Woche vom 08.04.2012 bis 14.04.2012 

Von Dr. Stephan Ackermann, Trier, Katholische Kirche
Leben auf Vorschuss
Sonntag, 08. April 2012
Jemand um einen Vorschuss zu bitten, ist nicht so einfach. Ich glaube, jeder wird es sich gut überlegen und lange zögern, bevor er zu seinem Arbeitgeber geht und um einen Vorschuss bittet. Denn jeder weiß auch: Das alles wird nicht geschenkt, sondern muss zurückbezahlt werden. Außerdem ist so ein Vorgang irgendwie eine peinliche Sache. Denn damit sagt man ja: Ich habe nicht genug. Ich habe mich verschätzt. Ich bin in einer Situation, aus der ich ohne Hilfe zunächst einmal nicht heraus komme. Und wer gibt das schon gerne zu!
Dabei ist ein Vorschuss genau betrachtet, etwas vollkommen Natürliches: Jeder von uns lebt auf irgendeine Weise auf Vorschuss. Ein Kind lebt vom Vorschuss an Vertrauen und Liebe, das es von den Eltern erhält. Wenn dieser Vorschuss fehlt, dann wird es für sein Leben daran zu tragen haben. Jede Beziehung - jede Freundschaft, eine Partnerschaft, eine Ehe - lebt von dem Vorschuss, den sich Menschen für ihre gemeinsame Zukunft gegenseitig einräumen.
Heute feiern evangelische und katholische Christen überall auf der Welt das Osterfest. Ostern, die Auferstehung Jesu aus dem Grab, aber auch sein Leiden und sein Tod am Kreuz sind der große Vorschuss an Liebe, an Vertrauen und Leben, den Gott gewährt und von dem der gläubige Mensch lebt. Was macht ein solcher Vorschuss aus einem Menschen? Der Apostel Paulus hat durch sein Leben und Wirken eine eindrucksvolle Antwort gegeben. Kaum zu glauben, welche Kräfte in diesem Mann wach gerüttelt wurden, um praktisch durch die ganze damals bekannte Welt zu reisen und die Botschaft Jesu Christi weiterzutragen. Das älteste uns bekannte Zeugnis von Ostern stammt von ihm, aus dem Ersten Korintherbrief, entstanden wohl um das Jahr 55: „Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf."
„Für uns - gestorben und auferweckt." Das ist das alles Entscheidende. Was für ein übergroßer Vorschuss an Liebe und Leben, den Gott uns da gewährt. Ein ganzes Leben lang können wir von ihm zehren. Denn er ist grenzenlos. Wir können und brauchen ihn auch nicht zurückzuzahlen. Das ist der Unterschied zu so manch menschlichem Vorschuss. Ich kann allerdings die Annahme verweigern. Ich kann den göttlichen Vorschuss auch verspielen. Diese Freiheit gibt Gott uns auch. Die Folgen kennen wir leidvoll. Leben auf Vorschuss - das lässt mich denken an folgende Zeilen des bekannten Frankfurter Pfarrers und Dichters Lothar Zenetti: Einmal, so schreibt er, wird uns gewiss/ die Rechnung präsentiert/ für den Sonnenschein/ und das Rauschen der Blätter,/ die sanften Maiglöckchen/ und die dunklen Tannen,/ für den Schnee und den Wind,/ den Vogelflug und das Gras/ und die Schmetterlinge,/ für die Luft, die wir geatmet haben,/ und den Blick auf die Sterne/ und für alle die Tage,/ die Abende und die Nächte./ Einmal wird es Zeit,/ dass wir aufbrechen/ und bezahlen;/ bitte die Rechnung./ Doch wir haben sie/ ohne den Wirt gemacht:/ Ich habe euch eingeladen,/ sagt der und lacht,/ soweit die Erde reicht:/ Es war mir ein Vergnügen! Das Osterfest, das in unseren Breiten immer in das aufbrechende Frühjahr fällt, ruft uns in Erinnerung, welch unvergleichliche Gabe Gott uns mit dem Leben und der Schöpfung macht. Mehr noch: Ostern sagt uns nämlich auch: Gott steht sogar da ein, wo wir hinter dem Vorschuss, den er uns gibt, zurückbleiben. Hören wir noch einmal Paulus, der es auf den Punkt bringt: „Gott hat den Schuldschein, der gegen uns sprach, durchgestrichen und seine Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben. Er hat ihn dadurch getilgt, dass er ihn an das Kreuz geheftet hat" (Kol 2,14). Am heutigen Sonntag dürfen wir uns neu bewusst werden, welch ungeheuren Vorschuss an Liebe und Vertrauen wir von Gott erhalten. Das Halleluja in den Ostergottesdiensten ist die Bestätigung dafür, dass wir diesen Vorschuss annehmen. Christ sein heißt: Von diesem Vorschuss leben. Solches Leben lässt aufatmen und setzt Möglichkeiten frei, zu denen wir alleine nicht die Kraft hätten.
Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien ein gesegnetes Osterfest!



