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Ich bin richtig gut im Mir-Sorgen-Machen. Das liegt bei uns in der Familie. Vielleicht kennen Sie das auch? Wenn die eine Sorge überwunden ist, kommt schon die nächste.

Es ist ja auch so: Man ist fortwährend in Sorge darüber, ob man es richtig macht, wenn man für Andere sorgt, für Kinder, für Kranke, für Ältere, für Notleidende. Das Sich-Sorgen-Machen ist so etwas wie eine Signatur menschlicher Existenz.

Die Sorge kann bisweilen Herz und Verstand in Beschlag nehmen und damit den ganzen Menschen. Sie ist überall zuhause, wo der Mensch wohnt. Sie gibt auch schon den kleinen Dingen Bedeutung und einen großen Schatten. Sorge ist Wirklichkeit, aber zugleich schafft sie auch Wirklichkeit.

Es fällt mir nicht leicht, Sorgen hinter mir zu lassen. Denn dazu gehört auch ein Verzicht: Ich muss auf die Sorgen verzichten. Viele Sorgen sind uns aber zur Gewohnheit geworden. Seien wir ehrlich: Oft genug machen wir uns unsere Sorgen selbst.

Dabei ist es schon nicht wenig, wenn man es schafft, seine Sorgen zu sortieren, sie in eine neue Ordnung zu bringen und die nötigen Sorgen von den unnötigen unterscheiden lernt. Es ist schon etwas, wenn man das Sich-Sorgen und das Sich-Kümmern auseinanderhält, das Hinnehmen und Ertragen vom Aktivwerden und Sich-Einmischen gedanklich trennt.

Denn: Das Sich um Andere und um die Welt Sorgen und dann Kümmern ist eine Haltung, die wir in unserer Gesellschaft brauchen. Ältere und Kranke pflegen, Kinder erziehen, etwas zur guten Nachbarschaft im Stadtteil beitragen, sich um ein Umfeld kümmern, in dem Menschen gerne leben: Mit all dem trage ich Sorge ich für Andere und damit auch für mein Leben. Das ist richtig und wichtig und eine Voraussetzung für das Zusammenleben.

Für diese Haltung muss man kein frommer Mensch sein. Die „Kümmerer“, die gebraucht werden, begründen ihr Engagement ganz unterschiedlich. Für mich persönlich ist es wichtig, mich dabei an der Bibel zu orientieren. Nicht nur im Blick auf darauf, was zu tun nötig ist, sondern auch im Blick darauf, wie ich damit zurechtkomme.

In einem Brief in der Bibel heißt es, nach einer langen Aufzählung der Pflichten des Einzelnen für das Zusammenleben: Werft alle eure Sorgen auf Gott, den er sorgt für euch (1Petr 5,7). Gebt dem ganzen Sorgen-Bündel einen neuen Platz. Tragt eure Sorgen nicht allein. Lasst auch für euch sorgen. Habt Vertrauen, dass Gott euch die Kraft gibt, euch so zu kümmern, wie ihr es könnt, nach euren Kräften und Möglichkeiten.

Das finde ich tröstlich und ermutigend, gerade wenn ich für Andere sorge: Dass der Glaube sagt - Gott sorgt für mich.

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Glauben ist eine Herzensangelegenheit. Für die Menschen und für Gott. Diese Behauptung und Erfahrung finde ich in der Bibel, und sie leuchtet mir ein. Da steht: Gott verbündet sich mit seinen Menschenkindern und schreibt seinen Bund in ihr Herz und in ihren Sinn ein (Jer.31,33).

Wir kennen uns aus in Herzensdingen. Unser Herz klopft und schmerzt in Aufregungen und besonderen Momenten. Wer verliebt ist, weiß das, aber auch, wer Kummer hat. Es zittert und zagt, wenn ich spüre: Darauf kommt es jetzt an. Es flattert, wenn ich unsicher bin und Angst habe. Das Herz kann auch mitleiden und überströmen von Mitgefühl.

