Woche vom 31.10.2010 bis 06.11.2010 

Von Monika Nolte, Karlsruhe, Katholische Kirche
Fest Allerheiligen
Montag, 01. November 2010
Das sind die Feiertagsgedanken, ausgestrahlt in Ba-Wü, Feiertagsgedanken, in Rh-Pf sprach Anne, Madeleine Plum siehe unten!
Heilige - was sind das für Leute?
Ein junger Mann ist auf der Suche nach Gott. Er glaubt ihn bei einem heiligen Hindu zu findenund reist deshalb nach Indien. Der Guru empfängt ihn freundlich, lacht ihn aber auch ein bisschen aus: "Um Gott zu finden, ... brauchst du überhaupt nicht in Indien herumzufahren ... Kehre lieber heim in die Religion, in der du aufgewachsen bist. Es gibt im Westen echte Heilige genug." Dieser Rat hatte Erfolg. Der Gottsucher - er heißt Hans Conrad Zander - sah sich um unter den vielen christlichen Heiligen Europas und wurde fündig. Neun von ihnen beschrieb er in einem kleinen Buch, das von Humor und Sympathie für diese heiligen Personen nur so sprüht.
Heilige - ja, was sind das für Leute? Warum wird ihnen heute, am 1. November, von der katholischen Kirche ein eigenes Fest gewidmet: der Tag "Allerheiligen"?
Was Heiligkeit ausmacht, bringt das genannte Buch gleich zu Beginn auf den Punkt: "'Liebe Gott und tue, was du willst.' An dieses Wort des heiligen Augustinus haben sich alle Heiligen gehalten." Man kann es nicht treffender sagen. Heilige waren und sind nicht in erster inie Menschen ohne Fehl und Tadel, manchmal ganz im Gegenteil!
Das Wesentliche ist, dass sie ihr ganzes Leben ohne Wenn und Aber auf die Karte "Gott" gesetzt haben. Dass sie von diesem Gott geliebt werden, ist eine Erfahrung, die manchmal wie ein Wirbelsturm über sie kommt - und damit ändert sich ihr ganzes Leben. Teresa von Avila z.B., ein Fräulein aus gutem Hause, lebte jahrelang in einem Kloster, wo die geistlichen Damen sich reichlich mit Klatsch und Tratsch unterhielten und eine ziemlich laue Frömmigkeit praktizierten, Teresa wurde schwer krank - heute würde man sagen: : psychosomatisch - und das brachte die Wende. In einem aufwühlenden inneren Erlebnis wurde sie von der Wirklichkeit und Nähe Gottes erfasst. Und nun, erfüllt vom Feuer des "wirklichen" Gottes - bricht sie mutig alle Dämme. Sie entweicht heimlich aus dem bisherigen Kloster, gründet mit wenigen anderen Frauen ein neues und gerät von da an in Dauerkonflikte mit der kirchlichen und weltlichen Obrigkeit. Trotz gewaltiger Widerstände aus vielen Richtungen lebt sie aus einer inneren Gelassenheit, die ihre Verankerung in Gott hat. "Obschon er der Herr ist", schreibt sie, "kann ich mit ihm umgehen wie mit einem Freund" Und: "Ganz in seinem Inneren gewahrt der Mensch, wie in einem tiefen Abgrund, die Anwesenheit Gottes." Solche Aussagen mögen in uns Trauer und Sehnsucht erwecken, vielleicht auch Abwehr und Skepsis. Kann es solche Gottesnähe heute noch geben? Heilige sind in diesem Sinn wie Kirchtürme, die nach oben zeigen: Sie sind in diese Erde eingelassen und haben dort ihren angewiesenen Ort. Doch zugleich weisen sie nach "oben", in eine Region, die schon nahe und doch nicht zu greifen ist.
