Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


13JUL2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ferien, Urlaubs: Die beste Möglichkeit, einmal ein wenig Abstand zu gewinnen.

So gern ich meinen Beruf ausübe: Ich freue mich auch sehr auf meinen Urlaub. Ich werde ein paar Freunde besuchen, und dann mache ich eine Rundreise durch Portugal. Mal ‘was Anderes sehen, neue Welten kennenlernen. Mich mit lieben Menschen austauschen, die weiter weg wohnen.

Das bringt mir Abstand vom Alltag. Und das ist wichtig, zumindest von Zeit zu Zeit. Schon nach Ostern war ich eine knappe Woche weg - aber das hat gereicht, dass ich auch innerlich rauskommen konnte aus dem, was mich allzu sehr beschäftigt hat, was mich im Griff gehabt hat. Ich konnte ein wenig aufatmen und neue innere Freiheit gewinnen. Der äußere Abstand hat einen wohltuenden inneren Abstand mit sich gebracht. Ich konnte dann meinen Dienst und meinen Alltag wieder mit anderen Augen sehen - und manches auch anders angehen. Und dann kam ich auch wieder auf neue Ideen.

Das Gegenteil habe ich auch schon erlebt. Einen Mann in den besten Jahren, der ganz in seinem Beruf aufgegangen ist. Er hat sich gerühmt, dass er nie einen freien Tag macht, braucht er nicht. Ich hatte schon bei der Begegnung mit ihm einen zwiespältigen Eindruck. Und der hat sich dann leider bestätigt: Acht Wochen später hatte er einen burn out. Am Ende musste er seinen Beruf aufgeben.

Sich eine Unterbrechung gönnen ist lebensnotwendig. Nicht nur durch Urlaub und Wegfahren. Auch im Alltag. Auch Jesus hat sich immer wieder rausgezogen aus seinem Dienst für die Menschen, auch, wenn er damit noch nicht fertig war. Eine Ruhepause mit seinen Jüngern, eine Nacht für sich allein auf einem Berg, das Gebet zu Gott - dabei konnte er den nötigen Abstand gewinnen, um mit neuer Kraft und mit neuer Freiheit das Seine zu tun.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35770
12JUL2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Eine warme Dusche empfindet Dominik Bloh noch immer als Luxus. Schon als Teenager musste er auf der Straße leben. Seine Mutter psychisch krank, den Vater kannte er nicht, der Stiefvater prügelte ihn. Schulden, Diebstähle, Drogen, Schlägereien, Knast. Und dann landete er auf der Straße. Doch er hat es geschafft. Jetzt ist er ganz auf der Spur des Lebens. Er hat sogar Abitur gemacht. Aber er hat nichts vergessen von dem, was er früher erlebt hat. Im Gegenteil: Er engagiert sich jetzt für Obdachlose, für Menschen, die heute in der Situation sind, in der er selbst war.

Mit seinem Projekt „GoBanyo“. Ein Bus mit diesem Namen fährt durch Hamburg. Und Container mit dieser Aufschrift gibt es auch. Im Bus und in den Containern können Menschen, die keine Wohnung haben, sich ungestört duschen, rasieren und pflegen. Dominik Bloh weiß aus eigener Erfahrung, wie man sich fühlt, wenn man weder sich noch seine Klamotten richtig waschen kann. Wenn man stinkt. Wenn dann das eigene Selbstwertgefühl im Keller ist. Und er kennt die strahlenden Gesichter der Menschen, die den Bus nach einer halben Stunde sauber verlassen. Einer davon sagte mal zu ihm: „Ich fühle mich wie ein junger Gott!“ Nur weil er sich endlich mal richtig duschen und rasieren konnte! „Waschen ist Würde.“ sagt Dominik Bloh. Und deshalb hat er das Projekt „GoBanyo“ aufgebaut. Als gemeinnützige GmbH, die inzwischen sieben Mitarbeitende hat.

