Manuskripte

SWR2 Wort zum Sonntag

Woche vom 25.07.2010 bis 31.07.2010




Wolf-Dieter Steinmann

Von Wolf-Dieter Steinmann, Ettlingen, Evangelische Kirche

Lutherische Weltbund

Sonntag, 25. Juli 2010     [Druckversion]

Soll man wirklich mit dem zufrieden, was man hat, wenn man weiß, es könnte auch anders und noch besser sein? Zufrieden sein oder auf Veränderung drängen?
Diese Frage bedrängt mich auch, wenn ich die Situation der Christenheit sehe. Müsste es nicht längst eine vereinte Christenheit geben auf dieser Welt? Eine Ökumene von Katholiken, Orthodoxen und Protestanten, in der wir Christen verbindlich zusammen sind, unsere Unterschiede nicht als trennend betrachten. Sondern uns gemeinsam ins Zeug legen für Versöhnung und mehr Gerechtigkeit auf unserer zerrissenen Welt?
Diese verbindliche weltweite Christengemeinschaft gibt es nicht und das macht mich traurig. Kann man also froh sein über das, was es schon gibt, auch wenn es kleiner erscheint?
Z.B. dass zurzeit die weltweite Familie der Lutheraner in Stuttgart zusammen ist zu ihrer Vollversammlung? Der Lutherische Weltbund, eine Gemeinschaft von immerhin 140 Kirchen aus 80 Ländern. Sie vertreten 70 Millionen Christinnen und Christen. Sehr verschiedene Welten und Kulturen sind da in Stuttgart zusammen: Lutheraner aus einer Staatskirche wie in Schweden, Nachfahren von deutschen Auswanderern nach Argentinien, die dort eine ganz kleine Minderheitskirche sind. Lutheraner aus Schwarzafrika, aus der Mission hervorgegangen, inzwischen längst eine lebendige, selbstbewusste Kirche. Oder die wachsenden lutherischen Kirchen aus Korea. Diese lutherische  Familie ist so verschieden wie eine Familie nur sein kann. Da gibt es Brüder und Schwestern aus dem immer noch gut betuchten Württemberg neben denen aus dem bettelarmen Simbabwe. Eine Konfessionsfamilie, zugleich zum Zerreißen verschieden. Wie unsere Weltfamilie insgesamt.
Aber es hat mich in dieser Woche auch berührt, zu sehen und zu hören, dass diese lutherische Familie eine gemeinsame Glaubenskultur miteinander teilt. „Ein feste Burg ist unser Gott", das Lied Martin Luthers hat man viersprachig miteinander gesungen, im Gottesdienst und das Heilige Abendmahl miteinander geteilt. Man anerkennt gemeinsam, was Luther das Priestertum aller Getauften genannt hat. Und das heißt, es ist Konsens, dass Frauen Pfarrerinnen und Bischöfinnen sein können, nicht nur Männer.
Und auf dieser Glaubensbasis hat man sich dann auch seine Verschiedenheit und Zerrissenheit zugemutet. Zumuten können. Und die Christen aus aller Welt haben gespürt, dass diese Verschiedenheit auch heraus fordert.
„Unser tägliches Brot gib uns heute." Diese Bitte aus dem Vater Unser war und ist das Leitthema der Versammlung. Und damit sind fundamentale Lebensfragen auf dem Tisch. Wie leben wir und wie lebt ihr und ist das gerecht? Und was tun wir füreinander, jeder an seinem Ort, damit die Zukunft besser und gerechter wird? Damit alle essen können, sauberes Wasser haben. Lebenschancen, nicht nur Überlebenskampf. Wenn man eine Glaubensfamilie ist, wie wird man dann auch - mehr als bisher - eine Lebensfamilie?
Eigentlich müssten Christen sich diese Fragen zumuten bei einer weltweiten Versammlung aller Kirchen. Aber so weit sind wir nicht.
Kann man darum froh sein, dass es die konfessionellen aber weltweiten Familien gibt. Oder die große römisch-katholische Kirche? Ja, ich glaube schon. Man kann froh sein. Immerhin: Christen aller Hautfarben und vieler Nationen feiern, reden und arbeiten in diesen konfessionellen Netzwerken weltweit zusammen. Trotzdem bleiben Trauer und Sehnsucht. Nach mehr. Wann endlich wird die weltweite Christenheit die Konfessionsgrenzen überwinden und gemeinsam für Gerechtigkeit und Versöhnung arbeiten?
Aber vielleicht sind weltweite Netzwerke wie die lutherische Kirchenfamilie, auch deshalb gut und notwendig, weil sie verbindlicher sein können? Verbindlicher, weil sie nicht ganz so riesig sind wie eine kirchliche Weltversammlung es wäre. Ich bin froh, wenn etwas ausstrahlt von dieser Versammlung. Vom miteinander glauben und feiern und wenn sie zeigen kann, wie wir gerechter miteinander leben auf unserer kleinen Welt.