Woche vom 26.04.2009 bis 02.05.2009 

Von Beate Hirt, Mainz, Katholische Kirche
Gemeinsam mit Grenzen leben
Sonntag, 26. April 2009
zur „Woche für das Leben“ 2009
Die eigenen Grenzen zu spüren, das tut weh. Wie kann ich, wie können wir gemeinsam mit Grenzen leben? Dazu hören Sie jetzt Beate Hirt aus Mainz von der katholischen Kirche.
Teil 1 Begrenztes Leben
Es ist vielleicht die schwierigste und schmerzlichste Erfahrung, die der Mensch machen kann: die Erfahrung, an seine eigenen Grenzen zu kommen. Ohnmächtig kann einen das machen, wütend und traurig. Zum Beispiel, wenn ich spüre: Ich hab die Grenze dessen erreicht, was ich seelisch und körperlich leisten kann. Ich würde so gerne dieses Projekt im Beruf oder jene Aufgabe in der Familie wahrnehmen oder weiterführen. Aber ich kann es nicht, schaffe es einfach nicht. Oder jedenfalls nicht so, wie ich es mir vorgenommen oder erträumt hatte. Manchmal gibt mir auch ein anderer zu verstehen: Hier geht’s nicht weiter. Hier ist deine Grenze. Auch die Grenze einer Beziehung kann das sein. Ich habe mir eine grenzenlose Zweisamkeit gewünscht. Aber der andere sagt: Schluss, hier ist kein Weiterkommen. An die Grenzen stoßen tut weh. Es stoppt unsere Sehnsüchte - und auch unser Selbstbewusstsein. Denn Grenzen stellen uns in Frage: Wer bin ich und wie viel bin ich wert? Warum zieht mir das Leben diese Grenze?
Eine besonders schmerzliche Erfahrung von Begrenztheit sind Behinderung und Krankheit. Manchmal von jetzt auf gleich werden da neue Grenzen gezogen. Eben noch war alles möglich, das Leben ein weites, grenzenloses Land. Der Körper konnte sich bewegen, hatte Energie. Und nun ist alles ganz anders. Ein Mensch sitzt im Rollstuhl. Oder ist von Schmerzen geplagt. Oder von Erschöpfung. Der Geist möchte am liebsten weitermachen wie bisher. Möchte werkeln, arbeiten, für andere sorgen und für sich selbst. Aber der Körper kommt an seine Grenzen, sagt: das geht nicht mehr. Diese Grenzen zu spüren, das tut weh, immer wieder und jeden Tag neu. Gewöhnen kann man sich oft nur schwer daran. Mit diesen Grenzen zu leben, das kostet Mühe und eine ganz eigene, besondere Kraft.
Und: Es braucht auch andere Menschen. Wenn ich an meine Grenzen stoße, spüre ich besonders: Ich kann nicht alles alleine schaffen. Auch das kann wehtun. Aber es ist auch eine besondere Chance: zu entdecken, wie wir uns gegenseitig helfen können in unserer Begrenztheit. „Gemeinsam mit Grenzen leben“: So lautet das Motto der „Woche für das Leben“ in diesem Jahr. Gestern ist sie in Lüneburg eröffnet worden. Evangelische und katholische Kirche wollen mit ihr den Wert und die Würde des menschlichen Lebens ins Bewusstsein rufen.
„Gemeinsam mit Grenzen leben“. Wenn Menschen das im Alltag versuchen, wenn Kranke und Gesunde, Behinderte und Nichtbehinderte miteinander leben, dann geht es wirklich ganz schnell um den Wert und die Würde des Menschen. Die kann im Kleinen verletzt, aber sie kann auch im Kleinen besonders beachtet und gestärkt werden. Wer mit eigenen Grenzen leben muss, der ist ja besonders sensibel dafür, wie mit ihm umgegangen wird. Oft genug zweifelt er selbst an sich. Respekt und Achtung, die braucht es deswegen dann erst recht. Begegnung muss auf Augenhöhe geschehen, nicht herablassend. Einer, der so mit Menschen umgegangen ist, der sich Menschen mit Grenzen auf ganz besondere Weise zugewandt hat, war Jesus von Nazareth. Von ihm, finde ich, kann man lernen, wie das geht: gemeinsam mit Grenzen zu leben.
Teil 2 „Was willst du, dass ich dir tue?“
„Was willst du, dass ich dir tue?“ So fragt Jesus immer wieder kranke Menschen, die zu ihm kommen. Menschen mit Begrenzung, Menschen, die ausgeschlossen sind aus der Gesellschaft, weil sie nichts mehr leisten können. Eigentlich, so könnte man meinen, ist die Frage ziemlich sinnlos, es ist doch klar, was diese Menschen wollen: gesund werden. Was muss Jesus da noch groß fragen? Aber vielleicht steckt in dieser Frage auch gerade diese „Augenhöhe“, die oft so schwer fällt in der Begegnung mit Menschen mit Grenzen. Jesus sagt eben nicht einfach: „Ich helfe dir, ich weiß, was du jetzt brauchst, du willst doch sicher gesund werden.“ Er legt nicht gleich los, er heilt nicht ungefragt. Jesus nimmt den Kranken, den Behinderten wahr, und er nimmt ihn ernst. Er macht ihm klar: Du bestimmst, was mit dir geschieht, du entscheidest. Sag mir, was du willst.
