Woche vom 07.08.2011 bis 13.08.2011 

Von Dr. Traugott Schächtele, Freiburg, Evangelische Kirche
Schön, lieblich und vernünftig
Sonntag, 07. August 2011
„Siehe, wie schön und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen." In den Psalmen freut sich ein Dichter über die wohltuende Erfahrung des gelingenden Zusammenlebens. Wo immer Menschen zusammen mit anderen handeln, bringen sie auch Erfahrungen mit ein, die die im Umgang mit ihren Geschwistern gemacht haben. Wer wie ich mit einer großen Geschwisterschar aufgewachsen ist, kann noch besser nachvollziehen, was ich meine.
Die Bibel zeichnet ein sehr realistisches Bild geschwisterlicher Beziehungen. Sie schildert sehr anschaulich, wie schrecklich die Konsequenzen problematischer und ungeklärter Beziehungen zwischen Geschwistern werden können. Nicht nur im tödlichen Streit von Kain und Abel ganz am Anfang. Noch eindrücklicher geschieht das da, wo sie von den zwölf Söhnen des alten Patriarchen Jakob erzählt. Da gibt es Josef, den Liebling des älter werdenden Vaters, der diese Vorzugsrolle genießt und auskostet. Und so seine Brüder zur Weißglut bringt. So sehr, dass die ihn aus Neid und Eifersucht loswerden wollen. Und beschließen, ihn in die Sklaverei zu verkaufen. Da gibt es Ruben, den Vernünftigen und um Ausgleich Bemühten. Der in die Geschwisterschar das einbringt, von dem er glaubt, dass es dem Vater wichtig ist. Er will es sich mit seinen Brüdern nicht verscherzen. Und spielt das böse Spiel zunächst anscheinend mit. Aber sein Ziel ist es, den jüngeren Bruder mit einem Schrecken davon kommen zu lassen. Dann gibt es die anderen, die ihren Ärger ausleben und den Bruder dann tatsächlich verkaufen. Was das für sie bedeutet - kurzfristig, als der Vater in tiefe Trauer versinkt und langfristig, als sie es viele Jahre später überraschend wieder mit ihrem Bruder zu tun bekommen, daran verschwenden sie keinen Gedanken. Und da gibt es auch den Benjamin, den erst viel später Geborenen. Sein Lebensprogramm ist von der Bürde geprägt, den Eltern den verlorenen geglaubten Josef ersetzen zu müssen.
Unterschiedlicher können Menschen nicht sein, auch wenn sie aus einer Familie stammen. Unterschieden durch die Generation, der sie angehören. Unterschieden durch den Platz, den sie in der Abfolge der Geburten der Geburten einnehmen. Unterschieden durch die Erfahrungen, die ihr Leben jeweils geprägt hat.
Josef und seine Brüder - das ist kein Familiendrama. Das ist die Geschichte des Menschen - unser aller Geschichte - hineinprojiziert in die Lebensgeschichten von zwölf total unterschiedlichen Geschwistern. Einträchtig beieinander zu wohnen, das ist das Wunschprogramm. Das ist die Utopie. Schön und lieblich, wenn es immer wieder auch gelingt. So wie ganz am Ende der Josefsgeschichte. Als eine Hungersnot die Brüder in die Fremde treibt. Und Josef, der einst Verkaufte und Verschmähte, den Brüdern und dem Vater das Leben rettet. Aber es reicht nicht aus, einfach nur auf ein Happy end zu warten. Klärungen sind vorher nötig. In den Niederungen des Alltags. Die Wirklichkeit ist die, dass es Mechanismen geben muss, die helfen, Rivalitäten und Konflikte zu regeln. So zu regeln, dass sich niemand über den Tisch gezogen fühlen muss. Das ist manchmal schwierig. Es kostet auch eine Menge an Kraft und Energie. Aber es macht auch zufrieden. Der gute Kompromiss, die win-win-Lösung, wie es heute manchmal so schön heißt, sie ist nicht immer schön und lieblich. Aber sie trägt. Und sie ist allemal vernünftig.
Und manchmal, auch das ist meine Erfahrung, wird es mit einem Male überraschend doch fein und lieblich. In der konfliktreichen Beziehung zwischen Geschwistern. Im Grunde überall da, wo Menschen ihr Zusammenleben gestalten müssen. Wie gut, dass Gott sich mit seinem guten Geist gerade in solchen Situationen gerne zu erkennen gibt.



