Woche vom 26.09.2010 bis 02.10.2010 

Von Dr. Thomas Weißer, Mainz, Katholische Kirche
Wie viel Geld macht glücklich?
Sonntag, 26. September 2010
Teil1: Mehr Geld
Bei uns in der Familie dreht sich im Moment unheimlich viel ums Geld. Das hat vor allem mit unseren Kindern zu tun. Sie haben viele Wünsche, teure Wünsche: eigener Computer, eigenes Handy und regelmäßiges Hamburger-Essen gehören dazu - denn all das gibt's bei uns nicht. Außerdem wäre das Auto ja schon ziemlich alt. 200.000 Kilometer, da wär doch bald mal ein Neues fällig. Und so weiter und so weiter ...
Seit unsere Kinder größer werden, führen wir ständig diese Diskussionen ums Geld. Das Problem: Ihre Wünsche und unsere finanziellen Möglichkeiten passen oft genug nicht zusammen. Aber dieses Dilemma teilen wir mit vielen anderen - mit Familien, mit Alleinerziehenden, mit jungen Erwachsenen in schlecht bezahlten Berufen oder mit älteren Menschen, deren schmale Rente hinten und vorn nicht reicht.Ich glaube allerdings, es geht nur vordergründig ums Geld. Im Kern geht es um ganz grundsätzliche Fragen, die viele beschäftigt: Was brauche ich eigentlich wirklich? - und: Was ist wirklich wichtig in meinem Leben?Unsere Kinder sagen da spontan, wenn wir mal wieder miteinander diskutieren: Viel Geld ist wichtig und ich brauche alles, was mir gefällt. Frei nach dem Motto: Wer viel Geld hat und es ausgeben kann, der ist besser dran im Leben. Ich habe da so meine Zweifel und eine Studie stützt meine Skepsis. Da wollten es Wirtschaftswissenschaftler genau wissen. Die zentrale Frage in ihrer Untersuchung lautete: Macht mehr Geld glücklicher? Ein Ergebnis ist wenig überraschend. Je weniger Geld jemand hat, das stellten die Forscher fest, desto gestresster und unglücklicher ist er. Armut geht oft mit Unglücklich-Sein einher. Geschenkt, sagen jetzt vielleicht viele, dafür brauche ich keine Studie.Ein anderes Ergebnis dieser Studie ist aber doch verblüffend. Die Forscher stellten fest: Geld macht nur bis zu einem gewissen Punkt glücklich. Ab einem Jahresnettoeinkommen von etwa 60.000 Euro verändert sich das Gefühl, glücklich zu sein, nicht mehr. Es lässt sich nur noch mit dem steigern, was nichts mit Geld zu tun hat: Gute Lebensumstände, gute Beziehungen, stabile Freundschaften, ein optimistisches Naturell.In dem biblischen Text, der heute in den katholischen Kirchen gelesen wird, spiegelt sich exakt diese Einsicht wieder. Da wird von einem unvorstellbar reichen Mann erzählt und vom armen Lazarus. Deutlich wird am Verhältnis dieser beiden: Nicht der Reiche, sondern der arme Lazarus hat mehr Glück. Denn nicht Geld macht glücklich, nicht Geld öffnet dem Leben die Türen, sondern ein glückliches Leben ist ein Leben reich an Gott und den Menschen. Viel besitzen muss man nicht Geld oder Sachen, sondern Beziehung zu Gott, zu anderen Menschen und zu sich. Das macht das Glück aus.
Teil 2. Was macht glücklich?
Was macht glücklich? Viel Geld? Sich alle Wünsche erfüllen zu können? Ja, würden meine Kinder sagen. Ja, sage auch ich oft genug. Wer jedes Geldstück zweimal umdrehen muss vor dem Ausgeben, für den hängt Geld und Glück zwangsläufig zusammen.
Eine andere Antwort habe ich von Joschi gelernt. Jeden Tag fahr ich mit dem Fahrrad an ihm vorbei. Er sitzt immer am gleichen Platz, neben der Zweigstelle einer großen Bank. Da breitet er sich eine Decke auf dem Boden aus, sein Hund sitzt neben ihm, und er hat eine kleine Schale mit ein paar Münzen vor sich. Obdachlos sagen manche, oder: Penner. Ich habe Joschi vor zwei Jahren kennen gelernt. Mit einer Sozialarbeiterin habe ich einige Obdachlose besucht, mit Menschen gesprochen, die freiwillig oder gezwungenermaßen auf der Straße leben. Bei diesen Gesprächen habe ich gelernt: Viele finden sich mit dem Leben auf der Straße ab, manche haben sich darin eingerichtet, wollen gar keine feste Wohnung mehr. Aber viele wünschen sich nichts sehnlicher, als ihren Platz in der Welt zu finden.
Ich habe aber auch erfahren: Niemand wird freiwillig arm, räumt seine Wohnung, lebt auf der Straße. Und erst recht kein Mensch will freiwillig arm bleiben. Aber für viele ist die Straße, ist die Armut einfach die letzte Station. Sie haben keine Kraft und keine Ideen, sich selbst wieder aus dieser Armut zu befreien. Ein Teufelskreis tut sich für sie auf: Ohne Arbeit gibt es kein Geld, mit dem sich eine Wohnung bezahlen lässt und vernünftige Klamotten und gutes, gesundes Essen. Aber ohne festen Wohnsitz gibt es auch keine Arbeit und kein Konto auf der Bank.Trotzdem habe ich in meiner Begegnung mit obdachlosen Menschen gemerkt: Leben ist auch mit wenig möglich. Mit viel weniger, als ich es oft denke - und meine Kinder erst recht. Leben, gutes und glückliches Leben, hängt nicht am Geld. Viele der Menschen ohne festen Wohnsitz haben mir erzählt, dass es genauso wichtig für sie ist, als Menschen wahr- und ernstgenommen zu werden. Als Mensch respektiert zu werden. Und nicht als Abfall oder Müll der Gesellschaft zu gelten. Nur weil man wenig Geld hat, haben sie mir gesagt, verliert man nicht seine Rechte, verliert man nicht den Anspruch darauf, wie ein Mensch behandelt zu werden.Mir ist diese Botschaft noch lange nachgegangen. Ich muss nämlich eingestehen, dass ich oft genug genau so denke, dass ich Geld-Haben mit Mensch-Sein verknüpfe. Wer Geld hat, gilt etwas, wird anerkannt, geachtet. Und ist deshalb glücklich. Im Grunde meines Herzens weiß ich aber genau, dass das falsch ist. Achtung darf eben nicht an Besitz gebunden werden, Glück kommt nicht automatisch mit Geld. Glücklich, zufrieden macht es aber eben, wenn ich mit anderen Menschen gut leben kann, wenn ich von anderen als Mensch angenommen und akzeptiert werde, ganz egal, wie viel ich besitze.



