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SWR4 Sonntagsgedanken

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Woche vom 25.10.2009 bis 31.10.2009




Lucie Panzer

Von Lucie Panzer, Stuttgart, Evangelische Kirche

Sonntag ist Besuchstag

Sonntag, 25. Oktober 2009     [Druckversion]

Sonntag ist Besuchstag. Erwachsene und fast erwachsene Kinder besuchen ihre Eltern – plötzlich fallen sie ins Haus und machen Lärm bis sie dann nach gutem Essen genauso plötzlich wieder verschwunden sind. Großmütter und Großväter besuchen ihre Enkelkinder. Junge Familien verabreden sich zu einer gemeinsamen Unternehmung, weil es netter ist, wenn man Gesellschaft hat am Sonntagnachmittag.
Sonntag ist der Tag, wo Menschen zueinander finden. Und die meisten, die ich kenne, freuen sich auf den Besuch oder das Fest. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist“, steht schon in der Bibel am Anfang der Geschichte der Menschen. Und die, die trotzdem allein sind – aus welchem Grund auch immer – die haben sich vielleicht daran gewöhnt und machen das Beste daraus. So richtig schön findet es aber kaum jemand, scheint mir.
Jesus hat eine Geschichte erzählt, in der er Menschen mit Schafen verglichen hat. Zu seiner Zeit war das kein bisschen herabsetzend gemeint. Im Gegenteil. Schafe waren oft der kostbarste Besitz einer Familie. In Gottes Welt, hat Jesus erzählt, ist es wie mit einer Herde Schafe. Wenn eines verloren geht, dann geht der Hirte zurück und sucht es. Und wenn er es gefunden hat, trägt er es zurück zu den anderen. Und er freut sich, dass das verlorene Schaf wieder da ist. (Lk 15, 1-7)
Keiner soll zurück bleiben oder den Anschluss verlieren. Keiner soll allein bleiben, der nicht gern allein sein möchte. So ist es in Gottes Welt, hat Jesus erzählt. Und hat sich selbst mit diesem guten Hirten verglichen, der die Verlorenen und allein gebliebenen sucht.
Wie er das gemacht hat? Er hat zum Beispiel dem Mann gute Worte gesagt, der ganz allein war, verletzt war und beleidigt, weil niemand mit ihm zu tun haben wollte. Zu dem hat er gesagt: Ich will dich heute besuchen! Da hat der Mann ihm die Tür aufgemacht und gemerkt, wie gut das tut, wenn man nicht allein ist. Und dass es jemanden gibt, der ihn nicht links liegen lässt. Das hat sein ganzes Leben verändert. Noch zwei Beispiele: Da war ein Mann, der kein anderes Ziel hatte, als überall möglichst viel für sich herauszuholen. So viele hatte er schon übervorteilt, dass er am Ende allein war. Bei dem musste man ja aufpassen, dass man nicht ausgenutzt wird! Durch seinen Besuch hat Jesus diesem Mann klar gemacht, was wirklich wichtig ist. Und der Frau, die sich so viel Arbeit gemacht hat, dass Besuch für sie eigentlich bloß eine Last war – der hat er gezeigt, dass es auch anders geht und dass man mehr Freude am Leben hat, wenn man es mit anderen teil. Zusammen ist man weniger allein.

Teil 2
Gott schaut nach denen, die allein sind. Manche stellen sich ja auch selbst ins Abseits, sind enttäuscht von den anderen, haben Sorge, dass sie ihnen sowieso bloß auf die Nerven gehen. Manchmal ist einem auch einfach alles zuviel, dann lässt man die Kontakte schleifen. Und irgendwann merkt man: ich bin eigentlich immer allein. Aber jetzt ist es wohl zu spät. Ich habe mich monatelang um niemanden gekümmert – wie soll ich da wieder Anschluss finden? So bleibt man dann allein – und fühlt sich auch so. Und damit man das nicht merkt läuft den ganzen Tag der Fernseher. So gerät man ins Abseits und merkt es am Anfang gar nicht. Wie ein Schaf, das sich verirrt hat. Davon hat Jesus ja erzählt. Wer das hört, denkt normalerweise zuerst an die, die irgendwas falsch gemacht haben. Die Sünder, die auf falsche Wege geraten sind. Aber ich glaube nicht, dass Jesus immer bloß an Sünder und Versager gedacht hat. Verlorene Schafe – das sind die, die den Anschluss verloren haben. Und das passiert leicht, und oft, ohne dass man es merkt.
Von Jesus kann man lernen, dass man dann von allein nur schwer wieder Anschluss findet. Wie ein Schaf, das sich verirrt hat. Man braucht jemanden, der einen sucht. Der einen be-sucht. Menschen kann man auch anrufen – Menschen sind ja keine Schafe. Man kann anrufen und fragen: kommst Du mit, wir gehen eine Runde spazieren. Kommst Du mit, wir gehen ins Kino. Oder auch: Bist Du da? Ich hätte Lust auf einen Kaffee. Manchmal muss man vielleicht auch erstmal ein „Ach, es ist so kalt. Ach, ich weiß nicht… Ach, das wird bestimmt blöd…“ aushalten. Und noch mal nachfragen. Manche, die allein sind, wollen keinem zur Last fallen. Die muss man bitten. Und dann ist es am Ende richtig schön und sie sind ganz begeistert und selber hat man auch einen netten Nachmittag gehabt. Und vielleicht jemanden gefunden, der auch mal anruft: kommst du mit, ich gehe spazieren.
Manchmal muss man bitten. Und, ganz wichtig: man darf nicht beleidigt sein, wenn dann doch nichts daraus wird. Es gibt ja so Tage, da geht es wirklich nicht. Da muss man die anderen allein lassen. Manches müssen sie wirklich ganz mit sich allein ausmachen.
Und wenn man nun selber allein ist und traurig darüber, gerade heute am Sonntag, und niemand holt einen aus dem Abseits? Dann ist es doch ein Glück, dass Menschen keine Schafe sind. Menschen können nämlich umkehren. Es anders machen. Selber anrufen. In meiner Gemeinde gibt es einmal im Monat nach dem Gottesdienst ein gemeinsames Mittagessen. Im Internet gibt es eine Seite: alleine wandern ist doof. Da kann man mal schauen. Wer nicht allein bleiben will und kein Schaf ist, findet Möglichkeiten. Und, so endet bei Jesus die Geschichte vom verlorenen Schaf: Gott freut sich über jede und jeden, der umkehrt.