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Kürzlich fiel sie mir wieder in die Hände - meine allererste Predigt. Die hielt ich vor fast genau 50 Jahren.
Noch immer spricht mich die biblische Erzählung an, über die ich damals gepredigt habe - Moses und der brennende Dornbusch. Vielleicht kennen Sie ja die Geschichte:
Schafe hat Moses gehütet und war wohl ein wenig zu weit gegangen, bis hinter die Wüste, an den Berg Gottes, den Horeb. Neugierig war er gewesen, weil da ein Busch brannte und doch nicht verbrannte. Und von da an war nichts wie vorher: die Herde nicht mehr und seine Familie nicht mehr und sein Volk nicht mehr und Pharao, der diktatorische König, auch nicht mehr. Nur diese Stimme Gottes, die er aus dem brennenden Busch hörte, und die ihn nun nicht mehr loslassen wird. Die wird ihm bleiben und mit ihm gehen.
So einfach, so einsam beginnen oft befreiende Veränderungen. Aufbrechen soll Moses. Führen soll er sein Volk in ein Land, das er selber nie gesehen hat. In ein Land, das er selber auch nie betreten wird.
Dieser neugierige Moses, der gefällt mir. Wie der jenseits der vertrauten Weideplätze seine Entdeckung macht: ein Busch, der brennt und doch nicht verbrennt. Das muss er sich ansehen. Der Sache muss er auf den Grund gehen.
Ich verstehe diese Neugierde gut.  Wenn mich einer fragt: Warum hast du Theologie studiert? weiß ich keine Antwort zu geben, nur diese: „Ich will es wissen" - das war für mich damals der Hauptantrieb. Christlicher Glaube ist ein begründeter Glaube, hat also viel mit Vernunft und Verstand, mit Wissen und Klarheit zu tun hat.
Es soll uns Christen schließlich nicht gehen wie den Bürgern von Schilda: Als die ihr neues Rathaus beziehen wollten, stellten sie fest, dass es darin so finster war, dass einer den andern nicht sehen konnte. Sie hatten die Fenster vergessen, aber darauf kamen sie nicht. Dann hatten sie eine Idee: Mit Säcken versuchten sie, das Tageslicht einzufangen und es in das finstere Rathaus zu tragen.
Wir leben nicht in Schilda. Doch vielleicht haben wir auch unsere fensterlosen Gebäude, ein Lebenshaus ohne Ausblick und Licht. Durch einen, der aus Schilda kommt, ist uns nicht zu helfen. Es muss einer „von außerhalb" sein, ein Lichtbringer aus einer anderen Welt.
Protestanten haben sich seit der Reformationszeit zugute gehalten, dass jeder den gleichen unmittelbaren Zugang zur Wahrheit der Bibel hat. Die Väter der Reformation haben aber auch gewusst: der Wahrheit muss man beharrlich auf den Grund gehen. Was Glaube, Liebe, Hoffnung heißt, das erschließt sich einem erst nach und nach. Es ist wie ein Heimischwerden in anfangs fremder Umgebung, wie ein langsames Eingewöhnen und allmähliches Vertrautwerden. „Ich habe meine Theologie nicht auf einmal gelernt, sondern habe immer tiefer und tiefer graben müssen", hat Martin Luther gegen Ende seines Lebens festgestellt und damit ein schönes Beispiel für dieses ständige „Dranbleiben" gegeben. Dieses „immer tiefer graben müssen", muss wie jede sinnvolle Arbeit nicht ständig Spaß machen, doch die Beharrlichkeit kann einen die Freude am Glauben wiederentdecken lassen. Und das wäre doch immerhin lohnend. 

Teil 2
Einer Sache auf den Grund gehen wollen, neugierig und wissbegierig sein - das ist das eine. Doch wenn einer wie Moses unversehens mit dem Heiligen konfrontiert wird, dann ist es mit einem Mal aus mit unverbindlicher Neugier. Da ist man gepackt. Da kann man sich dem Anruf und dem Auftrag nicht entziehen.
Natürlich bin ich nicht Mose und Sie sind es auch nicht. Die historische Stunde dieses Mannes und seines Volkes ist unwiederholbar. Doch ich meine: wir haben den gleichen Auftrag, nämlich Menschen aus Abhängigkeiten herauszuführen - einfach um Gottes willen.
Wie das aussehen kann? Nun, man hat den Christen immer mal wieder geraten, sie sollten sich allein um das jenseitige Heil des Einzelnen kümmern und diese vergehende Welt getrost den Politikern überlassen oder den Technokraten oder den Generälen. Man hat gesagt: Christlicher Glaube sei eine Privatangelegenheit zwischen dem Einzelnen und Gott, gut für das innere Gleichgewicht und die seelische Gesundheit. Doch in der Welt gelten Sachzwänge und die hätten mit dem Glauben nichts zu tun.
Aber wer sich selber Gedanken macht und die Bibel liest, der weiß es besser. Der kann nicht auf die hören, die uns weismachen wollen, Gott sei Mensch geworden, um unsere Seelen ins Jenseits zu retten. Der Glaube solle sich deshalb allein um das jenseitige Heil des einzelnen kümmern, und die Art und Weise unseres Zusammenlebens solle man getrost den Fachleuten überlassen. Das Evangelium sagt: Gott ist nicht in die Welt gekommen, um uns in der Dunkelheit bloß zu beruhigen und uns mit angenehmen Phantasien aus der Realität wegzulocken. Jesus ist Mensch geworden, um unser Zusammenleben schon hier und jetzt für die guten Möglichkeiten Gottes zu öffnen. Gott nimmt leidenschaftlich teil an unserem Leben und mischt sich ein.
So wurde es auch für einen Moses unbequem, seine Herde zu verlassen und zu dem Tyrannen zu gehen. Doch es war an der Zeit, aufzubrechen in das Land der Verheißung und den Weg durch die Wüste mit dem ersten Schritt zu beginnen. Begleitet von dem mitgehenden Gott. Der hat verhei­ßen: „Ich werde da sein als der, der ich da sein werde".
Wir wissen nicht, was das Jahr 2011 für uns bereit hält. Doch eines ist gewiss: Wenn wir durch weglose Wüste müssen, wenn wir uns an manchen Tagen zurücksehnen nach dem Vergangenen, wenn wir in der Nacht der Angst nur schwarz sehen - Gott bleibt bei uns, ist uns nah in seinen Zeichen. „Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann".
Das möge uns helfen, den Übergang vom Alten zum Neuen vertrauensvoll zu wagen.

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Tag der unschuldigen Kinder, so heißt der heutige 29. Dezember in der christlichen Tradition. Die Kirchen erinnern an den so genannten „Kindermord in Bethlehem", König Herodes, der wegen der Geburt Jesu alle Neugeborenen umbringen ließ. Und sie erinnern an die vielen Kinder, die bis heute unschuldig leiden müssen.

Teil 1
„Tag der Unschuldigen Kinder" so heißt traditionell der heutige 29.Dezember. Die Zeit zwischen den Jahren ist den Kindern gewidmet. Und der Frage:
Was brauchen Kinder, was brauchen wir Menschen zum guten Leben?
Die Antwort ist klar: wir brauchen in erster Linie gute, bekömmliche Beziehungen. Das soziale Netz der Familie, der Verwandten und Freunde. Auch eine gute, lebendige Beziehung zu Gott. Das alles ist - im eigentlichen Wortsinn - ein „Lebensmittel", ein Mittel zum Leben.
Menschen haben uns am Anfang unseres Lebens willkommen geheißen. Sie haben uns gestreichelt. Sie haben uns beachtet und uns mit und ohne Worte spüren lassen: Ich habe dich lieb. Schön, dass es dich gibt.
Selbstverständlich ist das keineswegs, wenn jemand in liebevoller Beziehung aufwachsen darf.
Bettina Wegner hat ein Lied darüber geschrieben, was es heißt, wenn ein Mensch geboren wird. Was für ein Wunder das ist. Und wie verletzlich dieses Wunder ist

Sind so kleine Hände
winzge Finger dran.
Darf man nie drauf schlagen
die zerbrechen dann.

Sind so kleine Seelen
offen und ganz frei.
Darf man niemals quälen
gehn kaputt dabei.

sieht man fast noch nicht.
Darf man niemals beugen
weil es sonst zerbricht.

Bettina Wegner schließt ihr Lied mit einer Vision und großen Hoffnung:

Grade, klare Menschen
wärn ein schönes Ziel
Leute ohne Rückgrat
hab'n wir schon zuviel.

„Grade, klare Menschen wärn ein schönes Ziel".
Für dieses Ziel sind wir am Anfang des Lebens ausgestattet worden. Unser Rückgrat konnte sich entwickeln, weil Menschen uns gestreichelt haben. Die Welt konnten wir mit wachen Augen und Sinnen entdecken; denn Menschen haben sich für unsere Sicht der Dinge interessiert. Gut waren wir dran: es waren Menschen um uns. Die hatten ihre Freude daran, uns aufrecht und mit Rückgrat gehen zu sehen. Sie haben uns zugetraut, dass wir einen guten Weg im Leben gehen. Wir konnten wachsen und erwachsen werden; denn Menschen haben uns gesagt: du bist wertvoll. Wir haben dich lieb, so wie du bist.
Wer immer solche Worte gehört hat, sie tief in sich aufgenommen hat, der konnte mit Rückgrat und aufrecht durchs Leben gehen.
Und wer ein Rückgrat hat, der kann auch zu seiner Verantwortung stehen, statt andere oder die Lebensumstände haftbar zu machen. Wer ein Rückgrat hat, kann aussprechen, wo er oder sie schuldig geworden ist und worin. Wer sich angenommen und geliebt weiß, kann zu all dem Schwierigen und Schlimmen stehen, das ihm widerfährt. Weil er weiß, dass er damit nicht steht und fällt.

