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SWR4 Sonntagsgedanken

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Woche vom 26.07.2009 bis 01.08.2009




Dr. Maria Meesters

Von Dr. Maria Meesters, Baden-Baden, Katholische Kirche

Jakobus und der Jakobsweg

Sonntag, 26. Juli 2009     [Druckversion]

Nicht Seebestattung, sondern Bestattung auf dem Seeweg. Jakobus, einer der Apostel hat nach dem Tod Jesu eifrig und erfolgreich gepredigt. Deshalb ließ ihn König Herodes enthaupten. Seine Freunde hatten Angst, deshalb nahmen sie heimlich den Leichnam und brachten ihn auf ein Schiff. Dann haben sie Gott gebeten, einen Bestattungsort auszusuchen, sind selber mit ins Schiff gestiegen und haben das Schiff einfach den Wellen überlassen, ohne zu steuern. Schließlich sind sie, geleitet von einem Engel, in Galicien gelandet, im heutigen Spanien. Dort konnten sie Jakobus schließlich bestatten. So erzählt es die Legende. Das Grab des Jakobus wurde zum Ziel eines der wichtigsten Pilgerwege in Europa: Santiago de Compostella. Weil die Legende außerdem noch sagt, dass er am 25.Juli dorthin überführt wurde, wird dort auch an diesem Wochenende wieder intensiv gefeiert.
Jakobus war also der Legende nach selbst als Toter noch unterwegs, hat noch einen weiten Weg zurückgelegt. Als wollte er es den unzähligen Menschen vormachen, die seit dem frühen Mittelalter nach Santiago gepilgert sind, aus vielen Orten des Abendlandes. Menschen unterwegs, Aussteiger, fromme und weniger fromme, suchende Menschen, Bischöfe und Könige, aber auch Verfolgte und Verbrecher. Im Mittelalter war es nämlich durchaus üblich, Verbrechern eine Pilgerfahrt nach Santiago als Buße aufzuerlegen. Manche hofften, unterwegs von einem seelischen Schmerz zu genesen, wieder andere flohen vor einer Seuche.
Bis heute hat es einen bemerkenswerten Reiz, sich auf diesen Weg zu machen. Es gibt feste Pilgerwege nach Spanien, gesäumt von Kirchen und Herbergen. Auch in Südwestdeutschland hat man in den vergangenen Jahren immer mehr Teilstücke alter Pilgerwege wiederentdeckt, zum Beispiel in der Pfalz, auf der Schwäbischen Alb und im Schwarzwald.
Abgesehen von diesen festen Routen scheint es uns Menschen gut zu tun, wenn wir uns auf einen Weg machen können. Gehen klärt die Gedanken, lässt uns ahnen, dass das ganze Leben ein Weg ist. Wer pilgert, kann ahnen, dass wir auf ein Ziel zugehen. Und wer heute nicht mehr so gut laufen kann, erinnert sich vielleicht an besondere Wege aus früheren Tagen.

Teil 2

Ein Heiliger, der einen Esel verleiht. Die Legende erzählt das vom Apostel Jakobus. Einmal war ein Mann unterwegs nach Santiago de Compostella zum Grab des Apostels. Bei einer Rast hat ihm ein Wirt sein Lasttier und alles, was er besaß, gestohlen, und er mußte mühsam zu Fuß weiterziehen, mit seinen kleinen Kindern an der Hand und auf den Schultern. Und da hat ihm Jakobus mit dem Esel geholfen und außerdem dafür gesorgt, dass der Mann seinen Besitz wiederbekam und der Wirt seine Strafe. Ein andermal war ein Vater mit seinem Sohn nach Santiago unterwegs, der Sohn wurde ebenfalls von einem bösen Wirt des Diebstahls beschuldigt und gehängt. Als der Vater auf dem Rückweg von Santiago nach 36 Tagen wieder vorbeikam, voller Trauer, da hing der Junge noch immer am Galgen, wurde wieder lebendig und erzählte fröhlich, wie in der Zwischenzeit Engel für ihn gesorgt hatten.
Wundersame Geschichten, am Rande eines Weges, der bis heute jedes Jahr Zehntausende anzieht. Natürlich hat manches Ähnlichkeit mit dem Starkult unserer Tage. Aber mir scheint, es steckt mehr darin. Ein Pilgerweg ist spannend und voller Gefahren, vor allem früher war das so, und mit dem Leben ist es genauso. Es ist verheißungsvoll und gefährlich, mir begegnen gute Menschen und solche, die Böses im Schild führen, ich erlebe Unglücke und Katastrophen. Und: es gibt immer wieder Rettung. Je schlimmer die Katastrophe, desto großartiger die Rettung. Diesen Glauben, diese Hoffnung haben Menschen früherer Jahrhunderte festgemacht an den Heiligen. Ich muß diese Geschichten nicht wörtlich nehmen, ich kann sie gar nicht wörtlich so glauben. Trotzdem finde ich sie wertvoll. Jakobus, der dem ausgeraubten und erschöpften Mann einen Esel leiht, der dafür sorgt, dass dem zu Unrecht gehängten Jungen nichts passiert – Menschen, die solche Geschichten erzählen, haben etwas erfahren, und ich denke, sie sprechen im Grunde von Gott, von einem fürsorglichen und rettenden Gott.
Natürlich darf ich und muß ich eigene Erfahrungen machen, meinen eigenen Lebensweg gehen mit Highlights und Katastrophen und ganz normalen Zeiten. Und dabei wissen, dass andere mitgehen, dass der Weg ein Ziel hat und auch die Zeit des Gehens kostbar ist. Dabei möchte ich ein Auge und ein offenes Herz haben für die rettenden und helfenden Überraschungen, auch wenn sie vielleicht in Gestalt eines Esels daherkommen.