Trotzdem bilden sich immer mal wieder Schlangen vor den Badkabinen. Der Bedarf ist groß. Deshalb macht Dominik Bloh weiter. Und er fordert auch: „Jeder Mensch muss würdevollen Wohnraum bekommen.“ Das steht so auch im Berliner Koalitionsvertrag.

Bewundernswert, das Engagement von Domink Bloh. Wie er die Wende in seinem Leben geschafft hat? Als Straßenjunge merkt er, dass er etwas tun muss, um seine Situation zu ändern. Und er beschließt, anderen zu helfen. Er engagiert sich ab 2015 für Flüchtlinge. In einer Kleiderkammer ist er morgens der Erste und abends der Letzte der Helfer. Dort findet er Freunde - und er findet dabei sich selbst. Und das kommt ihm jetzt zugute - und all denen, die von seinem Projekt profitieren.

----------------------------------

Von Dominik Bloh und seinem Projekt habe ich erfahren durch den Artikel „Waschen ist Würde.“ von Andrea Hösch in Sozialcourage (Das Magazin für soziales Handeln, hg. vom Deutschen Caritasverband, Freiburg; www.sozialcourage.de ) 2|2022, S.20-21.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35769
11JUL2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Da liegt es vor mir: Ein rundes, altes, abgenutztes Frühstücksbrettchen. Ab und zu benutze ich es. Ansonsten hat es einen besonderen Platz in meinem Küchenschrank. Denn es ist das Frühstücksbrettchen meines Vaters. Er ist vor vier Jahren mit 91 Jahren gestorben. Viele Jahre lang hat er darauf sein Frühstück gemacht. Das sieht man dem Brettchen an. Im Holz sind tiefe Rillen, man sieht die Spuren des Messers. Es ist wirklich abgenutzt.

Jemand anderes hätte es schon längst weggeworfen. Aber für mich ist es etwas ganz Wertvolles. Wenn ich von Zeit zu Zeit mal meine Brote darauf schmiere, dann tue ich das ganz ehrfürchtig. Weil das Brettchen mich ganz stark an meinen Vater erinnert, an unsere Familie und an mein Elternhaus. Ich sehe ihn dann ganz lebendig vor meinem inneren Auge dasitzen, an seinem Platz am Küchentisch. Wie er mit uns gefrühstückt hat, um gestärkt in den Tag gehen zu können. Vorher hatte er schon im Garten gearbeitet. Und dann fuhr er zur Arbeit, und danach hat er sich in seinen Ehrenämtern im Dorf engagiert.

So wird aus der Erinnerung auch all das wieder lebendig, was er für uns getan hat; wofür er Kraft gebraucht hat und wofür er seine Kräfte eingesetzt hat. Vor allem, wie er als Bürgermeister für die Leute mit all ihren kleinen und großen Anliegen da war. Auch das kommt für mich in seinem Frühstücksbrettchen zum Ausdruck. Ich bin froh, dass ich es habe; dass es mich immer wieder neu daran erinnert, was meinem Vater Kraft gab, was ihm wichtig war, was sein Lebenswerk war. Jedes Erbe beinhaltet auch einen Auftrag; dieses kleine Erbstück führt mir den Auftrag vor Augen, das weiterzuführen, was meinem Vater wichtig war, und meine Kräfte sinnvoll einzusetzen.

Gut, dass es solche Erinnerungsstücke gibt, die uns an wichtige Menschen und Erfahrungen erinnern und die uns eine Botschaft für unseren Weg mitgeben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35768
10JUL2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Eine Woche lang fast ohne Stimme - das war hart für mich! Seit Jahren hatte mich wieder mal eine Erkältung erwischt. Das bin ich gar nicht gewohnt. Sprechen konnte ich noch einigermaßen - aber singen ging gar nicht mehr. Können Sie sich vorstellen, wie mir das zu schaffen gemacht hat? Normalerweise singe ich jeden Tag. Die Psalmen beim kirchlichen Stundengebet. Im Gottesdienst. Ab und zu ein Geburtstags-Ständchen oder ein Lied als gemeinsames Tischgebet. Und oft singe ich einfach vor mich hin.

