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SWR4 Sonntagsgedanken

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Woche vom 31.12.2006 bis 06.01.2007




Annette Bassler

Von Annette Bassler, Mainz, Evangelische Kirche

Montag, 01. Januar 2007     [Druckversion]

Teil 1
Wozu Neues, wenn sich das Alte bewährt hat?


Bassler
Alles Gute und Gottes Segen zum Neuen Jahr!
Heute ist ein besonderer Tag- wie ein weites Feld liegt das neue Jahr vor uns- Was wird es uns bringen? Was werden wir daraus machen?

Weißer
In der evangelischen Jahreslosung für 2007 verspricht uns Gott: Neues kommt. Neues Leben wächst auf – mitten unter uns. Darüber möchten wir heute mit Ihnen nachdenken- Und zwar ökumenisch.
Ich bin Thomas Weißer von der katholischen Kirche


Bassler
und ich bin Annette Bassler von der evangelischen Kirche

Weißer
Vielleicht haben Sie diese Nacht auch ein paar Vorsätze gefasst? Ein paar Kilo abnehmen. Endlich morgens mal joggen gehen. Das mit dem Internet mal richtig verstehen können. Mehr Besuche machen bei anderen. Ich finde solche Vorsätze gut. Dann weiß ich wenigstens, was ich im neuen Jahr erreichen will.

Bassler
Ich habe mir auch einiges vorgenommen. Man muss Ziele haben- das finde ich auch. Aber ich weiß jetzt schon: spätestens im März werde ich hinter meinen guten Vorsätzen herhinken. Und dann werde ich mir sagen: wenn du dir bloß nichts vorgenommen hättest. Dann würdest du jetzt nicht so dumm dastehen. Es ist nicht so schön zu merken, dass man die Dinge nicht so im Griff hat, wie man gern hätte.

Weißer
Stimmt eigentlich. Ich finde das auch schwierig mit den Vorsätzen. Immer muss man sich verbessern, sich steigern, abnehmen, sich weiterbilden, neue Erfahrungen machen. Und ich frage mich dann: Warum mache ich mir eigentlich so einen Stress? Ging’s früher nicht auch gut?

Bassler
Ja, nicht alles, was neu ist, ist auch besser. Zum Beispiel das mit dem Handy. Jetzt hab ich zwar eins und kann von überall aus anrufen. Aber jetzt rufen auch Leute mich an und das Ding klingelt zu den unmöglichsten Zeiten. Und wenn ich mal nicht reagiere, machen sich die Leute Sorgen oder sind ärgerlich. Da denke ich manchmal schon;: Was war das früher so schön ruhig.

Weißer
Ich finde es wichtig, bei allem Neuen die alten Traditionen und Gewohnheiten nicht aus dem Blick zu verlieren. Denn Vertrautes gibt doch Sicherheit, da kennt man sich aus. Das bringt Ruhe in unsere hektische Zeit.

Bassler
In der Losung der evangelischen Kirche für das neue Jahr geht es aber darum, dass Gott uns Neues zumutet: Hier heißt es » Siehe, spricht Gott, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihrs denn nicht?“ Ich verstehe das so: Gott traut, ja mutet uns zu, uns auch in diesem Jahr auf Neues einzulassen. Vielleicht, weil Gott etwas Neues mit uns vorhat. Etwas, das wir jetzt noch gar nicht erkennen können. Eine Aufgabe, die wir uns selber nie zutrauen würden. Eine Arbeit, die auf den ersten Blick gar nicht angenehm aussieht.

Weißer
Aber muss ich dafür alles hinter mir lassen? Heißt das, dass nur das Neue zählt? Ich bin überzeugt: Neues ist nur möglich auf dem Boden des Alten. Ümbrüche im Leben kann ich nur bewältigen, wenn ich weiß, woran ich mich halten kann. Wachsen und verändern kann ich mich nur, wenn ich Wurzeln habe, aus denen ich Kraft ziehen kann.

Teil II
Neues soll werden – aber wie?


Bassler
Das neue Jahr liegt vor uns wie ein unbeschriebenes Blatt. Für manche sieht das verheißungsvoll aus. Ich kenne allerdings Menschen, die schauen mit bangem Gefühl nach vorne. Kurz vor Weihnachten erzählte mir ein Mann, dass seine Tochter sich von ihrem Mann scheiden lässt. Das macht ihm großen Kummer und er sagte zu mir;: Ich hab schon so viel mit ihnen geredet, aber es hat alles nichts genützt. Jetzt wollen sie sich trennen, aber es sind doch beides meine Kinder. Ich will sie nicht verlieren. Aber was kann ich schon tun?

Weißer
Es gibt viele Situationen, die hilflos machen. Das Geht mir auch so. Man rudert und macht und tut – und weiß einfach nicht, was das Richtige ist.