Teil 2
„Grade, klare Menschen wärn ein schönes Ziel". So viele Kinder und Jugendliche hatten dieses Glück nicht. Durch die Medien haben wir von dem Leid jener 800 000 Kinder und Jugendlichen gehört, die zwischen 1949 und 1975 in westdeutschen Kinder- und Jugendheimen aufgewachsen sind.
Bei vielen von ihnen war der Heimalltag geprägt von Züchtigungen, sexuellem Missbrauch, Arrest, Demütigung, Essensentzug, religiösem Zwang, von Kontaktsperren und Briefzensur. Diesen jungen Menschen hat man - im bildlichen Sinn - das Rückgrat gebrochen. Sie waren Opfer einer so genannten „schwarzen Pädagogik". Den Eigenwillen zu brechen, gehörte auch in manchen kirchlichen Einrichtungen zu den verqueren Vorstellungen eines christlichen Lebensstils.

In evangelischer Trägerschaft waren es zum Beispiel die Erziehungsheime in Freistatt. Die lagen weit draußen im Wietingsmoor bei Diepholz und waren Außenstellen der von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel.
In den Fünfziger- und Sechzigerjahren prägten dort die sogenannten Hausväter ihren Häusern einen Leitungsstil auf, der sich an drei sozialen Modellen ausrichtete: Kaserne, Gefängnis und Kloster. Unbedingter Gehorsam, militärischer Drill, drakonische Strafen - das Leiden dieser Heimkinder bleibt ein dunkles Kapitel in der Geschichte evangelischer Einrichtungen.
Wer aber will bei allem berechtigten Zorn den Stab über die damaligen Heimleiter und Erzieher brechen? Die dort das Sagen hatten, waren selber traumatisierte Menschen. Sie haben weitergegeben, was sie selber gelernt, erfahren und erlitten haben.

Die Heimkinder von damals sind in die Jahre gekommen. Ihre kindliche Unschuld haben sie früh verloren. Notgedrungen haben sie gelernt, den Schmerz nach außen hin mehr oder weniger zu überspielen und enttäuschte Hoffnungen klein zu reden.
Jetzt sollen sie wenigstens finanziell entschädigt werden. Das hat ein „Runder Tisch Heimerziehung" vorgeschlagen. Gut so. Aber Seelen können nicht durch finanzielle Zuwendung heilen.
Wer gebeugt und mit verkümmertem Rückgrat, aber mit einer großen Hoffnung und Sehnsucht durchs Leben geht, der möchte wieder Worte hören können, die das Gute in uns benennen; Worte wie: ich glaube, dass du eine Bereicherung bist für andere, mit deinen Begabungen und deiner Art, so wie du bist. Du bist sehr verletzt worden, aber du bist auch ein Mensch, der sich sehr gut in andere, die verletzt wurden, einfühlen und ihnen dadurch helfen kann. Und deshalb bist du wichtig, auch mit deiner schlimmen Vergangenheit. Du bist ein Segen, und es ist ein Segen, dass es dich gibt.

Teil 3
Seinen Namen hat er im Gedenken an den Kindermord in Bethlehem. Der Evangelist Matthäus berichtet davon im Zusammenhang mit Jesu Geburt. Damals regierte der König Herodes. Er fürchtete dieses neu geborene Kind Jesus, weil er meinte, er wolle König werden und ihm seine Macht wegnehmen. Deshalb hat er alle neugeborenen Jungen bis zu einem bestimmten Alter umbringen lassen. In der Hoffnung, dass damit auch das Jesuskind erfasst ist. Soweit der Bericht des Evangelisten.
Historisch ist dieser Kindermord allerdings nicht belegt. Wahr aber ist das, woran dieser „Tag der Unschuldigen Kinder" erinnern soll. Er will uns daran erinnern,  wie nah Licht und Finsternis beieinander liegen. Es gibt nicht nur die gute Nachricht: „Euch ist heute der Heiland geboren". Es gibt auch die schlimme Nachricht: Die Geburt des Messias hat ein Massaker zur Folge. Bis in unsere Tage werden Kinder um ihre Kindheit, wenn nicht gar um ihr Leben gebracht. Weil Menschen nicht einmal davor zurückschrecken, Kinder in ihrem Lebenswillen zu brechen oder zu töten, nur um ihren Willen und ihre Macht durchzusetzen.
Der „Tag der Unschuldigen Kinder" erinnert uns daran: Bei dem menschgewordenen Gott kommen das Helle und das Dunkle, kommen Tod und Leben zusammen. Mit dem Kind in der Krippe wird gerade kein „holder Knabe im lockigen Haar" gezeigt, der „in himmlischer Ruh" schlummert. Gott nimmt Menschengestalt an in einem Flüchtlingskind, das gerade noch mit dem Leben davon kommt.
Es gibt Lebensschicksale, die lassen einen fragen: Warum das alles? Warum haben die einen eine glückliche Kindheit und für die andern ist schon das junge Leben Kampf und Demütigung? Warum nur?
In einem alten Weihnachtslied heißt es: „Er ist auf Erden kommen arm, dass er unser sich erbarm". Damit Menschen wieder aufrecht gehen können. Nicht mehr gebeugt unter der Last ihrer Demütigungen. Aber auch nicht mehr unter der Last ihrer Schuld.

Er ist gekommen, dass er sich beider erbarm, der Opfer wie der Täter. Denn beide, die Opfer wie die Täter, brauchen es, erlöst zu werden. Die Opfer brauchen Erlösung, damit sie in ihrem Schmerz und ihrer lang schwelenden Wut nicht verhärten, sondern sich empfänglich halten für gute Begegnungen und bekömmliche Beziehungen.

Und die Täter brauchen Erlösung, damit sie die Verantwortung für ihre Tate übernehmen können.
Als Seelsorger bin ich oft fassungslos über das, was Menschen einander antun können. Doch ich möchte mir die Hoffnung bewahren, die Dietrich Bonhoeffer in folgende Worte gefasst hat:

            Ich glaube, das Gott aus allem, auch aus dem Bösesten,
            Gutes entstehen lassen kann und will.
            Dafür braucht er Menschen,
            die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Das war der SWR 4 Blickpunkt, der letzte in diesem Jahr und die letzte Sendung überhaupt. Im neuen Jahr hören Sie uns von Montag bis Freitag immer kurz vor 19 Uhr.
Ich bin Wolfgang Altpeter aus Koblenz von der evangelischen Kirche. Ich wünsche Ihnen einen guten Ausklang des alten Jahres und Gottes Segen zum Neuen Jahr 2011.

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 - oder: Muss man immer die Wahrheit sagen?

Teil 1
Sie ist mir in Erinnerung geblieben, die Episode mit meiner Tochter: Die Mathe-Arbeit war geschrieben. Nach ein paar Tagen habe ich meine Tochter gefragt: „Na, wie ist deine Arbeit ausgefallen?" Ihre Antwort: „Claudia hat auch ne Fünf".
Ehrlich war die Antwort schon. Claudia hatte tatsächlich eine Fünf in der Arbeit. Allerdings, für einen Vater wie mich war es ziemlich belanglos, welche Note Claudia bekommen hat. Für meine Tochter war es nicht belanglos, dass auch Claudia eine Fünf geschrieben hat. Aus ihrer Sicht stellte sich das Ganze so dar:
Wie bringt man erstens einem Vater einigermaßen schonend bei, dass man die Mathe-Arbeit verhauen hat? Und zweitens: Könnte es nicht den Vater entlasten, wenn er weiß: er ist kei­neswegs der einzige Vater mit einer mathematisch unbegabten Tochter. Da gibt es immerhin noch eine Claudia.
Und schließlich kann man sich mit solch einer Antwort lästige Nachfragen vom Hals halten. Man hat doch geantwortet - auch wenn die Antwort haarscharf an der Frage vorbeizielt. Aber, so ist zu hoffen, der andere merkt es nicht gleich.
 „Claudia hat auch eine Fünf". Ganz schön clever, so eine Antwort. Hinter einer Claudia kann man sich gut verstecken. Vielleicht verlaufen nach diesem Muster deshalb so manche Ge­spräche in der Familie, am Arbeitsplatz und überhaupt dort, wo Menschen miteinander in Be­ziehung treten. „Könntest du mich zum Bahnhof fahren?", fragt der eine. Und der andere sagt nicht einfach „Nein, will ich nicht", sondern meint: „Der Wagen müsste schon lange in die Werkstatt."
Wenn ich mir im Fernsehen Politikerinterviews ansehe, bin ich oft verblüfft, wie geschickt sich die Politiker  um eine verbindliche Antwort „Ja" oder „Nein" herummogelt. Das mag zwar für den Zuschauer ärgerlich sein. Doch was wären die politischen Folgen, wenn einer sich festle­gen würde?
Muss man immer die Wahrheit sagen? Muss man sich immer zu erkennen geben? Den meis­ten von uns ist das so von Kind an eingeschärft worden. Und für den nötigen Nachdruck sorg­te der Hinweis: „Der liebe Gott weiß und sieht alles".
Es gibt  Erwachsene, die spüren die Spätschäden dieser Art von religiöser Erziehung noch heute.
Aber ich möchte doch mal fragen: Ist das wirklich wichtig und nötig, immer und unter allen Umständen die Wahrheit zu sagen? Aber selbstverständlich!, denken Sie vielleicht spontan. Das kann es doch wohl nicht sein, das ist doch keine Haltung, dieses: Nimms mit der Wahr­heit nicht so genau! Lass Fünfe gerade sein! Hauptsache, du kommst dabei gut weg und bist aus dem Schneider. Nein, das kann es  nicht sein. Denn wo­hin solch eine Haltung führt, kön­nen wir jeden Tag in der Zeitung lesen. Wie es aber dann mit der Wahrheit halten?

