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08OKT2022
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„Wer nix werd, werd Wert.“ Auf Hochdeutsch: Wer nichts wird, wird Wirt. Diesen Satz habe ich schon öfter gehört. Ich finde es daneben, wenn so abschätzig über Gastwirte geredet wird. Ich kenne ein paar davon näher und weiß aus eigener Erfahrung, dass diese Aussage so nicht stimmt.

„Wer nichts wird, wird Wirt.“ - damit ist gemeint: Zum Gastwirt braucht man keine besondere Ausbildung und keine speziellen Kompetenzen - Wirt kann jeder werden, auch der, der sonst nichts hinbekommt. Das stimmt überhaupt nicht. Es ist zwar keine direkte Ausbildung dazu nötig, um Gastwirt zu werden oder ein Restaurant zu leiten. Aber dazu braucht man Fähigkeiten auf mehreren Ebenen: Speisen und Getränke, Küche, Personalführung, Betriebswirtschaft, soziale und kommunikative Kompetenz, also menschliche Fähigkeiten - und noch dazu einen guten Riecher für vieles, vor allem für die Menschen, für ihre Bedürfnisse und für das, was ihnen gut tut. All das muss ein Wirt beherrschen, wenn sein Lokal gut gehen soll.

Ich habe einen Wirt vor Augen, der seine Kunst beherrscht. Nikolaus leitet ein Restaurant, ein beliebtes Vereinslokal direkt bei Sportstätten. Es hat Hunderte von Stammgästen, die z.T. auch zum Mittagstisch kommen und dort ihre Familienfeste feiern. Nikolaus kennt sie alle persönlich. Und er geht auf sie zu. Ein kleines Schwätzchen beim Bedienen - das tut den Gästen einfach gut. Nikolaus strahlt etwas aus: Man spürt, dass er Freude an den Menschen und am Leben hat. Das prägt die Atmosphäre im Restaurant. Die Gäste fühlen sich wohl. Es ist wunderbar, wenn man bei einem guten Essen und im Gespräch miteinander mal abschalten und es sich gut gehen lassen kann. Wenn ein Gastwirt das möglich macht, dann ist das viel wert!

Also ist es auch kein Wunder, dass in der Bibel Gott auch als Gastwirt, als Gastgeber gezeichnet wird: Der Prophet Jesaja beschreibt die Vollendung des Lebens, den Himmel, als ein großes Festmahl mit den feinsten Speisen und erlesenen Weinen. Dazu lädt Gott zu sich ein. Ein schönes Bild von Gott! Möge er auch unsere Gastwirte beschützen und segnen, damit sie ihren Gästen schon einen kleinen Vorgeschmack des Himmels bereiten!

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07OKT2022
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Vor kurzem ist ein Freund gestorben. Nach der Beerdigung hatte ich noch einen Gedankenaustausch per Mail mit einem seiner Söhne. Ich habe ihm dabei auch geschrieben: „Dass ich bei der Beerdigung dabei war, das war für mich eine Ehren-Sache; ‚jemandem die letzte Ehre geben‘ ist mir wichtig - auch wenn ich weiter an ihn denken und für ihn beten werde. In Zukunft werde ich jedes Jahr an seinem Geburtstag und Todestag eine Messe für ihn feiern.“

Auf diese Passage antwortete der Sohn: „Es tröstet mich wirklich sehr, dass mein Vater nicht vergessen wird. Ich bin ihm sehr dankbar für ganz Vieles! Der Begriff der Ehre scheint mir in diesen Zeiten nicht besonders en vogue zu sein.Umso mehr beeindruckt mich diese Haltung, wenn ich das sagen darf.“

Für mich steckt in dieser Redewendung „jemandem die letzte Ehre geben“ sehr viel drin.