„Was willst du, dass ich dir tue?“ Ich glaube: Auch heute kann das eine wichtige Frage sein im Alltag von Menschen, die gemeinsam mit Krankheit und Behinderung leben. „Was brauchst du, was kann ich dir Gutes tun, was ist dir wichtig?“ Es ist nicht immer leicht, so zu fragen. Bequemer ist es oft, dass der Stärkere für den Schwächeren gerade schnell mitentscheidet. Oder dass Dinge so bleiben, wie sie sich eingespielt haben. Selbst, wenn damit Grenzen immer wieder neu zementiert werden und wehtun. „Was willst du?“ So eine Frage, ehrlich gestellt, kann anstrengend werden für den, der fragt. Aber sie kann auch eine echte Herausforderung sein für den Kranken. Denn sie lockt ihn heraus. Was sind eigentlich meine Wünsche? Welche Hilfe will ich annehmen? Was würde ich gerne erleben, trotz oder gerade wegen meiner Krankheit, der Grenzen, die ich habe? „Was willst du?“ Wenn ich mir in all meinen Grenzen darüber Gedanken mache, dann ist auch klar: Ich muss ja überhaupt noch etwas wollen. Ich gebe mich nicht auf, ich resigniere nicht. Auch, wenn vielleicht der größte Wunsch, das Gesundwerden, nicht in Erfüllung geht: Es gibt noch Wünsche, es gibt noch Dinge, die ich tun kann. Es gibt vor allem auch Gemeinschaft und Begegnung, die ich erleben kann.
Jesus hat damals die Menschen an den Grenzen der Gesellschaft in die Gemeinschaft zurückgeholt. Das war vielleicht das Wichtigste an seiner Begegnung mit Kranken und Behinderten: dass er sie aus der Isolation herausgeholt hat, aus Einsamkeit. Und bis heute ist das etwas so ungemein Wichtiges: dass wir „gemeinsam“ mit unseren Grenzen leben lernen. Dass wir uns nicht voneinander abkapseln, weder die Gesunden von den Kranken, noch die Kranken von den Gesunden. Sondern dass wir entdecken: gemeinsam wird es leichter, mit Grenzen zu leben. Gemeinsam lässt sich vielleicht doch manche Grenze überwinden.
Die eigenen Grenzen zu spüren, das tut weh. Wie kann ich, wie können wir gemeinsam mit Grenzen leben? Dazu hören Sie jetzt Beate Hirt aus Mainz von der katholischen Kirche.
Teil 1 Begrenztes Leben
Es ist vielleicht die schwierigste und schmerzlichste Erfahrung, die der Mensch machen kann: die Erfahrung, an seine eigenen Grenzen zu kommen. Ohnmächtig kann einen das machen, wütend und traurig. Zum Beispiel, wenn ich spüre: Ich hab die Grenze dessen erreicht, was ich seelisch und körperlich leisten kann. Ich würde so gerne dieses Projekt im Beruf oder jene Aufgabe in der Familie wahrnehmen oder weiterführen. Aber ich kann es nicht, schaffe es einfach nicht. Oder jedenfalls nicht so, wie ich es mir vorgenommen oder erträumt hatte. Manchmal gibt mir auch ein anderer zu verstehen: Hier geht’s nicht weiter. Hier ist deine Grenze. Auch die Grenze einer Beziehung kann das sein. Ich habe mir eine grenzenlose Zweisamkeit gewünscht. Aber der andere sagt: Schluss, hier ist kein Weiterkommen. An die Grenzen stoßen tut weh. Es stoppt unsere Sehnsüchte - und auch unser Selbstbewusstsein. Denn Grenzen stellen uns in Frage: Wer bin ich und wie viel bin ich wert? Warum zieht mir das Leben diese Grenze?
Eine besonders schmerzliche Erfahrung von Begrenztheit sind Behinderung und Krankheit. Manchmal von jetzt auf gleich werden da neue Grenzen gezogen. Eben noch war alles möglich, das Leben ein weites, grenzenloses Land. Der Körper konnte sich bewegen, hatte Energie. Und nun ist alles ganz anders. Ein Mensch sitzt im Rollstuhl. Oder ist von Schmerzen geplagt. Oder von Erschöpfung. Der Geist möchte am liebsten weitermachen wie bisher. Möchte werkeln, arbeiten, für andere sorgen und für sich selbst. Aber der Körper kommt an seine Grenzen, sagt: das geht nicht mehr. Diese Grenzen zu spüren, das tut weh, immer wieder und jeden Tag neu. Gewöhnen kann man sich oft nur schwer daran. Mit diesen Grenzen zu leben, das kostet Mühe und eine ganz eigene, besondere Kraft.
