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Eine eher alltägliche Erfahrung: Ich bin bei guten Bekannten eingeladen, habe mich aber verspätet. Das Essen schon in vollem Gange, ich merke, dass die Gastgeber enttäuscht sind. Zum Glück lässt sich die Sache noch regeln: Ich entschuldige mich, mache an passender Stelle ein Kompliment, der Gastgeber lacht und gibt der Küche Bescheid; jetzt bin ich mittendrin und genieße das Fest.

Ganz anders eine Geschichte aus dem neuen Testament. Sie erzählt von einem Hochzeitsfest. Wie im Orient üblich, sollen junge unverheiratete Frauen den Bräutigam in einem nächtlichen Zug zum Festsaal geleiten, in dem die Hochzeit stattfinden soll. Sie schlafen ein, und als gegen Mitternacht der Bräutigam endlich angekündigt wird, müssen sie in aller Eile ihre Lampen richten. Fünf von ihnen, heißt es in der Geschichte, waren töricht, sie hatten vergessen, genügend Öl für die Lampen zu besorgen, und fünf waren klug. Und während nun die Törichten davon eilen, um frisches Öl zu kaufen, zieht der Bräutigam mit den fünf Klugen in den Festsaal – und: „die Tür wurde verschlossen“. Als dann die anderen verspätet kommen und um Einlass bitten, heißt es: Zu spät, das Fest hat begonnen, es wird niemand mehr eingelassen.

Vor einer verschlossenen Tür zu stehen, bei einem Fest, auf das man sich lange freute, nicht mehr mitfeiern zu dürfen - das möchte ich nicht, es klingt für mich wie ein schlimmer Traum. Tatsächlich mutet die Geschichte mir das zu, ja, sie riskiert einen Moment der Panik. Schließlich geht es hier ja nicht um die Einladung bei Bekannten, und nicht von einer beliebigen Tür und irgendeinem Gastgeber ist die Rede. Jesus spricht hier von Gott und von jenem Fest am Ende der Zeiten, zu dem alle Menschen eingeladen sind. Dieses Fest, so höre ich das, darfst du wirklich nicht verpassen!

Ist das Angstmache? Ich meine: Es ist ein Weckruf für Leute, die vieles tun und dabei manchmal das Wesentliche vergessen. Wesentlich ist es, im Bild gesprochen, genügend „Öl in der Lampe“ zu haben, Brennstoff, Energie für dunkle Wege. Ich glaube, das kommt von Gott, es ist die Kraft, der Trost, die Hoffnung, die sein Wort mir zusagt. Für Sie mag es etwas anderes sein. Wichtig, ja entscheidend ist aber, dass es trägt, dass es Sie und mich einmal dorthin führt, wo das Leben weitergeht. Zum Fest. So hoffe ich, dass Gott mir einmal gerne die Tür öffnet, wenn ich – vermutlich im letzten Augenblick - erscheine.

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Meine Schüler, 9. Klasse, schrieben Fragen auf zum Thema: Leben nach dem Tod.
‚Wenn es so etwas gibt: wie soll ich mir das vorstellen? Hat mein jetziges Leben Auswirkungen darauf? Ist es denkbar, dass ein Teil der Menschheit verurteilt, der andere freigesprochen wird? Kann ich nach einer Verurteilung noch auf Begnadigung hoffen? Werde ich Leute treffen, die ich vermisse?‘

Nach dieser Fragerunde habe ich mit ihnen das Gleichnis vom Reichen Mann und armen Lazarus gelesen. Dieser wird nach seinem Tod aufgenommen in „Abrahams Schoß“, d.h. er wird für sein furchtbares Leben entschädigt, er muss nie mehr Mangel leiden, er ist geborgen und geliebt. Der Reiche hingegen muss in der Hölle schmoren. Nicht, weil er reich war und gut lebte, sondern weil er den Armen vor seiner Tür nicht beachtete und ihm keine Barmherzigkeit erwies. Als der Reiche um Linderung seiner Qualen fleht, wird ihm gesagt, dass der Abgrund zwischen Himmel und Hölle unüberbrückbar sei. Und als er darum bittet, wenigstens seine Brüder warnen zu dürfen, heißt es: Die wissen schon, was sie zu tun haben. Die 10 Gebote kennen sie, darüber hinausgehende himmlische Botschaften sind nicht nötig.