Direkt gemeint damit ist, dass man mit der Beerdigung mitgeht, dass man den Toten auf seinem letzten Weg begleitet. Das ist ein äußeres Zeichen, das etwas Inneres widerspiegelt. Darin kommt meine Beziehung zu dem Verstorbenen zum Ausdruck, dass er mir wichtig war, dass ich ihn schätze, dass er mir etwas bedeutet. Mehr noch: Die Redewendung „jemandem die letzte Ehre geben“ macht darauf aufmerksam, dass jedem Menschen Ehre zukommt. Jeder Mensch trägt in sich eine ihm eigene, unverlierbare Würde, einen unbedingten Wert, seine Ehre. Ich kann den anderen ent-würdigend und ent-ehrend behandeln - und ich kann so mit ihm umgehen, dass er seinen Wert und seine Ehre spürt.

Wenn ich einem Menschen schon zu Lebzeiten so begegnet bin, dann ist umso mehr dahinter, wenn ich ihm auch „die letzte Ehre gebe“. Dann hängt die „letzte Ehre“ nicht in der Luft, sondern dann ist sie die Vollendung der Wertschätzung, die ich diesem Menschen vorher schon entgegengebracht habe. Darauf kommt es letztlich an.

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06OKT2022
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Derzeit liegt vieles in der Luft, was bedrückend ist und Angst macht. Vor allem der Ukraine-Krieg und seine Folgen: Neue weltpolitische Gefährdungen, bei uns die Energiekrise, die enorm steigenden Preise. Unser gewohnter wirtschaftlicher Wohlstand schwindet dahin. In mancher Hinsicht ist nicht klar, wie es weiter geht. Verunsicherung greift um sich. Es breitet sich ein Gefühl der Ohnmacht aus. Und wir können nichts dagegen oder auch dafür tun, dass der Spuk bald vorbei ist.

Ohnmacht zu spüren ist kein gutes Gefühl. Deshalb wird es oft abgetan oder verdrängt. Aber das hilft nicht weiter. Es rumort dann im Inneren umso mehr. Das lähmt, lässt uns resignieren, gar depressiv werden - oder lässt uns in Aktionismus verfallen, der eine Art „Befreiungsschlag“ sein soll. Aber auch der führt nicht aus der Ohnmachts-Situation heraus.

Doch kann ich auch heilsam mit Ohnmachtsgefühlen umgehen - indem ich sie wahrnehme und zulasse. Indem ich mir eingestehe: „Ja, wir sind jetzt in mancher Hinsicht ohnmächtig. Und das setzt mir innerlich zu. Mein Ohnmachtsgefühl ist da, es gehört derzeit zu mir. Und deshalb nehme ich mein Ohnmachtsgefühl an, weil ich mich annehme mit dem, wie es mir derzeit geht. Gott nimmt mich ja auch so an.“ Wenn ich in diesem Sinn „Ja“ sagen kann zu meinem Ohnmachtsgefühl, dann hat es keine Gewalt mehr über mich, dann kann es mich nicht mehr blockieren oder ungut antreiben. Wenn ich die Ohnmachtserfahrung annehme, dann kann es gut weiter gehen – dann schenkt das innere Freiheit, dann können genau dadurch neue Kraft und neue Kreativität wachsen – und dann kann ich besser mit der schwierigen Situation umgehen.

Übrigens hat auch Jesus in mancher Hinsicht Ohnmacht erlebt. Viele Menschen haben ihn nicht verstanden oder gar abgelehnt - bis er dann zum Verbrechertod am Kreuz verurteilt worden ist. In seiner Passion hat er sich ganz in diese Ohnmacht hineinbegeben. So hatte sie innerlich keine Macht über ihn. Und Gott hat in der Auferweckung Jesu deutlich gemacht: Gottes Macht ist größer als alle Ohnmacht. Das kann auch uns helfen, so dass wir aus einer Ohnmachtserfahrung gestärkt und mit neuer Lebendigkeit herauskommen können.

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13JUL2022
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Ferien, Urlaubs: Die beste Möglichkeit, einmal ein wenig Abstand zu gewinnen.

So gern ich meinen Beruf ausübe: Ich freue mich auch sehr auf meinen Urlaub. Ich werde ein paar Freunde besuchen, und dann mache ich eine Rundreise durch Portugal. Mal ‘was Anderes sehen, neue Welten kennenlernen. Mich mit lieben Menschen austauschen, die weiter weg wohnen.