Bassler
Die Losung, der evangelischen Kirche, die als Motto über dem Neuen Jahr stehen soll, finde ich da ganz hilfreich. Der Prophet Jesaja redet da zu seinem Volk. Das wurde nach einer politischen Katastrophe in ein fremdes Land verbannt mit fremden Sitten und fremder Religion. Und jetzt leben sie da schon in der zweiten, dritten Generation. Die Leute fühlen sich entwurzelt und völlig verunsichert. Und sie fragen sich natürlich, was aus ihnen werden soll- nach so langer Zeit. Wie kann man nach so einer Verunsicherung noch eine Zukunft haben? Und Gott spricht durch Jesaja zu seinem Volk: »Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihrs denn nicht?“

Weißer
Interessant finde ich: Jesaja lockt den Blick der Leute von sich selbst weg. Weg von den eigenen Vorstellungen, was sie alles tun können. Weg von den eigenen Plänen für die Zukunft. Weg von den Sorgen und Ängsten, was sie schaffen können und woran sie scheitern.
Es genügt, wach und sensibel durch die Welt zu gehen. Zu sehen und wahrzunehmen, was ist. Denn es ist viel mehr Neues da, als ich sehe und als ich glaube. Ich bin überzeugt: Gott will uns hinein nehmen in diese unglaubliche Neuschöpfung, will uns mitreißen und begeistern.


Bassler
Aber dieses Neue, von dem Jesaja sagt, ist noch ganz zart. Jetzt wächst es auf. Es ist noch verletzlich wie ein Keimling und unscheinbar wie eine Knospe.
Ich denke da wieder an den Mann, dessen Tochter und Schwiegersohn sich scheiden lassen. Der so viel Kummer hat, weil er das nicht hat aufhalten kann. Aber erhält den Kontakt zu beiden. Und das ist doch etwas Neues. Er hilft den beiden, dass sie lernen, eines Tages Frieden miteinander zu finden. Und bis dahin ist er die Brücke und hält die Verbindung. Hält sie auch für die Enkelkinder. Und das ist doch ein verheißungsvoller Anfang einer Familiengeschichte, die vielleicht besser ist als das, was vorher war.

Weißer
Das Neue ist schon da, sagt Jesaja. Jetzt wächst es auf. Merkt ihr es denn nicht? Ich fände es spannend, sich auf die Suche zu machen nach diesem Neuen. Nicht so sehr auf das zu starren, was misslingt. Nicht ständig gegen Mauern zu rennen, wo es nicht mehr weitergeht. Sondern offen zu sein für Neues, für Alternativen, für Gottes Schöpfung.

Bassler
Vielleicht können wir dann auch viel mehr bewirken. Wenn wir uns auf die neuen Wege einlassen, die Gott mit uns gehen will. Und darauf vertrauen, dass uns der nächste Schritt schon gezeigt wird. Gottes Neue Welt ist schon da. Wir müssen sie nicht machen. Gott hält schon längst für uns bereit, wonach wir uns sehnen. Wir müssen es nur entdecken und dann mutig losgehen auf dem Weg dortin.

Weißer
Und das wünschen wir Ihnen für das neue Jahr:

Dass Gott Ihnen nah sei bei allem, was Ihnen begegnet.


Bassler
Er schenke Ihnen ein offenes Herz schenke für alle, die Ihre Hilfe brauchen.


Lucie Panzer

Von Lucie Panzer, Stuttgart, Evangelische Kirche

Montag, 01. Januar 2007     [Druckversion]

Guten Morgen und ein gutes Neues Jahr wünsche ich Ihnen.

