Manuskripte

SWR4 Sonntagsgedanken

Aktuelle Woche   Archiv



Michael Kinnen

Von Michael Kinnen, Mainz, Katholische Kirche

Fürchte dich nicht!

Sonntag, 26. Juni 2016     [Druckversion]

Teil 1: Unsicherheit und die Suche nach schnellen Antworten

Kondensstreifen von Flugzeugen am Himmel: Sind das gefährliche „Chemiespuren“, mit denen wir alle vergiftet – oder zumindest manipuliert werden sollen? Gibt es „das ganz große Ding“, das da angeblich zwischen Politik, Medien und Polizei ausbaldowert wird, um uns „die eigentliche Wahrheit“ vorzuenthalten? Verschwörungstheorien scheinen wieder in Mode zu sein. Immer wieder tauchen sie in Variationen auf, füllen bis heute Bücher und finden zum Teil faszinierte Abnehmer. Außerirdische Einflüsse oder ganz irdische Verschwörerbanden: Die Theorien wollen das erklären, was uns hier zu schaffen macht. Und sie klingen nur zu oft recht abenteuerlich. Man kann sich in den meisten Fällen darüber amüsieren. Man kann den sprichwörtlichen „Aluhut“ aufsetzen, den Hut aus Aluminium. Der soll ja gegen die kosmischen Strahlen und die Telepathie helfen, die die Verschwörungstheoretiker so fürchten. Man kann es auch lassen. Verschwörungstheorien sind nämlich mit ihren Aluhüten im wahrsten Sinn des Wortes ein „alter Hut“, auch wenn sie in immer neuen Moden daherkommen. Durch alle Jahrhunderte schon gab es sie, spielten oft mit der Angst vor dem Weltuntergang. Und: Wir leben noch!

Gemeinsam ist solchen Theorien, dass sie das mit einfachen Worten eingängig zu erklären versuchen, was uns Menschen Sorge macht, weil wir es nicht verstehen. Oft schwarz-weiß, schlicht mit Gut und Böse. Je verunsicherter und ängstlicher jemand ist – vielleicht unbewusst -, desto anfälliger ist er für populistische Antworten. Und manchmal gibt es dann einen Sündenbock, um die eigene Ängstlichkeit und Enge zu verstecken: „die Illuminaten“, „die Freimaurer“, „die Juden“, „der Islam“. Manche kommen scheinbar in der komplizierten Welt ohne Sündenböcke nicht mehr klar, fühlen sich bedroht und benachteiligt. Dann einen Sündenbock zu benennen, der angeblich an allem schuld ist, kann vordergründig entlasten. Aber dann wird es schnell menschenverachtend, weil der Weg zu Rassismus und Hetze gebahnt wird. Auch hier gilt: Wehret den Anfängen!

Wer schnelle und scheinbar einleuchtende Antworten auf schwierige Fragen gibt, der macht sich verdächtig. Komplexe Fragen können keine einfachen Antworten haben – das sagt schon die Vernunft, auf die sich viele dieser Theorien angeblich doch stützen wollen. Da schalten manche anscheinend doch den „gesunden Menschenverstand“ gerne aus – selbst wenn sie sich noch so ausdrücklich darauf berufen. Aber so einfach ist die Welt nicht. Das macht es so anstrengend.

Teil 2: Fürchte dich nicht

Heute geht es in den Sonntagsgedanken um Verschwörungstheorien und das Spiel mit der Sorge der Menschen.

Natürlich sind nicht alle diese Theorien gefährlich. Manche bieten auch spannende Unterhaltung, etwa in Buchform. Wie zum Beispiel das Buch „Illuminati“ von Dan Brown; das Buch, in dem eine große Vatikan-Verschwörung beschrieben wird. Spannender Lesestoff. Aber eben nur Unterhaltung. Keine Welterklärung.

Wie gesagt: Schon immer wollten wir Menschen das erklären, was wir nicht direkt verstehen: Warum donnert und blitzt es am Himmel? Warum gibt es Leid in der Welt? Warum gibt es Krankheiten? Es ist ein Gefühl der Ohnmacht, das nach Antwort sucht: Die Urangst des Menschen, sich nicht behaupten zu können, zu kurz zu kommen, gar das Leben vorzeitig zu verlieren. Aber was ist dann eine Antwort, die nicht mit der Angst spielt? Eine Antwort, die nicht andere klein machen muss, um selbst besser da zu stehen? Eine Antwort, die wirklich hilft und nicht noch mehr verunsichert? Die die Angst nimmt und nicht noch schürt?