Das bringt mir Abstand vom Alltag. Und das ist wichtig, zumindest von Zeit zu Zeit. Schon nach Ostern war ich eine knappe Woche weg - aber das hat gereicht, dass ich auch innerlich rauskommen konnte aus dem, was mich allzu sehr beschäftigt hat, was mich im Griff gehabt hat. Ich konnte ein wenig aufatmen und neue innere Freiheit gewinnen. Der äußere Abstand hat einen wohltuenden inneren Abstand mit sich gebracht. Ich konnte dann meinen Dienst und meinen Alltag wieder mit anderen Augen sehen - und manches auch anders angehen. Und dann kam ich auch wieder auf neue Ideen.

Das Gegenteil habe ich auch schon erlebt. Einen Mann in den besten Jahren, der ganz in seinem Beruf aufgegangen ist. Er hat sich gerühmt, dass er nie einen freien Tag macht, braucht er nicht. Ich hatte schon bei der Begegnung mit ihm einen zwiespältigen Eindruck. Und der hat sich dann leider bestätigt: Acht Wochen später hatte er einen burn out. Am Ende musste er seinen Beruf aufgeben.

Sich eine Unterbrechung gönnen ist lebensnotwendig. Nicht nur durch Urlaub und Wegfahren. Auch im Alltag. Auch Jesus hat sich immer wieder rausgezogen aus seinem Dienst für die Menschen, auch, wenn er damit noch nicht fertig war. Eine Ruhepause mit seinen Jüngern, eine Nacht für sich allein auf einem Berg, das Gebet zu Gott - dabei konnte er den nötigen Abstand gewinnen, um mit neuer Kraft und mit neuer Freiheit das Seine zu tun.

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12JUL2022
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Eine warme Dusche empfindet Dominik Bloh noch immer als Luxus. Schon als Teenager musste er auf der Straße leben. Seine Mutter psychisch krank, den Vater kannte er nicht, der Stiefvater prügelte ihn. Schulden, Diebstähle, Drogen, Schlägereien, Knast. Und dann landete er auf der Straße. Doch er hat es geschafft. Jetzt ist er ganz auf der Spur des Lebens. Er hat sogar Abitur gemacht. Aber er hat nichts vergessen von dem, was er früher erlebt hat. Im Gegenteil: Er engagiert sich jetzt für Obdachlose, für Menschen, die heute in der Situation sind, in der er selbst war.

Mit seinem Projekt „GoBanyo“. Ein Bus mit diesem Namen fährt durch Hamburg. Und Container mit dieser Aufschrift gibt es auch. Im Bus und in den Containern können Menschen, die keine Wohnung haben, sich ungestört duschen, rasieren und pflegen. Dominik Bloh weiß aus eigener Erfahrung, wie man sich fühlt, wenn man weder sich noch seine Klamotten richtig waschen kann. Wenn man stinkt. Wenn dann das eigene Selbstwertgefühl im Keller ist. Und er kennt die strahlenden Gesichter der Menschen, die den Bus nach einer halben Stunde sauber verlassen. Einer davon sagte mal zu ihm: „Ich fühle mich wie ein junger Gott!“ Nur weil er sich endlich mal richtig duschen und rasieren konnte! „Waschen ist Würde.“ sagt Dominik Bloh. Und deshalb hat er das Projekt „GoBanyo“ aufgebaut. Als gemeinnützige GmbH, die inzwischen sieben Mitarbeitende hat.

Trotzdem bilden sich immer mal wieder Schlangen vor den Badkabinen. Der Bedarf ist groß. Deshalb macht Dominik Bloh weiter. Und er fordert auch: „Jeder Mensch muss würdevollen Wohnraum bekommen.“ Das steht so auch im Berliner Koalitionsvertrag.

Bewundernswert, das Engagement von Domink Bloh. Wie er die Wende in seinem Leben geschafft hat? Als Straßenjunge merkt er, dass er etwas tun muss, um seine Situation zu ändern. Und er beschließt, anderen zu helfen. Er engagiert sich ab 2015 für Flüchtlinge. In einer Kleiderkammer ist er morgens der Erste und abends der Letzte der Helfer. Dort findet er Freunde - und er findet dabei sich selbst. Und das kommt ihm jetzt zugute - und all denen, die von seinem Projekt profitieren.

