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„Und, wie heißt das Zauberwort?" So habe ich meine Kinder gefragt, wenn die freundliche Verkäuferin beim Metzger ein kleines Würstel über den Tresen reichte. „DANKE", haben sie dann mehr oder weniger freiwillig gesagt. DANKE sagen lernen müssen nicht nur Kinder. Auch Erwachsenen liegt das DANKE nicht immer auf der Zunge.
Gewiss, im höflichen Miteinander wissen wir, wann wir uns zu bedanken haben. Wenn mir jemand einen Gefallen tut zum Beispiel oder mir etwas schenkt. Aber durchdringt dieses DANKE auch mein Leben? Oder hängt es ab von ständigen Aufmerksamkeiten, sickert aber nicht hinab bis in die Tiefen meiner Seele? Leider sind wir Menschen vergesslich und neigen dazu, auf das zu sehen, was uns fehlt und weniger auf das, was wir geschenkt bekommen habe.
Die Gier nach dem Mehr-Haben-Wollen ist unersättlich und lässt das DANKE all zu rasch verkümmern zu einer oberflächlichen Höflichkeit.
Deshalb ist es heilsam, hin und wieder erinnert zu werden, DANKE zu sagen. DANKE auch für das so scheinbar Selbstverständliche im Leben. Für sauberes Trinkwasser, für einen satten Magen jeden Tag, für schöne Künste und Menschen, die mich lieben.
Heute feiern die Christen das ErnteDANKfest. Bunt geschmückt mit den Früchten des Gartens und Erträgen der Felder sprechen die Gottesdienste alle Sinne an und erinnern daran: Mensch, sag DANKE! Denn wenn du dankst, wird's dir leichter ums Herz. Das Sorgen und der Kummer, die jeder kennt, verschwinden zwar nicht automatisch. Aber sie bekommen ein Gegengewicht auf der Waage des Lebens. DANKEN ist Übungssache, Training sozusagen. Und so wundert es nicht, dass die Bibel immer wieder zum Training auffordert:  DANKT einander!
Und: DANKT dem HERRN. An den Schwellen des Lebens entspringt dieser DANK an Gott wie von selbst. Wenn ein Kind geboren wird. Oder eine schwierige Operation überstanden ist. Oder eine wichtige Prüfung gemeistert. Dann wissen Menschen intuitiv: ich allein habe das nicht geschafft. Gott hat seine Hand mit im Spiel gehabt.
Gott DANKE sagen für die scheinbaren Selbstverständlichkeiten des Alltags als eine tägliche Übung ist schon viel schwieriger.
So habe ich festgestellt, wie es mir hilft, ein Danktagebuch zu führen. Jeden Tag versuche ich aufzuschreiben, wofür ich Gott  und Menschen DANKE sagen kann.
Da kommt erstaunlich was zusammen im Laufe von Wochen. Und an den Tagen, an denen mir alles misslingt und mir vielleicht sogar Schlimmes widerfährt, und mir das DANKE im Hals stecken bleibt, kann ich mich erinnern: Da war auch noch was andres als Wut, Trauer und Schmerz.
DANKEN sagen können dann, wenn ich wie in einem dunklen Schacht sitze, ist wie ein Überlebensseil, das mir jemand herunterlässt. Deshalb ist es gut, wenn ich das Danken in den unbeschwerten, guten Zeiten immer wieder übe.

Heute feiern die Christen das ErnteDANKfest. Im Vordergrund steht der DANK für die Ernte. Trotz langer Kälte, Dauerregen und Trockenheit sind Zwetschgen, Kartoffeln und Weizen gewachsen. Wir brauchen uns keine Sorgen zu machen, dass wir im Winter nicht satt werden und die Vorräte nicht reichen.
Ich habe nie hungern müssen. Aber die Generation meiner Eltern und Großeltern weiß noch sehr wohl, wie sich Hunger anfühlt. Vor allem in der Not der Kriegs- und Nachkriegszeit war der Hunger täglicher Begleiter. Weil Hunger einen Menschen richtig mürbe macht und zu Taten treibt, die ihm in satten Friedenszeiten nie einfallen würden, sind gerade ältere Menschen dankbar für jeden Tag Frieden.
Sattwerden und Frieden gehören zusammen. Das ist mir ganz neu bewusst geworden, als ich im Sommer zum Frühstücksbuffet in meinem Hotel im Nordosten Polens ging. Ich war ganz überrascht, auf deutsche Soldaten in Uniform zu treffen. 12 junge Männer und Frauen waren es, auf der Durchreise, wie sie mir auf meine Nachfrage erzählten. Sie waren auf dem Weg nach Lettland, um dort in einem Einsatz gemeinsam mit Soldaten vor Ort Kriegsgräber zu pflegen.
Mit meinem Mann war ich das erste Mal nach Masuren gefahren, dem ehemaligen Ostpreußen, woher seine Eltern stammen. Wir wollten dieses Land kennenlernen, das in der Geschichte seiner Familie immer wieder eine wichtige Rolle spielte. Die dramatische Flucht ist zwar lange her, aber sie hat sich abgespeichert im Gedächtnis. Und jetzt, im Alter, ist vieles wieder präsent, was lange verdrängt wurde.
Heute ist die spannungsvolle und oftmals tragische Geschichte der Deutschen und der Polen einer erfreulichen Normalität gewichen. Ich habe keine Vorbehalte oder feindselige Blicke gespürt, als wir gemeinsam mit Polen die Wolfsschanze besichtigten, wo das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 misslungen war.
Und an diesem sonnigen Sommermorgen saßen deutsche Soldaten beim Frühstück und ließen es sich schmecken, scherzten mit den polnischen Angestellten und freuten sich auf ihre Weiterreise ins Balitikum in Sachen Friedensmission.
Für mich war das ein besonderer Moment unserer Reise. Ich fühlte eine tiefe Dankbarkeit darüber, dass nach dem entsetzlichsten Krieg der Menschheitsgeschichte wieder Frieden möglich geworden ist. Kein Pole muss mehr Angst haben vor deutschen Soldaten in Uniform. Und Deutsche können nach Polen oder Russland reisen, dahin, wo sie einst wohnten, und treffen auf freundliche, ja herzliche Menschen.
Am ErnteDANKfest auch für den Frieden in Europa danken. Das ist mir heute besonders wichtig. Dafür möchte ich Gott danken. Und den Menschen, die sich für Frieden einsetzen.

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Wer ein Haus baut oder ein großes Gebäude für seine Firma weiß:
Eine solide Kalkulation ist das Entscheidende, damit das Bauen nicht zum Scheitern verurteilt ist.
Mein Traum soll Wirklichkeit werden. Doch wie kann ich das Projekt umsetzen? Ich muss Grundkapital haben, damit mir die Bank Geld leiht. Je höher mein Grundkapital, desto einfacher ist die Finanzierung. Wenn ich nicht krank werde oder arbeitslos, geht es gut mit der Kalkulation. Und ich kann ruhig schlafen.
Ich baue mein Haus und zahle es planmäßig ab. Die Firma bezieht ihr neues Gebäude, die Wirtschaft brummt und die Investitionen machen sich bezahlt. Aber manchmal passiert eben doch etwas Unvorhergesehenes und dann kommt die ganze Kalkulation in eine Schieflage.
Offensichtlich ist das Problem schon alt, denn Jesus hat es auch gekannt.
Sein Vater Josef war Bauhandwerker. Wie damals üblich hat er seinem Sohn Jesus die Kunst des Bauhandwerks weitergegeben. Gut vorstellbar, dass
Jesus auch wirklich auf dem Bau geschuftet hat. Und selbst Wohnhäuser und Türme gebaut hat.
Und so weiß Jesus durchaus, wovon er spricht, wenn er sagt: „Stellt euch vor, jemand möchte einen Turm bauen. Wird er dann nicht vorher die Kosten überschlagen? Er wird doch nicht einfach anfangen und riskieren, dass er bereits nach dem Bau des Fundaments aufhören muss. Die Leute würden ihn sonst auslachen und sagen: Einen Turm wollte er bauen! Aber sein Geld reichte nur für das Fundament."
Falsche Kalkulation kann den finanziellen Ruin bedeuten. Das Gespött der Leute ist das eine, aber die Folgen für Familie und Betrieb sind manchmal noch viel gravierender. Deshalb:
Wer seinen Bau zu Ende führen will, muss gut kalkulieren.
Der Turm ist ein Bild für ein Risiko, das wir eingehen. Manchmal erscheint mir ein Risiko ja auch so hoch wie ein Turm. Die Frage ist, wie ich mit solchen Risiken umgehe.
Jesus hat das Risiko nicht gescheut. Ich glaube nicht, dass er alle Zaghaften und Ängstlichen bestärken wollte, bloß nichts zu unternehmen oder etwas zu wagen. Er hat ja nicht gesagt: Lass das mit dem Turmbauen. Aber klar ist auch. Wer ein Risiko eingeht, der sollte es gut kalkuliert tun. Zaudern und Zögern sind nicht dran. Es ist gut, einen Turm zu bauen. Mach das. Veränder die Welt. Schaffe was Neues. Aber stolper nicht blindlings ins Risiko.
Mach es richtig oder lass es ganz. Wenn du meinst, du könntest das Risiko ohne sorgfältige Prüfung eingehen, wirst du dich verkalkulieren.

