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SWR2 Wort zum Sonntag

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Woche vom 04.03.2012 bis 10.03.2012




Klaus Nagorni

Von Klaus Nagorni, Karlsruhe

Die Entdeckung des Horizontes

Sonntag, 04. März 2012     [Druckversion]

Irgendwie bewundere ich sie. Die junge Frau aus Deutschland, die auf einer Hochebene in den Schweizer Bergen, 2300 Meter über dem Meer, die Schafe hütet. Von Mai bis Oktober. Allein mit 350 Schafen und vier Hütehunden, die ihre einzige Gesellschaft sind. Jedes Jahr, auch in diesem Jahr, wartet sie schon wieder auf den Frühling.
Sie ist 33 Jahre alt. Hat sich diesen Job freiwillig ausgesucht. Als Aussteigerin versteht sie sich nicht. Aber sie will hinter sich lassen, was das Leben in der Zivilisation ausmacht. Finanzkrise, Zeitdruck, Luxus. Beschränkung auf das Wesentliche, darauf kommt es ihr an. Ihre Hütte ist ein Raum mit Bett, Schrank, Tisch, Bank und Ofen.
„Hier oben ist man frei", sagt sie. „Ich kann alles selber entscheiden". Freiheit, das heißt für sie aber auch: Selbstdisziplin. Bei Wind und Wetter rausgehen, wenn die Schafe es brauchen. Sich anpassen an den Rhythmus der Natur. Hin und wieder auch der Versuchung der Langeweile widerstehen.
Die Menschen im Dorf wundern sich, warum die junge Deutsche das macht. Aber sie sagen, sie sei die beste Schafhirtin, die sie seit langem hatten.
Die Geschichte dieser jungen Frau fand ich in einer Sonntagszeitung. Ich habe sie mitgenommen als ich kürzlich zu einer Diskussion mit einer Gruppe von Schülern eingeladen war. Unser Thema hieß: Verzicht als Bestandteil von Lebenskunst.
Könnt ihr euch vorstellen, frage ich die jungen Leute, auch einmal so zu leben? Ein Drittel meldet sich. Weitere sympathisieren mit der Frau. Klar, sagen sie, man muss dann schon auf einiges verzichten. Aber man würde deutlich mehr gewinnen. Weg von der Reizüberflutung. Konzentration auf das Wesentliche. Das Gefühl für die Natur. Zeit in Fülle.
Situationen, wo sich das Leben auf weniges beschränkt, wo Kargheit herrscht und Knappheit, hatten für Menschen immer schon eine besondere Anziehungskraft. Wüstenorte im realen und übertragenen Sinn. Jesus fällt mir ein, der in die Wüste geht und fastet, bevor er ein Leben in der Öffentlichkeit beginnt. Und auch später kehrt er immer wieder in die Abgeschiedenheit zurück. Dort findet er Kraft und Konzentration, die er im Alltag braucht.
Auch heute ziehen sich Menschen zurück. In Klöster auf Zeit. Gehen los als Pilger oder Wanderer in unbekanntes Terrain. Oder bauen ganz bewusst Pausen und Auszeiten in ihr Leben ein. So lässt sich ausprobieren, was brauche ich wirklich auf meiner Lebensreise. Und wo schleppe ich nur Ballast mit, der letztlich verzichtbar ist.
Es ist gut, wenn ich spüre, die Dinge haben mich nicht im Griff. Ich bin nicht Opfer meines vollen Terminkalenders oder meiner Bedürfnisse nach Bequemlichkeit. Ich werde nicht gelebt, sondern führe ein Leben in eigener Verantwortung.
Deswegen lasse ich mich gerne auf Zeiten ein, wo ich das zusammen mit anderen üben kann. Fastenzeiten, wo ich einen Schritt zur Seite gehe. Raus aus der Spur der Gewohnheit und der alltäglichen Routine.
Ich lasse die Angst, zu kurz zu kommen oder etwas zu verpassen, zurück. Und freue mich an der Fülle dessen, was ich in meinem Leben erfahren habe. Und was meine Gegenwart erfüllt.
Dann spüre ich: Je weniger sich meine Hände um das schließen, von dem ich meine, ich müsse es festhalten, desto größer wird meine Freiheit. Manche Dinge lassen zu können, schenkt mir Gelassenheit.
Und mein Blick öffnet sich für das unbegangene Land, das sich vor mir ausstreckt. So weit, dass ich den Horizont wieder sehen kann.