Aber auch so: Ich erlebe, wie viel Kraft ich habe, wenn ich mir ein Herz fasse und etwas anpacke, was ich mir zunächst nicht zugetraut habe. Das muss man doch manchmal: Sich ein Herz fassen. Etwas tun, etwas sagen, sich einmischen. Wenn es Streit gibt. Wenn jemand zu Unrecht beschuldigt wird. Wenn schlecht über Andere geredet wird. Wenn Menschen Hilfe brauchen, ganz konkret. Manche Menschen sind mit der besonderen Begabung gesegnet, unerschrocken und beherzt zu handeln. Sie erkennen, was nötig ist, und tun das dann auch. Allerdings machen wir auch die Erfahrung, wie sehr einem das Herz „in die Hose“ rutschen kann.

Für die biblische Menschenkunde sitzt im Herzen die Lebenskraft, das Wesen des Menschen. Dort sitzt die Lebensenergie, die treibende Kraft, der Mut und der Tatendrang, den Menschen brauchen, um ihr Leben in die Hand zu nehmen.

Im Herzen, da, wo ich als Mensch mein Zentrum habe, ist der Bund mit Gott eingeschrieben, sagt der Prophet. Er ist nicht nur in Stein gemeißelt oder mit Brief und Siegel bekräftigt. Das sind Äußerlichkeiten, die vergehen können. Doch was im Herzen ist, das kann nicht verloren gehen. Das Herz erinnert sich. Erinnert sich selbst und auch Gott daran: Der Bund mit Gott ist ein ewiges Versprechen.

Denn könnte es nicht sein, dass Menschen auch von sich aus den Bund mit Gott immer wieder erneuern müssen? Wenn Gott einem dunkel und verstörend begegnet, muss man sich dann nicht überwinden, an diesem Bund festzuhalten? In einem Psalm hat einer gebetet: „Dennoch bleibe ich fest an dir ... “ (Ps.73).  Vielleicht hat Gott selbst ihn auch nötig, diesen Bund mit den Menschen? Wenn Menschen in tiefen Verzweiflungserfahrungen erneut nach der Hand Gottes greifen, dann ist das doch vielleicht so etwas Ähnliches wie: Menschen halten fest am Bund mit Gott, weil sie sich in ihrem Herzen daran erinnern.

Glauben ist eine Herzensangelegenheit. Fassen wir uns ein Herz.

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An manchen Tagen denke ich, es gibt nur zwei Sorten von Leuten: Die mit dem Fehlersuch-Blick und die mit der rosaroten Brille.
Die Menschen mit dem Fehlersuch-Blick sehen sofort, was nicht gelingt, wer nicht das tut, was er soll, was falsch ist. Sie entdecken mit scharfem Auge jeden Tippfehler und jeden Fleck auf der Hose. Ihnen entgeht nichts, was schlampig gemacht ist. Aber sie übersehen dabei den Witz im verdrehten Buchstaben, und wie die Staubflocken im Licht tanzen.

Doch auch die anderen, die mit der rosaroten Brille, sehen nur, was sie wollen. Sie meinen zu wissen, dass eine heile Familie zum Beispiel so aussieht wie das Paar mit dem süßen Jungen. Sie sehen nicht die Anspannung der Eltern, die um die labile Gesundheit ihres Kindes fürchten. Mit dieser Brille auf der Nase gibt es keine Krankheit und kein Elend, keinen Trübsinn und keine Traurigkeit.
Ich kenne, ehrlich gesagt, beides: Tage, an denen ich mit meinem Fehlersuch-Blick herumlaufe. Und genauso Zeiten, in denen ich eine rosarote Brille aufsetze und alles ein bisschen weichgezeichnet wahrnehme. Wie geht das: Sehen. Richtig sehen.