(Musik)
Die Hafenstadt Cartagena in Kolumbien vor knapp 400 Jahren: Ein Schiff läuft ein, beladen mit Hunderten von Schwarzen: Männern, Frauen und Kindern. Sie wurden in Afrika von Sklavenjägern gefangen und sollen auf dem Markt an Plantagen- und Bergwerksbesitzer verkauft werden. Ein weißhäutiger Pater bahnt sich den Weg an Bord. Ungeachtet des entsetzlichen Gestanks, der aus den Schiffsluken dringt, steigt er hinab unter Deck, trägt die Kranken und Sterbenden ans Licht, wäscht die Wunden, so gut er kann, versucht die Verzweifelten zu beruhigen und zu trösten. Pedro Claver - so heißt der spanische Jesuit - versucht alles , um das Schicksal dieser Unglücklichen zu lindern. Im Spital und Lager hilft er mit Lebensmitteln und Medizin, er kämpft gegen die sittliche Verwahrlosung vieler Gefangener, er predigt den barmherzigen Vatergott Jesu Christi und lebt diese Barmherzigkeit selbst vor. Rund 40 Jahre lang hält Pedro Claver dieses Leben aus, geliebt von den Schwarzen, aber ständig gefährdet durch Anfeindungen und Todesdrohungen. Erst als dieser Menschenrechtler des 17. Jahrhunderts zu Grabe getragen wird, zeigt sich, dass seine Predigt von der Gotteskindschaft aller Menschen Früchte getragen hat: Weiße und Schwarze folgen einmütig seinem Sarg und sind vereint in Trauer und Verehrung. Mit Recht sprach ihn die Kirche später heilig. Pedro Claver verwirklichte ein Wort aus dem Neuen Testament in besonders eindrucksvoller W eise: "Wer Gott liebt, soll auch seine Schwester und seinen Bruder lieben" (1. Johannesbrief 4,21). Was Heilige im Lauf der Jahrhunderte hier ins Werk gesetzt haben, ist gewaltig: Hilfen für Kranke, Arme und Behinderte, Schulen und Heime für junge Menschen, Seelsorge für Einsame, Entwurzelte und Verzweifelte. Es wäre aber ein Missverständnis, Heiligkeit mit spektakulären Taten gleich zu setzen. Teresa von Avila sagt es so: "Herr, du verlangst von einem Menschen, der entschlossen ist, dich zu lieben und sich dir zu überlassen, weiter nichts, als dass er sich gut in das hineinfindet, was du ihm aufträgst! Denkt also daran, dass der Herr auch in der Küche zwischen denTöpfen umhergeht und dass er innen und außen bei euch ist." Ich bin überzeugt, dass es in diesem Sinn viele unerkannte Heilige unter uns gibt, die für ihre Mitmenschen und für Gott da sind - und das alles ,ohne es an die die berühmte "große Glocke" zu hängen: die Frau, die ihren bettlägerigen Mann oder das behinderte Kind jahrelang pflegt; der so genannte "kleine" Angestellte, der ein offenes Ohr hat für die Freuden und Nöte der Kollegen und sich für sie einsetzt; die alte Frau, die, ohne zu klagen, Ja sagt zu ihrem mühselig gewordenen Leben.
"Heilige sind wie Stimmgabeln in einer verstimmten Welt" (Kyrilla Spieker) - deshalb, meine ich, lohnt es sich aus heute noch, das Fest Allerheiligen zu feiern.
Sendung für Rh-Pf !

von Anne-Madeleine Plum, Mainz, Katholische Kirche
Teil 1. Allerheiligen
Ich mag das Fest Allerheiligen. Weil ich die Heiligen mag. Und noch mehr, weil Allerheiligen das Fest zu Ehren all der Menschen ist, die heilig waren und lebten, ohne dass irgendjemand sie offiziell heilig gesprochen hat. Sie sind so etwas wie die anonymen Heiligen, ohne Gedenktag im Kalender. Aber weil es sie gab und gibt - deshalb gibt's Allerheiligen. Dabei ist das Fest heute ein bisschen verwirrend. Es ist eine Art Quer-durchs-Gemüsebeet-Fest. Die einen gehen zum Friedhof und zünden Kerzen für ihre Verstorbenen an oder schmücken die Gräber. Die andern müssen an Allerheiligen erst mal ausschlafen, weil die Halloween-Feier doch etwas länger gedauert hat. Überall stehen schon seit Wochen Kürbisse in unseren Schaufenstern - und was man sonst noch an Gespensterzubehör für Halloween braucht. So mancher ärgert sich, schimpft auf den heidnischen Kommerz. Viele junge Leute zucken die Schultern und feiern trotzdem.