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Von Dominik Bloh und seinem Projekt habe ich erfahren durch den Artikel „Waschen ist Würde.“ von Andrea Hösch in Sozialcourage (Das Magazin für soziales Handeln, hg. vom Deutschen Caritasverband, Freiburg; www.sozialcourage.de ) 2|2022, S.20-21.

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11JUL2022
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Da liegt es vor mir: Ein rundes, altes, abgenutztes Frühstücksbrettchen. Ab und zu benutze ich es. Ansonsten hat es einen besonderen Platz in meinem Küchenschrank. Denn es ist das Frühstücksbrettchen meines Vaters. Er ist vor vier Jahren mit 91 Jahren gestorben. Viele Jahre lang hat er darauf sein Frühstück gemacht. Das sieht man dem Brettchen an. Im Holz sind tiefe Rillen, man sieht die Spuren des Messers. Es ist wirklich abgenutzt.

Jemand anderes hätte es schon längst weggeworfen. Aber für mich ist es etwas ganz Wertvolles. Wenn ich von Zeit zu Zeit mal meine Brote darauf schmiere, dann tue ich das ganz ehrfürchtig. Weil das Brettchen mich ganz stark an meinen Vater erinnert, an unsere Familie und an mein Elternhaus. Ich sehe ihn dann ganz lebendig vor meinem inneren Auge dasitzen, an seinem Platz am Küchentisch. Wie er mit uns gefrühstückt hat, um gestärkt in den Tag gehen zu können. Vorher hatte er schon im Garten gearbeitet. Und dann fuhr er zur Arbeit, und danach hat er sich in seinen Ehrenämtern im Dorf engagiert.

So wird aus der Erinnerung auch all das wieder lebendig, was er für uns getan hat; wofür er Kraft gebraucht hat und wofür er seine Kräfte eingesetzt hat. Vor allem, wie er als Bürgermeister für die Leute mit all ihren kleinen und großen Anliegen da war. Auch das kommt für mich in seinem Frühstücksbrettchen zum Ausdruck. Ich bin froh, dass ich es habe; dass es mich immer wieder neu daran erinnert, was meinem Vater Kraft gab, was ihm wichtig war, was sein Lebenswerk war. Jedes Erbe beinhaltet auch einen Auftrag; dieses kleine Erbstück führt mir den Auftrag vor Augen, das weiterzuführen, was meinem Vater wichtig war, und meine Kräfte sinnvoll einzusetzen.

Gut, dass es solche Erinnerungsstücke gibt, die uns an wichtige Menschen und Erfahrungen erinnern und die uns eine Botschaft für unseren Weg mitgeben.

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10JUL2022
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Eine Woche lang fast ohne Stimme - das war hart für mich! Seit Jahren hatte mich wieder mal eine Erkältung erwischt. Das bin ich gar nicht gewohnt. Sprechen konnte ich noch einigermaßen - aber singen ging gar nicht mehr. Können Sie sich vorstellen, wie mir das zu schaffen gemacht hat? Normalerweise singe ich jeden Tag. Die Psalmen beim kirchlichen Stundengebet. Im Gottesdienst. Ab und zu ein Geburtstags-Ständchen oder ein Lied als gemeinsames Tischgebet. Und oft singe ich einfach vor mich hin.

Das tut mir gut. Beim Singen kann ich ausdrücken, was mich gerade innerlich bewegt. Dabei ist „der ganze Kerl“ beteiligt, Körper, Geist und Emotionen. Und das Singen wirkt auf die eigene Stimmung und auf die Seele zurück. Es erleichtert, es beschwingt, es befreit.

