Manuskripte

SWR2 Wort zum Sonntag

Woche vom 18.07.2010 bis 24.07.2010




Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann

Von Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann, Speyer, Katholische Kirche

Sonntag, 18. Juli 2010     [Druckversion]

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer!

Es gibt wundersam anrührende Geschichten in der Heiligen Schrift. Dazu gehört die Gottesbegegnung Abrahams bei den Eichen von Mamre. Die Mittagshitze glüht und Abraham sitzt im Eingang seines Zeltes. Da erscheinen ihm drei Männer, und Abraham läuft ihnen entgegen, fällt vor ihnen nieder und lädt sie ein, sich bei ihm unter der kühlenden Eiche auszuruhen. Und Abraham läuft zu seiner Frau Sara, dass sie aus feinem Mehl Brot für die Gäste backe. Er geht zum Vieh und nimmt das zarte, prächtige Mastkalb, lässt es schlachten und es mit Butter und Milch auf das feinste zubereiten. Soweit die wunderschön ausgestaltete Szene orientalischer Gastfreundschaft.

Das Geheimnisvolle dieser Geschichte liegt in den drei Männern, die wie eine Fata Morgana auftauchen und wieder entschwinden. Abraham erkennt in ihnen sofort das Besondere, dass Gott ihm in diesen Gestalten begegnen will. Abraham ist noch in hohem Alter aus seiner vertrauten Umgebung aufgebrochen, weil er dort keine Zukunft, keine Nachkommen hatte. Er ist aufgebrochen in einem großen Akt des Gottvertrauens. Und nun kommt dieser Gott zu ihm. Und Abraham öffnet ihm die Türen seines Herzens, seiner Gastfreundschaft. Der geheimnisvolle Besuch aber hinterlässt ihm beim Fortgang die entscheidende Verheißung: „In einem Jahr komme ich wieder zu dir, dann wird deine Frau Sara einen Sohn haben." (Gen 18, 10)

Ich erinnere mich an meine Kaplanszeit. Die Priester trafen sich regelmäßig reihum zum mitbrüderlichen Zusammensein und Austausch. Immer wenn ein alter Franziskanerpater, der persönlich ganz bescheiden lebte, an der Reihe war, fand ich den Tisch besonders festlich gedeckt vor. Auf meine Frage antwortete der Pater, der lange in der Chinamission gewesen war und Unsägliches für seinen Glauben erlitten hatte, mit einem herzlichen Lächeln: „Hospes venit, Christus venit" - Der Gast kommt, Christus kommt.

Die schweren Verfolgungen unter dem maoistischen Regime hatten ihn nicht verbittert hinterlassen. Sein starker Glaube hatte sein Herz offen gehalten, so dass er noch immer in jedem, der ihm begegnete, Christus erkennen konnte, besonders im Gast. Deshalb war er ein sehr gefragter Beichtvater für viele Menschen, für junge und alte. In diesem Franziskaner, der die Armut gelobt hatte, lebte etwas von dem Schönsten christlicher Lebenskultur: die Gastfreundschaft - benediktinische Kultur in franziskanischer Bescheidenheit.

Diese im Glauben wurzelnde Haltung hat Kulturgeschichte geschrieben. Letztlich kann man die Größe einer Kultur nach der Fähigkeit und Offenheit bestimmen, andere bei sich wohnen zu lassen, ihnen Gastfreundschaft und Würde zu schenken. Gerade aus Reisen in fremde Länder kehren wir nicht selten beschämt wieder heim. Mitten in uns fremder Einfachheit und Armut haben wir unglaubliche Gastfreundschaft erlebt und den guten Stolz auf die eigene Kultur und ihre Schätze. Gastfreundliche Kulturen haben ein tief verankertes Bewusstsein von der eigenen Geschichte und Tradition - und sind wohl gerade deshalb fähig, sich mit Herzlichkeit dem Fremden gegenüber zu öffnen. Auf diesem Hintergrund gewinnt die Frage, warum sich Europa so schwer tut, zu den eigenen christlichen Wurzeln zu stehen, deutlich an Gewicht. Die Gastlichkeit beinhaltet die Freude daran, sich an andere zu verschenken. Das überschreitet jede rein ökonomische Logik. Aber nur durch dieses Größere gewinnt man eine zukunftsfähige Kultur.

Denn es ist auffällig: Gastfreundliche Kulturen sind in der Regel junge Gesellschaften. Sie haben Nachkommenschaft, weil sie gerne das Leben mit anderen teilen. Auch bei Abraham zeigt sich der Segen der Gastfreundschaft in der Verheißung der Nachkommenschaft. Wer gastfreundlich ist, öffnet sich und anderen die Zukunft.

Gerade in der Urlaubszeit kann uns die Bedeutung der Gastfreundschaft wieder aufgehen: dass wir Zeit haben füreinander und das Leben miteinander teilen. Und: dass wir die Freude am gemeinsamen Mahl in der Familie und darüber hinaus kultivieren. Dann geht uns auch wieder die Bedeutung des Tischgebetes auf, so dass wirklich ein Segen über unserem Zusammenleben ruht: „Komm, Herr Jesus, und sei unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast."

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