Manuskripte

SWR4 Sonntagsgedanken

Aktuelle Woche   Archiv

Woche vom 15.03.2009 bis 21.03.2009




Dr. Thomas Weißer

Von Dr. Thomas Weißer, Mainz, Katholische Kirche

Den Glauben ausmisten

Sonntag, 15. März 2009     [Druckversion]

Teil 1. Ausmisten

Bei meiner Tochter möchte ich auch gerne mal ausmisten. Klar, auch ich bin nicht so ordentlich, dass alles immer an seinem Platz bleibt. Ehrlich gesagt: Meine Ordnung hält sich auch in Grenzen. Aber bei meiner Tochter gibt’s Chaos im Handumdrehen. Die räumt an einem Tag auf – und am nächsten Morgen rutschen Bücher von Stapeln und Papiere vom Schreibtisch. Auf dem Boden türmen sich Klamotten und Schulsachen. Trampelpfade sind zu erkennen, die durch das Chaos führen. Wie gesagt: da möchte ich gerne mal ausmisten. Aber es ist ihr Zimmer. Und so suchen wir meistens einen Kompromiss zwischen ihrer Ordnungsvorstellung und meinen Wünschen.
Ausmisten, ein menschliches Bedürfnis. Das hatte offensichtlich auch Jesus. So erzählt es Johannes in seinem Evangelium, seiner Jesusgeschichte. Ort des Geschehens: Der Platz vor dem Tempel. Die Leidtragenden: Viehhändler und Geldwechsler. Jesus allerdings sucht keinen Kompromiss. Redet gar nicht erst mit den Menschen. Sondern fängt direkt mit dem Großputz an. Er geht auf alle los, die am und mit dem Tempel Geld verdienen. Verjagt alle, die die Opfertiere, Rinder, Schafe und Tauben, verkaufen. Wirft die Kassen der Geldwechsler um. Schimpft, schreit: „Macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!“ Nichts von einem sanften Jesus. Der Jesus hier mistet richtig aus.
Aber bei der ganzen Aktion geht um mehr, als nur ums Aufräumen. Dass Jesus auf Geldwechsler und Viehhändler losgeht, macht deutlich: Der ganze Kult ist nutzlos, unsinnig. Woher kommt dieser Gedanke?
Zur Zeit Jesu waren die Opfertiere notwendig für den Kult, den Gottesdienst im Tempel. Und Geldwechsler brauchte der Tempelkult auch. Denn im Tempelbereich durfte nur mit einer besonders alten Währung bezahlt werden. Und die musste man einwechseln. Wenn Jesus also Viehhändler und Geldwechsler verjagt, vernichtet er damit auch die Grundlage des Tempelkultes. Und sagt: Gott braucht all diese Dinge nicht, braucht keine Opfer, braucht kein Geld, braucht kein frommes Getue, braucht keine Riten und Regeln. Warum kommt Jesus zu dieser Überzeugung? Weil er sicher ist: Gott ist da, mitten unter den Menschen. Da, wo sich Menschen begegnen, wo sie Gemeinschaft erleben. Gott ist überall da, wo sich Menschen auf Gott einlassen. Und selbst da, wo er nicht gerne gesehen wird. Und so kann Jesus sagen: Macht euch frei von Opfern, von dem ganzen offiziellen Brimborium, das mit Religion oft einhergeht. Lasst euch auf Gott ein, nicht auf Opfer. Ich merke: Dieser Jesus, der den Tempel ausmistet, mistet auch meine Vorstellung von Gott aus. So ein Aufräumen, das tut doch manchmal wirklich gut. Weil es frei macht. Alles Überflüssige wird weggeräumt. Und nur noch das bleibt, was wirklich zählt und wichtig ist – wie beim Zimmeraufräumen ja auch.


