat deshalb daheim sterben können, so wie er sich das immer gewünscht hat. Und genauso wollte Leonie ihrer Mutter ermöglichen, bis zum Schluss in dem Haus zu bleiben, in dem sie schon geboren wurde. Das hat leider nicht geklappt. Leonie hat irgendwann selbst nur noch 45 Kilo gewogen. Tag für Tag hat sie weitergemacht bis zu demTag, an dem sie die vielleicht schwerste Entscheidung ihres Lebens getroffenhat: Dass es nicht mehr geht. Es musste in einem Pflegeheim weitergehen. 

Ich glaube, genau diese Art zu leben, die in der Pflege von Angehörigen so oft vorkommt, hat Jesus gemeint als er gesagt hat: „Quält euch nicht mit Gedanken an morgen; der morgige Tag wird für sich selber sorgen. Es genügt, dass jeder Tag seine eigene Last hat.“ 

Menschen wie Michaela, Harald und Leonie sind aus ihrer eigenen Sicht keine Helden, sondern einfach Menschen, die wie Menschen handeln.Für sie ist es Liebe, für sie ist es Verantwortungsbewusstsein. Jeden Tag neu. Oft haben sie sogar den Eindruck, dass sie zu wenig tun. Denn es stimmt: die Kraft reicht nur, umeinen Tag nach dem anderen zu leben. Am Ende des Tages ist ganz schlicht „die Luft raus“. Jesus sagt: „Es genügt, dass jeder Tag seine eigene Last hat.“ 

Manchmal geht es nicht mehr. Niemand kann mehr geben als das, was er hat. Ich habe großen Respekt für die, die eines Tages erkennen, dass die Aufgabe für den heutigen Tag das Aufgeben ist.

Leonie hat das erkannt und sie hat wieder Kraft gewonnen, um für ihre Mutter dazu sein. Sie hat sie täglich im Pflegeheim besucht – und nachts konnte sie endlich wieder durchschlafen.

Der Übergang war sehr schwer für beide. Erst mit der Zeit ist wieder Frieden eingekehrt. Auch da musste Leonie von Tag zu Tag leben. Doch das genügt. Es genügt, dass jeder Tag seine eigene Last hat.

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10AUG2020
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Wer realistisch ist, braucht Mut. Gerade jetzt. Und das erinnert mich an die Lebensgeschichte von Josua. Josua ist eine Gestalt in der Bibel, die sehr unspektakulär sehr viel erreicht hat. Josua ist der Nachfolger von Mose. Ja, der Mose, der ein ganzes Volk aus der Unfreiheit in die Freiheit führt. Der Mose, den man wohl ganz gut mit einem Firmengründer und Patriarchen vergleichen kann. Wo er ist, ist vorne. 

Josua bleibt lieber im Hintergrund. Verlässlich, gut im Job ist er. Wenn große Hindernisse auftauchen, dann schafft er sie aus dem Weg. Wird eine fundierte Meinung gebraucht, hat er die richtige Einschätzung. Aber er braucht nicht die große Bühne. Er ist – bodenständig. Und plötzlich soll er die Nachfolge von Mose antreten, soll sich und alle, die von ihm und seiner Arbeit abhängig sind, sicher durch eine schwierige Zeit führen und ihnen Sicherheit geben.

Gerade die Bodenständigen und Erfahrenen, die brauchen Mut. So wie heute. Selbstständige und Angestellte, Handwerker, Techniker, die Frauen und Männer, die was können in Handel und Produktion, in Dienstleistung und Pflege. Sie brauchen Mut. Alle, die nicht die große Bühne suchen, sondern einfach ihre Arbeit machen und sie gut machen. Realisten wissen, dass nicht immer alles gutgeht. 

Eine Aufforderung zieht sich durch das ganze Leben von Josua: „Sei mutig und entschlossen! Hab keine Angst und lass dich durch nichts erschrecken; denn ich, der Herr, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst!“ (Josua 1,9; ähnlich 5.Mose 3,28; 31,7-8)

Wer realistisch ist, braucht Mut. Es wird nicht alles gut gehen, nicht immer. Es wird schwierig. Josua ist Realist. Deshalb ist die Begründung für ihn so wichtig. Die Zusage ist, dass Gott bei jedem Schritt dabei ist, ob er gelingt oder nicht. Ob Erfolg oder Misserfolg: Du bist nicht allein! – Das ist das Versprechen. 