Teil 2
„Claudia hat auch ne Fünf". So hat sich meine Tochter einmal herausgeredet, als ich Sie nach ihrer Note in der Mathearbeit gefragt habe. „Claudia hat auch ne fünf" d.h. ist doch nicht so schlimm. Ist ganz normal. Nicht nur die Erfahrung mit meiner Tochter und ihrer Mathe-Arbeit, vor allem auch Gespräche mit kranken Menschen haben mich erkennen lassen:

Die Wahrheit sagen - das hat zuerst etwas mit der Beziehung zu tun, in der die Wahrheit an­gesagt oder gefragt ist. Für die Beziehung ist das wichtig, wie man zur Wahrheit steht. Ob man sie ausspricht, oder lieber für sich behält.
Ich denke an die Schwester auf der Intensivstation: „Wenn ich einen Patienten zu pflegen habe", sagt sie, „und der ist bewusstlos und muss beatmet werden, dann gebe ich ihm mit meiner Pflege das Beste, was ich für ihn tun kann.
Die Pflege belastet mich zwar, aber damit umzugehen habe ich gelernt. Doch wenn er eines Tages die Augen aufschlägt, wenn er wieder mühsam die ersten Worte spricht und mich dann eindringlich fragt: 'Schwester, wie sieht es aus mit mir? Wird alles gut werden?' - dann weiß ich darauf keine Antwort, dann erlebe ich mich oft hilflos.
Ich weiß doch: nach menschlichem Ermessen wird es für ihn niemals mehr so sein wie früher. Keine Spritze, kein Instrument, keine Handreichung kann in diesem Augenblick die Antwort ersparen. Er will ja nicht irgendetwas. Er will in mir eine Person haben, die antworten soll. - Was ist dann die Wahrheit?"
Die Ehrlichkeit der Schwester hat mich beeindruckt. Ich habe auch den Arzt erlebt, der meiner Frau und mir bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung nicht nur die Diagnose nannte, son­dern auch schlicht sagte:
 „Manchmal frage ich mich: was wäre, wenn du auf der anderen Seite des Tisches sitzen wür­dest?" Wer sich so befragt, zeigt seinen Respekt vor dem kranken Menschen. Wir haben ge­spürt: Da ist einer bereit, selber in das Dunkelfeld hineinzugehen und mitzugehen. Die medi­zinische Kompetenz des Arztes hat sich für uns dadurch nicht ge­schmälert. Im Gegen­teil, das Gespräch hat uns umso mehr auf sein medizinisches Wissen und Können vertrauen lassen.
Die Wahrheit ist mehr als die bloße Tatsache, dass etwas richtig ist  zum Beispiel die Diagno­se einer Krankheit. Zur Wahrheit gehört auch die Beziehung, die die Wahrheit mittragen kann. Zur Wahrheit gehört eine Beziehung, in der für einen Augenblick nicht über medizinische Wer­te, sondern über die persönliche Einstellung dazu gesprochen wird.
Uns hat damals dieser Arzt einfach gut getan. Weil er nicht nur behandelt, sondern auch be­gleitet hat. Ohne solch eine mitfühlende Begleitung lässt es sich kaum mit der Wahrheit le­ben. Eine beziehungslos hingeworfenen „Wahrheit" - wie zum Beispiel: „Sie haben Krebs; Sie haben ein Jahr noch zu leben" - so etwas kann einem Menschen den Boden unter den Fü­ßen wegziehen. Es braucht einen Menschen, der bereit ist, die Wahrheit nicht nur auszuspre­chen, sondern sie auch mitzutragen.
Aber was ist dann die Wahrheit? Die Wahrheit, von der Jesus sagt, dass sie frei macht und nicht erschlägt?

Teil 3
„Ich sage immer die Wahrheit", behauptet der Wahrheitsfanatiker. Er tut es mit gutem Gewissen  - und verärgert die Nachbarn, verprellt die Kollegen und verliert die Freunde.
Warum? Weil er kein Gespür dafür hat, dass Wahrheit etwas mit Beziehung zu tun hat. Oder anders gesagt: Wahrheit und Liebe sind keine Gegensätze. Sie gehören zusammen.
Zur Wahrheit gehört die Liebe. Und deshalb hat nicht jeder, der von mir „die Wahrheit" wissen will, auch das Recht, die Wahrheit von mir zu erfahren.
„Der Teufel ist ein Wahrheitsfanatiker", hat Dietrich Bonhoeffer festgestellt. Ein Wahrheitsfanatiker, der seinen Prinzipien sogar Menschen opfert. Er lächele hochmütig über das angerichtete Trümmerfeld und über die menschliche Schwäche, die die Wahrheit nicht ertragen konnte.
Anders als der Teufel ist Gott gerade kein Wahrheitsfanatiker. Gott  ist ein Freund der Wahr­heit. Das ist ein großer Unterschied. Für einen Freund der Wahrheit steht die Wahrheit immer in der Beziehung, in der sie gesagt wird. Die Bibel bezeichnet deshalb „Wahrheit" oft gleich­bedeutend mit „Treue".
Darum ist Gott der Gott der Wahrheit, weil man sich auf ihn verlassen kann. Dass wir zum Beispiel in seinen Augen unendlich wertvoll sind und eine unantastbare Würde haben, das gilt für alle Zeiten. So ist Gott treu und verlässlich und wahrhaftig.
Gott ist kein Wahrheitsfanatiker. Und deshalb kann er auch nicht der Sündenbuchhalter sein, nach dem Motto: „Der liebe Gott sieht alles!" So über Gott zu reden - gerade vor Kindern - wi­derspricht Gottes Wille.
Natürlich ist es schön, wenn in einem Psalm ein Mensch über Gott sagt: „Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. ... Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir". Diese Nähe Gottes ist deshalb so schön und beruhigend, weil es eben nicht der unbarmherzige Blick eines Wahrheitsfanatikers ist. Es ist der Blick von Gott, der Anteil nimmt an dem, was uns passiert. Der uns Menschen frei machen und uns nicht bei unseren Fehlern und Schwächen behaften will.
 „Muss ich immer die Wahrheit sagen?" Wer an Gott glaubt, für den verändert sich diese Fra­ge. Wer es mit der Wahrheit ernst nimmt und an Gott glaubt, der fragt eher so: „Was will ich mit dem, was ich sage und wahr nenne, bewirken? Schädigt meine Wahrheit oder hilft sie, zerstört sie den andern oder baut sie ihn auf?"
 „Der liebe Gott sieht alles" - Manchmal sind Kinder klug genug, von sich aus das falsche Got­tesbild zu entlarven und sich aus der Erpressung zu befreien.
Deshalb gefällt mir die kleine Episode, die ich in diesen Tagen las: Eine junge Frau habe vor einiger Zeit, so erzählt sie,  ihre alte evangelische Kindergärtnerin wieder gesehen. Und die habe ihr höchst amüsiert eine Anekdote von damals in Erinnerung gerufen: „Weißt du noch? Als einmal herausgekommen war, was du wieder angestellt hast? Da hast du uns alle sprach­los gemacht. Weil du - ertappt wie du warst - gesagt hast: 'Der liebe Gott hat es doch schon gesehen, und der hat nichts gesagt!'"
Ich finde das stark, wie es dieser jungen Frau schon als Kind gelungen ist, sich von diesem bedrohlichen Wahrheitsfanatiker - Gott zu befreien.  „Der liebe Gott hat es schon gesehen, und er hat nichts gesagt". Das Mädchen hat schon früh Gott als seinen Verbündeten erkannt. Mit so einem Verbündeten kann man stark werden fürs Leben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=9111

Teil 1
Gott die Ehre geben - das war das große Thema von Johann Sebastian Bach. „Soli Deo gloria" - allein Gott zur Ehre, hat er über jedes seiner Musikstücke geschrieben. Und seinen Schülern hat er ins Heft diktiert: Es soll das Ziel aller Musik „anderes nicht als zu Gottes Ehre und Recreation des Gemüts sein. Wo dieses nicht in acht genommen wird, da ist keine eigentliche Musik, sondern ein teuflisches Geplärr und Geleier".
Als Jugendlicher habe ich Orgelspielen gelernt und damit Bachs Werke näher kennengelernt. Ich weiß noch, wie ich von dem überaus geordneten Ablauf des musikalischen Melodienflusses, von der Ordnung und Struktur seiner Kompositionen fasziniert war. Für mich hatte diese Ordnung etwas Wohltuendes, vielleicht weil sie so ganz im Gegensatz stand zu der manchmal chaotischen Erlebniswelt eines Heranwachsenden. Die klaren Strukturen in Bachs Kompositionen sind geprägt von der Vorstellung göttlicher Harmonie. Sie sind ein überwältigendes Bekenntnis zur göttlichen Schöpfung und zur liebevollen Ordnung, die Bach in ihr walten sieht.
Über Bachs Weltsicht und seinen Glauben kann man streiten. Man tat es schon zu seinen Lebzeiten. Bach provozierte dadurch, dass er alle Musik - und nicht nur die geistliche - in den Dienst Gottes gestellt hat. Er kennt nicht die eisernen Vorhänge, die wir heute zwischen Kirche und Welt herunterzulassen uns bemühen. Lassen wir uns von ihm provozieren und ermuntern, diese Vorhänge zu beseitigen. Er hat es vorgelebt. Er ermunterte Menschen, in dieser Welt zu singen und zu musizieren, weil Gott sie so schön gemacht hat. Mit seiner Musik wollte er die Welt an Gott erinnern, der sie geschaffen hat und einmal auch erlösen wird. - dafür soll Gott musikalisch bedankt und geehrt werden: „Soli deo Gloria".
Sicher gibt es Leute, denen Bachs Werke nichts sagen. Oder die seine Musik schlichtweg langweilig finden. Andere dagegen sehen in seiner Musik so etwas wie ein Pfingstwunder unserer Tage: Bei der Musik hören die Ohren in allen Sprachen und jeder versteht, was sie sagt. Wie damals an Pfingsten, als Menschen aus aller Welt auf einmal verstanden haben, was ihnen von Gott gesagt wurde. Und eigentlich kann man sogar sagen: Musik - insbesondere die von Johann Sebastian Bach - teilt die Menschen nicht in Prediger und Angepredigte auf. Die Musik beteiligt alle und lässt einem das Herz und den Mund aufgehen. Sie berührt einen - und man geht mit.
Bachs Musik kommt aus seiner tiefen Frömmigkeit und protestantischen Glaubensgewissheit. Sie öffnet einem das Herz, ganz gleich, ob man zuhört oder selbst musiziert und sie kann die Menschen zur Stille führen oder - um es mit seinen Worten zu sagen - zur „Recreation des Gemüths". Darum bin ich recht zuversichtlich, dass seine Musik auch im 21. Jahrhundert für Gottes Wort empfänglich werden lässt und den ganzen Menschen stärken kann.