„Siehe, ich will ein Neues schaffen!“ Vor mehr als 21/2 tausend Jahren hat Gott das seinen Propheten Jesaja wissen lassen. Und der hat es weiter gesagt an Leute, die ihr Leben so, wie es war, nicht mehr ertragen konnten. Die evangelische Kirche hat sich dieses Gotteswort für 2007 als Motto genommen und sagt es allen weiter, die spüren, dass es so nicht bleiben kann.
„Siehe, ich will ein Neues schaffen!“ auch das noch, sagen Sie heute Morgen vielleicht. Bloß nicht noch mehr Neues. Ich habe genug von all den Veränderungen und Neuerungen der letzten Monate. Neuerungen bringen meistens Unruhe und selten was Gutes.
Aber wahrscheinlich kennen sie eben auch Lebensverhältnisse und Beziehungen, die nicht so bleiben können, wie sie sind. So ging es den Menschen, mit denen der Prophet damals, vor fast 3000 Jahren sprach. Manche hatten schon aufgegeben zu hoffen, dass sich irgendwas ändern könnte. Solchen Menschen hat damals Jesaja im Auftrag Gottes gesagt: Ihr müsst euch nicht abfinden. Das ist nicht gottgewollt, dass es euch so geht. Gott selbst wird euch einen Neuen Anfang möglich machen. Er wird euch rausbringen aus der Sackgasse eures Lebens. Damals waren das Leute, die in fremdem Land als Verschleppte und Vertriebene die niedrigsten Arbeiten machen mussten.
Die Sackgassen heute sehen anders aus als damals. Das stimmt wohl. Mir fallen die jungen Leute ein, die keinen Ausbildungsplatz finden, weil sie nicht genügend deutsch gelernt haben. Ich denke an lieblos gewordene Ehen und an Menschen, die eine Krankheit aus der Bahn wirft. Viele Menschen fühlen sich wie gefangen in ihrem Leben. Und für die gilt Gottes Ankündigung: „Siehe, ich will ein Neues schaffen!“
Und wir heute wissen: Er hat geholfen. Sie sind heim gekommen. Nicht ganz so triumphierend, wie sie gedacht hatten. Aber eines Tagens waren sie frei und das Leben konnte neu anfangen.
Siehe, ich will ein Neues schaffen. Ich glaube, das gilt bis heute für die, die nicht mehr weiter können und nicht mehr weiter wissen. Für die, die spüren, wenn sich nicht bald was ändert, dann bleibt nichts mehr übrig von meinem Leben. Es gibt Menschen, die fühlen sich wie eingesperrt in ihrem Leben. Weil sie am falschen Platz sind. Oder weil sie keinen Platz finden können. Weil sie es nicht fertig kriegen, auch mal Nein zu sagen. Weil sie sich auffressen lassen von den Ansprüchen anderer. Weil sie keine Chance haben, zu ändern was einmal geworden ist. Denen, glaube ich, denen tut das gut, was Gott verspricht: „Siehe, ich will ein Neues schaffen!“



Gott selbst schafft neue Lebensmöglichkeiten für die, die sich wie eingesperrt fühlen in ihrem Leben. Daran erinnert uns zum Jahresanfang ein Wort des Propheten Jesaja. Und wie die Leute, zu denen er damals geredet hat, erinnert er auch mich. Es wächst schon, seht ihr es nicht?
Da fühle ich mich ertappt. Es ist wahr, manchmal sehe ich es wirklich nicht, das Neue, das schon anfängt. Meine Kinder sind für mich immer noch die jungen Leute, die keine Ahnung haben vom Leben und um die ich mir Sorgen mache. Dabei haben sie von vielem viel mehr Ahnung als ich und fühlen sich wohl ihrem Leben und kriegen es irgendwie hin. Anders eben als ich es gedacht hatte. Aber für sie ist es wohl richtig so. Da wächst es doch schon, das neue!
Es kommt darauf an, das Neue zu sehen. Hinterm Sparkassenschalter, im Streifenwagen und als Stationsschwester sehe ich doch auch junge Leute mit südländischem Teint, schwarzen Haaren und manchmal hört man noch: Deutsch ist nicht ihre Muttersprache. Aber sie haben es geschafft. Sie werden ihren Weg gehen und sind wichtig für unser Land. Da wächst es doch schon, das Neue!
Und die Zahlen für das Wirtschaftswachstum sind in den letzten Monaten deutlich nach oben gegangen. Bloß: noch will keiner das sehen und sich darauf einlassen. Noch sind viele so mutlos, wagen nicht, etwas damit anzufangen. Dabei wächst es doch schon, das Neue und jetzt müssten wir es gestalten.
Siehe, ich will was Neues schaffen. Allerdings, auch das weiß die Bibel: Man muss darauf vertrauen und losgehen. Und das ist zuerst manchmal ziemlich unbequem. Aber wer stehen bleibt und abwartet, an dem geht das Neue leicht vorbei. Junge Leute, die weiter kommen wollen, müssen sich auch anstrengen. Man kann nicht einfach abwarten, dass die Eltern, die Lehrer, die Politiker es irgendwie richten. Wer seine Ehe nicht ertragen kann, der muss sich bewegen. Das Gespräch suchen. Beratung. Bloß abwarten und aushalten: da wächst nichts Neues.
Wo Gott Neues schafft, da fängt es immer mit einzelnen an, die sich trauen, erzählt die Bibel. Einzelne, die sehen: es kann nicht so bleiben, wie es ist. Einzelne, die sich ein Herz fassen. Einzelne, die sich zuständig fühlen. Einzelne, die die richtigen Worte finden. Einzelne, die andere anstecken mit ihrem Vertrauen, mit ihrem Mut, mit ihrer Energie. Und auf einmal wächst etwas Neues. Langsam und klein zuerst, aber doch kräftig und unerwartet lebendig.
Zu allen, die einen neuen Anfang suchen sagt Gott. Verlass dich auf mich. Ich will ein Neues schaffen.
Ich wünsche Ihnen und mir ein gesegnetes Neues Jahr und wenn Sie es brauchen, den Mut, neu anzufangen.