„Sei mutig und entschlossen als Schreinerin oder Techniker, als kaufmännischer Angestellter oder Köchin, als Drucker, Elektriker oder Verkäuferin. Lass dich durch nichts erschrecken. Du kannst was! Du bist was!“, sagt Gott: „Du bist nicht allein, denn ich, der Herr, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst!“

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16MAI2020
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Annemarie hat auf Vieles im Leben verzichtet, aber nie die Freude am Leben verloren. Verzichten muss ich auch gerade auf einiges. Und das macht sie gerade jetzt zu einem Vorbild für mich. Viele haben sie bewundert, obwohl sie ein ganz einfaches Leben geführt hat. Oder gerade deshalb.

Jesus sagt einmal: „Seid darauf gefasst: Es gibt solche, die jetzt noch zu den Letzten zählen; die werden dann die Ersten sein.“

Annemarie kam tatsächlich 1939 als sechstes und letztes Kind ihrer Eltern zur Welt. Der Vater verdiente nicht viel, die Mutter arbeitete auf dem Acker und im Garten und versorgte die Familie so gut es ging. Annemaries Vater starb an den Folgen seines Kriegseinsatzes und spätestens da war es klar, dass für das intelligente, junge Mädchen keine Berufsausbildung in Frage kam. Sie ging in die Schweiz, doch als die Mutter schwer krank wurde, war sie wieder da. Und blieb. Und pflegte ihre Mutter, versorgte sie. Die anderen Geschwister waren weit fort vom Dorf, waren verheiratet und mit so ganz anderen Dingen beschäftigt und so hat Annemarie nicht nur zugunsten ihrer Mutter auf manches verzichtet, sondern auch für ihre Geschwister.

Sie war selbstbewusst, sah gut aus, konnte außerdem anpacken. In der Fabrik, in der sie Arbeit fand, war sie unter all den Männern die einzige Frau, die im Akkord die Maschinen bedienen konnte. Und natürlich gab es Männer, die sich für die eigenwillige, starke Frau interessierten. Und natürlich verliebte sie sich auch. Doch für sie war klar: „Nicht ohne meine Mutter!“

In der Fabrik hätte sie aufsteigen können. Doch das Angebot kam in einer Zeit, in der die Krankheit ihrer Mutter sich durch einen Schub dramatisch verschlimmerte. Sie verzichtete auf die besser bezahlte und körperlich weniger anstrengende Stelle.

Annemarie konnte über viele Jahre nicht frei über ihre Zeit verfügen. Sie hat bewusst für ihre alternde und schwache Mutter das Leben so lebenswert wie möglich gestaltet. Am Geburtstag und an Weihnachten lud sie im Namen ihrer Mutter alle ein und gestaltete alles so wie die es wünschte. Im Garten um das Haus setzte sie fort, was ihre Mutter begonnen hatte. Sie selbst pachtete sich ein kleines Grundstück, zu dem sie radelte, um dort das anzupflanzen, was ihr gefiel. Sie hatte ihre Freundinnen und ihre Hobbys. Es war kein bitterer, sondern ein selbstbewusster Verzicht aus Achtung vor dem Leben. Jahrzehnte hat sie ihre Mutter gepflegt, das Leben mit ihr geteilt und ihr die Würde bewahrt.

„Es gibt solche, die jetzt noch zu den Letzten zählen; die werden dann die Ersten sein.“ – Für mich jedenfalls ist Annemarie gerade jetzt ein Vorbild geworden für selbstbewussten Verzicht aus Achtung vor dem Leben.

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15MAI2020
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Es gibt Geschichten, die vergisst man nicht. So wie die eintausend Kilometer von Arthur. Im Alter von 10 Jahren ist er unter Lebensgefahr 1000 Kilometer zu Fuß gegangen und hat dabei einen schweren Leiterwagen hinter sich hergezogen: Eine unglaubliche Anstrengung, die das Leben von sehr vielen anderen Menschen positiv verändert hat.

Arthur ist 1935 geboren. Seine Familie kam ursprünglich von der Alb bei Münsingen, lebte aber zum Kriegsende am Südrand Stuttgarts.