Ein Gleichnis, gewiss. Aber manche der Schüler-Fragen lassen sich damit beantworten: ‚Ja, es spielt durchaus eine Rolle, wie ich mein Leben vor dem Tod gestalte, ob ich - auch im weitesten Sinne - einen Blick habe für den Menschen vor meiner Tür.‘ Bedrohlich mag das klingen, für mich und alle, denen es gut geht. Tröstlich hingegen für den, der Mangel leidet, der nicht am Leben teilhaben kann. Es wird eine letzte Gerechtigkeit geben, sagt die Geschichte.

‚Also muss ich Gutes tun, um in den Himmel zu kommen?‘ fragt ein Schüler.
Nein,‘ sage ich. ‚Das Tun allein entscheidet nicht. Es ist die Haltung, die Einstellung des Herzens. Viele sind in diesem Land reich beschenkt. Aber es gibt Arme, Hilfsbedürftige, sie sitzen vor der Tür. Wer sieht sie und hilft ihnen? Wer erkennt, dass sie genauso wertvoll sind wie ich und ihr?‘

‚Mir tut es weh, wenn ich jemanden so leiden sehe‘, sagt eine Schülerin. ‚Und ich glaube, dieser Schmerz ist es, der über das Leben nach dem Tod entscheidet.
Es ist Gottes Schmerz, und wer diesen spürt, wird auch helfen.‘

‚Aber wer ihn nicht spürt, wer nur an sich selber denkt, der kriegt seine Quittung,‘ sagt jemand. Und fügt noch hinzu:
‚Hart, aber fair.‘

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GNADE heißt auf lateinisch GRATIA. Dieses Wort bedeutet ursprünglich: Anmut, Leichtigkeit Grazie. Gnade ist das, was Leben erleichtert. Sie macht das Dasein leicht. Eine solche Gnade wünschen sich viele, das lese ich aus den Fragen, die sie sich stellen: Wer schenkt mir Wertschätzung, ohne dass ich gut oder liebenswert sein muss?

Wer interessiert sich für meine Person, für meine Geschichte, für meine Sorgen und Nöte, ohne nach dem "Ertrag" zu fragen?
Für wen bin ich nicht nur die Summe meiner guten Taten und meiner Fehler, sondern für wen bin ich einfach so wertvoll und liebenswert?
Diese Fragen standen auch am Anfang der Reformation, es waren Martin Luthers Fragen.

Die Antwort, die Luther beim Studium der Bibel bekam:
Gott ist Gnade. Gottes Liebe macht das Dasein vielleicht nicht immer leicht – aber sie macht es tragbar, sie gibt dem Leben in all seinen Schwierigkeiten Anmut und Grazie in den Augen Gottes. Vielleicht gehört auch eine gewisse Heiterkeit dazu, die Fähigkeit, bestimmte Dinge und vor allem sich selber nicht so wichtig zu nehmen.

Diese Erkenntnis hat die Welt verändert, sie war und ist für viele Menschen überwältigend:
Der Gott der Bibel beschenkt mich mit Gratia, er macht mich in seinen Augen zu einem Leichtgewicht. Er ist nicht Moral, er bürdet keine Lasten auf. Keine Schuld könnte so schwer sein, dass Er sich empört von mir abwenden würde. Nur mein Vertrauen will er haben, dass ich mich bewusst und immer neu auf Ihn ausrichte.

So sagt es die erste der 95 Thesen: Wenn unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: Tut Buße (Markus 1,15), dann will er, dass das ganze Leben eine Umkehr zu Ihm sein soll.

„Leichter“ wird mein Leben, wenn ich zu Christus umkehre, ihm meine Lasten anvertraue, Sorgen ausspreche, Schuld bekenne. Wenn ich seine Worte höre und glaube: „Du bist mir recht. Dir sind deine Sünden vergeben.“ Nicht einmal, nicht zufällig, sondern ein ganzes Leben lang.