Dabei heißt Halloween eigentlich „All-Hallows-Eve" - also der Abend vor Allerheiligen. Und die ausgehöhlten Kürbisse waren mal nichts anderes als Rüben-Windlichter, in denen man Kerzen zu Ehren der Verstorbenen aufstellte. Aus den Rüben wurden dann in Nordamerika Kürbisse, die sind größer und lassen sich so noch besser für diesen Zweck verwenden. Auch der Brauch, an diesem Abend von Tür zu Tür zu ziehen und „trick-or-treat" - „Süßes oder Saures" zu verlangen, hing mit den Verstorbenen zusammen. Arme Leute gingen einst in Irland und Britannien von Haus zu Haus, erbettelten sich Essbares - um als Gegenleistung am darauffolgenden Tag für die Verstorbenen der Spender zu beten. Die Chancen stehen gar nicht so schlecht, dass unter unseren eigenen Verstorbenen auch ein Heiliger war. Jedenfalls hätte das Paulus behauptet: Für ihn waren die Heiligen nichts anderes als Menschen, die an Jesus Christus glauben, die durch Taufe und ein Leben in seinem Sinn mit ihm verbunden sind. Also - eigentlich alle Christen, die ihr Christsein auch leben. Manchmal bekommt man, mal scherzhaft, mal verärgert, in geselliger Runde zu hören: „Sei doch nicht so heilig!" Gemeint ist: „Sei doch kein Spielverderber" oder: „Das eine Glas kannst Du auch noch trinken", oder ähnliches. Paulus würde uns zu Allerheiligen das Gegenteil raten: „Sei doch ein bisschen heiliger. Du gehörst doch zu Jesus Christus." Ich bin mir ziemlich sicher: Zu einem Heiligen in seinem Sinn gehören auch Gastfreundschaft und Humor. Ich mache deshalb auf, wenn Kinder an Halloween an der Tür klingeln. Und wenn sie mir eine Minute Zeit lassen, frage ich sie einfach, ob sie denn wüssten, was es mit dem Fest Allerheiligen auf sich hat. Denn das ist schließlich die andere Hälfte von Halloween.
Teil 2. Das Fest unserer Zukunft
Es gibt heute nicht wenige Leute, die mit den Heiligen gar nichts anfangen können. Sie verbinden mit „heilig" alles Mögliche - bloß nichts, was anziehend, sympathisch oder interessant wäre. Sondern den Staub der Jahrhunderte, blasse und ernste Gesichter - kurz gesagt, ihnen fallen zum Stichwort „Heilige" nur Menschen ein, die weder Spaß am eigenen Leben haben, noch Spaß verstehen. Wer so denkt, den würde ich gern mal an einen Ort schicken, an dem man sich vom Gegenteil überzeugen kann: ins Kloster Heiligenkreuz bei Wien. So mancher kennt es durch den berühmt gewordenen gregorianischen Gesang dieser Zisterzienser-Mönche. Sie haben es damit sogar in die Charts geschafft. Über achtzig Mönche sind es und jede Menge junge Männer aus allen möglichen Ländern sind darunter. Hört man ihren Gesang - dann klingt es tatsächlich nach Himmel. Ergreifend schön. Ernst und feierlich. Er lässt uns die Zeit vergessen. Kein Wunder, dass die Besucherströme immer mehr werden.Wer eine solche Gruppe von Mönchen aber einmal außerhalb der Gottesdienste erlebt, der sieht nicht nur kluge, ernste und ausdrucksstarke Gesichter. Sondern auch lachende und frohe. Ob sie im Sturmschritt mit flatterndem schwarz-weißen Ordensgewand durch das Klostergelände eilen, - die „lebendigen Zebrastreifen", wie man sie scherzhaft nennt. Ob sie ausgelassen und vergnügt aus einem Auto steigen - oder am Festtag zusammen mit ihrem Abt auch einmal ein Bierchen trinken: Keine Spur von Langeweile und Lustlosigkeit. Im Gegenteil. Lebensfroh und lebendig wirken sie. Sie arbeiten viel, erklärt Abt Gregor glaubhaft. Und scheinen neben allem Bemühen um Heiligkeit doch ganz von dieser Welt. So entwaffnend, wie dieser väterlich lebenskluge Abt über seine eigenen Schwächen schreibt, so humorvoll erklärt er auch, dass er gerade deshalb im Kloster gelandet ist, weil er nie ein guter Beter gewesen sei.