Teil 2
Von Gott kann man nicht nur reden. Seine Freundlichkeit muss man auch sehen, hören, empfinden. Deshalb ist es gut, dass es die Musik gibt.
„Davon ich singen und sagen will" - so kündigt der Engel „vom Himmel hoch" die gute Nachricht den Hirten an. Es allein bei Worten belassen, - das ist zu wenig. Besungen will es sein, das Wunder: Gott und Mensch finden zusammen. Worte allein reichen da nicht aus.
„Davon ich singen und sagen will" - in der Wahrnehmung vieler Zeitgenossen verbindet sich allerdings „evangelisch" eher mit „sagen" als mit „singen". Die evangelische Kirche gilt als die Kirche der Wörter - und dadurch leicht ein bisschen kopflastig und trocken.
Ich meine, die Kritiker haben darin recht: der Kirche des Wortes tut die Ergänzung durch das Lied gut. Neben dem Sagen braucht es das Singen, neben der Predigt die Musik. Damit der ganze Mensch erreicht wird - mit seinem Herzen, seinen Gefühlen, in seiner Sehnsucht nach Gemeinschaft und nach sinnhaften und sinnlichen Erlebnissen.
Wer singt und musiziert, der weiß aus eigener Erfahrung: Singen, vor allem das Singen in der Gemeinschaft, im Chor etwa, bewirkt Erstaunliches: Kopf und Herz werden frei, das Körpergefühl verändert sich. Wer singt und musiziert, der kann Martin Luthers Erfahrung bestätigen: „Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik." Das genau vermag die Musik eines Johann Sebastian Bach bis heute.
Gewiss, Bachs Werk ist abgeschlossen, seine barocke Welt nicht mehr unsere Welt. Vergangen sind auch die damaligen Formen des Gottesdienstes. Vergangen auch die Gestalt der barocken Frömmigkeit, aus der heraus Johann Sebastian Bach den größeren Teil seiner Werke geschaffen hat.
Doch das bleibt: Die Musik eines Johann Sebastian Bach hilft auch Menschen des 21. Jahrhunderts, die bedrängenden Töne des Alltags abzuwehren. Sie öffnet ihnen einen Raum, in dem sie neue Töne zur Ehre Gottes hören können. Wie anders wäre es sonst zu erklären, dass die Menschen in Scharen zu den Aufführungen Bach´scher Musik drängen? Es ist gut, dass Gott uns immer wieder Künstler schenkt, wie er einer gewesen ist.
„Davon ich singen und sagen will": das Wort und die Musik - beide machen den Reichtum unserer evangelischen Tradition aus.

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„Kommt Zeit, kommt Rat", sagt das Sprichwort. Doch werden Entscheidungen automatisch besser, wenn man sie auf die lange Bank schiebt?
Was braucht es, um eine beherzte Entscheidung zu treffen?

 

mutig entscheiden

Was tat ich mich schwer mit dem Kauf der ersten Digitalkamera! Welches Fabrikat soll es sein? Wieviel Megapixel soll sie unbedingt haben? Welches Modell hat die besten Bewertungen bekommen? Im Freundeskreis gab es so viele Empfehlungen, wie ich Leute befragte. Doch dann war sie endlich gekauft: die Kamera mit dem angeblich besten Preis-Leistungs-Verhältnis. Ich war glücklich und zufrieden, bis - ja bis schon kurze Zeit später das Nachfolgemodell auf dem Markt war. Hätte ich mit dem Kauf doch noch warten sollen ... ? Habe ich mich zu schnell entschieden?

Warum tue ich mich manchmal so schwer mit Entscheidungen?
Dabei habe ich vor bald 50 Jahren eine viel folgenreichere Entscheidung getroffen. Und das ohne Kopfzerbrechen und grübelndes Zweifeln. Damals konnte ich meiner Freundin und späteren Frau schon bald nach unserem Kennenlernen sagen: „Ich habe mich für dich entschieden. Mit dir will ich zusammenleben." Mag ja sein, dass Liebe gelegentlich blind macht. Doch die Intuition, die Gefühle, vor allem das Herz und die Ausstrahlung dieses Menschen und manches andere mehr haben da mitgespielt. Der Kopf allein hätte es nicht fertig gebracht. Am Ende war es eine ganz bewusste Entscheidung.

Dass wir beide unsere Entscheidung nicht bereut haben, ich glaube, das hängt mit dem zusammen, was die Schweizer Psychoanalytikerin Katharina Ley  einmal so formuliert hat: „Wenn sich ein Mensch dafür entscheidet, bei seiner Partnerin, seinem Partner zu bleiben, fühlt sich die Beziehung anders an als vor der Entscheidung".

Man hat auf diese Weise vielleicht nicht den Traumpartner gefunden, aber die Chancen stehen nicht schlecht, sich diesen Traumpartner in gewisser Weise zu erschaffen. Indem man einfach dazu steht und sagt: „Ich habe mich für dich entschieden". 

Ein Plädoyer will ich darum halten: ein Plädoyer für den Mut, Entscheidungen zu treffen; ein Plädoyer für den Mut, aktiv zu werden und zu handeln.
Viele unserer täglichen Entscheidungen sind so banal, dass wir sie gar nicht erst registrieren. Doch dann gibt es Zeiten im Leben, da wird es uns drängend bewusst: Jetzt musst du handeln. Du musst dich stellen. Selten, dass wir den Zeitpunkt für solch eine Entscheidung frei wählen können.

Das konnten wir am 24. Februar vor dem Bildschirm miterleben: Da bezog Margot Käßmann, bis dahin EKD-Ratsvorsitzende und hannoversche Bischöfin, vor  laufenden Kameras eindeutig Stellung: „Hiermit erkläre ich, dass ich mit sofortiger Wirkung von allen meinen kirchlichen Ämtern zurücktrete". Die Sachlage ist bekannt. In der Pressekonferenz benannte sie, was ihr zur Entscheidung verholfen hat: „Einer meiner Ratgeber hat mir gestern ein Wort von Jesus Sirach mit auf den Weg gegeben: „Bleibe bei dem, was dir dein Herz rät" (37,17). Und mein Herz sagt mir ganz klar: Ich kann nicht mit der notwendigen Autorität im Amt bleiben".

„Was dein Herz dir rät" - ich übersetze das so: „Was für dich stimmig ist". Das heißt auch: Was sagt deine innere Stimme? Was entspricht deiner Bestimmung? Wenn du das für dich geklärt hast, dann kannst du mit deiner ganzen Person hinter deiner Entscheidung stehen und die Verantwortung übernehmen.

Was aber geschieht, wenn wir uns zu einer klaren Entscheidung nicht durchringen können? Wenn wir diese innere Stimme nicht hören oder spüren können? Darum geht's gleich nach der Musik.

Die Freiheit zur Entscheidung gehört zum Menschsein.

Machen wir Gebrauch von unserer Freiheit. Angst und Unruhe verschwinden erstaunlich schnell, ist erst einmal die Entscheidung zum Handeln gefallen.

Doch wie lässt sich diese Freiheit zu Entscheidung durchhalten, wenn die  Umstände ausweglos scheinen und uns glauben lassen, wir seien in jeder Hinsicht nur noch Opfer?
Dem jüdischen Psychoanalytiker Viktor Frankl verdanke ich eine Einsicht, die mir selber in dunklen Lebensphasen geholfen hat. Ausgerechnet im Konzentrationslager hat er am eigenen Leib entdeckt, „dass man", wie er schrieb, „dem Menschen ... alles nehmen kann, nur nicht: die letzte menschliche Freiheit, sich zu den gegebenen Verhältnissen so oder so einzustellen". Er bringt es auf den Punkt: Selbst im Konzentrationslager gab es ein „So oder so". Die Freiheit, sich zu den Umständen zu verhalten egal, wie diese Umstände sind - das hat für ihn entscheidend dazu beigetragen, die Hölle des Lagers zu überleben.

Ich kann nur hoffen und darum beten, dass ich mir diese Einstellung auch in künftigen schweren Zeiten bewahren kann.

