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SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

06SEP2026
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Ich erschrecke immer wieder, wenn ich im Internet lese, was Menschen über Menschen schreiben. „Die sollen doch ertrinken!“ heißt es da zum Beispiel über Menschen, die übers Mittelmeer zu uns fliehen. Leute, die anders denken oder von anderen Kontinenten stammen, werden „Untermenschen“ oder „Ungeziefer“ genannt. „Kann weg“, schreiben dann manche, oder sogar „kann man vergasen.“ Solche Sätze sind mehr geworden. Rassistische und menschenverachtende Ansichten sind in Deutschland immer weiter verbreitet.

Mich erschreckt all das, es mir macht große Sorgen. Und zugleich bin ich froh darüber, wie viele Menschen sich für Menschenwürde und Mitgefühl in unserem Land engagieren. Auch in den Kirchen machen sich Menschen jetzt erst recht für Nächstenliebe und Empathie stark. Im Bistum Magdeburg zum Beispiel gibt es die Initiative „Bewusst wählen“. Sie ruft die Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt auf, ihr Kreuz auf dem Wahlzettel nicht aus dem Bauch heraus oder nur als Protest gegen etwas zu setzen. Sondern sich bewusst zu überlegen: Was will ich unterstützen? Welches Menschenbild will ich wählen?

Es klingt ja fast banal und doch ist es heutzutage nicht mehr selbstverständlich: Das christliche Menschenbild sieht Menschenwürde und Menschenrechte für jeden Menschen vor. Nicht nur für Deutsche. Nicht nur für Europäer. Sondern für jeden Menschen auf dieser Erde. Schon, weil jeder Mensch Gottes Geschöpf und Gottes Ebenbild ist. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. So steht es auch am Anfang unseres Grundgesetzes.

„Ich habe Mitleid mit den Menschen!“ So spricht Gott in der Bibel oft. Und ich wünsche mir, dass wir das als Menschen auch wieder öfter sprechen. Dass auch im Internet öfter Sätze zu lesen sind wie: „Es tut mir leid, was dir passiert ist!“ oder „Ich hoffe, diese Menschen bekommen Hilfe!“ oder „Jeder Mensch hat Würde!“

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Begegnungen

06SEP2026
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Pfarrerin i. R. Manuela RImbach-Sator Foto: Hilke Wiegers

Anne Waßmann-Böhm trifft Pfarrerin Manuela Rimbach-Sator

40 Jahre lang war sie Gemeindepfarrerin in Rheinhessen und kennt das Leben der Leute hier: die Arbeit in den Weinbergen im Rhythmus der Jahreszeiten. Und genau deshalb hat ihre Landeskirche sie jetzt, im Ruhestand, mit einer neuen Aufgabe betraut: der Winzerseelsorge. Aber warum braucht es für Winzer überhaupt ein eigenes Angebot?

Dahinter steckt die Wahrnehmung, dass es in der Weinbaubranche im Augenblick ganz besonders krisenhaft ist und dass es den Winzerinnen und Winzern, gerade den kleinen Betrieben, im Moment sehr schlecht geht und das belastet diese Menschen so sehr, dass manche sehr, sehr verzweifelt sind.

Auch früher ist das Geschäft mit dem Wein mal besser mal schlechter gelaufen – je nach Wetter oder auch der Kauflaune der Leute. Jetzt kommt aber eine Vielzahl neuer Herausforderungen noch oben drauf: Ein kompliziert gewordener Absatzmarkt, hohe Zölle im Auslandsgeschäft…

…oder die Klimakrise bewirkt, dass sich die Rebstöcke anders verhalten, die Schädlinge verhalten sich anders, die Winzer müssen mehr darauf reagieren, unter Umständen häufiger in den Wingert fahren. Das bedeutet, sie haben höhere Personalkosten, sie haben höhere Benzinkosten, also auf allen Ebenen ist das gerade besonders kompliziert geworden. Und manche mussten bereits das, was sie fürs Alter zurückgelegt haben, in den Betrieb stecken … Und das bedeutet, dass viele Winzer an dem Punkt stehen, dass sie sich fragen, ob sie nicht komplett aufgeben müssen, den Betrieb einstellen.

