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Woche vom 29.03.2009 bis 04.04.2009




Prälat Rudolf Hagmann

Von Prälat Rudolf Hagmann, Tettnang, Katholische Kirche

Die Schöpfung bewahren, damit alle Menschen leben können-

Sonntag, 29. März 2009     [Druckversion]

Die Schöpfung bewahren, damit alle Menschen leben können-
zur MISEREOR -Fastenaktion

Geburt aus der Fingerspitze - so lautet eine Unterschrift unter einem der berühmtesten Bilder der Kunstgeschichte. Unzählige Besucher zieht es tagtäglich in die sixtinische Kapelle in Rom, um dort ein Deckengemälde zu bestaunen, das in einzigartiger Weise die Erschaffung des Menschen zeigt. Genial und unübertroffen hat Michelangelo den entscheidenden Augenblick der Schöpfungsgeschichte eingefangen. Auf der einen Seite noch leblos und ohne Kraft der Mensch und auf der anderen Seite sein Schöpfer , der mit ausgestreckter Hand auf den Menschen zu-kommt und ihn beinahe berührt. Aber nur beinahe! Distanz und Nähe in einem! Gott geht dy-namisch und kraftvoll ganz nahe heran und doch bleibt ein kleiner aber unübersehbarer Abstand. Was für ein Fingerspitzengefühl! Die Schöpferhand voller Kraft, aber ohne Gewalt, eine Nähe, die nicht erdrückt sondern aufrichtet, eine Beziehung, die nicht fesselt im Gegenteil den anderen frei lässt. Die Botschaft dieser ausgestreckten Hand ist klar: Mensch steh auf, du sollst leben!
Diese Botschaft prägt auch das Bild, das seit Beginn der Fastenzeit in vielen Kirchen zu sehen ist. Es ist das Misereor Hungertuch, eine Aktion, mit der das Hilfswerk der deutschen Katholiken zur Bewahrung der Schöpfung aufruft, damit alle Menschen leben können. Der nigerianische Maler Tony Nwachukwu zitiert ganz bewusst in seinem aufrüttelnden Bild wieder die ausge-streckte Hand des Schöpfers. Er will damit zeigen, dass unsere Welt und alles, was lebt, nicht dem Zufall zu verdanken ist, sondern aus Gottes Hand kommt. Aus seiner schöpferischen und liebenden Absicht stammt die Erde, stammen wir Menschen, stammt alles, was lebt. Er ist der Ursprung und das Ziel von allem und er ist die Kraft zum Wachsen und Reifen, die Kraft jeder Entwicklung und Veränderung.
Der Künstler zeigt, dass Gott in seine gute Schöpfung einen großartigen Traum hineingelegt hat: die Erde wie ein runder Tisch, von dem alle leben können, die Schöpfung wie ein großes Haus , das für alle unterschiedslos bewohnbar ist und die Menschen , die achtsam und mit Fingerspit-zengefühl das Leben schützen und bewahren. Unterschiedliche Lebensalter, verschiedene Haut-farben, vielfältige Lebens -und Glaubensweisen, getrennt und unterschieden in ihrer Herkunft - alle haben eines gemeinsam: sie wollen leben.
Alle sind Teil der einen Schöpfung, alle leben von ihr , alle brauchen die Luft und das Wasser , das Licht und die Erde , alle sind auf diese natürlichen Grundlagen angewiesen. Und alle haben die gleiche Aufgabe. Gottes kraftvolle Hand hat nicht nur die Schöpfung geschaffen, er legt sie in die Hand des Menschen und macht ihn damit zum Mitarbeiter an seinem Werk.

Während Gott mit Fingerspitzengefühl ans Werk geht scheint der Mensch eben diese behutsame Art oft vermissen zu lassen. Auf dem Hungertuch sehen wir auf der linken Seite eine düstere, fast apokalyptisch anmutende Szenerie: Alles ist in Unordnung! Das Land ist erodiert und ausge-trocknet, die Erde zerschunden und zerrissen, die Pflanzen biegen sich verdorrend zur Erde. Sie ernähren niemanden mehr. Die Meere und Flüsse steigen an, werden zu reißenden Fluten, und entfesseln zerstörerische Kräfte. Auf einem Fluss treiben Giftfässer durch die verdreckte Flut. Im Hintergrund scheint der Boden höllengleich zu glühen, Erde und Wälder stehen in Flammen. Industrieschlote verpesten die Luft und drohen die Schöpfung zu zerstören.
Es ist keine Frage. Der feststellbare Klimawandel hat verhängnisvolle Konsequenzen, er zerstört die Lebensgrundlage vieler Menschen. So haben z.B. 1,3 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser. Ein afrikanischer Bischof aus Burkina Faso bestätigte: Trockenheit und Überschwem-mungen machen die Menschen noch ärmer. Während in Deutschland einfach der Wasserhahn aufgedreht wird, müssen bei uns, so sagt er, die Frauen das Wasser aus zehn Kilometer Entfernung zu Fuß tragen.

So zeigt das Hungertuch nicht nur die ursprüngliche geordnete Schöpfung oder auf der anderen Seite den Traum vom gelungenen Leben oder anders gesagt vom wiedergefundenen Garten des Paradieses, nein das wäre zu schön und zu idyllisch. Eindringlich wird uns von einem afrikani-schen Künstler der Spiegel vorgehalten und wir erkennen darin, wie sehr wir auf Kosten anderer leben.

Misereor das heißt auf Deutsch: ich hab Erbarmen, es dauert mich, ich kann gut mitempfinden, ich lasse mich vom Leid und von der Not des anderen berühren und bewegen. So will die Misereor Aktion dazu beitragen, dass wir wach und sensibel wahrnehmen wo und womit Lebens-grundlagen von Menschen zerstört und abgebaut werden. Sie fordert gerechte Strukturen in Poli-tik und Wirtschaft, unterstützt weltweit unzählige Initiativen zur Entwicklung menschenwürdiger Verhältnisse und Lebensbedingungen und fördert die Anerkennung und Sicherung grundlegen-der Menschrechte.
Dazu kann jeder beitragen, egal wo er lebt und unabhängig davon, wie viel er hat. Entscheidend ist das Fingerspitzengefühl, entscheidend, ob wir nur uns und unsere Interessen im Blick haben oder ob wir empfindsam genug auch die anderen und ihre Situation wahrnehmen, entscheidend, ob wir nur an uns selber denken, oder uns für andere öffnen, entscheidend, ob wir die Augen verschließen oder uns bewusst machen, wie wir leben und wohin uns dieser Lebensstil bringt.

Die ausgestreckte Hand auf dem Hungertuch zeigt wie viel Leben in ihr steckt. Sie zeigt den wunderbaren Reichtum der Schöpfung und zeigt dabei auf uns Menschen, nicht nur damals am Anfang sondern heute und meint nach wie vor dasselbe: Mensch steh auf, du sollst leben!