Welches Risiko soll gut kalkuliert werden? Was meint Jesus mit dem Bild vom Turm, der unvollendet herumsteht? Und dessen Bauherr zum Gespött der Leute wird? In meiner Bibel steht über diesem Vers:
Von der Nachfolge. Das sagen wir heute kaum noch. Es bedeutet, dass Jesus Männer und Frauen motiviert hat, sich auf ein Leben mit ihm einzulassen. Dieses Risiko einzugehen, mit ihm zu gehen, in seine Fußstapfen zu treten - eben -ihm nachfolgen.
Aber der Preis dafür war hoch: Gib dein sicheres Zuhause auf. Verlass deine Familie. Verzichte auf ein geregeltes Einkommen. Das klingt nicht besonders attraktiv, ja geradezu fragwürdig. Auch für unsere Ohren heute noch. Doch Jesus war radikal. Wenn du das nicht schaffst, dann bleib bei deiner Familie und deinem Beruf. Aber wenn du dich entscheidest, mit mir zu leben, dann mach es richtig. Sonst hast du dich verkalkuliert und bleibst auf halbem Weg stecken.
Ich weiß, nicht überall in den Evangelien stellt Jesus so steile Forderungen. Er nimmt ja auch gern die Gastfreundschaft von Menschen an, die ihn in ihr eigenes Haus einladen. Und er liebt es, gemeinsam mit ihnen zu essen. Und damit auch von ihrem Einkommen zu leben. Er verurteilt Menschen, die Familie, Haus und Hof ihr eigen nennen, nicht.
Doch der Stachel bleibt. Müssten Christen heute nicht radikaler leben? So wie Jesus.
Oder Franz von Assissi oder Mutter Theresa. Sie haben wirklich auf alles verzichtet, um anderen Menschen zu dienen. Und ihr Leben mit den Armen und Kranken zu teilen. Müsste ich als Christin nicht radikaler leben, kompromissloser? Habe ich das Risiko richtig eingeschätzt oder habe ich mich verkalkuliert?
Ist mein Turmbau steckengeblieben im Lauf der Jahre, die ich als Christin lebe? Ich will keine vorschnellen abwiegelnden Antworten finden, die mich beruhigen sollen. Sondern mir Zeit nehmen, mich ernsthaft zu prüfen. Dabei hilft mir etwas, was Jesus gesagt hat. Lernt von mir. Ich muss also nicht perfekt sein, sondern kann immer noch lernen.
Auch wenn ich merke: Da habe ich ziemlich daneben gelegen, das war falsch, das war wirklich engherzig und gemein, lieblos oder dämlich. Ich habe eine Chance, es das nächste Mal besser zu machen. Mein Turmbau bleibt nur dann stecken, wenn ich kapituliere.
Wenn ich keinen neuen Anlauf mehr unternehme und resigniert das Handwerkszeug weglege. Das möchte ich nicht. Also nehme ich es mir jeden Tag neu vor, weiterzumachen. Dieser Spur von Jesus nachzugehen. Dieses Risiko kann ich eingehen.
Denn zum Glück bin ich nicht allein bei diesem Unternehmen Nachfolge. Wir sind noch immer viele. Frauen, Männer, Kinder, Junge, Ältere. Mein Leben lang habe ich meinen Glauben mit anderen teilen dürfen. Ohne sie wäre mir das Risiko zu hoch. Ich kann nicht allein glauben. Nicht allein Jesus nachfolgen. Aber zusammen können wir uns gegenseitig bestärken, ermutigen, Erfahrungen teilen. So habe ich das Risiko des nachfolgenden Glaubens an Jesus gut kalkuliert.

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Gibt es so etwas wie eine Führung Gottes im Leben? Vor einer Weile habe ich Johanna wieder getroffen. Seither frage ich mich das. Gott hat einen Weg für mich, sagt sie. Wie kann sie da so sicher sein?
Vor 20 Jahren haben Johanna und mein Sohn einträchtig in der Sandkiste Burgen gebaut und feine Sandkuchen gebacken. Das war in Wien, wo ich damals mit meiner Familie lebte. Heute wohnt Johanna in Serbien. Die Liebe hat sie dorthin geführt. Ihre Entscheidung, nach Serbien zu ziehen, hat bei ihren Freunden großes Unverständnis ausgelöst. Serbien, das ist doch noch europäisches Entwicklungsland. Du hast in Österreich alle Möglichkeiten zu studieren und Karriere zu machen. Warum tust du dir das an? Du wirst dort arm sein.
Ja, das stimmt. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in Serbien liegt bei 370 Euro im Monat.
Johanna hat einen Pastor geheiratet. Mit ihm teilt sie das Leben ihrer serbischen Landgemeinde. Und das bedeutet: auch im strengen Winter nur abends Heizung, Autofahren nur im allernötigsten Fall, Leben von dem, was der Garten im Sommer an Früchten wachsen lässt.
Vor ein paar Wochen habe ich Johanna getroffen. Ich hab sie gefragt: Johanna, wie schaffst du das nur? So in Armut zu leben, dich so zu bescheiden, wo du doch im Wohlstand aufgewachsen bist?
Sie hat gelacht und gesagt: Es geht. Wir schaffen das zusammen. Wir haben einen Auftrag dort. Wir wollen das Leben der Menschen teilen. Und das geht nicht, wenn wir uns nach westeuropäischen Lebensstandards sehnen würden. Ja, es ist manchmal hart und dann komm ich zum Auftanken nach Wien. Aber dann geh ich auch wieder gern. Es ist Gottes Weg für mich.
Seit ich sie getroffen habe, staune ich über diese junge Frau mit ihren 23 Jahren. Über ihre Entschlossenheit, ganz anders zu leben als die meisten ihrer Generation. Und über ihre Gewissheit, einen Weg zu gehen, auf dem sie sich von Gott geführt weiß.
Macht Gott das wirklich? Sind da nicht meine Wunschvorstellungen verschmolzen mit der Vorstellung, dass Gott führt? Und wie erkenne ich denn bloß, welchen Weg Gott für mich vorgesehen hat? Ich komme ja immer wieder an Wegkreuzungen, wo ich mich dann für eine Richtung und gegen die andere entscheiden muss. Schön wäre es, wenn es so gehen könnte wie es die Bibel in einer Geschichte erzählt. In der Wüste zwischen Ägypten und Israel sind orientierungslose Flüchtlinge umher geirrt. Vom Baby bis zum Greis. Getragen, gezogen, getrieben. Immer auf der Flucht vor den Kriegern des Pharao. Der Magen hat geknurrt und die Kehle gebrannt. Welches ist der richtige Weg für sie? In der Wüste stehen keine Wegweiser. Aber Gott lässt die Verzweifelten nicht im Stich und führt. Durch Tag und Nacht.