Was das mit den Menschen macht, kann Manuela Rimbach-Sator gut nachfühlen.

Mein ganzes Leben lang habe ich mit Winzern auch als Pfarrerin zu tun gehabt. Oft waren Winzer bei mir im Kirchenvorstand. Meine Konfirmanden haben selbstverständlich Trauben gelesen, damit der Wein zu ihrer Konfirmation selbst von ihnen gelesen war...Ich bin seit ungefähr 20 Jahren Mitglied der Weinbruderschaft Rheinhessen.

Und nun ihre neue Aufgabe: Menschen zu begleiten die vor der Entscheidung stehen: Aufgeben oder nicht? Gerade in Familienbetrieben weit mehr als eine wirtschaftliche Entscheidung.

Und das ist wiederum für einen Winzer emotional fast nicht zu machen, wenn man sich überlegt, diese Betriebe sind oft in der zweiten, dritten, vierten Generation, und gegenüber meinem Vater, meinem Großvater, zu sagen, ich bin derjenige, der den Betrieb jetzt abwickelt, das ist eine große Hürde.

Aber wie kann eine Winzerseelsorgerin helfen? Was können die Betroffenen mit der Pfarrerin besprechen, das sie mit Kollegen, Freunden oder Familie nicht besprechen können?

Mit mir können sie zunächst einmal etwas besprechen, von dem sie sicher sind, es erfährt sonst niemand. Es bleibt zwischen dem Gesprächspartner und mir.

Denn zuzugeben: „Ich kann nicht mehr.“ das ist schwer. Das geht leichter in einem geschützten Raum und bei einer Außenstehenden. Und wenn nun jemand anruft und sagt, ich weiß nicht mehr, wie es weitergehen soll. Was sagt die Seelsorgerin so jemandem?

Dann sage ich, erzählen Sie mir, was heute der Anlass war, weshalb Sie besonders heute nicht mehr können. Und dann gibt es manchmal einen Anlass, warum gerade jetzt der letzte Tropfen das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Und dann schauen wir uns diesen Anlass an und schauen von da aus weiter, was sonst alles noch ist.

Es sind ganz unterschiedliche Dinge, die das Fass zum Überlaufen bringen können. Manchmal nur Kleinigkeiten. Besonders dramatisch wird es aber, wenn es um Alter oder sogar Tod geht.

Wenn es ein Ein-Mann-, Zwei-Mann-Betrieb ist, dann ist die Krise sehr schnell, sehr existenziell. Und was besonders noch die Sache verschlimmert, ist, wenn vielleicht sogar ein Todesfall eintritt, wenn der Betriebsleiter plötzlich stirbt, oder wenn einfach die Generation, die mithilft, älter wird und nicht mehr mithelfen kann.

An diesem Punkt wird mir klar: Es geht um weit mehr als die wirtschaftliche Existenz. Das alles zusammen kann eine Seele nur schwer verkraften. Und wenn ein Betrieb wirklich nicht mehr zu retten ist, dann kommt auch noch die Scham dazu:  

Menschen halten sich für Versager, auch wenn alle anderen sagen, du bist nicht dran schuld, kann es unter Umständen sich doch so anfühlen, als hätte man da versagt und hätte etwas falsch gemacht.

Wer mit solcher Last auf der Seele bei der Winzerseelsorgerin anruft, findet bei ihr natürlich nicht die Lösung für all diese Probleme, dafür aber einen Menschen, der diese Nöte mit aushält.

Es ist eigentlich sehr viel schlimmer, das nicht auszusprechen und das laufen zu lassen und sich keine Hilfe zu holen. Und da kann die Seelsorge begleiten und kann sagen, du bist nicht dran schuld, wenn du diese ganzen Krisen, die um dich herum entstehen, als zu groß empfindest. Das ist kein Versagen, das ist eher sogar ein angemessenes Reagieren auf die Situation.

Das ist wohl der Kern ihrer Arbeit als Winzerseelsorgerin: Anlaufstelle zu sein, wenn die Betroffenen gar nicht mehr wissen, wohin mit ihrer Not.

