Manuskripte

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Woche vom 22.01.2012 bis 28.01.2012




Ilka Sobottke

Von Ilka Sobottke, Mannheim, Evangelische Kirche

Linsen

Samstag, 28. Januar 2012     [Druckversion]

Eines Tages saß Diogenes auf der Schwelle
Irgendeines Hauses und aß einen Teller Linsen.
In ganz Athen gab es kein billigeres Essen
Als dieses Linsengericht.
Anders gesagt, einen Teller Linsen zu essen bedeutete, dass man sich in einer äußerst prekären Situation befand.
Ein Minister des Kaisers sagte zu ihm:
„Wie bedauerlich für dich, Diogenes!
Wenn du lernen würdest, etwas unterwürfiger zu sein und dem Kaiser ein bisschen mehr zu schmeicheln, müsstest du nicht so viele Linsen essen."
Diogenes hörte auf zu essen, hob den Blick, sah den wohlhabenden Gesprächspartner fest an und antwortete: „bedauerlich für dich, Bruder.
Wenn du lernen würdest, ein paar Linsen zu essen, müsstest du nicht so unterwürfig sein und dem Kaiser ständig schmeicheln."

Jorge Bucay, Komm ich erzähl dir eine Geschichte, Fischer Taschenbuch Verlag 2011

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Ein Händedruck

Freitag, 27. Januar 2012     [Druckversion]

Der SPD- Politiker Carlo Schmid kam in den 50er Jahren auf seinem Weg in den ersten Deutschen Bundestag nach Mannheim, er erzählt:
Bürgermeister Jakob Trumpfheller war zehn Jahre älter als ich.
Im Dritten Reich war es ihm schlecht ergangen
Aber er kam ungebrochen aus dem Konzentrationslager zurück. Ich verdanke ihm viel.
Um ihn war eine Aura, die kein Misstrauen erlaubte und auch bei Leuten Vertrauen erweckte, die für seine Partei nichts übrig hatten.
Er ging mit mir in Altersheime und in die von der Stadt eingerichteten Siedlungen für die so genannten Asozialen.
Durch Jakob Trumpfheller fand ich vor Ort bestätigt, dass behördliche Maßnahmen so notwendig sie sein mögen für sich allein den Schlechtweggekommenen das Gefühl des Ausgestoßen seins nicht zu nehmen vermögen,  dass aber ein Händedruck einen Verzweifelnden neu mit dem Leben verbinden kann.

Carlo Schmid, Erinnerungen. Scherz Verlaq

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Keine Haftung

Donnerstag, 26. Januar 2012     [Druckversion]

50 Ehrenamtliche helfen diese Woche (?) in der Vesperkirche Mannheim, damit jeden Tag 450 Menschen in Not ein warmes Essen für einen Euro bekommen.
Einer erzählt folgende Geschichte:
An einem der Tische in der Kirche ist ein Becher umgekippt.
Eine Frau stellt ihre Tasche auf den Tisch, um sie zu retten vor dem herumtropfenden Getränk- in die Kerze, die Tasche hat ein Brandloch.
„Jetzt hab ich erwartet, dass die sagt, wir müssten haften.
Also ich hätte das getan in jedem Restaurant. Ich glaube ich hätte es zumindest versucht...
Aber nein die kommt und ist ganz aufgelöst und sagt, Sie weiß nicht, wie sie das jetzt verkraften soll, Sie sei ganz aufgewühlt, sie sei eben aus der Psychiatrie entlassen grad vor zwei Stunden und das sei jetzt einfach zu viel für sie, damit könne sie jetzt nicht klarkommen.
Ich wusste nicht was ich ihr sagen sollte. Dann hab ich einfach zu ihr gesagt: „Sie sehen aber so stabil aus, ich glaube dass sie das doch schaffen."
Sie dankt und meint „Ja, wenn sie das sagen..."

