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– Gott sitzt im Regiment

Wer ist der Größte? Wer hat die Macht? Wer die Macht hat, kann etwas machen, kann gestalten und verändern. Jedenfalls theoretisch. Wenn man genauer hinschaut, wird deutlich: Selbst die Mächtigsten müssen sich nach anderen richten, sie können nicht einfach machen, was sie wollen. Sie sind abhängig von der Gunst der Wähler, abhängig von Interessengruppen, abhängig vom Geld. Sitzen hier vielleicht die wahren Mächtigen? Ich selber glaube: Auch die Reichen sind abhängig, getrieben von einer noch größeren Macht. Frage ich also nochmal: Wer hat die Macht?

Im Buch des Propheten Daniel lese ich: „Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende“ (Daniel 7,14). Später wird diese Prophezeiung auf Jesus Christus bezogen, der von sich selber sagt: „Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden“ (Matt 28). Aber: Wo zeigt sich diese Macht? Ich frage mich das im Hinblick auf solche Machthaber, denen es offenkundig nur noch um den eigenen Machterhalt geht und die dabei Furchtbares anrichten. Aber auch im Hinblick auf den amerikanischen Präsidenten, der heute vereidigt wird. Für viele ist das ein Grund zur Sorge. Warum greift Gott nicht ein?

Im Kleinen, im Verborgenen kann ich Gottes Eingreifen eher erkennen. Dort, wo sich auf wunderbare Weise etwas zum Guten wendet. Im Pflegeheim liegt ein Schwerkranker, der nicht mehr sprechen kann. Die junge Pflegerin singt einen Choral an seinem Bett. Da leuchten seine Augen, und er sagt laut und deutlich: „Wunderbar“. Dieses Wort hat er in seinem Leben kaum gekannt, aber jetzt erweist es sich von großer Kraft, beim Personal, bei der Familie. Keine Macht der Welt hätte ihm dieses Wort entlocken können. Nur Gott konnte es, davon bin ich überzeugt, und wenn er am Bett eines Sterbenden ein Wunder tut, sollte er nicht auch im Großen, ja an der ganzen Schöpfung Wunder tun?

„Es wird regiert“. Das sagte der Theologe Karl Barth am Vorabend seines Todes: „Ja, die Welt ist dunkel. .... Nur ja die Ohren nicht hängen lassen! Nie! Denn es wird regiert, nicht nur in Moskau oder in Washington oder in Peking, sondern … hier auf Erden, aber ganz von oben, vom Himmel her!“ - Für mich ist das ein großer Trost. Nicht der Zufall regiert, nicht das Geld und keiner von denen, sie sich für mächtig halten. Gott ist da. Es gibt Zukunft für die Welt, und es gibt Grund zur Hoffnung.

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In einer Novelle erzählt der russische Dichter Dostojewski von einem jungen Mann, der verzweifelt darüber ist, dass es unter den Menschen so viel Hass und Gemeinheit, Eifersucht und Krieg gibt. Seine Verzweiflung ist so groß, dass er sich erschießen will. Er sitzt in seinem Zimmer und hat den Revolver vor sich auf den Tisch gelegt. Er schläft jedoch ein und träumt, er wäre auf einem anderen Planeten. Dort trifft er Menschen, die in Frieden miteinander leben. Es gibt keinen Streit, keine Kriege, kein Blutvergießen. Der junge Mann ist zunächst ganz fassungslos und tief beglückt. Aber dann muss er eine grausige Entdeckung machen: Überall wo er auftaucht, flammen plötzlich Feindseligkeiten auf, es kommt zu Missverständnissen und zu Gewalt. Als er aufwacht, ist ihm klar: Das Böse in der Welt liegt nicht außerhalb seiner selbst. Es liegt in seinem eigenen Herzen. Er kann sich ihm nicht einmal durch den Tod entziehen, sondern muss es in sich erkennen und bekämpfen.