Und in der Regel erlebe ich, dass Menschen manchmal wirklich vor allem diese Erfahrung machen müssen, dass einer mit ihnen aushält, was sie da gerade an Problemen haben. Aushält und dann sortiert.

 

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SWR1 3vor8

06SEP2026
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Auf einem Hof im Schwarzwald leben rund zwanzig Leute Tür an Tür: Familien mit Kindern, Singles, Jung und Alt – ein echtes Gemeinschaftsprojekt. Seit ein paar Jahren ist meine Freundin Katrin mit ihrer Familie ein Teil davon. Von Anfang an war für sie klar: „Ich wünsche mir, dass wir hier ausprobieren, wie wir gut zusammenleben können.“ Und immer wieder fragt sie sich: „Wie reden wir miteinander, vor allem dann, wenn Meinungen auseinandergehen und Konflikte entstehen?“

In dem Text, der heute in katholischen Gottesdiensten zu hören ist, schlägt Jesus dafür einen stufenweisen Weg vor. Er rät: Wenn dich jemand verletzt, geh direkt zu ihm und suche das persönliche Gespräch. Wenn das gelingt, ist der Streit aus der Welt. Falls das nicht gelingt, hole ein oder zwei Vertraute dazu. Dabei geht nicht darum, jemanden bloßzustellen, sondern in einem geschützten Rahmen offen und fair miteinander zu sprechen. Erst wenn das alles nichts bringt, kommt die Sache vor die Gemeinschaft und alle können sich gemeinsam um eine Lösung bemühen. Das Ziel bleibt immer, niemanden auszuschließen. Nur wenn es wirklich hart auf hart kommt, soll die Gemeinschaft Konsequenzen ziehen.

Jesus belässt es in dieser Bibelstelle jedoch nicht bei reinen Kommunikationsregeln. Er fügt einen entscheidenden Aspekt hinzu: das Gebet. Er verspricht: „Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18,20) Für mich bedeutet das, in schwierigen Situationen Kontakt mit Gott aufzunehmen, um etwas Abstand zu meinen eigenen Gefühlen zu gewinnen. Bei Streit geht es oft gar nicht um die Sache selbst, sondern darum, wer das Sagen hat, oder ob man sich mag oder nicht. Wenn ich mir das bewusst mache, dann kann ich mich davon lösen. Und ich kann mich daran erinnern, was Jesus vorgelebt hat: barmherzig zu sein, zu vergeben und sich zu respektieren.

Mein Eindruck ist, dass Katrin und ihre Wohngemeinschaft genau das im Alltag versuchen. Sie lassen sich aufeinander ein und üben sich darin, Konflikte ehrlich anzusprechen – zu zweit, in kleinen Gruppen oder im Plenum. Und das tut nicht nur dort gut. Wie viel besser würde das Zusammenleben in Freundeskreisen oder im Job funktionieren, wenn wir den anderen direkt ansprechen, statt Ärger in der Dienstbesprechung oder über einen Mailverteiler auszutragen. Und wie gut wäre es, wenn auch in sozialen Netzwerken Kritik nicht ungefiltert in die Öffentlichkeit posaunt wird – sondern direkt als persönliche Nachricht.
Das ist anstrengend. Denn man muss Gesicht zeigen, argumentieren und macht sich verletzlich. Aber ich glaube: Am Ende können wir als Menschen nur gewinnen.

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SWR Kultur Lied zum Sonntag

06SEP2026
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Heute morgen um kurz vor acht Uhr blicken wir bereits in Richtung Tagesende und wollen uns einem der bekanntesten Abendlieder widmen: Paul Gerhardts „Nun ruhen alle Wälder“.

Musik 1:
Nun ruhen alle Wälder,
Vieh, Menschen, Städt und Felder,
es schläft die ganze Welt;
Ihr aber, meine Sinnen,
auf, auf, ihr sollt beginnen,
was eurem Schöpfer wohlgefällt.

