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SWR2 Wort zum Sonntag

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Woche vom 15.04.2012 bis 21.04.2012




Dr. Angela Rinn

Von Dr. Angela Rinn, Mainz, Evangelische Kirche

Mut zum Fliegen

Sonntag, 15. April 2012     [Druckversion]

Es ist so eine Sache mit der Freiheit. Eine Nachbarin erzählt mir von einer Elster, die sie von Hand aufgezogen hat. Die Elster war als kleiner Vogel von einer Katze erwischt worden, hatte sich erfolgreich totgestellt, wurde dadurch für die Katze langweilig, gerettet und aufgepäppelt. „Du bist ein so schönes Tier", sagte die Nachbarin zu der Elster, „du verdienst die Freiheit". Und als die Elster groß war und ihre Verletzungen geheilt, da brachte meine Nachbarin den Vogel an die frische Luft und die Elster flog davon. Allerdings nicht für lange Zeit. Bis heute kommt sie täglich zurück und lässt sich von ihrer Lebensretterin mit Hackfleischbällchen verwöhnen.
Es ist so eine Sache mit der Freiheit. Wir sind alle für die Freiheit geschaffen, so wie die gerettete Elster, vielleicht sind wir nicht so schön wie sie, manche unter uns möglicherweise eher schräge Vögel, andere kommen sich wie Zaunkönige vor, wieder andere wie Dreckspatzen. Für die Freiheit sind wir jedoch alle geschaffen, und doch... Was auch immer unsere „Hackfleischbällchen" sein mögen, für die wir die  Freiheit aufgeben, es gibt viele Gründe und Vorwände, die Menschen daran hindern, ihre gottgewollte Freiheit auch zu leben.
Das ist nun gar nicht lustig, sondern tod-traurig und bitterer Ernst.
Menschen seufzen unter den Mächten dieser Welt, spüren, wie ihre Lebensfreude weicht unter drückenden Ängsten, leiden unter alter Schuld, flüchten sich in den Trost von Alkohol oder Medikamenten. Junge verlieren das Zutrauen in die Zukunft und trauen sich nichts zu, die Selbstmordrate unter den Alten ist erschreckend hoch. Andere sind zu bequem, um die Freiheit zu wagen oder meinen, sie müssten erst Vorbedingungen erfüllen. Das ist Menschen-unwürdig. So wie es auch etwas Unwürdiges an sich hat, dass eine ausgewachsene Elster sich noch täglich durchfüttern lässt statt sich selbst ums Futter zu kümmern. Was ist die Freiheit wert?
Alles, meine ich. Denn Gott hat uns zur Freiheit geschaffen!
Der heutige Sonntag buchstabiert in den Evangelischen Kirchen das Thema Freiheit am Beispiel der Taufe durch. Wasser hat tödliche Macht, das erinnert an alles, was die Luft nehmen will, ertränken will in Sorgen und Mutlosigkeit, aber auch in Langeweile oder Überdruss. In dieses Wasser sind wir gestoßen, wie jeder Mensch, daran kommt keiner vorbei. Das lässt die Flügel nass und schwer werden, damit kann kein Mensch fliegen. Der Täufling wird ins Wasser getaucht. Doch dabei bleibt es nicht. Er wird auch wieder herausgezogen und gerettet. Ganz steil heißt es in der Bibel: Wir sind mit Christus gestorben und auferstanden. Zur Freiheit des Lebens befreit.
Wir sind nicht zum Kriechen geschaffen, sondern zum Fliegen. Wir sind Wesen, die in den Himmel gehören und nicht in die Hölle der Unfreiheit. Und deshalb dürfen wir die Flügel ausbreiten und es wagen, zu fliegen. Für uns ist Jesus Christus gestorben und auferstanden. So lieb hat er uns! Wenn ich das für mich merkwürdigen Menschenvogel begreife, dass er mich lieb hat, trotz und mit all meinen schwarzen Flecken, dem zerzausten Federkleid, dem lockeren Schnabel, wirklich lieb hat, dann ist das schon zum abheben! Da darf ich ruhig stolz die Flügel spreizen und mein Herz fliegen lassen. Bis in den Himmel. Und schauen, was er für mich, für uns alle bereithält. Leben. Bedingungslose Freiheit. Und Aufgaben, klar, das auch. In himmlischen Gefilden herrscht keine Langeweile, kein Überdruss. Ich kann etwas dazu beitragen, dass sich diese Welt nicht kriecherisch beugt und ängstlich klein macht gegenüber aufgeblasenen Mächten und knechtenden Gewalten. Jeder hat Möglichkeiten. Wir können die Flügel ausbreiten und Schutz bieten denen, die sich flüchten aus der Gewalt. Wir können Menschen zeigen, dass es sich lohnt, zu fliegen. Dahin, wo der Atem der Freiheit weht. Wir können anderen erzählen, wie wir gelernt haben, zu fliegen, können von dieser Liebe erzählen, die uns innerlich und äußerlich frei macht. Wir können davon erzählen, dass man mit dieser Liebe auch bei Gegenwind fliegen kann, sie macht stark, ich finde auch: Schön. Denn jeder Menschenvogel ist schön in den liebevollen Augen Gottes.
Um es, leicht verwandelt, mit den Worten meiner Nachbarin zu sagen: Wir sind schöne Vögel und verdienen die Freiheit. Lasst uns fliegen.