Es mag etwas altmodisch klingen. Aber oft gibt es ein schlichtes „Gegenmittel“ gegen solche zerstörerische Ohnmacht, die nicht selten zur Aggression führt. Es ist das Vertrauen: Wo die Welt scheinbar aus den Fugen gerät, wo der Mensch scheinbar hilflos dem Spiel der Macht und der Mächtigen ausgeliefert ist, da hilft dieses Grundgefühl des Vertrauens umso mehr. Nicht als naives Glauben an das, was einem andere sagen und weismachen wollen. Sondern als sicheres Fundament, das einen nicht so leicht ins Wanken bringt im Leben. So ein Vertrauen kann man nicht machen, das kann man nur wirken lassen. Es ist schon da, von Kindheit an. Es muss manchmal nur neu entdeckt werden – Vertrauen zu mir selbst und zum Menschen neben mir. Das macht verletzlich und doch – so komisch das klingt – das macht unendlich stark.

Als Christ nenne ich dieses Urvertrauen auch Gottvertrauen. Dass es von Anfang an einen gibt, der über den Dingen steht, der es gut mit uns meint, auch wenn wir nicht jedes Detail und jeden einzelnen Schritt verstehen. Mit Gottvertrauen erkenne ich an, dass ich nicht alles selbst regeln kann auf dieser Welt. Dass ich aber auch nicht alles erklären können muss, sondern wirklich vertrauen darf, dass es am Ende gut wird. Niemand kann tiefer fallen als in Gottes Hand. Damit lässt sich leben. Und damit lässt sich gut leben. Solches Gottvertrauen ist alles andere als naiv. Ich bin sicher: Es hilft mehr als jeder Aluhut. Die klare Botschaft aus der Bibel lautet - uralt und täglich aktuell: „Fürchte dich nicht. Ich bin bei dir!“ (nach Jes 41,10) Gott sei Dank!

Per E-Mail empfehlen


Jutta Wellhöner

Von Jutta Wellhöner, Offenburg, Evangelische Kirche

Fairness unter Brüdern

Sonntag, 19. Juni 2016     [Druckversion]

Brüder in ganz und gar unbrüderlicher Konkurrenz. Menschen, die ja eigentlich zusammen gehören, aber so konträr sind, dass sie es sich schwer miteinander machen. Wie soll das gut gehen?  Kann das überhaupt jemals gut werden?  Dieser unselige Wettstreit. Nicht nur unter Geschwistern. Die Rangfolgen, auf die wir manchmal so festgelegt sind. Die Rollen, die uns zugeteilt sind: Erstgeborner. Zweitgeborener. Es ist ja manchmal wirklich nicht fair, wie da Zuwendung und Gaben und Chancen verteilt sind.

Die Bibel erzählt diese alte, immer gleiche Geschichte. Sie erzählt von Esau und Jakob, den Zwillingen. Die beiden waren noch gar nicht auf der Welt, da haben sie sich schon gestritten. Wer wird der Erste? Wer setzt sich durch? Wer bekommt die meiste Anerkennung? Wer kriegt am Ende das Erbe?

Deswegen verstehe ich Rebekka gut. Rebekka, die Mutter der beiden ungleichen Söhne. Als sie endlich mit den beiden schwanger geworden ist und spürte, wie sie sich in ihrem Leib boxen und knuffen, da war sie sehr traurig, erzählt die Bibel. In ihrer Not hat sich Rebekka an Gott gewandt. Hat gebetet, meditiert, die Stille gesucht – jedenfalls: Irgendwann ist ihr klar geworden, was das soll, was Gott vorhat.

„Zwei Völker sind in deinem Leib … und ein Volk wird dem anderen überlegen sein. Und der Ältere wird dem Jüngeren dienen.“  So hat die Bibel das formuliert. Ein verwirrender Satz, zumal für eine werdende Mutter, finde ich. Das kommt mir vor wie ein Omen, ein Orakel, das weit über die eigene Familie hinaus geht. Ein bisschen bedrohlich.

Wie soll das werden, wenn Gott die bewährten Regeln außer Kraft setzt?  Aber ich finde, es ist auch eine wunderschöne Verheißung: Der Zweite ists!

