Woche vom 10.12.2006 bis 16.12.2006 
Advent
Sonntag, 10. Dezember 2006
Teil 1
Advent - Zeit der Besinnung
Wer einen Katalog für Urlaubsreisen durchblättert, sollte meinen, dass es auf diesem Gebiet nichts Neues mehr geben kann. Weiße Flecken auf der Urlaubslandkarte sind kaum noch zu finden. Und doch haben clevere Leute da noch eine Marktlücke entdeckt: den Abenteuerurlaub. Wem das Gedränge an der Riviera oder auf der Zugspitze zu groß ist, dem wird hier das Richtige geboten: ein Urlaub, bei dem er tagelang keine Menschenseele zu Gesicht bekommt; ob in der Einsamkeit kanadischer Wälder oder bei einem Wüstentrip durch die endlose Weite der Sahara. Was wie ein letzter Fluchtweg aus Urlaubseinerlei und Massenbetrieb erscheint, ist in der Geschichte des Christentums etwas Altbekanntes: der Rückzug in die Wüste. Die ersten Mönche beispielsweise bauten ihre Klöster in die Wüste. Und sogar im Leben Jesu spielte die Wüste eine wichtige Rolle. Ganz zu Anfang, noch bevor er in der Öffentlichkeit auftrat, zog er sich erst einmal in die Wüste zurück. Sie war für Jesus anscheinend eine ganz wichtige Station auf seinem Weg. Aber warum dieser Rückzug in die Wüste? Was gibt es da zu erleben? Die Wüste ist doch menschenleer, einsam. Das Leben, die große Welt, die Geschäfte - all das spielt sich außerhalb von ihr ab. Man ist allein mit sich, allein mit Steinen, Sand und Himmel. Genau das aber ist die große Chance, die die Wüste bietet: einmal allein mit sich sein. Zerstreuung und Ablenkung kann man in der Wüste nicht finden. Hier ist man total auf sich verwiesen. Wahrscheinlich hat Jesus das auch in der Wüste gesucht: einen Ort, sich zu besinnen, einen Ort, um Gottes Stimme in sich zu finden. Ein solcher Rückzug in die Wüste tut gut. Er bedeutet: ausschnaufen, ausruhen, Besinnung. Und um diese Wüste zu finden, brauche ich nicht unbedingt einen Abenteuerurlaub zu buchen. Ich muss nur ausbrechen aus dem Trubel des Alltags, aus dem Lärm der Geschäftswelt, aus der eigenen Betriebsamkeit – nicht für immer, sondern nur eine Zeit lang.
Die vor uns liegende Adventszeit könnte eine solche Zeit sein, eine Zeit der leisen Töne, der Besinnung. Für die Menschen damals war sie es jedenfalls. Als Johannes der Täufer, der große Wegbereiter Jesu, seine Zeitgenossen zur Umkehr rief, ließen sie sich ansprechen und folgten ihm in die Wüste. Warum in die Wüste? Weil es eben dort keine Betriebsamkeit, keine Zerstreuung gibt. Denn das ist ja das Problem, dass ich der Stille oft ausweiche; dass ich mir eine Ablenkung suche, und sei es die Arbeit. Die Wüste zu ertragen, ist schwer. Das liegt wohl daran: Wo ich auf Ablenkung verzichte, wo ich in mein Inneres hineinhöre, begegne ich mir selbst. Und das ist nicht immer angenehm. Da kommen Fragen; da muss ich mir Rechenschaft geben: Ist mein Leben - so wie es ist - in Ordnung, sinnvoll? Wird mein Lebensstil noch früheren Idealen gerecht? Habe ich überhaupt noch ein Ziel? Gebe ich nicht viel zuviel auf Äußeres, auf Geld und Erfolg? Wie ist die Beziehung zu meinem Partner, zu meinen Kindern? Müsste ich mir nicht mehr Mühe geben, so einiges im Gespräch zu klären? Und dann kommen in solchen Momenten der Stille oft unerwartet meine Gefühle zu Tage: Ängste, Wünsche, Abneigungen, die ich sonst verdränge.