Das tut mir gut. Beim Singen kann ich ausdrücken, was mich gerade innerlich bewegt. Dabei ist „der ganze Kerl“ beteiligt, Körper, Geist und Emotionen. Und das Singen wirkt auf die eigene Stimmung und auf die Seele zurück. Es erleichtert, es beschwingt, es befreit.

Und wenn man mit anderen singt oder gar im Chor, dann tut sich noch mehr. Man kann sich regelrecht zusammensingen. Nicht nur bei Gottesdiensten. Im Speyerer Dom habe ich einmal erlebt, wie die BASF eine Teambildungs-Maßnahme durchgeführt hat: 160 Mitarbeitende einer neu gebildeten Abteilung waren da, und ein geschickter Dirigent hat sie dazu angeleitet, dass sie zusammen gesungen haben - und sich dadurch zusammengesungen haben. Damit sie anschließend auch bei ihrer Arbeit besser aufeinander eingeschwungen sind.

Singen verbindet Menschen. Und es fördert und formt die Persönlichkeit. Das erlebe ich bei den über 300 Kindern und Jugendlichen in unserer Domsingschule. Die musikalische Bildung und das Singen tragen sehr dazu dabei, dass sie an Leib und Seele reifen. Selbstbewusst stehen sie da und singen. Und bekommen auch Applaus. Und spüren selbst, wie das Singen ihnen gut tut und sie aufbaut. So werden sie starke Persönlichkeiten, die ein gutes Gespür für ihr Inneres haben und sich auch gut ausdrücken können. Und die deshalb einfach gern singen. Wie ich auch.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35767
06APR2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ein grandioses Schauspiel: Durch das runde Fenster genau im Osten leuchtet die aufgehende Sonne in einem dicken Strahl waagrecht durch den ganzen Dom - und ganz hinten spiegelt sie sich dann mitten auf dem Hauptportal. Das erleben wir im Speyerer Dom immer am Frühlingsanfang und am Herbstanfang, wenn es nicht zu bewölkt ist. Es gibt dazu einen eigenen meditativen Gottesdienst, kurz nach 6 Uhr. Der ist immer sehr gut besucht. Kein Wunder. In dunklen Zeiten ist die Sehnsucht nach Licht groß.

Der Dom ist auf das Licht ausgerichtet, auf die aufgehende Sonne im Ostern. Die Morgensonne leuchtet direkt hinein und lässt alles in neuem Licht erstrahlen. Das ist kein Zufall, sondern volle Absicht der Baumeister.

Wer durch das Hauptportal in den Dom kommt, der kommt aus dem Westen. Der Westen steht für Sonnenuntergang - Nacht - Dunkel - das Böse - das Unheil - für alles, was das Leben beeinträchtigt. Das gehört zum Leben dazu. Aber der Dom eröffnet eine andere Perspektive. Wer eintritt, schaut automatisch nach Osten. Dorthin, woher das Licht kommt. Der Dom orientiert uns auf die Quelle des Lichts und des Lebens - auf Gott hin. Er rückt Jesus Christus in den Blick. In seiner Auferstehung wird sichtbar, dass Gott stärker ist als alles Böse und als der Tod.

Dass der Dom mich auf die Quelle von Licht und Leben verweist, das provoziert in mir immer wieder Fragen: Wer und was schenkt mir im Alltag Licht und Leben? Welche Menschen, welche Erfahrungen machen mich froh und lassen mich aufleben? Bin ich innerlich ausgerichtet auf das, was mir gut tut und was mich innerlich aufbaut? Meine Erfahrung lehrt mich: Wer diesen Leitfragen nachgeht, dessen Leben wird intensiver und erfüllter.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35156
05APR2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Der Sinn des Lebens besteht nicht darin, am Strand zu bleiben in der Erwartung, dass der Wind Neuigkeiten bringt. Die Rettung liegt im offenen Meer, im Elan, in der Suche, in der Verfolgung von Träumen, in der Verwirklichung der wahren Träume, die man mit offenen Augen hat, die harte Arbeit, Kampf, Gegenwind, plötzliche Stürme mit sich bringen. Bitte lasst euch nicht von Ängsten lähmen, habt große Träume! Und träumt gemeinsam!“