Diese Geschichte bringt etwas auf den Punkt, finde ich. Im Prinzip hält man sich ja selbst für anständig, und wenn man doch etwas Böses tut, sieht man sich gern als Opfer der Umstände. Ein fataler Irrtum. Man könnte es auch in der Bibel nachlesen: Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht Einer (Römer 2). Juden, Christen und Muslime, Amerikaner und Europäer, Sie und ich: alle sind mit verantwortlich für das, was weltweit an Ungerechtigkeit und Gewalt passiert. Wer die Wurzel für das Böse sucht, muss den Blick in die Abgründe der eigenen Existenz ertragen. „Höllenfahrt der Selbsterkenntnis“– so hat der Philosoph Hamann das genannt. Diese Höllenfahrt freilich leitet eine Wende ein. Wenn ich das Böse in mir erkenne, muss ich nicht verzweifeln, ich werde mich aber auch nicht als Richter und Rächer über andere erheben. Der Gott der Bibel, an den ich glaube, tut das auch nicht. Er verzweifelt nicht an mir, er vernichtet mich auch nicht. Gott unterscheidet zwischen „Person und Werk“ (Martin Luther): das Böse, das ich anrichte, bekämpft er, aber mich selbst, sein Geschöpf, liebt er. Und das gilt von allen Menschen.

Diese Kunst der Unterscheidung ist mühsam. Sie widersetzt sich einfachen Denkmustern. Das Böse erkennen und beim Namen nennen, auch bei sich selber. Und dennoch den Menschen verstehen, vielleicht sogar lieben, auch sich selbst.
Ich glaube, dass das die Welt zum Guten verändern kann.

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Manchmal ist es gut, spontan zu handeln. Ich laufe beim Joggen an einem Haus vorbei. Ein Gedanke blitzt auf: Hier solltest Du mal kurz läuten und fragen, wie es geht. Das war nicht geplant. Aber als mir die Tür geöffnet wurde, wusste ich sofort: Es war das einzig Richtige. Ich wurde erwartet. Ich wurde gebraucht.

„Bekehrung zur Spontaneität“, nennt es der Ordensmann Heinrich Spaemann. Er meint damit: Achthaben auf Eingebungen, die nicht von äußeren Reizen gesteuert werden. Es geht also nicht um den Spontankauf eines schönen Gegenstandes, der mir ins Auge sticht (Spaemann: negative Spontaneität). Sondern dass ich offen werde, um eine Situation intuitiv zu erfassen, dass ich es wage, spontan etwas zu tun, was auch „daneben“ sein könnte. Da wird mir etwas nahegelegt, und ich ergreife die Gelegenheit, in der etwas Gutes geschehen, in der anderen und mir selbst geholfen werden kann. Mit Andreas Gryphius: „Der Augenblick ist mein, und den nehm ich in acht. So ist DER mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.“

Viel zu oft versäume ich diesen Augenblick, achte nicht auf die Gelegenheit, warte viel zu lange. Am Morgen könnte man endlich den versöhnenden Anruf tätigen, oder den Brief schreiben, der so lange fällig war. Am Abend ist die Schuld des anderen in den Himmel gewachsen, und so reicht es nur noch für eine böse E-Mail, die man bald bereut. So viele versäumte Gelegenheiten, und die Erfahrung zeigt: Es wird mit der Zeit nicht leichter, das Richtige zu tun, sondern unmöglich. Es ist bitter, ein „zu spät“ zu erleben, vielleicht weil der Mensch gestorben ist, den ich mit kleinstem Aufwand hätte glücklich machen können.

Und doch glaube ich: Gott hält weitere Gelegenheiten bereit. Es gibt Menschen, die tausendmal zögern und dann doch den entscheidenden Augenblick ergreifen. Sie folgen diesem Impuls, sie tun das Unerwartete, spontan und ohne langes Überlegen. Wie Zachäus, von dem die Bibel erzählt. Beladen mit Schuld, stieg er vom Baum herunter, als er Jesus sah. „Blitzschnell“ tat er es, ohne zu zögern. Das war die Chance seines Lebens, und er nutzte sie und machte den Schaden gut, den er angerichtet hatte.