Diese Gefühle wahrzunehmen und zuzulassen, ist gar nicht so leicht. Aber es wäre nötig. Die Begegnung mit mir selbst, das wäre so etwas wie Seelenhygiene! Da, wo ich bewusst die Stille suche und aushalte, wo ich mich durch nichts ablenken lasse, wo ich allein auf mich verwiesen bin und mir selbst nicht ausweichen kann, da werden neue Orientierungen für mein Leben möglich.
Teil 2
Advent – Zeit des Wartens
Der moderne Mensch kann eigentlich alles. Nur eines kann er nicht mehr: Warten. Er will nicht warten; weil das Zeitverschwendung ist; weil er Spannung nicht aushalten will. Er will alles gleich und sofort und zu jeder Zeit: Spekulatius im September, Weihnachtsschmuck im Oktober und Christbaum im November. Diese Beobachtung steckt wohl hinter der Plakataktion, die beide Kirchen schon vor Wochen gestartet haben. „Kommt Zeit, kommt Advent – Alles hat seine Zeit. Advent ist im Dezember“.
Alles im Leben hat seine Zeit: das Genießen und Auskosten und die Vorfreude und das Warten. Warten heißt: offen und bereit sein für das, was das Leben schenken will. Wer nicht warten kann, kann die Spannung nicht ertragen – und kann deshalb das wirkliche Leben nicht ertragen. Alles im Leben hat seine Zeit. Das weiß nicht nur die Bibel, das haben die Menschen seit Jahrhunderten erfahren: Es tut gut, mit abgegrenzten Zeiten zu leben. Sie geben Zeit zum Aufatmen, sie geben der Seele Raum zum Innehalten und zum Entspannen. Gerade die Adventszeit mit ihren besonderen Farben und Düften, mit Lichterglanz und Weihnachtsbäckerei ist eine besondere Zeit. Sie braucht ihren festen Rahmen, wenn sie ihren Sinn nicht verlieren soll als Zeit der Vorfreude und der Erwartung. Advent – Ankunft - hat nämlich viel mit unseren Erwartungen und Sehnsüchten zu tun. Ich erlebe gerade in der Adventszeit, wie Menschen sich beispielsweise danach sehnen, dass diese Welt anders wird; so wird, wie Jesus sie uns vor Augen gestellt hat: friedvoll und heil. Wenn ich über diese Sehnsucht nachdenke und bei mir ankommen lasse, was mit diesem Kind in der Krippe an Weihnachten vor über 2000 Jahren in die Welt gekommen ist, dann ruft der Advent ganz andere Gedanken in mir wach, als nur besinnliche Vorbereitung auf das Weihnachtsfest.
Gleichwohl möchte ich all die äußeren Dinge, mit denen ich mich auf dieses Fest einstimme in den kommenden Wochen nicht ganz missen - auch das geschäftige Treiben nicht. Denn die Menschen, die anscheinend nur auf sich konzentriert durch die Straßen und Geschäfte hetzen, tun es ja nicht nur für sich. Sie denken an jene, denen sie eine Freude bereiten, vielleicht sogar einen sehnsüchtig gehegten Wunsch erfüllen wollen. Ich genieße die vorweihnachtlich geschmückten Straßen, die beleuchteten Schaufenster mit ihren Auslagen, den Weihnachtsmarkt mit seinen Düften von gebrannten Mandeln und würzigem Glühwein. Ich freue mich über die vielen Lichter, die unserer Stadt einen besonderen Zauber verleihen. Denn diese Lichter verleihen meiner Sehnsucht die Stimme der Hoffnung, dass sich nämlich all das Dunkle dieser Welt einmal in endgültiges Licht verwandelt; dass Menschen, die einander fremd geworden sind, sich wieder nahe kommen; dass Kinder, die auf sich selbst gestellt sind, Zuwendung erfahren; dass Einsame aufmerksame Zuhörer finden. Ja, letztlich hoffe ich, dass Gott einmal alles heil machen wird, was in meinem Leben, aber auch in der Welt verwundet ist – dann, wenn er wiederkommt am Ende der Zeit. Dann ist wirklich Advent. Ankunft.