Der Apostel Paulus schreibt der Gemeinde in Korinth: Es stimmt, wir reiben uns an unserem Alltag auf. Doch der innere Mensch kann sich Tag für Tag erneuern. Wenn wir unseren Blick auf das Unsichtbare richten. Denn das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare aber ist ewig. (2.Kor.4,16-18)

Was ist das, das Unsichtbare? Paulus antwortet: Es ist das, was der Glaube sieht.
Ich stelle mir das so ähnlich vor wie in der Redewendung: Vor meinem „inneren Auge“ sehe ich, was ich nur ahne, mir wünsche und erhoffe. Ich sehe es und lasse mich davon inspirieren. So zum Beispiel:

Wenn wir unser „inneres Auge“ öffnen, sehen wir, wie kraftvoll und lebensfroh und verschmitzt ein Mensch einst war, den Krankheit und ein schwächer werdender Körper im Alter gezeichnet haben.
Wenn wir unser „inneres Auge“ öffnen, sehen wir die Zufriedenheit, die eine Aufgabe schenkt, auch wenn wir uns gerade mühsam durch die Anforderungen kämpfen.
Wenn wir unser „inneres Auge“ öffnen, sehen wir, wo wir hinwollen, auch wenn wir meinen, in der Mühsal des KleinKlein stecken zu bleiben.

Unser „inneres Auge“ sieht hinter das Offensichtliche. Es blendet Fehler nicht aus. Aber es sieht, wie es anders sein könnte. Es übermalt nichts mit Rosarot. Aber es erkennt, welche Möglichkeiten sich in einem Menschen wecken lassen. Der Glaube ist so etwas Ähnliches: Der Glaube ist eine Kunst des Sehens, die hinter dem Sichtbaren das Unsichtbare wahrnimmt.

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„Um den Glauben muss gebetet werden wie ums täglich Brot.“ (Elazar Benyoetz, geb. 1937 in Wien, lebt in Jerusalem). Dass Menschen auch im Elend nicht den Glauben an Gott und die Hoffnung auf das Gute verlieren, habe ich bei einer Reise durch Nordindien vor kurzem besonders wahrgenommen. Die extremen Gegensätze von Reich und Arm in diesem Land von „verstörender Buntheit“ (Salman Rushdie, SZ vom 1.3.18) haben mich sehr beschäftigt.

Besonders eindrücklich war das in Varanasi, der heiligen Stadt am Ganges. Dort habe ich gesehen, wie der Glaube, dass ein gutes Leben für Alle möglich ist, sich im täglichen Brot zeigt.

Ein junger deutscher Bäcker aus Karlsruhe hat in einem der Armenviertel von Varanasi eine kleine private Schule gegründet. Ganz naiv und einfach überwältigt von dem, was er bei einer Indienreise vor 12 Jahren gesehen hat. Inzwischen finanziert sich die Schule durch eine Bäckerei und ein Gästehaus dort (Brown Bread Bakery Varanasi). Das Schulprojekt heißt: (Learn for Life – Another World is Possible) „Fürs Leben Lernen – eine andere Welt ist möglich“. Es gibt ein Helferteam um ihn herum, das aus christlichen oder humanitären Motiven engagiert mitarbeitet. Sein persönlicher Einsatz hat Kreise gezogen und andere mit hineingezogen.

Die Schule hat Platz für etwa 80 Kinder. Die würden sonst betteln gehen oder Billigramsch an Touristen verkaufen. Die Mädchen und Jungen bekommen zu essen, sie lernen schreiben und rechnen. Auch ihre weitere höhere Schulausbildung wird finanziert und begleitet. Aus den persönlichen Ersparnissen und der Initiative eines Einzelnen wurde mit den Jahren ein beeindruckend stabiles und ausstrahlungskräftiges Hilfsprojekt, das vielen Kindern und ihren Familien eine Zukunftschance gibt.