So möchte ich leben. Und dazu möchte ich ermutigen. Denken und planen und zögern, wo es sinnvoll erscheint. Aber zugleich auf den Augenblick achten, in dem das Göttliche aufblitzt. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, dort, wo Gott mich haben will: Das macht glücklich und dankbar.

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„Die Menschheit wird mit der Zeit die Willenskraft aufbringen, Kriege unmöglich zu machen. Und der alte Traum vom Weltfrieden wird sich erfüllen, weil Kriege nicht mehr hingenommen werden.“ Diese Worte stammen von Jane Addams, Feministin und Journalistin. In Chicago gründete sie eine Bildungseinrichtung für Arbeiter und Einwanderer, das sog. Hull-house. Sie kämpfte für Frauenrechte und war als Sozialpolitikerin aktiv. Der erste Ehrendoktortitel für eine Frau ging an sie. Anfang der 20er Jahre setzte sie sich für die damalige Friedensbewegung ein und bekam 1931 den Friedensnobelpreis.

Jane Addams stammte aus einer Quäker-Familie. Quäker, so nennt sich eine kleine Gemeinschaft von Christen, die indirekt aus der Reformation hervorgegangen ist. Der Name ist eigentlich ein Spottname; er bezieht sich auf ein Phänomen, welches in den Gottesdiensten dieser Gruppe auftritt: Nicht die Predigt oder das Abendmahl ist hier der Mittelpunkt, sondern das stille Warten auf den „Heiligen Geist“. Man sitzt zusammen und wartet, und bei manchen Leuten zeigt sich ein Zittern, auf Englisch: „quake“. Sie werden bewegt, manchmal sogar geschüttelt von einer Kraft, die sie auf Gott zurückführen. In enger Bindung an die Bergpredigt Jesu lehnen sie den Kriegsdienst ebenso ab wie den Eid vor Gericht. Trotz Verfolgung und Ausgrenzung waren die Quäker politisch wirksam. Vor allem bei der Abschaffung der Sklaverei spielten sie eine Schlüsselrolle.

„Kriege werden unmöglich sein.“ Dahinter steht die biblische Prophezeiung von einem Reich des Friedens, die aktueller ist denn je. Immer mehr Menschen leiden weltweit unter Krieg und Gewalt. Umso dringlicher scheint mir dieser Blick in die Zukunft, der auch auf die Gegenwart bezogen werden muss: Kriege werden nicht nur unmöglich sein. Krieg ist schon jetzt unmöglich. Eine unmögliche Möglichkeit.

Wer aber fängt an? Wer legt als erster die Waffen nieder? Ich persönlich halte es nicht für realistisch, auf jede Form der Selbstverteidigung zu verzichten. Aber ich glaube an einen Gott, der „den Kriegen Einhalt gebietet, der Spieße zerschlägt und Bogen zerbricht“, wie es die Bibel sagt (Psalm 46) Es ist ein Gott der Liebe, der die Götter von Hass und Gewalt besiegt. Nicht mit Waffen, sondern mit dem Wort der Versöhnung. Dass dieses Wort Gottes hörbar wird, dafür sorgen mutige Menschen wie Jane Addams. Aber man muss sich davon erschüttern und bewegen lassen.

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„Ich will nicht ins Paradies“ – so heißt es in einem Lied der Popgruppe Die Toten Hosen. Ich will nicht ins Paradies, wenn der Weg dorthin so schwierig ist.“

Inwiefern schwierig? Die Antwort: Nur wer sich am Tisch anständig verhält und mit Messer und Gabel isst. Wer sich mit geputzten Schuhen immer hinten anstellt. Wer zu allem Ja und Amen sagt, was andere ihm vorschreiben, oder was an Geboten in der Bibel steht. Wenn das die Bedingungen sind, dann ist das Paradies etwas für Spießbürger, aber nichts für mich, meint der Sänger. Mit angepassten, äußerlich religiösen Menschen möchte er nicht zusammen sein – und das kann man ja verstehen.