Mit dem Zweiten hat Gott etwas Besonderes vor! Der Zweite steht für Gott an erster Stelle! Gott scheint eine besondere Vorliebe für die Menschen zu haben, die es nicht so schnell und gut schaffen wie andere. Oder die durch Recht und Herkunft bedingt nicht so gute Voraussetzungen haben wie andere.

Jetzt am Schuljahresende denke ich an die Kinder, die nach der vierten Klasse nicht aufs Gymnasium gehen. Ich denke an die jungen Leute, die nicht den Ausbildungsplatz bekommen haben, den sie sich erträumt haben. Und ich denke an die Eltern und Großeltern, die sich da viele Gedanken machen.

Der Zweite: eben kein Loser, kein Versager. Sondern im Gegenteil einer, der vollen Respekt verdient, insbesondere durch die an erster Stelle. Ja, gerade die haben eine besondere Verantwortung. Gerade die sollten die anderen wertschätzen und nicht durch ihre Arroganz beschämen. Oder durch ihr Mitleid. Die Ersten, denen alles zufällt und alles leicht fällt, die können für die Zweiten sorgen. Dass auch die zu ihrem Recht kommen. Ich glaube, dass das zu einem fairen Miteinander beiträgt.
Gott jedenfalls achtet darauf, dass auch der Zweite nicht zu kurz kommt.

 

Der Zweite ists! Auf den Zweiten achtet Gott besonders und sorgt selbst dafür, dass die nicht zu kurz kommen, die es nicht auf den ersten Platz schaffen. Darum geht’s in der Geschichte von Esau und Jakob, diesen ungleichen Brüdern. Aber ihre Geschichte geht in dem Augenblick schief, als Jakob, der Zweite, sie selbst in die Hand nimmt.

Auf ganz unfaire Weise versucht er, sich auf den ersten Platz zu setzen. Auch davon weiß die Bibel zu berichten und zeigt an einer Alltagssituation, wo es hakt: Eines Tages hatte Jakob daheim einen Linseneintopf zubereitet. Da kam Esau mit Heißhunger vom Feld nach Hause.

„Hm. Linsen. Toll, Bruder. Gib mir einen Schlag!“
„Aber klar doch! – Was krieg ich denn dafür?“
„Was willst du denn dafür?“ „
Gib mir dein Erstgeburtsrecht, und du kriegst die Linsen!“
„Okay. Gib schon!“ „Schwörst du´s?“
„Mann, ich hab Hunger. Ja!“

So stelle ich mir das Gespräch zwischen den beiden Brüdern vor. Eine kurze Verhandlung mit weitreichenden Folgen. So kann es gehen, wenn Menschen sich benachteiligt fühlen. Wenn sie keine Chance sehen, aus eigener Kraft voran zu kommen. Dann ist ihnen jedes Mittel recht. Dann fragen sie nicht, ob das fair ist, was sie tun. Und das Verhältnis zwischen Brüdern zerbricht. Jetzt werden sie zu Konkurrenten. Zu Feinden. Ich glaube, das hat sich Gott anders vorgestellt.

Esau und Jakob waren doch Brüder. Und wenn ein Bruder Hunger hat, dann geb ich ihm was zu essen. Wenn ein Bruder vor Hunger fast umkommt, dann nutze ich diese Situation nicht aus und setze ihn unter Druck. Warum hat Jakob Gott nicht mehr vertraut und ist einfach nur Bruder gewesen, Mitmensch? Darauf kommt es doch an, auch heute.

Das Nötige tun. Ohne Hinterabsichten. Ohne Berechnung. Ohne die Frage, was bringt mir das und was bietet der andere als Gegenleistung? Es gibt da so eindrückliche Beispiele.
Die Hilfsbereitschaft bei den Leuten in den Hochwassergebieten, die ich im Fernsehen gesehen habe.
Dieses Engagement in den Cafés international, die es bei uns ringsherum als Anlaufstelle für Flüchtlinge gibt. Erstmal helfen und für das Nötigste sorgen.

Alles Weitere kann man später klären. Ob mir das gelingt, wenn ich als Mitmensch gefordert bin? Esau und Jakob hätten nicht zu Feinden werden müssen, glaube ich. Mit ein bisschen mehr Gottvertrauen hätten die ungleichen Brüder es nebeneinander ausgehalten. Denn Gott würde dafür sorgen, dass keiner von ihnen zu kurz kommt. Ich wünsche Ihnen einen erholsamen Sonntag! Bleiben Sie behütet und kommen Sie gut durch die neue Woche!

Per E-Mail empfehlen