Es gibt eine Zeit zum Entscheiden und es gibt eine Zeit zum Abwarten. Es braucht Zeit, in eine Entscheidung hineinzuwachsen, Mut zu sammeln, Kraft zu schöpfen, sich auf einen Lebenseinschnitt einzustellen. Es braucht Zeit, das rechte Maß an Geduld zu finden. Den dritten Weg zu finden zwischen Überforderung einerseits und sich träge und schlapp dahintreiben lassen andererseits.
Das muss wohl der Beter des 127. Psalms bedacht haben, als er zu bedenken gibt:

„Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht
und hernach lange sitzet
und esset euer Brot mit Sorgen;
denn seinen Freunden gibt es der Herr im Schlaf".

Man könnte dieses Psalmwort missverstehen als Evangelium für Langschläfer. Es ist aber die Einladung zum Vertrauen. Leben gelingt nicht schon dadurch, daß einer sich aufzehrt in krampfhaften, atemlosen Aktionen und quälendem Grübeln.

Blicke ich auf mein Leben zurück, entdecke ich: Längst nicht alles, was darin geworden ist, habe ich mit bewussten Entscheidungen herbeigeführt.  Manches, was ich immer wieder entscheiden wollte, habe ich doch laufen lassen - mal mit schlechtem Gewissen, mal mit guter Einsicht und Begründung. Am Ende aber hat sich vieles doch im Laufe der Jahre von selbst geklärt und entwickelt. Bei Vielem kommt es mir heute, im nachhinein vor, als ob darin eine Führung wäre. Und vielleicht ist das auch so: Der Mensch denkt, aber Gott lenkt, heißt ein Sprichwort. Ich habe die Erfahrung gemacht: wenn ich auf Gottes Führung vertraue, lässt mich das hoffnungsfroh in die Zukunft schauen. 

 

 

„Heute würde ich alles ganz anders machen ..." Wer kennt den Ausspruch nicht? Ob ich wirklich alles anders machen würde? Was mich betrifft, ich glaube eher nicht. Denn ich weiß ja, die Bäume wachsen bekanntlich nicht in den Himmel, und kein Mensch kann vollkommen aus seiner Haut schlüpfen.

Manche Lebensentscheidungen lassen sich natürlich rückgängig machen. Unter Umständen kann man sich ein neues Berufsfeld suchen, wenn die erste Wahl sich als eine Fehlentscheidung herausstellt. Doch die Mehrzahl der Lebensentscheidungen dürfte unumkehrbar sein.

Doch wie ist das mit den Fehlentscheidungen, deren Folgen nicht nur einen selbst, sondern auch andere belasten: die Familie, die Kollegen?

In meinem Beruf als Seelsorger habe ich Menschen kennengelernt, die anderen vieles verzeihen konnten. Eines aber konnten sie nicht: sich selber das eigene Fehlverhalten verzeihen. „Dass mir so etwas passieren konnte! So kenne ich mich gar nicht", klagte einer von ihnen. Ja, der Mann hat recht: So kannte er sich bis dahin nicht. Er kannte von sich selber nur die eine Seite: die lebenstüchtige, die korrekte, die erfolgreiche Seite. Welch eine Erschütterung, sich plötzlich konfrontiert zu sehen mit der anderen, der dunklen Seite. Nein, so kannte er sich nicht: egoistisch und versagend. Als jemand, der sich verspekuliert und andere mit reingerissen hat. Nein, so kannte er sich nicht.

Doch einer ist da, der sagt: Ich kenne dich wohl - auch mit deiner dunklen Seite. Du bist manches schuldig geblieben und du bist auch schuldig geworden. Aber eines sollst du wissen: Du als Person hast deine Daseinsberechtigung nicht verwirkt durch das, was du getan oder zu tun unterlassen hast. Ich, dein Gott, gehe mit dir barmherziger um, als du es mit dir selbst tust."

Ich, dein Gott, habe mich ein für allemal entschieden: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu eingesetzt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt" (Joh. 15,16). Menschliches Versagen kann diese fundamentale Entscheidung nicht hinfällig machen.

Wenn das so ist, dann hat das Folgen: Ich kann es mir leisten, die Verantwortung für meine Entscheidung zu übernehmen. Dann kann ich mir erlauben, auch eine Fehlentscheidung als solche zu benennen. Dann muss ich nicht aus Scham im Erdboden versinken, sondern kann mutig genug sein, genau hinzuschauen und wahrzunehmen, wie es zu dem Desaster kommen konnte. Denn ich bin nicht dazu verdammt, die gleichen Fehler immer und immer wieder zu machen.

„Nicht ihr habt mich erwählt", sagt Gott, „sondern ich habe euch erwählt und dazu eingesetzt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt". Wenn das so ist, dann dürfen wir selbst im Scheitern die Gewissheit für uns in Anspruch nehmen, die Margot Käßmann im letzten Satz ihrer Presseerklärung so benannt hat: „Ich weiß aus vorangegangenen Krisen: Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand. Für diese Glaubensüberzeugung bin ich auch heute dankbar".

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Teil 1

Von einer Frau will ich erzählen - einer nach Meinung der Leute unmoralischen Frau.

Die Szene spielt im Tempel von Jerusalem. Da ist Jesus, und da sind Schriftgelehrte und Pharisäer. Sie stehen direkt vor Jesus. Und zwischen ihnen steht eine Frau. Laut und deutlich sprechen sie Jesus an und alle spitzen die Ohren:

Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?

Ja, was wird er wohl dazu sagen? Die Schriftkundigen haben recht. So steht's im Gesetz des Mose. Warum fragen sie überhaupt? Scheint doch alles klar zu sein: Die Frau sitzt in der Falle und mit ihr wohl auch Jesus.

Jetzt könnten die Spiele anfangen. Die miesen Spiele So hat der amerikanische Therapeut Eric Berne die immer gleichen Muster genannt, mit denen Menschen Gespräche führen. Spiele, die immer gleich ablaufen und nicht weiter führen.

Die Frau, die sie zu Jesus gebracht haben, könnte zum Beispiel sagen:
„Liebe Leute, ich verstehe, dass ihr diesen Eindruck von mir habt. Der Eindruck ist aber falsch. Ich will euch nun genau erklären, wie es wirklich war...” Das ist das „Ätsch, mich kriegt ihr nicht“ – Spiel. Peinlich für die andern, wenn ihr Vorwurf sich als haltlos herausstellt. Da dachte man, zwischen den beiden wäre was passiert; sie hätten was miteinander. Und dann stellt sich heraus: es war ganz harmlos; nichts ist passiert; war nur eine Verwechslung.

Die Frau könnte ein anderes Spiel beginnen, das berühmte „Ja-aber-Spiel”: „Ich habe das getan. Ich will’s nicht leugnen”, so könnte sie argumentieren, „aber glaubt mir: Ich wollte das alles nicht. Ich bin bedrängt worden. Man hat mir den Kopf verdreht, und ich kann so schlecht nein sagen. Ich bin in eine Situation hineingerutscht. Wenn ich das alles vorher gewußt hätte, glaubt mir, ich hätte es nicht gemacht”.

Wer seine Haut retten muss, dem sind alle Mittel recht. Er beginnt dann vielleicht auch das „Ihr-seid-ja-auch-nicht-besser-Spiel”: „Das habe ich getan und das war nicht gut“, wird die Frau sich verteidigen. „Aber nun möchte ich euch eine Frage stellen. Habt ihr einmal darüber nachgedacht, dass zu einem Seitensprung immer zwei gehören? Du da hinten, setz deinen Hut ab, damit die anderen dich sehen. Damit dich alle sehen. Du bist doch nicht besser. Wir kennen uns doch gut! Wir hatten bloß Glück, dass sie uns nicht erwischt haben.“ Dann wird aus dem Opfer der Rächer. Aus dem Gejagten wird der Jäger. Dies ist das „Ihr-seid-ja-auch-nicht-besser-Spiel”. Das große Aufwaschen, wie man so sagt. „Wenn schon ich, dann auch du“.

Wie geht Jesus mit miesen Spielen um? Die Geschichte von dieser Frau, die sie zu ihm bringen, zeigt: Er geht nicht auf das Spielangebot ein. Er ist gekommen, uns von unseren miesen Spielen zu befreien.


Teil 2

Die Menschen bringen eine Frau zu Jesus, die sie ertappt haben. Alles scheint klar. Und Jesus?

Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde.

Jesus schweigt. Die Menge schweigt. Und auch die Frau schweigt. Das Schweigen knistert. Er malt mit dem Finger im Sand herum. Wie lange werden sich die Theologen und Juristen das gefallen lassen, dass Jesus schweigend mit dem Finger im Sand malt?

Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Und er bückte sich wieder nieder und schrieb auf die Erde.

Jesus stellt die unausgesprochene Frage: Was verdeckst du mit deinen Worten? Was treibt dich eigentlich? Was sind deine wirklichen Motive?

Als sie das hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern; und Jesus blieb allein mit der Frau, die immer noch in der Mitte stand. Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Frau, wo sind sie, deine Verkläger? Hat dich niemand verdammt? Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: Dann verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige nicht mehr.

Schuld wird hier nicht verschleiert, abgestritten oder versteckt. Was geschehen ist, das ist geschehen. Schuld ist da. Aber das Entscheidende: Jesus verurteilt nicht. Er sagt: Gehe hin, mach es anders! Das ist das Entscheidende, dass wir's besser miteinander machen.

„Vergebung” - das Wort fällt hier nicht. Doch hier wird Vergebung gelebt. Vergebung leben, heißt: „Gehe hin und sündige nicht mehr”. Ich schenke dir auf's Neue mein ganzes Vertrauen ohne Wenn und Aber. Mit diesem Vertrauen ohne Wenn und Aber kann sie leben. Nur mit diesem Vertrauen können wir leben, können wir's besser machen.
Durch Mißtrauen hat noch keiner zum Guten gefunden. Denn Mißtrauen, das ist ein böses Gift. Es lähmt und zerstört. Es erstickt jeden neuen besseren Versuch und zwingt in die alten Gleise. Und dann haben sie wieder einmal recht gehabt, die das alles natürlich schon vorher gewußt haben. Dann können und wollen sie ihre alten miesen Spiele weiterspielen, das „Hab-ich-doch-gleich-gewußt-Spiel”, das Spiel „Die-schafft-das-nie” oder das kaputt machende, genüßliche Spiel „Siehste-schon-wieder”.

