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Woche vom 04.10.2009 bis 10.10.2009




Dr. Thomas Weißer

Von Dr. Thomas Weißer, Mainz, Katholische Kirche

Mehr als Gesetze

Sonntag, 04. Oktober 2009     [Druckversion]

Es gibt viele Gesetze, Regeln und Vorschriften. Die meisten davon helfen, das Leben auch gut zu leben. Aber es bleibt die Frage: Welcher Sinn steht hinter den Gesetzen?

Teil 1
Regeln und Gesetze

Gesetze, Regeln und Vorschriften. Davon wird unsere Leben häufig bestimmt. Denn fast alle Bereiche des Lebens sind eben geregelt. Aber noch lange nicht alle gehen gleich mit den Gesetzen und Regeln um.
Ich erlebe es gerade bei unseren Kindern. Die sagen sich immer wieder: Regeln sind dafür da, gebrochen zu werden. Und dann testen sie aus, wie weit sie gehen können. Ob wir ihnen alles durchgehen lassen. In der Wirtschaft und bei der Steuererklärung geht es anders zu. Hier gibt’s viele, die ganz geschickt die Schlupflöcher suchen, die das Gesetz lässt. Gerade wenn’s ums Geld geht, sind viele Leute erfinderisch. Und immer wieder habe ich auch den Eindruck: Regeln werden so hingebogen, wie es gerade passt. Da wird die Stelle genauso ausgeschrieben, dass sie nur auf einen Bewerber passt. Nämlich auf den, den man sich vorher ausgeguckt hat. Oder im Sport: Da wissen alle, dass sich Sportler dopen, aber die einen holt man sich – und andere bleiben unbehelligt.
Gesetze, Regeln und Vorschriften. Ein schwieriges Kapitel. Nicht erst heute. Auch schon in biblischen Zeiten. Da kommen einmal Leute zu Jesus und fragen ihn: „Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen?“ Das ist keine beliebige Frage. Es geht um Gesetze, an die sich alle Juden zu halten haben. Auch Jesus. Nach jüdischem Gesetz muss die Antwort auf die Frage „Ja“ lauten. Es ist erlaubt. Ein Mann darf seiner Frau eine Scheidungsurkunde ausstellen. Er ist damit nicht mehr verheiratet.
Jesus weiß das offensichtlich. Aber genauso offensichtlich interessieren ihn die Gesetze nicht. Jesus geht vielmehr direkt aufs Ganze. Erlaubt oder verboten? Zulässig oder nicht? Die Fragen sind nicht interessant. Interessant ist der Sinn solcher und damit eigentlich aller Gesetze. Die Frage treibt Jesus um: Welchen Sinn hat ein Verbot oder ein Gesetz?
Und in Sachen Scheidung ist Jesus da knallhart. Die Ehescheidung gibt’s nur, sagt er, weil viele Männer ihre Frau nicht ein Leben lang lieben. Weil sie hartherzig sind, sagt Jesus. Weil sie der Partnerin gegenüber zu wenig Herz zeigen, zu wenig Liebe.
Insofern ist die Möglichkeit der Ehescheidung ganz nah an der Realität. Sie entspricht der Wirklichkeit: Dass nämlich Beziehungen zu Ende gehen, dass sich Partner voneinander abwenden, dass die Liebe langsam erkaltet.
Aber Jesus geht auch weiter. Für ihn reicht das nicht aus. Jesus fragt nach der Idee der Beziehung von Mann und Frau. Fragt nach dem eigentlichen Sinn. Und den findet er bei Gott. Für Jesus ist klar: Frau und Mann sind von Gott geschaffen und aufeinander bezogen. Und die gelingende Beziehung von Mann und Frau kann das widerspiegeln.
Für mich heißt das: Ein Blick auf die Realität ist wichtig. Aber es ist zu wenig, sich nur an Gesetzen und Vorschriften zu orientieren. Wichtig ist vielmehr, sich zu fragen: Welchen Sinn haben Gesetze? Und: Erschöpft sich das Leben in diesen Gesetzen?

Teil 2
Zwischen Ideal und Wirklichkeit

Die Zahlen sind eindeutig. Im letzten Jahr heirateten fast 380.000 Paare – und es gab über 190.000 Scheidungen. Das sind die nackten Zahlen. Aber dahinter stehen Schicksale. Dahinter stehen Menschen, die sich auseinander gelebt haben. Partner, die das Interesse füreinander verlieren. Dahinter steht auch Gewalt und Missbrauch. Viel häufiger aber noch Schweigen, Enttäuschung, Trauer, Missachtung.
Die Realität ist: Auf zwei Hochzeiten kommt eine Scheidung. Und genauso ist es Realität, dass Geschiedene eine neue Beziehung eingehen, wieder heiraten. Die Katholische Kirche kennt trotz dieser Realität weder eine Ehescheidung, noch akzeptiert sie eine neue Ehe. Dabei beruft sie sich auf Jesus. Der sagt: den Partner verlassen und einen anderen heiraten, das ist Ehebruch. Denn die Ehe kann nicht aufgehoben werden. Weil Gott selbst, so sagt Jesus, hinter der Beziehung von Mann und Frau steht.
Das ist die eine Seite. Andererseits weiß die Kirche aber auch, wie es um viele Ehen bestellt ist. Weiß, dass Ehen, dass Beziehungen in eine Krise geraten und scheitern können. Und hält fest: Der Glaube schließt niemanden aus. Das ist mehr als ein Lippenbekenntnis. Sogar in offiziellen Dokumenten der Kirche heißt es: Getrennt Lebende, Geschiedene und Wiederverheiratete sind Teil der Kirche, dürfen und sollen ihren Glauben leben, haben ihren Platz im Gottesdienst und allen kirchlichen Veranstaltungen. Allerdings gibt es auch Konfliktzonen: Wer erneut standesamtlich heiratet, kann nicht mehr bei der Kirche beschäftigt sein, es gibt keine zweite kirchliche Ehe und wiederverheirat Geschiedene können auch nicht zur Kommunion gehen. Ist die Kirche also doch nur unbarmherzig?
Festhalten an Idealen und Großzügigkeit, das geht oft einfach nicht zusammen. Was also tun, wenn dann doch die Beziehung scheitert? Das war schon kurz nach Jesu Tod eine umstrittene Frage. Und schon der Apostel Paulus und der Evangelist Matthäus akzeptieren Ausnahmen von der Regel, mildern das Verbot der Ehescheidung. Matthäus etwa lässt seinen Jesus sagen: „Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Untreue vorliegt, und eine andere heiratet, der begeht Ehebruch.“ (Mt 19,9). In der Geschichte der Katholischen Kirche hat sich diese Position nicht durchgesetzt.
Trotzdem ist heute auch in der Kirche klar: Die Institution Ehe ist nicht absolut. Sie findet ihre Grenze an der Würde der Ehepartner. Weil der Mensch selbst als Gottes Ebenbild Würde besitzt. Missbrauch, Gewalt und Unterdrückung in einer Ehe können nicht mit dem Verweis auf das Verbot der Ehescheidung erduldet werden. Gerade hier prallen immer wieder das Ideal einer gelingenden Ehe und die Realität von Beziehungen aufeinander. Und sie fordern alle auf, immer wieder neu den Sinn von Regelungen vor Augen zu führen. Schließlich war es Jesus selbst, der verlangt hat, nach dem Sinn der Gesetze zu fragen, und sie nicht einfach blind zu befolgen.