Tatsächlich ist die Vorstellung weit verbreitet, dass man zur Erlangung eines „Paradieses“ vor allem bestimmte Gebote und Normen erfüllen muss. Ein volkstümliches Christentum ist davon geprägt, und für den Islam ist der Gedanke grundlegend. Christlich ist das jedoch nicht. Von einem Paradies redet die Bibel nur an wenigen Stellen, und an keiner einzigen Stelle macht sie gute Manieren oder moralisches Handeln zur Bedingung für den Einlass. So sagt der gekreuzigte Jesus zu einem der beiden mit ihm gekreuzigten Verbrecher: „Wahrlich, heute du wirst mit mir im Paradiese sein.“ Warum zu ihm? Weil der sich bittend an ihn gewandt hatte. Warum nicht zu dem anderen? Weil der sich verächtlich von ihm abgewandt hatte. Moralisch gut war keiner von beiden. Den Unterschied machte lediglich eine schlichte Bitte: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!

Gestern wurde in den evangelischen Kirchen der Ewigkeitssonntag gefeiert, der letzte Sonntag im Kirchenjahr. Die Namen der Verstorbenen wurden verlesen, für jeden Namen eine Kerze entzündet. Das ist der Kern christlichen Glaubens: Leben wird nicht ausgelöscht. Gott ruft die Toten ins ewige Leben. Wie immer dieses ewige Leben sich nennen und letztlich aussehen mag: Dort kommt zur Vollendung, was hier unvollendet blieb. Dort wird sich entfalten, was hier verkümmerte. Besonders freue ich mich auf Gespräche mit anderen Menschen, die ich schon lange etwas fragen wollte. Oder die ich einfach vermisse.

Das ist der Grund. Deshalb will ich ins Paradies. Der Weg dorthin ist weder mit moralischen Anforderungen noch mit einem Martyrium verbunden, das anderen Menschen schadet. Es braucht nur Vertrauen auf Jesus, nur eine Bitte. Kein schwerer Weg. Aber ein Weg, der andere Wege ausschließt

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Das Unmögliche wagen – das kann jemand, der an die Zukunft glaubt. 
Jemand, der sich von der Gegenwart nicht abhalten lässt, einen Schritt mit unabsehbaren Folgen zu gehen. Oft sind es Visionäre, prophetische Menschen, die gewissermaßen durch den Horizont hindurch in eine neue Welt sehen. Die ihre Angst überwinden, ihre Liebe zum Leben in den Dienst einer größeren Liebe stellen. 

Beispiele dafür gibt es viele, Männer und Frauen haben solche Schritte getan. Heute ist der 20. Juli, und ich erinnere an die Menschen des Widerstandes gegen das Naziregime, die an diesem Tag des Jahres 1944 das Unmögliche wagten. Unter ihnen waren Christen und Nichtchristen, ranghohe Soldaten, Intellektuelle und Geistliche. „Wenn ein Betrunkener mit dem Auto über den Kudamm rast, dann reicht es nicht, die Verletzten zu versorgen. Man muss dem Fahrer das Steuer entreißen“, schrieb der Pfarrer Dietrich Bonhoeffer. Er wusste wohl, dass das Tempo des Wagens schon viel zu hoch war. Unmöglich, ihn zu stoppen, ohne Leib und Leben zu riskieren. Nur mit einem letzten Vertrauen auf die Gunst der Stunde entschloss man sich zum Attentat. Hitler überlebte, die Verschwörer starben.

„Niemand hat größere Liebe als der, der sein Leben lässt für seine Freunde“, sagt Jesus. Und er meint damit auch: Niemand ist mutiger als der, welcher die Zukunft der vielen höher achtet als die eigene. Der deshalb über den Bereich des Möglichen hinausdenkt. Was damals unmöglich war und vielen auch irrational erschien, hat Früchte getragen, es hat den Grundstein gelegt für ein Leben in Freiheit. 

Und ich denke, dass es auch in der Gegenwart sinnvoll ist, mutige Schritte zu gehen und scheinbar unmögliches zu wagen.