Das hat Papst Franziskus Jugendlichen zugerufen - bei seinem Besuch in Griechenland im letzten Dezember. In einem gebeutelten Land, in dem die jungen Menschen keine rosigen Zukunftsaussichten haben. In einer Zeit, in der die Pandemie vieles einschnürt und in der es weltweit etliche Konfliktherde gibt. Da ermutigt der Papst, die jungen Menschen sollen große Träume haben und sie gemeinsam angehen. Das scheint eine gute Idee zu sein, aber leider zur falschen Zeit und am falschen Ort.

Im Gegenteil! Gerade dann, wenn die Lebensumstände beschwerlich sind, gerade dann sind Träume besonders wichtig. Visionen davon, wie es gut werden kann. Zukunftsbilder, die Hoffnung und neue Kraft geben. So machen die Propheten in der Bibel den Leuten immer wieder Mut, wenn es ihnen nicht gut geht. Gerade dann soll aufleuchten, wie Gott für die Menschen da ist und welche Zukunft er ihnen eröffnet.

Dabei haben die „wahren Träume“, von denen der Papst spricht, nichts mit dem Schlaraffenland zu tun, wo einem alles von selbst in den Schoß fällt. Träume verwirklichen bedeutet, sich beherzt zu engagieren, gemeinsam anzupacken - ohne dass man sich dabei von Ängsten und Gegenwind lähmen lässt. „Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum“, hat Walt Disney gesagt.

Das hat auch etwas mit Wagnis und Risiko zu tun. Jesus fordert seine Gefährten einmal ausdrücklich auf, sie sollen aufs offene Meer hinausfahren, dorthin, wo es tief ist. Wer sich in das Offene hinauswagt und Neues angeht, dessen Leben gewinnt an Tiefgang. Erst recht, wenn er seine Träume gemeinsam mit anderen realisiert. Probieren Sie es mal aus!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35155
04APR2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Wieder einmal ein Stau auf der Autobahn. Ärgerlich, vor allem für die LKW-Fahrer, die ja mit ihren Lieferzeiten wirklich in die Bredouille kommen. Genauso passiert es Bahnfahrern, dass sie wegen Verspätungen und verpassten Anschlüssen nicht rechtzeitig ans Ziel und zu ihrem Termin kommen. Beides habe ich natürlich selbst auch schon öfter erlebt.

Ich könnte mich ja wirklich drüber ärgern, jedes Mal. Aber erstens kommt man dadurch nicht schneller ans Ziel. Und zweitens: Es tut nicht gut, wenn man sich durch den Ärger weiter aus dem inneren Gleichgewicht herauskatapultiert. Doch ein dritter Punkt ist für mich entscheidend geworden, dass ich mich bei Staus oder Verspätungen nicht mehr aufrege. Als ich wieder mal einen Anschluss verpasst habe, ist mir aufgegangen: Wenn wir uns darüber ärgern, liegt dem nicht auch ein Denkfehler zugrunde? Wenn wir unbewusst einfach davon ausgehen, dass alles glatt geht, ohne Stau und Verspätung, dann machen wir den Idealfall zum Normalfall - eine folgenschwere Verwechslung. Es wäre ideal, wenn wir immer gut durchkommen - aber die Erfahrung lehrt, dass diese Erwartung unrealistisch ist. Staus und Verspätungen gehören zum Mobilitäts-Alltag einfach dazu, sie sind normal. Also wäre es klug, sie einzukalkulieren. „Es ist, wie es ist“ - und nicht, wie ich es gerne hätte. Wem es gelingt, sich auf die Wirklichkeit einzustellen, dem geht es besser im Leben.