In Varanasi, in dieser Stadt, in der sich Menschen, so scheint es, nicht um das gegenwärtige Leben kümmern, sondern um ihr Seelenheil. Eine Stadt, die vor Heiligkeit überschnappt und überläuft. Zu der Menschen kommen, die ins heilige Wasser des Ganges getaucht werden wollen, bevor ihr Leichnam verbrannt wird. Die voll ist mit Pilgern von überall her, die einmal von Varanasis Heiligkeit berührt werden wollen und eine spirituelle Erleuchtung suchen. Man kann sich dort der Not der Bettler und Krüppel nicht entziehen, die als letzte Rettung in ihrem Elend auf das Mitleid der Gläubigen hoffen. So habe ich es empfunden und erlebt.

In dieser Stadt der Gottsucher gibt es einen Hoffnungsort, an dem Kinder und auch Erwachsene das Brotbacken lernen – und zugleich, dass eine andere Welt möglich ist. „Um den Glauben muss gebetet werden wie ums täglich Brot“. Ich bin froh, dass ich das gesehen habe.

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„Mein Tag müsste 48 Stunden haben“, sagt eine Kollegin, und ich denke: Bloß nicht. Mir reicht es völlig, was sich in den 24 Stunden ereignet, die der Tag hat. Zum Glück geht das nicht: Die Zeit zu verdoppeln, auch wenn die Versuchung groß ist, immer noch mehr hineinzupressen in die Minuten, Stunden und Tage.

Der Wirtschaftswissenschaftler Niko Paech setzt sich mit der Frage auseinander, wie die Tendenz, nicht nur das wirtschaftliche Wachstum zu steigern, sondern auch die persönliche Zeit effizienter zu gestalten, unsere Gesellschaft prägt. Und wie es anders sein könnte.

Er und andere sagen: Das wirtschaftliche Wachstum wird durch weniger werdende Ressourcen gebremst und verändert. Damit man in diesem Prozess nicht der Not gehorchen muss, sondern ihn gestalten kann, braucht es große politische Veränderungen. Und dafür braucht es Vordenker, die zugleich auch persönlich überzeugen durch ihre Lebensweise: Menschen, die das Auto, die Waschmaschine oder Handwerksgeräte teilen, die bewusster reisen, Arbeit besser verteilen, Überflüssiges reduzieren, weniger konsumieren. Es gibt viele Beispiele, wie das im Kleinen funktioniert, zum Beispiel bei Tauschringen oder bei sharing-Modellen in Nachbarschaften. Im Großen muss eine Debatte über globale Postwachstums-Konzepte geführt werden.

Sich bewusstmachen, dass es Grenzen des Immer-Weiter-Wachsens gibt, ist zunächst aber auch ein ganz persönlicher Prozess. Dieser kann mit dem eigenen Umgang mit Zeit beginnen.

Ich kann einen Sonnenuntergang nicht beschleunigen. Wenn ich ihn erleben will, muss ich Zeit mitbringen. Das Glas Wein am Abend ist nicht genussreicher, wenn ich es hinunterstürze, auch wenn der Abend nur wenige Stunden hat, in die ich möglichst viel hineinpacken will. Genießen braucht Zeit. Ich brauche Zeit, um über etwas nachzudenken, das im Trubel der täglichen Aufgaben keinen Platz hat. Ich brauche Zeit für ein Telefongespräch mit einer Freundin oder für ein Mittagessen mit Kollegen, bei dem nicht schon die nächsten Aufgaben besprochen werden.

Das weiß man doch, oder? Und trotzdem passiert mir es immer wieder: Dass ich versuche, meine Zeit möglichst effizient zu füllen, damit ich Zeit für anderes habe – und habe doch nichts gewonnen dabei außer dem Gefühl, die Stunden noch voller gepackt zu haben.

Zeit wächst nicht, sie ist einfach da. Ich kann und soll sie füllen. Nicht 48, sondern 24 Stunden am Tag. Das überfordert mich manchmal, klar. In Bibel steht: „Meine Zeit, Gott, steht in deinen Händen.“ (Ps.31,16) Das heißt für mich: Lebenszeit ist keine Optimierungsaufgabe. Sie ist geschenkt.

