Woche vom 07.08.2011 bis 13.08.2011 
Begegnungen erträumen
Sonntag, 07. August 2011
„Es war einmal ein frommer Mann, der wollte schon in diesem Leben in den Himmel kommen. Darum bemühte er sich ständig in den Werken der Frömmigkeit und Selbstverleugnung So stieg er auf der Stufenleiter der Vollkommenheit immer höher empor, bis er eines Tages mit seinem Haupte in den Himmel ragte. Aber er war sehr enttäuscht: Der Himmel war dunkel, leer und kalt. Denn Gott lag auf Erden in einer Krippe." Eine Weihnachtsgeschichte von Martin Luther. Sie passt aber auch zum heutigen Sonntag, denn der Sonntag lädt ein, Gott zu suchen und zu feiern. Wie? Mit den Menschen, die wir aufsuchen oder die zu uns kommen. Wozu wir werktags keine Zeit haben wegen unserer Arbeitsverpflichtungen, dazu lädt der Sonntag ein. Wir besuchen einander, hören voneinander, teilen etwas miteinander. So spüren wir, dass wir nicht allein sind auf der Welt. Wir merken, wie schön es ist, Freundschaften zu haben und zu pflegen, damit sie nicht verkümmern. Christen nehmen sich Zeit, die Freundschaft mit Jesus Christus zu pflegen. Deshalb feiern sie Gottesdienst. Natürlich kann ich Gott auch in der Natur begegnen, und das kann wunderbar sein: am Meeresstrand, auf einem Berggipfel. Aber Jesus Christus feiern braucht ein paar ähnlich Gesinnte. Sie denken mit mir über die Botschaft Jesu nach, fragen sich, was sie für das Leben bedeutet. Dann teilen wir sein Brot, das uns mit Millionen von Menschen auf der Welt verbindet, die das auch tun. Schön ist dabei, dass auch die, die das nicht tun, weil sie eine andere Überzeugung oder Religion haben oder von Gott und Kirche nichts wissen wollen, in dieser Feier dennoch präsent sind. Warum? Weil wir sie als unsere Schwestern und Brüder sehen. Diese weltumspannende Verbundenheit ist für mich ein wunderbares Geschenk. Ich erlebe sie, wenn ich jetzt gerade im Ländle auf Besuch bin und dann wieder im argentinischen Busch mit ein paar Familien Gottesdienst feiere - weit weg von der angenehmen Seite der Zivilisation. Immer geht es um Begegnung - hier wie dort. Bei jeder Begegnung können wir die Wahrheit jenes Wortes spüren, das ich auf einer Postkarte fand: „Jede Begegnung, die unsere Seele berührt, hinterlässt eine Spur, die nie ganz verweht." Warum? Weil jede tiefere Begegnung ein Geschenk ist, das mein Leben bereichert. Ein Christ würde ergänzen: ...und in jeder tieferen Begegnung finde ich Gott, weil Gott ganz Mensch geworden ist. Daran erinnert Martin Luther in seinem Wort vom suchenden Menschen. Nicht in irgend einem erträumten Himmel finde ich Gott, sondern ganz menschlich, ganz nahe wie in einem Kind. Man braucht nur Eltern zu erleben, wenn gerade ihr erstes Kind geboren ist. Das neue Leben und die Begegnung mit ihm verwandelt ihr Leben und sie entdecken neue Seiten aneinander.
2. Teil:
Begegnung ist entscheidend. Ohne menschliche Begegnungen kann ich nicht leben. Ich muss freilich auch etwas dafür tun. Von allein kommen sie selten. Zumindest muss ich dafür offen sein. Damit sie dann nicht verkümmern, braucht es Pflege. Wo ich Begegnungen pflege, da schenken sie mir etwas für mein inneres Wohlgefühl und bereichern mein Leben. Ich fühle mich dann auch nicht allein auf der Welt, sondern in Verbundenheit mit andern Menschen. Begegnung braucht außerdem immer etwas, was sie mit Leben erfüllt: nämlich den Traum - nicht den Nachttraum, der Vergangenes aufarbeitet, sondern den Tagtraum, der voraus schaut. Mark Twain, der amerikanische Schriftsteller, sagte einmal: „Trenne dich nie von deinen Illusionen und Träumen. Wenn sie verschwunden sind, wirst du weiter existieren, aber aufgehört haben zu leben." In der Tat, Existieren ist eines, Leben ein anderes. Zum Existieren brauche ich Lebensmittel, sonst verhungere ich. Aber damit ist mein Leben noch nicht lebenswert. Durch Begegnung gewinnt es an Qualität. Begegnung ist nicht auf Menschen beschränkt. Die Begegnung mit der Natur, einer faszinierenden Landschaft, ein Sonnenuntergang, ein Sternenhimmel, Pflanzen, Blumen, Tiere oder die Begegnung mit Musik, mit Literatur, mit Kunst überhaupt - sie vermittelt unserem Leben Tiefe und schenkt uns einen Reichtum, der unser Leben beflügelt, wenn Langeweile aufkommt oder Probleme uns belasten. Vor allem aber ist es die menschliche Begegnung, die uns weiterhilft: Freundschaft, Kameradschaft, das Engagement in der Gruppe, im Verein, einer sozialen Vereinigung, in der politischen Partei oder in der Kirchengemeinde. All diese Formen der Begegnung erfüllen mein Leben und geben ihm Sinn. Dabei leben diese Begegnungen von meinen Wünschen, Träumen, Erwartungen genauso wie von denen der andern Menschen. Darum braucht Begegnung Ideale, auch wenn sie sich manchmal als Illusionen entpuppen, die so nicht oder noch nicht zu verwirklichen sind. So möchte ich in meinen argentinischen Gottesdiensten mehr Miteinander erfahren, aber die Kinder und die Jugendlichen wie die Erwachsenen, denen ich begegne, sind es noch nicht gewohnt. Sie sind eher schüchtern und trauen sich nicht. Ich gebe aber meinen Wunsch nicht auf und hoffe, dass es im Lauf der Zeit noch wird. Ansätze sind schon da. Dafür haben wir eine andere Form der Begegnung entdeckt: die Hausmission. Eine Gruppe Frauen, jüngere wie ältere, hat keine Scheu, mit einem Kreuz oder einem Bild andere Familien zu besuchen, auch unbekannte, sozusagen von Haus zu Haus. Sie unterhalten sich und beten dann auch mit den Menschen dort. Sie haben berichtet, wie freundlich sie überall empfangen wurden - auch von Menschen anderer Konfessionen. Nur ganz selten haben sie erlebt, dass sie abgelehnt wurden. Da zeigt sich, dass die Menschen hier noch einen Sinn für einfache Formen der Volksfrömmigkeit haben, die sich verbindet mit menschlicher Begegnung. Was man hierzulande vielleicht allzu schnell als frömmelnd abtut, hat dort echte Lebensqualität. Denn diese „Missionarinnen" werden auch mit menschlichen Problemen konfrontiert, sie werden aufmerksam auf kranke, gebrechliche oder alte Menschen, denen menschliche Begegnung einfach gut tut. So führt Begegnung zu einem tieferen Miteinander. Mark Twain lädt uns ein, die Träume für tiefere Begegnungen nicht aufzugeben, auch wenn wir manchmal Enttäuschungen dabei erleben. Hoffnung, so der Philosoph Ernst Bloch, rechnet mit Enttäuschung. Also ist Enttäuschung kein Grund, den Traum aufzugeben.