Wie oft sind Entscheidungen nötig. Manchmal weiß ich genau, wohin es geht. Mein Weg liegt eindeutig vor mir und ich gehe fröhlich und überzeugt die nächste Etappe. Aber es gibt auch Tage, an denen gar nichts klar ist. Ich weiß, ich sollte dringend eine Entscheidung treffen. Aber ich zaudere und zögere, bin mir unsicher. Da wäre es mir lieb, wenn mich jemand an die Hand nähme und sagen würde: hier geht's lang. Zum Glück habe ich immer wieder erlebt, dass mir Menschen mit ihrem Weitblick auf den Sprung geholfen haben. Gottes Rat habe ich dann durch Gespräche und gemeinsames Beten erkannt. Aber manchmal bleibt auch nach vielem Reden und Beraten etwas offen.
Da wäre es doch zu schön, wenn ich ein klares Zeichen von Gott bekäme.
So wie damals die Flüchtlinge in der Wüste. Die sich samt ihrem Anführer Mose nicht mehr auskannten. Und dann von zwei geheimnisvollen Säulen geführt wurden. Am Tag durch sichtbare Wolken und in der Nacht durch loderndes Feuer. Solange, bis sie ihr Ziel erreichten. Beneidenswert. Menschen suchen Orientierung und Gott zeigt, wo's langgeht.
Ich glaube schon, dass das heute auch noch so ist. Vermutlich nicht in unerklärlichen Naturerscheinungen. Aber doch anders. Zum Beispiel wenn in schwierigen Entscheidungen an Wegkreuzungen das Herz gewiss wurde. Entschlusskraft aufgekeimt ist. Wenn plötzlich der nächste Schritt klar war, vielleicht zuerst noch ein bisschen unsicher. Aber immerhin: so könnte es gehen. Gott schenkt mir klaren Verstand, die eine oder andere Lebenserfahrung und Selbstvertrauen. Und dann sagt er: Geh los!
Ich bin mit dir auf deinem Weg. So hat er sich auch den Flüchtlingen damals in der Wüste vorgestellt, von denen die Bibel erzählt. Ich bin bei dir. Auf den goldrichtigen Wegen und auch entlang der Abgründe. Auch in dunklen Tälern lasse ich dich nicht allein. Ich sorge für dich. Bleib mit mir in Verbindung und bedenke das, was Du tust. Und was du lässt. Aber triff auch wirklich eine Entscheidung. Und bleib nicht tatenlos stecken.
Gott führt meinen Weg. Ich glaube: Das ist keine Einbahnstraße, die mich abhängig macht wie eine Marionette. Von einer göttlichen Macht, die willkürlich einen Plan für mich entwickelt hat. Den ich suchen oder auch verfehlen kann. Denn Gott lässt sich auch von mir beeinflussen, durch meine Gebete, meine Fürbitten, meine Klagen und mein Lob. Hat nicht Jesus selber seine Anhänger ermuntert: „Bittet, so wird euch gegeben?" Und oft erst im Rückblick kann ich das wirklich sehen und auch annehmen. So wie es in einem Lied heißt: „Wir haben Gottes Spuren festgestellt auf unseren Menschenstraßen, Liebe und Wärme in der kalten Welt, Hoffnung, die wir fast vergaßen. Zeichen und Wunder sahen wir geschehn, in längst vergangnen Tagen. Gott wird auch unsere Wege mit uns gehn, uns durch das Leben tragen."

Aber hilft ihnen Gott den Weg zu finden. Am Tag mit einer gut sichtbaren Wolkensäule und in der Nacht weithin erkennbar in einer lodernden Feuersäule. In diesen wunderbaren Erscheinungen ist Gott selbst und führt. So lange, bis sie am Ziel sind.
Wolken- und Feuersäulen habe ich noch nie auf meinen Lebenswegen entdecken können. Aber manchesmal doch Zeichen, die ich deuten könnte als Gottes Wegweiser.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14651

In diesen Wochen beginnt für viele junge Menschen ein neuer Lebensabschnitt.
Anfang September starten sie mit ihrer Berufsausbildung. Und im Oktober geht es für die Studienanfänger los. Vorausgegangen sind viele Überlegungen.
Welche Begabungen hab ich? Was interessiert mich? Womit möchte ich mein Geld verdienen und vielleicht Karriere machen? Junge Menschen haben heute eine große Auswahl an Berufs- und Studienmöglichkeiten.
Das macht es nicht einfacher. Wer viele Optionen hat, kommt in Entscheidungsdruck. Hab ich jetzt das richtige Fach belegt? Ist die Berufsausbildung auch wirklich passend für mich?
Großeltern erinnern sich, wie es bei ihnen früher war. Da nahm man, was gerade frei war. Froh, wenn es überhaupt einen Ausbildungsplatz gab. Wählerisch konnten sie nicht sein. Viele haben sogar ein Leben lang der Firma, bei der sie einst gelernt hatten, die Treue gehalten.
Den richtigen Beruf finden und in der Arbeit glücklich und erfüllt werden, ist immer ein menschlicher Wunsch gewesen. Wobei das Recht auf freie Berufsauswahl noch ein sehr junges Recht ist.
In der Bibel kannte man es noch nicht.
Gearbeitet wurde damals hauptsächlich in der Landwirtschaft und im Handwerk.
Die Arbeit mit dem Ackerboden war die Grundaufgabe des Menschen. Von Gott selbst stammte der Auftrag, den Garten Eden zu bebauen und zu bewahren. Der Mensch muss arbeiten, damit er existieren kann. Gott selbst arbeitete, als er die Welt erschuf.
Die Arbeit wird in der Bibel überaus positiv gesehen. Es gehört zum Menschsein dazu.
Zugleich wissen die Menschen auch um die Anstrengung und die Last, die Arbeit mit sich bringen kann. „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen", sagt Gott zu Adam vor der Vertreibung aus dem Paradies.
Daran hat sich nur wenig geändert. Arbeit kann immer Erfüllung und Mühsal sein, beides.
Das ist nichts ungewöhnliches, sondern ziemlich normal. In dieser Spannung leben wir, solange wir arbeiten.
Ich finde es nicht immer leicht, das auszuhalten. Da kommt dann schon mal die Frage: Soll ich weiter auf die Zähne beißen oder ist das erträgliche Maß schon überschritten? Ist das einfach so, dass man auch Ungeliebtes machen muss oder sind die Weichen grundsätzlich falsch gestellt? Arbeit soll ja schließlich Spaß machen und der Beruf mehr sein als ein Job. Oder ist das zu viel verlangt?
Ich glaube, dass viele Menschen heute diese Frage ziemlich umtreibt. Und die Jungen, die jetzt durchstarten, wollen da für sich eine Antwort finden.
Arbeit kann restlos erfüllend sein, so dass ich gar nicht merke, wie die Zeit vergeht.
Mein Beruf schenkt mir viele befriedigende Erlebnisse. Und weil ich arbeite, kann ich auch meinen Kühlschrank füllen, in Urlaub fahren und anderen noch was Gutes tun. Vieles von dem, was ich tue, macht Sinn in meinen Augen.
Aber ich kenne auch die andere Seite. Frust, Überlastung, Reibereien - die Kehrseite und Mühsal des Arbeitslebens.
Kann man das überhaupt: ein Leben lang einen Beruf mit Hingabe und Leidenschaft ausüben.
Nicht die Stunden absitzen, sondern brennen. Aus dem Job eine Berufung werden lassen?
Andrea und Jürgen sind meine Tanzlehrer. Seit 30 Jahren sind sie ein Paar und leiten eine große Tanzschule. Generationen von Jugendlichen haben sie für das Tanzen begeistert, für manche von ihnen ist die Tanzschule sogar zu einer Art Ersatzfamilie geworden. Ich bin immer wieder beeindruckt, mit welcher Passion sie ihren Beruf ausüben.
Und es ist ja mehr als nur das Beibringen von Standardtanzschritten. Sie haben die Begabung, Menschen Wertschätzung zu vermitteln. Auch den Tolpatschigsten unter ihnen. Ihr Beruf ist Berufung für sie. Sie wollen etwas verändern. Launen bessern, Haltung einüben, Stärken hervorkitzeln, Lächeln in Gesichter zaubern und anmutige Grazie beibringen. Sie gehen ganz in ihrer Tanzberufung auf. Und wissen zugleich um die überlebenswichtigen Ruhephasen im Jahr, um nicht auszubrennen.
Bei Andrea und Jürgen ist der Beruf mehr als ein Routine-Job. Sie leben ihre Berufung, auch wenn das manchmal knochenhart sein kann.
Beide sind keine Kirchgänger. Sonntagvormittags leiten sie Kurse. Aber könnte es nicht sein, dass sie auch Gott dienen, weil sie so hingebungsvoll ihren Beruf leben?
Martin Luther jedenfalls war der festen Überzeugung, dass Arbeit nicht nur lästige Pflicht ist, sondern etwas, womit der Mensch Gott dient. Er sah jegliche Arbeit eines Menschen als Gottesdienst an.
Meine Arbeit als Pastorin genauso wie die des Handwerkers. Und warum nicht auch die Arbeit des Computerspezialisten und der Tanzlehrer oder der Familienfrau.
Wenn die jungen Menschen in den nächsten Wochen mit Berufsausbildung und Studium beginnen wird nicht jeder Tag superspaßig sein. Es kann langweilig werden oder überfordernd, nicht immer bekommt man einen verständnisvollen Chef und nette Kollegen. Das erste Geld ist nicht leicht verdient.
Aber mit der Einstellung zum Arbeiten und zum Studieren kann ich schon ganz viel selbst steuern. Bekommt das, was ich tue, und auch manchmal lustlos tun muss, nicht eine besondere Würde, weil ich damit Gott diene?
Martin Luther sagt es so: „Wenn du eine geringe Hausmagd fragst, warum sie das Haus kehre, die Schüsseln wasche, die Kühe melke, so kann sie sagen: Ich weiß, dass meine Arbeit Gott gefällt, weil ich sein Wort und Befehl für mich habe."
Schön wär's, diese Berufung in jeder Tätigkeit zu finden. Ich wünsche es Ihnen und mir.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13706