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„Über sieben Brücken musst du gehn ….“: Es ist wirklich schon lange her, dass ich das Lied oft und oft gehört und mitgesungen habe. Aber es ist mir noch im Ohr, und beim Refrain bin ich immer noch textsicher.

Das Lied gehört zu meinen Jugenderinnerungen. Der Songtext ist von Peter Maffay, ein Musiker, der in den letzten Jahrzehnten die deutsche Pop- und Rockszene mitgeprägt hat. Er ist gestern bei der Eröffnung der „Woche der Brüderlichkeit“ geehrt worden, für sein entschiedenes Eintreten gegen antisemitische und rassistische Tendenzen in Politik, Gesellschaft und Kultur. Er ist als Brückenbauer gefeiert worden mit seinem Engagement für Toleranz und ein friedvolles Miteinander-Leben.

 „… siebenmal wirst du die Asche sein, aber einmal auch der helle Schein …“: Ich habe den Songtext nachgelesen und mich gefragt, warum das Lied damals so wichtig für mich, für uns war. Vielleicht, weil er ein Grundgefühl der jungen Generation beschreibt. Man will anders leben als die Älteren. Die politischen Konflikte werden einem bewusst, die gesellschaftlichen Gräben. Wie da hinüberkommen? Wie kann eine Welt aussehen, in der es gerecht zugeht? Eine Welt, in der alle genug zum Leben haben? Eine Welt ohne Waffen? Die Welt braucht Brückenbauerinnen und Brückenbauer über diese Abgründe hinweg.

Das diesjährige Motto dieser Woche, die schon seit 1952 von den Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit gestaltet wird, heißt: „Angst überwinden – Brücken bauen“. Es knüpft für mich an dieses Gefühl an.

Ich kenne Brückenbauer. Menschen, denen es gelingt, durch Worte und Gesten Brücken zu bauen zwischen Menschen, die einander fremd sind. Das ist möglich, weil sie für beide Seiten vertrauenswürdig sind. Sie bauen durch ihre Person eine Brücke über das Nicht-Verstehen und die Sprachlosigkeit hinweg.

Die Welt braucht Brückenbauerinnen und Brückenbauer. Die über Gräben hinweg Vertrauen aufbauen, zu einer anderen Generation, einer anderen Nationalität und Kultur, einer anderen religiöse Prägung. Die wissen: Wer Brücken bauen will, muss die Aufsetzpunkte auf beiden Seiten kennen. Muss zum Beispiel auf der einen Seite die Angst verstehen, die Menschen auf der Flucht mit hierherbringen. Muss sich auf der anderen Seite vorstellen können, wie sich die Angst anfühlt: Ich komme bestimmt zu kurz, wenn die jetzt hier sind. Muss sich in beide Seiten hineindenken können, die doch eigentlich einen gemeinsamen Traum teilen: dass das eigene Leben gelingen soll, mit einer Familie, sicherer Arbeit, stabiler Gesundheit. Vielleicht lässt sich auf diesen Traum eine Brücke bauen?

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Heute finde ich in meinem Adventskalender ein Gedicht von Jehuda Amichai, das mich sehr berührt:

„An dem Ort,/ an dem wir Recht haben,/ werden niemals Blumen wachsen / im Frühjahr. /
Der Ort, an dem wir / Recht haben, / ist zertrampelt und hart / wie ein Hof. / Zweifel und Liebe aber / Lockern die Welt auf / Wie ein Maulwurf, wie ein Pflug ...“

Der deutsch-israelische Lyriker Jehuda Amichai wurde im Jahr 1924 als Ludwig Pfeuffer in Würzburg geboren. Die Familie konnte noch rechtzeitig vor der Verfolgung im Dritten Reich fliehen und 1935 nach Israel auswandern. Jehuda Amichai ist einer der meist gelesenen Dichter und Schriftsteller in Israel.