1945 war der Krieg endlich vorbei und in Stuttgart zogen die Besatzer ein. Es war eine Frage der Zeit, wann das hübsche Haus, in dem Arthurs Familie lebte, mit Soldaten gefüllt würde. In der Nachbarschaft war das schon geschehen und sie hatten gesehen, wie die Bewohner nur mit einem Köfferchen in andere Häuser umziehen mussten. Alles andere hatten sie zurücklassen müssen. Es war verloren.

So entstand der wahnwitzige Plan, die eigenen Siebensachen „nach Hause“, also auf die Alb, zu bringen. Unauffällig. In kleinen Portionen sozusagen: Die Wertgegenstände, das Werkzeug, die Familienerinnerungen, kleine Möbel auch.

Doch wer sollte das tun? Der zehnjährige Arthur war bereit, es zu probieren: die Strecke von Stuttgart auf die Alb mit einem Leiterwagen. Allein. 50 Kilometer waren das. Er war den Weg während des Krieges schon gegangen, um auf der Alb Lebensmittel zu ergattern.

Arthur ging in der Dämmerung und nachts, er ging auf Feldwegen und durch Waldstücke und den steilen Albtrauf hinauf mit seiner schweren, wertvollen Last, unter Lebensgefahr, weil es über die Grenze zwischen amerikanischer und französischer Zone ging.

Das erste Mal ging es gut. Und so probierte er es ein zweites Mal. Und alles, was einen Wert hatte, hat er hinaufgeschafft. Zehn Mal war er am Ende unterwegs, insgesamt eintausend Kilometer. Was hat ihn angetrieben? Er selbst hat gesagt, er habe gespürt, dass das jetzt seine Gelegenheit ist, um für alle etwas Gutes zu tun. Und er hat sie genutzt.

In der Familie wird diese Geschichte auch 75 Jahre später noch voller Ehrfurcht erzählt. Der Hausstand und die Werkzeuge, die er auf die Alb hinaufgeschafft hat, die waren der Grundstock dafür, dass die Familie nach dem Krieg einen Neuanfang machen konnte.

Einer meiner Lieblingssätze der Bibel heißt: „Wenn sich dir die Gelegenheit bietet, etwas zu tun, dann tu es mit vollem Einsatz“ (Prediger / Kohelet 9,10).

Ich glaube nicht, dass Arthur jemals etwas von diesem Satz gehört hat. Aber er hat schon mit 10 Jahren so gelebt und Erstaunliches geleistet. Das hat sich dann durch sein Leben fortgesetzt und für mich ist er ein Ansporn auch in schwierigen Zeiten die Gelegenheiten zu suchen, um für alle etwas Gutes zu tun – und dann: mit vollem Einsatz los!

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14MAI2020
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Nichts, was uns schrecklich erscheint, dauert für immer. Es hat seine Zeit. Es ist begrenzt. Es hört irgendwann auf. Und dann kann etwas Neues beginnen.

Im Wohnzimmer von Elke hängt zwischen vielen kleinen und großen hochwertigen Kunstdrucken auch ein gerahmtes Bibelwort. „Alles hat seine von Gott bestimmte Zeit“ kann man da lesen (Prediger 3,1). Es ist der einzige Spruch, den die Frau, die 1935 geboren ist, sich aufgehängt hat. Er hat ihr Leben zum Guten gewendet.

Als Elke vier Jahre alt ist, beginnt der Weltkrieg. Ihre Heimat ist Oberschlesien, von Anfang an tobt also der Krieg in direkter Nähe. Und jedes Jahr wird ihre Familie kleiner, stirbt jemand in diesem Krieg. Der Vater wird schon zu Kriegsbeginn eingezogen. Elke weiß nur noch, dass sie sich überhaupt nicht mehr an ihn erinnern konnte. Sie erlebt auch die Flucht ohne ihn in diesem schrecklichen, kalten Winter. Ihre Mutter, ihre Oma, die Tante und die Cousine machen sich auf. Sie werden von Tieffliegern beschossen, graben sich im Schnee ein. In den Nächten müssen die Frauen Schreckliches erlebt haben.

An all diesen fürchterlichen Erlebnissen ist Elke nicht zerbrochen. Sie hatte entdeckt: Alles hat seine von Gott bestimmte Zeit. So hat sie ihre Art gefunden, nicht verrückt zu werden mit all den Bildern und Erfahrungen.