Manchmal geschieht Seltsames in der Nacht.  Und am nächsten Morgen ist alles anders. Eine Geschichte der Bibel erzählt fast augenzwinkernd darüber.
Paulus, der eifrige Missionar Gottes, legt sich schlafen.
Wieder liegt ein enttäuschender Tag hinter ihm. Seit Wochen ist er unterwegs auf dem türkischen Festland.  Er will Gemeinden gründen. Aber daraus wird nichts.  Der Geist hindert ihn daran, erzählt die Bibel geheimnisvoll. Da erscheint ihm im Traum ein Mann in griechischer Tracht. Der sagt laut und deutlich: „Komm herüber und hilf uns!"
Morgens weiß Paulus, was er zu tun hat. Er packt seine Sachen und  wagt den Sprung auf den europäischen Kontinent nach Griechenland. Dort verbreitet er den neuen christlichen Glauben.
Was sich für Weitgereiste heute wie ein Klacks anhört, war damals ein riesiger Schritt.
Für Paulus war die Bitte um Hilfe nicht zu überhören . Auch wenn der griechische Mann im Traum und nicht leibhaftig auftritt, ist ihm klar: Das kommt von Gott.  Ich soll helfen.
„Kannst du mir helfen?" ist eine Frage, die jeder schon gehört hat.  Und jeder hat auch schon diese Bitte an andere gerichtet. Manchmal sind es Kleinigkeiten. „Hilf mir doch mal, die Spülmaschine auszuräumen". Oder: „Wo geht's bitte zum Bahnhof?" Diese Hilfsbitten sind leicht ausgesprochen und einfach erfüllt
Aber manchmal
muss ich allen Mut zusammen nehmen, um andere um Hilfe zu bitten. Nicht immer mache ich das gern, gestehe ich mir doch damit ein, dass nicht alles kann und schaffe. Und es ist ja auch nicht so, dass Hilferufe immer auf offene Herzen treffen. Wer einmal die bittere Erfahrung gemacht hat, trotz großer Not keine Hilfe zu erfahren, vielleicht noch nicht einmal von seinen Verwandten oder Freunden, der wird vorsichtig mit seinen Erwartungen.
Und es ist auf der anderen Seite auch so: nicht jeder Hilferuf kann leicht und locker erfüllt werden.
Und trotzdem: sich gegenseitig helfen, hilfsbereit sein, tun, was mir möglich ist, um dem anderen zu unterstützen. Das ist der Stoff, aus dem eine menschliche Welt gewebt ist.
Helfen hilft, von mir selbst wegzuschauen und den anderen in den Blick zu bekommen.
Hilfe zu erfahren lässt mich spüren: ich bin nicht allein auf mich gestellt.  Da sind andere, die mich mögen und die bereit sind, auf ihre Zeit, Kraft oder ihr Geld für mich zu verzichten.
Wer einmal eine  überwältigende Hilfserfahrung gemacht hat und aus großer Not befreit wurde, der wird  selber großzügig und weitherzig  helfen.
Möglichkeiten zur Hilfe gibt es unzählige. Von einer erzähle ich in ein paar Minuten.

Ich habe schon viel Hilfe in meinem Leben erfahren.  Frauen meiner Gemeinde kommen mir in den Sinn, die mein Haus  putzten und für die Familie kochten, als ich mich wegen einer schweren Grippe schonen musste.
Ich denke an Freunde, bei denen ich  Unterschlupf fand, als ich meine Studentenbude räumen musste.
Eine Form der Hilfe wirkt sehr unspektakulär und ist doch für mich bedeutsam geworden. Eine gute Freundin ist Koreanerin. Sie lebt schon etliche Jahre in Deutschland. Viele Koreaner sind aktive und im besten Sinne fromme Christen. Die Kirchen in Korea wachsen erstaunlich schnell.  Die Koreaner führen das auf ihr intensives Gebetsleben zurück. Meine Freundin ist auch eine leidenschaftliche  Beterin. Früher habe ich das nicht so wertgeschätzt. Es war halt sozusagen ein Privathobby von ihr. Heute sehe ich das anders.  Ich erzähle ihr in regelmäßigen Abständen von meinen Gebetsanliegen.
Wie es in der Familie aussieht, wo gerade Sorgen im Berufsalltag drücken. Ich weiß, sie bespricht meine Anliegen mit Gott. Das macht sie nicht in einem Satz, sondern sie nimmt sich dafür jeden Tag eine Auszeit. Beten ist schön, aber auch harte Arbeit, sagt sie.
Für mich ist dieses Wissen, dass da jemand regelmäßig für mich betet, eine große Hilfe.
Einander durch beten helfen. Das ist keine leichte Übung. Weil  Beten viel mit Achtsamkeit zu tun hat, mit Stille und Konzentration, mit meiner Fähigkeit zum Hören. Weil Beten nicht automatisch funktioniert und mir die Worte nicht so einfach aus dem Mund fließen. Weil füreinander beten mit Vertrauen zu tun hat, das sich Menschen einander schenken. Und das sie Gott schenken, wenn sie mit ihm auch die persönlichsten Dinge besprechen.
Füreinander Beten ist auf den ersten Blick eine bescheidene  Hilfe. Aber mit dem Beten  kommt noch eine weitere Hilfskraft mitten hinein in die Sorgen und Nöte. Eine göttliche Hilfskraft.  „Rufe mich an, so will ich dir helfen in der Not."
Das habe ich in der Bibel von Gott gelesen. Das ist  sogar sein Name. Denn die Bedeutung des Namens Jesus ist ganz schlicht: Gott hilft.
Manchmal stimmt es: Da hilft nur noch Beten. Die Hände sind einem gebunden, ich kann nichts mehr ändern, ich muss mich einer Situation fügen. Wenn einem selbst das Beten im Mund vertrocknet, dann ist es gut, wenn andere mit ihren Gebeten helfen. Und man gemeinsam alle verzweifelte Hoffnung auf den richten kann, der versprochen hat, Helfer zu sein.
Mir hilft es, mich immer wieder an erfahrene Hilfe in meinem Leben zu erinnern. Menschen haben durch ihre Gebete Gott für mich bewegt. Und Gott hat durch Menschen meine Not gelindert. Durch beten einander helfen. Und damit die Welt ein kleines bisschen wärmer und gerechter werden lassen. Vielleicht auch heute.