Jesus sät Vertrauen. Dieses Vertrauen Jesu ehrt diese Frau. Das trägt sie. Mit einem solchen Vertrauen, mit einem Gott, der mir vertraut, und mit Menschen, die mir vertrauen, da kann ich einen guten Weg gehen. Denn Menschen zu enttäuschen, die mir ihr Vertrauen schenken, die es gut mit mir meinen, das ist gar nicht so leicht. Vertrauen wirkt Wunder. Denn es bringt auf wundersame Weise eine neue Qualität in jede Gemeinschaft. Dann ist Raum da für neue Gedanken, für eine tiefere Einsicht. Was verhärtet war, löst sich. Und miese Spiele kommen zu Ende. https://www.kirche-im-swr.de/?m=7549
Haben Sie schon mal einen Hahn gesehen, der sich lachend auf die Hähnchenschenkel klopft, oder ein Huhn, das lacht? Ich habe das noch nie gesehen. Obwohl man gelegentlich zu hören bekommt: „Da lachen ja die Hühner”. Aber sie können natürlich nicht lachen, und auch eine Kuh lacht allenfalls auf der Käseschachtel.

Hunde, Katzen, Papageien und was da sonst noch kreucht und fleucht - die können spielen und sich freuen. Doch von Herzen lachen und vor allem über sich selbst lachen - das schafft nur der Mensch. Im Lachen und dem Humor unterscheiden sich Mensch und Tier. Nicht nur Irren ist menschlich, sondern auch Lachen.

Das Wort „Humor“ kommt aus dem Lateinischen. Dort heißt „humor“ Feuchtigkeit. Diese Art von „Feuchtigkeit“ ist lebenswichtig, wenn das Leben nicht austrocknen soll. Nicht von ungefähr hat man in der mittelalterlichen Medizin die vier Hauptsäfte „humores“ genannt. Von ihrer Beschaffenheit und dem Mischungsverhältnis soll das Temperament eines Menschen abhängen.
Humor – ein Lebensmittel im eigentlichen Wortsinn. Wie könnten wir uns sonst unsere Vitalität erhalten, wenn wir uns nicht diese Heiterkeit, Versöhnlichkeit, Gelassenheit - also den Humor gönnen?

Ob derjenige zu Lebzeiten davon genug hatte, von dem es am Ende heißt: „Immer hat er gearbeitet; er kannte nichts als seine Arbeit“? Nachrufe dieser Art habe ich oft bei Todesfällen gehört.

Dass ich nicht missverstanden werde: Gut, wenn einer Arbeit hat und sie ihm auch noch Freude macht. Arbeiten und etwas zustande bringen, kann einen zutiefst befriedigen. Doch andererseits: Würde Sie das trösten, wenn einmal von einem Menschen, den sie geliebt haben oder von Ihnen selbst gesagt würde: „Nur Arbeit war ihr oder sein Leben?“ Das heißt: Sie haben nur gelebt, um zu arbeiten?

Ich glaube nicht, dass Menschen so verbissen arbeiten, nur um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Für mich klingt es wie ein Glaubenssatz, wenn einer sagt: „Ich kenne nur Arbeit“. Der Betreffende ist zutiefst davon überzeugt: Es gibt für mich auf dieser Welt nur dann einen Platz, wenn ich ihn mir durch gewissenhafte Pflichterfüllung und hartes Arbeiten verdiene.

Natürlich stimmt das nicht. Denn keiner kann sich seine Daseinsberechtigung erarbeiten und verdienen. Auch nicht durch verbissene Anstrengung. Wir können es nur gelten lassen, dass Gott uns wertschätzt, und dass uns darum ein Platz auf der Welt zusteht.
Vertrauen statt verbissenes Arbeiten, das ist Lebenskunst. Auf diesem Nährboden kann sich Humor entfalten. Humor, der einen das Leben leichter nehmen und lachen lässt. Und Lachen ist bekanntlich gesund.

Teil 2
Wer Humor hat und lachen kann, befindet sich in guter Gesellschaft. Die Christenheit ist auffallend reich an humorvollen Originalen aller Art: solchen, die im Lexikon stehen und den vielen anderen, die nur in Erzählungen weiterleben. Martin Luther zum Beispiel war überzeugt: „Sauer sehen und grauer Rock machen keinen Christen“. Resignation war ihm darum verdächtig. Ein Mönch schrieb im 7. Jahrhundert: „Gott will nicht, dass der Mensch traurig ist aus dem Schmerz der Seele; er will vielmehr, dass er aus Liebe zu ihm in seiner Seele lache und fröhlich sei“. Und der Kirchenvater Augustin weiß: „Die Seele nährt sich von dem, worüber sie sich freut“.

Auch Gott muss Humor haben. Was macht er wohl den lieben langen Tag? Das haben sich vor Zeiten jüdische Theologen, die Rabbinen gefragt. Ihre Antwort: Sechs Stunden, so haben sie sich das vorgestellt, sitzt er auf dem Stuhl der Barmherzigkeit, sechs Stunden auf dem Stuhl der Gerechtigkeit, sechs Stunden schafft er Nahrung für alles Lebendige, sechs Stunden am Tag, da spielt Gott. Er spielt mit dem Leviathan. Der Leviathan - das ist der Chaosdrache, der Widersacher. Mit ihm spielt Gott, wie ein Hobbyzüchter sich in seinem privaten Reptilienzoo entspannen mag. Das ist zum Lachen, und die Rabbinen fanden ihre Vorstellung vom entspannt spielenden Gott sicher auch zum Lachen.

Der Gott, den wir „Vater” nennen und an den wir glauben - von diesem Gott heißt es in der Bibel, er lache über das Böse. Das ist kein dämonisches, kein schadenfrohes Lachen. Es ist das Lachen dessen, der auch „trösten kann wie eine Mutter tröstet“. Es ist das Lachen Gottes, das wir mit jedem Vaterunser bekräftigen: „Dein ist das Reich und die Kraft in Ewigkeit“.

Der frühere Bundespräsident Gustav Heinemann muss Humor gehabt haben, wenn er daraus folgerte: „Die Herren dieser Welt gehen, unser Herr aber kommt“.

Mit dieser Einsicht ändert sich in der Tat die Perspektive. Manches, was uns heute erschreckt, uns die Sprache verschlägt oder uns sonst wie negativ beeindruckt, soll uns nicht mehr in seinen Bann schlagen. Die Namen derer, die heute das Sagen haben, wird man morgen nicht mehr kennen.

Der unbefangen mit dem Chaosdrachen spielende Gott – für mich ist es ein starkes Bild für das Urvertrauen: Am Ende wird das Leben siegen. Dagegen ist einfach kein Kraut gewachsen. Wer das weiß, hat gut lachen. Und sein Lachen ist alles andere als Galgenhumor.

Darum sind wir so frei, diesen Tag als den ersten Tag vom Rest unseres Lebens zu feiern und wir können von Herzen lachen. https://www.kirche-im-swr.de/?m=6577
Teil 1
„Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln. .. und ob ich schon wandelte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück. Denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ Bis heute gibt dieses Gebet, der 23. Psalm, vielen Menschen Kraft und Zuversicht. Es gab aber eine Zeit, da war es gefährlich, öffentlich zu bekennen, auf welchen Herrn man sein Vertrauen setzt.

Ich erinnere mich noch gut an den einen Sonntag im letzten Krieg. Mein Onkel – er war Pfarrer einer Landgemeinde an der Nahe, und wir waren dort evakuiert – wurde noch während des Gottesdienstes und inmitten der Gemeinde verhaftet und abgeführt. Als damals Vierjähriger habe ich den Vorfall zwar mit kindlicher Verwunderung zur Kenntnis genommen. Aber verstanden habe ich nicht, was die Erwachsenen in den Wochen danach von einem „Konzentrationslager“ raunten, in das der Onkel abtransportiert wurde. Ich wusste ja nicht, dass der Onkel Pfarrer der Bekennenden Kirche war, dass er kritisch den Machthabern und ihrer braunen Nazi-Ideologie gegenüberstand und deshalb schon seit längerem von Vertretern der Staatsmacht beobachtet wurde. In ihrem Auftrag saßen damals zwei Männer im Gottesdienst und schrieben mit, wie der Pfarrer an diesem Sonntag die Worte des 23. Psalms auslegte: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln ...“ Was seit alters her Menschen Trost und Halt gab, das muss für die Geheime Staatspolizei, die Gestapo, wie man sie damals nannte, ziemlich staatsgefährdend geklungen haben: Nicht der Führer ist mein Heilsbringer, sondern Gott sorgt für mich. Ihm vertraue ich; er schenkt mir Ruhe an seinem Tisch – und das sogar, wie es im Psalm 23 heißt „im Angesicht meiner Feinde“. Das Maß war voll, die Folgen habe ich erlebt.

Gott sei Dank war mein Onkel damals nicht der einzige, der so gedacht hat. Immerhin gehörten etliche wie er zur sogenannten Bekennenden Kirche. Schon 1934, gerade ein Jahr nach der Machtergreifung Hitlers fanden diese Christen es an der Zeit, deutlich zu sagen, was in der evangelischen Kirche gelten soll und was nicht. Nämlich :

„Jesus Christus als das eine Wort Gottes“. Und nicht: „andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten“.