Erleichterung also, Entlastung. Für den einzelnen zunächst, dann aber auch für sein säkulares Umfeld. Gottes Gnade will hineinwirken in die Familien, in soziale Verhältnisse. Alle sollen leichter leben. Jeder und jede Einzelne braucht den gnädigen Blick, das entlastende Wort, die helfende Tat.

Du bist mir recht. Ich bin dir gut. Ich erwarte nichts von dir als dein Vertrauen.
Manches davon prägt unsere Gesellschaft. Aber sie könnte durchaus noch ein wenig gnädiger und leichter werden.

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Manchmal ist es notwendig, etwas loszulassen, um die Freiheit zu retten. Es gibt ja vieles, was Menschen unbedingt besitzen wollen, woran sie festhalten. Das können große Dinge sein, berufliche Verantwortung z.B. oder ein selbstbestimmtes Leben im eigenen Haus. Es können Kleinigkeiten sein, Erinnerungsstücke oder einfach nur Plunder, der die Schränke füllt. Auch schlechte Gewohnheiten, die vielleicht zur Sucht tendieren. Davon „lassen“ zu können ist nicht so einfach, weil man daran hängt, oder weil „Es“ mittlerweile an einem hängt. Aber es ist eben manchmal auch sehr wichtig, damit das Leben weitergehen kann.

Diese Freiheit sieht der christliche Glaube in Gott begründet. Wenn ich nur dich habe, so frage ich nicht nach Himmel und Erde, betet ein Mensch in der Bibel (Psalm 73). Dieser Mensch hat es in der Kunst des Loslassens anscheinend schon weit gebracht. Gott ist sein Ein und Alles. Hier ist er geborgen, hier erfährt er ein Glück, das selbst „Himmel und Erde“ ihm nicht bieten können.

Dabei ist es normal und natürlich, wenn Menschen danach „fragen“, wenn sie sich festhalten an dem, was ihnen Wohlbefinden und Schutz verspricht. Ich denke an meine Familie, an die Menschen, mit denen ich verbunden bin. Und ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, jemals freiwillig davon zu lassen. Ich denke aber auch an das Überleben der Schöpfung, an das Ende von Terror und Hunger.

Aber zugleich erfahre ich:
Es gibt etwas, das größer und wichtiger ist als alles andere. Etwas, das mein Leben mit all seinen Kostbarkeiten, meine Beziehungen und auch diese Welt überdauern wird. Es ist Gott selbst. „Gott haben“, das bedeutet für mich nicht, im alleinigen Besitz der Wahrheit zu sein. Sondern: Ein Du, ein ewiges Gegenüber zu haben. Geborgenheit und Trost finden in schwierigen Lagen.

Vergebung empfangen. Vor allem aber bedeutet es Hoffnung für mich selber und für die ganze Welt.
Loslassen ist nicht leicht. Ich hänge am Leben, an den Menschen, an schönen Dingen. Nach Himmel und Erde werde ich fragen, solange ich lebe, und ich tu es auch deshalb, weil Gott selber danach fragt und sich um seine Menschheit sorgt.

Aber ich glaube, dass diese Fragen und das Wünschen und Festhalten einmal aufhören. Dann wird es klar zutage treten: Gott ist die Antwort, Gott ist das Ziel. Und es macht Sinn, das Loslassen schon mal einzuüben.

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Was kommt zuerst? Womit soll ich anfangen? Jeden Tag stelle ich mir diese Frage. Wichtige Aufgaben gibt es ja immer, ganz gleich, ob im Beruf oder im Privatleben. Aber manchmal scheint mir, dass ich zu schnell hineingehe, dass ich etwas anpacke, aber innerlich nicht richtig darauf vorbereitet bin.