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Immer wieder muss man im Leben das Loslassen üben

Ich habe es nochmals gezählt. 14 Umzüge habe ich in meinem Leben schon hinter mich gebracht. An die ersten Umzüge als Kind kann ich mich kaum erinnern. Schon viel mehr an den Auszug von zuhause und das Nomadenleben als Studentin. Das Umziehen war damals mehr Abenteuer als Belastung. Die Familie vergrößerte sich und beim letzten Umzug stand schon ein riesiger LKW vor der Tür. Und transportierte unseren Hausrat 500 Kilometer durch die Republik. In diesem Jahr ist es wieder soweit. Derzeit empfinde ich so eine Mischung von Grauen und Tapferkeit, wenn ich daran denke. Hab schon angefangen mit ausmisten und Keller leer räumen. Es soll Leute geben, die das gern machen. Für mich ist es richtig schwer. Weil ich eine Sammlerin bin. Am schlechtesten kann ich mich von den Sachen der Kinder trennen. Da hängen so viele Erinnerungen dran. Vielleicht bekomm ich mal Enkelkinder, die gern mit Lego und der Eisenbahn spielen. Die kann ich unmöglich weggeben. Trotzdem, ich muss weiterverschenken und wegwerfen - loslassen eben. Zwei Autoladungen hab ich schon auf den Müllplatz gefahren - und ein gutes Gefühl gehabt. Mehrere Kartons sind auf dem Flohmarkt der Kirche gelandet. Auch das erleichtert. Denn ich weiß ja ganz genau: das letzte Hemd hat keine Taschen. Schleppe ich zuviel Ballast mit herum? Die Frage stelle ich mir schon. Und beneide ein bisschen die Menschen, die mit ganz wenig auskommen. Dabei glücklich sind. Und irgendwie freier. Mir fällt Maria ein. Eine hochbetagte Dame in meiner ersten Gemeinde in Wien. Sie lebte mit ihrem Mann in einem Zimmer. Mitten im Zimmer stand das Doppelbett, daneben der Esstisch mit zwei Stühlen. Die gebürtige Tschechin war eine begnadete Köchin. Ihr Mann, ein pensionierter Ober servierte mit großer Grandezza die herrlichsten Köstlichkeiten. Obwohl sie nach dem Prager Frühling fliehen musste und nichts mitnehmen konnte, war sie nicht verbittert. Im Gegenteil - selten habe ich einen so liebenswürdigen und herzenswarmen Menschen kennengelernt. Jeden Sonntag besuchte sie den Gottesdienst und sang hingebungsvoll die alten Choräle. Sie liebte die Menschen, ganz besonders die Kinder. Und sie liebte Gott mit großer Treue. Nach menschlichem Ermessen besaß sie so wenig. Aber in ihren Augen leuchtete ein geheimnisvoller Reichtum, der alle, die sie kannten, faszinierte. Sie hat damals losgelassen, was sie besaß. Und ist doch nicht arm geworden.

In ein paar Monaten ziehe ich mit meiner Familie um. Vorher muss ich unseren Haushalt durchsortieren. Verschenken, verkaufen, wegwerfen.
Kein leichtes Loslassen für mich. Loslassen muss ich aber auch Menschen, Beziehungen, Geschichten. Besonders schwer ist das, wenn ich starke Empfindungen mit ihnen verbinde. Freundschaftliche, kollegiale oder aber auch verletzte, gekränkte Gefühle.
Menschen sind da sehr verschieden. Manche schaffen es spielend, sich zu verabschieden. Und dann sind sie wirklich weg. Man hört nichts mehr von ihnen. Sie öffnen sich ganz dem Neuen. Sie machen einen klaren Schnitt. Auch wenn der bei manchen Zurückgebliebenen weh tut. Ich gehöre eher zu der anderen Sorte Mensch. Pflege Freundschaften über Jahre und über Kilometer hinweg. Mich interessiert einfach, wie es der Freundin, mit der ich Examen gemacht habe, heute geht. Und dem jungen Mädchen, das mit unsrem Sohn die ersten Lebensjahre gespielt hat. Deshalb finde ich es auch ganz schön schwierig, wenn ich in der Bibel lese: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geeignet für Gottes Welt". Jesus hat das gesagt und er hat auch so gelebt. Sehr bewusst in der Gegenwart, zugleich zielstrebig in die Zukunft, voller Gottvertrauen und voller Selbstvertrauen. Die Vergangenheit hat ihn nicht wirklich beschäftigt. Ich will ja auch Teil von Gottes Welt sein.
Aber geht es nur radikal, immer im Hier und Jetzt, nur nach vorne gerichtet, nicht reflektierend über das, was war? Kann ich nur zu Gott und seiner Welt gehören, wenn ich völlig unsentimental und nostalgiefrei den Blick streng nach vorne richte? Was Jesus sagt, bleibt für mich ein Stachel. Aber auch eine Ermutigung. Gerade wenn ich nicht loslasse. Mich in dem, was war, ein bisschen selbstmitleidig verliere. Dann hilft es mir, über Jesu Bild vom Pflugführen nachzudenken. Denn wenn ich mich zu sehr im Blick zurück verliere, dann werden die Pflugbahnen wirklich schief und krumm. Ich kann keine grade Furche mehr ziehen.
Die brauche ich aber, wenn ich die neue Saat aussäen möchte, um wieder eine gute Ernte einzufahren. Im neuen Arbeitsfeld, im neuen Lebensabschnitt.
Ich glaube nicht, dass Jesus was dagegen gehabt hätte, hin und wieder mal einen prüfenden Blick zurück zu werfen. Aber er wollte wohl vor dem gebannten Rückwärtsblick warnen, der sich nicht von dem abwenden kann, was war. Ob Gutes oder Schweres.
Ich werde weiter meine alten Freundschaften pflegen, sie sind mir lieb und kostbar. Aber ich werde auch viele Menschen wieder aus meiner Fürsorge entlassen. In die Obhut und Begleitung anderer. Und ich sorge dafür, dass in meinem Kopf und Herz Raum da ist für neue Menschen, neue Geschichten, neue Erfahrungen. Ich lasse die alten los und verliere sie doch nicht. Denn ich kann sie dankbar in meinem Schatz der Erinnerungen bergen. Den kann ich zum Glück überall hin mitnehmen. Egal, wie oft und wohin ich ziehe.

