Woche vom 25.12.2011 bis 31.12.2011 

Von Dr. Angela Rinn, Mainz, Evangelische Kirche
Deutschlandreise
Sonntag, 25. Dezember 2011
Mannheim am 1. Weihnachtsfeiertag
Mannheim Quadrat D6 Nummer 5. Das ist am Rand der Innenstadt, direkt neben der Fußgängerzone, schräg gegenüber vom Rathaus und um die Ecke vom Reiss-Engelhorn-Museum. D6,5 ist das Zentrum der Jesuiten in Mannheim und hier habe ich, mehrere Jahre lang, Schweigeexerzitien absolviert. Mitten in der Stadt. Da mein Exerzitienmeister die Auffassung vertritt, dass Bewegung in Exerzitien wichtig ist, bin ich jeden Tag - natürlich schweigend - durch Mannheim gelaufen, mitten durch die Stadt. So zieht sich für mich ein geistlicher Weg durch Mannheim. Schweigend, betend und laufend habe ich viel entdeckt. Mein Weg führte mich an einer riesigen, verschlossenen evangelischen Kirche vorbei, deren Fenster wohl unter Denkmalschutz stehen, die man aber nie besichtigen kann; durch eine psychiatrische Einrichtung, am Drogenzentrum, an islamischen Kultureinrichtungen und einer Grundschule vorbei zum Neckar. Auf dem Rückweg passierte ich die jüdische Gemeinde mit ihrer Synagoge und machte noch einen Schlenker durch die Fußgängerzone, an einer türkischen Bank vorbei. Ich bin diesen Weg so oft gelaufen, dass ich ihn im Schlaf beschreiben könnte. Man sieht ganz schön viel, wenn man nicht redet. Ich hätte mir vorher nicht vorstellen können, dass auf so kleinem Raum so viele heilige Orte zu finden sind. Gebetsorte aller monotheistischen Religionen, dazu noch die Konsumtempel der Gegenwart und Heiligtümer des Mammon. Menschen aller Milieus finden hier zusammen, eine irritierende Mischung, möglicherweise explosiv, und manche kommen mit diesem Leben auch nicht so gut klar und suchen Hilfe, kleine Menschen versuchen gerade ihre ersten Schritte in dieser verwirrenden Welt.
Heute morgen ist es ruhig in diesem Viertel, die Kinder haben Ferien, und die Kaufhäuser und Banken öffnen erst übermorgen wieder, im Rathaus sind die Schreibtische verwaist, immerhin: das Museum hat bald geöffnet. Menschen schlendern durch die Fußgängerzone und überlegen, was sie umtauschen wollen. Erster Weihnachtsfeiertag in Mannheim. Ob die psychiatrische Einrichtung wohl geöffnet hat? Gerade an Weihnachten geht es vielen Menschen ja gar nicht gut. Ich gehe in Gedanken meinen heiligen Weg. Hat das Krippenkind hier auch seinen Platz? Oder ist es weggezogen? Hat er sich in bessere Gegenden zurückgezogen, unser HERR?
Na ja, es ist ja allgemein bekannt, dass er nicht im Palast des Herodes, sondern in einer bethlehemitischen Stallatmosphäre zur Welt kam, also doch eher nahe dran an Mannheim, D6,5? Vielleicht, so überlege ich, ist es nicht so einfach mit den Schablonen. Mich lehrt mein Weg, dass das Krippenkind überall zu entdecken ist und überall vergessen werden kann. Beides ist möglich, und Gott liefert sich gerade so aus, seinen Menschen, die ihn überall entdecken können und überall vergessen können. Das ist ihre tragische Freiheit und der Preis seiner Liebe. Doch was wäre eine Liebe wert, die nicht diese tragische Freiheit aushält?
Erster Weihnachtsfeiertag in Mannheim, D6,5. Ich entscheide mich, meinen Weg in Gedanken mit dem Krippenkind zu gehen, mit ihm auf dem Arm, er ist ja gerade erst geboren. Vorsichtig, nicht so energisch, wie ich sonst bin, es soll ihm ja nichts zustoßen. Warm einpacken werde ich ihn, mir fällt ein, dass es auf meinem Weg oft ganz zugig ist. Und ich zeige ihm alle Orte, die ich entdeckt habe, und die Menschen. Er sagt nichts, denn er ist ja gerade erst neu geboren und Neugeborene schauen, sie reden nicht. Ich merke: Bisher habe ich nur mit meinen Augen gesehen, jetzt sind seine Augen mir mir auf meinem Weg. Durch seinen Blick heiligt sich mein Weg durch Mannheim auf besondere, einzigartige Weise. Mit ihm, dem Krippenkind auf dem Arm, fange ich an, für die Menschen zu beten, denen ich begegne, für die Orte auch, dass sie heilige Orte sein mögen, mit einer freundlichen, friedlichen, eben weihnachtlichen Ausstrahlung in dieser kalten Zeit. Mit Jesus auf dem Arm bete ich für die Kinder, dass sie ihre Ferien genießen mögen, für die Drogenabhängigen, dass sie einen Ausweg und für die psychisch Gefährdeten, dass sie offene Ohren und einen Halt haben. An der Synagoge halten wir nachdenklich inne, und ich merke, dass ich da keine Worte finde und spüre, dass es Geheimnisse gibt, die zu groß für mich sind. So wie Weihnachten. Ich schweige, und Christus schaut mich an. Frohe Weihnachten. Für alle in Mannheim. Und auch für Sie und mich.