Eine alte Geschichte erzählt von einem Dorf, das nach langer Trockenzeit beschließt, einen Regenmacher zu sich zu holen. Dieser jedoch setzt sich am ersten Tag in die Sonne und genießt in Ruhe sein Essen. Am Tag darauf macht er sich in dem kleinen Garten zu schaffen, der die Hütte umgibt, und plaudert mit den Nachbarn. Am Himmel keine Wolke, kein Regen in Sicht. Dann kommt der dritte Tag: Der Regenmacher geht durchs Dorf und verbringt den ganzen Tag in der Umgebung. Er spaziert durch die Felder, repariert eine alte Viehtränke und den Brunnen. In dieser Nacht kommt der Regen, endlich. Gefragt, wie das geschehen konnte, sagt er: Ganz einfach. Am ersten Tag habe ich Ordnung gemacht bei mir selber. Am Zweiten habe ich meine Umgebung und die Beziehungen in Blick genommen. Und am dritten Tag habe ich mich mir das Ganze angesehen und danach Ausschau gehalten, welchen Auftrag Gott mir geben würde.

Mich hat diese Geschichte angesprochen. Im Grunde ist jeder Tag eine solche große Aufgabe, die nur in Schritten bewältigt werden kann. Anfangen muss ich in meiner unmittelbaren Umgebung, bei mir selbst. Zuerst Zeit für sich selber haben, vielleicht ein Bibelwort meditieren, das eigene kleine Leben in Ordnung bringen, innerlich, auch äußerlich. Dann die Menschen in den Blick nehmen, mit denen ich lebe, sie grüßen, wertschätzen, segnen. Nicht zufällig, wenn's grade passt, sondern als bewusster Schritt. Besprechen, was wichtig ist, vielleicht auch etwas ausräumen. Und erst dann kann ich die ganze Aufgabe in den Blick nehmen. Ich frage: Was dürfen andere zu Recht von mir erwarten? Was gehört nicht zu meiner Aufgabe? Und was hält Gott von meinen Plänen? Wenn der Herr nicht das Haus baut, dann arbeiten die Bauleute umsonst, sagt ein Psalmwort.

Diese letzte Frage wird sich nicht jeder stellen, und die Antwort wird nicht jeder glauben können. Und doch meine ich, gilt das für alle: Bevor ich in diesen Tag mit seinen Aufgaben hineingehe, müssen bestimmte Dinge erledigt und geklärt werden. Eins nach dem anderen.

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Was kann ich tun? Wie kann ich mein Leben gestalten, auch wenn mir deutliche Grenzen gesetzt sind?n Der Schauspieler Samuel Koch ist nach einem Unfall vollständig gelähmt. Er war in unserer Kirche mit einer Lesung zu Gast.

Er  kann tatsächlich nicht einmal einen Bleistift halten, keine Fliege wegscheuchen, kein Getränk halten oder sich was in den Mund schieben. Er kann mit einer Bewegung der Schulter seinen Rollstuhl mit einem Joystick lenken, solange das Gelände es zulässt.
Und dies bei einem Mann, für den Bewegung früher alles war. Erfolgreicher Kunstturner war er, hat als Stuntman gearbeitet; heute scheint sein Körper wie eine Art Gefängnis für die eigene Energie, die vielen Ideen. Für jede Kleinigkeit muss er um Hilfe bitten.

Und doch: Ich war fasziniert von seinem Auftritt, zusammen mit 600 Menschen, die ihm zuhörten. Warum? Zum einen, weil er ein Meister seines Fachs ist. Vor allem aber, weil er etwas zu sagen hat. Weil er für sein Leben eine Strategie entwickelt hat, von der ich sehr viel lernen kann.

Koch sagt: „Ich konzentriere mich nicht auf das, was ich nicht kann. Sondern auf das, was ich kann.“
Andere würden in seiner Lage vielleicht sagen: Es ist vorbei, Ich kann nichts mehr tun, ich gebe auf. Er aber nutzt jeden Quadratzentimeter seiner Begabungen, so mein Eindruck, und macht etwas draus. Das bedeutet: Es gibt Hoffnung. Nicht nur für Menschen, die schwer krank und eingeschränkt sind. Sondern auch für körperlich gesunde Menschen. Für alle, die sagen: Ich kann es nicht. Es hat keinen Sinn mehr.