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Ich war gern ein Ferienkind. Besonders bei Oma und Opa. Opa hatte eine kleine Sattlerwerkstatt. Ein richtiges Kinderparadies, mit dem starken Duft von frischem Leder und geheimnisvollen Werkzeugen in zahlreichen Schachteln. Er produzierte aus dem Leder Riemen für Kuhgespanne. Und fertigte Matratzen, die er dann in seinem kleinen Laden im Dorf verkaufte. Stolz half ich in der Werkstatt mit, schaute dem Großvater beim stanzen und nieten zu.
Obwohl es immer genug zu tun gab, kann ich mich nicht erinnern, dass die Arbeit alles andere überlagert hätte. Morgens nahmen sich meine Großeltern viel Zeit für ihre gemeinsame Andacht. Öfter saß ich mit dabei am Küchentisch und hörte zu, wie die Großmutter einen Abschnitt aus der Bibel las und der Opa mit großer Ernsthaftigkeit ein freies Gebet sprach. Danach begann dann erst der Arbeitstag. Und abends wurde am Stubentisch ein Gute-Nacht-Gebet gesprochen und damit der Tag Gott zurückgegeben. Es war eine Form von Glaubenspraxis, die sich mir eingeprägt hat.
Meine Großeltern sind schon lange gestorben. Aber ich bin ihnen immer noch dankbar, dass sie mir etwas von ihrem Glauben weitergegeben haben. Und sie haben mir vorgelebt, wie sie ihr Glauben gerade durch die schweren Kriegsjahre hindurch gerettet hat.
Großeltern können besonders gut von Gott erzählen. Manchmal sogar besser als die Eltern, weil sie mehr Zeit haben und vielleicht auch mehr Geduld. Weil sie mit ihrer Lebenserfahrung manche Konflikte, die es zwischen Eltern und Kindern gibt, gelassener sehen können. Und weil sie etwas weitergeben wollen, was über ein Sparbuch hinausgeht. Die Freude an der Natur zum Beispiel, in der sie Gottes Spuren erkennen. Den Traum von Frieden und Gerechtigkeit für alle Menschen, den sie auch noch für die Enkel träumen wollen. Das Vertrauen in eine Welt, die trotz Finanzkrise und Arbeitsüberlastung Mut macht zur Zukunft.
Kinder brauchen solche Großeltern. Damit sie eine gute Chance haben, sich in diesem Glauben zu beheimaten. Nicht immer, aber ziemlich oft kommt dabei den Omas eine besondere Rolle zu. So wie Oma Lois. Sie gehörte zur ersten Christengeneration. Und sie hat ihrer Tochter Eunike und ihrem Enkel Timotheus von ihrem aufregenden neuen Glauben an Jesus erzählt. Sie war wohl eine besondere Frau, sonst wäre sie nicht eigens in der Bibel erwähnt worden, unerschrocken und sehr begeistert. Das wirkte offensichtlich so überzeugend, dass Tochter und Enkelsohn den neuen Glauben annahmen. Timotheus wurde sogar gleich hauptberuflich Christ und arbeitete in Gemeinden in Athen und Ephesus. Ohne seine Großmutter wüssten wir heute nichts mehr von ihm.

Kinder brauchen Großeltern. Großeltern brauchen Enkelkinder. Eine Generation ist auf die andere angewiesen. Lernt voneinander, ist füreinander da, steht füreinander ein. Großeltern leben Kindern ihr Vertrauen in die Welt vor. Und Kinder eröffnen ihren Großeltern die weite Welt des Internets. So stellt man sich das im Idealfall vor. Zum Glück ist es in vielen Familien genau so. Aber es gibt auch anderes. Manches ältere Paar wünscht sich nichts sehnlicher als Enkelkinder, und muss sich irgendwann damit abfinden, dass es enkellos bleiben wird. Das schmerzt schlimm, da bleibt eine Lücke im Lebenslauf. Manchen hilft es, sich bewusst Kindern oder Jugendlichen zuzuwenden und für sie Ersatzgroßeltern zu sein. Ich denke an einen alten Herrn, der weit über 80-jährig den Jugendlichen einer Gemeinde mit großem Interesse begegnet. Schon seit Jahren. Daraus hat sich ein bewegendes Vertrauensverhältnis entwickelt. Er ist ganz dicht dran an ihnen und ihrer Lebenswelt. Manches versteht er nicht, aber man spürt ihm ab, dass er die jungen Menschen liebt. Und sie lieben ihn dafür. Viel von dem, was erwachsene Christen ihnen vorleben, finden sie nicht überzeugend, ja manchmal sogar abstoßend. Aber jener alte Herr schafft es mit seiner Liebe immer wieder, sie für den Glauben an Gott zu gewinnen. Und sie zu motivieren, bei der Kirche mitzumachen.
Ein altes Sprichwort, das übrigens aus der Bibel stammt, sagt: Der Segen der Eltern baut den Kindern Häuser. Vielleicht müsste man es heute erweitern und sagen: Der Segen der Großeltern baut den Enkelkindern Häuser. Dieser Gedanke verpflichtet. Weil ältere Menschen damit herausgefordert werden, nicht bei sich und ihren Erfahrungen stehen zu bleiben, sie absolut zu setzen. Sondern sich auch mit dem Leben der Jungen zu beschäftigen. Und Ihnen Gutes zu wünschen ohne Neid auf die Jahre, die die Jungen noch vor sich haben. Auf der anderen Seite bekommen Großeltern, wenn sie großzügig und nachsichtig sind, auch ganz viel zurück. Die sprudelnde Lebensfreude der Jungen ist ansteckend. Spontan, unbekümmert und draufgängerisch, wie sie manchmal sind, vertreiben sie manchen Schmerz und trüben Gedanken.
Großeltern und eigentlich alle Älteren haben eine verheißungsvolle Beauftragung: Häuser bauen für die Jungen. Häuser aus Stein werden es nicht in jeder Familie sein, aber Lebenshäuser sind immer möglich. Lebenshäuser, die den Jungen ein festes Fundament sind, in denen sie sich einrichten können. Lebenshäuser, in denen sie sich so sicher fühlen, dass sie die Welt neu gestalten können. Friedlicher, ehrlicher, gerechter, barmherziger. Ein Segen wäre das, für die Jungen und die Alten.

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„Zusammen ist man weniger allein". Wir Menschen brauchen die Gemeinschaft mit anderen Menschen. Damit unser Leben reich und erfüllt wird. Nächste Woche auf dem Evangelischen Kirchentag in Dresden ist wieder eine wunderbare Gelegenheit, das zu erleben. Über 100.000 Teilnehmer werden erwartet. Aus der ganzen Welt reisen sie an, in Sonderzügen, mit Rucksäcken und Isomatte.
Viele junge Menschen sind dabei und viele, die ihre Großeltern sein könnten. Sie nehmen ein paar Tage Unbequemlichkeiten in Kauf, verzichten auf Komfort und erholsame Nachtruhe, um zu erleben: Ich bin als Christ nicht allein.
Da gibt es viele andere, die auch wissen wollen, wie sie heute ihr Christsein leben können.
Mit allen Fragen, die da sind. Ob nachhaltige Energiewirtschaft, Leben schaffen im Reagenzglas, würdiges Sterben oder soziale Gerechtigkeit. Kirchentage geben Orientierung in bedrängenden Fragen. Christen beziehen Position bei Themen, die unsere Welt und unser Zusammenleben betreffen.
Aber es sind nicht allein die theologischen und politischen Debatten, die den Kirchentag prägen.
Die Bibelarbeiten, die Gottesdienste, das Singen und Beten in einer riesigen Menge von Menschen ist etwas Erhebendes und Unvergessliches.
Alles das zusammen macht den Reiz des Kirchentages aus. Deshalb kommen so viele Leute und gehen restlos erfüllt wieder nach Hause. Motiviert für  die oft mühselige Arbeit in der Ortsgemeinde oder einfach mit einem ersten Anstoß, als Christ zu leben.
Das Gemeinschaftserlebnis eines Kirchentages lässt sich kaum toppen.
Reicht es nicht aus, alle zwei Jahre intensiv Kirche zu erleben? Und ansonsten Kirche Kirche sein lassen? Ich glaube nicht. Ganz ohne die Gemeinschaft mit anderen Christen ist es schwer, sein Christsein zu leben. Eigentlich geht es gar nicht. Denn durch die Taufe ist jeder Christ hineingenommen in eine Gemeinschaft, die bereits längst vor ihm da war, eben die Gemeinschaft der Getauften. Das ist ein echtes Geschenk, das Gott einem Menschen da macht. Ganz besonders bei jedem Taufgottesdienst, aber auch bei jedem anderen Treffen von Menschen in der Kirche kommt dieses Angebot Gottes zum Ausdruck:
Du musst nicht allein leben. Du bist hineingeboren in die Gemeinschaft deiner Familie. Und dann gibt es da noch eine viele größere Gemeinschaft, zu der du gehörst. Die Familie Gottes, in der du deinen Platz hast, die dich braucht mit deiner Persönlichkeit und deinen Talenten. Und die du brauchst, weil eine große Gemeinschaft dich trägt und stärkt im Leben. Eine solch große Gemeinschaft ist der ideale Energiespender. Gemeinsam lässt sich viel mehr ausrichten als wenn einer allein sich abmüht.