Und: Es braucht auch andere Menschen. Wenn ich an meine Grenzen stoße, spüre ich besonders: Ich kann nicht alles alleine schaffen. Auch das kann wehtun. Aber es ist auch eine besondere Chance: zu entdecken, wie wir uns gegenseitig helfen können in unserer Begrenztheit. „Gemeinsam mit Grenzen leben“: So lautet das Motto der „Woche für das Leben“ in diesem Jahr. Gestern ist sie in Lüneburg eröffnet worden. Evangelische und katholische Kirche wollen mit ihr den Wert und die Würde des menschlichen Lebens ins Bewusstsein rufen.
„Gemeinsam mit Grenzen leben“. Wenn Menschen das im Alltag versuchen, wenn Kranke und Gesunde, Behinderte und Nichtbehinderte miteinander leben, dann geht es wirklich ganz schnell um den Wert und die Würde des Menschen. Die kann im Kleinen verletzt, aber sie kann auch im Kleinen besonders beachtet und gestärkt werden. Wer mit eigenen Grenzen leben muss, der ist ja besonders sensibel dafür, wie mit ihm umgegangen wird. Oft genug zweifelt er selbst an sich. Respekt und Achtung, die braucht es deswegen dann erst recht. Begegnung muss auf Augenhöhe geschehen, nicht herablassend. Einer, der so mit Menschen umgegangen ist, der sich Menschen mit Grenzen auf ganz besondere Weise zugewandt hat, war Jesus von Nazareth. Von ihm, finde ich, kann man lernen, wie das geht: gemeinsam mit Grenzen zu leben.
Teil 2 „Was willst du, dass ich dir tue?“
„Was willst du, dass ich dir tue?“ So fragt Jesus immer wieder kranke Menschen, die zu ihm kommen. Menschen mit Begrenzung, Menschen, die ausgeschlossen sind aus der Gesellschaft, weil sie nichts mehr leisten können. Eigentlich, so könnte man meinen, ist die Frage ziemlich sinnlos, es ist doch klar, was diese Menschen wollen: gesund werden. Was muss Jesus da noch groß fragen? Aber vielleicht steckt in dieser Frage auch gerade diese „Augenhöhe“, die oft so schwer fällt in der Begegnung mit Menschen mit Grenzen. Jesus sagt eben nicht einfach: „Ich helfe dir, ich weiß, was du jetzt brauchst, du willst doch sicher gesund werden.“ Er legt nicht gleich los, er heilt nicht ungefragt. Jesus nimmt den Kranken, den Behinderten wahr, und er nimmt ihn ernst. Er macht ihm klar: Du bestimmst, was mit dir geschieht, du entscheidest. Sag mir, was du willst.
„Was willst du, dass ich dir tue?“ Ich glaube: Auch heute kann das eine wichtige Frage sein im Alltag von Menschen, die gemeinsam mit Krankheit und Behinderung leben. „Was brauchst du, was kann ich dir Gutes tun, was ist dir wichtig?“ Es ist nicht immer leicht, so zu fragen. Bequemer ist es oft, dass der Stärkere für den Schwächeren gerade schnell mitentscheidet. Oder dass Dinge so bleiben, wie sie sich eingespielt haben. Selbst, wenn damit Grenzen immer wieder neu zementiert werden und wehtun. „Was willst du?“ So eine Frage, ehrlich gestellt, kann anstrengend werden für den, der fragt. Aber sie kann auch eine echte Herausforderung sein für den Kranken. Denn sie lockt ihn heraus. Was sind eigentlich meine Wünsche? Welche Hilfe will ich annehmen? Was würde ich gerne erleben, trotz oder gerade wegen meiner Krankheit, der Grenzen, die ich habe? „Was willst du?“ Wenn ich mir in all meinen Grenzen darüber Gedanken mache, dann ist auch klar: Ich muss ja überhaupt noch etwas wollen. Ich gebe mich nicht auf, ich resigniere nicht. Auch, wenn vielleicht der größte Wunsch, das Gesundwerden, nicht in Erfüllung geht: Es gibt noch Wünsche, es gibt noch Dinge, die ich tun kann. Es gibt vor allem auch Gemeinschaft und Begegnung, die ich erleben kann.
Jesus hat damals die Menschen an den Grenzen der Gesellschaft in die Gemeinschaft zurückgeholt. Das war vielleicht das Wichtigste an seiner Begegnung mit Kranken und Behinderten: dass er sie aus der Isolation herausgeholt hat, aus Einsamkeit. Und bis heute ist das etwas so ungemein Wichtiges: dass wir „gemeinsam“ mit unseren Grenzen leben lernen. Dass wir uns nicht voneinander abkapseln, weder die Gesunden von den Kranken, noch die Kranken von den Gesunden. Sondern dass wir entdecken: gemeinsam wird es leichter, mit Grenzen zu leben. Gemeinsam lässt sich vielleicht doch manche Grenze überwinden.