„Nun ruhen alle Wälder“ hat eine besondere Strophenform, die für alle weiteren Abendlieder stilbildend geworden ist. Paul Gerhard hat sie erfunden: Erst sechs gereimte Zeilen, dann ein überlanger Schlussvers. Auch das berühmte Lied „Der Mond ist aufgegangen“ von Matthias Claudius folgt dieser Abendliedform.

Die ungewöhnliche Strophenform leitet sich aus der melodischen Vorlage ab: das im 16. Jahrhundert außerordentlich populäre Lied: „Innsbruck ich muss dich lassen“. Schon die erste Zeile dieses Renaissance-Liedchens nennt das zentrale Thema: Abschied. Wer die Melodie des Liedes in dieser Zeit hörte, der hörte auch immer die Abschiedsthematik mit.

Musik 2:
Innsbruck, ich muss dich lassen,
ich fahr dahin mein Straßen,
in fremde Land dahin. 

Das Lied war im 16. Jahrhundert so populär, dass unzählige Nachdichtungen geschrieben wurden. Dabei hat man in den weltlichen Fassungen oft nur das Ziel des Abschieds ausgetauscht: „Leipzig, ich muss dich lassen“ oder „Mein Lieb, ich muss dich lassen“. Geistliche Dichter dagegen haben den Abschied selbst ins Zentrum gerückt. Aus dem Lied über den Abschied von Innsbruck wurde ein Lied über den Abschied von der Welt: „O Welt, ich muss dich lassen“.

Paul Gerhardt greift diesen Welt-Abschied metaphorisch auf und macht daraus einen Abschied vom Tag. Das Abendlied ist also mehr als nur ein Lied über den Tagesausklang. Der Abend und die Nacht stehen dafür, dass das Leben endlich ist.. Das Zubettgehen wird zum täglichen Bild für das Sterben.

Musik 3:
Wo bist du, Sonne, blieben?
Die Nacht hat dich vertrieben,
die Nacht, des Tages Feind.
Fahr hin! Ein andre Sonne,
mein Jesus, meine Wonne,
gar hell in meinem Herzen scheint.

Die Nacht und den Abend als Sinnbild für den Tod zu verstehen ­ das hört sich fast schon etwas morbide an. Aber trotzdem finde ich den Gedanken sehr tröstlich. Denn was Paul Gerhardt nicht ausspricht, aber aus seiner christlichen Auferstehungshoffnung heraus voraussetzt: Keine Nacht bleibt ewig. Auf jede Nacht folgt ein neuer Morgen. Auf jeden Sonnenuntergang ein neuer Sonnenaufgang.

Musik 4:
Auch euch, ihr meine Lieben,
soll heute nicht betrüben
kein Unfall noch Gefahr.
Gott laß euch selig schlafen,
stell euch die güldnen Waffen
ums Bett und seiner Engel Schar.

Komponist: Paul Gerhardt / Heinrich Isaac

 

Musikquellen:

  • Musik 1: Christian Gerhaher/Gerold Huber, Album Wiegenlieder Vol. 2, Carus 2010, Track 2 „Nun ruhen alle Wälder“ LC 3989
  • Musik 2: Jordi Savall, Album Nell Tempo Di Lorenzo De’ Medici And Maximilian I, 1450 – 1519, Track 5 „Innsbruck ich muß dich lassen“, Alica Vox 2010, AVSA9922
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SWR3 Gedanken

06SEP2026
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Was macht man mit alten Tagebüchern, Liebesbriefen oder Kinderbildern. Dokumente, die mir viel bedeuten, die ich aber auch nicht ewig aufbewahren möchte. Ich war bei einem Event, das genau für diese Fälle gemacht war. Es hieß „würdiges Feuer“ und wurde auf dem Vorplatz einer Kapelle mitten in der Natur entzündet.

Mit einem Karton unterm Arm komme ich dort an, und ich bin nicht der einzige. Viele Leute mit Büchern, Ordnern, und Zettelboxen haben sich eingefunden. Ein Pfarrer segnet das „würdige Feuer“ und empfiehlt uns, die liebgewordenen Schriftstücke nochmal zu studieren, bevor wir sie dem Feuer übergeben.