 „Zweifel und Liebe aber lockern die Welt auf ...“ - Sein Gedicht ist ein nachdenkliches Lob des Fragens und Zweifelns an der eigenen Wahrnehmung, an der eigenen Position. Nicht aus Unsicherheit, sondern aus der Sicherheit der Liebe, die die Kraft hat, Zugeständnisse zu machen.

Ich verstehe das so: Selbst wenn ich im Recht bin mit dem, was ich denke und erfahren habe, dann könnte die Liebe mich doch zweifeln lassen, ob es mir und anderen guttut, wenn ich gerade jetzt mein Recht behaupte oder einfordere. Gewiss, ich will mich nicht verbiegen lassen oder auf eine falsche Spur steuern, indem ich Verkehrtes unwidersprochen laufen lasse. Aber es könnte doch sein, dass es Momente gibt, in denen es wichtig ist, aufs Rechthaben oder auch aufs Rechtbehalten-Wollen zu verzichten. Damit das Gespräch weitergehen und – wer weiß – Einsicht wachsen kann. Damit der Andere nicht so beschämt ist, dass der Weg verbaut wird.

Wer mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, wird gar nicht so selten in diese Situation kommen. Ist es richtig, mit meiner Lebenserfahrung ihnen gegenüber immer wieder darauf zu bestehen, dass ich Recht habe? Oft können sie ja noch nicht wissen, was ich schon weiß oder einschätzen kann. Wo mir diese Zurückhaltung gelingt, beharre ich nicht auf dem „Ich habe recht“. Sondern denke: Vielleicht habe ich mich ja auch in meinen Erfahrungen eingeschlossen und sehe nicht mehr, was auch sein könnte? „Zweifel und Liebe aber lockern die Welt auf ...“

In einem alten Adventslied heißt es: „O Erd, herfür dies Blümlein bring, / o Heiland aus der Erden spring“ (s.u.). Es beschreibt die Sehnsucht der Gläubigen, dass Gott zur Welt kommen und sie verändern soll. Es singt voller Hoffnung und großer Kraft gegen das Verhärtete an, gegen die Erfahrung, wie schwierig es ist, die Welt zu verändern. Es sät den Zweifel, man könne nichts tun. Ja: Im Advent lockern „Zweifel und Liebe aber“ die Welt auf.

EG 7 O Heiland reiß die Himmel auf

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„Kein Mensch ist eine Insel“. Dieser Spruch steht heute in meinem Adventskalender. Der Satz fängt die Empfindung ein: Menschen leben nicht beziehungslos, sondern stets bezogen auf das, was sie umgibt.

Der Satz hat sich als Zitat, als Buchtitel, sogar als Graffiti-Spruch längst selbständig gemacht. Ursprünglich stammt er aus einem Gedicht von John Donne, der etwa zur Zeit Shakespeares gelebt hat. Dieses Gedicht fängt auf Englisch mit eben dem Satz an: „No man is an Iland.“ – Kein Mensch ist eine Insel.

Der deutschen Version geht leider das geniale Wortspiel ab, mit dem das Thema des Gedichts pointiert wird: Denn im Englisch des John Donne schreibt sich das Wort „Island“ – das unserem „Eiland“ entspricht – noch nicht mit „s“ sondern ohne: „iland“. Und damit bekommt das alte Wort einen aufregenden Doppelsinn: „No man is an iland“ heißt dann nämlich auch: Kein Mensch ist ein Ich-Land.

Das Gedicht geht weiter: „...begrenzt in sich selbst. / Jeder Mensch ist ein Stück vom Kontinent, ein Teil aus dem Ganzen; … / jedermanns Tod macht mich geringer, / denn ich bin verstrickt ins Schicksal aller ...“

Kein Mensch ist ein Ich-Land. Schon in der Schöpfungserzählung heißt es: „Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei, ich will ihm eine Hilfe schaffen.“ (1.Mose 2,18) Der Schöpfer formt aus Erde, aus der Adamah, den Adam, und aus ihm einen zweiten Erdling, Eva genannt, Mutter allen Lebens. In der Vorstellung der Erzähler das erste Menschenpaar, im ursprünglichen Text heißt es allerdings zunächst einmal: eine Hilfe.