Unmöglich scheint es mir, die rasende Klimaveränderung aufzuhalten.
Unmöglich, sich gegen menschenverachtende Wirtschaftsinteressen zu stemmen. Unmöglich auch, von Liebe zu reden, wo Gewalt und Hass regieren.
Und trotzdem gibt es Menschen, die genau das tun. Sie überwinden die Bequemlichkeit, riskieren ihren guten Ruf, opfern Zeit und Lebenskraft, damit sich für andere eine Zukunft öffnet. 

Ich glaube, dass die Kraft und der Mut für solche Schritte von Gott kommen.
Gott hat alles riskiert, das Unmögliche gewagt und für die Menschen sein Leben gelassen. 
Das lässt mich hoffen, dass letztlich nicht die Gewalt und das Böse, sondern der Friede die Oberhand behalten wird. Unmöglich, ja. Aber eines Tages wird es so sein.

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Gedanken aufschreiben, Wünsche, Befürchtungen, Anliegen. Das Buch liegt auf einem kleinen Tisch in einer Fensternische unserer Kirche, ein Strauß mit Blumen, eine Kerze. Wer will, kann kommen und hineinschreiben. Manchmal setze ich mich hin und lese darin. Dicht beschrieben sind die Seiten. Von Krankheit, Scheidung und Trauer ist da zu lesen. Der jüngste Terroranschlag, die Überschwemmungen der letzten Wochen, die schwierige Beziehung zu den Eltern  – viele Themen. Ein Buch voller Notlagen, ein Buch voller Hoffnung und Liebe. Es erinnert mich an die berühmte Klagemauer in Jerusalem, auch an ein kleines Erlebnis dort. Es war Sabbat, und ich schrieb eifrig meine Anliegen auf einen Zettel, von denen Tausende in den Ritzen der Mauer stecken. Aber sofort kam jemand auf mich zu und sagte unmissverständlich: „Es ist verboten, am Sabbat zu schreiben“. Ich fragte vorsichtig zurück: „Aber nicht verboten zu beten?!“

Nein, es ist nicht verboten. Aber nicht jeder kann oder mag das so direkt tun. Nicht jeder kommt mit der Vorstellung zurecht, dass es einen Gott gibt, der Gebete erhört oder sogar darauf reagiert. Und doch haben viele das Bedürfnis, Dinge aufzuschreiben, die sie nicht aussprechen würden. So machen sie für andere sichtbar, was sie im Innersten bewegt. Sie hoffen, dass irgendjemand es zur Kenntnis nimmt, ja vielleicht sogar etwas für sie tut. Deshalb trifft sich eine kleine Gruppe von Christen regelmäßig, um für diese Anliegen zu beten. Eine Frau aus dieser Gruppe sagte mir: „Für mich ist es die beste Zeit in der Woche. Wir sind nur Wenige, und manchmal werden wir auch belächelt. Aber ich spüre, dass es ein wichtiger Dienst ist. Ich bete für Menschen, die selber nicht oder nicht mehr beten können. Oder die sich einfach nur wünschen, dass andere an sie denken.

Das Innerste zur Sprache bringen ist ein menschliches Grundbedürfnis. Sei es in einem Gespräch mit einem Menschen, im Gebet oder mithilfe von geschriebenen Sätzen. Einfach mal aufschreiben: Den Dank, die Angst, die Namen der Menschen, denen man Gutes wünscht. Vor Gott bringen können es andere, wenn man das selber nicht mag. Aber ich meine: da gehört es hin. Gott liest, er hört, er handelt. 

„Man lässt wohl heute wieder für sich beten“, kommentierte ein Besucher spöttisch. „Lästern Sie nur“, sagte ich, „aber vergessen Sie nicht, in das Buch zu schreiben!“ 

Er setzte sich hin – und schrieb.

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Andere beschenken macht reich. Das Geschenk kommt nicht nur anderen zugute, sondern auch dem Schenkenden selbst. Dazu sehe ich ein Bild aus einem biblischen Gleichnis vor mir, eine Marktszene aus dem Orient. (Lukas 6,38)
Eine Frau kauft Getreide auf dem Markt. Sie hält dem Händler ihren Eimer hin, der füllt das Korn hinein, nimmt einen Stab und streift ab, was über den Rand hinausgeht. Ein Eimer ist eben nur der Inhalt eines Eimers – das ist die Regel, so funktioniert Marktwirtschaft.