Also nicht das neue stolze Selbstbewusstsein vieler Deutscher. Nicht das herrische Auftreten des Führers. Nicht eine augenscheinlich erfolgreiche Arbeits- und Wirtschaftspolitik. Und nicht die zunehmende Aus¬grenzung und Demütigung derer, die man für alle Übel verantwortlich machte.

„Der Herr ist mein Hirte – ihm will ich vertrauen. Auf ihn will ich mich verlassen“. Die Auswirkungen dieses Bekenntnisses habe ich in der eigenen Familie und Verwandtschaft erlebt.

Teil 2
„Der Herr ist mein Hirte”. Ein altüberliefertes Bibelwort ließ die braunen Machthaber nervös werden. Später habe ich oft gedacht: Wie viel Kraft muss dann in einem solchen Wort stecken!

1934 hatten evangelische Christen sich in Barmen bei Wuppertal darauf besonnen, was dieser Satz für das Leben im Hitlerdeutschland bedeuten muss. „Die Kirche“, so haben sie in der sogenannten Barmer Erklärung festgehalten „ist die Gemeinde von Brüdern, in der Jesus Christus.. als der Herr gegenwärtig handelt“. Die Nazis damals verstanden schnell: diesen Christen ist ihr Herr und was er sagt wichtiger als unser Führer.

In den dreißiger Jahren hieß das: Für uns Christen gibt es keine Menschen erster und zweiter Klasse, kein lebenswertes und lebensunwertes Leben. Für uns spielt die arische Großmutter und der lupenreine Stammbaum keine Rolle. Was uns zu einer Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern macht, ist nicht das deutsche Blut, nicht die gemeinsame Sprache und Kultur, nicht die Gesinnung und nicht die Interessen. Christus ist es, der uns einigt, und durch den wir uns als Brüder und Schwestern erkennen.

Und heute? Die Zeitumstände haben sich geändert. Doch das bleibt für Christen als Glaubenswahrheit gültig: Sie versuchen, als Schwestern und Brüder zu leben, weil sie alle denselben einen Herrn haben. Deshalb kann unter Christen das übliche Hauen und Stechen, das Konkurrieren um jeden Preis keinen Ort haben. Deshalb stehen Christen zueinander und stehen einander bei.

So auch damals in jener Landgemeinde, als ihr Pfarrer, mein Onkel, im Konzentrationslager inhaftiert war. Er war nämlich, wie ich schon sagte, Mitglied der Bekennenden Kirche. Aber auch ohne ihren Pfarrer und trotz großer Angst hat sich die kleine Landgemeinde weiterhin zu Gottesdiensten und zu Fürbitten für alle verfolgten Gemeindeglieder zusammengefunden. Im Namen Gottes widersetzten sie sich einer Obrigkeit, die forderte, was allein Gott zusteht. Die biblische Erkenntnis, dass man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen, hat die Gemeindeglieder mutig genug gemacht, zumindest innerlich zu widerstehen. Gegen ihre Furcht, als schlechte Deutsche und als Querköpfe zu gelten oder als hoffnungslos Gestrige, die die Zeichen der neuen Zeit nicht verstanden hatten.

In ein paar Tagen ist es genau 75 Jahre her, dass sich die Christen damals in Barmen versammelt haben um ihr Bekenntnis zu dem einen Herrn Jesus Christus zu formulieren. Ich finde, dass dieser Gedenktag auch uns heute fragt: Worauf verlasst ihr euch eigentlich? Welchen Herren vertraut ihr? Und wie geht ihr mit den Schwestern und Brüdern um, die eure Hilfe brauchen? Mir scheint, solche Fragen sind auch nach 75 Jahren noch genau so aktuell wie damals. https://www.kirche-im-swr.de/?m=5920
„Ganz die Mutter” oder „ganz der Vater” sagen wir manchmal und machen uns so ein Bild von einem Menschen. Wir glauben dann, im Bild zu sein. Über Bilder, die einengen, und solche, die Freiraum geben.


Teil I

Marilyn Monroe auf dem Lüftungsschacht,
Willy Brandts Kniefall am Warschauer Ghetto,
das Flugzeug, das am 11. September 2001 in das World Trade Center einschlägt -
Stichworte genügen, und schon haben wir die Bilder vor Augen. Was für uns entweder sehr erfreulich oder außerordentlich schockierend, jedenfalls völlig unerwartet war, das bewahren wir in unserem Langzeitgedächtnis auf. Und zwar in Form eines Bildes. Solche Bilder graben sich ein, hinterlassen Spuren in unserem Bewusstsein und - das wissen wir durch die Psychoanalyse - auch im Unbewussten.

Dann sagen wir: „Das ist wirklich so”. Obwohl wir wissen: Bilder lassen sich manipulieren. Ein Bild zeigt niemals objektiv die Welt. Es zeigt eine Welt, wie sie der Fotograf, der Maler sieht, oder wie er sie gern hätte.

Auch von uns selbst, von den andern, von der Welt haben wir uns ein Bild gemacht: So bin ich. So bist du. So ist das Leben. Wir sind erstaunt, wenn wir erleben, dass in der Regel fremde Menschen uns liebenswerter finden, als wir das von uns sagen können.

„Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Abbild machen von dem, was im Himmel, noch von dem, was unten auf der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!” So lautet eines der Gebote im Buch Mose des Alten Testaments. Das Bilderverbot hat offensichtlich einen so hohen Stellenwert, das es sich in allen Religionen findet, die sich auf Abraham als Stammvater berufen, also im Judentum, im Islam, im Christentum.

Das biblische Gebot erinnert uns daran, dass wir die Bilder, die wir uns gemacht haben, auch immer wieder loslassen müssen. Warum? Damit wir uns entwickeln können.

Wer einen Menschen auf ein endgültiges Bild festlegt, ist allzu schnell mit diesem Menschen fertig. Da braucht es dann keine Achtsamkeit mehr im Umgang miteinander. Da braucht es keinen verstehenden, keinen ermunternden Blick mehr, kein einfühlendes Wahrnehmen. Man ist schließlich im Bilde. Wozu komplizierte Sachverhalte erläutern, wo man sie mit einfachen Erklärungen glattbügeln kann?

Auch Adel schützt nicht vor der Verführung durch eingängige Bilder. Da glaubte die Fürstin Gloria von Thurn und Taxis es in einer Fernseh-Talkrunde auf den Punkt bringen zu können. Warum gibt es in Afrika so viele AIDS-Kranke? Na klar, sagte sie, das läge nur daran, dass die Schwarzen - so ihr Bild - besonders viel „schnackseln”. So sagt man in Bayern, wenn man „viel Sex haben” meint. Die Schwarzen dort würden also besonders viel Sex haben. Warum? Weil es in Afrika eben wärmer sei als bei uns im kühlen Norden. In solch einem Klima „schnacksele” man halt viel lieber. So einfach ist das.

Nein - selber denken, Bilder, die einem angeboten werden, prüfen, ob sie der Wahrheit dienen oder nur Vorurteile bedienen.

Die Bibel meint: Menschen sollen frei sein von einengenden Bildern. Damit sie frei werden für verborgene Möglichkeiten Gottes. Dazu mehr nach der nächsten Musik.


Teil II

„Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Abbild machen von dem, was im Himmel, noch von dem, was unten auf der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!” So lautet das Bilderverbot im Alten Testament der Bibel.

Das Bilderverbot ist Gottes Widerspruch dagegen, dass wir uns Gott verfügbar machen. Und zugleich ist es der Widerspruch Gottes dagegen, dass wir uns des Mitmenschen bemächtigen, ihn nach unserem Bild formen und ihn damit seiner Einzigartigkeit berauben.

Mit dem biblischen Bilderverbot ist nicht gemeint, dass ein Digitalfoto Teufelswerk ist, oder dass ein Maler nicht mehr zu seinem Pinsel, ein Bildhauer nicht mehr zu Hammer und Meißel greifen sollen. Nein, es geht um etwas Anderes. Nämlich um den rechten Umgang mit Bildern. Warum? Bilder können einen so in Beschlag nehmen, dass Grenzen sich verschieben. Aus Vorstellungen, die wir uns machen, kann unter der Hand und oft auf dramatische Weise Wirklichkeit werden.

Natürlich kommen mir da sofort die Opfer mancher Amokläufe in den Sinn. Da haben Menschen ihr Leben verloren, weil sich für den Amokläufer die Grenzen verwischt haben. Der konnte nicht mehr unterscheiden zwischen Bild und Wirklichkeit, zwischen Spiel und Ernst.

Ich möchte nicht bei den spektakulären, den dramatischen und erschütternden Szenen bleiben. Ich möchte weitergehen zu unserem ganz alltäglichen Zusammenleben. Und ich frage: Wie gehen wir mit Bildern um?

Zum Beispiel in einer Partnerschaft. Da glauben zwei Menschen nach langen Jahren des Zusammenlebens längst über einander im Bild zu sein. Doch manche Ehepaare müssten sich heute nicht verachten, hätten sie sich nicht zuvor jahrelang vergeblich bemüht, den Partner nach dem eigenen Bild zu formen. Kein Mensch hat so viel Macht, einen andern gegen dessen Willen zu verändern. Am Ende geht es über die eigene Kraft; man fühlt sich erschöpft und verbittert.

Ich finde, es ist ein hoffnungsvolles Zeichen, wenn ein Paar sich in einer Krise gemeinsam beraten lässt. Selber finden sie über die starren Bilder nicht hinaus, die einer vom andern im Kopf trägt. Sie brauchen Hilfe von außen. Es gibt auch Paare, die müssen geradezu erlöst werden von dem Idealbild, das sie sich von einer guten Partnerschaft gemacht haben. Es gibt schließlich kaum einen größeren Druck für zwei Menschen, als unter allen Umständen ein harmonisches und glückliches Paar darstellen zu wollen. Die Harmonie kann allenfalls das Ergebnis eines gemeinsamen Weges sein; sie versteht sich nicht von selbst.