Das Ich, der Mensch, braucht ein Gegenüber, braucht eine Hilfe und eine Ergänzung, braucht einen, mit dem er reden, lachen und streiten, den er lieben, umsorgen und fragen kann. Braucht eine andere Sicht auf die Welt als nur die eigene, braucht andere Klänge und Töne und Worte, als er allein sie finden kann.

Dass der Mensch nicht alleine sein soll, ist in der Schöpfungserzählung kein Plädoyer für traute Zweisamkeit. Vielmehr soll er sich als Teil der ganzen Schöpfung verstehen. Denn zunächst einmal bekommt der Erdling Adam Gesellschaft von den Tieren auf dem Feld und den Vögeln unter dem Himmel. Und dann erst eine Hilfe, die ihm entspricht.

Kein Mensch ist eine Insel – kein Mensch ist ein Ich-Land. Gerade in der Adventszeit lässt sich dem gut nachspüren. Die Bereitschaft wächst, einander eine Hilfe zu sein. Das zeigt sich auf ganz verschiedene Weise: in großherzigen Geldspenden, in der Aufmerksamkeit für Andere, darin, dass Menschen erleben, wie gut ist es, füreinander da zu sein.

No man is an iland, Entire of itself, Every man is a piece of the continent, A part of the main. If a clod be washed away by the sea, Europe is the less. As well as if a promontory were. As well as if a manor of thy friend's Or of thine own were: Any man's death diminishes me, Because I am involved in mankind, And therefore never send to know for whom the bell tolls; It tolls for thee.
(John Donne, 1572-1631)

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In meinem Adventskalender bin ich auf den Satz gestoßen: „Mach’s wie Gott: Werde Mensch!“ - Das ist in seiner Knappheit ein sehr einprägsamer Appell an unsere Mitmenschlichkeit und an das Gebot der Nächstenliebe. In der Adventszeit lässt sich davon besonders gut erzählen. Zugleich greift der Satz einen Grundgedanken der Theologie auf.
Gott wird Mensch. Das steht schon ganz am Anfang der Bibel: Gott verkörpert sich in seiner Schöpfung. In ihrer Leiblichkeit, Endlichkeit und Erdenhaftigkeit.

Es wird erzählt: Gott erschließt sich selbst, indem er den Menschen zu seinem Bild erschafft (1. Mose1, 26f.). Nun kann das ja nicht bedeuten, dass Gott sich in seiner Gestalt in seinen Geschöpfen so abbildet, dass ich daraus schließen könnte: So sieht Gott aus. Das wäre absurd. Die Unterschiedlichkeit der Menschen ergibt eine Vielzahl von möglichen Bildern des Schöpfers. Keines kann ihm entsprechen oder ihn auf ein bestimmtes Aussehen festlegen. Das Verbot, sich von Gott ein Bild zu machen, verstärkt diese Erkenntnis. Denn die Göttervorstellungen des Alten Orient kennen menschen- oder tierähnliche Göttergestalten. Der Glaube an den Einen Gott jedoch wendet sich von den Götterbildern ab.

Der Theologe Markus Mühling schlägt vor, besser von einer Resonanz zwischen Gott und Mensch zu sprechen als davon, dass Menschen zum Bild Gottes geschaffen seien. Das Bild repräsentiert etwas, hat ein Urbild und ein Abbild. Beides kann man jeweils für sich betrachten. Der Begriff der Resonanz hingegen geht von einer Beziehungsstruktur aus.

Resonanz entsteht aus Schwingungen, die sich aufeinander beziehen. So sind zum Beispiel bei einem Musikinstrument der Instrumentenkorpus und die Saite ohne einander nicht denkbar. Resonanz ereignet sich, in dem etwas schwingt und dadurch Klang hervorbringt.