Advent - Zeit der Besinnung
Wer einen Katalog für Urlaubsreisen durchblättert, sollte meinen, dass es auf diesem Gebiet nichts Neues mehr geben kann. Weiße Flecken auf der Urlaubslandkarte sind kaum noch zu finden. Und doch haben clevere Leute da noch eine Marktlücke entdeckt: den Abenteuerurlaub. Wem das Gedränge an der Riviera oder auf der Zugspitze zu groß ist, dem wird hier das Richtige geboten: ein Urlaub, bei dem er tagelang keine Menschenseele zu Gesicht bekommt; ob in der Einsamkeit kanadischer Wälder oder bei einem Wüstentrip durch die endlose Weite der Sahara. Was wie ein letzter Fluchtweg aus Urlaubseinerlei und Massenbetrieb erscheint, ist in der Geschichte des Christentums etwas Altbekanntes: der Rückzug in die Wüste. Die ersten Mönche beispielsweise bauten ihre Klöster in die Wüste. Und sogar im Leben Jesu spielte die Wüste eine wichtige Rolle. Ganz zu Anfang, noch bevor er in der Öffentlichkeit auftrat, zog er sich erst einmal in die Wüste zurück. Sie war für Jesus anscheinend eine ganz wichtige Station auf seinem Weg. Aber warum dieser Rückzug in die Wüste? Was gibt es da zu erleben? Die Wüste ist doch menschenleer, einsam. Das Leben, die große Welt, die Geschäfte - all das spielt sich außerhalb von ihr ab. Man ist allein mit sich, allein mit Steinen, Sand und Himmel. Genau das aber ist die große Chance, die die Wüste bietet: einmal allein mit sich sein. Zerstreuung und Ablenkung kann man in der Wüste nicht finden. Hier ist man total auf sich verwiesen. Wahrscheinlich hat Jesus das auch in der Wüste gesucht: einen Ort, sich zu besinnen, einen Ort, um Gottes Stimme in sich zu finden. Ein solcher Rückzug in die Wüste tut gut. Er bedeutet: ausschnaufen, ausruhen, Besinnung. Und um diese Wüste zu finden, brauche ich nicht unbedingt einen Abenteuerurlaub zu buchen. Ich muss nur ausbrechen aus dem Trubel des Alltags, aus dem Lärm der Geschäftswelt, aus der eigenen Betriebsamkeit – nicht für immer, sondern nur eine Zeit lang.
Die vor uns liegende Adventszeit könnte eine solche Zeit sein, eine Zeit der leisen Töne, der Besinnung. Für die Menschen damals war sie es jedenfalls. Als Johannes der Täufer, der große Wegbereiter Jesu, seine Zeitgenossen zur Umkehr rief, ließen sie sich ansprechen und folgten ihm in die Wüste. Warum in die Wüste? Weil es eben dort keine Betriebsamkeit, keine Zerstreuung gibt. Denn das ist ja das Problem, dass ich der Stille oft ausweiche; dass ich mir eine Ablenkung suche, und sei es die Arbeit. Die Wüste zu ertragen, ist schwer. Das liegt wohl daran: Wo ich auf Ablenkung verzichte, wo ich in mein Inneres hineinhöre, begegne ich mir selbst. Und das ist nicht immer angenehm. Da kommen Fragen; da muss ich mir Rechenschaft geben: Ist mein Leben - so wie es ist - in Ordnung, sinnvoll? Wird mein Lebensstil noch früheren Idealen gerecht? Habe ich überhaupt noch ein Ziel? Gebe ich nicht viel zuviel auf Äußeres, auf Geld und Erfolg? Wie ist die Beziehung zu meinem Partner, zu meinen Kindern? Müsste ich mir nicht mehr Mühe geben, so einiges im Gespräch zu klären? Und dann kommen in solchen Momenten der Stille oft unerwartet meine Gefühle zu Tage: Ängste, Wünsche, Abneigungen, die ich sonst verdränge.