Und wenn man mit anderen singt oder gar im Chor, dann tut sich noch mehr. Man kann sich regelrecht zusammensingen. Nicht nur bei Gottesdiensten. Im Speyerer Dom habe ich einmal erlebt, wie die BASF eine Teambildungs-Maßnahme durchgeführt hat: 160 Mitarbeitende einer neu gebildeten Abteilung waren da, und ein geschickter Dirigent hat sie dazu angeleitet, dass sie zusammen gesungen haben - und sich dadurch zusammengesungen haben. Damit sie anschließend auch bei ihrer Arbeit besser aufeinander eingeschwungen sind.

Singen verbindet Menschen. Und es fördert und formt die Persönlichkeit. Das erlebe ich bei den über 300 Kindern und Jugendlichen in unserer Domsingschule. Die musikalische Bildung und das Singen tragen sehr dazu dabei, dass sie an Leib und Seele reifen. Selbstbewusst stehen sie da und singen. Und bekommen auch Applaus. Und spüren selbst, wie das Singen ihnen gut tut und sie aufbaut. So werden sie starke Persönlichkeiten, die ein gutes Gespür für ihr Inneres haben und sich auch gut ausdrücken können. Und die deshalb einfach gern singen. Wie ich auch.

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06APR2022
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Ein grandioses Schauspiel: Durch das runde Fenster genau im Osten leuchtet die aufgehende Sonne in einem dicken Strahl waagrecht durch den ganzen Dom - und ganz hinten spiegelt sie sich dann mitten auf dem Hauptportal. Das erleben wir im Speyerer Dom immer am Frühlingsanfang und am Herbstanfang, wenn es nicht zu bewölkt ist. Es gibt dazu einen eigenen meditativen Gottesdienst, kurz nach 6 Uhr. Der ist immer sehr gut besucht. Kein Wunder. In dunklen Zeiten ist die Sehnsucht nach Licht groß.

Der Dom ist auf das Licht ausgerichtet, auf die aufgehende Sonne im Ostern. Die Morgensonne leuchtet direkt hinein und lässt alles in neuem Licht erstrahlen. Das ist kein Zufall, sondern volle Absicht der Baumeister.

Wer durch das Hauptportal in den Dom kommt, der kommt aus dem Westen. Der Westen steht für Sonnenuntergang - Nacht - Dunkel - das Böse - das Unheil - für alles, was das Leben beeinträchtigt. Das gehört zum Leben dazu. Aber der Dom eröffnet eine andere Perspektive. Wer eintritt, schaut automatisch nach Osten. Dorthin, woher das Licht kommt. Der Dom orientiert uns auf die Quelle des Lichts und des Lebens - auf Gott hin. Er rückt Jesus Christus in den Blick. In seiner Auferstehung wird sichtbar, dass Gott stärker ist als alles Böse und als der Tod.

Dass der Dom mich auf die Quelle von Licht und Leben verweist, das provoziert in mir immer wieder Fragen: Wer und was schenkt mir im Alltag Licht und Leben? Welche Menschen, welche Erfahrungen machen mich froh und lassen mich aufleben? Bin ich innerlich ausgerichtet auf das, was mir gut tut und was mich innerlich aufbaut? Meine Erfahrung lehrt mich: Wer diesen Leitfragen nachgeht, dessen Leben wird intensiver und erfüllter.

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05APR2022
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„Der Sinn des Lebens besteht nicht darin, am Strand zu bleiben in der Erwartung, dass der Wind Neuigkeiten bringt. Die Rettung liegt im offenen Meer, im Elan, in der Suche, in der Verfolgung von Träumen, in der Verwirklichung der wahren Träume, die man mit offenen Augen hat, die harte Arbeit, Kampf, Gegenwind, plötzliche Stürme mit sich bringen. Bitte lasst euch nicht von Ängsten lähmen, habt große Träume! Und träumt gemeinsam!“

Das hat Papst Franziskus Jugendlichen zugerufen - bei seinem Besuch in Griechenland im letzten Dezember. In einem gebeutelten Land, in dem die jungen Menschen keine rosigen Zukunftsaussichten haben. In einer Zeit, in der die Pandemie vieles einschnürt und in der es weltweit etliche Konfliktherde gibt. Da ermutigt der Papst, die jungen Menschen sollen große Träume haben und sie gemeinsam angehen. Das scheint eine gute Idee zu sein, aber leider zur falschen Zeit und am falschen Ort.

