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Woche vom 18.10.2009 bis 24.10.2009


Macht und Machtmissbrauch

Sonntag, 18. Oktober 2009     [Druckversion]

Macht ist eine zwiespältige Sache. In unserer Gesellschaft haben die einen Macht über die Andern. Sind die Mächtigen sich ihrer Verantwortung bewusst, ist es gut. Missbrauchen sie ihre Macht, wird es schlimm.
Macht an sich ist nichts Negatives. Es gibt keine vernünftige Gesellschaft, in der nicht Macht ausgeübt wird. Aber die Macht soll helfen, dass ein Gemeinwesen funktioniert. Macht kann sich diktatorisch gebärden, dann leben die Menschen in Furcht und Schrecken – auch jene, die die Macht haben. Wenn dagegen Macht dem Gemeinwohl dient, ist es gut.
Macht muss immer mit Dienst verbunden sein. Wer andere führen will und so Macht über sie ausübt, der muss dem Leben dienen und so dem Leben helfen sich zu entfalten. Eltern üben in gewissem Sinn Macht über die Kinder aus, wenn sie ihnen Grenzen aufzeigen. Aber sie tun es nicht, um das Leben der Kinder zu beschneiden, sondern um es gut zu entfalten. Wenn Macht sich auf Kosten anderer gebärdet, hat sie eigentlich schon verspielt.
Freilich wird jeden Tag überall auf der Welt Macht missbraucht. Vieles davon erfahren wir gar nicht. Machtmissbrauch beginnt schon dort, wo einer dem andern etwas aufzwingen will – und sei es noch so gut gemeint – wo einer den andern nicht respektiert, sich nicht einfühlt in ihn. Ich kann bereits dort Macht missbrauchen, wo ich es gar nicht bewusst tue, aber einfach den andern Menschen spüren lasse, dass ich ihn anders haben will.

Wenn man zu mir als Kind sagte: Das verstehst du nicht, dazu bist du noch zu klein – habe ich mich geärgert und gedacht: Ihr seid bloß zu doof, mir das richtig zu erklären. Im Grunde macht da der Große den Kleinen nieder statt ihm zu helfen beim Wachsen und Verstehen.
Dagegen hab ich ein frühes Kindheitsbild in Erinnerung, das mein Bruder fotografiert hat: Ich stehe mit meinem Vater an einem Busch in unserem Vorgarten und mein Vater erklärt mir, dass die wunderschönen Beeren nicht essbar, sondern sogar giftig sind. Er beugt sich liebevoll herab und zeigt mir den Sachverhalt, und weil ich ein Bleyle-Anzügle anhabe, weiß ich, dass es ein Sonntagvormittag nach dem Kirchgang war. Ich sehe noch heute diese liebevolle Art meines Papas, wie er sein Wissen, seine Macht in meinen Dienst gestellt hat. Wenn ich heute die roten Vogelbeeren sehe, ist mir dieses Ereignis von damals noch lebhaft vor Augen.

Teil 2

Im Evangelium, das heute in den katholischen Gottesdiensten verkündet wird (Markus 10,35-45), geht es um den Missbrauch der Macht. Zwei Jünger Jesu wollen nach ihrem Tod im Himmel Ehrenplätze haben. Sie sind sogar bereit, dafür Leiden und einen gewaltsamen Tod auf sich zu nehmen. Tatsächlich waren sie zu dem Zeitpunkt, da das Evangelium geschrieben wurde, bereits als Märtyrer gestorben.
Die andern Jünger ärgern sich über diesen Wunsch ihrer Kollegen. Jesus nimmt das zum Anlass, über Macht und Machtmissbrauch zu sprechen und folgert: Bei euch soll es nicht so sein wie bei jenen Herrschern, die ihre Völker unterdrücken, in die Knie zwingen, klein halten. Sondern: Wer groß sein will, soll dienen. Wer der Erste sein will, soll sich zum Letzten machen – bereit, auch den geringsten Dienst für einen andern zu tun.
Ist das realistisch? Wenn eine Gemeinschaft gedeihen soll, müssen alle einen Blick füreinander haben – und gerade die, die von andern gewählt werden und Verantwortung übernehmen.
Aber sie brauchen auch die Unterstützung der Andern. Wer nur auf „die oben“ schimpft und selbst nichts tut, macht es sich zu einfach. Aber auch die, die Macht ausüben, müssen sich selber gegenüber kritisch bleiben und aufpassen, dass sie ihre Macht nicht missbrauchen.
In der heutigen Gesellschaft mit ihren Verflechtungen ist es gar nicht so einfach, im Dienst der Macht korrekt und ehrlich zu bleiben. Versuchungen lauern an allen Ecken: So ist es viel einfacher, eine Diskussion abzuwürgen als sich ihr zu stellen. Es ist viel einfacher, mit einem Vorsprung an Wissen den Kritiker zu überrumpeln als ihn ernst zu nehmen. Wir brauchen da nur an strittige Themen in der Wirtschaft zu denken oder an eine gesunde Zukunftsplanung. Und weil fast immer auch Geld im Spiel ist, ist die Versuchung da, mehr haben zu wollen als mir zusteht und so auf Kosten anderer zu leben.
Es ist nicht leicht, Verantwortung zu übernehmen. Kaum findet man den Beifall aller. Aber es ist wichtig, dass es Menschen gibt, die Macht und Verantwortung übernehmen. Dies kommt dann dem einzelnen Menschen zugute, und ein Gemeinwohl kann sich positiv entfalten.
Ebenso bleibt das Wort Jesu gültig: Wer herrschen will, soll dienen – einer dem andern. Dann entwickeln wir eine gute Zukunft.