Gott setzt dem Schrecklichen eine Grenze. Darauf hat sie vertraut. Und so hat auch sie eine Grenze gesetzt: Auf der einen Seite die Vergangenheit. Auf der anderen Seite die Gegenwart. Und die wird anders. Man darf nicht zu sehr am Alten hängen. Man muss es loslassen, abhaken, beerdigen, vielleicht abtrauern. Und dann weiterleben in dem Leben, das jetzt stattfindet.

Und tatsächlich. Sie findet einen Mann, der wie sie die Idee hat, sich mit Schönem zu umgeben. Sie wollen gemeinsam dieses Schöne suchen und Schönes verkaufen, Dinge, mit denen Wohnungen wohnlicher werden. Und beide sind mutig genug, das zu beginnen und dafür hart zu arbeiten. Sie haben Leidenschaft und sie haben Erfolg. Elke lebt, denn sie lebt in der Gegenwart. Wenn es wieder einmal schwierig wird weiß sie: Alles hat seine Zeit. Gott setzt dem Schrecklichen eine Grenze.

Nichts, was uns schrecklich erscheint, dauert für immer. Es hat seine Zeit. Es ist begrenzt. Das gilt auch im Jahr 2020. Es hört wieder auf. Und dann kann etwas Neues beginnen. Alles hat seine Zeit.

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13MAI2020
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Irmgard und Hans sind Menschen, die mir mit ihrem Gottvertrauen Mut machen. Im Moment kann ich – wie viele andere – genau das brauchen! Ihr Gottvertrauen hat sie stark gemacht. Und das in Schwierigkeiten, die größer waren als alles, was ich gerade erlebe.

Hans ist in den Krieg hinein aufgewachsen. Er war 14 Jahre alt, da musste er von einem Tag auf den anderen erwachsen sein. „Vertreibung“ hat man das später genannt. Hals über Kopf mussten sie das Dorf verlassen, in dem er bis dahin gelebt hatte. Der Vater gefallen, die Mutter krank, die Brüder in Gefangenschaft. Der 14jährige musste organisieren, trösten, ermutigen, weitreichende Entscheidungen treffen.

Er war überfordert. Er hatte keine Wahl. Er musste sich Regeln beugen, die er nicht verstand.

Das kenne ich aus jüngster Vergangenheit selbst. Überfordert. Keine Wahl. Regeln, die ich nicht verstehe. Doch: Nein, es war nicht „fast so wie heute“. Es war eindeutig viel, viel schwieriger.

Als Irmgard und Hans geheiratet haben, hatten sie buchstäblich nichts. Hans hat mir erzählt wie er dann im Wechsel mit seiner Frau geschichtet hat, weil sie nur so in der Lage waren, ein Haus für sich und die vier Kinder zu bauen, eine Heimat zu schaffen. „Wir haben gebetet und geweint und gearbeitet Tag und Nacht“ so erzählen sie es. Wenn Hans morgens von der Nachtschicht kam, ging Irmgard zur Arbeit – sie hatte das Frühstück vorbereitet, er machte die Kinder für den Tag fertig, wickelte, fütterte, putzte und kochte. Wenn seine Frau wieder da war, schlief er nur ein paar Stunden, denn Hans hatte gleich mehrere Arbeitsstellen.

„Wir haben gebetet und geweint und gearbeitet Tag und Nacht“ sagen sie. Und dann erzählen sie mit strahlenden Augen von kleinen Ausflügen, die sie zu Fuß gemacht haben mit den Kindern und von all dem Guten, das sie erlebt haben. Sie erzählen wie das Haus wirklich zur Heimat wurde für die Kinder und deren Freunde, für Pflegekinder und einige Tiere.

Mich beeindruckt das Gottvertrauen, mit dem sie das angepackt haben. Das macht mir Mut. Irmgard und Hans sagen: „Gott denkt immer an uns, wir sollten mehr an ihn denken, dann machen wir uns nicht so viele Sorgen, sondern tun einfach, was wir können.“

Dieses Gottvertrauen ist lebendig, aktiv. Irmgard und Hans haben ihre Schwierigkeiten nicht ausgeblendet. Sie waren sich einfach sicher, dass Gott immer an sie denkt. Und so haben sie sich an die Arbeit gemacht, haben angepackt und auch die größten Schwierigkeiten gemeistert. Vertrauen und Anpacken. Vorbild für heute.

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