Und genau das macht mir diesen Abt und diese Mönche so sympathisch. Sie stehen zu ihren menschlichen Schwächen. Aber sie lassen es nicht dabei bewenden. Sondern versuchen, Gottes Ruf zu folgen. Und der ruft uns alle - zu einem Leben, das mehr möchte als laue Halbherzigkeit. Ob Mönch oder Familienmensch spielt dabei überhaupt keine Rolle. Wir sind berufen, heilig zu sein, weil Jesus Christus, der uns ruft, uns als seine Mitstreiter und Freunde gewinnen möchte. Allerheiligen ist ein Fest, das die unbekannten Heiligen vergangener Zeiten feiert. Aber noch viel mehr ist es ein Fest, das unseren Blick auf das lenkt, was vor uns liegt: unsere eigene Zukunft. Trau Dich, ein bisschen heiliger sein zu wollen, sagt uns das Fest Allerheiligen. Denn auf diesem Weg gehst Du Gott entgegen.

Von Jens Böhm, Selzen, Evangelische Kirche
Reformationstag
Sonntag, 31. Oktober 2010
Teil 1
Martin Luther ist wieder da. Pünktlich zum heutigen Reformationstag steht er wieder auf dem Marktplatz in Wittenberg. In seiner Stadt.
Hier hat er in der Stadtkirche gepredigt. Hier hat er an der Universität gelehrt. Und hier haben sie ihm vor vielen Jahren ein Denkmal gesetzt, das in die Jahre gekommen war. Jetzt ist es saniert und steht wieder an seinem Platz.
Und noch einer ist wieder da. Philipp Melanchthon, der Freund und Weggefährte Martin Luthers.
Auch sein Denkmal wurde frisch saniert. Beide haben sie die Reformation aus dem Städtchen Wittenberg nach Europa gebracht. Beide gehören sie zusammen - und keiner hätte ohne den anderen etwas bewirken können.
Dafür hatten die Wittenberger ein feines Gespür. In anderen Städten steht nur Martin Luther. Auf dem Wittenberger Marktplatz stehen sie beide.
Die beiden Freunde, die so unterschiedlich Typen waren. Die beiden Reformatoren, die sich mit ihren Stärken und Schwächen so einmalig ergänzt haben. Und wie haben sie das gemacht?
Martin Luther, das war der wortgewaltige Prediger.
Wunderbare Bilder für Gott hat er gefunden. Mit einem Backofen voll Liebe konnte er Gott vergleichen. Und die Kirchen waren voll, wenn er predigte.
Philipp Melanchthon, das war eher der feinsinnige Diplomat. Einen kleinen Sprachfehler hat er gehabt. So dass er sich nicht zum Redner eignete. Aber er konnte verhandeln, er konnte gut zuhören und nach Kompromissen suchen. Und so wurde er zum Vermittler und Diplomaten.