Das merke ich, wenn ich mit dem Auto von Speyer nach Mainz fahre. Das sind nur knapp 100 km. Aber ich fahre immer 1 ½ Stunden vor meinem Termin los, weil ich eben mit Baustellen, Staus und Umleitungen rechne. Deshalb komme ich immer noch rechtzeitig an, wenn es Verzögerungen gibt. Und wenn ich ohne Probleme durchkomme, dann habe ich noch etwas Luft, bevor die Sitzung oder die Rundfunkaufnahme losgeht - und das ist doch wunderbar. Kein Ärger und vielleicht noch ein wenig freie Zeit für einen kleinen Spaziergang oder einen Kaffee - was will ich mehr?!

Wer einen gesunden Realismus pflegt, der geht entspannter durchs Leben. Nicht nur beim Autofahren und Bahnfahren.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35154
29JAN2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Dass es beim Fußballspiel eine Verlängerung geben kann ist klar. Dieses Jahr gab es in Speyer auch für Weihnachten eine Verlängerung. Vier Wochen. Bis vor wenigen Tagen stand die Weihnachtskrippe des Doms immer noch. Und zwar mitten in der Stadt.

Im Dom konnten wir die Krippe nicht aufbauen. Denn das wäre angesichts von Corona zu gefährlich gewesen, wenn sich Kinder und Erwachsene vor der Krippenlandschaft drängen. Aber es gab eine andere Lösung: Geschäftsleute in der Hauptstraße waren bereit, einzelne Teile der großen Krippe in ihren Schaufenstern zu präsentieren. Ein Schuhhaus bot an, das ganze Herrenschuhfenster leer zu räumen, damit wir dort den Stall mit allen zentralen Figuren der Krippe hinstellen konnten. Das haben die Domsakristane mit viel Liebe getan. Und die ganze Zeit über sind immer wieder Leute vor dem Schaufenster stehengeblieben, haben die Krippe bewundert und Fotos gemacht - und Kinder haben ihre Nase an der Scheibe plattgedrückt.

 

Die Krippe im Schaufenster, mitten in der Stadt, dort, wo die Menschen einkaufen und flanieren gehen - das war keine Notlösung, im Gegenteil. Das illustriert einen wichtigen Aspekt des christlichen Glaubens: Gott wohnt nicht nur in der Kirche, sondern er ist mitten unter uns in unseren alltäglichen Lebensbereichen. An Weihnachten haben wir gefeiert, dass Gott in diesem kleinen Kind Jesus Mensch geworden ist. Und Gottes tiefste Absicht dabei ist ja: Er wird einer von uns - um unser Leben zu teilen, um uns nahe zu sein. Im ganz normalen Leben. Jesus hat 30 Jahre lang in Nazaret einfach so unter seinen Mitmenschen gelebt. Die Freuden und Sorgen, die zum Leben dazugehören, kennt er aus eigener Erfahrung. Und gerade deshalb möchte er uns dabei nahe sein und mit uns gehen. Auch hier und heute. Das ist eine zentrale christliche Botschaft. Die Krippe im Schaufenster hat uns daran erinnert.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34743
28JAN2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Wie Religiosität ein wirtschaftliches Rätsel löst.“ So war ein Artikel in der Zeitung überschrieben. Er geht der These nach: Wenn sich ein Land wirtschaftlich entwickelt, dann werden sich Menschen, denen es wirtschaftlich nicht so gut geht, besser fühlen. Denn in einem wohlhabenden Land geht es auch den ärmeren Menschen deutlich besser als in Entwicklungsländern.

Klingt logisch. Stimmt aber nicht. Das belegt der Autor des Artikels mit Ergebnissen einer internationalen Studie. Untersuchungen aus sieben Ländern weltweit haben herausgefunden: Der materielle Wohlstand eines Landes ist nicht ausschlaggebend für das Wohlbefinden von Armen. Die Wissenschaftler haben festgestellt: Je religiöser eine Gesellschaft ist, desto weniger belastet fühlen sich die ärmeren Menschen. „Mehr noch: In einigen Ländern mit der höchsten Religiosität fanden die Forscher sogar, dass die Zugehörigkeit zu einem niedrigen Stand sich überhaupt nicht negativ auf das Wohlbefinden auswirkt.“ Es hängt also von der Religiosität ab, ob ein geringerer sozialer Status für die Menschen „eine psychische Bürde“ ist oder ob er ihnen weniger ausmacht.