Wertschätzen, was ist. Tun, was geht. Und Haltung zeigen.
Das ist es, was mich an Samuel Koch beeindruckt: Er strahlt er etwas Positives aus, eine Mischung aus Zuversicht und Tapferkeit. Er sieht seine Situation als Herausforderung, und er macht anderen Mut, das auch zu tun. Gerade weil die Situation der meisten anderen – und auch meine - ungleich günstiger ist: Sei dankbar für dein Leben. Tu, was du kannst. Wahrnehmen, denken, schreiben, etwas auf den Punkt bringen, Zuwendung schenken, andere zum Lachen bringen. Und:

An Gott glauben, mit Gott streiten – auch das geht noch.
Seit dieser Begegnung sehe ich manches neu. Vor allem wenn Frustration und innere Müdigkeit bei mir anklopfen. Ich will mein Leben wertschätzen.
Mich auf das konzentrieren, was noch geht und was ich kann. Und – hoffentlich – Haltung bewahren, auch wenn der Spielraum immer kleiner wird.

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An der Küste Tansanias am Indischen Ozean gibt es einen Hafen namens Bagamoyo. Der Name bedeutet: wirf dein Herz weg! An diesem Hafen wurden früher die Sklaven auf Schiffe verladen. Von dort gab es kein Entrinnen mehr. Wer an diesem Hafen angelangt war, musste alle Hoffnung aufgeben. Anfang des 19. Jahrhunderts ließen sich jedoch einige Missionare aus Europa an diesem Ort nieder. Sie begannen zunächst damit, auf dem Sklavenmarkt Sklaven freizukaufen. Die Freigelassenen überließen sie allerdings nicht ihrem Schicksal.

Sie versuchten, ihnen die Motive ihres Handelns deutlich zu machen. „Für deine Freiheit haben wir Geld bezahlt. Aber für die Freiheit deiner Seele reicht kein Geld aus. Diesen Preis kann nur einer bezahlen, der viel größer und mächtiger ist als wir. Der Sohn Gottes hat es getan, er hat für dich sein Leben gelassen.“ Vielen ehemaligen Sklaven leuchtete dieser Vergleich anscheinend ein. Sie wussten ja, was es hieß, angekettet zu sein und freigekauft zu werden. Und für sie war es nicht schwer zu verstehen, dass auch das Unsichtbare, die „Seele“ ihres Lebens befreit werden musste. Vielleicht von den Ketten des Hasses, den sie gegen ihre Unterdrücker empfanden. Viele nahmen die Botschaft an. So entstand in dieser Hafenstadt eine der ersten christlichen Gemeinden Ostafrikas.

Der Sohn Gottes hat dafür sein Leben gelassen. Ich glaube das. Es gibt jemanden, der alles für mich gegeben hat, damit meine Seele freigelassen wird. Frei vom Zwang, immer mehr leisten zu müssen, oder vor anderen immer gut dazustehen. Frei von dem, was mich gerne besitzen oder beherrschen möchte.

Eine Frau erzählt mir, dass sie sich angekettet fühlte von den Bedürfnissen ihrer eigenen Familie, dass sie nur noch für andere gelebt hat. Eine Sucht war die Folge. Jetzt ist sie frei davon, und sie führt das auf die Bekanntschaft mit Menschen zurück, die ihr den christlichen Glauben nahe brachten. Sie sagt: „Es gibt einen Platz in meinem Leben, der nicht besetzt ist von Sorgen oder Ängsten. Hier bestimmen nicht die Zwänge des Alltags, nicht die Anforderungen und Enttäuschungen.

Dieser Platz gehört Gott.“ Einer stirbt, damit ich leben kann. Damit ich nicht mehr gebunden bin an das, was die Bibel „Tod“ nennt. Die Missionare von Bagamoyo – sie predigten nicht nur, sondern sie lebten diese Botschaft, setzten sie ins Bild.
Wirf dein Herz nicht weg! Es gibt einen Weg, der in die Freiheit führt.

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Es ist Karwoche. Christen denken an den Leidensweg Jesu. Sie feiern in den Passionsandachten das Abendmahl, die Eucharistie. Ein Stück Brot empfangen sie und hören die Worte: Christi Leib – für dich gegeben.
Einen Schluck Wein bekommen sie: Christi Blut – für dich vergossen. Dies geschieht in Erinnerung an ein Mahl, das Jesus mit seinen Jüngern am Vorabend seines Todes gefeiert hat.