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Januar

Mittwoch, 25. Januar 2012     [Druckversion]

In der Vesperkirche in Mannheim sitzen sie jeden Tag zum Essen zusammen, etwa 450 Gäste.
Es sind Arbeitslose und Obdachlose, Rentnerinnen und Menschen mit Behinderungen, einer hört nichts, ein anderer sieht nichts, viele waren mal in einer Psychiatrie oder im Gefängnis.
Eine erzählt:
Der Januar das ist einfach nicht zum aushalten, vor Weihnachten haben wir noch die Stromabrechnung gekriegt und jetzt die Heizung.
Das kriegen wir ja nicht mehr gezahlt, nur noch eine Pauschale und die langt nie, jetzt ist zu hause kalt.
Und dann ist mein Mann krank, da muss man eine Pauschale bezahlen.
Auch wer eine Freistellung hat für die Medikamente, 10 % von dem was man sonst zahlen müsste, bei uns sind das 300 €.
und dabei bekommen wir doch jeder nur 370 im Monat...
Wenn wir nicht hierher kommen könnten und in der warmen Kirche sitzen, wir würden jetzt einfach frieren und nichts essen...
Da sind wir schon sehr froh dass es euch alle gibt und wir hier sein können...

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zum ersten Mal helfen

Dienstag, 24. Januar 2012     [Druckversion]

Sie hilft dieses Jahr zum ersten Mal in der Vesperkirche in Mannheim, bedient Leute, die sonst nie bedient werden,
Obdachlose, Arbeitslose, Menschen mit einer Suchterkrankung und ohne Selbstwertgefühl:
Warum sie das macht?
„Weil ich so ein verdammt gutes Leben habe, meint sie
Und denke dass ich davon etwas zurückgeben kann.
Die haben jetzt gesagt
Oh da haben wir aber Glück mit der Bedienung, dann hab ich gesagt,
da lauf ich doch gleich doppelt so schnell.
Und das freut die.
Und ich denke mir diese Menschen haben wenige Situationen
wo sie ein gutes Gefühl haben, wo sie eine Wertschätzung erleben
Oder ähnliches und ich glaub, dass das hier vermittelt wird und das finde ich ne großartige Sache

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schon besser

Montag, 23. Januar 2012     [Druckversion]

Vesperkirche in Mannheim, das heißt:
fünf Wochen sind die Bänke aus der Kirche geräumt statt dessen: Tische und Stühle, an den Tischen werden Menschen bedient die nichts haben:
Keine Arbeit, keine Wohnung, keine Gesundheit, viele auch sonst kein Glück, keinen Bausparvertrag, keine Altersvorsorge.
Einer sagt nach dem Essen
„Wissen Sie jetzt geht es mir schon viel besser
Eine Woche sind wir hier

Und jetzt hab ich mal eine Woche gegessen
Immer das gute warme Essen und der leckere Kuchen
Ich bin so froh und wissen Sie
Ich bin nicht nur froh wegen mir
Ich seh die anderen und da sind so viele denen es schon besser geht
Weil sie hier eben endlich mal essen
Und endlich einer nach ihnen schaut
Und weil sie nicht alleine sind mit ihren Sorgen
Und immer jemand zuhört
Es ist erst eine Woche und so vielen geht es schon viel besser
Und jetzt sitze ich hier vorne
Ganz in Ruhe in der guten Luft
Und inhaliere all das Gute was hier ist...

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aus Psalm 36

Sonntag, 22. Januar 2012     [Druckversion]

HERR
Du bist so gut, wie der Himmel weit ist,
Deine Treue reicht weiter, als die Wolken ziehen
Deine Gerechtigkeit ist höher als der höchste Berg,
Deine Weisheit ist tiefer als das Meer
Herr, für Menschen und Tiere bist du
Ein Gott der hilft. Es ist eine Freude!
Die Menschen sind im Schatten deiner Flügel zuhaus.
An deinem Reichtum dürfen sie teilhaben.
Du tränkst sie mit dem Strom deiner Wonnen.
Denn du bist die Quelle des Lebens,
in deinem Licht sehen wir: das Licht,
erhalte den Menschen deine Nähe und dein Ja,
allen die es ernst meinen!
Auch mich, lass mich nicht geraten in ihre Mühle,
sie sollen mich nicht kleinkriegen, nein!

Die Menschen lügen. Alle. Und andere Psalmen, übertragen von Arnold Stadler, Insel Verlag

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