Wir ziehen uns also in die Kapelle zurück und blättern nochmal durch. Ich habe ein Fürbitt-Buch aus meiner Kirche dabei und lese, was die Menschen in den letzten 10 Jahren bewegt hat. Und damit würdige ich es auch. Natascha bittet, dass Gott ihrer Oma beisteht, die sich immer so aufregt. Heiner beklagt, dass seine Frau gestorben ist und Doris bittet um die richtige Entscheidung. In der Bank vor mir blättert ein junger Mann in irgendwelchen alten Briefen, und gegenüber schaut eine Frau einen Ordner mit Kinderbildern durch.

Irgendwann treffen wir uns draußen vor der Feuerschale. Und die, die bereit sind, werfen die Papiere ins Feuer. Manche wollen noch etwas loswerden und sprechen mit dem Pfarrer. Und die Frau mit den Kinderbildern möchte sie jetzt doch nicht verbrennen.

Das „würdige Feuer“ hat mir gezeigt, dass manche Erinnerungsstücke  wirklich wertvoll sind. Kein Fall für die Papiertonne, sondern gut, wenn ich ihnen Raum gebe, und sie würdige. Aber ich darf mir irgendwann auch eingestehen, die Papiere vertrauensvoll dem Feuer zu übergeben. Denn die Erinnerungen – die bleiben ja.

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SWR3 Worte

06SEP2026
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Viele Menschen fragen sich, welche Partei sie wählen sollen – heute besonders bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Der Pastor Jaan Thiesen sagt dazu Folgendes:

Man kann leicht feststellen, dass es in jeder Partei Christen gibt. Manche Christen fordern Gerechtigkeit für Benachteiligte und wählen eher links, (…) andere betonen die (gottgewollte) Ordnung und wählen konservativ oder gar rechts. Das ist natürlich äußert holzschnittartig gesagt, sind aber alles sogenannte christliche Werte. Aus jeder Perspektive lassen sich aber auch gute Gründe gegen alle Parteien finden. (…)

Für mich ist völlig klar, dass es keine christliche Partei gibt. (…) Eine Sache, die Jesus deutlich gemacht hat, ist mir aber zentral: Der wichtigste christliche Wert ist die Liebe zu Gott und den Menschen. Durch Nichtwählen, da bin ich sicher, wächst die Liebe nicht. Liebe braucht Mut, Verantwortung zu übernehmen – das gilt auch am Wahltag. Ich werde daher an der Wahlurne schauen, bei welcher Partei ich am meisten Liebe für Gott und die Menschen wahrnehme.

 

Quelle: Online am 1.7.26 unter: Das Wort zur Woche. Online unter: https://www.kirche-ll.de/nachrichten/aktuelles/details/das-wort-zur-woche-es-hoert-nicht-auf-1.html

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SWR Kultur Wort zum Tag

05SEP2026
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Ich brauche morgens beim Aufstehen lange, bis ich richtig wach bin und erfasse, was meine Augen sehen. Nach zwei, drei Tassen Tee ist es so weit, und dann schaue ich auch in den Spiegel – oder auch erst, wenn ich aus dem Haus gehe. Eine viel aufgewecktere Morgenroutine begegnet mir in diesen Worten: „Ich danke Gott und freue mich/wie’s Kind zur Weihnachtsgabe, dass ich bin, bin! Und dass ich dich, schön menschlich‘ Antlitz, habe.“ Sie stammen von Matthias Claudius und sind so alt, wie sie klingen, gut 200 Jahre. Bekannt ist sein Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“. Aber hier bewundert er nicht den Mond, sondern sein Gesicht; und seine kindliche Freude daran kann ich direkt spüren. Mensch. Schön, dich zu sehen. Klasse, dass es dich gibt. Sagt da einer zu sich selbst. Was lässt ihn so begeistert sein? Was macht ein menschliches Gesicht schön? Für Matthias Claudius ist es:

Dass ich Sonne, Berg und Meer,/ und Laub und Gras kann sehen./ Und abends unterm Sternenheer und lieben Monde gehen“, schreibt er weiter. Sich in der Welt zu sehen, das macht ihn glücklich. Er genießt es, in der Natur unterwegs zu sein, ihre Schönheit zu betrachten und ihre Rhythmen wahrzunehmen. Offensichtlich freut er sich an ihr.