„Dass einer sein Blut für mich vergießt, finde ich unerträglich“, sagte mir jemand.
Eine abstoßende Vorstellung, für mich unvereinbar mit dem Glauben an einen liebenden Gott. Was ist das für ein Gott, dem man ein Menschenleben opfern muss, der Blut sehen will, damit die Schuld der Menschen gesühnt wird. Satisfaktion, Genugtuung, wie bei einem Duell. Die Christen sollten sich davon verabschieden.“
Ich glaube, dass hier ein Missverständnis vorliegt.

Sühne heißt: Jesus stirbt am Kreuz, damit Schuld gesühnt und vergeben wird. Und das ist zunächst nur eine von mehreren Deutungen des Todes Jesu in der Bibel. Der Sühnegedanke entstammt dem Opferkult, wie er im Alten Testament beschrieben wird. Da wurde ein Tier geschlachtet, und das Blut dieses Tieres wurde vom Priester im Heiligtum versprengt. Das jedoch nicht, um eine rachsüchtige Gottheit zu beruhigen. Im Gegenteil: Nicht Menschen tun etwas für Gott, sondern Gott schenkt sich dem Menschen. Denn nach jüdischer Vorstellung ist im Blut der Sitz des Lebens. Das Leben des Tieres wird in Verbindung mit Gott gebracht, symbolisch, stellvertretend für das Leben des Menschen. Dadurch wird der Mensch gereinigt, das Heilige, die Gottheit macht das Unheilige, nämlich den Menschen im kultischen Sinne „rein“.

Ich finde diese Deutung des Todes Jesu wichtig. Sie ist diejenige, die die größte Nähe zwischen Mensch und Gott zu denken erlaubt. Gott lässt mich teilhaben an seiner göttlichen Fülle. Drastisch ist das dargestellt auf Altarbildern der Lutherzeit: Aus der Seitenwunde des Gekreuzigten fließt ein Blutstrahl direkt in den Kelch, den jemand darunter hält – oft ist es der Maler selbst. Für mich heißt das: Kraft, Hoffnung, Ermutigung – der Kelch ist mit allem gefüllt, was dem Leben dient.

Kein Gott also, der Opfer fordert. Ein Gott vielmehr, der auch sich selber schenkt. „Am Kreuz war Gott in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst“, heißt es bei Paulus. Christi Blut, für dich vergossen. Nicht, damit ein Gott zufrieden ist, sondern damit mir und vielen anderen geholfen wird.

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Es ist Lutherjahr. Jede Menge Bücher kommen heraus. Da ist Luther, der nette Mensch, weichgezeichnet auf bunten Konterfeis. „Lasst uns froh und Luther sein“, spottete die FAZ. Da ist aber auch der böse Luther, der Brandstifter, der Juden, Türken und Katholiken mit Schmähungen überzog und furchtbare Dinge sagte und schrieb.
Ich möchte an eine Frage des jungen Luther erinnern. Sie hat mich selber schon beschäftigt und ich glaube, dass sie für viele Menschen drängend ist. Es ist die Frage nach dem gnädigen Gott, und damit die Frage nach Gott überhaupt.
Gibt es Gott? Und wenn: Kennt er mich? Sieht er meine Sorgen? Oder ist Gott eine bösartige Macht, die ihre Spielchen mit mir spielt?

Luther empfand das so, er zweifelte an der Güte Gottes und damit an der Existenz eines Gottes überhaupt. Gott ist nicht gut, er ist ein hinterhältiges Monster, das mit Blitzen nach ihm wirft. So hat Luther im Rückblick sein Gefühl beschrieben. Und um dieses wütende Monster zu besänftigen, geht er ins Kloster, verzichtet auf die Karriere, quält sich mit Beichten und Fasten und alledem. Die Angst treibt ihn letztlich in eine tiefe Depression.

