Woche vom 14.06.2009 bis 20.06.2009 

Von Dr. Thomas Weißer, Mainz, Katholische Kirche
Vom langsamen Wachsen
Sonntag, 14. Juni 2009
Teil 1. Alles muss klein beginnen
„Alles muss klein beginnen, lass etwas Zeit verrinnen, es muss nur Kraft gewinnen, und endlich ist es groß.“ Der Liedermacher Gerhard Schöne hat diesen Vierzeiler zu einem populären Song gemacht. Ein Kinderlied auf den ersten Blick. Einfache Verse, einfache Sprache – und es ist schon beim ersten Hören und Singen klar, worum es geht. Um das Wachsen. Und gerade für Kinder passt die Aussage des Liedes genau: denn bei der Geburt ist kaum zu glauben, dass aus diesem kleinen Menschen einmal ein Erwachsener wird. Dann aber fängt sie an zu verrinnen, die Zeit. Und das Kind wächst, wird „Er-Wachsen“, gewinnt Kraft – und dann ist es im Handumdrehen groß. Noch heute erinnere ich mich ganz gut an die Geburt unserer Kinder. Aber wenn ich ein Baby sehe, frage ich mich unwillkürlich: Waren unsere Kinder wirklich mal so klein?
Und mal ganz ehrlich: Eigentlich weiß ich nicht genau, wie unsere Kinder groß geworden sind. Sicher, sie haben vernünftig gegessen, geschlafen, wir haben mit ihnen gespielt, waren beim Arzt, wenn sie krank waren, und haben zugesehen, dass sie sich genug bewegen. Und, das klingt vielleicht ein bisschen kitschig, wir haben versucht, ihnen zu zeigen, dass wir sie lieben. Gewachsen sind sie aber irgendwie von selbst.
Heute wird in den katholischen Kirchen ein Gleichnis Jesu vorgelesen. Da heißt es: „Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät; dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst, und der Mann weiß nicht, wie.“ Es klingt so, als hätte Gerhard Schöne diesen Text im Ohr gehabt, als er seinen Kanon schrieb. „Alles muss klein beginnen, lass etwas Zeit verrinnen.“
Aber das trifft nicht nur auf Weizen oder Kinder zu. Jesus vergleicht nämlich den Samen, den der Bauer aussäht, mit dem Reich Gottes. Reich Gottes, das meint die innere Zufriedenheit jedes Menschen, und es meint aber auch: Gerechtigkeit, Frieden für die Welt. Aber auch das kommt offensichtlich nicht mit einem großen Knall, plötzlich und unerwartet. Sondern es wächst langsam heran. Zeit muss verrinnen. Und es muss wachsen.
Ich finde das einen spannenden Gedanken: Dass selbst Gott auf die kleinen, unscheinbaren Anfänge setzt. Davon erzählt die Bibel ganz oft. Nicht die mächtigen Könige verändern den Lauf der Dinge in den biblischen Geschichten, sondern die Schafhirten und Heimatlosen, ein kleines Kind in der Krippe und ein paar Fischer. Aber dann, wenn man ihnen Zeit gibt, wenn sie wachsen dürfen, wenn sie Kraft gewinnen, dann wird etwas Großes daraus.
Mich fordert der Glaube auf, genau darauf zu achten: Auf die kleinen Anfänge. Bei Kindern und bei weltweiter Gerechtigkeit. Denn beides kann groß werden.
Teil 2. Die Kunst des Wartens
Immer wieder tappe ich in dieselbe Falle. Es ist die Falle der Hektik, die Falle die heißt: „ich muss aber das und das noch unbedingt tun“. Und wenn ich dann fertig bin, wartet schon die
nächste Aufgabe. Sicher, ich arbeite, will für meine Familie da sein, mache Musik, schreibe Texte, alles will erledigt sein, alles braucht seine Zeit. In unserer Gesellschaft ist so was allgemein anerkannt. Wer viel tut und wenig Zeit hat, der gilt was. Der ist was.
Aber das ist eine fatale Einstellung. Dann gelten nämlich die Menschen wenig oder nichts, die eben keine Arbeit haben, die älter sind. Die Kinder sind aus dem Haus, das Leben wird ruhiger und langsamer. Und manch einer fühlt sich da nutzlos, wertlos. Weil eben kein Trubel mehr da ist, keine Hektik, weil sich keine Termine jagen.
In der Bibel findet sich ein Kontrastbild zur dieser Einstellung. Hier vergleicht Jesus einmal das Reich Gottes mit einem Mann, der Samen auf seinen Acker sät. Jesus sagt: „Dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst, und der Mann weiß nicht, wie.“
Ein provokanter Text. Gegen die Hektik der Zeit setzt er das langsame Wachsen. Und was entsteht, ist das Reich Gottes, die Erfüllung aller Träume, ein Leben, das wirklich lebenswert ist, das rund ist. Und es entsteht, wenn es Zeit zum Wachsen und Reifen bekommt. Nicht, wenn Hektik und Stress herrschen.