Ich beneide ihn um seine Unbefangenheit – und ja, klar, um die so viel gesündere Natur, in der er gelebt hat: noch vor der Industrialisierung, weit entfernt von der Globalisierung und der Erderhitzung. Der Erde ging es viel besser damals. Und vielen Menschen deutlich schlechter. Das Leben war hart für alle, die arm waren. Matthias Claudius selbst hatte keine stabile Gesundheit, er lebte lang in prekären Verhältnissen und beruflicher Unsicherheit. Und sagt dazu in seinem Gedicht: „Auch bet' ich Gott von Herzen an,/ daß ich auf dieser Erde/Nicht bin ein großer reicher Mann, Und auch wohl keiner werde./Denn all das Geld und all das Gut gewährt zwar viele Sachen;/Gesundheit, Schlaf und guten Mut/kanns aber doch nicht machen“.

Zufriedene Gelassenheit strahlt Matthias Claudius aus; aber er ist weder naiv noch selbstzufrieden. „Täglich zu singen“, heißt die Überschrift über sein Gedicht: da sucht einer jeden Tag neu den Einklang mit der Welt, findet Akzeptanz und teilt sie mit.

Ich will mich von der Beschaulichkeit des 18. Jahrhunderts nicht an der falschen Stelle beruhigen lassen. Aber ich glaube, unserem Miteinander und allen Geschöpfen des 21. Jahrhundert würde es guttun, wenn mehr Menschen so eine Haltung einnehmen könnten: im Frieden mit sich selbst, positiv verbunden mit der nichtmenschlichen Schöpfung, und, zuallererst: der Welt menschlich zugewandt. Und darum schön.   

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

05SEP2026
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Dank neuer Technik wird heute oft das Wohn- oder Schlafzimmer auch zum Arbeitsplatz. Um die 25 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten ganz oder teilweise im Homeoffice. Das erspart den Arbeitsweg und erlaubt, die Arbeitszeit selbst einzuteilen.

Doch offenkundig macht vielen Menschen die Arbeit im Homeoffice seelisch zu schaffen. „Mir fällt jeden Morgen die Decke auf den Kopf“, klagt eine junge Programmiererin. Ihr fehlt der Orts- und Tapetenwechsel. Gleichzeitig verliert die Wohnung ihren Charakter als Rückzugs- und Erholungsraum. Am meisten aber vermissen die Home-Workers das kollegiale Miteinander am Arbeitsplatz. Kein freundliches „Hallo und wie geht’s?“ Das war einmal!. Das einzige Gegenüber ist nun ein nackter Bildschirm mit Texten, Zahlen und Tabellen – den lieben, langen Tag. Wie gern würde man sich in der Kantine treffen, sich fachlich und persönlich austauschen, Sprüche klopfen, sich über Vorgesetze lustig machen und sich einfach als Mensch fühlen. Wer auch privat – warum auch immer – allein lebt, droht in dieser Arbeit noch mehr zu vereinsamen.

In der Betriebsseelsorge unterstützen wir Erwerbstätige, stets für ein gutes Betriebsklima zu sorgen. Doch im Homeoffice gibt es gar kein soziales Miteinander, wo man sich wohlfühlen und vor allem auch mitreden und solidarisch mitbestimmen kann. „Ich ertappe mich ständig bei Selbstgesprächen“, gesteht mir ein Ingenieur in seiner Arbeitskammer. Viele fühlen sich nur noch als „Arbeitskraft“, als Maschine, aber nicht mehr als Mensch.