 

Nächste Woche ist Evangelischer Kirchentag. Ein Gemeinschaftserlebnis, das vielen Menschen so wichtig ist, dass sie Gedrängel und Massenquartiere gerne in Kauf nehmen. Es ist schon überwältigend, mit vielen Tausenden zu singen oder gebannt einer Diskussion zu zuhören. Der Glaube braucht die erhebenden Momente, in denen er sich der Stärke der Gemeinschaft vergewissern kann. Allein sein Christsein leben ist auf die Dauer zermürbend. Und manchmal versiegt die Glaubenskraft dann auch.
Deshalb ist es für die Kirche unverzichtbar, Erfahrungen der Gemeinschaft anzubieten.
Gerade für die, die nicht eingebettet leben in einer familiären Gemeinschaft. Weil die Kinder weggezogen sind mit ihren Familien. Oder weil der Partner gestorben ist. Weil der Freundeskreis immer kleiner wird. Und weil sie sich nicht so leicht tun mit neuen Kontakten.
Für mich ist es eine ganz schöne Aufgabe, solche Menschen miteinander bekannt zu machen und ihnen Gemeinschaftserlebnisse zu ermöglichen. Im Juni werde ich deshalb wieder eine Reisegruppe begleiten. 35 Senioren fahren für eine Woche nach Tirol. Besonders für die Älteren, die alleine leben, ist es eine kostbare Zeit. Eine Woche lang mit Menschen reden können, gemeinsam am Tisch sitzen und das gute Essen genießen, den Tag als Gruppe mit einer kleinen Feier beginnen, täglich gemeinsam das VaterUnser sprechen. Abends das Nachtgebet miteinander singen. Alles das kann ich auch allein, aber in der größeren Gemeinschaft entfaltet sich ein besonderer Geist.
Ich kann es auch umdrehen: Der Geist entfaltet erst die Gemeinschaft. Damit wird mir deutlich. Erlebnisse der Gemeinschaft können gut vorbereitet werden mit dem bestmöglichen Einsatz von Technik, Musik und Ideen. Aber stiften kann niemand die Gemeinschaft. Letztlich ist und bleibt sie ein Geschenk. Für mich ist das der Geist Gottes, der da wirkt.
Ich kann aber vieles dazu beitragen, dass Gemeinschaftserlebnisse gelingen. Durch meine Offenheit für andere Menschen, durch meine innere Beweglichkeit und manchmal auch, wenn ich nachsichtig mit mir und anderen bin. Gewiss gibt es auch die schlechten Erfahrungen. Dass eine Gemeinschaft sich nicht gegenseitig stärkt und motiviert. Sondern eher runterzieht und kränkt. Beide Erfahrungen hat es in der Kirche von Beginn an gegeben. Aber Alleinbleiben aus Enttäuschung ist kein guter Weg. Gemeinschaft ist immer auch darauf angewiesen, sich zu erneuern und zu verändern. Dazu braucht es alle Leute, die dazugehören. Die Starken und die Wortführer genauso wie die Verletzten und Hilfsbedürftigen. Denn zusammen ist man weniger allein.
Füreinander da sein und einander brauchen dürfen. Wenn ich das immer wieder übe, finde ich mein Lebensglück.

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kann er über sich selbst hinaus wachsen

Pilgern auf dem Jakobsweg, möglichst bis Santiago de Compostela, ist der Traum vieler Menschen. Immer mehr erfüllen sich diesen Lebenstraum und wandern los. Zum Glück gibt es nicht nur den großen spanischen Jakobsweg, sondern auch die unbekannteren in unserem Land. Und so hab ich mich auch schon aufgemacht, den Jakobsweg in meiner Region zumindest abschnittsweise zu wandern. Aber richtiges Pilgern, von Herberge zu Herberge, mit schwerem Gepäck und Blasen an den Füßen ist das noch nicht gewesen. Und die Magie des Jakobswegs hat sich mir in heimischen Regionen auch nicht unmittelbar erschlossen. Deshalb bleibt so eine unbestimmte Sehnsucht, den Erfahrungen derer nachzuspüren, die das Ziel des spanischen Jakobsweges erreicht habe.
Vor ein paar Tagen hatte ich Gelegenheit, Felix Bernhard kennenzulernen. Er ist bis nach Santiago de Compostela gepilgert. Aber nicht zu Fuß, sondern im Rollstuhl. Und das nicht nur einmal, sondern gleich mehrfach, insgesamt über 3000 km. Unglaublich, was der Mann geschafft hat. Er sitzt mir gegenüber als Gast meiner Kirchengemeinde und strahlt eine ungeheure Vitalität und Lebensfreude aus. Nichts und niemand scheint ihn aufzuhalten in seinem ungebremsten Drang, immer wieder neue Wege zu erwandern. Barrieren gibt es nicht wirklich. Zur Not rutscht er aus dem Rollstuhl heraus und zieht ihn hinter sich her. Wenn es zum Beispiel steile Berghänge hoch geht oder aber durch felsige Flussbetten.
Was ich mir als einigermaßen fitte Fünfzigerin nicht zutrauen würde, nämlich ganz allein zu pilgern - denn wer weiß, was alles passieren kann unterwegs - das macht Felix Bernhard ganz selbstverständlich und furchtlos. Es ist ganz einfach, sagt er: „Du brauchst nur zu vertrauen. Du hast soviel Potential in dir, du kannst viel mehr als du dir eigentlich zutraust."
Das ist mehr als positives Denken. Das ist ein tiefes Vertrauen in sich selbst und seine Fähigkeiten. Nicht selbst gemacht, dafür fällt man viel zu oft auf die Nase. Felix Bernhard sagt: „Mein Vertrauen in Gottes Führung und Schutz ist blind, manchmal fast kindlich. Das hat mich soweit gebracht und ich bin noch lange nicht am Ziel."

Der Mann sitzt im Rollstuhl, aber er kommt mir weder gefesselt noch abhängig vor. Im Gegenteil. Ich erlebe einen Menschen, der auf eine faszinierende Weise frei ist. Frei von Selbstmitleid, frei von Neid auf die, die zu Fuß den Jakobsweg pilgern. „Ich bin im Rollstuhl, aber den Rollstuhl im Kopf habe ich verbannt", sagt Felix Bernhard. „Ja, ich hab gehadert nach meinem Verkehrsunfall mit 19 Jahren. Aber irgendwann hab ich mir vorgenommen: Du wirst dich nicht begrenzen lassen durch den Rollstuhl. Du machst das, was du vorher auch getan hast. Sport, dich am Leben freuen, reisen. Ja, Gott legt eine Last auf, aber er hilft uns auch."
Wenn Felix Bernhard das so von sich sagt, höre ich das mit großem Respekt. Aber dann bin ich doch am rebellieren:
Ist es denn immer Gott, der eine Last auflegt? Sind nicht viele Lasten auch selbst gemacht? Weil ich mir zuviel aufbürde und nicht nein sagen kann. Weil ich mich nicht entscheiden kann und immer hin- und herlaviere. Weil ich zu unflexibel bin, und mich festbeiße anstatt loszulassen.
Ja, vieles ist selbst gemachte Pein. Aber es gibt eben doch auch die Lasten, die über einen kommen und denen man sich stellen muss, ja, sogar fügen muss. Lasten, die ich nicht selbst verursacht habe und die auch niemand verhindern konnte. Schweres, für das niemand verantwortlich gemacht werden kann. Gott lässt das zu.
Es ist Lebensgepäck, das wuchtig auf den Schultern lastet.
Ich weiß, es gibt kein Leben ohne Last. Aber das ist nicht nur schlecht. Vielleicht machen Lasten lebenstüchtiger, weil man über sich hinauswächst. Vielleicht machen Lasten auch dankbarer, wenn man bedenkt, was man schon alles bewältigt hat. Und wer selbst schwer zu tragen hat, sieht schneller und sensibler die Not des anderen.
Felix Bernhard, der Pilger im Rollstuhl hat in vielen kniffligen Lebenssituationen erlebt: Wenn's richtig dick kommt, bin ich nicht allein. Ich muss nicht alles auf mich nehmen. Gott ist doch da und hilft. Manchmal in Form von Polizisten, die ihn auf der Nationalstraße neben vorbeibrummenden LKW's eskortieren. Manchmal in Form von Kindern, die vor Anbruch der Dunkelheit sehen, dass er im Bachbett feststeckt und ihn herausziehen.
Es sind Rettungsgeschichten, die jeder aus seinem Leben erzählen kann. Manchmal hilft es innezuhalten und mal zu überlegen, wo und wann man Hilfe erlebt hat. Sich zu erinnern, wie ein alter Freund geholfen hat, die Wohnung zu renovieren, oder die Oma die Kinder versorgt hat, als man selbst fiebernd im Bett lag. Oder Freunde die Examensarbeit in letzter Minute vor dem Abgabetermin noch mitgetippt haben. Wieder ein Gespür dafür zu bekommen, wann und wie mir ein anderer Mensch geholfen hat. Und dahinter Gott zu entdecken, der hilft, das leichte Gepäck und noch mehr die Schwerlasten zu tragen.
Erinnern und dann fest vertrauen, dass Hilfe wiederkommen wird. Wer so lebt, kann auch verwegene Ziele ansteuern, zum Beispiel von Frankfurt nach Jerusalem mit dem Rollstuhl.
Ich traue dem Mann zu, dass er es schaffen kann.

