Manuskripte

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Woche vom 19.02.2012 bis 25.02.2012




Ilka Sobottke

Von Ilka Sobottke, Mannheim, Evangelische Kirche

vollkommen unvollkommen

Samstag, 25. Februar 2012     [Druckversion]

Da gibt es Schuheinlagen und Zahnspangen
- und doch für mich als Schriftsteller
ist die Unvollkommenheit des Menschen
das große Thema.
Die bedeutenden Werke der Weltliteratur erzählen davon.
Perfektion ist etwas Äußereres
- schöne gerade Zähne, ja, gut.
Aber wir haben immer noch keine Kultur entwickelt,
die Kriminalität und Kriege verhindert.
Und wo es nur um Leistungsfähigkeit und Effizienz geht,
bin ich skeptisch,
weil ich nicht glaube,
dass sie das Leben der menschen verbessern.
Ich finde nicht, dass ich zu langsam bin
Oder zu wenig leistungsfähig.
Es ist ja auch so:
Ich würde gerne Gitarre spielen können,
aber wenn ich mir dafür am Kiosk
nur einen chip kaufen müsste...?
Das Schöne ist,
dass ich die Sehnsucht habe,
etwas zu können,
aber mir meiner Unfähigkeit bewusst bin
und dann eine Leidenschaft dafür entwickle.
Das erzeugt Glück 

Arno Geiger, österreichischer Schriftsteller

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Lesefinger

Donnerstag, 23. Februar 2012     [Druckversion]

Der blinde Pfarrer Schah-Mohamedi liest

Ich nehme jeden Buchstaben einzeln
unter meinen Lesefinger.
Das Gefühl das man dabei hat,
kann man Unbeteiligten nur schwer vermitteln.
Zunächst ist es nur ein diffuses Kribbeln in den Fingern.
Aber dann kommt der Moment wo das Herz lacht
Und der Geist jauchzt: Ja ich habe es begriffen.
Punkte. Wenn meine Finger über die Ounkte gleiten,
Punkt an Punkt, Buchstabe an Buchstabe, Wort an Wort fügen,
bis ein Sinn sich mir erschließt,
dann danke ich Gott für meine Finger.
Ich lese und in mir wird es hell.
Mit keinem anderen Licht der Welt
Wollte ich dieses Licht tauschen.
Die Augen und die Ohren sind vielleicht noch flinker.
Aber was soll's wenn man nur die Hände hat.
Was da auf dem Papier steht
Muss buchstäblich erst unter die Haut,
um zum Kopf zu gelangen.
Ich komme aus dem Staunen nioch t heraus,
wie viele Wege Gott noch kennt,
um unser Herz zu erreichen.
Am Herdfeuer beim Kochen genauso,
wie im Stall beim Kühe melken...
Ich habe gestern auch schon gestaunt
Und staune heute wieder, als staunte ich zum erstenmal... 

(der andere advent 2011/2012 andere zeiten e.V.)

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My own song

Mittwoch, 22. Februar 2012     [Druckversion]

Ich will nicht sein
So wie ihr mich wollt
Ich will nicht ihr sein
So wie ihr mich wollt
Ich will nicht sein wie ihr
So wie ihr mich wollt
Ich will nicht sein wie ihr seid
So wie ihr mich wollt
Ich will nicht sein wie ihr sein wollt
So wie ihr wollt 
Nicht wie ihr mich wollt
Wie ich sein will will ich sein
Nicht wie ihr mich wollt
Wie ich bin will ich sein
Nicht wie ihr mich wollt
Wie ich will ich sein
Nicht wie ihr mich wollt
Ich will ich sein
Nicht wie ihr mich wollt will ich sein
Ich will sein 

Ernst Jandl 1966

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blau

Dienstag, 21. Februar 2012     [Druckversion]

glücklich
die ihr betrunken sein könnt
vom blau des himmels
möge der rauschtrank
nie mangeln
und süffig
ein leuchtvorrat
auch unter finstergewölk
aus schuh und angel euch heben
trinkt blau
trinkt nicht kummer! 

Kurt Marti

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Fasnachtspsalm

Montag, 20. Februar 2012     [Druckversion]

Mein Gott
Sieh mich doch einmal an
Ich lauf als Narr herum
Oft bin ich in der zeit ein tölpel
Und ohne dich ein hilfloses Bündel
Doch heute bin ich mit roter Nase
Roten Haaren und Glocken
Trommeln, Pfeifen und Geschell
Dein ewiger Phantast
Voll Lustigkeit und Glücksgefühl

Dein Aschenkreuzritter
Dein Pusteblumenfreund
Heut komm ich
Morgen geh ich
Zu dir o Gott
Ich Komiker von deiner Gnade
Bin voller Fehler
Du kennst sie alle
Sei mir gnädig

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Ich bin der Herr

Sonntag, 19. Februar 2012     [Druckversion]

Ich bin der Her dein Gott:
Du sollst meinen Namen nicht missbrauchen!
Du brauchst mich nicht zu zwingen, die zu helfen!
Weder durch fromme Leistungen -
Noch durch törichte Beschwörungen -
Weder durch scheinheiliges Gerede -
Noch durch christliche Bemäntelung deiner eigennützigen Ziele.
Denn das heißt alles:
Schindluder treiben mit meinem Namen.
Ich der allmächtige Gott,
bin ganz freiwillig dein Freund.
Halte dich an mich, dein Gebet ist nicht vergeblich. 

Ernst Lange, evangelischer Theologe

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