Woche vom 24.12.2006 bis 30.12.2006 

Von Prälat Rudolf Hagmann, Tettnang, Katholische Kirche
An Weihnachten entdecken wir die Würde jedes Menschen
Dienstag, 26. Dezember 2006
Es ist ein beliebtes und bekanntes Spiel. Die Teilnehmer rennen um eine Reihe von Stühlen und müssen beim verabredeten Zeichen blitzschnell einen Platz besetzen. Der Trick dabei ist, dass immer ein Stuhl zu wenig da steht; einer der Teilnehmer geht also leer aus und fliegt dann aus dem Spiel. Pech gehabt! So geht es Runde um Runde, und gewonnen hat, wer am Ende auf dem einzigen Stuhl sitzt, der noch üb-riggeblieben ist. Warum dieses Spiel ausgerechnet „Reise nach Jerusalem“ heißt, weiß ich auch nicht.
Auf den ersten Blick ist es ja recht lustig und unterhaltsam, und doch hat es für mich auch etwas Beklemmendes. Was da übermütig im Spiel trainiert wird, im alltäglichen Leben ist es für viele Menschen bitterer Ernst. Im Kampf um die besten Plätze hat das Tempo enorm zugenommen und damit auch bei vielen die Angst, es nicht zu schaffen und am Ende doch als Verlierer da zu stehen. Diese Angst geht in den Schulen um und in den Betrieben, es gibt sie in schicken Büros ebenso wie in Wohnheimen und Krankenhäusern. Der Wettbewerb um die besten Plätze produziert nun einmal Gewinner und Verlierer, und je knapper die Plätze werden, desto größer wird auch die Angst vor dem Versagen und vor dem Verlust.
Ich denke an eine junge Frau, die nach ihrem Studium trotz unzähliger Bewerbungen keine Stelle findet. Ich denke an viele ältere Menschen, die den Eindruck haben, dass diese Gesellschaft für sie keinen Ort und keine Aufgabe mehr hat. Ich denke an Eltern, denen man öffentlich Vorwürfe macht, weil sie Ja gesagt haben zu ihrem Kind, auch als sie schon wussten, dass es behindert zur Welt kommen würde. Und ein junger Mann sagte mir: „Für meine Mutter bin ich der größte Fehler ihres Lebens!“
So wird einem der Stuhl weggezogen, so wird jemand zum Niemand, weil er keine Chance bekommt, weil es offenbar nicht interessiert, wer er ist und was in ihm steckt. Menschen werden zum Niemand, weil sie alt und gebrechlich sind oder mit einer Be-hinderung leben. Ein Jugendlicher wird zum Niemand, weil er nicht den Erwartungen seiner Mutter entspricht.
Aber als Niemand kann niemand leben. Jeder Mensch hat einen Namen und eine Bedeutung, und vor allem: jeder hat eine Würde, ein menschliches Gesicht unabhängig von seinem Aussehen, seinem Alter, seinem körperlichen und seelischen Zustand und unabhängig von den Anforderungen seines Umfelds. Nicht was einer ist, was einer kann, wie einer aussieht, macht den Menschen wirklich aus, sondern allein das, was einer ist: ein Mensch, ganz einfach, ein Mensch wie Sie und ich.
Musik
Jeder Mensch hat einen Namen und ein Gesicht, und jeder hat Würde, allein deshalb, weil er ein Mensch ist. Und wenn ich die Botschaft von Weihnachten richtig verstehe, dann sollen das vor allem die erfahren, die für gewöhnlich keinen großen Na-men und kein bedeutendes Gesicht haben und im Spiel um die guten Plätze des Lebens meist den Kürzeren ziehen.
