Manuskripte

SWR4 Sonntagsgedanken

Aktuelle Woche   Archiv



Dr. Thomas Weißer

Von Dr. Thomas Weißer, Budenheim, Katholische Kirche

Bitten können

Sonntag, 24. Juli 2016     [Druckversion]

Bitte sagen

Fast jeden Tag bitte ich um etwas. Ich bitte beim Frühstück um die Butter. Ich bitte eine Kollegin um einen Gefallen. Ich bitte in der Bahn einen Mitreisenden, das Handy leiser zu stellen.

Und ich werde auch täglich um etwas gebeten: Ob ich nicht mal das und das machen könnte! Ob es mir möglich wäre, hier zu helfen oder da anzupacken.

Klar, manchmal ist es lästig, „Bitte“ zu sagen. Da steigt ein paar Leute vor mir eine Frau mit einem riesigen Koffer aus dem Zug. Sie müht sich ab. Aber sie will wohl niemanden bitten. Jemand erbarmt sich – und schon geht es für alle schneller.

Jemand bitten, das heißt auch, schwach zu sein. Denn wenn ich will, das mir jemand hilft, dann sage ich ja auch: Ich brauche dich. Ich bin auf dich angewiesen. Vielleicht auch: Ich bin zu alt, ich schaffe das nicht. Ich bin zu krank, zu ausgelaugt.

Das zuzugeben ist nicht leicht.

Da finde ich es stark, dass das zentrale Gebet der Christen, das »Vater unser«, einige Bitten enthält. Nochmal zur Erinnerung: „Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“

Eine Bitte hat es mir besonders angetan: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Da wird um etwas ganz Alltägliches gebeten. Aber Lebensnotwendiges. Das, was Leben überhaupt erst möglich macht. Darum bitte ich um einen Bissen Brot. Und zwar für alle. Das erscheint vielleicht wenig. Ich kauf es mir schließlich täglich. Aber ich bin froh, dass mein Geld immer für dieses Brot reicht. Denn ich weiß: Andere müssen um dieses tägliche Brot kämpfen. Nahrung auf der Erde ist ungleich verteilt. Millionen hungern. Auch, weil der Lebensstil vieler Menschen in den reichen Ländern der Erde den Armen ihre Lebensgrundlage nimmt. Ihnen das tägliche Brot verwehrt.

Ich bitte um Brot. Das erinnert mich daran: Jeder Mensch braucht dieses tägliche Brot. Die Bitte fordert mich deshalb auf: Ich muss mich einsetzen. Dafür, dass alle das Lebensnotwendige habe.

Wenn ich bitte, heißt das aber auch: Ich weiß, dass ich nicht alles alleine machen kann. Dass ich Hilfe brauche. Die Hilfe anderer Menschen – und auch Gottes Hilfe.

 

Um Verzeihung bitten

Ich erlebe: Wenn mich jemand bittet, dann kann ich schlecht nein sagen. Dann erfülle ich die Bitte, wenn es irgendwie möglich ist. Umgekehrt erlebe ich aber auch: Wenn ich um etwas bitte, dann stoße ich fast immer auf Verständnis und Hilfsbereitschaft.

Wer bittet, der sagt: Ich brauche deine Hilfe. Deswegen fällt das »Bitte-sagen« oft nicht leicht. Vor allem dann, wenn ich den anderen um Verzeihung bitte. Verzeihung, das ist ein Wort, das nicht so leicht über die Lippen geht.

Wie wichtig aber diese Bitte ist, zeigt das »Vater unser«. Da lautet ein zentraler Satz: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsren Schuldigern.“

Was das konkret heißt, macht Jesus mit einer Geschichte deutlich: Ein Diener des Königs hat sich massiv verschuldet. Erst will der König ihn und seine Familie verkaufen, damit die Schuld beglichen werden kann. Dann aber bekommt er Mitleid. Und so erlässt der König seinem Diener seine Schulden. Der ist überglücklich – und trifft kurz darauf einen Knecht. Der schuldet ihm wiederum Geld – und kann es immer noch nicht zurückzahlen. Und der Diener hat nichts Besseres zu tun, als den Knecht ins Gefängnis zu werfen. Was den König wiederum ziemlich wütend macht. (Mt 18,23-35)

Kein Wunder: Ich kann nicht bitten, dass mir jemand meine Schulden erlässt – und mache es selber nicht. Das sagt auch die Goldene Regel: Behandle andere genauso, wie du selbst behandelt werden möchtest.

Bei Geld, finde ich, ist das noch leicht. Aber wenn es um mehr geht, kann das schwer sein: Wenn mich jemand beleidigt hat, wenn mich jemand hintergangen hat, wenn mich jemand betrügt. Dann einfach so vergeben? Nur weil ich um Verzeihung gebeten werde?

Da hat die Bitte im »Vater unser« etwas Befreiendes. Sie sagt: Ich kann um Verzeihung bitten. Kann auch bitten, dass ich selbst versöhnlicher werde, dass ich selbst verzeihen kann. Auch da, wo es schwer fällt. Weil ich weiß: Ich brauche doch immer wieder diese Versöhnung. Hoffe darauf, dass mir andere verzeihen. Und hoffe darauf, dass mir Gott das mit seinem großen Verzeihen möglich macht.

 

 

Bibeltext 

Lk 11, 1-13

1 Jesus betete einmal an einem Ort; und als er das Gebet beendet hatte, sagte einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie schon Johannes seine Jünger beten gelehrt hat. 2 Da sagte er zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater, dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. 3 Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen. 4 Und erlass uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist. Und führe uns nicht in Versuchung. 5 Dann sagte er zu ihnen: Wenn einer von euch einen Freund hat und um Mitternacht zu ihm geht und sagt: Freund, leih mir drei Brote; 6 denn einer meiner Freunde, der auf Reisen ist, ist zu mir gekommen, und ich habe ihm nichts anzubieten!, 7 wird dann etwa der Mann drinnen antworten: Lass mich in Ruhe, die Tür ist schon verschlossen, und meine Kinder schlafen bei mir; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben? 8 Ich sage euch: Wenn er schon nicht deswegen aufsteht und ihm seine Bitte erfüllt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seiner Zudringlichkeit aufstehen und ihm geben, was er braucht. 9 Darum sage ich euch: Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet. 10 Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet. 11 Oder ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn eine Schlange gibt, wenn er um einen Fisch bittet, 12 oder einen Skorpion, wenn er um ein Ei bittet? 13 Wenn nun schon ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gebt, was gut ist, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten.

Per E-Mail empfehlen