Also ist Religion doch Opium für das Volk? Vertröstung auf das Jenseits, das ablenkt von sozialen Ungerechtigkeiten im Hier und Heute? Religiosität als hochdosierte Beruhigungspille gerade für die Armen?

Aber materielle Armut ist von den Religionen nie heruntergespielt oder verharmlost worden, im Gegenteil. Gerade die Christen und die Kirchen, allen voran der Papst, tun sehr viel gegen Armut jeglicher Art. Vielleicht spiegelt das Ergebnis der Forschung gerade die Kraft der Religiosität wider. Dass religiöse Menschen ein tragfähigeres Fundament und eine tiefere innere Ausrichtung für ihr Leben haben - über das rein Materielle hinaus. Dann relativieren sich von daher materieller Reichtum und Wohlstand. Und dann hängt das Lebensglück nicht so sehr davon ab. Offensichtlich vermittelt Religiosität einen Sinn für das, was das Leben wirklich reich macht und erfüllt.

 

Ich beziehe mich auf den o.g. Artikel von Olaf Lismann in der Ausgabe der „Rheinpfalz“ vom 24.23.2021 auf der Seite „Wirtschaft“.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34742
27JAN2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Chaosfahrt mit der Deutschen Bahn. Mein Zug hatte Verspätung, der Anschluss war weg, und der nächste fiel ganz aus. Ich strandete auf dem Mainzer Hauptbahnhof.

Also ging ich zum DB-Reisecenter - mit der Frage, wie ich nun baldmöglichst weiter komme. Die Reaktion des Angestellten war befremdlich. Er reagierte unfreundlich, ja unwillig. Meine Frage schien für ihn eine Zumutung zu sein, eine Belästigung, fast so, als ob ich mich dafür entschuldigen müsste. Ich bekam dann doch noch die erbetene Auskunft, habe mich bedankt - und habe innerlich den Kopf geschüttelt. Vielleicht hat er einen schlechten Tag gehabt, vielleicht hat er aber auch den falschen Beruf - wenn er so wenig kundenfreundlich ist und so ganz ohne Freude seinen Job macht.

Und direkt anschließend habe ich die genau gegenteilige Erfahrung gemacht. Bis zum nächsten Zug hatte ich eine Stunde Zeit. Also habe ich mich in eines der Bahnhofcafés gesetzt. Habe mir an der Theke einen doppelten Espresso gekauft, mich damit an einen Tisch gesetzt und gelesen. Und habe mitbekommen, wie die beiden Männer hinter der Theke ihre Kundschaft bedient haben. So freundlich und zuvorkommend, dass einem dabei das Herz aufging. Vor allem der eine von ihnen hat öfter einen Scherz gemacht, die Kunden zum Lächeln gebracht, aufgemuntert - mit einem guten Gespür dafür, wie es ihnen gerade ging. Wie er dastand und was er sagte, das kam von innen heraus, locker und ohne Anstrengung. Es hat den Kunden gut getan - und es hat auch ihm selbst sichtlich Freude bereitet. Da stand jemand, der das Leben und die Menschen liebt und der seinen Beruf mit Herz und Leidenschaft ausübt, der dabei innerlich ganz beteiligt ist. Jemand, der den richtigen Beruf hat, weil er ihn als seine Berufung versteht. Er lebt darin das Seine, seine Persönlichkeit und seine Fähigkeiten. Und deshalb hat er diese starke Ausstrahlung.

Als an der Theke mal gerade nichts los war, habe ich den Verkäufer angesprochen - und ich habe ihm gesagt, wie wohltuend ich ihn und seine Art empfinde. Da hat er noch mehr gestrahlt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34741