In Bethlehem und überall dort, wohin Jesus dann als erwachsener Mann kommt, wird ein anderes Spiel gespielt als das, was wir „Reise nach Jerusalem“ nennen. Da wird eben nicht Zug um Zug der Schwächere einfach ausgeschlossen; niemand muss auf der Strecke bleiben, und die scheinbaren Verlierer, also die Kranken, die Sünder, die Verlassenen, die Fremden, sie alle werden nicht vor die Tür gesetzt – im Gegenteil! Jesus stellt noch einen Stuhl dazu. Mit seinen tiefen und überzeugenden Gesten zeigt er, wie sehr er jeden Menschen in seiner Würde achtet und schätzt. Er kennt das unbarmherzige Spiel der Menschen, in dem es immer Gewinner und Verlierer gibt. Er erlebt und erleidet es am eigenen Leib – und hört nicht auf, die Spielregeln zu ändern. In seinem Spiel gibt es keine Verlierer, keine Bloßgestellten, keine Hoffnungslosen, die zum x-ten Mal von vorn beginnen müssen.
Schon bei seiner Geburt zeigt sich, dass es Jesus gerade um die Namenlosen und Chancenlosen geht. Die einfachen Hirten machen sich auf den Weg zur Krippe, während die weltlichen und geistlichen Größen aus ihrer engen Welt nicht heraus kommen. Sie sind noch mit ihren Machtspielen beschäftigt, da beginnt ein kleines Kind – auf den ersten Blick machtlos, aber doch sehr wirksam – schon ein neues Spiel, ein Spiel mit neuen Regeln. In diesem Spiel muss man nicht der Schnellste, der Schlauste, der Trickreichste sein, um eine Chance zu bekommen. Es ist ein Spiel, in dem eben nicht nur einer gewinnt auf Kosten der anderen, gewinnen können nur alle – oder keiner. Was man für dieses Spiel braucht, ist nicht der scharfe Blick für die eigenen Chancen, sondern der Überblick, der auch wahrnimmt, was den anderen fehlt und wo ihre Chance liegt. Trainiert wird dabei nicht die Durchsetzungsfähigkeit, sondern die Solidarität, nicht der Verstand, sondern das Herz, nicht der Blick für den eigenen Vorteil, sondern der Sinn für Gerechtigkeit.
Wir Christen kennen dieses Spiel nun seit 2000 Jahren – und sind immer noch recht mittelmäßige Spieler. Aber wir hören nicht auf zu üben. Gelegenheit dazu gibt es nicht nur an Weihnachten, sondern an jedem Tag, hundert Mal, sooft ich nur will. Und wie wollen wir es nennen, unser Spiel? Versuchen wir’s doch mal mit „Reise nach Betlehem“.
Auf den ersten Blick ist es ja recht lustig und unterhaltsam, und doch hat es für mich auch etwas Beklemmendes. Was da übermütig im Spiel trainiert wird, im alltäglichen Leben ist es für viele Menschen bitterer Ernst. Im Kampf um die besten Plätze hat das Tempo enorm zugenommen und damit auch bei vielen die Angst, es nicht zu schaffen und am Ende doch als Verlierer da zu stehen. Diese Angst geht in den Schulen um und in den Betrieben, es gibt sie in schicken Büros ebenso wie in Wohnheimen und Krankenhäusern. Der Wettbewerb um die besten Plätze produziert nun einmal Gewinner und Verlierer, und je knapper die Plätze werden, desto größer wird auch die Angst vor dem Versagen und vor dem Verlust.
Ich denke an eine junge Frau, die nach ihrem Studium trotz unzähliger Bewerbungen keine Stelle findet. Ich denke an viele ältere Menschen, die den Eindruck haben, dass diese Gesellschaft für sie keinen Ort und keine Aufgabe mehr hat. Ich denke an Eltern, denen man öffentlich Vorwürfe macht, weil sie Ja gesagt haben zu ihrem Kind, auch als sie schon wussten, dass es behindert zur Welt kommen würde. Und ein junger Mann sagte mir: „Für meine Mutter bin ich der größte Fehler ihres Lebens!“
So wird einem der Stuhl weggezogen, so wird jemand zum Niemand, weil er keine Chance bekommt, weil es offenbar nicht interessiert, wer er ist und was in ihm steckt. Menschen werden zum Niemand, weil sie alt und gebrechlich sind oder mit einer Be-hinderung leben. Ein Jugendlicher wird zum Niemand, weil er nicht den Erwartungen seiner Mutter entspricht.
