Woche vom 01.08.2010 bis 07.08.2010 

Von Dr. Maria Meesters, Baden-Baden, Katholische Kirche
„Narren hasten, Kluge warten, Weise gehen in den Garten." (Tagore)
Sonntag, 01. August 2010
Der indische Philosoph und Dichter Tagore hat einmal gesagt: „Narren hasten, Kluge warten, Weise gehen in den Garten." Was ist so weise daran, in den Garten zu gehen? Was kann man dort sehen und erfahren? Vielleicht zuerst einmal, dass es schön ist, dass es wohl tut, sich einem Garten aufzuhalten, darin zu arbeiten, zu sitzen, spazieren zu gehen ihn zu bestaunen. In einem Garten kommen Geschenke der Natur und menschliche Arbeit zusammen.
Ich kenne Menschen, die gern auch am Sonntag in den Garten gehen und dort tätig sind. Ich sage bewusst nicht: arbeiten. Sie mähen nicht den Rasen und beschneiden keine Bäume, machen keinen Lärm. Aber sie pflanzen und pflegen mit Freude und durchaus auch mit Muße und Andacht. In der Erde wühlen, Gras und Blumen riechen, Farben sehen, Tiere beobachten. Das Wachsen erleben, abhängig von Sonne, Wind und Regen.
„Narren hasten, Kluge warten, Weise gehen in den Garten", hatte Tagore gesagt. Wohl, weil wir dort das Geheimnis des Lebens verstehen, besser noch erfühlen und erspüren können. Der Weise sucht den Garten auf, geht beim Garten in die Schule. Dort wird ihm nichts erklärt, muss er zunächst einmal nichts verstehen, sondern darf sich darin bewegen. Der Garten ist durchaus eine Lebensschule, hier ereignet sich das „Stirb und Werde", hier ist die Kraft zu erleben, die in dem Kleinen liegt, das groß wird. Wer selber gärtnert, wirkt darin mit und lernt, dass er Leben und Wachsen nicht machen kann, aber sehr wohl behindern oder begünstigen.
Noch etwas anderes scheint mir wichtig. Ein Garten ist nicht einfach dasselbe wie „die Natur" oder ein Wald. Garten ist ein Stück Natur, das mit Mühe der Natur auch abgerungen wird, gerodet, angelegt, bepflanzt und oft auch künstlich bewässert. Und: umzäunt. Das deutsche Wort Garten kommt von Gerte, weil man vielfach aus Gerten (mit e) also aus biegsamen Zweigen die Zäune geflochten hat. Garten, also ein geschützter, abgetrennter Raum, ein Ort der Geborgenheit. Geschützt vor fremden Menschen, fremden Blicken, wilden Tieren. Trotzdem fallen auch in unsern Breiten manchmal die Wildschweine in Gärten ein, ganz zu schweigen von den hungrigen Schnecken!
Die Bibel erzählt, dass die ersten Menschen in einem Garten gelebt haben. Sie müssen ihn verlassen, ihren ursprünglichen Lebensraum. Aber in ihrem Wissen und Fühlen nehmen sie ihn mit. Und so kann für uns jeder Garten auch eine hoffnungsvolle Erinnerung an das Paradies werden.
Teil 2
Die Welt als Gottes Garten - davon singt in vielen Strophen Paul Gerhardt, Theologe und Dichter im 17.Jahrhundert. Er hat die Pest erlebt, den Dreißigjährigen Krieg und Hungersnöte. Das macht sein freudiges Sommerlied um so kostbarer. Trotz schlimmer Unwetter und auch an unfreundlichen Sommertagen hat dieses Lied seine Wahrheit:
Geh aus mein Herz und suche Freud
In dieser schönen Sommerzeit
An deines Gottes Gaben
Schau an der schönen Gärten Zier
Und siehe wie sie mir und dir
Sich ausgeschmücket haben
Die Bäume stehen voller Laub
Das Erdreich decket seinen Staub
Mit einem grünen Kleide
Narzissen und die Tulipan
Die ziehen sich viel schöner an
Als Salomonis Seide
Die Lerche schwingt sich in die Luft
Das Täublein fliegt aus seiner Kluft
Und macht sich in die Wälder
Die hochbegabte Nachtigall
Ergötzt und füllt mit ihrem Schall
Berg, Hügel, Tal und Felder
Die Glucke führt ihr Völklein aus
Der Storch baut und bewohnt sein Haus
Das Schwälblein speist die Jungen
Der schnelle Hirsch, das leichte Reh
Ist froh und kommt aus seiner Höh
In´s tiefe Gras gesprungen
Der Weizen wächset mit Gewalt
Darüber jauchzet jung und alt
Und rühmt die große Güte
Des, der so überflüssig labt
Und mit so manchem Gut begabt
Das menschliche Gemüte
Ich selber kann und mag nicht ruhn
Des großen Gottes großes Tun
Erweckt mir alle Sinnen
Ich singe mit, wenn alles singt
Und lasse, was dem Höchsten klingt
Aus meinem Herzen rinnen
Welch hohe Lust, welch heller Schein
Wird wohl in Christi Garten sein!
Wie wird es da wohl klingen?
Da so viel tausend Seraphim
Mit unverdroßnem Mund und Stimm
Ihr Halleluja singen
Mach in mir Deinem Geiste Raum,
Daß ich Dir werd ein guter Baum,
Und laß mich Wurzeln treiben;
Verleihe, daß zu Deinem Ruhm,
Ich Deines Gartens schöne Blum
Und Pflanze möge bleiben
Erwähle mich zum Paradeis,
Und laß mich bis zur letzten Reis
An Leib und Seele grünen;
So will ich Dir und Deiner Ehr
Allein und sonsten Keinem mehr
Hier und dort ewig dienen
( Paul Gerhardt, 1656)
Mit diesen Versen aus Paul Gerhardts Sommerlied vom Garten wünsche ich Ihnen einen gesegneten Sonntag.