Doch dann wird ein Bild von einem anderen Händler gezeigt. Auch der füllt den Eimer ganz voll. Dann drückt er den Weizen mit beiden Händen hinein, damit die Körner ganz dicht beisammen liegen. Dann stößt er den Eimer auf die Erde, mehrmals, damit kein Hohlraum bleibt, und dann füllt er nochmals auf, macht einen Berg drauf, dass der Weizen auf allen Seiten überläuft. Und der Erzähler des Gleichnisses sagt: So füllt Gott den Eimer. So beschenkt er dich mit seiner Güte. Dich! Mich! Wie könntest du dann kleinlich oder geizig sein? 

„Gebt, so wird euch gegeben“, sagt Jesus, der Gleichniserzähler. Für mich höre ich das so: „Lass es fließen, mach es locker, den Weizen, das Geld, die Zeit. Du bist doch selber beschenkt mit Menschen, mit Zuwendung, mit Trost und Verständnis. Auch materielle Güter gehören dazu. Du hast etwas zu geben, und bekommst du im Übermaß zurück. Oft sind es ja nur kleine Gesten und Zeichen. Da lässt den anderen einfädeln im Verkehr, tritt zurück an der Kasse, verschafft dem Fremden am Schalter Gehör. Und es fließt. Das Enkelkind schreibt fünfen in Mathematik, die Eltern sind verzweifelt. ‚Ich kümmere mich um eine gute Nachhilfe, und ich bezahle es auch‘, sagt der Großvater. Welch eine Entlastung. Im Sprachkurs für Syrer fehlen Lehrer – die pensionierte Dame mit Bildung erklärt sich bereit. Beziehungen entstehen, auch Tee und Kaffee beginnen zu fließen. 

Ich bin überzeugt: Alles wurde mir geschenkt. Und es kommt alles zurück, was ich weitergebe. Manchmal vielleicht in anderer Währung. Z.B. in einer neuen Selbstwahrnehmung, dass man sich freier fühlt, sich selber zu mögen beginnt. – Schenken macht nicht nur reich. Schenken, so hat es einer mal gesagt, macht auch schön. Und so ergänze ich das Bild aus dem Orient. Der Händler, der so großzügig den Eimer füllt, ist Gott selbst. Er ist der Schönste von allen. Und er will, dass auch die Menschen schön werden. Und reich.

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„Du schaffst es nicht. Keiner braucht dich. Du hast es schon so oft vermasselt. Nichts bringst du auf die Reihe. Lass die Finger davon.“

Kommt Ihnen das bekannt vor? Gedanken, die lähmen, die einem jede Motivation nehmen. Der Mönch Anselm Grün nennt diese Gedanken „Einreden“. Und er meint, dass alle Menschen davon überfallen werden. Manche plötzlich und ohne Vorwarnung, andere aufgrund einer Veranlagung. Und wenn man nichts aktiv dagegen unternimmt, werden diese Gedanken zum Teil des Lebens, der eigenen Persönlichkeit. „Ich kann nicht.“ Wer immer wieder auf diese Stimme hört, kann irgendwann wirklich nicht mehr.

Aber – davon bin ich überzeugt, eines kann man doch: Widerspruch einlegen. Oder jemanden aufsuchen, der für mich, an meiner Stelle widerspricht. Dabei ist es zunächst mal wichtig, die Stimme ernstzunehmen, sich nicht innerlich einfach die Ohren zuzuhalten. Ich denke dann etwa: „Wer immer du bist, ganz Unrecht hast Du nicht. Es geht mir nicht gut. Ich fühle mich erschöpft und ausgebrannt. Ich sehe derzeit keine Perspektive. Aber - das ist nicht alles, was von mir zu sagen ist, und deshalb widerspreche ich dir. Ich bringe vielleicht heute nichts Großes zustande. Aber aufstehen, das kann ich, mich richten und mir ein Frühstück machen, das kriege ich hin.“ Oder: „Vielleicht hast Du recht, ich habe versagt, ich sollte mich schämen. Aber das ist nicht alles, was von mir zu sagen ist. Ich habe auch schon erfolgreich gearbeitet, und es gibt Menschen, die mich lieben. Und das will ich zum Anlass nehmen, es noch einmal zu versuchen, noch einmal einen Schritt zu tun.“