Am Anfang der Reformation steht ein Häuflein Elend. Und dieses Elend ist vielen überhaupt nicht fremd, mir auch nicht. „Ich habe Angst. Ich zweifle an einem gütigen Gott. Ich kenne das Gefühl, versagt zu haben und dafür bestraft zu werden.“

Sünde, nennt es die Bibel. Ein Riss, der durch die Existenz geht. Ich meine, das ist kein mittelalterliches Lebensgefühl, es ist ein Existential. Es gibt wohl kaum einen Menschen ohne diesen Riss, ohne die Erfahrung, vom Ursprung getrennt zu sein, das Leben zu verfehlen. Dazu muss man nicht an einen Gott glauben. Aber Gnade, die sucht und braucht jeder. Eine wirksame Geste der Zuwendung, ein Wort, das mich aufrichtet und mir Zuversicht schenkt. Luther suchte es in der Bibel, beim Studium des Neuen Testaments. Und dort fand er einen Gott, den er bis dahin nicht kannte. Einen Gott, der liebt, der schenkt, der für mich einsetzt.

Damit begann bei Martin Luther die Reformation. Mit der Entdeckung Gottes. Luther war ein Mensch seiner Zeit, er hatte gute und schlechte Eigenschaften, er hat gedeihlich gewirkt und Schaden angerichtet.Aber sein großes Thema heißt: Es gibt Gott, weil er mir gnädig ist. Gott steht auf meiner Seite, und deshalb kann ich an ihn glauben. Ich meine, darüber lohnt sich zu reden.

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Gewohnheiten sind erst Spinnweben, dann Drahtseile. Sagt ein Sprichwort. D.h.: Gewohnheiten werden durch die Ausübung immer fester und unveränderlicher.

Es gibt Gute und Schlechte. Die Schlechten tendieren zur Sucht, gegen die nicht mal die Willenskraft mehr etwas ausrichtet. Die guten Gewohnheiten geben eine gewisse Festigkeit und Verlässlichkeit.

Auch in der Bibel taucht das Wort „Gewohnheit“ auf. "Jesus ging, wie es seine Gewohnheit war, am Sabbat in die Synagoge." (Lukas 4,1) Bei Jesus hätte ich gar nicht mit Gewohnheiten gerechnet: Jesus – so dachte ich immer – handelt aus Überzeugung, spontan, nicht aus Gewohnheit. Aber hier tut er es doch. Er besucht den Gottesdienst. Nicht spontan, weil es ihm gerade danach war, auch nicht aus Pflichtgefühl; es war schlicht seine Gewohnheit. Von Kindheit an hatte er es geübt. Offenbar brauchte er feste Orte und Zeiten. Er schöpfte daraus Kraft und innere Klarheit.

Gottesdienst als gute Gewohnheit? Eine seltsame Vorstellung. Liebe, Beziehungen, auch Religion –sollte man sich hier nicht hüten vor äußerlichen Ritualen, vor dem Gewöhnungseffekt? Wahrhaft, ehrlich ist für viele nur das Spontane, die innere Überzeugung. Was und wie ich etwas tue, ist von meiner augenblicklichen Gefühlslage abhängig. Ob ich, wie Jesus, einen Gottesdienst besuche, würde sich dann daran entscheiden, ob irgendetwas mir gerade Lust oder Druck dazu macht, etwa, ob ich ausgeschlafen bin, oder ob ich gerade nichts anderes vorhabe.

Aber - viele Dinge funktionieren nur, wenn man sich daran gewöhnt hat. Der respektvolle Umgang von Männern und Frauen ist Sache von Übung und Gewöhnung – meine Schüler fragen mich, wann ich mal wieder eine Etikette-Stunde mache. Oder die Beweglichkeit des Körpers bis ins Alter hinein: Sie verdankt sich der Gewohnheit, jeden Tag ein paar Schritte zu gehen. Und das Gedächtnis? Mein Vater ist 86, und er lernt jeden Tag einen Bibelvers auswendig. Sein Verstand ist hellwach.

Auch der Glaube braucht Gewohnheiten. Er braucht feste Orte und Zeiten, in denen er wohnen kann. Der Blick in die Bibel, ein Gebet, auch der Gottesdienst: Solche Gewohnheiten geben Kraft und Halt, formen das Leben. Das ist jedenfalls meine Erfahrung. Zunächst vielleicht kaum spürbar – wie eine Spinnwebe. Dann aber immer stärker. Wie ein Drahtseil, das auch über Abgründen hält.

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