Woche vom 11.12.2011 bis 17.12.2011 

Von Dr. Marita Rödszus-Hecker, Heidelberg, Evangelische Kirche
Forever young
Sonntag, 11. Dezember 2011
Über all den Engeln und Schokoprinten, über den Krippen und Glöckchen in der Adventszeit vergisst man fast, auf wen man da wartet. Man vergisst fast, was für ein Mensch Jesus war, dessen Geburtstag in knapp zwei Wochen gefeiert wird. Was mich an ihm und an dem, was die Bibel von ihm erzählt, am meisten beeindruckt: Jesus war ein Mann, der wie ein Halbwüchsiger, alles in Frage stellte. Er behielt immer etwas Unbedingtes. Alles stellte er zur Diskussion, wie wir, als wir fünfzehn waren. Das Leben mit der Familie, den festen Wohnsitz, das sichere Einkommen, den Glauben, wie man ihn damals praktizierte - nichts ließ er unbefragt.
Jesus fand es unerträglich, dass man wagte, mit der Religion Geschäfte zu machen. Tempel und Kaufhaus - das passt nicht zusammen. Und Gott kann es unmöglich wollen, dass dort, wo es um ihn geht, die Kassen klingeln. Also demolierte Jesus die Verkaufsstände und sorgte dafür, dass die Händler sich einen anderen Platz suchen mussten. ER war davon überzeugt, dass es nicht gerade von Gottesglauben spricht, wenn man nur dann hilfsbereit ist, wenn andere zuschauen. Jesus misstraute denen, die sich besonders fromm gaben und so taten, als ob sie kein Wässerchen trüben könnten. Er war gegen alles Verlogene und Heuchlerische. Er verkehrte mit denen, vor denen ihn seine Eltern vielleicht immer gewarnt hatten: den religiös Diskriminierten. Wie ein Jugendlicher machte er seiner Mutter immer wieder klar: Seine Freunde, die, mit denen er umherzog und die seine Überzeugungen teilten, die galten ihm mehr als jede Verwandtschaft.
Mit keiner Zeile wird im Neuen Testament erzählt, dass Jesus einer regelmäßigen Beschäftigung nachging, dass er der Arbeit einen besonderen Stellenwert im Leben einräumte. Im Gegenteil. Petrus und Matthäus, seine Jünger, zog er gewissermaßen von ihrer Arbeit ab. Der Staat, die Politik interessierten ihn nicht sonderlich. Er empfahl, die Steuern zu bezahlen, weil es nicht der Mühe lohnt, sie zu verweigern. „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist." Und ansonsten kümmert euch um das, was wirklich wichtig ist.
Jesus blieb auch noch mit dreißig so idealistisch, wie wir es mit fünfzehn waren: Obwohl jede Erfahrung dagegen sprach, erklärte er: Man muss nicht zurückschlagen, wenn man geschlagen wird. Er hielt sich daran, bis ans Ende. Auch für ihn lag zwischen „Reiz und Reaktion" die Freiheit (V. Frankl). Und der Hass schien ihm eine abgedroschene Phrase. Er war davon überzeugt: So, wie es ist, muss es nicht bleiben. Man sollte mal etwas Neues probieren. Er wunderte sich über das, was andere nie als fremd empfinden. Er weigerte sich einfach, erwachsen zu werden, so zu werden, wie die anderen, normal eben.
Aber was ist das schon, normal? Was ist das für ein Leben, in dem man nur mit einem gut gefüllten Bankkonto ein ganzer Mensch ist? Was sind das für Erwachsene, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit zeigen müssen, wie weit sie es gebracht haben? Wie sinnlos ist vieles, wofür wir uns abrackern. Die besten Dinge im Leben sind nicht die, die man für Geld bekommt. Es nützt einem nichts, sagt er, wenn man die ganze Welt gewinnt, Erfolg hat auf der ganzen Linie, und die Seele geht dabei drauf.
Wie ein Halbwüchsiger ist Jesus bestürzt über das gewohnte Leben und stellt das normale Erwachsensein in Frage. Er bahnt aus Fragen einen neuen Weg zu Gott und fordert uns auf: Überlegt einmal, was Gott eigentlich von den Menschen will? Doch wohl, dass sie ihn überhaupt anerkennen, dass sie sich ihm zuwenden, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele. Dass sie „von ganzem Gemüt" und von allen ihren Kräften Ja zu ihm sagen. Der ganze Rest ist mehr oder weniger gleichgültig. Bis auf eines. Gott will keine Sklaven aus den Menschen machen, die nicht mehr „ich" sagen können. Er hat kein Interesse an einem Glauben, der über Leichen geht. Und darum will er nur eines noch: dass jeder seinen Nächsten liebt wie sich selbst.
In knapp zwei Wochen ist Weihnachten, Jesu Geburtstag. Wie feiern? Sicher mit Engeln und mit Schokoprinten, aber auch mit der Einsicht, wie viel wir gewinnen, wenn wir uns von Jesus etwas sagen lassen.