Aber als Niemand kann niemand leben. Jeder Mensch hat einen Namen und eine Bedeutung, und vor allem: jeder hat eine Würde, ein menschliches Gesicht unabhängig von seinem Aussehen, seinem Alter, seinem körperlichen und seelischen Zustand und unabhängig von den Anforderungen seines Umfelds. Nicht was einer ist, was einer kann, wie einer aussieht, macht den Menschen wirklich aus, sondern allein das, was einer ist: ein Mensch, ganz einfach, ein Mensch wie Sie und ich.
Musik
Jeder Mensch hat einen Namen und ein Gesicht, und jeder hat Würde, allein deshalb, weil er ein Mensch ist. Und wenn ich die Botschaft von Weihnachten richtig verstehe, dann sollen das vor allem die erfahren, die für gewöhnlich keinen großen Na-men und kein bedeutendes Gesicht haben und im Spiel um die guten Plätze des Lebens meist den Kürzeren ziehen.
In Bethlehem und überall dort, wohin Jesus dann als erwachsener Mann kommt, wird ein anderes Spiel gespielt als das, was wir „Reise nach Jerusalem“ nennen. Da wird eben nicht Zug um Zug der Schwächere einfach ausgeschlossen; niemand muss auf der Strecke bleiben, und die scheinbaren Verlierer, also die Kranken, die Sünder, die Verlassenen, die Fremden, sie alle werden nicht vor die Tür gesetzt – im Gegenteil! Jesus stellt noch einen Stuhl dazu. Mit seinen tiefen und überzeugenden Gesten zeigt er, wie sehr er jeden Menschen in seiner Würde achtet und schätzt. Er kennt das unbarmherzige Spiel der Menschen, in dem es immer Gewinner und Verlierer gibt. Er erlebt und erleidet es am eigenen Leib – und hört nicht auf, die Spielregeln zu ändern. In seinem Spiel gibt es keine Verlierer, keine Bloßgestellten, keine Hoffnungslosen, die zum x-ten Mal von vorn beginnen müssen.
Schon bei seiner Geburt zeigt sich, dass es Jesus gerade um die Namenlosen und Chancenlosen geht. Die einfachen Hirten machen sich auf den Weg zur Krippe, während die weltlichen und geistlichen Größen aus ihrer engen Welt nicht heraus kommen. Sie sind noch mit ihren Machtspielen beschäftigt, da beginnt ein kleines Kind – auf den ersten Blick machtlos, aber doch sehr wirksam – schon ein neues Spiel, ein Spiel mit neuen Regeln. In diesem Spiel muss man nicht der Schnellste, der Schlauste, der Trickreichste sein, um eine Chance zu bekommen. Es ist ein Spiel, in dem eben nicht nur einer gewinnt auf Kosten der anderen, gewinnen können nur alle – oder keiner. Was man für dieses Spiel braucht, ist nicht der scharfe Blick für die eigenen Chancen, sondern der Überblick, der auch wahrnimmt, was den anderen fehlt und wo ihre Chance liegt. Trainiert wird dabei nicht die Durchsetzungsfähigkeit, sondern die Solidarität, nicht der Verstand, sondern das Herz, nicht der Blick für den eigenen Vorteil, sondern der Sinn für Gerechtigkeit.
Wir Christen kennen dieses Spiel nun seit 2000 Jahren – und sind immer noch recht mittelmäßige Spieler. Aber wir hören nicht auf zu üben. Gelegenheit dazu gibt es nicht nur an Weihnachten, sondern an jedem Tag, hundert Mal, sooft ich nur will. Und wie wollen wir es nennen, unser Spiel? Versuchen wir’s doch mal mit „Reise nach Betlehem“.