Im Gegenteil! Gerade dann, wenn die Lebensumstände beschwerlich sind, gerade dann sind Träume besonders wichtig. Visionen davon, wie es gut werden kann. Zukunftsbilder, die Hoffnung und neue Kraft geben. So machen die Propheten in der Bibel den Leuten immer wieder Mut, wenn es ihnen nicht gut geht. Gerade dann soll aufleuchten, wie Gott für die Menschen da ist und welche Zukunft er ihnen eröffnet.

Dabei haben die „wahren Träume“, von denen der Papst spricht, nichts mit dem Schlaraffenland zu tun, wo einem alles von selbst in den Schoß fällt. Träume verwirklichen bedeutet, sich beherzt zu engagieren, gemeinsam anzupacken - ohne dass man sich dabei von Ängsten und Gegenwind lähmen lässt. „Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum“, hat Walt Disney gesagt.

Das hat auch etwas mit Wagnis und Risiko zu tun. Jesus fordert seine Gefährten einmal ausdrücklich auf, sie sollen aufs offene Meer hinausfahren, dorthin, wo es tief ist. Wer sich in das Offene hinauswagt und Neues angeht, dessen Leben gewinnt an Tiefgang. Erst recht, wenn er seine Träume gemeinsam mit anderen realisiert. Probieren Sie es mal aus!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35155
04APR2022
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Wieder einmal ein Stau auf der Autobahn. Ärgerlich, vor allem für die LKW-Fahrer, die ja mit ihren Lieferzeiten wirklich in die Bredouille kommen. Genauso passiert es Bahnfahrern, dass sie wegen Verspätungen und verpassten Anschlüssen nicht rechtzeitig ans Ziel und zu ihrem Termin kommen. Beides habe ich natürlich selbst auch schon öfter erlebt.

Ich könnte mich ja wirklich drüber ärgern, jedes Mal. Aber erstens kommt man dadurch nicht schneller ans Ziel. Und zweitens: Es tut nicht gut, wenn man sich durch den Ärger weiter aus dem inneren Gleichgewicht herauskatapultiert. Doch ein dritter Punkt ist für mich entscheidend geworden, dass ich mich bei Staus oder Verspätungen nicht mehr aufrege. Als ich wieder mal einen Anschluss verpasst habe, ist mir aufgegangen: Wenn wir uns darüber ärgern, liegt dem nicht auch ein Denkfehler zugrunde? Wenn wir unbewusst einfach davon ausgehen, dass alles glatt geht, ohne Stau und Verspätung, dann machen wir den Idealfall zum Normalfall - eine folgenschwere Verwechslung. Es wäre ideal, wenn wir immer gut durchkommen - aber die Erfahrung lehrt, dass diese Erwartung unrealistisch ist. Staus und Verspätungen gehören zum Mobilitäts-Alltag einfach dazu, sie sind normal. Also wäre es klug, sie einzukalkulieren. „Es ist, wie es ist“ - und nicht, wie ich es gerne hätte. Wem es gelingt, sich auf die Wirklichkeit einzustellen, dem geht es besser im Leben.

Das merke ich, wenn ich mit dem Auto von Speyer nach Mainz fahre. Das sind nur knapp 100 km. Aber ich fahre immer 1 ½ Stunden vor meinem Termin los, weil ich eben mit Baustellen, Staus und Umleitungen rechne. Deshalb komme ich immer noch rechtzeitig an, wenn es Verzögerungen gibt. Und wenn ich ohne Probleme durchkomme, dann habe ich noch etwas Luft, bevor die Sitzung oder die Rundfunkaufnahme losgeht - und das ist doch wunderbar. Kein Ärger und vielleicht noch ein wenig freie Zeit für einen kleinen Spaziergang oder einen Kaffee - was will ich mehr?!

Wer einen gesunden Realismus pflegt, der geht entspannter durchs Leben. Nicht nur beim Autofahren und Bahnfahren.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35154