Wenn ich mich als eine Resonanz Gottes, des Schöpfers, denke, dann sage ich damit: Ich klinge und schwinge bezogen auf Gott, den Schöpfer. Und zugleich beziehe ich mich auf alles Geschaffene um mich herum.
Das erfahre ich sehr anschaulich im Singen. Denn Singen ist ein Sich-Äußern, aber zugleich auch ein In-Mich-Aufnehmen. Ich erfahre Resonanz. Es entsteht etwas Klangvolles.

Im Advent wird viel gesungen. In alten und neuen Liedern breitet sich Botschaft von Frieden und Liebe aus. Sie heißt: Gott wird Mensch und kommt zur Welt. Ich nehme diese Botschaft in mich auf und stimme im Singen zugleich in diesen Klang mit ein.

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„Luther und die Avantgarde“: So heißt eine Ausstellung im Alten Gefängnis in Wittenberg. Die konzeptionelle Idee ist: Zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler setzen sich mit reformatorischen Impulsen auseinander. Insgesamt 66 Künstlerinnen und Künstler beteiligen sich daran und haben in einer Gefängniszelle oder einem Treppenhaus oder einem Flur ein Kunstwerk inszeniert. Das Ergebnis: Der Ort der Unfreiheit hat sich in einen Ort der freien Kunst verwandelt.

Für viele der Künstler sind die Reformatoren kraftvolle Veränderer ihrer Zeit, die Machtstrukturen hinterfragt und aufgebrochen haben. Die Reformation hat große gesellschaftliche Prozesse in Gang gebracht. Kann Kunst heute solche Kraft entfalten?

Zum Beispiel: Ein durchgesägter Betonblock in einer der Gefängniszellen, fast raumfüllend. Der Block ist wie eine Frucht in der Mitte aufgeklappt. Man erkennt eine ausgeschnittene Hohlform - den Umriss eines hockenden, zusammengekrümmten Menschen. Es wirkt, als sei dieser soeben dem Betonblock entstiegen und habe einen Leerraum zurückgelassen. Als sei er ausgebrochen. Irgendwo an der Wand steht: „Die Gedanken sind frei“.

Der chinesische Konzeptkünstler und Bildhauer Ai WeiWei hat diese Skulptur in die Gefängniszelle gestellt und damit an seine wiederholte Inhaftierung als Menschenrechtler und Regimekritiker in China erinnert. Er lebt heute im Exil in Berlin, hoch geehrt von verschiedenen Kunstinstitutionen. Mit seiner Skulptur will Ai WeiWei deutlich machen, dass das Regime ihn zwar an Leib und Leben bedrohen, aber ihm nicht die Freiheit des Denkens nehmen konnte.

Woher hatte Ai WeiWei die Kraft, sich aus seiner Gefangenschaft hinauszudenken und seine innere Freiheit zu bewahren? Seine Lebensumstände waren ständig bedroht. Es gab immer wieder neue Vorwürfe der chinesischen Regierung gegen ihn. Man entzog ihm seinen Pass, schränkte seine Reisefreiheit ein. Doch er liess sich nicht einschüchtern und mundtot machen. Bei all dem war er nicht alleingelassen. Ein großes internationales Netzwerk an Künstlerfreunden und Politikern unterstützte ihn und sorgte dafür, dass seine Proteste ein internationales Echo erfuhren.

Manches davon erinnert mich an Martin Luthers unbeirrbare Durchsetzungskraft. Bei Luther erwächst sie aus dem Festhalten an der inneren Freiheit, die aus dem Glauben kommt. Christliche Freiheit nährt sich aus der Überzeugung, dass Gott den Menschen liebt, und dass diese Liebe dem Menschen seine unverlierbare Würde gibt. Dieser Betonblock mit der Andeutung einer Figur, die aus der Gefangenschaft ausgebrochen ist, findet eine neue kraftvolle Bildsprache dafür.

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