Teil 2. Prophetische Kritik

Mich haben die letzten Wochen ziemlich mitgenommen. Die Diskussion um Bischof Williamson. Und der Streit um die Piusbrüder, eine reaktionäre Splittergruppe der Katholischen Kirche. Was ist passiert? Bischof Williamson verniedlichte in einem Interview den Holocaust, erklärte Millionen von Opfern des Nationalsozialismus einfach zu Hirngespinsten, wischte das Leid beiseite, das vor allem den Juden in West- und Osteuropa zugefügt worden ist. Wahrlich ein starkes Stück. Die Argumente von Bischof Williamson sind schwach, längst widerlegt. Zur Erinnerung: Die Nazis planten die so genannte „Endlösung der Judenfrage“ bereits 1941 und beschlossen sie 1942 offiziell. Da wurden bereits Juden vergast, da wurden bereits Massenvernichtungslager gebaut. Endlösung, das hieß: elf Millionen Juden vor allem West- und Osteuropas waren als Opfer vorgesehen. Doch nicht nur in Vernichtungslagern wurde die Endlösung realisiert. Bereits vorher erschossen Einsatztruppen der Sicherheitspolizei und der SS hunderttausende Juden. Das alles hat den Bischof nicht interessiert.
Die Katholische Kirche hat bereits auf dem Zweiten Vatikanische Konzil 1965 festgehalten: „Die Kirche verwirft jede Diskriminierung eines Menschen oder jeden Gewaltakt gegen ihn um seiner Rasse oder Farbe, seines Standes oder seiner Religion willen, weil dies dem Geist Christi widerspricht.“ (Nostra aetate 5) Deswegen kann ein Antisemit kein katholischer Christ sein. Das hat auch der Papst immer wieder betont.
Das haben aber auch viele Christen, Laien wie Priester, einfache Gemeindemitglieder und Bischöfe zum Anlass genommen, sich zu Wort zu melden. Sie haben deutlich gemacht: So geht es nicht. Haben sich frei gemacht von allen falschen Rücksichtnahmen und sind kritisch mit Bischof Williamson ins Gericht gegangen. Nichts anderes fordert Jesus. Der macht nämlich ganz ähnliches, als er zum Tempel geht und dort Viehhändler und Geldwechsler verjagt. Denn damit bedroht er direkt die Existenzgrundlage der Priester am Tempel. Ohne Opfertiere, Geldwechsel und Opferkult verlieren alle, die mit dem Tempel zu tun haben, ihre Daseinsberechtigung. Jesus greift also den gesamten Tempelkult an. Und damit die bestehende religiöse und politische Ordnung.
Spannend finde ich, dass die provokante Tempelreinigung von Jesu schon gute Tradition im Judentum ist. In der ganzen Bibel findet sich Kritik an Priestern, am Tempel, am Kult. Gerade die Propheten haben kein Blatt vor den Mund genommen und teilweise wüst die Priesterschaft ins Gebet genommen. Die Funktion der Propheten: Vor allem die Funktionäre des Glaubens, die Priester, werden daran erinnert, um was beim Glauben wirklich geht. Es geht um den Menschen, der spürt, dass diese Welt nicht alles ist, der merkt, es muss mehr geben, der offen ist für Gott. Und es geht um Gott, der sich für den Menschen einsetzt, für ihn da ist. Darum geht es beim Glauben. Und nicht um Kult, nicht um Gottesdienste, nicht um Regeln, um Verbote und Gebote. Das hat, neben aller Auseinandersetzung in der Sache, die Diskussion um Bischof Williamson auch deutlich gemacht.


Evangelium am dritten Fastensonntag (Joh 2,13-25)

Das Paschafest der Juden war nahe, und Jesus zog nach Jerusalem hinauf. Im Tempel fand er die Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und die Geldwechsler, die dort saßen. Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus, dazu die Schafe und Rinder; das Geld der Wechsler schüttete er aus, und ihre Tische stieß er um. Zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle! Seine Jünger erinnerten sich an das Wort der Schrift: Der Eifer für dein Haus verzehrt mich.
Da stellten ihn die Juden zur Rede: Welches Zeichen lässt du uns sehen als Beweis, dass du dies tun darfst? Jesus antwortete ihnen: Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten. Da sagten die Juden: Sechsundvierzig Jahre wurde an diesem Tempel gebaut, und du willst ihn in drei Tagen wieder aufrichten? Er aber meinte den Tempel seines Leibes.
Als er von den Toten auferstanden war, erinnerten sich seine Jünger, dass er dies gesagt hatte, und sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesprochen hatte.
Während er zum Paschafest in Jerusalem war, kamen viele zum Glauben an seinen Namen, als sie die Zeichen sahen, die er tat. Jesus aber vertraute sich ihnen nicht an, denn er kannte sie alle und brauchte von keinem ein Zeugnis über den Menschen; denn er wusste, was im Menschen ist.