Der Text macht mich nachdenklich. Weil er sagt: Du kannst auf die Zeit setzen. Das, was wächst, braucht Zeit. Man kann das Korn nicht aus der Erde zerren, es braucht Zeit zum Wachsen. Ich gebe zu, mir fällt das Warten oft schwer. Aber im Text heißt es klipp und klar: Von selbst wächst die Saat, automatisch. Das heißt: Es kommt nicht darauf an, dass ich etwas mache. Es kommt nicht darauf an, dass ich mich ins Zeug lege. Das Gute, das Wichtige im Leben, das bringe ich nicht durch Arbeit und Ackerei zustande. Es braucht Zeit. Und ich muss warten. Ich glaube, das ist die härteste Arbeit, die man heute machen kann: Nichts tun. Aber genau das Nichtstun ist wichtig.
Dabei geht es allerdings nicht ums Faulenzen. Schließlich sät der Bauer ja den Samen aus, er arbeitet also – aber er weiß auch, dass es auch eine Zeit des Wartens gibt.
Wer also wartet, wer nicht in Hektik verfällt, wer nichts tut, der tut auch etwas Gutes. Er ist wichtig und wird gebraucht. Hätten wir nur Menschen, die Stress verbreiten und ruck zuck Erfolge sehen wollen, dann könnte mancher Same gar nicht aufgehen. Dann wäre unsere Gesellschaft ärmer. Wir brauchen, sagt Jesus, Menschen, die warten können, die langsam machen. Weil sie uns darauf aufmerksam machen können, dass es Dinge im Leben gibt, die sich nicht erzwingen lassen, sondern die Zeit brauchen. Wie die Liebe, wie Vertrauen, wie das Reich Gottes.
Evangelium am 11. Sonntag im Jahrskreis (Mk 4,26-34)
In jener Zeit sprach Jesus zu der Menge: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät; dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst, und der Mann weiß nicht, wie. Die Erde bringt von selbst ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre. Sobald aber die Frucht reif ist, legt er die Sichel an; denn die Zeit der Ernte ist da.
Er sagte: Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen, mit welchem Gleichnis sollen wir es beschreiben? Es gleicht einem Senfkorn. Dieses ist das kleinste von allen Samenkörnern, die man in die Erde sät. Ist es aber gesät, dann geht es auf und wird größer als alle anderen Gewächse und treibt große Zweige, sodass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können.
Durch viele solche Gleichnisse verkündete er ihnen das Wort, so wie sie es aufnehmen konnten. Er redete nur in Gleichnissen zu ihnen; seinen Jüngern aber erklärte er alles, wenn er mit ihnen allein war.
„Alles muss klein beginnen, lass etwas Zeit verrinnen, es muss nur Kraft gewinnen, und endlich ist es groß.“ Der Liedermacher Gerhard Schöne hat diesen Vierzeiler zu einem populären Song gemacht. Ein Kinderlied auf den ersten Blick. Einfache Verse, einfache Sprache – und es ist schon beim ersten Hören und Singen klar, worum es geht. Um das Wachsen. Und gerade für Kinder passt die Aussage des Liedes genau: denn bei der Geburt ist kaum zu glauben, dass aus diesem kleinen Menschen einmal ein Erwachsener wird. Dann aber fängt sie an zu verrinnen, die Zeit. Und das Kind wächst, wird „Er-Wachsen“, gewinnt Kraft – und dann ist es im Handumdrehen groß. Noch heute erinnere ich mich ganz gut an die Geburt unserer Kinder. Aber wenn ich ein Baby sehe, frage ich mich unwillkürlich: Waren unsere Kinder wirklich mal so klein?
Und mal ganz ehrlich: Eigentlich weiß ich nicht genau, wie unsere Kinder groß geworden sind. Sicher, sie haben vernünftig gegessen, geschlafen, wir haben mit ihnen gespielt, waren beim Arzt, wenn sie krank waren, und haben zugesehen, dass sie sich genug bewegen. Und, das klingt vielleicht ein bisschen kitschig, wir haben versucht, ihnen zu zeigen, dass wir sie lieben. Gewachsen sind sie aber irgendwie von selbst.
Heute wird in den katholischen Kirchen ein Gleichnis Jesu vorgelesen. Da heißt es: „Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät; dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst, und der Mann weiß nicht, wie.“ Es klingt so, als hätte Gerhard Schöne diesen Text im Ohr gehabt, als er seinen Kanon schrieb. „Alles muss klein beginnen, lass etwas Zeit verrinnen.“
Aber das trifft nicht nur auf Weizen oder Kinder zu. Jesus vergleicht nämlich den Samen, den der Bauer aussäht, mit dem Reich Gottes. Reich Gottes, das meint die innere Zufriedenheit jedes Menschen, und es meint aber auch: Gerechtigkeit, Frieden für die Welt. Aber auch das kommt offensichtlich nicht mit einem großen Knall, plötzlich und unerwartet. Sondern es wächst langsam heran. Zeit muss verrinnen. Und es muss wachsen.