Zwei Freunde, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Ihre Unterschiede haben sie wohl gespürt. Und damit haben sie es auch schwer miteinander gehabt. Aber sie haben sich nie getrennt.
Jetzt stehen sie wieder auf dem Marktplatz von Wittenberg - in Bronze gegossen. Dem Künstler ist es dabei gelungen, ihre Unterschiede festzuhalten. Und die hat er - ja - an den Füßen fest gemacht.
Auf der einen Seite des Marktplatzes steht Martin Luther. Breitbeinig steht er da. Frei nach dem Motto: „hier stehe ich und kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen." Das hat er einmal dem Kaiser gesagt. Damals 1521 in Worms.
Auf der anderen Seite steht Philipp Melanchthon. Seine Füße sind in Bewegung. Ein Bein ist vor das andere gesetzt. Er geht auf den Betrachter zu - ja man hat fast den Eindruck, dass er tanzt. Frei nach dem Wort aus dem Alten Testament: „du Gott stellst meine Füße auf weiten Raum". Ihm ist zu verdanken, dass die Evangelischen dem Kaiser 1530 ein gemeinsames Bekenntnis vorlegen konnten. Und der Kaiser hat es akzeptiert.
Martin Luther und Philipp Melanchthon. Beide gehören zusammen. Der eine vertritt einen Standpunkt. Der andere eröffnet ein Gespräch. Das kenne ich auch in meinem Leben. Um etwas nachhaltig zu verändern braucht es beide Haltungen: den klaren Standpunkt und die Bereitschaft, in den weiten Raum des Gesprächs einzutreten.
Teil 2
Heute ist nicht nur Reformationstag. Heute ist auch Halloween. Heute Abend klingeln Kinder vielleicht auch an Ihrer Tür. Und Verkleidet als Halloweengeister, als kleine Hexen oder Teufel, rufen sie: „süßes oder saures?". Was so viel heißt wie: „entweder wir bekommen jetzt Süßigkeiten oder es gibt Saures"!
Was würden wohl Martin Luther und Philipp Melanchthon, die beiden Reformatoren und Freunde dazu sagen?
Martin Luther würde vermutlich sagen: „Das passt gar nicht, denn vor Geistern und vor Toten fürchte ich mich nicht. Warum auch? Wenn ich Gott an meiner Seite weiß, dann haben Tod und Teufel keine Chance."
In einem Lied von ihm heißt es: „ Und wenn die Welt voll Teufel wäre und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir und nicht so sehr, es soll uns doch gelingen". Reformationsfest und Halloween - das geht für Luther bestimmt nicht zusammen.
Und Philipp Melanchthon? Was würde der sagen? Ich glaube er würde seinem Freund zunächst zustimmen. Dann aber zu bedenken geben: und - was bringt der Widerstand? Soll Kirche als Spaßverderber auftreten? Darum: Lass uns lieber drüber nachdenken, was wir aus Halloween machen können!
Im letzten Jahr und in diesem Jahr gibt es eine Aktion, die Melanchthon und Luther sicher gefallen würde.
In Selzen - einem Dorf in Rheinhessen - ziehen in dieser Nacht neben den Kindergruppen auch Konfirmandengruppen durch die Straßen. Doch mit einem großen Unterschied. Die Konfirmandinnen bitten an der Tür nicht um süßes. Sie verteilen süßes.
Sie verschenken Lutherbonbons, die schmecken nach Zitrone, Orange oder Johannisbeere. Lutherbonbons heißen sie, weil auf dem Bonbonpapier Martin Luther mit den Augen zwinkert und daran erinnert: „am 31. Oktober ist Reformationstag". Daran knüpfen die Konfirmanden dann an. „Haben Sie Zeit für ein kurzes Interview?" fragen sie."
Und dann stellen sie den Leuten 10 Fragen zu Reformation und Kirche. Zum Beispiel: Wo hat Martin Luther gelebt? Was wollten er und Philipp Melanchthon in der Kirche verändern? Und was sollten wir heute in der Kirche verändern?