Anselm Grün hat sich bei seinen Gedanken von christlichen Mönchen des 4. Jahrhunderts anregen lassen. Die waren auch nicht vor solchen Einreden sicher. Aber Sie waren überzeugt: Gott hilft im Kampf gegen negative Einreden, Gott widerspricht. „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch neue Kraft geben“, sagt er. Ein Wort, das auch mich anspricht, und das ich so verstehe: Du kannst. Und selbst, wenn es mit dem Aufstehen oder mit der Arbeit heute nicht klappen sollte: Du bist unendlich wertvoll. Deine Gaben sind unersetzlich. Deine Schuld ist vergeben. Du wirst einen guten Weg gehen.

Einreden sind noch keine Depressionen. Darum macht es Sinn, zu widersprechen. Ich glaube, dass Gott mir dabei hilft.

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„Eilt ihr Stunden, kommt herbei, bringt mich bald zu diesen Auen.“  (BWV 30)

So heißt es in einer Bach-Kantate zum Johannisfest. Hinreißend schöne Musik, finde ich. Violine und Sopranstimme jubeln in den höchsten Lagen; sie und scheinen sich gegenseitig anzutreiben, um diese Botschaft auszurichten: Die Zeit vergeht, aber sie tut es nicht schnell genug in Anbetracht dessen, was auf mich wartet: Die Herrlichkeit der himmlischen Welt.

Die heutige Sommersonnenwende hat etwas mit dieser Eilenden Zeit zu tun. Sie spielt in vorchristlichen Religionen und Kulten eine große Rolle. Das entsprechende Brauchtum hat sich vielerorts erhalten, wie z. B. der Tanz um das Feuer oder das Binden des Johanniskranzes. Von der katholischen Kirche wird dieser Tag seit dem vierten christlichen Jahrhundert als Hochfest für Johannes dem Täufer gefeiert, und auch die evangelische Kirche hat dieses Fest beibehalten.

Johannes hat nach neutestamentlicher Überlieferung Jesus im Jordan getauft. Und weil ab dem 24. Juni die Tage wieder abnehmen bis zur Winterwende am 25. Dezember, sah die Kirche bestätigt, was Johannes der Täufer im Hinblick auf Christus gesagt hatte: „Er – der Christus – muss wachsen, ich aber muss abnehmen“ (Johannes 3,30).

Dieses Wachsen und Abnehmen beschäftigt mich. Wieder ist das Jahr zur Hälfte um, es rast seinem Ende zu, auf Weihnachten. Das Leben geht vorbei, die Kräfte lassen nach, der Sommer ist kurz. Mein und jedes Leben ist begrenzt, auch die Zeit der Welt. Und doch glaube ich: die große Wende steht bevor. Christus wächst, seine Kraft wächst, und eines Tages wird er ganz groß sein. Ich sehe es dort, wo der Widerstand gegen Unrecht wächst, wo Menschen einstehen für ihre bedrängten Mitgeschöpfe. Wo ein Völkermord öffentlich verurteilt wird. Wo verfolgte Christen ihren Peinigern vergeben. Eilt, ihr Stunden, heißt es in der Bachkantate zum heutigen Johannestag. Ja, ich teile diese Ungeduld, diese Hoffnung. Einmal wird Die ganze Welt von Christus durchdrungen sein, von seiner Liebe geprägt. Die Gewaltherrscher am Ende, vorbei der Wahnsinn, der Terror, die Gier.

Feiern Sie Johannistag. Sei es in einer katholischen Kirche – oder beim Hören einer Bach-Kantate.

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