Ich finde das einen spannenden Gedanken: Dass selbst Gott auf die kleinen, unscheinbaren Anfänge setzt. Davon erzählt die Bibel ganz oft. Nicht die mächtigen Könige verändern den Lauf der Dinge in den biblischen Geschichten, sondern die Schafhirten und Heimatlosen, ein kleines Kind in der Krippe und ein paar Fischer. Aber dann, wenn man ihnen Zeit gibt, wenn sie wachsen dürfen, wenn sie Kraft gewinnen, dann wird etwas Großes daraus.
Mich fordert der Glaube auf, genau darauf zu achten: Auf die kleinen Anfänge. Bei Kindern und bei weltweiter Gerechtigkeit. Denn beides kann groß werden.
Teil 2. Die Kunst des Wartens
Immer wieder tappe ich in dieselbe Falle. Es ist die Falle der Hektik, die Falle die heißt: „ich muss aber das und das noch unbedingt tun“. Und wenn ich dann fertig bin, wartet schon die
nächste Aufgabe. Sicher, ich arbeite, will für meine Familie da sein, mache Musik, schreibe Texte, alles will erledigt sein, alles braucht seine Zeit. In unserer Gesellschaft ist so was allgemein anerkannt. Wer viel tut und wenig Zeit hat, der gilt was. Der ist was.
Aber das ist eine fatale Einstellung. Dann gelten nämlich die Menschen wenig oder nichts, die eben keine Arbeit haben, die älter sind. Die Kinder sind aus dem Haus, das Leben wird ruhiger und langsamer. Und manch einer fühlt sich da nutzlos, wertlos. Weil eben kein Trubel mehr da ist, keine Hektik, weil sich keine Termine jagen.
In der Bibel findet sich ein Kontrastbild zur dieser Einstellung. Hier vergleicht Jesus einmal das Reich Gottes mit einem Mann, der Samen auf seinen Acker sät. Jesus sagt: „Dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst, und der Mann weiß nicht, wie.“
Ein provokanter Text. Gegen die Hektik der Zeit setzt er das langsame Wachsen. Und was entsteht, ist das Reich Gottes, die Erfüllung aller Träume, ein Leben, das wirklich lebenswert ist, das rund ist. Und es entsteht, wenn es Zeit zum Wachsen und Reifen bekommt. Nicht, wenn Hektik und Stress herrschen.
Der Text macht mich nachdenklich. Weil er sagt: Du kannst auf die Zeit setzen. Das, was wächst, braucht Zeit. Man kann das Korn nicht aus der Erde zerren, es braucht Zeit zum Wachsen. Ich gebe zu, mir fällt das Warten oft schwer. Aber im Text heißt es klipp und klar: Von selbst wächst die Saat, automatisch. Das heißt: Es kommt nicht darauf an, dass ich etwas mache. Es kommt nicht darauf an, dass ich mich ins Zeug lege. Das Gute, das Wichtige im Leben, das bringe ich nicht durch Arbeit und Ackerei zustande. Es braucht Zeit. Und ich muss warten. Ich glaube, das ist die härteste Arbeit, die man heute machen kann: Nichts tun. Aber genau das Nichtstun ist wichtig.
Dabei geht es allerdings nicht ums Faulenzen. Schließlich sät der Bauer ja den Samen aus, er arbeitet also – aber er weiß auch, dass es auch eine Zeit des Wartens gibt.
Wer also wartet, wer nicht in Hektik verfällt, wer nichts tut, der tut auch etwas Gutes. Er ist wichtig und wird gebraucht. Hätten wir nur Menschen, die Stress verbreiten und ruck zuck Erfolge sehen wollen, dann könnte mancher Same gar nicht aufgehen. Dann wäre unsere Gesellschaft ärmer. Wir brauchen, sagt Jesus, Menschen, die warten können, die langsam machen. Weil sie uns darauf aufmerksam machen können, dass es Dinge im Leben gibt, die sich nicht erzwingen lassen, sondern die Zeit brauchen. Wie die Liebe, wie Vertrauen, wie das Reich Gottes.
Evangelium am 11. Sonntag im Jahrskreis (Mk 4,26-34)
In jener Zeit sprach Jesus zu der Menge: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät; dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst, und der Mann weiß nicht, wie. Die Erde bringt von selbst ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre. Sobald aber die Frucht reif ist, legt er die Sichel an; denn die Zeit der Ernte ist da.
Er sagte: Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen, mit welchem Gleichnis sollen wir es beschreiben? Es gleicht einem Senfkorn. Dieses ist das kleinste von allen Samenkörnern, die man in die Erde sät. Ist es aber gesät, dann geht es auf und wird größer als alle anderen Gewächse und treibt große Zweige, sodass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können.
Durch viele solche Gleichnisse verkündete er ihnen das Wort, so wie sie es aufnehmen konnten. Er redete nur in Gleichnissen zu ihnen; seinen Jüngern aber erklärte er alles, wenn er mit ihnen allein war.