An der Tür erleben die Konfirmanden dann oft, dass sogar die anderen Hausbewohner gerufen werden, um die Fragen zu beantworten. Manchmal blättern die Leute sogar im Lexikon. Aus dem Interview wird dann schnell ein längeres Gespräch.
Eine tolle Idee, finde ich, die sicher auch unseren Reformatoren gefallen hätte.
Die Konfirmandinnen und Konfirmanden nehmen den Halloweenbrauch auf und führen ihn weiter.
Nicht: „süßes her, sonst gib es saures". Sondern: „hier ist was Süßes für dich. Können wir miteinander reden?"
Und genau darum geht es doch am Reformationstag. Das wollten Martin Luther und Philipp Melanchthon den Menschen nah bringen. Gott kommt auf uns zu. Geister müssen wir dafür nicht vertreiben.
Wenn Gott zu uns sprechen würde, dann so: „Ich hab was für dich. Ich bin für dich da. Du brauchst keine Angst haben vor großen und kleinen Geistern, vor Tod und Teufel. Aber wenn du doch Angst hast, lass uns miteinander reden. Dann wirst du spüren: ich bin dir nah.

Von Jutta Wellhöner, Offenburg, Evangelische Kirche
„Von der Freiheit eines Christenmenschen"
Sonntag, 31. Oktober 2010
Teil 1
„Ein Christenmensch ist ein freier Mensch und niemandem untertan!"
Martin Luther hat das geschrieben.
Für mich ist das ein ganz wichtiger Satz, fast schon ein Glaubensbekenntnis.
Und dieser Satz ist mir so richtig aus dem Herzen gesprochen.
Ich möchte gerne frei und unabhängig sein und das tun, was mein Herz mir sagt. Martin Luther, der war so frei!
Der hat sich von nichts und niemandem von seinen Überzeugungen abbringen lassen.
Der wurde vor ein kaiserliches Tribunal geladen und hat dort vor Kaiser und Kirchenfürsten seine Glaubensüberzeugungen vertreten.
Woher er dazu wohl den Mut bekommen hat? frage ich mich.
Es ist ja ganz schön riskant, wenn man so für seine Überzeugung eintritt.
Auch Martin Luther hatte schließlich Vorgesetzte, die ihm den Lebensunterhalt bezahlt haben.
Er hatte Freunde und später sogar eine eigene Familie, und wenn man dafür verantwortlich ist, dann muss man eben auch Rücksicht nehmen. So würde ich jedenfalls denken.
Ich glaube, dass Luthers so frei und mutig auftreten konnte, das hat etwas mit diesem berühmten Thesenanschlag zu tun.
Das war am 31. Oktober 1517.
Da hat, so wird erzählt, Martin Luther am Vorabend von Allerheiligen ein Blatt an die Tür der Schlosskirche von Wittenberg genagelt.
Mit 95 Sätzen hat er aufgeschrieben, wogegen er protestieren wollte:
Auf der Grundlage dieser „Protest-Sätze" wollte Luther mit seinen Vorgesetzen über den Ablasshandel diskutieren.
Ablasshandel, das war damals: Sündenvergebung gegen Geld.
„Die Münze in dem Kasten klingt, die Seele aus dem Fegfeuer springt!"
Luther fand das unmöglich!
Er war schließlich Pfarrer und Seelsorger und hat gesehen, wie da mit dem schlechten Gewissen der Menschen Geld gemacht wurde. Die Menschen ließen sich bange machen, sie wollten doch gute Menschen und gute Christen sein und investierten aus Angst vor Hölle, Tod und Teufel oft ihr letztes Geld in ihr Seelenheil.
Aber Martin Luther hatte ein ganz anderes Bild von Gott:
Gott nimmt uns an, wie wir sind.
Er vergibt, wo wir Fehler gemacht haben.
Und er gibt uns immer wieder eine neue Chance.
