Woche vom 19.02.2012 bis 25.02.2012 

Von Monika Renninger, Stuttgart, Evangelische Kirche
Gerechtigkeit bedeutet auch Zuwendung
Sonntag, 19. Februar 2012
Wie hart darf man die eigene Religion kritisieren? - Die biblische Tradition ist ohne die Kritik an Religion und religiöser Praxis nicht vorstellbar. Ganze Prophetenbücher legen dafür Zeugnis ab. Diese Kritik kommt aus der Leidenschaft für den Glauben, für den man eintritt. Sie wird in der Bibel bisweilen sehr scharf formuliert, weil sie nicht nur darum ringt, dass es gerecht zugeht, sondern auch darum, ob man spürt, dass das, was man tut, in freundlicher Zuwendung zu anderen geschieht. So zum Beispiel im Buch des Propheten Amos. Er hört Gott sagen: (Amos 5,21-24) Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich keinen Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Der Prophet erträgt den Widerspruch zwischen den Gottesdiensten im Tempel und dem alltäglichen Handeln nicht. Er hört Gott, wie er nichts mehr wissen will von dem, was Menschen als Liebesbezeugungen Gott gegenüber ausgeben, und was einfach nicht zu dem passt, was sie sonst tun. Gott verweigert sich der religiösen Fassade. Kann man so Gott denken? Als sei Gott ein zorniger, enttäuschter, getäuschter Liebender, der sich den Betörungen und Beteuerungen zu entziehen versucht, indem er Augen, Nase und Ohren verschließt. Der Prophet Amos begründet in seinen Reden Punkt für Punkt, warum er so denkt. Er beschreibt, in welcher sozialen Schieflage sich das gesellschaftliche Miteinander befindet. Er empört sich darüber, wie unberührt und ungerührt die Menschen dennoch ihre Gottesdienste feiern. Als hätte das eine nichts mit dem anderen zu tun. Als könne man die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Menschen trennen. Amos sieht: Die Rechtsprechung ist bestechlich und übervorteilt die Schwächeren. Trotz des biblischen Verbotes, Land zu verkaufen, weil es als Gottes Erbbesitz gilt, geschieht es und so kommen die Armen in Schuldsklaverei. Sie verpfänden ihr Land und sich selbst gleich mit. Es gibt eine schamlose Verschwendung, ein tiefer Graben zwischen Reich und Arm zerreißt die Gesellschaft. Die Liste des Propheten Amos lässt sich mühelos in Kritik am Zustand unserer Gesellschaft heute übersetzen. Es gibt Vorteilnahme, Bestechung, einen scharfen Gegensatz zwischen Luxus und Armut. Wer keine guten Startvoraussetzungen hat, wird an den Rand gedrängt ... Gerechtigkeit und Recht sind auch bei uns in einer Schieflage. Feiert die Kirche heute davon unberührt und ungerührt ihre Gottesdienste? - Nein. Das Engagement für Gerechtigkeit und Solidarität prägt viele Aktivitäten von Gemeinden. Viele setzen sich dafür ein, dass sich ändert, was ungerecht und unsozial ist. Sie lassen sich anrühren von dem, was sie sehen. Sie wollen, dass Beten und Tun zusammenpassen. So habe ich neulich eine Begebenheit mit meinen Schülern empfunden. Die Klasse war mit mir zusammen einen Tag in der Vesperkirche Stuttgart, um dort mitzuarbeiten. Solche Projekte gibt es auch in vielen anderen Städten. Die jungen Leute haben ihre Sache sehr gut gemacht und sich ohne Berührungsängste an die Theken gestellt, um Essen und Trinken auszugeben. Am folgenden Tag erzählte mir eine der jungen Frauen, sie habe, als sie heimkam, nach ihrer Mutter gerufen, um ihr davon zu erzählen und ihr erster Satz sei gewesen: Mama, ich bin wieder da, nimm mich schnell mal in den Arm. Der Tag in der Vesperkirche hat sie berührt. Sie hat gespürt, dass Zuwendung und Liebe geben Kraft kostet, und dass sie auftanken muss, was sie verströmt hat. Sie hat gespürt: Was Menschen fehlt, ist nicht nur genug Essen und Trinken und Kleidung. Ihnen fehlt auch, dass sie so selten freundliche Zuwendung und einen selbstverständlichen achtungsvollen Umgang miteinander erfahren. In der Vesperkirche gibt es beides. Gerechtigkeit und Liebe gehören zusammen. Wo das nicht so ist, brauchen wir Propheten, die uns das sagen, auch heute.