Diese Gefühle wahrzunehmen und zuzulassen, ist gar nicht so leicht. Aber es wäre nötig. Die Begegnung mit mir selbst, das wäre so etwas wie Seelenhygiene! Da, wo ich bewusst die Stille suche und aushalte, wo ich mich durch nichts ablenken lasse, wo ich allein auf mich verwiesen bin und mir selbst nicht ausweichen kann, da werden neue Orientierungen für mein Leben möglich.
Teil 2
Advent – Zeit des Wartens
Der moderne Mensch kann eigentlich alles. Nur eines kann er nicht mehr: Warten. Er will nicht warten; weil das Zeitverschwendung ist; weil er Spannung nicht aushalten will. Er will alles gleich und sofort und zu jeder Zeit: Spekulatius im September, Weihnachtsschmuck im Oktober und Christbaum im November. Diese Beobachtung steckt wohl hinter der Plakataktion, die beide Kirchen schon vor Wochen gestartet haben. „Kommt Zeit, kommt Advent – Alles hat seine Zeit. Advent ist im Dezember“.
Alles im Leben hat seine Zeit: das Genießen und Auskosten und die Vorfreude und das Warten. Warten heißt: offen und bereit sein für das, was das Leben schenken will. Wer nicht warten kann, kann die Spannung nicht ertragen – und kann deshalb das wirkliche Leben nicht ertragen. Alles im Leben hat seine Zeit. Das weiß nicht nur die Bibel, das haben die Menschen seit Jahrhunderten erfahren: Es tut gut, mit abgegrenzten Zeiten zu leben. Sie geben Zeit zum Aufatmen, sie geben der Seele Raum zum Innehalten und zum Entspannen. Gerade die Adventszeit mit ihren besonderen Farben und Düften, mit Lichterglanz und Weihnachtsbäckerei ist eine besondere Zeit. Sie braucht ihren festen Rahmen, wenn sie ihren Sinn nicht verlieren soll als Zeit der Vorfreude und der Erwartung. Advent – Ankunft - hat nämlich viel mit unseren Erwartungen und Sehnsüchten zu tun. Ich erlebe gerade in der Adventszeit, wie Menschen sich beispielsweise danach sehnen, dass diese Welt anders wird; so wird, wie Jesus sie uns vor Augen gestellt hat: friedvoll und heil. Wenn ich über diese Sehnsucht nachdenke und bei mir ankommen lasse, was mit diesem Kind in der Krippe an Weihnachten vor über 2000 Jahren in die Welt gekommen ist, dann ruft der Advent ganz andere Gedanken in mir wach, als nur besinnliche Vorbereitung auf das Weihnachtsfest.
Gleichwohl möchte ich all die äußeren Dinge, mit denen ich mich auf dieses Fest einstimme in den kommenden Wochen nicht ganz missen - auch das geschäftige Treiben nicht. Denn die Menschen, die anscheinend nur auf sich konzentriert durch die Straßen und Geschäfte hetzen, tun es ja nicht nur für sich. Sie denken an jene, denen sie eine Freude bereiten, vielleicht sogar einen sehnsüchtig gehegten Wunsch erfüllen wollen. Ich genieße die vorweihnachtlich geschmückten Straßen, die beleuchteten Schaufenster mit ihren Auslagen, den Weihnachtsmarkt mit seinen Düften von gebrannten Mandeln und würzigem Glühwein. Ich freue mich über die vielen Lichter, die unserer Stadt einen besonderen Zauber verleihen. Denn diese Lichter verleihen meiner Sehnsucht die Stimme der Hoffnung, dass sich nämlich all das Dunkle dieser Welt einmal in endgültiges Licht verwandelt; dass Menschen, die einander fremd geworden sind, sich wieder nahe kommen; dass Kinder, die auf sich selbst gestellt sind, Zuwendung erfahren; dass Einsame aufmerksame Zuhörer finden. Ja, letztlich hoffe ich, dass Gott einmal alles heil machen wird, was in meinem Leben, aber auch in der Welt verwundet ist – dann, wenn er wiederkommt am Ende der Zeit. Dann ist wirklich Advent. Ankunft.



