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Thomas Steiger

Von Thomas Steiger, Tübingen, Katholische Kirche

Die ganze Wahrheit

Sonntag, 22. Mai 2016     [Druckversion]

Das mit der Wahrheit ist so eine Sache. Reden kann man viel von ihr. Was auch unentwegt geschieht. Wenn einer Recht haben will, mehr als ein anderer, geht es um die Wahrheit. Wenn jemand nicht bei dem bleibt, was wirklich passiert ist, wenn er schwindelt oder einen anderen regelrecht anlügt, geht es ebenfalls um sie. Und in den Wissenschaften, besonders in der Philosophie und Theologie geht es darum, herauszufinden, was wahr ist. Nur: Die ganze Wahrheit, die hat bis heute noch kein Mensch gefunden. 

In den katholischen Gottesdiensten ist heute auch von der Wahrheit die Rede. Der Autor des Johannesevangeliums ist selbst ein kleiner Philosoph. Was man dem anhört, was er sagt: Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird sagen, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird. (Joh 16,13) Ich entdecke in diesem Text drei Schritte, die helfen dem auf die Spur zu kommen, was es mit der Wahrheit und mit dem Sprechen von ihr auf sich hat. Und über diese Schritte will ich heute in den Sonntagsgedanken nachdenken. 

Schritt eins: Wir kennen die Wahrheit nicht vollständig. Noch nicht.

Reden kann man wie gesagt viel von der Wahrheit. Aber deshalb hat man sie noch lange nicht. Ich muss einkalkulieren, dass ich an Grenzen komme, wenn ich etwas für wahr halte. Die Wahrheit ist eine absolute Sache. Und ich bin begrenzt und endlich. Das heißt: Ich kann Fehler machen und bei dem, was ich für wahr halte, ganz schön daneben liegen. Wenn ich mehr will, brauche ich Verbündete, andere, die dasselbe für wahr halten wie ich. Dann wird die Wahrscheinlichkeit schon größer, dass ich tatsächlich der Wahrheit auf der Spur bin. Neben dieser zwischenmenschlichen Unterstützung gibt es noch etwas anderes. Und das führt mich zu 

Schritt zwei: Wer an Gott glaubt, hat bei seiner Suche nach der Wahrheit Gott selbst an seiner Seite. Und zwar in Gestalt des Heiligen Geistes. Davon gleich mehr. 

MUSIKALISCHES INTERMEZZO 

In den Sonntagsgedanken denke ich heute darüber nach, wie wir am besten mit der Wahrheit umgehen. Eine Erkenntnis kann ich schon festhalten. Allein komme ich da nicht weit. Es ist gut, wenn ich mich mit anderen austausche, wenn wir gemeinsam zu einem Ergebnis kommen, dass viele für wahr halten. Wer daran glaubt, dass Gott der Schöpfer von allem ist, der hat noch einen weiteren Verbündeten: den Heiligen Geist. In ihm, in dieser geistigen Form ist Gott in unserer Welt da. Überall. In allen Dingen. In jedem Menschen. Und weil er direkt von Gott kommt, ist in ihm die Wahrheit ganz da. Je mehr ich davon begreife, desto näher komme ich selbst der Wahrheit. 

Das ist der letzte, der dritte Schritt. Auf ihn kommt es an. Denn nur wenn ich mich mit dem auseinandersetze, was Gott sagt, was er der Welt durch seinen Geist mitteilt, nur dann werde ich die Wahrheit finden. Ich denke, es ist am besten, das anhand eines Beispiels deutlich zu machen. 

Kaum eine Frage beschäftigt die Politik und die Menschen in Deutschland derzeit stärker als die, wie wir den Flüchtlingsstrom nach Europa bewältigen können. Die Meinungen dazu gehen himmelweit auseinander. Was also ist da wahr und was nicht? In den letzten Wochen hat es ein regelrechtes Aufatmen gegeben: „Gott sei Dank. Es kommen nicht mehr so viele! Vielleicht schaffen wir es doch.“ Auf den Rathäusern wird gerechnet, wie viele Wohnungen gebraucht werden und ob die Versorgung der neuen Bewohner klappen wird. Dann ist die Konkurrenz zu denen, die ohnehin schon bei uns auf Unterstützung angewiesen sind, am Ende doch nicht so gewaltig. Schließlich haben wir auch unter deutschen Bürgern welche, die arm sind und von Sozialhilfe leben. Das stimmt. Und weil die öffentlichen Haushalte momentan ja gut dastehen, reicht es wohl auch für alles andere, was wir geplant hatten: Straßenbau, Schulen, Kitas, Krankenhäuser, Sportplätze. Gut. Verwaltungen müssen rechnen, und eine gute Politik entsteht durch gerechtes Verteilen. Das kann man so sehen. Für den Bereich, für den man zuständig ist, mag das zutreffen. Aber ist das schon die Wahrheit? Die ganze Wahrheit über die Not der Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen, und sich eben hilfesuchend an uns wenden? Gottes Geist suche ich da vergeblich. Wer bloß rechnet, Menschen gegeneinander aufrechnet, wird die Wahrheit einerSache nicht finden. 

Ein Mensch ist ein Mensch. Jeder ist gleich viel wert. Das sagt uns der Geist, den Gott in seine Welt schickt. Unentwegt sagt er das. Das ist eine unbequeme Wahrheit, weil sie das unbehelligte Leben derer in Frage stellt, die satt und sicher leben können. Aber es ist wahr. Es ist die entscheidende Wahrheit, wenn ich beim Denken nicht an der eigenen Haustüre Halt mache. Wenn ich mit Gott und seiner Wahrheit rechne. Dann sieht die Sache anders aus: Dass weniger Flüchtlinge zu uns gelassen werden, ist dann ein Skandal, weil wir ihnen dann nicht helfen können. Das aber weiß ich als Christ von Gott: dass er das will. Leben für jedes Geschöpf. Und das ist eben auch wahr. Und bleibt es.

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