Mit fremder Hilfe kann ein Paar wert zu schätzen lernen, was zunächst nicht „ins Bild gepasst hat. Aber gerade das, was anfangs sperrig und unbequem war, kann weiterführen. An den sperrigen Ideen über einander kann man sich reiben und dabei zu kreativen Lösungen finden. Was sperrig schien, kann eine Partnerschaft lebendig erhalten.


Teil III

Frühere Generationen haben sich von der Kirche sagen lassen, wie sie ihr Leben zu führen haben, welche religiösen Bilder und Symbole sie für ihre Lebensgeschichte in Anspruch nehmen können. Diese Zeiten sind vorbei. Manche mögen das bedauern und sich dadurch orientierungslos fühlen. Andere ziehen es vor, sich selbst ein Bild zu machen, statt sich eins vorsetzen zu lassen. Selber schauen, selber denken, mündig glauben. Doch wenn ich es recht sehe, dann bleibt auch heute die Erwartung an Kirche und Theologie: sie sollen Bilder und Symbole von Schutz und Bewahrung zur Verfügung stellen, die jeder dann in eigener Entscheidung in sein Leben einpassen kann oder nicht.

Wann sind Bilder oder Symbole lebensförderlich? Wenn sie uns helfen, die Wahrheit ins Bild zu setzen. Und die Wahrheit über uns lautet: Der Mensch, also wir alle sind als Gottes Bild geschaffen. Und als Gottes Bild sind wir alle letztlich ein Geheimnis. Und dieses Geheimnis wird bewahrt und geschützt in der Menschenwürde. Wir können von der Menschenwürde nicht nur sprechen, wir müssen auch für sie eintreten, wo sie verletzt wird. Die Menschenwürde verdient sich keiner durch Perfektion. Die Würde hat auch der, der in seinem Beruf nur mittelmäßig ist. Niemand kann seine Würde verlieren. Warum? Weil sie auf etwas beruht, das sich unserer Verfügung entzieht: dass wir Ebenbild Gottes sind. Ebenbild Gottes - das ist die Umschreibung dafür, dass Gott zu uns in Beziehung getreten ist und uns dadurch beziehungsfähig gemacht hat. Gott hat uns angesehen, und darüber sind wir ansehnlich geworden, hochgeschätzt und wert geachtet. Das macht unsere Würde aus. Kein Mensch hat uns diese unsichtbare Krone der Menschenwürde aufgesetzt. Deshalb kann uns auch keiner diese unsichtbare Krone wieder nehmen.

Der Dichter Jochen Klepper hat es auf den Punkt gebracht:

Ohne Gott bin ich ein Fisch am Strand,
Ohne Gott ein Tropfen in der Glut,
Ohne Gott bin ich ein Gras im Sand
Und ein Vogel, dessen Schwingen ruht.
Wenn mich Gott bei meinem Namen ruft,
Bin ich Wasser, Feuer, Erde, Luft.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=5863
„Das ist wirklich so!" sagen wir und glauben, im Bilde zu sein. Doch was ist wirklich? Und wie verändert ein weihnachtliches Bild unsere Sicht der Wirklichkeit?


Teil 1

Lichter und Weihnachtsschmuck, Engel und Tannengrün, Mensch und Tier um die Krippe und das Kind im Stall: Weihnachten, ein Fest, das alle Sinne anspricht. Ein Fest voller Sinnlichkeit.

Ein nicht geläufiges Weihnachtsbild will ich Ihnen heute Morgen vorstellen. Weil es das Weihnachtswunder auf eigene Weise deutet, erlaubt es auch eine neue Sicht auf das Leben schlechthin.

Das Bild erzählt von den Hoffnungen der Juden. Die haben ja über Jahrhunderte auf den kommenden Messias gewartet und erwarten ihn noch immer. Wir Christen glauben, in Jesus ist er auf die Welt gekommen. Doch das Hoffnungsbild der Juden kann uns helfen, das Weihnachtswunder in einem neuen Licht zu sehen.

Rabbi Josua Ben Levi trifft den Propheten Elija. Er fragt den Elija: Wann kommt der Messias?
Elija: Geh hin und frage ihn selbst!
Josua: Wo finde ich ihn denn?
Elija: Er sitzt am Tor der Stadt!
Josua: Woran soll ich ihn erkennen?
Elija: Er sitzt unter den Armen, mit Wunden bedeckt. Die andern binden ihre Wunden alle zugleich auf und nachher verbinden sie sie wieder. Er aber bindet immer nur eine Wunde auf und verbindet sie anschließend sofort, denn er sagt sich: Vielleicht werde ich gebraucht! Ich muss immer bereit sein, damit ich keinen Augenblick Zeit verliere!

Der Messias bei den Armen am Stadttor. Ein verwundeter Heilsbringer. Die Wurzeln dieses Bildes reichen in alte Zeiten zurück. Als Israel an einem Tiefpunkt seiner Geschichte war, die Menschen in Elend und bitterer Not, da hat ihnen ein Gottesmann Hoffnung gemacht: „Du Bethlehem Ephrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr ist“. Nicht hoch aus dem Himmel: aus kleinen Verhältnissen würde der Heilsbringer kommen. Einer, der sie und ihr Leid versteht.

Ein verletzter und verletzlicher Heiland. Wie irritierend für den, der zu einem starken, unverletzlichen Gott zu beten gewohnt ist. Wie kann einer Heiland sein, der doch selber nicht heil ist?!

Wer in einer Krise ist, möchte einen starken Helfer haben. Der soll über den Dingen stehen. Oben soll er sein, wenn man selbst schon im Loch der Einsamkeit sitzt.

„Warum verbirgst du, Gott, dein Antlitz?“ „Warum schläfst du?“ „Warum bist du wie ein Fremdling?" „Warum schweigst du?“ So haben die Menschen schon immer gefragt und ihrem Gott „da oben” geklagt.

Gott wird Mensch - das sagt sich leicht „alle Jahre wieder" aufs neue. Aber Gott in einem verwundeten Menschen? Ein Gott, der nicht mehr oben zu suchen ist, weil er unter den Armen am Stadttor sitzt? Viele unserer Advents- und Weihnachtslieder loben den allmächtigen Gott im Himmel. Wie müssten sie klingen, wenn doch Gott längst heruntergekommen ist? Was fangen wir mit einem so heruntergekommenen Gott an?

Teil 2

Gott kommt zur Welt. Doch Menschen können offenbar schwer umgehen mit dem heruntergekommenen Gott. Gott hat oben zu sein, der Mensch ist unten. Wenn Gott heruntergekommen ist zu uns, dann muss die Phantasie sogleich einen anderen Gott erfinden: seelenlos und unsichtbar, von den Leuten als „Schicksal” bezeichnet. Wir erheben den Gott „Schicksal" auf den Thron, und dann ist sie wieder hergestellt: die alte Ordnung von oben und unten. Ein mitleidloser, ein leidensunfähiger Gott - dieser Gott mit dem Namen „Schicksal". Ohne Ansehen der Person trifft sein Bannstrahl mal diesen, mal jenen. Als Trost für alle im Leben zu kurz Gekommenen weiß das Schicksals-Lied eine Verheißung: „Das Schicksal setzt den Hobel an und hobelt alles gleich".

Das Weihnachtsevangelium sagt eine andere Wahrheit an: Nicht das Schicksal heilt, sondern die Begegnung heilt. Darum sprechen so viele Worte der Bibel davon, dass Gott den Menschen begegnet.

Das Bild des verwundeten Messias steht für das Weihnachtsevangelium. Und das besagt: Gott kommt dahin, wo ich gerade bin und unter welchen Umständen auch immer ich in diesem Jahr Weihnachten feiern oder eben nicht feiern werde. Durch ein paar Festtage wird die Welt nicht zu einem Paradies auf Erden. Wo die einen feiern, ist den andern zum Weinen zumute. Tränen der Verlassenheit, Tränen der Empörung, Tränen der Ohnmacht. Weil der menschgewordene Gott die Menschen achtet, respektiert er auch ihre Tränen. Sie wiegen bei ihm viel. Auch dafür steht das Bild des verwundeten Messias.

Es soll nicht bei schulterklopfenden Vertröstungen bleiben. In einem alten Weihnachtslied heißt es: „Er ist auf Erden kommen arm, daß er unser sich erbarm“. Damit Menschen wieder aufrecht gehen können. Nicht mehr gebeugt unter ihrer Schuld, zerbrochen an den Forderungen ihrer inneren Antreiber, in sich zurückgezogen und allenfalls sich selbst streichelnd mit Phantasien und Tagträumen.

„Er ist auf Erden kommen arm, dass er unser sich erbarm”. Das Weihnachtslied empfinde ich wie eine Erlaubnis. Da sagt mir einer: Setz dich nicht unter Druck. Belaste dich nicht mit dem, was du zur Zeit alles nicht kannst: einen Glauben, den du nicht hast, eine Begeisterung, die sich nicht einstellen will. Nimm statt dessen diese Worte auf und nimm sie dorthin mit, wo du in diesen Weihnachtstagen sein wirst, ob in der Familie oder in einem Bergdorf. Und dann sieh zu, welche Erfahrungen du damit machst! Wie durch diese „Gute Nachricht“ deine Lebenssituation anders gedeutet wird. Wie du immer neue Facetten an diesen Worten entdeckst. Lass dich doch ein auf „die Geschichte, die da geschehen ist“!

Ich wünsche Ihnen eine frohe und gesegnete Weihnachtszeit. https://www.kirche-im-swr.de/?m=5132