Vor allem durch die intensive Beschäftigung mit der Bibel ist ihm das klar geworden.
Wir müssen uns dafür nicht abarbeiten, wir können uns das nicht erkaufen , auch nicht durch gute Werke, es reicht, wenn wir einfach Gott vertrauen. Das ist für Gott gut genug!
Wir haben einen gnädigen Gott!
Und das macht einen frei!
Das macht auch mich frei und unabhängig.
Denn so gesehen müsste ja alles andere eigentlich zweitrangig werden - wie ich vor den anderen dastehe, was die Leute denken, ob ich den Erwartungen gerecht werde. Sogar von dem Druck, den ich mir manchmal selber mache, könnte ich mich so bestimmt ein Stückchen freier machen und mir immer wieder sagen:
Ein Christenmensch ist doch ein freier Mensch, Gottes Gnade macht mich frei von allem, was mir Druck macht!
Teil 2
„Ein Christenmensch ist ein freier Mensch und niemandem untertan." So hat Martin Luther das gesagt.
„Na dann kann man´s ja ganz locker angehen lassen!" hat daraufhin mal jemand zu mir gesagt.
Stimmt, in der Freiheit eines Christenmenschen kann man ganz locker überlegen, wo man was Gutes tun kann für andere, wo man anfassen kann und wo man gebraucht wird. Denn locker heißt ja nicht - unverbindlich, im Gegenteil:
Es ist ja wahr: Manchmal könnte man ja gerade meinen, in unserem Land haben wir zu viel Freiheit. Oder jedenfalls wird die Freiheit missverstanden. Als ob man vor allem dazu frei wäre, nur noch das zu tun, was einem selber nützt und Vorteile bringt. Deshalb guckt manch einer nur noch darauf, dass es ihm selber gut geht.
Ich glaube, Martin Luther würde die Hände über dem Kopf zusammen schlagen, wenn er dies mitbekäme.
Dazu hat Gott uns doch nicht die Freiheit gegeben.
Er hat uns frei gemacht, damit wir frei sind für andere, uns einsetzen und helfen, wo wir helfen können.
„Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan." So hat Luther das ausgedrückt. Das ist die andere Seite der Freiheit.
Mir leuchtet diese Konsequenz ein.
Ich denke die vielen Freiwilligen, die sich selbst verpflichten, in der Krankenhaushilfe mitzuarbeiten, bei der Telefonseelsorge, bei der Feuerwehr oder bei der Bergwacht. Prima, diese Leute, die so frei sind und sich sagen: Ich setzt meine Zeit jetzt hier ein.
Ganz oft wird einem eine Aufgabe aber auch vor die Füße gelegt, und dann wird man nicht danach gefragt, ob man das tun möchte, dann muss man ran. Gerade dann ist es wichtig, dass einem die Pflichten nicht über den Kopf wachsen und man nur noch mit einem schlechten Gewissen durch die Welt läuft.
Ich denke da an die Damen, die sich bei uns im Gemeindehaus zum Frauenkreis treffen. Bestimmt haben die daheim genug zu tun, die eine bekocht die Familie vom Sohn, die andere betreut ihren kranken Mann, und in Haus und Garten geht die Arbeit sowieso nicht aus.
Trotzdem ist diesen Frauen ihr Frauenkreis wichtig. Sie genießen die Gemeinschaft, die Unterhaltung - und den leckeren Kuchen. Und es tut ihnen gut, wenn sie auch miteinander beten können. Ja, ich merke, wie gut es diesen tüchtigen Frauen tut, dass sie die Hände auch mal falten können, um Gott um Kraft und Beistand zu bitten, für sich und die Lieben und alles, was da ansteht.
Ich glaube, so lässt es sich ans Werk gehen, ganz frei und unverkrampft und dabei ganz bei der Aufgabe, die für mich gerade dran ist.
Nehmen Sie sich ruhig diese „Freiheit eines Christenmenschen" und kommen Sie damit gut durch die neue Woche!