Daher haben wir in unserem Dekanat einen kostenlosen „Co-Working-Space“ eröffnet.1) Hier heißen wir täglich Werktätige, unter ihnen auch viele junge, herzlich willkommen. Sie stöpseln sich ein – wie gewohnt. Aber siehe da: Nebendran sitzt tatsächlich ein leibhaftiger Mensch! Man lernt sich kennen, oft entwickeln sich Freundschaften. Der Kaffee-Automat in der Lounge wird zur „Anknüpfbar“. Eine stille Lese-Ecke erlaubt auch den Rückzug. Antonia ist als kirchliche Mitarbeiterin präsent und bietet ein kleines kulturelles Rahmenprogramm. Nein – auch dieser Arbeitsplatz ist kein Streichelzoo, aber ein Wohlfühlort. Viele der Worker und Workerinnen erfahren zum ersten Mal Kirche neu und ganz anders – als Kirche an ihrer Seite. So versuchen wir, der Arbeit ihre soziale Dimension zurückzugeben, die ihr im Homeoffice abhanden kam.  

 

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  • als Beispiel: „Anknüpfbar“ im Dekanat Böblingen.

https://anknuepfbar-coworking.de/

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

05SEP2026
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Alkohol ist Gift! Sowas lese ich in Zeitungsartikeln immer wieder, wenn es um Gesundheitsfragen geht. Ist ja auch nicht falsch. Manchmal habe ich abends aber einfach Lust auf ein Glas guten Wein. Was also tun? Das Ganze lässt sich mühelos erweitern. Zucker und anderer Süßkram zum Beispiel. Ganz schlimm! Wurst oder Käse mit viel Fett. Schlecht fürs Herz! Also nur noch Gemüse? Auch nicht perfekt, denn da fehlen schnell wichtige Spurenelemente. Am besten wäre eigentlich, gar nichts mehr zu essen und nur noch Wasser zu trinken. Dann kann auch nichts schief gehen. Spätestens da wird klar, wie absurd so was werden kann.

Sich gesund und ausgewogen zu ernähren. Ganz wichtig! Aber Ernährung wird heute manchmal auch zur Ersatzreligion. Da gibt’s Ge- und Verbote. Da wird beim Essen gesündigt, beim Arzt gebeichtet und anschließend dafür gebüßt. Und Food-Influencer im Internet halten Predigten, wie ich mich ernähren soll. Was da schnell auf der Strecke bleibt: was Essen und Trinken ja auch sein soll. Genuss und Lebensfreude. Das ist wie bei der echten Religion. Wer nur noch penibel darauf achtet, bloß kein Gebot zu missachten und nichts falsch zu machen, wird kaum Freude am Glauben haben. Dann wird Religion, wie die Ernährung, mehr Last als Lust.

Dagegen steht etwas, das in meinen Augen übrigens gut katholisch ist: Nämlich eine klare Vorstellung zu haben, was richtig und falsch ist, was guttut und was nicht. Und täglich zu versuchen, danach zu leben. Aber eben auch zu wissen, dass ich als Mensch manchmal schwach bin und versage. Und darauf hoffen darf, dass mir der liebe Gott das schon nicht übelnimmt. So wie auch mein Körper, wenn ich am Abend doch mal Lust hab auf ein Glas guten Wein.

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SWR3 Worte

05SEP2026
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Wie lässt es sich mit verstärkt frauenfeindlichem Gedankengut umgehen? Die österreichische Schriftstellerin Mareike Fallwickl meint, es reicht nicht, den Männern allein die Verantwortung zu überlassen, die Verantwortung muss gemeinsam übernommen werden - und Männer Verbündete in diesen Fragen werden:

„Die Sozialisation von Jungen ist allgegenwärtig, überwältigend stark, manipulativ, emotional grausam und wirkungsvoll. Die Möglichkeit, anders zu sein, sich dem System zu entziehen, ein Schlupfloch zu finden, gibt es nicht. (…)

Ja, Männer haben eine Vormachtstellung in unserer aktuellen Gesellschaftsform. Aber sie haben sich nicht aktiv dafür entschieden. Sie sind ins Patriachart hineingeboren worden, sie sind zu diesen Männern gemacht worden. Und zwar von uns. Sich diese Verstrickung bewusst zu machen, ist für einen Feminismus des Miteinanders essenziell.“

Mareike Fallwickl, in: „Liebe Jorinde oder warum wir einen neuen Feminismus des Miteinanders brauchen“

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