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Üppige Kastanienbäume säumen unser Haus. Anfang September geht es los. Mit mächtigen Stöcken werfen Kinder und Eltern die Kastanien aus den Bäumen. Egal, wenn ganze Äste dabei zu Bruch gehen und auf der Straße landen. Und manchmal auch auf Autodächern. Hauptsache, ran an die Kastanien. Das Spektakel endet, wenn die reifen Kastanien auf den Boden prasseln. Niemand kommt mehr und sammelt sie auf.
Das wundert mich schon etwas. Warum warten die Leute nicht, bis die Kastanien reif sind? Sie könnten dann ohne große Mühe und ganz schadlos aufgesammelt werden. Ziemlich ungeduldig finde ich das. Warum reifen lassen und dann erst die Früchte ernten? Weshalb gelassen zusehen und darauf vertrauen, dass die Dinge zur rechten Zeit heranreifen?
Sich in Geduld üben und darauf vertrauen, dass für mich auch noch was übrig bleibt. Das scheint nicht nur vor meinem Haus schwierig zu sein. Diese unbezähmbare Ungeduld entdecke ich, wenn ich ehrlich bin, leider auch bei mir. Nicht im Garten, aber im Leben mit meinen Kindern oder auch in meiner Arbeit in der Kirchengemeinde. Es geht mir nicht schnell genug mit dem Aufräumen im Haus. Die Veränderungen in der Kirche dauern mir zu lange. Ich sehe überall offene Prozesse und wenig Ergebnisse. Und dann werde ich leicht ungeduldig. Ich möchte gern schneller Früchte meines Einsatzes genießen.
Offensichtlich bin ich auch nicht anders als die Stöckewerfer vor meinem Haus.
Und so kann ich mich auch gut hineinversetzen in jenen Landbesitzer, von dem Jesus erzählt. Er möchte endlich Früchte an einem Feigenbaum sehen. Der ist schließlich kein Zierstrauch, sondern ein Baum, der sich nützlich machen soll. Drei Jahre hat er keine Früchte gebracht. Er war nicht spät dran mit seinen Früchten, nein, da war gar kein Ertrag. Alle Mühen und Kosten um den Baum umsonst. Unwirtschaftlich war das. Nichts läge näher, als kurzen Prozess zu machen. Wer sein Plansoll nicht erfüllt, soll weichen. Der Baum muss weg, Platz machen für was Neues. Doch der Gärtner, der sich um diesen Baum gekümmert hat, bittet um Geduld.
Noch ein Jahr will er den Baum päppeln, umgraben und düngen. „Lass uns nicht voreilig sein", hat er vielleicht gesagt. „Wir sollten dem Baum noch eine Chance geben. Mal sehen, ob er dann Früchte bringt.
Wenn nicht, dann ist es okay, wenn deine Geduld am Ende ist. Du kannst ihn fällen. Aber üb dich noch ein Jahr in Geduld."
Jesus verrät leider nicht, wie die Geschichte ausgeht. Mich würde brennend interessieren, ob sich das Düngen und geduldige Warten gelohnt haben.

Teil II

Lohnt es sich geduldig zu sein? Ist es sinnvoll, auszuharren, bis doch noch Früchte am Baum wachsen? Oder wäre es nicht besser, gleich kurzen Prozess zu machen und was Neues zu beginnen? Es gibt keine eindeutigen Antworten. Auch nicht in der Bibel.
Mal hat Jesus eine Engelsgeduld mit denen, die ziemlich begriffsstutzig sind und sich kein bisschen verändern wollen. Und dann wieder verhandelt er nicht lange, sondern macht Nägel mit Köpfen.
Dass Menschen grundsätzlich alles geduldig hinnehmen und erdulden müssen, und sei es noch so große Verachtung und Geringschätzung - das ist nicht im Sinne Jesu.
Gewiss, manches muss man aushalten. Und die Geduld hilft einem, nicht daran zu zerbrechen. Es braucht einen langen Mut, eine lange Zeit an Mut, Schweres zu ertragen.
Aber es gibt Grenzen. Dann darf aus der langen Zeit des Mutes eine heilige Ungeduld erwachsen. Dann wird es Zeit etwas zu ändern. Da hat sogar der Zorn seinen Raum. Es wird Zeit, sich nicht mehr zu gedulden mit Missständen und nächtlichen Alpträumen. Es wird Zeit, zu klären und das Leben neu zu verstehen.
„Doch", meint Jesus in seiner Geschichte vom Feigenbaum, der drei Jahre keine Frucht brachte. „Es lohnt sich, noch ein Jahr zu warten, zu pflegen und zu düngen."
„Es lohnt sich", sage ich hin und wieder zu den ungeduldigen Stöckewerfern vor meinem Haus. „Wartet doch, bis die Kastanien an den Bäumen reif sind. Dann fallen sie doch von selbst in den Schoß." Es lohnt sich, mit langem Mut zu warten, bis in einer Freundschaft wieder neues Vertrauen wachsen kann. Es lohnt sich, nochmals alle Kraft ins Lernen zu investieren, um den Schulabschluss hinzukriegen. Es lohnt sich, einen neuen Anlauf zu wagen in verfahrenen Situationen im Beruf.
Aber ich darf mich und andere begrenzen. Es darf auch mal ein Ende mit der Geduld haben. Dann wird es Zeit, Entscheidungen zu treffen und dem Leben eine andere Richtung zu geben. Ich habe die Freiheit, eine Freundschaft zu beenden. Ich habe die Möglichkeit, eine andere Schulart zu wählen. Ich bringe den Mut auf, unbequeme Wahrheiten bei der Arbeit anzusprechen.
In Jesu Geschichte hat der Besitzer des Feigenbaums Geduld für ein Jahr. Dann trifft er eine Entscheidung.
Um ein starkes Herz für die Geduld aufzubringen braucht es die Grenze. Immer wieder bemühe ich mich, meine voreilige Ungeduld zu zügeln und geduldiger zu werden. Vieles wird leichter erträglich mit gelassener Geduld. Aber ich weiß: Die Zeit kommt, in der die Geduld ein Ende haben muss. Dass das Leben wieder gut wird, die Tage hell und die Nächte ruhig.
Manchmal schaffe ich es schon, den richtigen Zeitpunkt zu finden. Dabei hilft mir das schöne Gebet: Herr, gib mit die Gelassenheit, Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann, und den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, beides voneinander zu unterscheiden.   

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